Stadtverwaltung Karlsruhe vertraut auf Eigenangaben und lässt zentrale Fragen zur Anerkennung der umstrittenen Freikirche ICF als Träger der freien Jugendhilfe offen
Am 7. Oktober 2026 soll der Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe über die Anerkennung des ICF Karlsruhe e. V. (International Christian Fellowship) als Träger der freien Jugendhilfe entscheiden. Damit erhielte die umstrittene evangelikale Freikirche einen bevorzugten Status in der Zusammenarbeit mit der öffentlichen Jugendhilfe und weitreichende Mitwirkungsmöglichkeiten, darunter auch Vorschlagsrechte für den Jugendhilfeausschuss.
Trotz der Kritik am internationalen ICF und erheblicher Zweifel an den Anerkennungsvoraussetzungen hält die Stadtverwaltung an ihrer Empfehlung fest. Für die Oktobersitzung hat sie im Wesentlichen dieselbe Vorlage veröffentlicht wie bereits im Juni. Weder die öffentliche Kritik noch der nichtöffentliche Austausch mit dem ICF oder ergänzende Erwägungen der Verwaltung finden darin erkennbar Niederschlag.
Auch die weitgehend ausweichenden Antworten der Stadtverwaltung auf einen ausführlichen Fragenkatalog von FundiWatch werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Die Antworten veröffentlichen wir hier.
Trotz antimuslimischer und radikaler Anti-Abtreibungs-Positionen?
(Titelbild: Screenshot perlenschatz.info). Perlenschatz e.V. teilt auf seiner Homepage mit, dass die Deutsche Postcode Lotterie den Verein mit 28.800 Euro fördert. Mehrere evangelikale Medien berichten ebenfalls darüber. Der Verein beschreibt sichselbst als Schutz- und Beratungsangebot für Frauen aus Einwandererfamilien, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht oderbetroffen sind und will sie in ein selbstbestimmtes Leben und bei der Integration in Deutschland begleiten. Nach eigener Darstellung richtet sich das Angebot insbesondere an Frauen aus patriarchalen Familienstrukturen, wobei Musliminnen als wesentliche Zielgruppe genannt werden.
Förderung sozialen Zusammenhalts?
Mit der Förderung will der Verein für ein Jahr eine halbe Personalstelle für seine Beratungsstelle Offenbach und die Betreuung einer Schutzwohnung finanzieren. Laut Perlenschatz entschied ein Lotterie-Beirat unter Vorsitz der früheren Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über die Förderung im Förderbereich „Sozialer Zusammenhalt“.
Eine eigene Pressemitteilung oder Projektseite der Postcode Lotterie zu Perlenschatz konnten wir bislang nicht finden. In der Vereinsmitteilung wird jedoch Katja Diemer, Head of Charities der Lotterie, mit einem Statement zitiert:
„Wir freuen uns, dass wir dank unserer zahlreichen Teilnehmer*innen dieses wirkungsvolle Projekt unterstützen können.”
Wie die Postcode Lotterie zu dieser positiven Einschätzung gelangte, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob ihr bei der Entscheidung die evangelikale Ausrichtung und Vernetzung des Vereins sowie öffentliche Positionen der Vereinsvorsitzenden Anette Bauscher zu Muslim*innen, Islam und Schwangerschaftsabbrüchen bekannt waren.
Bereits 2019 dokumentierte der Blog „Dokumentieren gegen Rechts“ ausführlich die evangelikalen Netzwerke von Perlenschatz.
„Von Gott beauftragt“
Bauscher selbst beschreibt die Gründung von Perlenschatz als göttlichen Auftrag. Nach einem Gebet habe Gott ihr vor ihrem „inneren Auge“ ein Frauenhaus mit verschleierten muslimischen Frauen gezeigt. Später erklärte sie, sich „von Gott dazu beauftragt“ gesehen zu haben, ein speziell auf muslimische Frauen zugeschnittenes Frauenhaus aufzubauen.
Die christliche Ausrichtung ist auch institutionell verankert: Die Vereinssatzung nennt Seelsorge als Mittel der Arbeit sowie „soziale und christliche Werte“ und das „christliche Menschenbild“ als Grundlage. Für eine Vereinsmitgliedschaft ist die Bejahung des christlichen Menschenbildes Voraussetzung. Auch bei der Personalauswahl wird das religiöse Profil konkret: In einer über das evangelikale netzwerk-m, bei dem Perlenschatz Mitglied ist, verbreiteten Stellenausschreibung verlangt der Verein ausdrücklich „überzeugte“ Christ*innen und einen „kurzen geistlichen Lebenslauf“.
Zu den prägenden Personen im Umfeld des Vereins gehören u.a. die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher und der evangelikale Theologe Yassir Eric.
Schirrmacher wird vom Verein als dessen „Botschafterin“ genannt. Die Bonner Islamwissenschaftlerin ist zugleich langjährige Spitzenfunktionärin der organisierten evangelikalen Islamarbeit und leitet das Institut für Islamfragen der Evangelischen Allianz. Bauscher greift für ihre Darstellung von Islam und Frauenrechten wiederum auf Veröffentlichungen Schirrmachers zurück. Schirrmacher setzt sich in eigenen Veröffentlichungen kritisch mit dem Konzept des ‚antimuslimischen Rassismus‘ auseinander und warnt dabei vor aus ihrer Sicht zu weitgehenden Rassismus- und Schuldzuschreibungen.
Der evangelikale Theologe und frühere Muslim Yassir Eric ist Gründungsmitglied von Perlenschatz und leitet seit 2013 das Europäische Institut für Migration, Integration und Islamthemen (EIMI) an der missionstheologisch geprägten AWM Korntal. 2019 wurde er zudem in den Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz gewählt. 2024 gehörte er zu den Predigern der umstrittenen Glaubenskonferenz UNUM24 in der Münchner Olympiahalle.
Evangelikale Netzwerke ‚gegen Menschenhandel‘
Ebenfalls auf der Webseite als Botschafter von Perlenschatz genannt wird Frank Heinrich – längjähriger Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Allianz und auch heute noch Vorsitzender des evangelikal geprägten Vereins Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh).
Und so wundert es nicht, dass Perlenschatz ebenfalls in das christlich-evangelikale Netzwerk ‚gegen Menschenhandel‘ eingebunden ist, dass sich u.a. für eine Kriminalisierung der Nachfrage nach Sexarbeit einsetzt. Beim u.a. von ggmh veranstalteten Kongress „Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ auf dem pietistisch geprägten Schönblick gehörte Perlenschatz 2024 zu den Kooperationspartnern – neben weiteren Organisationen, wie beispielsweise dem Verein Bethel SOZO, der dort einen Workshop zu „Befreiungsgebeten“ anbot.
Mitveranstalter des Kongresses war zudem der seit Langem in Kritik stehende Verein Mission Freedom – dessen mittlerweile geschlossenes „Haus SeeNest“ wegen schwerer Vorwürfe der Misshandlung von Schutzbefohlenen für Schlagzeilen sorgt.
Auch beim Kongress „Freiheit 2026“ war Perlenschatz vertreten. Eine Beitragsreihe zu dem Kongress haben wir hier veröffentlicht.
„Mit der Muttermilch aufgesogen“
Bauschers Veröffentlichungen gehen weit über Kritik an fundamentalistischen Auslegungen des Islam hinaus: So schreibt sie Muslim*innen pauschal negative Eigenschaften zu und erklärt diese aus einer vermeintlich tief verankerten religiös-kulturellen Prägung.
In ihrem zweiteiligen Beitrag „Frauen im familiären Gefängnis“ in der Fachzeitschrift Kriminalistik erklärt Bauscher islamische Religion und „orientalische Kultur“ für so eng miteinander verwoben, dass kaum zu unterscheiden sei, was religiös und was kulturell bedingt sei. Das Patriarchat sei in die islamische Religion übernommen worden. Anschließend präsentiert sie Koranstellen unter Kategorien wie „Frauen als Ware“, „Sexuelle Verfügbarkeit“ und „Überlegenheit des Mannes“. Während Bauscher beim Islam problematische Textstellen als Beleg heranzieht, erklärt sie für die Bibel dagegen, darin keine Legitimation von Gewalt gegen Frauen zu finden.
Über „den gläubigen Muslim“ schreibt Bauscher: „Er hat gelernt, dass er sich Allah unterwerfen muss, die Frau dem Mann und der ‚Ungläubige‘ dem Gläubigen.“ Dieses Denken habe er „von klein auf verinnerlicht“. An anderer Stelle heißt es: „Er kennt keine Würde in dem uns bekannten Sinn, für ihn ist die Unterwerfung wichtig.“ Besonders drastisch formuliert Bauscher zum Antisemitismus: „Vor allem viele Muslime haben den Hass gegen Juden schon mit der Muttermilch aufgesogen.“
Weit mehr als legitime Religionskritik
Um das an dieser Stelle klarzustellen: Im Koran gibt es Passagen, die aus heutiger menschenrechtlicher Perspektive problematisch sind und historisch wie gegenwärtig zur Legitimation patriarchaler Herrschaft und auch körperlicher Gewalt herangezogen werden.
Das darf und sollte kritisiert werden. Zugleich gibt es innerhalb des Islams unterschiedliche Auslegungstraditionen. Insbesondere in der modernen muslimischen Exegese haben sich reformorientierte und feministische Lesarten entwickelt, die traditionelle patriarchale Interpretationen kritisieren und etwa ein aus Sure 4:34 abgeleitetes Recht des Mannes auf körperliche Gewalt zurückweisen. Betrachtet man die zahlreichen Auslegungsstreitigkeiten zu problematischen Bibelstellen sollte einleuchten, dass sich aus solchen Passagen nicht ohne Weiteres Eigenschaften heutiger Christ*innen ableiten.
Etwas anderes ist es, aus solchen Textstellen vermeintlich feststehende Eigenschaften von Muslim*innen abzuleiten. Bauschers Aussagen über „den gläubigen Muslim“, dessen angeblich fehlendes Verständnis von Würde oder einen mit der „Muttermilch“ aufgenommenen Judenhass gehen weit über Religionskritik hinaus. Derart pauschale Zuschreibungen vermeintlich tief verankerter negativer Eigenschaften aufgrund muslimischer Religions- und Kulturzugehörigkeit entsprechen zentralen Merkmalen dessen, was der von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit als Muslimfeindlichkeit beziehungsweise antimuslimischen Rassismus beschreibt.
CDU, Hans-Jürgen Irmer und der Wetzlar-Kurier
Bereits 2015 wurde Perlenschatz von der CDU-Kreistagsfraktion Lahn-Dill zu einer Gesprächsrunde eingeladen. Anschließend berichtete der mit der CDU-nahe Wetzlar-Kurier positiv über den Verein.
2019 beantragte die CDU-Kreistagsfraktion einen Zuschuss für Perlenschatz. In der politischen Beratung schaltete sich auch der rechtskonservative CDU-Politiker Hans-Jürgen Irmer persönlich ein. Irmer ist nicht nur Herausgeber des Wetzlar-Kurier: Laut Impressum verantwortet er auch Redaktion und Anzeigenabwicklung. Der Wetzlar-Kurier berichtete wiederum positiv über den Förderantrag.
Im selben Jahr veröffentlichte Bauscher im Wetzlar-Kurier ihren Beitrag „Aufstehen gegen falsche Toleranz!“. Darin schrieb sie unter anderem, im Koran gebe es keine Gleichwertigkeit von Mann und Frau und behauptete, der Koran erlaube ausdrücklich, Frauen „zu demütigen und zu schlagen“.
Auch abgesehen von den Verbindungen zu Irmer ist der Publikationsort des Artikels bemerkenswert. Die taz dokumentierte unter anderem regelmäßige große Anzeigen des Kopp-Verlags und des Vereins „Die Deutschen Konservativen“ im Wetzlar-Kurier – laut taz „beide angesiedelt in der Grauzone zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus”. Und auch wenige Seiten nach dem dort veröffentlichten Artikel von Bauscher fand sich eine Anzeige des Kopp-Verlags.
Gegen Abtreibung – und ein wissenschaftlich nicht belegtes „Syndrom“
Auch Bauschers Haltung zum Schwangerschaftsabbruch ist deutlich.
Bereits im Wetzlar-Kurier bezeichnete sie Embryonen als „Kinder im Mutterleib“. Frauen werde eingeredet, bei Ungeborenen in den ersten Wochen handle es sich zunächst um einen „Zellklumpen“: „Doch wessen Gewissen noch nicht abgetötet ist, der weiß intuitiv, dass das eine Lüge ist.“ so Bauscher.
In ihrem späteren Kriminalistik-Beitrag behauptet Bauscher, Frauen entwickelten nach Schwangerschaftsabbrüchen häufig ein „Post-Abortion-Syndrom“ und fügt hinzu, dieses gebe es „laut Abtreibungsbefürwortern angeblich nicht“.
Damit verbreitet Bauscher ein in der Anti-Abtreibungsbewegung immer wieder behauptetes angebliches Krankheitsbild, für dessen Existenz es nach internationaler Studienlage keine wissenschaftlichen Belege gibt. Auch das staatliche Gesundheitsportal familienplanung.de und das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Forschungsprojekt ELSA widersprechen der Behauptung eines eigenständigen „Post-Abortion-Syndroms“.
Bauschers Verbindungen in die organisierte Anti-Abtreibungsbewegung zeigen sich auch bei „Patin für 9 Monate“. Dabei handelt es sich um ein Angebot der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), wo Bauscher im Oktober 2026 über „Die Würde der Frau in patriarchalen Familienstrukturen“ referiert.
Nur drei Wochen später geht es dort übrigens um die sogenannte „Abtreibungspillen-Umkehr“: Demnach soll hoch dosiertes Progesteron nach Einnahme der Abtreibungspille Mifepriston deren Wirkung aufheben und die Schwangerschaft erhalten. ALfA beschreibt diese Methode selbst als „Umkehrtherapie“. Nicht erwähnt wird allerdings, dass es für die Wirksamkeit dieser Methode keine belastbaren wissenschaftlichen Nachweise gibt. Die bislang einzige randomisierte Studie wurde zudem nach schweren Blutungen bei drei von zwölf Teilnehmerinnen vorzeitig abgebrochen.
28.800 Euro – was wurde geprüft?
Frauen, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht sind, brauchen Schutz und professionelle Unterstützung. Finanzielle Mittel werden dafür nur unzureichend bereit gestellt. Die bundesweite Frauenhauskoordinierung (FHK) spricht von einem „lückenhaften, überlasteten“ Finanzierungssystem. Nach der aktuellen Frauenhaus-Statistik 2025 fehlen bundesweit weiterhin knapp 12.000 Frauenhausplätze.
An der Seriosität und Professionalität von Perlenschatz e.V. bestehen jedoch erhebliche Zweifel. Hat sich die Postcode Lotterie damit befasst?
Nach ihren eigenen Förderrichtlinien bewertet die Lotterie Projekte unter anderem nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz und Wirkung. „Ordensgemeinschaften und Kirchengemeinden sowie sonstige kirchliche Institutionen (Kirchenkreise, Kirchenverbände etc.)” sind von der Förderung ausgeschlossen. Zwar ist Perlenschatz als eigenständiger Verein nicht unmittelbar eine kirchliche Institution – aber war der Postcode Lotterie die evangelikale Ausrichtung und das spezifisch religiöse Selbstverständnis des Vereins überhaupt bekannt?
Zudem gehört zur Förderphilosophie der Lotterie die „Förderung der Vielfalt und Schutz vor Diskriminierung, Antisemitismus & Rassismus“. Umso mehr stellt sich die Frage, ob der Lotterie bei ihrer Förderentscheidung Bauschers öffentliche Aussagen über Muslim*innen bekannt waren.
Gerade bei sozialen Projekten fehlt es bei Förderentscheidungen, Kooperationen und selbst bei der Erteilung von Betriebserlaubnissen häufig an Sensibilität für die Risiken christlich-fundamentalistischer Organisationen. Diese Lücken ermöglichen es entsprechenden Akteur*innen, ihr Engagement zunehmend auf Bereiche der Sozialen Arbeit auszuweiten. Darauf haben wir bereits in unserer im vergangenen Jahr veröffentlichten und von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderten Handreichung „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit“ hingewiesen.
Die Förderung von Perlenschatz e.V. durch die Postcode Lotterie scheint ein weiterer Fall zu sein, der den Bedarf an mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen unterstreicht.
Kooperation zwischen rechtspatriotischer Plattform „Gemeinsam Deutschland Gestalten“ (GDG) und rechtem Christfluencer Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“)?
(Quelle Titelbild: Instagram, gdg.bund).Der selbsternannte Christfluencer und Szeneinfluencer der Neuen Rechten Leonard Jäger (aka „Ketzer der Neuzeit“) steht offenbar vor einer Zusammenarbeit mit der rechtspatriotischen Plattform „Gemeinsam Deutschland Gestalten“ (GDG) bzw. dem mit dieser verbundenem Podcast „Stolz & Vorurteile„.
Auf Instagram veröffentlichte GDG am 09.09.2026 ein gemeinsames Foto von GDG-Kopf und Unions-Mitglied Benedict Doege mit Jäger und kündigte ein gemeinsames Vorhaben an mit den Worten:
„Da kommt was Großes auf euch zu…“ .
Worum es konkret geht, ist bislang nicht bekannt. Doch bereits bisher weist GDG Verbindungen und Überschneidungen bis in die extreme Rechte auf.
Mit Jäger kommt nun ein reichweitenstarker rechtschristlicher Influencer hinzu, der selbst eng in Neurechte und extrem Rechte Netzwerke eingebunden ist.
JU-Funktionär als Kopf von GDG
GDG hat sich innerhalb kurzer Zeit zu einer reichweitenstarken rechten Social-Media-Plattform entwickelt. Die Initiative tritt unter anderem für mehr Nationalstolz und konsequentere Abschiebungen sowie gegen das Gendern und eine von ihr so bezeichnete „linkswoke“ Politik ein. Inzwischen existieren auch zahlreiche lokale Ableger.
Als Kopf von GDG gilt Benedict Doege, Vorsitzender der Jungen Union Köln-Lindenthal. Bekannt wurde er zunächst mit dem Projekt „Gegen das Gendern“, das er nach eigener Darstellung 2021 aus „Frust über die woke Politik und den erzwungenen Zeitgeist“ gründete. Bereits 2023 verbreitete „Gegen das Gendern“ das Video einer rechten Störaktion gegen den Kölner CSD.
Dabei gibt es inzwischen mehrere Berührungspunkte zur extremen Rechten. Doege geriet 2025 wegen einer von ihm organisierten „patriotischen Wanderung“ zum Hermannsdenkmal in die Kritik. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministeriums nahmen daran auch Personen aus dem rechtsextremen Spektrum teil.
Die Kölner CDU distanzierte sich von der Veranstaltung. Doege selbst wies eine Nähe zum Rechtsextremismus zurück. Doch das scheint angesichts weiterer dokumentierter Verbindungen – mindestens – fraglich.
Verbindungen bis in die extreme Rechte
GDG und die eng damit verbundenen Aktivitäten von Benedict Doege weisen inzwischen eine Reihe dokumentierter Verbindungen und Überschneidungen bis in die extreme Rechte auf.
Besonders deutlich wurde dies bereits bei der bereits erwähnten von Doege im Oktober 2025 organisierten „patriotischen Wanderung“ zum Hermannsdenkmal, über die u.a. die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Köln berichtet. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministeriums nahmen daran auch Rechtsextremisten teil, darunter Personen aus dem Umfeld der „Aktion Hermannsland“. Die neonazistische „Freischar Westfalen“ hatte zuvor für die Veranstaltung geworben. Auch mehrere AfD-Akteure nahmen teil, darunter ein späteres Mitglied des Bundesvorstands der neuen AfD-Jugend „Generation Deutschland“.
Zufall? Auf Instagram finden sich unter den von GDG sowie Doeges Projekt „Gegen das Gendern“ gefolgten Profilen der rechtskonservativen und libertären Szene auch zahlreiche Akteur*innen des rechten bis extrem rechten politischen Influencer-Milieus. Darunter etwa das neurechte Magazin „Krautzone“, die rechte Influencerin Michelle Gollan („eingollan“) und die rechtsextreme Frauengruppe Lukreta. Letztere wird vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen beobachtet, ist aus dem Umfeld der Identitären Bewegung hervorgegangen, propagiert „Remigration“ und ist eng mit AfD-Strukturen vernetzt.
„Patriotische Wanderung“ am 03.10.2026 zur Wartburg
Laut einer aktuellen Recherche des RechercheNetzwerks.Berlin ist Doeges Medienprojekt „Gegen das Gendern“ zudem „eng verbunden“ mit der sogenannten „Patriotischen Bewegung“. Deren Berliner Ableger „Berliner Patrioten“ entstand laut der Recherche im Umfeld offen neonazistischer Jugendgruppen wie „Deutsche Jugend Voran“ und „Jung und Stark“, bekennt sich zur AfD und unterstützte deren Wahlkampf.
Und: Bereits für den 03.10.2026 ruft GDG erneut zur „patriotischen Wanderung“ auf. Dieses Mal zur Wartburg in Eisenach. Der Aufruf wird bereits von diversen rechten Gruppen geteilt.
Quelle: Instagram
Junge-Union-Vorsitzender als Brückenkopf zur extremen Rechten?
Bemerkenswert ist dabei Doeges gleichzeitige Verankerung in der CDU und Jungen Union.
Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz weist darauf hin, dass nach seiner Einschätzung „patriotische Gruppierungen“ zwar nicht per se rechtsextrem seien, betont aber, dass solche Gruppierungen eine „Brückenfunktion zum Rechtsextremismus“ übernehmen könnten.
Bei GDG stellt sich angesichts der dokumentierten Überschneidungen die Frage nach einer solchen Brückenfunktion besonders deutlich. Insbesondere auch, da Doege als Unionsfunktionär agiert, während seine politischen Projekte zugleich Anschlussstellen zu AfD-Akteur*innen und bis in die extreme Rechte aufweisen.
Kooperation mit Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“)
Mit Leonard Jäger kommt nun offenbar ein Akteur hinzu, der rechte Politik, christlich-fundamentalistische Positionen und rechtschristliche Netzwerke miteinander verbindet.
Die Junge Union: „Wendepunkt“ und „Brücke“ zugleich?
Bemerkenswert ist auch Doeges unmittelbares Umfeld in der Jungen Union. Einer seiner Stellvertreter in der JU Köln-Lindenthal ist Dennis Splitt, Gründer und Vorsitzender von „Wendepunkt Deutschland“.
Im Vorstand von „Wendepunkt Deutschland“ sitzt mit Matthias Büschges zugleich der Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Kölner Stadtrat. Wegen dieser Zusammenarbeit leitete die Kölner CDU ein Parteiausschlussverfahren gegen Splitt ein. Ein Abschluss des Verfahrens ist öffentlich bisher nicht bekannt.
„Wendepunkt Deutschland“ wurde im Dezember 2025 gegründet und von Beginn an in Medienberichten als Anlehnung an Turning Point USAeingeordnet, deren Mitgründer und prägende Figur Charlie Kirk rund drei Monate zuvor ermordet worden war. Kirk hatte Turning Point USA zu einer der einflussreichsten Organisationen der amerikanischen MAGA-Bewegung aufgebaut. Die Gründung von Wendepunkt Deutschland erfolgte zeitgleich mit der jährlichen Großkonferenz von Turning Point USA in Phoenix.
Kritik aus der Union – bislang ohne Konsequenzen für Doege
Zwar scheinen die Aktivitäten Doeges auch innerhalb der Union nicht unumstritten. Während gegen Splitt wegen seiner Zusammenarbeit mit einem AfD-Funktionär bei „Wendepunkt Deutschland“ immerhin ein Partei- und JU-Ordnungsverfahren eingeleitet wurden, hatten Doeges Aktivitäten bislang offenbar keine parteiordnungsrechtlichen Konsequenzen.
Nach der Teilnahme von Personen aus dem rechtsextremen Milieu an seiner letztjährigen „patriotischen Wanderung“ distanzierten sich die Junge Union NRW und die Kölner CDU von der Veranstaltung. Die Junge Union NRW teilte mit, man habe Doege daraufhin zum Gespräch gebeten – er habe dabei „glaubhaft versichert„, die entsprechenden Personen nicht gekannt zu haben.
Ob diese Darstellung – erst recht angesichts der inzwischen dokumentierten Verbindungen und neuen Aktionen von Doeges Projekten – trägt, muss bezweifelt werden. Die nun angekündigte Zusammenarbeit mit Leonard Jäger verschärft diese Zweifel zusätzlich.
Am 19. September wollen mehr als 100 christliche Gemeinden und Organisationen beim „Marsch für Jesus“ (M4J) durch Wien ziehen. Die Veranstalter versprechen Einheit, Freude und Lobpreis und betonen, der Marsch sei nicht politisch. Ein Blick auf Geschichte, Gebetspraxis, Unterstützer und Veranstalternetzwerk zeigt jedoch ein deutlich komplexeres Bild, das auch von Medien aktuell wohl gern übersehen wird. (Titelbild: Montage: FundiWatch; Foto: HOFBURG Vienna, CC BY-SA 3.0; Stich: Giulio Bonasone, 1544, Public Domain/The Met).
Am 19. September 2026 soll der „Marsch für Jesus“ über die Wiener Ringstraße ziehen. Mehr als 100 Kirchen, Gemeinden und christliche Organisationen unterstützen die Veranstaltung; erwartet werden laut den Veranstaltern mindestens 10.000 Teilnehmer*innen. Das Motto lautet „Einheit – Sichtbarkeit – Lobpreis“. Kathpress berichtet über die aktuellen Planungen.
Die Selbstdarstellung scheint (jedenfalls innerhalb christlicher Gruppen) zunächst bewusst anschlussfähig und bemüht sich um Ausklammerung vermeintlicher Konfliktthemen: Katholische, evangelische, orthodoxe und freikirchliche Christ*innen sollen gemeinsam ihren Glauben öffentlich zeigen. Der Marsch richte sich gegen niemanden und sei keine politische Demonstration. Politiker*innen seien nicht als Redner*innen vorgesehen.
Gleichzeitig haben die Organisatoren mit den beteiligten Gruppen ausdrücklich „Spielregeln“ vereinbart, wie auf einer Pressekonferenz erklärt wurde: Politische Einzelthemen und „heiße Themen“ wie „LGBT“, Abtreibung und Sterbehilfe sollen beim Marsch nicht vorkommen. Im Zentrum stehe, was Christ*innen miteinander verbinde. Bereits hier scheint bemerkenswert, dass Menschenrechte für LGBTIQ* und Selbstbestimmungsrechte für Menschen offenbar nach Ansicht der Organisatoren nicht zu den „verbindenden“ Elementen gehören…
Und was bedeutet eigentlich „unpolitisch“, wenn Gebet und Lobpreis selbst mit dem Anspruch verbunden werden, auf Stadt und Land einzuwirken – und wenn hinter dem Marsch Netzwerke stehen, die gesellschaftliche und politische Mitgestaltung ausdrücklich organisieren?
Ein Marsch mit Vorgeschichte
Der „March for Jesus“ entstand nicht als neutraler ökumenischer Demonstrationsrahmen. Der erste große City March fand bereits 1987 in London statt.
Zu den prägenden Akteuren gehörten Roger Forster, Gerald Coates, Worship-Musiker Graham Kendrick und Lynn Green von Youth With A Mission (YWAM). Die frühen Märsche verbanden öffentlichen Lobpreis, Evangelisation und christliche Einheit – in weiten Teilen des Milieus aber auch Vorstellungen „geistlicher Kriegsführung“ um Städte und gesellschaftliche Räume.
Der Religionswissenschaftler Gerald C. Ediger beschreibt die Entstehung der Bewegung als Verbindung von Lobpreis, öffentlichem Glaubenszeugnis und Spiritual Warfare.
Engel mit Schwertern über London und ein Börsencrash
Überliefert ist etwa eine Vision Barbara Pymms von zwei mit Schwertern bewaffneten Engeln über London, die gegen „principalities and powers“ (übersetzt: Fürstentümer und Mächte) über der Stadt kämpfen sollten. Roger Forster beschrieb Lobpreis und öffentliche Proklamation als Instrumente einer geistlichen Auseinandersetzung.
Gerald Coates führte später sogar den Londoner Börsencrash von 1987 auf den Marsch und ein göttliches Gericht über gierige Finanzinstitutionen zurück.
Forster schrieb später das Vorwort zur britischen Ausgabe von C. Peter Wagners „Territorial Spirits“ (übersetzt: Territoriale Geister). Wagner wurde zu einem zentralen Vertreter der Strategic-Level Spiritual Warfare (sog. „geistliche“ oder „spirituelle“ Kriegsführung), welche die Vorstellung beinhaltet, geistliche Mächte könnten Städte, Regionen oder ganze gesellschaftliche Bereiche beeinflussen.
Die New Apostolic Reformation ist weist ideologisch sehr weitgehende Übereinstimmungen mit der von der Theologin Maria Hinsenkamp in ihrer Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ analysierten Kingdom-minded Network Christianity (kurz: KiNC).
Graham Kendrick wiederum veröffentlichte gemeinsam mit Steve Hawthorne „Prayer-Walking: Praying on Site with Insight“. Prayer Walking (also sogenannte Gebetsspaziergänge oder auch -märsche) verbindet Gebet bewusst mit konkreten Orten, für die geistliche Veränderung erbeten wird.
Zwar kann aus dieser Vorgeschichte nicht abgeleitet werden, dass die Wiener Veranstalter des M4J 2026 sämtliche der damaligen Vorstellungen von Spiritual Warfare oder territorialen Mächten teilen.
Auffällig sind jedoch Kontinuitäten u.a. in der Praxis und Sprache. Auch die aktuelle Präsentation des Marsches hebt „Gebet als Fundament“ hervor. Vorgesehen sind „Gebet um den Ring“, „Walk & Pray“ und „Gebet am Berg“; gebetet werden soll für „Einheit, Schutz und geistliche Frucht“. An anderer Stelle heißt es, Wien und ganz Österreich sollten mit der „Herrlichkeit Jesu“ erfüllt werden.
Auch „Christen in Wien – Kreis zur Einheit“, einer der zentralen Träger des Marsches, veranstaltet regelmäßig Prayer Walks. Diese führen nach eigener Darstellung vom Rathaus gezielt zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Orten wie Parteizentralen, Heldenplatz, Parlament oder Universität.
Auf Nachfrage von FundiWatch erläutert Projektleiter des diesjährigen Marsch für Jesus in Wien, Johannes Unosson, die gemeinsame Gebetspraxis solle dazu beitragen, dass Menschen Jesus Christus als „Herrn und Retter“ kennenlernen; dies sei für ihn das „schönste Beispiel“ einer nachhaltigen positiven „geistlichen Auswirkung“ in Österreich.
Einheit – aber worüber?
Die Unterstützerliste des Wiener Marsches reicht tatsächlich über zahlreiche Konfessionsgrenzen hinweg. Deutlich überwiegend sind jedoch evangelikale, pfingstlich-charismatische und missionsorientierte Gemeinden und Werke sowie konservativ-katholische, gebets- und erweckungsorientierte Akteure.
Konfessionelle Vielfalt bedeutet natürlich nicht automatisch gesellschaftspolitische Vielfalt. Und so überrascht es nicht wirklich, dass wir unter den Unterstützer*innen bisher keine erkennbaren Gegenpositionen zu den stattdessen vielfach dokumentierten fundamentalistischen Positionen bei LGBTIQ*, Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe feststellen konnten. Ideologisch scheint man doch eher „unter sich“ zu bleiben – trotz aller Bemühungen um Anschlussfähigkeit.
Darüber sollte auch die Unterstützung aus Teilen der Evangelischen Kirche nicht täuschen, die insgesamt eher zu dem Marsch Distanz hält. Während es der Evangelischen Kirche A. B. gegenüber dem Furche-Magazin wichtig war festzustellen, dass sie nicht an dem Marsch teilnimmt, steht die Evangelische Kirche Radstadt-Altenmarkt ebenfalls auf der Unterstützerliste. Das Presbyterium der Kirche lehnte 2019 die kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare „grundsätzlich und entschieden“ ab und erklärte, „homosexuelle Lebensweise“ entspreche nach seinem Bibelverständnis nicht dem Willen Gottes. Die damalige Stellungnahme ist im Kirchenboten dokumentiert.
Und dass die heute ausgeklammerten Themen innerhalb der österreichischen March-for-Jesus-Tradition keineswegs immer ausgespart wurden, zeigt der Marsch für Jesus in Klagenfurt im Jahr 2017 (Archiv-Link). Dort gehörten ausdrücklich der „Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende“ sowie das „Gebet für Politiker und die bevorstehenden Wahlen“ zu den Anliegen des Marsches.
Es bleibt also offen, welche tatsächlich unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Positionen durch die „Spielregeln“ beim diesjährigen Marsch für Jesus überbrückt werden – und ob es diese unterschiedlichen Positionen bei den Unterstützer*innen überhaupt gibt.
Auf Nachfrage von FundiWatch, welche unterschiedlichen Positionen der beteiligten Organisationen zu LGBTIQ*, Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe durch die vereinbarten „Spielregeln“ überbrückt werden sollten, teilte Unosson mit, man erfasse und bewerte die „unterschiedlichen persönlichen Positionen“ der Teilnehmenden nicht.
Projektleiter Johannes Unosson selbst gehört dem Vorstand der Plattform Christdemokratie an und initiierte 2024 deren Aktion „100 Kinderwagen“. Gegenüber Corrigenda erklärte er, es gehe ihm darum, das „Problem der vielen Abtreibungen sichtbar“ zu machen und gesellschaftlich als Problem kenntlich zu machen.
Das politische Netzwerk hinter dem Marsch
Auch das organisatorische Umfeld lässt die Bezeichnung „unpolitisch“ fraglich erscheinen. Entscheidend sind dabei weniger einzelne Namen als zwei institutionelle Scharniere: die Evangelische Allianz Wien und die Plattform Christdemokratie.
Die Evangelische Allianz Wien unterhält eine Arbeitsgruppe „Politik & Gesellschaft“. Sie will nach eigener Darstellung das „christliche Menschen- und Weltbild“ in der Gesellschaft verwirklicht sehen und christliches Engagement unter anderem in Politik, Medien, Bildung und Wirtschaft fördern.
Besonders eng arbeitet die Allianz mit der Plattform Christdemokratie zusammen. Im Januar 2026 veranstalteten beide unter der Schirmherrschaft der ÖVP-Nationalratsabgeordneten und Rechtskatholikin Gudrun Kugler im österreichischen Parlament „Aufbruch – Veränderung beginnt jetzt“. Laut Präsidentin Suha Dejmek brauche es
„…mehr Christen in relevanten Gesellschaftsbereichen – in der Wirtschaft, im Medien- und Bildungsbereich, in der Kunst und Kultur, aber auch in der Politik, denn dort werden bekanntlich alle Entscheidungen getroffen”.
Unter den vertretenen Organisationen befand sich auch der „Marsch für Jesus“ mit einem eigenen Informationsstand.
Eine personelle Brücke ist Jan Ledóchowski: Präsident der Plattform Christdemokratie, ÖVP-Politiker und zugleich Mitglied des katholischen Unterstützungskomitees des Marsches. Gemeinsam mit der Evangelischen Allianz Wien veröffentlicht seine Plattform „Christliche Wahlprüfsteine“. Zur Nationalratswahl 2024 warb sie mit dem Satz: „Nur wenn christliche Politiker gewählt werden, haben wir auch christliche Politik in diesem Land.“
Die Mobilisierung ist dabei nicht ausschließlich auf die ÖVP beschränkt. In den Wahlprüfsteinen werden auch FPÖ-Kandidat*innen berücksichtigt. Die Fragen an die Politiker*innen zeigen bereits eine deutliche ideologische Richtung. So wird beispielsweise zum Thema Gender gefragt:
„Wie stehen Sie zur Genderideologie, die ihren Niederschlag in der Sexualpädagogik in Kindergärten und Schulen, der Veränderung der Sprache und der Auflösung der Bipolarität der Geschlechter (Transgender) findet?”
Auch zum ausdrücklich politischen „Marsch fürs Leben“ radikaler Abtreibungsgener*innen bestehen personelle Überschneidungen. 2025 nahmen etwa die Weihbischöfe Franz Scharl und Stephan Turnovszky teil. Beide gehören nun dem katholischen Unterstützungskomitee des „Marsch für Jesus“ 2026 an.
Auch die eigenen Unterlagen des Marsches beschreiben mehr als ein Fest des persönlichen Glaubensbekenntnisses.
Im Pressekit heißt es, Christ*innen müssten durch „Gebet, Evangelisation und gesellschaftsrelevante Arbeit“ gemeinsam Verantwortung für „unser Land und unsere Orte“ übernehmen. Als Ziele werden unter anderem die „Stärkung christlicher Werte durch öffentliche Wahrnehmung von Christen“ und ein Ereignis genannt, das „in Medien positiv reflektiert werden kann“. Ein weiteres Grußwort bezeichnet den Marsch als „Demonstration des Reiches Gottes“.
Bemerkenswert ist zudem ein im aktuellen Pressekit wiederveröffentlichtes Grußwort der bereits erwähnten ÖVP-Angeordneten Gudrun Kugler aus dem Dezember 2013. Christ*innen seien „zaghaft oder gar feig geworden“, heißt es darin. Der Marsch solle ihre Stimme hörbar machen, „damit die Politik menschlich bleibt“; teilzunehmen bedeute, für Österreich zu beten und „das Land aktiv mitzugestalten“.
Kugler wurde im österreichischen Rechtsextremismusbericht des DÖW 2023 im Zusammenhang mit „Rechtskatholizismus“ erwähnt. Internationale Recherchen u.a. des European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rights (EPF) nennen Kugler im Zusammenhang mit frühen Treffen des informellen, transnationalen christlich-fundamentalistisches und ultrakonservativen Strategienetzwerks Agenda Europe.
„Unpolitisch“ bedeutet im Zusammenhang des „Marsch für Jesus“ also offensichtlich weniger den Verzicht auf gesellschaftspolitische Einflussnahme als den Verzicht darauf, eigene konfliktträchtige politischen Forderungen beim gemeinsamen Auftritt ausdrücklich zu thematisieren, um möglichst weitreichende Anschlussfähigkeit zu erreichen.
Auf Nachfrage von FundiWatch betont Projektleiter Unosson die politische Mitverantwortung von Christ*innen und erklärt, man ermutige Menschen dazu, „sich politisch einzubringen“. Politiker*innen aller Parteien seien willkommen. Für 2026 habe man jedoch bewusst entschieden, „keine politischen Beiträge auf der Bühne stattfinden zu lassen“.
Zugleich kündigt Unosson an, dass die Plattform Christdemokratie mit einem eigenen Stand vor Ort vertreten sein werde; er selbst gehört deren Vorstand an.
Österreichische Vorgeschichte: Sühne für wen?
Neben der internationalen Entstehungsgeschichte stellt die Wiener Bewegung selbst eine zweite, österreichische Traditionslinie her.
Das Pressekit erinnert daran, dass der Franziskaner Petrus Pavlicek 1947 – „gefolgt von einer inneren Stimme“ – den Rosenkranz-Sühnekreuzzug gründete. Von 1950 bis 1955 seien jährlich Sühneprozessionen um die Wiener Ringstraße gezogen; zeitweise hätten bis zu 80.000 Menschen teilgenommen. Die Unterzeichnung des Staatsvertrags und der Abzug der Besatzungsmächte werden in dieser Tradition als Gebetserhörung gedeutet. Eine heutige Selbstdarstellung des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs knüpft weiterhin an diese Gebets- und Befreiungserzählung an.
In den von FundiWatch ausgewerteten Selbstdarstellungen des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs und zu Petrus Pavlicek findet sich hingegen keine Auseinandersetzung mit der österreichischen Mitverantwortung für Nationalsozialismus, Judenverfolgung und Shoah. Im Mittelpunkt stehen stattdessen Bekehrung, stellvertretende Sühne, Frieden und die Befreiung Österreichs von der Besatzung. Österreich erscheint dabei primär als besetztes, bedrohtes und schließlich befreites Land.
Die Beteiligung vieler Österreicher*innen an NS-Herrschaft, Verfolgung und Shoah kommt in den von uns ausgewerteten Darstellungen nicht vor.
„Identifikationsbuße“?
Darauf angesprochen teilt Unosson mit, das historische Gebet am Ring für Österreich weise eine klare Parallele zum heutigen Marsch für Jesus auf.
Zur Auseinandersetzung mit der österreichischen Mitverantwortung teilt Unosson mit, in dieser „Tradition des öffentlichen Gebets und der Verantwortung“ habe es in den 1990er-Jahren einen „von Christinnen und Christen getragenen Bußgebetsmarsch nach Mauthausen“ gegeben. Dessen Ziel sei gewesen, die österreichische Mitverantwortung für den Nationalsozialismus, die Judenverfolgung und die Shoah „öffentlich zu bekennen“.
Tatsächlich lässt sich ein christlicher Bußgebetsmarsch nach Mauthausen im Jahr 1995 belegen. Johannes Fichtenbauer, 1992 Hauptorganisator des ersten österreichischen „Marsch für Jesus“ und heute erneut Unterstützer, beschreibt ihn als von charismatischen Leitern in Österreich organisierten „repentance march“ im Gedenken an NS-Verbrechen an Jüd*innen und an das Versagen von Christ*innen, dagegen aufzustehen. Fichtenbauer schildert den Marsch rückblickend als „act of identification“ und beschreibt seine persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus als geistliche Befreiung: In Mauthausen habe er geweint, bis der „demonic trash“ aus ihm heraus gewesen sei.
„Erstmals haben wir 2006 die Identifikationsbuße und Heilung der Erinnerung im Konzentrationslager Mauthausen angewendet und unsere Schuld an den Juden vor Gott gebracht. Ein messianischer Jude sprach uns damals Vergebung aus.“
„Identifikationsbuße“ bezeichnet die Praxis, historische Schuld einer eigenen Bezugsgruppe stellvertretend vor Gott zu bekennen. An vergleichbaren evangelikal-charismatischen Formen des Holocaust-Gedenkens wird u.a. kritisiert, dass dabei Opfer für eigene religiöse Zwecke instrumentalisiert und die spirituelle Entlastung der christlichen Teilnehmenden in den Mittelpunkt gerückt werde.
Verbindungen zum „Marsch des Lebens“ der TOS-Gemeinde Tübingen
In Deutschland bezog sich diese Kritik insbesondere auf die von Jobst Bittner von der TOS-Gemeinde initiierte „Märsche des Lebens.
2015 warnte der Dachauer Gedenkstättenpfarrer Björn Mensing bei einem „Marsch des Lebens“ vor einer „dämonologischen Deutung des Nationalsozialismus“. Die damalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, kritisierte, das Schicksal der Überlebenden stehe nicht im Vordergrund. Vielmehr gehe es eher um die Befindlichkeiten der Teilnehmenden.
Und auch hier findet sich eine Verbindung zum „Marsch für Jesus“: Beim ersten „Marsch des Lebens“ 2024 in Wien trat Fichtenbauer gemeinsam mit Jobst Bittner auf. Und zählte dort gerade den Bußmarsch von 1995 als Wendepunkt seiner Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus.
„Jesus Christus ist Herr über Österreich!“
Wer verstehen will, was am 19. September über den Wiener Ring zieht, sollte deshalb nicht nur fragen, ob die Veranstaltung friedlich ist oder ob Christ*innen öffentlich beten dürfen.
Bedeutsamer für die Verteidigung einer pluralistischen, demokratischen und auf Menschenrechten beruhenden Gesellschaft ist, welche Vorstellungen von „Einheit“, gesellschaftlicher Mitgestaltung und geistlicher Wirksamkeit sich hinter dem öffentlichen Bild tatsächlich verbergen.
100 „Häuser“ in vier Tagen – Vertraut uns, wir tun Gutes… Fragen beantworten wir nicht…
(Quelle Titelbild: little-home.eu).Dass das dieses Jahr zum dritten Mal veranstaltete DIY-Festival in Kooperation mit dem deutschen Handwerksgewerbe nicht zufällig auch eine Plattform für christlich-fundamentalistische bis rechtschristliche (Missions-)Organisationen, hatten wir in TEIL 1 unserer Beitragsreihe bereits berichtet. In TEIL 2 sind wir näher auf das weitreichende Netzwerk hinter dem Macher Festival eingegangen.
Quelle: Instagram
Die öffentlichkeitswirksamste Sozialaktion des Festivals fand hingegen gemeinsam mit dem Verein Little Home e.V. statt. Angekündigt war der Bau von 100 Kleinsthäusern für obdachlose Menschen: 90 klassische „Little Homes“ und zehn größere „Little Home 2.0“.
Doch auch unsere Fragen zu dieser Aktion ließen sowohl die Macher Festival GmbH als auch Little Home e.V. unbeantwortet.
Und schließlich teilte uns noch die Verbraucherzentrale Hessen mit, sie prüfe die Einleitung rechtlicher Schritte aufgrund der von der Macher Festival GmbH verwendeten Allgemeinen Geschäftsbedingungen.
Doch der Reihe nach:
175.000 Euro Spenden für „Little Homes“
Nach Angaben von Little Home kostet ein kleines Haus ungefähr 2.000 Euro, ein größeres etwa 8.000 Euro. Daraus ergab sich ein Spendenziel in einer betterplace-Kampagne des Vereins von 280.000 Euro. Little Home warb damit, die 100 Häuser innerhalb von vier Tagen zu errichten.
Am 13. Juli warben auch die Real Life Guys für die Kampagne: Alle innerhalb von 48 Stunden eingehenden Spenden sollten von ihnen verdoppelt werden. Mittlerweile sind gut 175.000 Euro zusammengekommen. Wie hoch der von den Real Life Guys tatsächlich zusätzlich gezahlte Betrag war, wollte uns weder Little Home noch die Macher Festival GmbH mitteilen.
Quelle: betterplace.org
Was wurde aus den Little Homes?
Offen blieb nach dem Festival auch, wie viele „Häuser“ tatsächlich vollständig fertiggestellt und bezugsbereit waren, wo sie aufgestellt werden sollen und für wie viele bereits konkrete Nutzer*innen, genehmigte Standorte oder verbindliche Duldungen feststehen.
Auch stellten wir die Frage, warum die Betterplace-Kampagne nach dem Festival fortgeführt wird, obwohl sich diese explizit auf die Bauaktion vor Ort auf dem Festival bezog. Weder Little Home noch die Macher Festival GmbH beantworteten unser Fragen.
Betterplace sah in der weiterhin fortgesetzten Spendenaktion auf unsere Anfrage hin kein Problem. Die Kosten eines solchen Projekts könnten schließlich auch nach dem Festival fortbestehen. Den Projektverantwortlichen habe man dennoch um eine Erklärung gebeten. Wie diese Erklärung ausfiel, wurde uns nicht mitgeteilt.
Quelle: Instagram
Am 26. August räumte Little Home schließlich auf seiner Webseite ein: „100 Häuser. Nicht geschafft. Und trotzdem stolz.“ Man habe keine hundert Häuser fertig.
Nun stünden „noch viele Little Homes halb fertig in der Gegend“. Man suche jetzt einen Stellplatz und Unterstützung, um die Little Homes fertig zu stellen.
Little Homes als Antwort auf Wohnungslosigkeit?
Doch abgesehen davon: Sind solche Kleinsthäuser überhaupt eine fachlich vertretbare Antwort auf Wohnungslosigkeit? Und laufen solch öffentlichkeitswirksame Aktionen wie auf dem Macher Festival nicht Gefahr, dass Wohnungslosigkeit vor allem als Gegenstand ehrenamtlicher Bau- und Spendenaktionen dargestellt wird, während strukturelle Ursachen und fachlich anerkannte Lösungsansätze wie die Vermittlung in regulären Wohnraum in den Hintergrund treten?
In einem Positionspapier warnt sie vor Unterkünften unterhalb anerkannter Mindeststandards, fehlender Rechtssicherheit und der Gefahr, dass Kommunen durch private Projekte aus ihrer Verantwortung entlassen werden. Selbst deutlich größere Tiny Houses bewertet die BAG W kritisch. Die klassischen Little Homes mit etwa 3,2 bis 3,3 Quadratmetern unterschreiten solche Größen nochmals erheblich.
In einer ausführlichen Stellungnahme auf Fragen von FundiWatch – die wir hier mit Zustimmung der BAG W vollständig veröffentlichen – bekräftigten Paul Neupert (Fachreferent Wohnen) und Sarah Lotties (Fachreferentin Gesundheit) von der BAG W diese Kritik.
Nach Einschätzung der BAG W erfüllen die einfachen Little Homes grundlegende Anforderungen an menschenwürdiges Wohnen nicht. Genannt werden unter anderem die extrem geringe Fläche, fehlendes fließendes Wasser, unzureichende sanitäre Möglichkeiten, Belastungen durch Hitze und Kälte sowie Fragen des Brandschutzes und der verwendeten Baustoffe.
Die BAG W erklärte gegenüber FundiWatch außerdem, ihr seien keine institutionellen Träger der Wohnungslosenhilfe bekannt, die Little Homes als fachlich reguläres Wohnangebot einsetzten. Denkbar seien solche Unterkünfte allenfalls als eng befristete Übergangslösung – und auch dann nur, wenn sie in ein fachliches Hilfesystem eingebunden sind und eine konkrete Perspektive auf regulären Wohnraum besteht.
„Eine einfache Hütte ist besser als gar kein Schutz über dem Kopf“
Die BAG W weist aber zugleich auch darauf hin, dass Tiny Homes auf individueller Ebene tatsächlich für viele erstmals eine Verbesserung darstellen.
„Eine einfache Hütte ist besser als gar kein Schutz über dem Kopf“, so die BAG W. Bau und Bereitstellung von Tiny Homes sei insofern vergleichbar mit der Ausgabe von Schlafsäcken oder Zelten und könne tatsächlich Leben retten.
Die Tendenz, dass immer mehr Akteure ohne Kenntnis vom und Anbindung an das Hilfesystem und ohne Wissen um Recht und rechtliche Ansprüche Tiny Homes bereitstellen und dabei die Absenkung der Standards – wissentlich oder unwissentlich – vorantreiben, sehe die BAG W jedoch grundlegend kritisch.
Ohne Wasser, Mietvertrag und gesicherten Stellplatz?
Eine Holzhütte wird nicht allein dadurch zu Wohnraum, dass sie fertig gebaut ist. Sie braucht einen legalen Stellplatz, Brandschutz und eine sanitäre Versorgung. Und die darin lebende Person braucht Schutz davor, dass ihr „Zuhause“ möglicherweise wieder kurzfristig versetzt oder ihr wieder entzogen wird.
Bereits in der Vergangenheit kam es zu Konflikten um Standorte. In Berlin wurden Little Homes wegen fehlender Genehmigungen entfernt beziehungsweise abgerissen. Deutschlandfunk Nova stellte die Vorteile eines unmittelbaren Rückzugsortes den fachlichen Einwänden gegen fehlende Mindeststandards und unsichere Standorte gegenüber.
FundiWatch wollte von Little Home wissen, welchen rechtlichen Status die Bewohner*innen erhalten, ob Miet-, Nutzungs- oder Schenkungsverträge bestehen und unter welchen Voraussetzungen ein Haus versetzt oder entzogen werden kann. Wir fragten außerdem nach Zuständigkeiten für Transport, Aufstellung, Reparaturen, Versicherung und Wartung.
Der Verein beantwortete auch diese Fragen nicht.
Hilfe nur für die „Motivierten“?
Noch problematischer wird es bei den öffentlich beschriebenen Auswahlkriterien.
Little-Home-Gründer Sven Lüdecke erklärte gegenüber der Südwest Presse, lediglich rund fünf Prozent der Bewerber*innen erfüllten die Kriterien. „Wir suchen nach Motivation aus“, sagte er. Je motivierter eine wohnungslose Person sei, ihre Situation zu verändern, desto größer sei ihre Chance. Bei einem Suchtproblem werde etwa die Bereitschaft erwartet, sich um einen Therapieplatz zu bemühen. Zudem sei eine Mitarbeit am Bau erwünscht, weil die Betroffenen das Haus anschließend „mehr zu schätzen“ wüssten.
Die BAG W kritisierte dieses Prinzip gegenüber FundiWatch als Auswahl der vermeintlich „Erfolgsversprechenden“. In der Wohnungslosenhilfe wird hierfür auch der Begriff „Creaming“ verwendet: Hilfe erreicht vor allem Menschen, die bereits vergleichsweise gute Voraussetzungen mitbringen, während Personen mit schweren psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen, Behinderungen oder geringer Fähigkeit zur Selbstorganisation ausgeschlossen werden können.
Dabei sind es gerade diese Menschen, die besonders niedrigschwellige Unterstützung benötigen. Wer suchtkrank ist, schafft es möglicherweise gerade nicht, sofort einen Therapieplatz zu organisieren. Wer psychisch oder körperlich erkrankt ist oder eine Behinderung hat, kann womöglich nicht am Hausbau mitarbeiten. Wird beides dennoch zum Maßstab für die Vergabe, wird aus Hilfebedarf eine persönliche Bewährungsprobe.
Auf Anfrage von FundiWatch teilte Little Home nicht mit, wer die „Motivation“ beurteilt, welche überprüfbaren Kriterien gelten und ob abgelehnte Personen eine Begründung oder Beschwerdemöglichkeit erhalten. Auch die Frage nach der Beteiligung ausgebildeter Fachkräfte der Sozial-, Sucht- und Wohnungslosenhilfe blieb unbeantwortet.
Die Macher Festival GmbH wiederum ließ unsere Fragen unbeantwortet, ob sie sich mit der fachlichen Kritik an dem Konzept der Kleinsthäuser auseinandergesetzt hat und wie die sachgerechte Verwendung der auf dem Festival gebauten Little Homes gewährleistet werde.
Erfolg nach Eigenangaben
Little Home veröffentlicht erstaunliche Erfolgszahlen zu Menschen, die nach dem Einzug in eine Wohnung oder Arbeitsstelle vermittelt worden sein sollen. Kritisch hinterfragt wurden diese Zahlen in Medienberichten nach unseren Recherchen bisher offenbar noch nie. Unklar bleibt demnach unter anderem, wie lange ehemalige Bewohner*innen nachverfolgt werden, wie „Vermittlung“ definiert wird, ob Wohnverhältnisse dauerhaft bestehen und wie viele Bewerber*innen bereits vor der Vergabe ausgeschlossen wurden.
FundiWatch fragte Little Home deshalb, ob das Konzept jemals unabhängig wissenschaftlich evaluiert wurde. Eine Antwort erhielten wir auch dazu nicht.
Fragen zur Finanzkontrolle
FundiWatch fragte Little Home außerdem nach seinen internen Kontrollmechanismen. Hintergrund ist ein 2020 vor dem Kölner Amtsgericht geführtes Verfahren gegen Vereinsgründer Sven Lüdecke.
Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtete damals, die Staatsanwaltschaft habe Lüdecke Untreue in 17 Fällen sowie Betrug im Zusammenhang mit Spendengeldern vorgeworfen. Lüdecke bestritt die Vorwürfe. Das Verfahren wurde eingestellt; zu einer Verurteilung wegen dieser Vorwürfe kam es nicht. Laut dem Bericht bestanden nach der Beweisaufnahme Zweifel an wesentlichen Teilen der Anklage.
Der Artikel berichtete aber zugleich über frühere rechtskräftige Verurteilungen Lüdeckes, unter anderem wegen Betrugs, sowie über mehrere verbüßte Freiheitsstrafen in der Vergangenheit vor den neuen Vorwürfen. In der Folgezeit kam es zu einigen Veränderungen in den Leitungspositionen von Little Home e.V. Sven Lüdecke hingegen ist auch heute noch dessen Vereinsvorsitzender.
Vor diesem Hintergrund fragten wir nach Vier-Augen-Prinzip, Zeichnungsberechtigungen, unabhängiger Kassenprüfung, externer Kontrolle, Jahresabschlüssen und den heutigen Entscheidungs- und Kontovollmachten Lüdeckes. Little Home beantwortete keine dieser Fragen. Zwar ist das selbstverständlich kein Beleg dafür, dass heute Gelder zweckwidrig verwendet werden. Überprüfen lassen sich die internen Kontrollen so allerdings auch nicht.
Festivalbericht oder verlängerte Öffentlichkeitsarbeit?
Nach dem Festival meldeten Branchenportale unter Berufung auf den Werkzeughersteller Fischer, im Rahmen der Little-Home-Aktion seien 100 Tiny Houses für wohnungslose Menschen „entstanden“. Wie bereits erwähnt, trifft das selbst nach den eigenen Angaben von Little Home nicht zu. Wie viele Little Homes tatsächlich fertig gestellt wurden, ob diese bezugsbereit, genehmigt und konkreten Nutzer*innen zugeordnet wurden, lässt sich den Berichten nicht entnehmen.
Quelle: Screenshot fz-profiboerse.de
Sozialaktion oder „Social Washing“?
Die 100-Häuser-Aktion erzeugt starke Bilder: Hunderte junge Menschen packen gemeinsam an, Unternehmen stellen Material bereit, Influencer*innen werben um Spenden und am Ende stehen zahlreiche kleine Holzhäuser auf dem Festivalgelände.
Ob damit nachhaltig Wohnungslosigkeit bekämpft wird, ist eine andere Frage. Und sich dieser Frage zu stellen, daran haben die Beteiligten offenbar keinerlei Interesse.
Die BAG W warnte gegenüber FundiWatch davor, dass solche Aktionen Unternehmen und Veranstaltenden positive Aufmerksamkeit verschaffen können, ohne die strukturellen Ursachen von Wohnungslosigkeit zu verändern. Sie spricht in diesem Zusammenhang von der Gefahr eines „Social Washing“.
An spektakulären Bauaktionen mangelt es allerdings nicht. Es mangelt an bezahlbarem Wohnraum, abgesicherten Mietverhältnissen, qualifizierten Hilfen und einer kommunalen Wohnungspolitik, die auch Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf erreicht.
Der Selbstversuch als Erzählmuster
Doch all das scheint die Real Life Guys nicht wirklich zu kümmern. Stattdessen passt die Little-Home-Aktion zu einem bekannten Erzählmuster der Real Life Guys: Ein gesellschaftliches oder existenzielles Problem wird zum spektakulären Selbstversuch.
Und so geht auch die Bauaktion auf dem Macher Festival auf einen solchen „Selbstversuch“ zurück:
Quelle: Screenshot YouTube, „The Real Life Guys“ zur Serie „10 Tage obdachlos“
Nach einem 2025 auf YouTube veröffentlichten Selbstversuch von Johannes Mickenbecker, bei dem er weitgehend allein auf einem Waldgrundstück lebte und dabei auch einem Obdachlosen begegnete, versuchte er 2026 gemeinsam mit Daniel Michaelidis von den Real Life Guys zehn Tage „obdachlos“ auf der Straße zu leben. Die Serie erschien schließlich bei Joyn, aus dem „Selbstversuch“ 2025 entstand der bereits in Teil 2 erwähnte und auf dem Festival beworbene Kino-Dokumentarfilm „100 Tage Autark“.
Nach sechs Tagen brachen Mickenbecker und Michaelidis die Aktion ab. In der siebten Folge kommt Mickenbecker dann zu dem Fazit:
„Eine der besten Möglichkeiten, den Menschen auf der Straße ein Stück Würde und Sicherheit zu geben, um ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft zu ermöglichen, sind die kleinen Häuser vom Verein Little Home e.V.“
Schließlich bauen die Real Life Guys „ein richtig süßes Tiny House“ und kündigen dabei bereits die Bauaktion auf dem Macher Festival an.
In der letzten Folge tritt dann Sven Lüdecke von Little Home selbst in der Serie auf und begutachtet das von den Real Life Guys gebaute Tiny House. Bevor es dann – nach einer „Testnacht“ der Real Life Guys – an eine obdachlose Person übergeben wird, der sie „Viel Spaß mit deinem neuen Haus“ wünschen.
„Armutssimulation privilegierter Menschen mit garantiertem Rückfahrschein“
Gemeinsam ist den „Selbsterfahrungsexperimenten“, dass die Real Life Guys aus ihren privilegierten Positionen heraus die Experimente freilich jederzeit beenden konnten und gleichzeitig über Reichweite verfügen.
Die BAG W bezeichnete solche Formate gegenüber FundiWatch als „Armutssimulation privilegierter Menschen mit garantiertem Rückfahrschein“. Sie beurteilt entsprechende Selbstversuche als „ethisch fragwürdig“.
Freiwilliger Verzicht ist eben nicht dasselbe wie unfreiwillige Wohnungslosigkeit. Wer sich für ein Video zeitweise schwierigen Bedingungen aussetzt, erlebt weder dieselbe Rechtsunsicherheit noch dieselbe Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit wie ein Mensch, der tatsächlich keine Wohnung hat. Wer dann noch im Rahmen so einer Aktion behauptet, die Zurverfügungstellung von unter Mindeststandards liegender Little Homes sei „eine der besten Möglichkeiten“ obdachlosen Menschen zu helfen, scheint nicht nur uninformiert sondern erweckt auch erhebliche Zweifel, ob es ihm wirklich um echte Hilfe geht.
Auf die Nachfragen von FundiWatch, ob sich die Macher Festival GmbH bei der Planung der Aktion mit der fachlichen Kritik u.a. der BAG W auseinandergesetzt hat, welchen Status Nutzer*innen erhalten, denen die errichteten Little Homes zur Verfügung gestellt werden und wie die Nutzer*innen ausgewählt werden erhielten wir übrigens ebenfalls keine Antwort.
Bauen und Schweißen auf eigene Gefahr?
Und dann wäre da noch der Haftungsausschluss. Besucher*innen des Macher Festivals mussten 2026 offenbar eine ungewöhnlich weitreichende Haftungsfreistellungs- und -ausschlusserklärung abgeben. Nach bisherigem Stand soll sie auch für das Festival 2027 wieder verwendet werden.
Der Hinweis auf den Haftungsausschluss findet sich im „Kleingedruckten“, konkret unter § 15 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der Macher Festival GmbH. Dort heißt es, Bestandteil der AGB sei eine „vom Besucher auszufüllende Haftungsfreistellungs- und -ausschlusserklärung“. Abrufbar ist diese Erklärung dort nicht. Deren Unterzeichnung ist offenbar erst nach Erwerb der Tickets vorgesehen und soll dann wohl Voraussetzung sein, um das Gelände betreten zu dürfen.
Tatsächlich darf die Haftung für fahrlässig verursachte Verletzungen von Leben, Körper oder Gesundheit in AGB aber (rechtlich) nicht ausgeschlossen werden. Im Übrigen müssen Allgemeine Geschäftsbedingungen für Verbraucher*innen bei Vertragsschluss transparent sein.
Verbraucherzentrale prüft Abmahnung
FundiWatch bat deshalb die Verbraucherzentrale Hessen um Prüfung. Diese teilte am 20. August mit, die Fachgruppe Rechtsdurchsetzung prüfe „wegen fehlender Hinweise für die Verbraucher vor Abschluss des Bestellvorgangs für die Tickets, rechtliche Schritte in Form einer Abmahnung gegen den Anbieter einzuleiten“. Der aktuelle Stand der Prüfung ist uns derzeit nicht bekannt.
Unsere Fragen hierzu an die Macher Festival GmbH blieben ebenso unbeantwortet wie unsere Fragen zu Verletzungen oder größeren Schäden im Rahmen des Festivals 2026.
Hauptsache machen?
Das Versprechen des Macher Festivals klingt erst einmal gut: Nicht lange reden, sondern anfangen. Gemeinsam bauen, ausprobieren und vielleicht sogar Interesse am Handwerk wecken. Dabei noch Notleidenden etwas „Gutes“ tun.
Nur: Machen allein reicht nicht. Und welche Ideologien sollen bei diesem Festival – so ganz beiläufig und niederschwellig – mit transportiert werden? Ist es wirklich Zufall, dass sich Follower*innen des Festivals in einigen Accounts quasi nahtlos auf Wahlkampfveranstaltungen rechtslibertärer Gruppen wieder finden oder sich Missionierung christlich-fundamentalistischer Gruppen und Werbung für evangelikale Filme ausgesetzt sehen, die sich einem ganz bestimmten – und gewiss nicht pluralistischen Weltbild – verschrieben sehen?
Im Übrigen: Ein möglichst weitreichender Haftungsausschluss ersetzt keine Verantwortung. Gleiches gilt für die religiöse Ausrichtung: Wenn Missionsorganisationen auf dem Gelände Glaubensgespräche führen, gemeinsam beten und zu einer Entscheidung für Jesus einladen, sollte das auch so benannt und transparent gemacht werden. Erst so würde eine informierte und letztlich selbstbestimmte Entscheidung über eine Teilnahme ermöglicht. Und letztlich gilt dies auch für die Übernahme von Verantwortung vermeintlich sozialer Projekte bzw. dass diese auch tatsächlich auf Unterstützung angewiesenen Personen zugutekommen.
Natürlich: Dass unsere Fragen nicht beantwortet wurden, belegt zunächst einmal nichts. Es zeigt allerdings eine beklemmende Intransparenz, die unseres Erachtens so nicht hingenommen werden sollte. Dass große Handwerksverbände und Künstler*innen dies einfach so zu akzeptieren scheinen, hinterlässt bei uns kein gutes Gefühl. Und erst recht nicht, dass professionelle Medien offenbar nicht interessiert daran sind, diesen Fragen nachzugehen.
Weit mehr als ein bloßes Bastel- und Tüftlerwochenende
Um ein bloßes Bastel- und Tüftlerwochenende geht es beim Macher Festival jedenfalls offensichtlich längst nicht mehr.
Rund ums Festival treffen die Real Life Guys auf Handwerksverbände, Missionsorganisationen, christliche Medienprojekte, Sozialvereine und professionelle Filmstudios. Über einzelne Beteiligte im weiteren Sinne reichen die Verbindungen mittlerweile bis in rechtslibertäre politische Netzwerke. Als vollkommen unpolitischer Abenteuerspielplatz lässt sich das Festival kaum noch glaubhaft darstellen.
Vielleicht reicht das ja, damit vor dem Festival 2027 noch einmal genauer hingesehen wird.
Transparenzhinweis: Unsere bis heute unbeantwortet gebliebenen Anfragen an die Macher Festival GmbH und den Little Home e.V. sind an dieser Stelle abrufbar.