Zwischen Spielplatz und Seelenrettung: Das Kids-Club-Konzept von Neues Leben Berlin
(Quelle Titelbild: YouTube – Markus Rapp). Auf dem Flyer zum neuen Kids Club ist von Jesus keine Rede: „Spiel, Spaß, Musik, Geschichten, Wettbewerbe“ steht da, dazu Hüpfburg, Bubble Balls und Popcorn. Nur ein kleines Logo verrät den Veranstalter: „Neues Leben – Evangelische Freikirche“. Was sich hinter „Geschichten“ verbirgt und welches Weltbild dahinter steht, erklärt Prediger Markus Rapp auf seinem eigenen YouTube-Kanal – und zeigt, dass der Kids Club Teil eines größeren Netzwerks ist.
Endzeit-Prediger mit AfD-Kontakten
Markus Rapp gründete die Freikirche Neues Leben im August 2020, mitten in der Corona-Pandemie, zusammen mit seiner Frau Seong Soon (Suni) Rapp. Sonntags trifft man sich um 11 Uhr im Gemeindezentrum in der Warnitzer Straße 8 in Berlin-Hohenschönhausen.
Rapp ist zugleich Vorsitzender des Vereins Christus für Europa e.V., der zu den mit der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) „verbundenen Werken“ gehört. Die EAD ist einer der größten evangelikalen Netzwerkverbände in Deutschland.
Der Lehrplan bietet aber auch für den Kids Club relevante Kurse wie “Eine neue Generation erreichen” und „Dienst an Kindern“ im “Associates Studium” (vgl. ISDD. Semester 5. Überblick). Der Kids Club lässt sich damit nicht als spontane Einzelinitiative lesen, sondern als praktische Anwendung eines Trainingskonzepts, was über Rapps Verein selbst gelehrt wird.
Quelle: Screenshot aus dem Katalog der ISDD Bibelschule: https://isddbibelschule.de/wp-content/uploads/2023/11/ISDD-Katalog-Deutsch-2024.pdf – Referent Lance Wallnau unterstützte übrigens bei den letzten US-Wahlen den Wahlkampf von J.D. Vance.
Das Konzept des Kids Club stammt vom „KidsFestival“ der bundesweiten Großevangelisation „City of Light“, veranstaltet vom Frankfurter Verein GODsPOWER gUG unter Leitung von Lukas Repert, an der sich zahlreiche freikirchliche Gemeinden in mehreren deutschen Städten beteiligen.
FundiWatch hat dieses Format im Mai 2026 in Berlin beobachtet: Auf dem KidsFestival im Stadtpark Lichtenberg gab es keinen sichtbaren Hinweis auf einen religiösen Veranstalter. Bis im Bühnenprogramm mit den Kindern – getrennt von ihren Eltern -, zwischen Spielen und Animation überraschend gebetet, gesungen und dazu eingeladen wurde, Jesus „in das Herz aufzunehmen“. Genau dieses Muster scheint Rapp nun auf von der Gemeinde selbst veranstaltete Kids-Club-Termine zu übertragen.
Dafür sind drei Termine angesetzt: 8. August, 5. September und 3. Oktober, jeweils 15 bis 18 Uhr, auf einer öffentlichen Grünfläche direkt gegenüber dem Gemeindezentrum im Quartierspark Warnitzer Bogen (Vincent-van-Gogh-Straße/Falkenberger Chaussee/Warnitzer Straße), die in der Verantwortung des Bezirksamts Lichtenberg liegt.
Auf Anfrage von FundiWatch teilte das Bezirksamt Lichtenberg am 07.08.2026 mit, dem Straßen- und Grünflächenamt läge keine Sondernutzungserlaubnis für die Veranstaltung vor. Die Antwort auf eine Nachfrage von FundiWatch, ob für die Veranstaltung eine Versammlung angemeldet wurde, lag bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags ebenso noch nicht vor wie eine Antwort auf die Frage, welche Vorkehrungen von Seiten der zuständigen Behörden veranlasst werden, um Besucher*innen vor überwältigender politischer und / oder religiöser Indoktrination zu schützen.
Ein Werbeflyer, der öffentlich einsehbar an der Tür des Gemeindezentrums aushing, nennt als Programm „Spiel, Spaß, Musik“, „Geschichten“, „Basteln, Café“, „Spiele & Hüpfburg“, „Wettbewerbe“ und „Bubble Balls“.
Quelle: Eigene Aufnahme FundiWatch
In seinem bereits erwähnten YouTube-Video für die eigene Gemeinde beschreibt Rapp denselben Termin deutlich anders: Rapp nennt den Kids Club gleich zu Beginn ein „evangelistisches Projekt“, mit dem Kinder und Eltern „mit dem Evangelium Jesu Christi“ erreicht werden sollten.
Der Ablauf sei danach klar zweigeteilt – eine halbe Stunde „Kindergottesdienst“ mit einer kindgerecht aufbereiteten Evangeliums-Geschichte und gemeinsamem Gebet, gefolgt von 45 bis 60 Minuten Spiel und Spaß, das laut Rapp zugleich dem „Beziehungsaufbau“ zu den Eltern diene. Zur biblischen Begründung zitiert er zwei Stellen aus dem Matthäusevangelium, in denen Jesus Kinder als besonders aufnahmebereit für das „Reich der Himmel“ beschreibt (Mt. 19,14 f.; Mt. 18,3 f.).
Als Erfolgskennziffer erzählt Rapp vom KidsFestival im Mai, bei dem – nach seinen eigenen, nicht unabhängig verifizierten Angaben – ausnahmslos alle anwesenden Kinder sich bereit erklärt hätten, ein vorformuliertes Bekehrungsgebet mitzusprechen. Sein erklärtes Ziel: „hunderte von Kindern“ im Nordosten Berlins erreichen, unterstützt durch Poster- und Zeitungswerbung in einem Radius von fünf bis sechs Kilometern.
Ab Herbst soll der Kids Club, wenn es kälter wird, alle zwei Wochen in die eigenen Gemeinderäume verlegt werden.
Auf demselben YouTube- und Telegram-Kanal, über den Rapp den Kids Club bewirbt, kommentiert er regelmäßig „Endzeit, Gesellschaft und Politik“ und zeichnet dort ein deutlich schärferes Bild als der freundliche Kids-Club-Flyer.
Der Endzeitglaube zieht sich als roter Faden durch Rapps Kanal: Allein unter den zuletzt veröffentlichten Videos tragen mehrere Dutzend Titel wie „Letzte Tage der Endzeit – Der Anti-Christ, 3. Tempel, der Große Abfall„, „ENTRÜCKUNG 2025?“ oder „Was ist Donald Trumps Rolle in der ENDZEIT? Wegbereiter des ANTI-CHRISTEN?„. Rapp deutet darin aktuelle Kriege, Blutmonde und politische Entwicklungen als Erfüllung biblischer Prophetie – etwa den Krieg zwischen Israel und dem Iran 2025, den er direkt mit der Anti-Christ-Erwartung aus dem zweiten Thessalonicherbrief verknüpft, oder ein mögliches Entrückungsdatum am 23. September, das er selbst als womöglich überzogenen „Mega Hype“ einordnet, ohne die Naherwartung insgesamt infrage zu stellen. Seine eigene Gemeinde beschreibt er wiederholt als „Arche der Endzeit“ – ein Bild, das den Kids Club in ein Selbstverständnis einbettet, das von unmittelbar bevorstehendem Weltgericht, Verfolgung und dem baldigen Auftreten des Antichristen geprägt ist.
Quelle: YouTube – Markus Rapp
Den Christopher Street Day in Berlin nennt Rapp „brandgefährlich für unsere Gesellschaft“ und ordnet ihn einer „dämonischen Lehre von Freiheit, sexueller Unmoral“ zu. Als Angela Merkel und Ursula von der Leyen sich gegen Ungarns Gesetz gegen die Darstellung von Homosexualität in Schulfilmen aussprachen, bezeichnete er ihre Position als Teil “einer Erweckung des Antichristen“. In einer eigenen Lehreinheit bietet er den Kampf gegen „dämonische Mächte“ als geistliche Ausbildung für seine Zuhörer*innen an. In seiner Lehrreihe zum Epheserbrief predigt Rapp zudem, der Mann sei „die letzte Autorität … in der Familie“, Kinder „gehören niemals den Eltern“, sondern Gott, die Eltern seien nur „Verwalter“ sowie eine Sexual- und Familienethik, zu der FundiWatch bereits im Rahmen der „Purity Culture“ evangelikaler Milieus recherchiert hat.
Diese Videos zeigen das Weltbild, in dessen Rahmen der Gemeindeleiter seine Kinderarbeit versteht und in das Kinder hineinwachsen könnten, wenn aus einem Spielnachmittag eine dauerhafte Bindung an die Gemeinde wird.
Wenn alle Kinderhände gleichzeitig nach oben gehen
Kinder können religiöse, weltanschauliche und pädagogische Absichten Erwachsener in der Regel schwerer einschätzen als Erwachsene selbst. Sie sind zudem bis zum 14. Lebensjahr nach dem Gesetz über die religiöse Kindererziehung noch nicht religionsmündig (vgl. § 5 RelKErzG). Die Entscheidung über ihre religiöse Erziehung liegt bei den Eltern. Da Kinder dieses Alters ihre eigene, ihnen grundsätzlich ebenfalls zustehende negative Religionsfreiheit (Art. 4 Abs. 1, 2 GG) noch nicht selbst ausüben können, hängt deren Schutz vollständig davon ab, dass Eltern vorab wissen, worauf sie sich – stellvertretend für ihr Kind – einlassen.
Wenn ein als Spiel- und Familienfest beworbenes Angebot einen strukturierten religiösen Programmteil enthält, der nach außen lediglich als „Geschichten“ dargestellt wird, entsteht darüber hinaus ein Macht- und Wissensgefälle: Die Kinder erleben sich angeleitet von Erwachsenen in einer Situation kollektiver Gruppendynamik, in der laut Rapps eigener Schilderung auf dem KidsFestival alle anwesenden Kinder auf dieselbe Frage hin gleichermaßen reagierten. Eine solche Dynamik lässt wenig Raum für eine individuelle, freie Entscheidung einzelner Kinder, unabhängig davon, welche religiöse oder areligiöse Prägung sie aus ihrem Elternhaus mitbringen.
Für Kinder und Jugendliche, die selbst oder deren Freunde queer sind oder aus Familien kommen, die Rapps Weltbild nicht teilen, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Dieselben Erwachsenen, die sie beim gemeinsamen Spielen betreuen, bezeichnen ihre Lebensrealität an anderer Stelle öffentlich als „dämonisch“, als Ausdruck einer „Verirrung“ oder als Folge von „Missbrauch von Macht“. Das ist keine Aussage über eine konkrete Schädigung einzelner Kinder, aber es ist ein struktureller Befund über das Umfeld, in das Kinder eingeladen werden, ohne dass ihre Eltern davon notwendigerweise wissen.
Fazit: Informierte Entscheidung kaum möglich?
Beides – die missionarische Intention des Kids Clubs sowie das hinter “Neues Leben” stehende Weltbild – ist öffentlich zugänglich. Aber nicht im Werbematerial, sondern verstreut auf einem YouTube-Kanal, den Eltern erst gezielt suchen müssten. Wer sein Kind aufgrund von „Spiel, Spaß, Musik“ teilnehmen lässt, kann deshalb keine informierte Entscheidung treffen: weder darüber, dass ein Bekehrungsgebet Teil des Programms ist, noch darüber, in wessen ideologisches und politisches Umfeld das Kind damit eingeladen wird.
Gerade hier zeigt sich, wie wichtig unabhängige und sachliche Information über entsprechende Angebot ist – oder besser: wäre. Denn leider wird in Deutschland über Gefahren entsprechender Angebote kaum – jedenfalls nicht präventiv – informiert. Weltanschauungsbeauftragte Stellen sind mit entsprechenden Informationen oder gar Warnungen äußerst zurückhaltend.
In anderen Ländern bestehen deutlich weitergehende Angebote, bei denen Interessierte oder Betroffene nähere Informationen zu weltanschaulich-religiösen Angeboten abrufen können, wie bspw. das Angebot der Schweizer infosekta zeigt. Dass ein entsrechender Bedarf auch in Deutschland besteht, erleben wir bei unserer Arbeit mit FundiWatch tagtäglich.
Nichtöffentliche Gespräche im „Hinterzimmer“? Transparenz sieht anders aus!
(Quelle Titelbild: icf-karksruhe.de / Youtube). Wie berichtet, hat die umstritteneFreikirche International Christian Fellowship (ICF) an ihrem Standort in Karlsruhe (ICF Karlsruhe e.V.) die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe beantragt. Die Stadtverwaltung empfahl daraufhin in einer äußerst knappen (und unseres Erachtens unvollständigen) Vorlage dem Jugendhilfeausschuss Karlsruhe die Anerkennung.
Die Beschlussfassung wurde nach Kritik zwar vorerst abgesetzt. Offiziell tagt der Jugendhilfeausschuss erst wieder Anfang Oktober. Nun soll allerdings wohl bereits am morgigen Montag (20.07.2026) ein nichtöffentliches Gespräch mit dem ICF Karlsruhe (also quasi „im Hinterzimmer“) geführt werden.
Unsere Bedenken an einer nichtöffentlichen Erörterung der u.a. von FundiWatch aufgeworfenen kritischen Nachfragen zum Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen für das ICF Karlsruhe hatten wir bereits vergangene Woche in einer E-Mail an den Jugendhilfeausschuss formuliert. Am Ende dieses Beitrags werden wir diese Mail nun hier veröffentlichen.
Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe: Eröffnung erheblicher Einflussnahmemöglichkeiten auf Jugendhilfe
Eine Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe hat erhebliche Folgen. So beispielsweise die Beteiligung anerkannter Träger in die Jugendhilfeplanung, Möglichkeiten zur Mitwirkung in Jugendhilfeausschüssen, Anspruch auf partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Träger der Jugendhilfe uvm. Sprich: Die Anerkennung ist eine maßgebliche Voraussetzung dafür, um auf den gesamten Bereich der Jugendhilfe vor Ort erheblichen Einfluss nehmen zu können.
Beim ICF Karlsruhe ergeben sich zudem besonders viele Anhaltspunkte, dass die Jugendarbeit nach ihrem eigenen Selbstverständnis vorrangig der Verbreitung ihres eigenen Glaubensverständnisses dienen soll. Vereinigungen, „die überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dienen“, können hingen nach den Grundsätzen der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Jugendbehörden (AGOLJB)nicht als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt werden.
Weder Stadtverwaltung noch das ICF Karlsruhe gehen auf Fragen zu den Anerkennungsvoraussetzungen ein
Nach Kritik der Linksfraktion und einem Offenen Brief von FundiWatch, in dem wir unsere Bedenken ausführlich darlegten, wurde die ursprünglich bereits für den 19.06.2026 vorgesehenen Beschlussfassung von der Tagesordnung abgesetzt.
Die Stadtverwaltung teilte FundiWatch gegenüber später mit, man bedanke sich für unsere Hinweise, nehme unsere Anmerkungen „sehr ernst“ und werde die angesprochenen Fragestellungen in die „weitere Prüfung mit aufnehmen“. Zur Klärung der von der Linksfraktion und FundiWatch angesprochenen inhaltlichen Punkte solle ein gemeinsames Gespräch des Jugendhilfeausschusses mit Vertretern des ICF Karlsruhe stattfinden.
Ähnliches teilte uns auf Anfrage auch das ICF Karlsruhe mit. In der Antwortmail heißt es:
„Die im Zusammenhang mit unserem Antrag relevanten Fragen werden im dafür vorgesehenen Verfahren mit der Stadt Karlsruhe und dem Jugendhilfeausschuss erörtert.„
Inhaltlich ging das ICF Karsruhe auf unsere Fragen hingegen nicht ein, auch nicht in einer Stellungnahme an den Jugendhilfeausschuss, auf die das ICF in der Antwort verwies. Auch auf einfach zu beantwortende Fragen, wie bspw. ob ebenso wie im ICF Münchenqueere Menschen von Leitungspositionen ausgeschlossen seien, erhielten wir keine Antwort. Das steht in eklatantem Widerspruch zu der Stellungnahme des ICF Karlsruhe an den Jugendhilfeausschuss, in der es heißt, man freue sich „über jede Gelegenheit, unsere Arbeit transparent vorzustellen und Fragen offen zu beantworten„.
Transparenz statt Hinterzimmer!
Entscheidungen und Verhandlungen (auch) von Jugendhilfeausschüssen sind grundsätzlich öffentlich zu führen. Nur in Ausnahmefällen können einzelne Gegenstände nichtöffentlich verhandelt werden. Der Öffentlichkeitsgrundsatz dient insbesondere der demokratischen Kontrolle – und hat gerade auch bei einer so wichtigen Frage wie der Anerkennung als Träger der Jugendhilfe große Bedeutung (dementsprechend war die Behandlung und Beschlussfassung auch ursprünglich in einer öffentlichen Sitzung vorgesehen).
Auch eine Anerkennung der eng mit dem ICF Karlsruhe verbundenen Kinder und Jugend Arche (u.a. gehört dessen Vorsitzende Sybille Beck zum Leitungspastorenehepaar des ICF Karlsruhe) wurde Anfang 2025 öffentlich behandelt. Übrigens mit ähnlich knapper, die Anerkennung empfehlender Beschlussvorlage der Verwaltung, wie nun beim ICF Karlsruhe. Von Stimmen aus dem Gemeinderat erfuhren wir, die Verbindungen seien damals wohl nicht bewusst gewesen.
Nun scheint die Verwaltung eine Auseinandersetzung mit öffentlich aufgeworfenen kritischen Fragen allerdings eher ins „Hinterzimmer“ verlagern und ohne öffentliche Kontrolle führen zu wollen. Unseres Erachtens gibt es hierfür keine Rechtfertigung und auch kommunalrechtliche Gründe dürften dem entgegenzustehen.
Nichtöffentliches Gespräch mit ICF Karslruhe bereits morgen?
Wir haben uns daher am 15.07.2026 erneut an die Ausschussvorsitzende Bürgermeisterin Yvette Melchien und die Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses gewendet und um Rückmeldung gebeten, ob eine öffentliche Erörderung der aufgeworfenen Fragen erfolgen wird und, falls nicht, wie dies begründet wird. Eine Reaktion erhielten wir darauf bisher nicht.
Allerdings erreichten uns nun Hinweise, dass das nichtöffentliche Gespräch mit dem ICF Karlsruhe bereits morgen, am 20.07.2026, geführt werden solle. Ob diese Hinweise zutreffen, können wir nicht abschließend beurteilen. Wir haben uns vor diesem Hintergrund nun jedoch entschieden, unsere letzte E-Mail an Bürgermeisterin Melchien und den Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe an dieser Stelle zu veröffentlichen:
Betreff: Re: Offener Brief zur geplanten Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe
Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Melchien,
vielen Dank für Ihre Antwort vom 07.07.2026 auf unseren Offenen Brief zur beantragten Anerkennung der ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe. Wir begrüßen ausdrücklich, dass Sie die darin aufgeworfenen Fragen ernst nehmen und diesen weiter nachgehen möchten.
Inzwischen haben wir jedoch Sorge, dass die von Ihnen und der ICF angekündigten Gespräche mit dem Jugendhilfeausschuss offenbar nichtöffentlich stattfinden sollen. Die ICF Karlsruhe hat uns gegenüber die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen abgelehnt und auf die mit Ihnen bzw. dem Ausschuss geplanten Gespräche hingewiesen. Selbst die Beantwortung einfacher Fragen, bspw. ob ebenso wie laut öffentlich vom ICF München bekannt gemachten Grundsätzen, auch bei der ICF Karlsruhe queere Menschen von Leitungspositionen ausgeschlossen sind, wurden von der ICF Karlsruhe nicht beantwortet.
Sollte es zutreffen, dass die weiteren Gespräche mit der ICF Karlsruhe nichtöffentlich geführt werden sollen, haben wir hieran erhebliche – auch rechtliche – Bedenken.
Nach unserem Verständnis dient das angekündigte Gespräch nicht lediglich einem unverbindlichen Austausch, sondern der Erörterung der im Offenen Brief aufgeworfenen Fragen und damit der Vorbereitung der Entscheidung des Jugendhilfeausschusses über den Anerkennungsantrag nach § 75 SGB VIII. Es wäre damit Teil der Meinungs- und Willensbildung des Ausschusses in einer Angelegenheit von erheblichem öffentlichem Interesse.
Nach § 35 der Gemeindeordnung Baden-Württemberg sind Sitzungen beschließender Ausschüsse grundsätzlich öffentlich. Ein Ausschluss der Öffentlichkeit kommt nur in Betracht, wenn das öffentliche Wohl oder berechtigte Interessen Einzelner dies erfordern. Dass diese Voraussetzungen für ein Gespräch über die Anerkennungsvoraussetzungen der ICF Karlsruhe, ihre fachliche Eignung oder die hierzu erhobenen Fragen vorliegen, vermögen wir derzeit nicht zu erkennen.
Hinzu kommt, dass der Jugendhilfeausschuss die Anerkennung der Kinder und Jugend ARCHE Karlsruhe e. V. in seiner Sitzung am 19. Februar 2025 öffentlich beraten und beschlossen hat. Die Antragstellerin wurde im öffentlichen Sitzungsteil angehört, die Verwaltung stellte den Sachverhalt öffentlich vor und der Ausschuss fasste seinen Beschluss ebenfalls öffentlich.
Bemerkenswert ist dabei, dass die damalige Verwaltungsvorlage – ebenso wie die aktuelle Vorlage zur ICF Karlsruhe – äußerst knapp gehalten war. Sie setzte sich (ebenfalls) nicht näher mit den einzelnen Anerkennungsvoraussetzungen des § 75 SGB VIII auseinander und enthielt keine vertiefte fachliche oder rechtliche Würdigung der gesetzlichen Voraussetzungen.
Zudem wurden in der Vorlage aus unserer Sicht wesentliche tatsächliche Umstände nicht dargestellt. So ist Frau Sybille Beck nach unserem Kenntnisstand Vorsitzende der Kinder und Jugend ARCHE Karlsruhe e. V. und zugleich eine der Hauptpastorinnen der ICF Karlsruhe. Die ARCHE hat ihren Sitz an der Anschrift der ICF Karlsruhe. Darüber hinaus nutzt die ARCHE nach den auf ihrer Internetseite veröffentlichten Informationen für Bewerbungen im Bundesfreiwilligendienst eine E-Mail-Adresse der ICF Karlsruhe und fordert Bewerberinnen und Bewerber auf, unter anderem einen Bericht über ihren „Weg mit Gott“ einzureichen. Diese Umstände hätten aus unserer Sicht zumindest Anlass gegeben, die tatsächlichen Beziehungen zwischen beiden Organisationen im Rahmen der damaligen Beschlussvorlage transparent darzustellen.
Gerade vor diesem Hintergrund erscheint es umso wichtiger, dass die nunmehr angekündigte vertiefte Erörterung der Anerkennungsvoraussetzungen der ICF Karlsruhe nicht außerhalb der Öffentlichkeit erfolgt. Wenn die Verwaltung aufgrund der vorgetragenen Einwendungen und der öffentlichen Diskussion eine weitergehende Prüfung für erforderlich hält und hierzu den Jugendhilfeausschuss gemeinsam mit der ICF Karlsruhe anhören möchte, sollte diese Erörterung aus Gründen der Transparenz und Nachvollziehbarkeit im Rahmen einer öffentlichen Sitzung des Jugendhilfeausschusses stattfinden. Andernfalls entstünde zumindest der Eindruck, dass ausgerechnet die inhaltliche Auseinandersetzung mit den entscheidungserheblichen Fragen der öffentlichen Kontrolle entzogen wird. Zudem scheint uns ein solches Vorgehen auch kommunalrechtlich unzulässig.
Wir möchten Sie daher höflich, aber nachdrücklich bitten, das angekündigte Gespräch – sofern keine konkreten gesetzlichen Gründe entgegenstehen – als öffentlichen Tagesordnungspunkt einer Sitzung des Jugendhilfeausschusses durchzuführen und bitten um Rückmeldung dazu, wie Sie sich hierzu verhalten werden.
Sollte dennoch eine nichtöffentliche Durchführung beabsichtigt sein, bitten wir um Mitteilung,
auf welchen konkreten gesetzlichen Ausnahmetatbestand des § 35 Gemeindeordnung Baden-Württemberg sich diese Entscheidung stützt,
welche schutzwürdigen Interessen aus Ihrer Sicht einen Ausschluss der Öffentlichkeit rechtfertigen,
weshalb die angekündigte Erörterung nicht im Rahmen einer öffentlichen Ausschusssitzung erfolgen soll, obwohl sie ersichtlich der Vorbereitung der Entscheidung über den Anerkennungsantrag dient, und
weshalb im Fall der ICF Karlsruhe von der Verfahrensweise abgewichen werden soll, die der Jugendhilfeausschuss bei der Anerkennung der Kinder und Jugend ARCHE Karlsruhe e. V. angewandt hat.
Wir sind überzeugt, dass ein transparentes und öffentlich nachvollziehbares Verfahren im Interesse aller Beteiligten liegt – der Stadt, des Jugendhilfeausschusses, der ICF Karlsruhe und der Öffentlichkeit gleichermaßen. Aus Transparenzgründen haben wir in dieser Mail die uns bekannten Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses mir ins Cc genommen – gerne kann diese Mail an weitere Mitglieder*innen des Ausschusses weitergeleitet werden.
Wir bedanken uns für Ihre Rückmeldung bis möglichst zum 17.07.2026.
Veröffentlicht am 07.062026; letze Aktualiserung am 18.07.2026
(Quelle Titelbild: BR24) Über die aktuellen Vorwürfe gegen das zum umstrittenen christlich-fundamentalistischen Verein Mission Freedom gehörenden Haus SeeNest berichten wir bereits seit dem 26.04.2026. An dieser Stelle veröffentlichen wir eine Chronologie der aktuellen Entwicklungen zu Misshandlungsvorwürfen gegen die Kinder- und Jugendeinrichtung im Allgäu. Mission Freedom e.V. und die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH haben sich auf mehrfache Anfragen von FundiWatch nicht zu den Vorwürfen geäußert.
Auf Anfragen von FundiWatch an Mission Freedom e.V. und die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH mit der Bitte um Stellungnahme zu den Vorwürfen erhielten wir keine Antwort.
Die Seite wird immer wieder aktualisiert. Hinweise auf weitere Erkenntnisse und Berichte zu den Vorgängen nehmen wir gerne – sofern gewünscht auch vertraulich – entgegen!
Bereits vor Bekanntwerden der aktuellen Vorwürfe berichteten wir wiederholt über die Einrichtung Haus SeeNest, den Verein Mission Freedom e.V. sowie dessen Vorsitzende, die evangelikale Predigerin Gaby Wentland.
Mission Freedom stand im Zuge einer Preisverleihung des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) bereits 2013 in erheblicher Kritik. In Folge dessen distanzierten sich Hamburger Stellen unter anderem wegen der Verbreitung von Falschdarstellungen, mangelnder fachlicher Standards und Zweifeln an der Seriosität des Vereins. Gleichwohl blieb die Kritik weitgehend folgenlos: Gaby Wentland blieb (selbst nachdem sie den US-Präsident Donald Trump als von Gott eingesetzt pries) über Jahre Mitglied im Vorstand der Evangelischen Allianz, Mission Freedom war weiterhin in zahlreiche Netzwerke eingebunden – unter anderem als Mitglied der Diakonie Hamburg sowie über weitere Organisationen, u.a. innerhalb des Netzwerkvereins Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), zu dem nahezu 40 Mitgliedsorganisationen – teils auch aus dem US-evangelikalen Umfeld – gehören.
Nachdem Matthias (heute Gründungsmitglied von FundiWatch) im Sommer 2023 erfuhr, dass Mission Freedom im Allgäu eine vollstationäre Einrichtung für sexuell missbrauchte Minderjährige plante, begannen umfangreiche Recherchen zu Träger, Netzwerken und Konzept der Einrichtung. Die Recherche und weitere Hintergründe dazu haben wir mittlerweile auch auf unserer Webseite im Volltext veröffentlicht.
Nachdem die Erteilung der Betriebserlaubnis im Sommer 2024 kurzfristig mediale und politische Aufmerksamkeit erzeugte, geschah erst mal – nichts.
Ende April 2026 erschienen schließlich erste Medienberichte, wonach alle Kinder aufgrund von Vorwürfen kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden aus der Einrichtung in Obhut genommen wurden. Seitdem werden schrittweise weitere Details zu den Vorgängen im Haus SeeNest bekannt; inzwischen berichten zahlreiche regionale und überregionale Medien über den Fall.
Das Jugendamt Oberallgäu und die zuständige Heimaufsicht bei der Regierung von Schwaben erklärten öffentlich, die bekannt gewordenen Vorfälle stünden nicht im Zusammenhang mit der bereits zuvor kritisierten weltanschaulichen Ausrichtung des Trägers. Auf Nachfrage von FundiWatch erklärte die Heimaufsicht, man sei den bekannt gewordenen Vorfällen „im einzelnen nachgegangen“. Dabei habe sich gezeigt, dass diese „jeweils nicht im Zusammenhang mit der spezifisch-religiösen Ausrichtung des Trägers standen“. Das Jugendamt Oberallgäu verwies mit Blick auf laufende Ermittlungen darauf, sich hierzu nicht weiter äußern zu können.
Auf Grundlage der uns vorliegenden Informationen zu Ausrichtung, Konzeption, Netzwerken und Arbeitsweise von Mission Freedom bestehen aus unserer Sicht erhebliche Zweifel daran, dass mögliche Zusammenhänge zwischen religiös-weltanschaulicher Ausrichtung und den aktuellen Vorgängen bereits abschließend bewertet werden können. Deshalb halten wir es für absolut notwendig, nicht nur die konkreten Vorwürfe selbst aufzuklären, sondern auch die Fragen, ob die Betriebserlaubnis überhaupt hätte erteilt werden dürfen, ob bestehende Warnsignale ausreichend berücksichtigt wurden und inwieweit weltanschauliche Prägungen, Organisationskultur oder Netzwerkstrukturen problematische Entwicklungen möglicherweise begünstigt haben.
Unseres Erachtens reichen die Vorgänge deutlich über einen Einzelfall hinaus. Sie werfen grundsätzliche Fragen zum zunehmenden Engagement christlich-fundamentalistisch geprägter Organisationen im Bereich Sozialer Arbeit (auch im Erwachsenenbereich!), zu staatlicher Aufsicht sowie zu Qualitäts- und Schutzstandards auf. FundiWatch veröffentlichte hierzu bereits im Sommer 2025 die von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderte Broschüre „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit – Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit“, in der wir bereits auf Mission Freedom, das Haus SeeNest und relevante Netzwerke eingingen.
Wichtig ist uns abschließend: Im Mittelpunkt der hiesigen Kritik stehen nicht individuelle religiöse Überzeugungen einzelner Personen – auch wenn diese selbstverständlich ebenfalls Gegenstand von Kritik sein dürfen. Im Fokus steht vielmehr die Frage, wie weltanschaulich geprägte Organisationsformen, Arbeitsweisen und Machtstrukturen im Bereich Sozialer Arbeit wirken – insbesondere dort, wo Menschen in Abhängigkeits- oder Schutzverhältnissen leben und nach Unterstützung suchen.
Chronologie der Ereignisse
(Stand: 18.07.2026)
09.02.2026: Meldungen ehemaliger Mitarbeitender der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH über Missstände im Haus SeeNest erreichen die Regierung von Schwaben als zuständige Heimaufsicht. Die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH und die pädagogische Heimleitung werden von der Heimaufsicht angehört.
05.03.2026: Die Heimaufsicht erlässt ein Tätigkeitsverbot für die bisherige pädagogische Leitung des SeeNest und ordnet den Sofortvollzug der Maßnahme an.
12./24.03.2026: Die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH legt Widerspruch gegen das Tätigkeitsverbot ein. Kurz darauf geht sie im Wege eines Eilverfahrens vor dem Verwaltungsgericht Augsburg gegen den Sofortvollzug des Tätigkeitsverbots vor.
13.04.2026: Das Verwaltungsgericht Augsburg weist den Antrag der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH in einem Beschluss (Az. Au 3 S 26.987) zurück. Das Tätigkeitsverbot gegen die pädagogische Leitung bleibt in Kraft.
15.04.2026: Auf der Webseite christliche-jobboerse.de veröffentlicht die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH eine Stellenausschreibung für die pädagogische Leitung einer heilpädagogisch-therapeutische Wohngruppe im Allgäu. Die Position sei zunächst als „Interimsfunktion“ vorgesehen. Sie „könne – je nach Entwicklung – perspektivisch in eine längerfristige Zusammenarbeit übergehen„. Laut Profilbeschreibung wird u.a. erwartet: „Bereitschaft, die Arbeit auf Grundlage eines christlichen Menschenbildes mitzutragen„.
17.04.2026: Das ortsansässige Jugendamt Oberallgäu nimmt alle sechs in der Einrichtung untergebrachten Kinder im Alter von 5 bis 11 Jahren in Obhut. Die Kinder werden anderweitig untergebracht.
24. – 26.04.2026: Die Vorfälle werden durch diverse Medienberichte öffentlich: BR24 berichtet über die Inobhutnahmen von sechs Kindern in einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche im Oberallgäu. Auch die Allgäuer Zeitung und Antenne Bayern berichten über die Vorgänge und bereits in der Vergangenheit bestehende Kritik an der Einrichtung.
Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH) nimmt in einer Pressemitteilung auf die Vorgänge Bezug und warnt vor ideologischen Einflüssen auf die stationäre Jugendhilfe. Der DBSH fordert eine vollumfassende Aufklärung, strenge Aufsicht über entsprechende Einrichtungen und besseren Schutz vor Pseudowissenschaften in der Kinder- und Jugendhilfe.
Namen und Träger der Einrichtung werden in den Berichten nicht genannt. Aus den erwähnten Details ergibt sich jedoch eindeutig dass es sich um das Haus SeeNest in Immenstadt handelt. FundiWatch macht am 26.04. öffentlich, dass es sich bei der fraglichen Einrichtung um das zu Mission Freedom gehörende Haus SeeNest handelt, dessen Träger die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH ist.
Als Grund der Inobhutnahme nennen Heimaufsicht und Jugendamt auf Anfragen von FundiWatch „gewichtige Anhaltspunkte für eine mögliche Gefährdung des Kindeswohls“. Hierunter zählten laut Jugendamt „u.a. fragwürdige Erziehungsmaßnahmen, wie beispielswiese ein unangemessener Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen gegenüber den betreuten Kindern.“
Auf spätere Anfrage von FundiWatch, warum die Inobhutnahmen erfolgten, obwohl die Heimleitung aufgrund des Tätigkeitsverbots bereits nicht mehr im SeeNest tätig sein durfte, teilt das Jugendamt mit, dass es „aus Sicht des Jugendamtes „Anhaltspunkte dafür gab, dass die Anwendung der fragwürdigen Erziehungsmaßnahmen gegenüber den betreuten Kindern nicht nur auf die Leitung beschränkt war.“ (Hervorhebung d.d.Verf.)
26.-29.04.2026: Bereits zum dritten Mal findet der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt. Zu den Veranstaltern gehören neben Mission Freedom des Weiteren die Evangelische Allianz Deutschland (EAD), Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), return gGmbH, Aktion Hoffnungsland gGmbH und die Schönblick gGmbH. In einer Artikelserie berichten wir über den Kongress, an dem auch mehrere Politiker*innen teilnahmen.
Beobachter*innen berichten FundiWatch, dass die Vorgänge um das Haus SeeNest auf dem Kongress nicht öffentlich thematisiert wurden. Die Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH war zur Moderation des Films „Blinder Fleck“ vorgesehen, dem u.a. die Verbreitung verschwörungsideologischer Narrative über vermeintliche Fälle sog. ritueller Gewalt vorgeworfen wird (vgl. unseren Artikel hier).
30.04.2026: Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Vorgänge und stellt ebenfalls den Bezug zum Haus SeeNest, der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH und Mission Freedom her.
Der BR berichtet erneut über den Fall und berichtet von 29 Polizeieinsätzen seit Eröffnung der Einrichtung. Ein Kind habe sich von einem Balkon abgeseilt, Nachbarn hätten immer wieder Hilferufe aus dem Heim gehört. [Edit: Ergänzung kurz nach Veröffentlichung:] Auf spätere Nachfrage von FundiWatch teilt die Heimaufsicht mit, ihr sei nur ein Polizeieinsatz wegen eines abgängigen Kindes bekannt. Angebliche weitere Einsätze seien der Behörde von keiner Seite gemeldet worden. Das ortsansässige Jugendamt teilt mit, ihr seien nur Meldungen aus dem Jahr 2024 bekannt, die eine einzelne Jugendliche betrafen. Die Polizei teilt auf Anfrage mit, alle Einsätze ordnungsgemäß gemeldet zu haben.
Gaby Wentland, die sich nicht öffentlich zu den Vorwürfen äußert, veröffentlicht auf ihrem Youtube-Kanal ein Predigtvideo unter dem Titel „Widerstände überwinden„.
02.05.2026: Mission Freedom veröffentlicht zu den Vorgängen eine Stellungnahme auf seiner Homepage. Ehemalige Mitarbeitende hätten angebliche Missstände direkt an die Aufsichtsbehörde gemeldet, ohne zuvor das Gespräch mit der Einrichtungsleitung zu suchen. Eine von Mission Freedom im März beauftragte „externe Kinderschutzfachkraft“ habe nach Prüfung festgestellt, dass keine aktuelle Kindeswohlgefährdung vorliege. Durch die Inobhutnahmen seitens der Behörden seien die Kinder „retraumatisiert“ worden. Man bedaure die Entwicklungen und prüfe weitere Schritte.
03.05.2026: Die taz berichtet über die Vorfälle. Die Regierung von Schwaben prüfe den Widerruf der Betriebserlaubnis für das Haus SeeNest. Zudem weist die taz auf eigene frühere Recherchen zu Zuständen in „Schutzhäusern“ von Mission Freedom für Betroffene von Menschenhandel und „Zwangsprostitution“ hin: Demnach hätten die Frauen nach Recherchen der taz keine weltliche Musik mehr hören dürfen, ihr Handy abgeben müssen und nicht ohne Begleitung das „Schutzhaus“ verlassen dürfen.
04.05.2026: In einer Anfrage zum Plenum im Bayerischen Landtag richtet die Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel (Bündnis 90 / Die Grünen) Fragen an die Bayerische Staatsregierung zu den aktuellen Vorkommnissen im Haus SeeNest.
Unter anderem fragt Triebel, ob beabsichtigt sei, die Betriebserlaubnis zu widerrufen und wie die Grundkonzeption des Trägers Mission Freedom nach den Vorfällen neu bewertet werde, auch im Hinlick auf Forderungen des DBSH, eine Trennung von missionarischem Eifer und professioneller Unterstützung zu gewährleisten.
Die Staatsregierung verweist in ihrer Antwort auf das laufende Verfahren, dessen Ergebnis abgewartet werden müsse. Die Vorfälle stünden laut Rückmeldung der Heimaufsicht „wohl in keinem Zusammenhang mit der religiösen Ausrichtung des Trägers„.
04./05.05.2026: Erstmals greifen Medien aus dem christlichen Umfeld die Vorgänge auf: Die evangelikalen Magazine pro und Idea (hier und hier) berichten über die Vorgänge und die Kritik von Mission Freedom an dem behördlichen Vorgehen.
Gegenüber Idea teilt der Verein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) – einem Bündnis von knapp 40 Organisationen, bei dem auch Mission Freedom Mitglied und in dessem Vorstand Gaby Wentland vertreten ist – mit, Wentland lasse ihr Vorstandstätigkeit bei ggmh bis zur Klärung der aktuellen Vorwürfe ruhen.
05.05.2026: Mission Freedom ergänzt auf seiner Webseite die Stellungnahmezum Haus SeeNest durch ein knappes Update: „Aufgrund der weiteren Entwicklungen wurde der Betrieb eingestellt. Der Träger wird zudem keine weiteren rechtlichen Schritte mehr verfolgen.„
10.05.2026: Durch Beschluss des Amtsgerichts Hamburg (67c IN 195/26) wird für die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt.
11.05.2026: Auf Anfrage bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Kempten erfährt FundiWatch, dass diese ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener eingeleitet hat. Aktuell werde gegen eine Person ermittelt. Das Ermittlungsverfahren wurde laut Staatsanwaltschaft „auf Grund des Ergebnisses geführter Vorermittlungen eingeleitet, welches im Zusammenhang mit der Presseberichterstattung über die Inobhutnahme von Kindern im Haus SeeNest geführt wurde.“
12.05.2026: Eine dpa-Mitteilung, die u.a. von der Zeit und weiteren Medien wiedergegeben wird berichtet über die Vorgänge im Haus SeeNest und die Einleitung des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens gegen die Heimleitung. Die Wohnung einer beschuldigten Person sowie die Einrichtung selbst seien durchsucht worden.
Am gleichen Tag teilt die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg (KJF) gegenüber FundiWatch mit, dass die KJF den mit Mission Freedom bestehenden Mietvertrag über das Haus SeeNest nach den Inobhutnahmen fristlos gekündigt habe.
21.05.2026: Auf Anforderung beim Verwaltungsgericht Augsburg erhält FundiWatch die bereits erwähnte Gerichtsentscheidung vom 13.04.2026 zum Sofortvollzug des Tätigkeitsverbots gegen die Heimleitung übersendet. In der Entscheidung werden erschütternde Behandlungsmethoden geschildert. Aus der Entscheidung geht zudem hervor, dass die Handlungen offenbar unter Mitwirkung verschiedener Mitarbeitender vorgenommen wurden und sich offenbar über einen längeren Zeitraum zugetragen haben.
FundiWatch weist verschiedene Medien auf die Gerichtsentscheidung hin, was in den nächsten Tagen u.a. von der Süddeutschen Zeitung, dem Bayerischen Rundfunk und der Allgäuer Zeitung in Berichten über den Inhalt des Gerichtsbeschlusses aufgegriffen wird.
28.05.2026: Das Hamburger Abendblatt berichtet, dass die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH Insolvenzangemeldet habe und geht ausführlich auf die Hintergründe der Vorgänge ein. Die Regierung von Schwaben habe gegenüber der Zeitung mitgeteilt, einen etwaigen Widerruf der Betriebserlaubnis für das Haus SeeNest nun abschließend geprüft zu haben und jetzt zu beabsichtigen, die Erlaubnis zu widerrufen. Die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH habe angekündigt, die Erlaubnis „zurückzugeben“. Eine Sprecherin von Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) habe mitgeteilt, dass Gaby Wentland ihr dortiges Vorstandsamt niedergelegt habe.
Nach Recherchen von FundiWatch wird Gaby Wentland auf der Webseite von ggmh tatsächlich nicht mehr als Mitglied des Vorstands gelistet. Mission Freedom selbst wird hingegen weiterhin als Mitgliedorganisation von ggmh geführt. Das Titelbild der Seite zeigt Wentland weiterhin gemeinsam mit den weiteren Vorstandsmitgliedern Frank Heinrich (ehem. MdB, CDU), Gerhard Schönborn (Neustart e.V.), Heike Menzel-Kötz (Blickfeld Menschenhandel e.V.), Klaus Engelmohr (Augsburger / innen [sic!] gegen Menschenhandel) und Angela Fischer (Heilsarmee Deutschland).
29.05.2026: Die taz veröffentlicht zu den Vorgängen um das Haus SeeNest einen Kommentar der Redakteurin Eiken Bruhn unter dem Titel „Glaube an Jesus reicht nicht, um ein Kinderheim zu betreiben“. In dem Kommentar kritisiert Bruhn die Erteilung der Betriebserlaubnis für das Haus SeeNest im Hinblick auf bereits seit Jahren bekannte Kritik. Hierzu weist sie auch auf eine öffentliche Distanzierung von Mission Freedom seitens Hamburger Stellen hin und verweist dazu auf Berichte der taz bereits aus dem Jahr 2013.
01.06.2026: Der Fachverband Traumapädagogik e.V. teilt auf Anfrage von FundiWatch mit, man habe den Vorstandsbeschluss gefassst, die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH mit sofortiger Wirkung aus dem Fachverband auszuschließen. Zu unseren Nachfragen unter welchen Voraussetzungen eine Organisation aus dem Verband ausgeschlossen werden könne geht der Verband nicht näher ein, teilt jedoch mit, dass man zu internen Prozesse „in ständiger Reflexion und Weiterentwicklung und in dieser Hinsicht auch im Austausch im kooperierenden Fachgesellschaften“ sei.
03.06.2026: Die Webseite 2mind.org mit christlichem Hintergrund berichtet unter Bezugnahme auf einen aktuellen Newsletter von Mission Freedom: Mission Freedom habe darin mitgeteilt, einige „Veränderungen vorgenommen“ zu haben. So sei dem Haus SeeNest die Betriebserlaubnis entzogen worden und die pädagogische Leitung des Hauses sei freigestellt worden. Die verantwortliche Geschäftsführerin verlasse den Verein.
FundiWatch konnte diese Angaben bisher noch nicht überprüfen. Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH ist Inga Gerckens, die nach eigenen Angaben bereits seit 10 Jahren für Mission Freedom tätig ist und die dortigen „Schutzhäuser“ leitet.
Edit (13.06.): Der erwähnte Newsletter von Mission Freedom vom 31.05.2025 liegt FundiWatch mittlerweile vor. Tatsächlich heißt es in dem Newsletter – in dem auch über den Freiheit Kongress berichtet wird – unter der Überschrift „Wir nehmen einige Veränderungen vor“: Gaby Wentland habe im Januar 2026 Rückmeldungen ehemaliger Mitarbeitender zur pädagogischen Leitung im Haus SeeNest erreicht. Diese seien „verantwortungsvoll an die Regierung von Schwaben weitergegeben“ worden. Anschließend seien verschiedene behördliche Schritte eingeleitet worden. Trotz des eigenen „Einsatzes“ und eines eingelegten Widerspruchs seien die Entscheidungen der Regierung von Schwaben bestehen geblieben. Schließlich seien die Inobhutnahmen erfolgt und kurz darauf die Genehmigung zum Betrieb der Einrichtung „entzogen“ worden. Die Entwicklung bewege Mission Freedom sehr. Gleichzeitig blicke man „dankbar auf alles, was im Haus SeeNest mit Herz, Einsatz und Hingabe aufgebaut wurde“. Schließlich wird mitgeteilt, dass Inga Gerckens, die Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH und langjährige Leiterin der „Schutzhäuser“ von Mission Freedom sich Ende Juli „neuen beruflichen Wegen widmen“ werde. Mission Freedom wünsche Gerckens, deren Arbeit Mission Freedom „nachhaltig geprägt“ habe „alles Gute und viel Segen für Ihre Zukunft„. Mit Mission Freedom erlebe man seit 15 Jahren, wie „Gott Mission Freedom und leitet„. Man vertraue darauf, „dass Gottes Wirken weitergeht„. Gaby Wentland wolle künftig „besonders in die Ausbildung neuer Mitarbeiterinnen investieren, damit noch mehr betroffene Frauen kompetent, liebevoll und hoffnungsvoll begleitet werden können„.
Die Aussage, Gaby Wentland selbst sei im Januar von ehemaligen Mitarbeitenden auf Vorfälle hingewiesen worden und habe die Behörden informiert, widerspricht den bisherigen Äußerungen der Regierung von Schwaben und der eigenen Stellungnahme von Mission Freedom. In der Stellungnahme von Mission Freedom auf dessen Webseite heißt es: „Anfang Februar meldeten ehemalige Mitarbeitende angebliche Missstände direkt an die Aufsichtsbehörde, ohne zuvor das Gespräch mit der Einrichtungsleitung zu suchen.“
Auf Anfrage von FundiWatch bei der Regierung von Schwaben teilte diese mit, die Betriebserlaubnis sei nicht im engeren Sinne „entzogen“ worden. Da die Erlaubnis gebäudebezogen erteilt wurde, der Mietvertrag für das Haus SeeNest durch die Katholischen Jugendfürsorge der Diözese mittlerweile jedoch fristlos gewkündigt wurde, sei die Erlaubnis erloschen. Hierüber habe die Behörde am 03.06.2026 einen Feststellungsbescheid gegenüber der Trägerin erlassen. Unabhängig davon habe die Behörde bereits die Voraussetzungen für den Widerruf der erteilten Betriebserlaubnis abschließend geprüft und beabsichtigt, die Betriebserlaubnis zu widerrufen. Aufgrund des Erlöschens der Betriebserlaubnis bedürfe es des Widerrufs nun jedoch nicht mehr. Zum Tätigkeitsverbot gegen die pädagogische Heimleitung habe die Trägerin erklärt, das Verfahren derzeit wegen der angemeldeten Insolvenz der Trägerin Himmelsstürmer Deutschland gGmbH nicht weiterzuführen. Da die Behörde nicht davon ausgehe, dass die Trägerin das Widerspruchsverfahren wieder aufnehmen wird, sei insofern für die Regierung von Schwaben das Verfahren insgesamt abgeschlossen.
05.06.2026: Die Vorgänge im Haus SeeNest werden von Boulevard-Medien aufgegriffen: Die BILD-Zeitung berichtet über den Fall, zeigt vermeintliche Innenaufnahmen des Haus SeeNest und ein verfremdetes Bild der pädagogischen Leitung des SeeNest, die sich gegenüber der Zeitung nicht zu den Vorwürfen äußern wollte. Das Haus SeeNest mache mittlerweile einen verlassenen Eindruck, ein polizeiliches Sigel an der Eingangstür sei mittlerweile gebrochen. Nachbarn hätten berichtet, Mitarbeitende hätten tagelang Umzugskisten in ein Haus in der Nähe gebracht.
08.06.2026: Auf Anfrage von FundiWatch teilt die Diakonie Hamburg mit, dass ein satzungsgemäßes Verfahren zur Beendigung der Mitgliedschaft von Mission Freedom bei der Diakonie Hamburg eingeleitet wurde. Mission Freedom habe daraufhin im Zusammenhang einer Anhörung „ohne auf die Vorwürfe einzugehen“ seinerseits um Austritt aus dem Landesverband gebeten. Man habe sich nun auf eine einvernehmliche Aufhebung der Mitgliedschaft zum nächstmöglichen Zeitpunkt zum 30.06.2026 verständigt.
Auf Anfrage von Fundiwatch nimmt die Staatsanwaltschaft Kempten zum Stand der Ermittlungen Stellung: Die Staatsanwaltschaft habe „auf Grund der Presseberichterstattung Anfang Mai 2026“ zunächst ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet. Die Vorermittlungen führten zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen die (ehemalige) pädagogische Heimleiterin wegen des Anfangsverdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen. Die Ermittlungen dauern an. Auf Grund der bereits vorliegenden Ermittlungsergebnisse, Angaben von Zeugen und unter Berücksichtigung, dass die Heimleitung zum Zeitpunkt der Inobhutnahmen bereits nicht mehr in der Einrichtung tätig war, werde geprüft, ob die Ermittlungen gegen weitere Personen wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen von Amts wegen ausgeweitet werden müssen. Zudem prüfe die Staatsanwaltschaft auf Grund einer Anzeigeerstattung, „ob gegen angezeigte Personen ein Anfangsverdacht strafbaren Handelns besteht und ob Ermittlungen einzuleiten sind„. Die Frage von FundiWatch, ob die Staatsanwaltschaft – statt von den Vorgängen aus der Presse zu erfahren – erwartet oder sich gewünscht hätte, hierüber durch die Regierung von Schwaben oder das Jugendamt Oberallgäu informiert zu werden, könne die Staatsanwaltschaft nicht beantworten, da „es nicht Aufgabe der Staatsanwaltschaft ist dies zu kommentieren„.
Die Aktion Mensch, die die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH als Träger des Haus SeeNest gefördert hat, teilt auf Anfrage von FundiWatch mit, dass nicht ausgezahlte Mittel derzeit nicht weiter ausgezahlt werden. Bereits nach öffentlicher Kritik an der Erteilung der Betriebserlaubnis hatte man eine Vor-Ort-Besichtigung der Einrichtung durchgeführt. Dabei seien „einzelne Aspekte vertieft betrachtet und im weiteren Verlauf aufmerksam begleitet“ worden. Zum damaligen Zeitpunkt hätten jedoch keine belastbaren Erkenntnisse vorgelegen, „die eine Beendigung der Förderung auf rechtlich tragfähiger Grundlage gerechtfertigt hätten„. Gleichwohl hatte sich Aktion Mensch im Anschluss mit der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH darauf verständigt, dass Fördersigel der Aktion Mensch von der Homepage der Himmensstürmer zu entfernen. Die Förderung selbst wurde jedoch fortgeführt. Eine wesentliche Veränderung der Sachlage habe sich erst im Frühjahr 2026 durch Maßnahmen der zuständigen Behörden im Zusammenhang mit den Inobhutnahmen ergeben. Vor diesem Hintergrund habe man unverzüglich reagiert. Nun sei der Träger gesperrt, und etwaige weitere Schritte – einschließlich möglicher Rückforderungen – würden aktuell rechtlich geprüft.
10.06.2026: RTL berichtet über die Vorwürfe gegen das Haus SeeNest sowie die Kritik an Mission Freedom und interviewt Matthias von FundiWatch, der bereits seit langem zu dem Verein recherchiert. Bei der Ausstrahlung bei RTL Punkt 12 wurde noch ein Predigtausschnitt von Gaby Wentland gezeigt, in dem sie über den Satan predigt und empfiehlt, keine Medien mehr zu konsumieren (ist in der Mediatheksfassung nicht mehr enthalten). Die Aussage von Matthias zu den Befreiungsdiensten bezog sich insbesondere auf den Befreiungsdienst SOZO, in dem sich Gaby Wentland und die Geschäftsführerin der Himmesstürmer Deutschland gGmbH haben schulen lassen. Ob diese Praxis tatsächlich im Haus SeeNest angewendet wurde, ist uns nicht bekannt.
21.06.2026: Auch wenn Mission Freedom e.V. und Gaby Wentland sich öffentlich weiterhin nicht zu den Vorwürfen äußern: ihre öffentlichen Auftritte und Predigten setzt Gaby Wentland fort. So auch beim „Humility Month“ der Freikirche International Christian Fellowship (ICF)in Reutlingen. Dort predigt Wentland über Dämonen und böse Geister, die insbesondere auch Kindern und Jugendlichen in den Medien drohen würden und sie besetzten könnten. Wortreich schildert Wentland, wie sie einer Frau in einem Schutzhaus von Mission Freedom Dämonen ausgetrieben habe – erst den Dämon Baal, dann die Dämonin Astarte…
25.06.2026: Die Allgäuer Zeitung berichtet (PW), dass die Staatsanwaltschaft das zunächst ausschließlich gegen die pädagogische Heimleitung des Haus SeeNest eingeleitete Ermittlungsverfahren auf drei weitere Mitarbeiterinnen der Einrichtung ausgeweitet hat. Auch bei diesen gehe es um den Anfangsverdacht der Misshandlung von Schutzbefohlenenen. Die Ermittlungen laufen noch.
08.07.2026: Laut Bekanntmachung im Handelsregister wurde mit Beschluss des Amtsgerichts Hamburg (67c IN 195/26) vom 01.07.2026 über das Vermögen der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH das Insolvenzverfahren eröffnet. Die Gesellschaft ist nun aufgelöst.
15.07.2026: Auf Anfrage von FundiWatch zur Mitgliedschaft von Mission Freedom im Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh)verweist ggmh auf eine Stellungnahme vom 08.07.2026, die nun auch auf dessen Homepage veröffentlicht ist. Demnach sei man vor dem Hintegrund der aktuellen Entwicklungen zu dem Ergebnis gelangt, dass „in wesentlichen Fragen des Vertrauens, der fachlichen Verantwortung und der Bewertung der aktuellen Entwicklungen keine gemeinsame Grundlage für eine weitere Mitgliedschaft“ mehr bestand. Man habe daher „eine geordnete Beendigung der Mitgliedschaft für den verantwortlichen Weg gehalten„. Mission Freedom habe daraufhin den Austritt aus dem Bündnis ggmh erklärt.
Auf unsere weiteren Fragen, welche Schlussfolgerungen und Konsequenzen ggmh für die Mitgliedschaftsvoraussetzungen bzw. einen Ausschluss von Mitgliedsorganisationen im Hinblick auf den „Fall Misson Freedom“ für die Zukunft zieht, geht ggmh nicht ein. Ebenso wenig auf die Frage, wie man damit umgehe, dass ggmh weiterhin auf der Webseite von Mission Freedom als Partnerorganisation aufgeführt ist.
18.07.2026: Auf Social Media Accounts von Mission Freedom wird ein Beitrag veröffentlicht, in dem sich das „bisherige Social-Media-Team“ von Mission Freedom verabschiedet. Künftig werde der Kanal „von neuen Kolleginnen weitergeführt„. Der Verein bleibe bestehen, aber es werde neue Mitarbeiterinnen geben, sowohl auf den Social Media-Kanälen als auch in den Büros von Mission Freedom.
Kurz zuvor veröffentlicht Gaby Wentland auf ihrem Youtube-Kanal ein neues Video unter dem Titel „Könige und Priester„. Darin erwähnt sie, ihr Leben sei gerade nicht einfach gewesen, aber sie habe dann alles Gott übergeben. Er habe ihr nun seinen Plan offenbart und es gehe ihr richtig gut, denn: „Er [Gott, d. Verf.] sortiert Menschen, er sortiert Umstände, er sortiert raus. Er nimmt Menschen weg von dir. Das ist sein Plan, damit neue Menschen zu dir kommen dürfen, die er wieder geplant hat.„
Der Verein Hope e.V. sowie dessen erste Vorsitzende und Gründerin Katja Ryzak praktizieren einen Glauben an den Teufel, Dämonen und sexuell unreine Geister. Hauptsächlich missioniert der Verein mit einem Heilsversprechen unter Sexarbeiter*innen. Doch das zweite Standbein des Vereins bilden vermeintliche Präventionsworkshops an Schulen, die vorgeblich über Loverboys und Pornografie aufklären. Aktuell wiegelt Hope e.V. Menschen durch verstörende Clips in den Sozialen Medien mittels Desinformation und Ragebait auf, freilich ohne Belege oder Quellen zu liefern. Hope e.V. richtet seine Präventions-Workshops an Schulen bereits an Kinder ab der 4. Klasse.
Wir fordern insbesondere Behörden, Schulen und Eltern auf, sich mit dem hier vorliegenden Material zu beschäftigen. In unseren Augen arbeitet Hope e.V. unseriös und bringt seine Zielgruppe auf vielerlei Hinsicht in Gefahren.
Alles begann mit der folgenden Botschaft von Jesus an Katja Ryzak: „Jesus sagte einfach random zu mir im Gebet, geh` ins Internet und informiere dich über Menschenhandel.“ So sagt sie es im Videopodcast „Furchtloses Zeugnis“ von Michael Neumann, um den es später noch einmal gehen wird. Ryzak glaubt im Auftrag Gottes zu handeln. Der von ihr gegründete Verein Hope e.V. ist ein christliches Missions-Projekt, fest verankert in einer baden-württembergischen Freikirche.
Wer ist Hope e.V.?
Gegründet wurde Hope e.V. mit heutigem Sitz in Bretzfeld (Baden-Württemberg) nach eigenen Angaben 2013 und agiert seit 2017 als eingetragener Verein, bestehend heute aus zwei Vorständen und 19 Mitgliedern. Der Verein betreibt u.a. Streetwork im „Rotlichtmilieu“ und begleitet beim „Ausstieg aus der Prostitution“. Zudem ist Hope e.V. Mitglied im hier schon mehrfach erwähnten Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. (ggmh) und dem European Freedom Network. Als (offenbar besonders eng) kooperierende Organisationen werden auf der Homepage neben ggmh die Vereine Mission Freedom, Perlentor, Freiheits-Stil und light-up Germany genannt – abgesehen von light-up alle ebenfalls Mitglied bei ggmh. Erst seit Neuestem wird Mission Freedom e.V. dort nicht mehr genannt. Einen Transparenzhinweis über den Ausschluss (?) von MF konnten wir bisher nicht finden. Das Netzwerk veranstaltet „Walks for freedom„, an dem sich auch Teamangehörige von Hope e.V. beteiligen, wie aus einer Socialmedia-Auswertung hervorgeht.
In den letzten Wochen erzielte Hope e.V. durch stark zugespitzte und aufwiegelnde Video-Clips große Reichweiten auf den Plattformen YouTube, TikTok und Instagram. Zeitgleich wurde bekannt, dass der SWR vor Kurzem mit Hope e.V. drehte. Also ist absehbar, dass Ryzak und Hope e.V. demnächst medial präsent sein werden. Leider befürchten wir, dass somit ein neuer Tiefpunkt unkritischer Berichterstattung über christlichen Fundamentalismus bevorsteht.
Bevor wichtige Informationen ungesagt bleiben, berichten wir also selbst über Hope e.V. und sein Netzwerk.
Wer ist also Katja Ryzak und der von ihr gegründete Verein Hope? Was hat der Verein mit dem Glauben an Wunder und Dämonen oder den „Geist des Todes“ zu tun? Und warum beurteilen wir das als tendenziell gruppenbezogen menschenfeindlich?
Quelle: Instagram von Anne Klein, aktiv bei Hope e.V., https://www.instagram.com/anna_klein_93/
Als wir in die Recherche eingestiegen sind, war uns bei FundiWatch nicht klar, welches haarsträubende Geflecht aus Dämonenaustreibungen, „Mentoring“ und „Prävention für Schulkinder“ wir aufdecken würden. Mehrere Personen aus dem Verein Hope e.V. konnten wir in direkte Verbindung mit sog. Befreiungsdiensten und „Mentoring“ bringen. Darüber hinaus mussten wir feststellen, dass Hope e.V. ernüchternde Ansichten über Therapie und zivilgesellschaftliche Intervention gegen patriarchale und sexualisierte Gewalt verbreitet. Hope e.V.’s Inhalte strotzen nur so von Sexarbeitsfeindlichkeit, Transfeindlichkeit und immenser Einseitigkeit.
An dieser Stelle eine Triggerwarnung: Wenn Du selbst betroffen von sexualisierter Gewalt bist, überleg‘ Dir bitte gut, ob dieser Text gerade die richtige Lektüre für Dich ist. Ebenso weisen wir daraufhin, dass Hope‘s Schilderungen teilweise explizit und gewaltvoll sind und Deine Gefühle verletzen können. Falls Du spirituellen Missbrauch erlebt hast, pass‘ bitte besonders auf Dich auf.
Die eigene Biografie als Beleg für „normal“
Katja Ryzak betont, wie eng verbunden ihre persönliche Missbrauchsgeschichte mit Hope e.V. ist. Sie äußert das, oft wortgleich, in den allermeisten Formaten, die von ihr bekannt sind. Sie sei als Kind über Jahre betroffen von sexualisierter Gewalt im Umkreis der eigenen Familie, genauer gesagt im freundschaftlichen Umfeld der Eltern gewesen. Ryzak rutschte nach eigener Aussage als Jugendliche ins „Punk-Milieu“ ab. Ihr Zustand verschlechterte sich immer weiter, Therapien und ein Klinikaufenthalt folgten.
Ryzaks anschauliche Schilderungen enthalten Wertungen wie „ungesund“ oder „abrutschen“ – ein Grundrezept, das uns in christlich-fundamentalistischen Milieus immer wieder begegnet. Begriffe wie diese stehen für einen fest etablierten Wertekanon, dessen konkrete Inhalte aber in der Regel nicht transparent gemacht wird. Stilmittel wie diese sind ein Grund unter vielen, weswegen wir Hope e.V. als Missions-Projekt und nicht als sozialarbeiterisches oder pädagogisches Angebot beurteilen.
Während die professionelle Soziale Arbeit nur selten einzelne Beratungsfälle in der Öffentlichkeit diskutiert und Verallgemeinerungen und persönliche Wertungen aus berufsethischen Gründen eher vermeidet, macht Hope e.V. das exakte Gegenteil.
Religiös wiedererweckt
Anekdotische und biografische Episoden werden bei Ryzak zum Normalfall. Sie verknüpft sie darüber hinaus mit einem umfassenden Heilsversprechen. In Katja Ryzaks Biografie war das so: Während des Klinik-Aufenthalt erhält sie Besuch von Jugendlichen aus ihrer Gemeinde, der JES Kirche in der Nähe von Heilbronn in Baden-Württemberg. Dieser Besuch führt zur religiösen Wiedererweckung der jungen Erwachsenen. Infolgedessen kehrt Ryzak der „ungesunden“ Punk-Szene den Rücken und in den heimeligen Schoß der Gemeinde ihrer Kindheit zurück. Das mag Ryzak genau so erlebt haben, doch viele Menschen betrachten auch Subkulturen oder Communities als emotionales Zuhause und daran ist per se erst einmal nichts auszusetzen. Es verrät aber etwas über den Wertekanon von Hope e.V. und Ryzak, wie sie es erzählt.
Ryzak spricht nie absichtslos über sich oder ihre Biografie, sondern thematisiert stattdessen Hope e.V., und damit verbundene Werte und Anliegen. Darin zeigt sich ein typischer Dualismus aus falsch – richtig, gesund – krank, heil(ig) – dämonisch. Derartiger Dualismus kann auch ein Marker für Verschwörungserzählungen und religiösen Extremismus sein.
Katja Ryzak glaubt an das Konzept eines rettenden, sprechenden und eingreifenden Gottes. Und sie hält sich für ein Instrument dieses Gottes. Durchaus dubiose Praktiken, wie Dämonenbefreiung, geschlossene, nur aus ultra-religiösen Organisationen bestehende Netzwerke sowie moralische Überwältigung können daraus folgen. Daraus können leicht gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Ressentiments entstehen.
„Tief in die Scheiße“ als Bekehrung
Hope e.V. eignet sich hervorragend um eine wachsende Szene aus christlich-fundamentalistischen Missionar*innen zu illustrieren. Diese Szene nutzt mitunter Begriffe oder Praktiken der professionellen Sozialen Arbeit oder Pädagogik als Vehikel für ihre Raumnahme in einer säkularen Gesellschaft. Sie präsentiert sich mittels (semi-)professioneller Öffentlichkeitsarbeit, abgestimmt auf Plattformlogiken.
Ultrakonservative Sexualmoral, Missionierung und Autoritarismus beherrschen die Einstellungen solcher Projekte, Vereine und Organisationen. Krasse Gewalt und Unrecht werden dort oft als (notwendige) Lernkurve einer Rettung inszeniert:
„Aber ich weiß, manche Frauen müssen noch mal so tief in die Scheiße, müssen noch mal leider so richtig Kacke erleben“ (bevor sie das Angebot von Hope e.V. annehmen, Anm. d. A.)“,
Dieser Satz formuliert alternativlose Zwangsläufigkeit, präsentiert Ausstieg im christlich-fundamentalistischem Schutzhaus als einzige Lösung im Einklang mit Gott. Nur eine Frage der Zeit, bis alle das erkennen (/s).
Stimmen im Kopf
Gewalt und Missbrauch werden als Kulisse für das Erkennen von Jesus und Rechtgläubigkeit vorgestellt – und normalisiert. Sexarbeit, sowohl als aktives Angebot oder als passive Nutzung, ist Ryzaks Überzeugung zufolge eine Einflüsterung dämonischer Mächte oder des Teufels, also des „Feindes“. Sich frei dazu entscheiden – ausgeschlossen.
Die Implikationen solcher Konzepte machen nicht bei sexueller Zwangsarbeit, Menschenhandel oder freiwilliger Sexarbeit Halt. Im Grunde kann so jede (sexualisierte) Grenzüberschreitung als Versuchung des Teufels umgedeutet werden – Abhilfe schafft demnach dann der rechte Glauben.
Kein Wunder, dass Autor*innen mit christlich-fundamentalistischer Biografie, wie z.B. Nana Myrrhe, von einer tief verwurzelten rape culture in entsprechenden Gemeinden sprechen. Eine „aufreizend“ gekleidete Person, „unkeusches“ Verhalten, der Konsum von Pornos oder auch Selbstbefriedigung sind dämonische Versuchungen, kommen also vom „Geist des Todes“. Mündiger Umgang mit diesen Themen? Unmöglich!
Täterpersonen begehen demnach zwar den Übergriff, aber der Übergriff selbst kommt vom Teufel, und stellt eine Einflüsterung sexuell unreiner Mächte dar. Daraus entsteht eine Verantwortungsverschiebung von mündigen Menschen hin zu einem allmächtigen Gott im Widerstreit mit finsteren dämonischen Mächten.
Das ist auch der Grund, wieso wir so oft „geläuterte“ Täterpersonen in solchen Communities zu sehen bekommen. Geschichten der Umkehr sind eine logische Konsequenz aus dem Widerstreit gut gegen Böse. Strukturelle Themen dagegen werden vermieden.
An den Platz menschengemachter gesellschaftlicher Veränderung wie dem Abbau von Ungleichheit, Hierarchien, Gewalt und Ausbeutung tritt der Kampf zwischen Satan und Gott. Statt umfassende Veränderungen vorzunehmen, reicht es, persönlich „lebendig“ zu glauben und „Jesus zu kennen“. Kein Wunder, dass Projekte, wie Hope e.V., Mission Freedom e.V. oder auch ihr Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. keinerlei Interesse an echter struktureller gesellschaftlicher Veränderung haben, sondern sich auf „Rettung“ beschränken. Frauen aus der „Prostitution“ retten, Kinder vor Pornografie bewahren ist deren Alternative für den Abbau patriarchaler Gewalt durch Gleichstellung, Beteiligung und gleiche Rechte aller Menschen. Bevormundung und moralische Überwältigung ersetzt den informierten Umgang mit Medien und das Erlernen von konsensueller Intimität.
Welche weitreichende Folgen über die Themenkomplexe Sexarbeit und Menschenhandel hinaus solche Ansichten haben können, zeigt sich, wenn Ryzak, Nelli G.-W. oder deren Tochter Delia dieses Konzept auch auf Vergewaltigungen oder tiefe persönliche Krisen übertragen.
Nelli G.-W. und Delia W. sind mutmaßlich beide bei Hope e.V. aktiv. Nelli G.-W. spricht in einigen der jüngsten Kurz-Videos über Schulbesuche, und bezeichnet sich darin selbst „Lehrerin und Referentin für Präventionsarbeit“.
Nelli G.-W. wurde laut eigenen Schilderungen infolge einer Vergewaltigung schwanger. Tochter Delia litt in der Folge unter psychischen Problemen, wurde suizidal. Durch den „wahren Glauben“ besiegten beide die Dämonen und sind nun als Heilungs-Botschafterinnen im charismatischen Spektrum unterwegs. Auf ihrem Instagram-Kanal teilt Nelli G.-W. äußerst verstörende Videos, von vor laufender Kamera durchgeführten Exorzismen – eine junge Frau wird von ihr auf dem Boden festgehalten und schreit. Erneut: Nelli, also die ausführende Person, tritt für Hope e.V. „als Lehrerin und Referentin“ an Schulen auf.
Quelle: Instagram Nelli G.-W., https://www.instagram.com/ganzheitlich.gesund.nelli/
Welche Risiken beinhaltet solche als Präventionsarbeit maskierte Missionsarbeit?
Nelli und Delia G. sind auch Ryzaks Gemeinde, der JES Kirche verbunden. Nelli trat dort erst kürzlich iauf einer „Kokon-Nights“ auf. Dabei handelt es sich um ein an Frauen gerichteten Event der Haupt-Pastorin Svenja Gerasch, die ebenfalls bei Hope e.V. aktiv ist. Auch der christliche Sender ERF hat Mutter und Tochter schon interviewt.
Die beiden offerieren das Mentoringprogramm „Metanoia“, Kostenpunkt 2000 € für 9 Monate- welches eine 2-stündige Gruppenvideokonferenz pro Woche umfasst. Jesus und der Heilige Geist spielen in diesem Mentoringprogramm für Heilung die zentrale Rolle. Auf der Homepage heißt es: „METANOIA ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Dieses Mentoring befähigt dich, in Eigenverantwortung zu wachsen und aus der Führung des Heiligen Geistes heraus deinen Weg zu gehen – ohne Abhängigkeit, sondern nachhaltig und selbstständig.“ Zusätzliche 1:1 Betreuung kann jederzeit hinzugebucht werden. Ein Impressum suchten wir auf der Homepage vergeblich. By the way, Delias Fotos auf der Metanoia-Homepage kamen uns bekannt vor, dazu später mehr.
Dämonen im Klassenzimmer?
Wenn Katja Ryzak immer wieder wiederholt: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“ – dann meint sie das wörtlich. Ist die sogenannte Präventionsarbeit von Hope e.V. also im Grunde Mission? Wenn dies zutrifft, dann wäre dies ein grundlegend anderes Verständnis von sexueller Bildung, Prävention und Medienkompetenz, als gemeinhin an Schulen vermittelt wird und werden sollte.
Hope e.V. besucht nach eigenen Angaben regelmäßig Schulklassen ab der 4. Jahrgangsstufe. Wir gehen davon aus, dass das Hope-Team dabei nicht in den Religionsunterricht eingeladen wird, als Beispiel für pfingstlich-charismatische Mission. Stattdessen nimmt das Team für sich in Anspruch relevante Präventionsarbeit zu wichtigen Themen wie Sexualität, Loverboys und Pornografie durchzuführen.
Wir fragen uns und Euch, kann das zutreffen? Nochmal: Hope e.V. zufolge entsteht Heilung aufgrund von rechtem, lebendigem Glauben. Welche Konsequenzen hat diese Sichtweise für nicht-christliche Schüler*innen? Ryzak sagt in einem Interview vor wenigen Wochen, Gott heile mehr, als Menschen es vermögen. Heißt das im Umkehrschluss, ohne Glauben keine „wahre“ Heilung?
Der Glauben an einen Gott diametral entgegengesetzten „Geist des Todes“, Jezebel oder den „Feind“ überstrahlt in Ryzaks Ausführungen alle gängigen Methoden, wie z.B. Therapien, gesellschaftliche Veränderungen oder soziale Interventionen gegen Gewalt. Patriarchale Gewalt würde demnach nicht durch Gleichstellung überwunden, sondern durch Befreiung von dämonischen Geistern, Hexerei und Okkultismus. Nochmal die Frage: Was daran ist Prävention oder Aufklärung?
Der Kampf gegen Porno ist ein Kampf gegen „unreine sexuelle Geister“
Jezebel wirkt, Ryzaks Überzeugungen nach, als „unreiner sexueller Geist“ in Pornografie, Verführung, „Sexsucht“ und „perversen“ Sexpraktiken. Der Konsum von Pornografie „kläre Kinder auf“ und mache aus ihnen später im Leben Sexkäufer. Was für ein Verständnis von Aufklärung postuliert Ryzak da?
Hope e.V. kämpft nicht allein gegen Pornografie. Beispielsweise Ingeborg Kraus, umtriebige Aktivistin gegen das Selbstbestimmungsgesetz und Sexarbeit, begreift Pornografie als „gefilmte Prostitution“. Pornografie wird so als Übel begriffen und als unmittelbar mit Pornos verbunden dargestellt.
Ryzaks und Kraus‘ Auffassung der Wirkweise beider „Übel“ liegt also gar nicht weit auseinander. Ryzak steht für eine ultrareligiöse charismatisch-pfingstlerische Perspektive, Kraus für einen beträchtlichen Teil der Frauen-RECHTS-Bewegung. Für beide ist Pornografie „Zerbruch“ und das „Wirken des Feinds“. Nur wer der „Feind“ ist, darüber mögen die Ansichten auseinandergehen. Auf diese Weise erklärt sich, wieso Frauen-RECHTS-Bewegung und hochreligiöse christliche Fundis bei Themen wie Sexarbeit, Menschenhandel und Porno oft Hand in Hand zusammenarbeiten.
„Neulich im Bordell“ … es war einmal
Auf Facebook unterhielt Hope e.V. bereits erfolglos die Beitragsreihe „Neulich im Rotlichtmilieu“. Seit einigen Wochen flutet der Verein nun die Sozialen Medien und YouTube mit verstörenden Kurzfilmen. Diese Filmchen erhalten viele Likes und Aufrufe, auch von Leuten, die sich einiges auf ihre „Wissenschaftlichkeit“ einbilden.
Hope e.V. gibt in diesen Clips vermeintliche Geschichten aus dem „Rotlichtmilieu“ zum Besten. Dort verleihen Ryzak und Team unverhohlen ihrem Ekel und Verachtung für Sexarbeit, Bordelle und Pornografie Ausdruck. Sie schwingen sich zum Sprachrohr angeblicher Betroffener auf, von denen aber in den Videos – abgesehen stummer (KI-animierter?) Einblendungen – nichts zu sehen ist. Plattformalgorithmen lieben und belohnen krasse Emotionen, Empörung und Wut. Und gerade deswegen müssen wir über Hope e.V. sprechen.
Plattformlogiken & Krise in Journalismus und Politik
Diese Clips erregen neben viel Zustimmung auch Widerspruch. Die Aneignung von Betroffenen, unseriöse Praktiken sowie der SeeNest-Skandal im Netzwerk von Hope e.V. werden diskutiert. Doch Hope e.V. macht sich leider die durch Fälle wie Epstein und Collien Fernandes aufgewühlte Stimmung zu Nutze, um Reichweite zu erzielen.
Sexarbeit und sexuelle Zwangsarbeit unterliegen komplexen sozialen, politischen und moralischen Bedingungen. Sowohl Journalismus als auch Politik sind angesichts der Komplexität dieser Themen oft überfordert. Je tiefer die gesellschaftliche Krise oder je höher die Komplexität, desto besser verfangen Hörensagen, gefühlte Wahrheiten und Skandalisierung, gerade bei leicht verhetzbaren Themen. Leider.
Das Publikum auf den genannten Plattformen konsumiert den Content von Hope e.V. bereitwillig, denn er erlöst es von Komplexität und Widersprüchlichkeit. Dieser Clickbait verfängt, weil viele denken mögen: Endlich redet mal jemand offen, wir haben es doch schon immer geahnt. Für all jene: Die Situation ist weitaus komplizierter als die Hope-Schreihälse sie darstellen.
Doch in einem Feld, in dem kriminalitätsbezogene Medienbeiträge und stürmische Meinungsbeiträge dominieren, sind solche Filmchen verheerend. Dies gilt umso mehr, weil Medienschaffende seit Jahren versäumen, die Hintergründe derer zu recherchieren, die von Skandalen, Moralpaniken und Empörungsspiralen profitieren. Wenn solche Personen und Organisationen dann als „Expert*innen“ in Formaten sitzen, schließt sich ein Kreis aus Desinformation, Vereinfachung und Clickbait.
Wenn es nur so einfach wäre: Alles Gewalt im „Rotlicht“, also „weg damit“. Und genau das fordern dann unseriöse und selbstgerechte Missionar*innen und andere Eiferer.
Noch eine letzte Frage: Wäre es vorstellbar, Mitarbeitende aus professionellen Beratungsstellen in solchen Clips zu sehen? Wohl kaum!
Hope e.V. und andere betrachten sich also als von Gott installierte Retter*innen. Sie weisen andere Sichtweisen und Auffassungen, auch wenn diese wissenschaftlich gut belegt sind, weit von sich und sehen sich durch ihren Glauben legitimiert. Wer ihnen nicht zustimmt, den hat demzufolge der „Feind“ (Teufel/Patriarchat/das Böse) ergriffen.
Nun ein harter Cut. Eine Person mit langen dunklen Haaren und markanter Ponyfrisur sitzt auf einem Stuhl und schreit mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera:
„Freiwillig. Keiner macht das freiwillig. Und wenn andere Frauen Dir das erzählen, dann glaub ihnen nicht. (…) Sie lügen.“
Quelle: Youtube Hope e.V. , https://www.youtube.com/@hope-hoffnung/ Der Titel lässt ein Missverständnis entstehen: Anna Klein ist keine Sexarbeiter*in, soweit wir wissen.
Wer da so schreit? Das ist Anna Klein. Sie tritt regelmäßig in den Videos von Hope e.V. auf. Die Machart der Video-Clips ist immer gleich. Daher liegt nahe, dass sie aus einer Hand nach einem festen Konzept zumindest semi-professionell produziert wurden. Wieviel KI drinsteckt, darüber können wir bisher nur spekulieren. Das gleiche gilt für die Verwendung von Spendengeldern für die Erstellung solcher Filmchen.
Die aufgewühlt Schreiende aus dem Clip, Anna Klein, leitet auch die Gruppe „Mädelsarbeit“ (Mädels = gleich Frauen ab 20 Jahren!) der JES Gemeinde und sucht ebenfalls im Rahmen der Präventionsworkshops Schulen auf. Ja, wirklich. Im Bunde mit einer Exorzistin und einer die denkt, dass Missbrauch nur die Vorstufe von was Brauchbarem sei.
Zwischen der Machart dieser Clips und dem Marketing von JES Kirche, Ryzak und Hope e.V. liegen eigentlich Welten. Eigentlich dominiert das Image solcher Gemeinden wie der JES Kirche Kornfelder, Worshipbands, weiße Gewänder, Kerzenlicht, schwingende Röcke, im Wind wehende Haare. Mich persönlich erinnert manches Bild dort ja an die Ästhetik des rechtsextremen Frauenbundes Lukreta (s. Hyperlinks ), aber das nur als persönliche Randbemerkung. Die Fotos von Delia auf der Metanoia-Mentoringseite könnten sehr gut im Rahmen des Kornfeld-Fotoshooting für Hope e.V. entstanden sein.
Anna Klein tritt bei Facebook auch als Hope e.V. Kalendergirl (s.o.) in Erscheinung. Eine Person – zwei Gesichter.
Anna, Katja und Nelli erzählen aus dem „Wohnzimmer des Teufels“
Anna Klein, Katja Ryzak, Nelli G.-W. oder Carina Scheifele schildern in den Hope-Filmchen angebliche Begebenheiten aus der „aufsuchenden Arbeit“. In die Erzählungen hineinmontiert sind klischeehafte Filmsequenzen: Kamerafahrten über nasse, in bunte Lichter getauchte, nächtliche Straßenzüge, rot beleuchtete Innenräume mit sexualisierten Bildern junger cis-Frauen, die mutmaßlich Szenen aus Pornos oder Bordellen wiedergeben sollen. Solche Clips dienen dazu, eine moralische Panik zu schüren und die Zielgruppe aufzuwiegeln.
Die Argumente von Hope e.V. sind im Grunde schwach und äußerst subjektiv, daher setzen sie umso mehr auf Emotionen. Je finsterer die Geschichten aus dem Rotlicht, desto strahlender diejenigen, die sich auf der richtigen Seite wähnen.
Abgleiche mit Instagram-Profilen und ein Screening der Homepage der JES Kirche lieferten uns weitere Anhaltspunkte, wer alles bei Hope e.V. aktiv ist. Denn aus der Homepage von Hope e.V. geht das nicht hervor. Dort zeigt zwar ein Bild mehrere Menschen von hinten vor einem reifen Kornfeld (!), aber mehr auch nicht.
Die JES Kirche und die charismatisch-pfingstlerische Szene in Baden-Württemberg
Illustrationsbild, Quelle: Adrianna Geo auf Unsplash
Die JES Kirche ist eine Freikirche im Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden e.V. Letzterer ist Mitglied in der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF). Bei FundiWatch beschäftigen uns Gemeinden des Mülheimer Verbands immer wieder, zum Beispiel bei den Recherchen zu „Gemeinsam für Hamburg“ und Kneipenchrist Daniel Schmidt.
Die JES Kirche erlebte seit den 1990ern neuen Aufschwung und unterhält mehrere Standorte im Umkreis von Heilbronn. Neben der Mitgliedschaft im Mülheimer Verband ist sie auch Teil des Arbeitskreis Christlicher Kirchen (ACK). „Die Gemeinden des Mülheimer Verbund“ beschreibt die JES Kirche auf der Homepage „basieren auf einer evangelikal-charismatischen Theologie“. Weiterhin steht dort:
„Wir glauben, dass Gemeinde durch ihre Liebe die Gesellschaft im Sinne des Evangeliums verändern kann.“
Ihre Vision hat die JES Kirche auch in einem Imagefilm (Kornfelder!) veröffentlicht. Auch Katja Ryzak hat darin einen kurzen Auftritt. Dort heißt es unter Anderem:
Man träume „von einer Kirche
… in der das Wirken des Heiligen Geistes im täglichen Leben erfahrbar ist
… in der Gottes Wort praktisch und alltagsrelevant gelehrt und als Maßstab gelebt wird
(…)
… die Gesellschaft prägt“
Träumen ist erlaubt und von der Religionsfreiheit gedeckt. Was flapsig klingt, ist mehr als ein Spruch, sondern ehrliche Grundlage unserer Arbeit. Wir suchen nicht nach Fundi-Nerds, oder machen uns über solche lustig, verfolgen keine Christ*innen.
FundiWatch interveniert dort,
– wo Menschen unfreiwillig missioniert werden,
– sich nicht frei und aus eigenem Willen entscheiden können, weil sie in Zwangslagen sind,
– wenn Menschen durch einen verbindlich gesetzten Wertekatalog moralisch überwältigt werden, statt in Kenntnis unterschiedlicher Ansichten frei entscheiden zu dürfen
– wo Soziale Arbeit zur Waffe ultrakonservativer Glaubenspraxis wird und
– Konversionen stattfinden, aufgrund vager oder konkreter, jedoch nicht einlösbarer Heilsversprechen.
(Frei-)Kirche in Gesellschaft
Die JES Kirche ist eine evangelikale Freikirche wie viele andere auch. Alpha-Kurse, geschlechtergetrennte Freizeitangebote, das Angebot zumindest vordergründig modern und pastellfarben präsentiert. Uns springt die Ausrichtung auf Minderjährige und das Netzwerk, zum Beispiel mit der International Christian Fellowship (ICF) ins Auge.
Vor Kurzem haben wir über die geplante Anerkennung der ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe berichtet. Karlsruhe ist kein Einzelfall, ICF ist auch in Reutlingen vertreten, also im Einzugsgebiet von Hope e.V.. In der JES Kirche existiert ein Angebot namens „Empower – Mit Freude und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung“. Dort wird das gleichnamige Buch von Pastor Tobias Teichen (ICF München) gelesen. Auch Teichen befasst sich mit Sexualerziehung und unterstellt, dass Pornografie beziehungsunfähig mache.
Hope e.V., als Teil der JES Kirche, schwärmt zur Mission im Rotlicht in Künzelsau, Reutlingen (auch dort gibt es eine ICF) und Heilbronn aus. Netzwerk, das zählt in freikirchlichen, evangelikalen Gemeinden. Zeit für einen Blick auf das Netzwerk von Hope e.V.
JES und Hope e.V.
Katja Ryzak hat in der JES Kirche ihre „geistige Heimat“. Sie und Anna Klein, sowie Nelli und Delia tauchen in unterschiedlichen Funktionen auf der Homepage und den anderen Präsenzen der JES Kirche auf.
In Hope e.V. fließen auch der größte Anteil der Spendeneinnahmen der JES-Kirche, stolze 22,4% (Jahresbericht 2025: Gesamtspendenaufkommen ca. 676.000 €). Davon lässt sich schon einiges an aufwühlenden Filmchen produzieren. Auf der JES-Homepage steht, dass Katja Ryzak Hope e.V. „aus der JES heraus“ gründete. Auch Svenja Gerasch, die Ehefrau des Hauptpastoren Daniel Gerasch taucht immer wieder auf Bildern des Vereins auf.
Fall Sarah: Von Solwodi zu Mission Freedom e.V. und schließlich zu Hope e.V.
2022 erzählte eine „Sarah“ ihre Geschichte im Format Life Lion. In zwei Teilen erschien damals der Videopodcast mit „Sarah“ und kurz darauf ein „Faktencheck“ mit Katja Ryzak von Hope e.V. Aus diesem Format und einem Artikel auf idea geht hervor, dass SOLWODI Braunschweig „Sarah“ damals zunächst in ein Schutzhaus aufnahm, sie dann aber an Mission Freedom weitervermittelte. Nach mehreren misslungenen Umorientierungsversuchen landet Sarah schließlich bei Hope. Wer genau hinhört, lernt aus diesen beiden Berichten vieles über die Vorgehensweise von Fundis im Rotlichtmilieu. Kontakt halten, auch wenn die Person Abstand sucht, Weiterverweisung im eigenen Netzwerk, religiöse Heilsversprechen, Umdeutung von Erlebtem im Rahmen des charismatisch-pfingstlerischem Wertekatalog der Projekte.
Dieses System aus Weiterleitung erinnert an geschlossene Systeme, in denen die darin befindlichen Personen nicht mehr mit anderen Ansichten in Berührung kommen. Die genannten Vereine waren bis vor Kurzem bei Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. aktiv und bestreiten regelmäßig, dass freiwillige Sexarbeit mehr als eine Randerscheinung sei(n dürfe). Mission Freedom e.V. wird seit Neuestem nicht mehr unter den Mitgliedsorganisationen von ggmh gelistet. In jüngster Zeit tun sich diese Vereine durch Wissenschaftsfeindlichkeit hervor, indem sie den umfangreichen Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz in Zweifel ziehen. Dessen Ergebnisse zeigen ein anderes Bild, als diesen Organisationen gefällt.
Trigger me hardly: Schweiß & Gestank
In einem besonders stark geklickten Short auf YouTube spricht Ryzak über stinkende Sexkäufer, die schwitzen und eklige Sachen verlangen. Solcher Ragebait (emotionalisierende Tiraden) funktioniert nicht erst seit dem Fall Collien Fernandes und der Veröffentlichung der Epstein Files. Doch seitdem schwappt eine besonders hohe Welle der gerechtfertigten Wut über sexualisierte, patriarchale Gewalt durchs Land. Hope e.V. hat sich anscheinend dazu entschieden, sich diese Welle zunutze zu machen. Perfiderweise streben sie danach, die Wucht dieser Emotionen gegen Andersdenkende zu richten, die sich für mehr Rechte für Sexarbeiter*innen einsetzen. Ihnen könne man nicht glauben, Freiwilligkeit existiere nahezu nicht. Daher findet Ryzak krasse Worte des Ekels für Schweiß, Körpergerüche und Penetration. Das soll verstören und genau das ist auch das Prinzip der Wirkweise. Diese Clips sollen triggern.
Hope’s Netzwerk – gemeinsam gegen den „Feind“?
Flankiert werden die besagten Kurz-Videos von längeren Formaten. Wie eingangs schon kurz erwähnt, trat Katja Ryzak vor Kurzem zum Beispiel bei Markus Neumann („Furchtloses Zeugnis“ auf YouTube) auf. Mit glänzenden Augen lauscht dieser andächtig Ryzaks gewohnt auf Verstörung angelegten Schilderungen. Anderthalb Stunden tauschen die beiden sich über den „Feind“, den „Geist des Todes“ und über Befreiung aus. Auch von diesen längeren Video-Podcasts existieren kurze Zusammenschnitte, die ebenfalls derzeit die Plattformen fluten. Für ihre Ragebait-Offensive schreckt Hope e.V. auch vor Populismus, Desinformation und heftigen Anschuldigungen gegenüber Sexarbeitenden nicht zurück, wie wir gleich noch sehen werden.
Markus Neumann ist ein besonderer Fall. Sein Kanal “Furchtloses Zeugnis” kreist um Themen wie Okkultismus, Hexerei, Dämonen, den Teufel. Der Podcast mit Ryzak trägt den Titel “Im Wohnzimmer des Teufels”. In den Shownotes verlinkt er den “Miracle Club”, wo er auch schon selbst aufgetreten ist. Der Miracle Club ist kein Puff mit fragwürdigem Namen, sondern ein Ort für Exorzismen, mitten in Baden-Württemberg.
„Wir sind eine freie christliche Gemeinde in Stuttgart, Bad Cannstatt. Und wir glauben an Wunder.“
„Wir verstehen uns als Trainingscenter in dem jeder seine geistigen Gaben erkennen und trainieren darf.“
„Wir glauben an geistliche Kampfführung und an Heilung und Befreiung in Jesu Namen.”
Sätze wie diese, garniert mit reichlich Bibelversen, und KI-erzeugten Bildern rahmen, um welche Art von Wundern es in Stuttgart-Bad Cannstatt geht: die Abwehr von „Angriffen des Feindes“, zum Beispiel.
Ryzak spart im Talk mit Neumann nicht mit kruden Aussagen, die sehr viel über die „Arbeitsweise“ von Hope e.V. verraten. Und die Anlass sein sollten, zu reflektieren, ob Personen, die sowas äußern, tatsächlich Workshops für Kinder ab der 4. Klasse geben sollten? Ryzak bezeichnet das Rotlichtmilieu als „Wohnzimmer des Teufels“ (50:58) und begründet das mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie Hexerei und Okkultismus. Dazu käme dann der „Geist des Todes“ (51:27). „Geistig tot“ zu sein, wird dort immer wieder mit Sündhaftigkeit verknüpft, mit Einflüsterungen dämonischer Mächte. Ryzak bringt dies mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie mit Suizidalität in Verbindung. Kurz darauf spricht sie dann von Verführung und münzt das auf den Kontakt mit der Kundschaft. Ryzak erwähnt, dass sie selbst „Befreiungsdienste“ durchgeführt hat:
„Und wenn wir Frauen hatten, die dann Befreiung erleben wollten, das waren schon krasse Sitzungen und es hat oft auch lange gedauert und oft auch über mehrere Befreiungsgebete. Das hat Zeit gedauert, auch, dass die Frauen dafür bereit waren, das selber verstanden und gemerkt haben. Frauen, die z.B. aus einem satanischen Hintergrund kommen, ähm weil sie aus der Familie kommen, wo satanische Rituale waren oder auch rituellen Missbrauch, was du vorhin erzählt hast. Ähm die öffnen sich eher dafür für ein Befragungsgebet. (…)“ (52:46)
„als unprofessionell abgestempelt“
Neumann fragt nach: „Wie macht ihr das?“
Ryzak erzählt bereitwillig von ihrer Vorgehensweise: Nach dem Anhören von belastenden Situationen oder Herausforderungen sei ein guter Moment, um ein Gebet anzubieten. Sich nicht so einfach abwimmeln lassen, sondern sich den Klient*innen als „Gebetserhörung“ präsentieren. Sie helfe zwar auch Frauen ohne christlichen Hintergrund, aber bei den christlichen sei es „einfacher“, denn da werde ein „Heilungsprozess in Gang gesetzt, der menschlich nicht möglich ist“ (58:12). Soso. Ryzak weiß offenbar, das was sie sagt, ist heikel und schiebt nach:
„Ähm und mir ist vollkommen klar, ich weiß, dass viele Organisationen, die einfach nur einen christlichen Hintergrund haben, direkt als unprofessionell abgestempelt werden, was völliger Quatsch ist, weil ich stelle genauso Sozialarbeiter an wie alle anderen. Ja, ich habe genauso gelerntes, geschultes Personal. Ähm, wir arbeiten auch mit Polizei, Behörden und allem zusammen. Ähm, außer dass bei uns eben der Glaube unser Fundament ist.“
Fakt ist: Ryzak glaubt fest an böse Mächte, Geister und Dämonen und die gottgewollte und religiös erzielte „Befreiung“. Sie vergleicht sich in dem Podcast dann noch mit Keppler und Newton – aber lassen wir das… es ist auch so schon wild genug. Neumann insistiert: „Inwiefern erlebt ihr auch bei eurer Arbeit so die Führung z.B. des Heiligen Geistes?“ Und Ryzak antwortet:
„Ja, ich kann nicht ohne, wir können nicht ohne, das kann ich nicht ausklammern. Ähm äh wir sind angewiesen auf den Heiligen Geist. Es ist Jesus ist der Grund, warum wir diese Arbeit machen. Er hat mich beauftragt zu den Frauen zu gehen und bis heute ist und bleibt er mein Chef und er ist derjenige, der uns Türen aufmacht und der Türen wieder schließt und uns auch zeigen muss, wann ist es Zeit, zu welcher Frau zu gehen.“ (59:43)
„Jesus ist mein Chef“
Sie malt das aus, spricht von Drang und Auftrag, wenn der Heilige Geist sie ruft. Ryzak berichtet von Wundern, z.B. wie Gott das Auto eines Zuhälters gestoppt habe. Dazu gibt es sogar ein eigenes Video. Sie erwähnt im gleichen Atemzug, dass Hope e.V. gerade mit dem SWR gedreht haben.
Egal ob Team Recherche, SWR oder sonstige Medienschaffende: Was ist los mit Euch? Ihr dreht mit diesen Menschen, die ihren teils fanatisch anmutenden Glauben überhaupt nicht verheimlichen, sich aber Euch als die wahren Experten präsentieren. Was ist das für ein Journalismus, in dem Esoteriker*innen, Fundis oder Personen aus radikalisierten Vereinen ohne Einorndung Fehl- und Desinformationen verbreiten dürfen? Sind Euch Sexarbeitende und Opfer sexueller Ausbeutung wirklich so egal oder kennt ihr den Unterschied zwischen professioneller Sozialer Arbeit und unseriösen Missionsangeboten nicht? Wollt ihr spirituellen Missbrauch, unseriöse Befreiungsdienste und – man kann es wohl nicht anders bezeichnen – „Freaks“, wie Neumann oder den Miracle Club Legitimation und Spenden verschaffen?
Schließen wir für einen Moment unsere Augen und überlassen uns der Vorstellung, Ryzak und ihr Team wären keine (radikalen) Christ*innen, sondern Muslim*innen. Was da los wäre… anderes Thema.
Fundamentalistische Raumnahmebedeutet mehr gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Quelle: Privatarchiv
Quelle: Privatarchiv
Vor Kurzem gingen bei FundiWatch mehrere Hinweise auf Hope e.V. ein. Ein mittlerweile depubliziertes Video, das uns aber vorliegt, zeigt Ryzak, die in der bereits erwähnten Machart über eine mutmaßliche „Transgender-Umwandlungsfabrik“ in Brasilien spricht.
Ryzak erörtert im Video, ob es auch männliche „Prostituierte“ gäbe und malt den unserer Ansicht nach nicht belegten Fall der erzwungenen Transition eines brasilianischen Minderjährigen zum Zwecke des Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung aus, der danach angeblich in die „Prostitution“ verkauft worden wäre.
Das ganze Video hindurch spricht Ryzak konsequent von einem „Mann“. Zur Bebilderung von „Brasilien“ wird ein Schwarz-Weiß-Bild eingeblendet, das einen beliebigen Straßenzug irgendwo auf der Welt zeigt. Zur Illustration von „Transgender“ erfolgt die Einblendung einer Szene, in der eine mutmaßliche Drag-Queen sich schminkt. Eindrücklich malt Ryzak aus, wie sehr „der Mann“ unter den billigen Silikonimplantaten gelitten habe. Transition unter Zwang, ein „krass gebrochener Mann“, eine „Umwandlungsfabrik“, über die wir keinerlei Belege finden konnten: Sollte Hope e.V. für alle von ihnen geschilderten Fälle so wenig Belege haben, würde das -wieder einmal- ein Schlaglicht auf den Umgang dieser Bewegung mit Fakten und Wahrheit werfen.
Wir haben bei Verbänden und Einzelpersonen nachgefragt, die sich für die Rechte von trans Menschen einsetzen, um uns dort nach ähnlichen Erzählungen und nach den gängigen Verschwörungserzählungen rund um TIN-Personen zu erkundigen. Uns erreichte dieses Statement, das wir aus Datenschutzgründen anonymisiert haben:
„Im Clip wird auf jeden Fall deutlich, dass es Katja Ryzak wichtig ist zu betonen, dass es sich um „Männer“ handelt, „die wie Frauen aussehen“, was eine komplett schwammige Bezeichnung für trans Frauen ist. (…)
Das nächste ist dann das Beispiel der Industriesilikon-Injektionen, welches sie anführt. Das hat ja eine reale Bewandtnis. Solche Injektionen sind in ganz Lateinamerika dokumentiert und zwar besonders unter trans Frauen, oft wegen Ausschluss aus sicherer medizinischer Versorgung. Auch können sich trans Frauen den sicheren Zugang zu Kliniken nicht leisten, auch auf der Straße ist es so, dass du sicherer bist, sobald dein Erscheinungsbild einfach mehr cis passing ist. Zumal du auch besser zahlende Kunden bekommst. Statt das patriarchale System und die latente trans Misogynie und Sexarbeiter*innenfeindlichkeit anzuprangern schlägt Ryzak zwei Fliegen mit einer ideologischen Klappe, sie verschiebt die Schuld auf „Transgender“ als System.
Solche propagandistischen Schuldverschiebungen haben meist das Ziel Gewalt gegen diejenigen zu legitmieren, die vom System am meisten gebeutelt werden. Trans Frauen leben gerade in Brasilien in Gemeinschaften und unterstützen sich so. (…) Der Ausdruck „transgender Fabriken“ begünstigt Gewalt eben gegen diese Frauen, hat wieder einmal das Ziel, die Transition für junge Personen so schwer wie möglich zu machen.“
Der Clip fiel also auch anderen als ausgesprochen transfeindlich auf, da er zahlreiche Desinformationen, wie sie von der extremen Rechten und Teilen des rechten Christentums vertreten werden, bedient. Uns erreichten mehrere Bitten um Intervention und Einordnung.
Wir konfrontierten Hope e.V. mit Nachfragen zu den Schilderungen im Video. Die Reaktion: Das Video, das zuvor über 5.500 Likes erhielt und über 650 Mal geteilt wurde wurde kommentarlos gelöscht. Schließlich erhielten wir noch eine Mail von Katja Ryzak: Man bedauere, dass man unser „Vertrauen nicht gewinnen“ konnte. „Gegenseitiges Vertrauen“ sehe man „als wichtige Grundlage für eine konstruktive Kommunikation“. Vor diesem Hintergrund bitte man um Verständnis, „dass wir derzeit keine Veranlassung sehen, auf weitere Fragen dieser Art einzugehen“. Aha. Also lieber die abstrusesten Dinge glauben statt Aussagen zu belegen oder zu revidieren. Das wundert uns nach unserem Recherchestand nicht.
How it started and how it’s going
Ich (Ruby) verfolge Hope e.V. schon ein paar Jahre. An meine erste Irritation über Katja Ryzak erinnere ich mich gut. Auf einer Social Media Kachel las ich damals den bereits erwähnten Satz: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“.
Konsterniert speicherte ich diese haarsträubende Aussage in meiner Anti-Sexarbeits-Übersicht unter „Fundis“ ab. 2024 nahm ich Hope e.V. und Katja Ryzak in mein 2025 erschienenes Buch auf. Schon damals habe ich mir einen Mitschnitt eines Auftritts von Ryzak in einer freikirchlichen Gemeinde in Rosenheim angesehen, wo sie 45 Minuten über Pornografie und Prostitution schwadroniert. „Fanatisch“, so mein Eindruck, voller religiösem Eifer.
Von heute betrachtet, fehlt im Buch der Hinweis, dass Hope e.V. auch schon damals an Schulen „Workshops“ erteilte. Im Buch bette ich den Fall Ryzak und Hope in den Komplex PorNO ein. Richtig ist, die Mobilisation gegen Pornografie und Sexarbeit weist starke personelle und strukturelle Übereinstimmungen auf, wie die Beispiele Ingeborg Kraus oder Alice Schwarzer zeigen. Mich hat stets besonders der Diskurs über die Sexualität erwachsener Menschen interessiert. Aus dieser Perspektive behandele ich in „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ die Überschneidungen zwischen trans- und queerfeindlicher, sexarbeitsfeindlicher und armutsfeindlicher Gewalt, gehe aber nur am Rande auf Sexualerziehung oder Präventionsarbeit für minderjährige Zielgruppen ein. Das ist eine Leerstelle, die FundiWatch versucht zu füllen. Denn die Raumnahme christlich-fundamentalistischer Vereine, Projekte und Einrichtungen schloss und schließt Kinder und Jugendliche schon immer ein. Wie sich am Beispiel von Mission Freedom zeigt, fühlen sich Menschen wie Inga Gerckens oder Gaby Wentland sowohl vom „Rotlicht“ angezogen, als auch von der Aussicht Minderjährige unter ihre Fittiche zu nehmen. Frauen und Kinder, das zieht als Spendenaufruf und fördert die Selbstinszenierung als selbstlos Helfende in der Not. Wohin das führen kann, verdeutlicht der Fall „Haus SeeNest“ wohl eindrücklich.
Unmöglich über Gewalt zu sprechen
Als Person, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit und als erwachsene Person erlebt hat, möchte ich heute etwas dazu sagen. Ich spreche selten über diese Erlebnisse, obwohl ich durchaus etwas zum Thema zu sagen hätte. Aber in Deutschland tobt seit Jahren eine durch die Anti-Sexarbeitsbewegung angeheizte Debatte über Freiwilligkeit und Gewalt, die das verhindert.
In dieser Debatte schwingen Personen wie Ingeborg Kraus, Inge Bell, Alice Schwarzer, Gaby Wentland oder Katja Ryzak sich zur Stimme der Betroffenen auf. Sie stehlen dabei unsere Erlebnisse, Geschichten und unseren Schmerz und machen sich das alles zu eigen. Betroffene haben ihrer Sichtweise zu dienen, indem sie pauschalisieren, anderen Erfahrungen absprechen oder Umkehr symbolisieren. Sie liefern Storylines, Bilder und Identifikationsfiguren für die lauten Forderungen der Anti-Sexarbeits- und Anti-Porno-Szene. Nur ambivalent dürfen sie nicht sein.
In all diesem Geschrei ist kein Raum für abweichende Schilderungen von Gewalt, solche, die da nicht hineinpassen. Ich habe sexualisierte Gewalt in der Grundschule, im engen Umkreis, an der Uni, bei meiner Tätigkeit in der Reiseleitung erfahren. Mehrere Jahre Therapie, eine Selbsthilfegruppe und die Sexarbeit haben mir geholfen damit umzugehen.
Ich, anders als eine Katja Ryzak zum Beispiel, maße mir nicht an zu beurteilen, ob mein Fall die Regel ist. Ich habe gelernt, dass sexualisierte Gewalt so unterschiedlich ist, wie die Verhältnisse der Menschen, die sie erleben. Was mich gestärkt hat? Von anderen Sexarbeiter*innen oder aus der Kundschaft zu hören, die Ähnliches erlebt haben. Manches war vergleichbar, vieles ganz anders als meine Erfahrungen. Und doch, ich war nicht allein.
Unmündige Opfer sind mir keine begegnet, dafür einiges an esoterischen, ultra-religiösen Heilsversprechen. Mich verstörten Leute, die sich selbst mit Rettung und Heldentum gleichsetzen. Geholfen dagegen hat mir die Einsicht in strukturellen Sexismus und Trans-Misogynie, verbunden mit der Intervention dagegen.
Vor einigen Jahren habe ich einen zaghaften Versuch unternommen, über meine Gewalterfahrungen zu sprechen. Gleich waren Menschen aus der Anti-Sexarbeits-Bewegung zur Stelle: „Da schau, das ist der Grund, du spaltest ab, deswegen glaubst Du, DAS freiwillig zu machen.“ „Du bildest Dir die Freiwilligkeit nur ein“. „Du bist Opfer und krank.“ Sie versuchten meine Erfahrungen auszunutzen, um meine Argumente für mehr Rechte von Sexarbeiter*innen zu unterlaufen, nutzten meine Erlebnisse als Waffe gegen Gründe, die ihnen nicht gefielen. Was blieb ist die Einsicht: Wenn Du Dich nicht zum Token dieser Leute machen lässt, betrachten sie Dich als Feind und bekämpfen Dich mit allen Mitteln.
Auch deswegen ist es unerlässlich, dass wir über Hope e.V. sprechen, und zwar als christlich-fundamentalistisches Rettungsprojekt, das Betroffene von sexualisierter Gewalt und Minderjährige gefährdet. Um es mit Anna Klein zu sagen: „Glaub ihnen nicht.“
—-
Nachbemerkungen:
1. Wir haben übrigens eine KI gefragt, uns Bildmaterial zum „Geist des Todes“ zu erstellen. Das Ergebnis enthalten wir Euch nicht vor…, auch wenn wir uns anders entschieden haben. 😉
2. Wir bitten um Zusendung aller schlechten Timmy-Hope-Walwitze, die Euch einfallen.
In Leipzig öffnet gerade eine neue Beratungsstelle für „Menschen in der Prostitution“: Yadira. Es gibt bereits die niedrigschwellige Beratungsstelle mit einem Ansatz der anerkennenden Sozialen Arbeit: Die Fachberatungsstelle Leila der Aidshilfe Leipzig. Warum also eine zweite Beratungsstelle?
Wer steht hinter „Yadira“?
Yadira wird vom Verein The Justice Project (TJP) unter der Leitung von Justin Shrum betrieben. TJP betreibt in Karlsruhe bereits eine Beratungsstelle für „Menschen in der Prostitution“ (Mariposa) und eine für westafrikanische Betroffene von Menschenhandel (Oase). Der Verein hat laut seiner Satzung einen christlichen Hintergrund und stellt eine akzeptierende Soziale Arbeit in Aussicht. Diese soll einen „ganzheitlichen Ansatz, der den Menschen im christlichen Menschenbild von Geist, Körper und Seele betrachtet“ verfolgen. Was kann man sich darunter vorstellen?
Fragen an Leiter Justin Shrum
Das haben wir auch Justin Shrum von TJP gefragt. Seiner Antwort auf unsere Anfrage zufolge, ist der Verein „keine religiöse Organisation und verfolgt keinerlei missionarische Ziele“.
TJP stehe dem „Nordischen Modell“ „kritisch gegenüber“. Die Arbeit sei „menschenrechtsbasiert und richtet sich an alle Menschen der definierten Zielgruppe, unabhängig von Herkunft, rassistischer Zuschreibung, sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität, sozialer Lage, Religion, Behinderung oder Lebens- und Familienform.“ Shrum betont darüber hinaus, sein privates und öffentliches Lebens zu trennen:
„Persönlich bewegen meine Frau und ich uns wie viele Christ:innen in unterschiedlichen kirchlichen Zusammenhängen; das ist Teil unseres privaten Gemeindelebens und berührt die Unabhängigkeit, Arbeit und Ausrichtung von TJP nicht. Wichtig ist mir hierbei, meine private Person als gläubigen Menschen und studierten Theologen (M.A. London School of theology) von meiner Rolle als Vorstand von TJP sowie von der Arbeit des Vereins zu trennen.“
Ideologischer Hintergrund von Justin Shrum: TJP als Missionsprojekt?
Vergleichen wir Shrums Biografie und Social-Media-Posts mit diesem Statement, kommen an dieser Darstellung und der klaren Trennung von privater Religiosität und professioneller Arbeit erhebliche Zweifel auf.
Shrum wirbt auf zwei US-amerikanischen Websites evangelikaler internationaler Missionsorganisationen für Spenden für TJP und die eigene Arbeit, konkret beim World Outreach Center und bei der Dove Mission.
In der Gründungsphase der Beratungsstelle Oase äußerte Shrum sich darüber, dass Gott „sie“ (wahrscheinlich TJP) im Kampf gegen den Menschenhandel „installiert“ habe:
In einem theologischen Essay unter dem Titel „Integrative Theology Applied to the Use of African Traditional Religion and Voodoo Rituals in Cases of Nigerian Sex Trafficking“ und einer darauf aufbauenden Master-Arbeit entwickelte Shrum parallel zum Entstehen der Beratungsstelle eine Art Ritual unter Anwendung des Bibel-Psalms 82, das Betroffenen von Menschenhandel, die aufgrund eines geleisteten Juju-Schwurs Angst vor der Rache bösartiger Gottheiten haben, die Übermacht des christlichen Gottes demonstrieren soll. In seinem Essay vergleicht er dieses Ritual mit bestimmten Formen des pfingstlich-charismatischen Exorzismus (hier nachzulesen).
Auf Facebook berichtet Shrum außerdem über seinen Glauben an die Heilung durch Handauflegen.
Auf die Frage, ob das Anti-Juju-Ritual in der Sozialen Arbeit des Vereins Anwendung finde, erhielten wir die folgende Antwort:
„Die in der Arbeit [gemeint ist die Masterarbeit, Anm. d. Verf.] vorgeschlagene Methode wird heute also nicht als internes Verfahren von TJP angewandt. Wir nehmen einen spezifischen, kultursensiblen Unterstützungsbedarf wahr und leiten auf Wunsch an eine dafür qualifizierte Stelle weiter.“
Allerdings liegt uns eine Päsentation zu einem bei der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge gehaltenen Vortrag von TJP aus dem Jahr 2022 vor, in dem genau diese Methode vorgestellt wurde. Die betreffende Abrufseite ist auf der Homepage der Akademie mittlerweile gelöscht, über das Webarchiv allerdings weiterhin abrufbar.
„The Girl in Dirt“ – Die „Reinwaschung“ der „Prostituierten“
Die Gründung der Beratungsstelle Mariposa wurde durch die Veröffentlichung des Image-Video „The Girl in Dirt“ begleitet. Bilder von einer stereotyp dargestellte straßenbasierten Sexarbeiterin, die von einer Sozialarbeiterin/Missionarin angesprochen wird, werden darin mit Bildern einer von Schlamm überzogenen Frau parallelisiert, die „rein“gewaschen wird, während eine männliche Stimme zu den Tönen eines synthetischen Orchesters ein bizarres Gedicht vorträgt. Das Video hat erkennbar Züge eines Konversions-Narrativs.
Shrum predigt bis heute regelmäßig in der Alive Church in Karlsruhe. Die Gemeinde ist Teil des Bunds Freikirchlicher Pfingstgemeinden, der ebenfalls zur WorldAssemblies of GodFellowship gehört und der in seiner „Stellungnahme zur Homosexualität in Bibel, Gemeinde und Gesellschaft“ sowie in seiner „Stellungnahme zur Frage unterschiedlicher sexueller Identitäten – Transgender und Kirche“ klar queerfeindlich positioniert hat. TJP selbst unterhalte laut Shrum „keinerlei institutionelle Verbindungen zur AoG.“ Welche Verbindungen aber bestehen, bleibt offen. Auf der Website der Alive Church wird TJP jedenfalls als soziales Projekt verlinkt und es ist die Rede von einer „Unterstützung“.
Positionierung von TJP zur Kundenkriminalisierung (sog. Nordisches Modell) – Zweifel bleiben
Tatsächlich scheint sich die Positionierung des Vereins TJP zur Kundenkriminalisierung in der Sexarbeit von Shrums bereits erwähnten Äußerungen auf Facebook zu unterscheiden: Im TJP-Jahresbericht von 2018 ist die Rede von drei gleichwertigen Ansätzen: Dem Abolitionismus bzw. der „Abschaffung der Prostitution“, der „gegensätzliche“ Ansatz der „Rechte von Sexarbeitern“ sowie eines dritten Ansatzes, der sich auf die „Bekämpfung des kriminellen Menschenhandels“ beschränke, ohne sich generell zu Sexarbeit zu positionieren. Uns gegenüber teilte Shrum mit, dass TJP den Netzwerk-Verein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh)(bei dem TJP zuvor seit 2016 Mitglied war) im Jahr 2023 verlassen zu haben, weil dieser sich von da an offiziell für eine Kundenkriminalisierung positionierte. Zudem unterscheidet TJP zwischen Menschenhandel und „Prostitution“, was bei vielen Befürworter*innen einer Kundenkriminalisierung nicht der Fall ist. Ob sich die (vermeintlich neutrale) Positionierung des Vereins tatsächlich mit den christlichen Werten Shrums deckt oder ob und wie seine persönlichen Einstellungen hierzu auf die Arbeit von TJP einwirken, bleibt für uns offen. Eine klare öffentliche Positionierung von TJP gegen eine Kundenkriminalisierung, wie beispielsweise von anderen großen Organisationen wie der Diakonie Deutschland, dem KOK oder Amnesty International konnten wir jedenfalls nicht finden.
Ein taktisches Schweigen könnte hier, auch angesichts einer fehlenden Distanzierung von früheren Äußerungen Shrums, durchaus eine plausible Erklärung sein.
Ob Leipzig mit der Beratungsstelle Yadira etwas Positives dazu gewinnt, scheint uns zumindest fragwürdig. Sicher ist, wir werden das Ganze weiter beobachten.