28.800 Euro Lotterie-Förderung für „von Gott beauftragten“ evangelikalen Verein Perlenschatz

Trotz antimuslimischer und radikaler Anti-Abtreibungs-Positionen?

(Titelbild: Screenshot perlenschatz.info). Perlenschatz e.V. teilt auf seiner Homepage mit, dass die Deutsche Postcode Lotterie den Verein mit 28.800 Euro fördert. Mehrere evangelikale Medien berichten ebenfalls darüber. Der Verein beschreibt sich selbst als Schutz- und Beratungsangebot für Frauen aus Einwandererfamilien, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht oder betroffen sind und will sie in ein selbstbestimmtes Leben und bei der Integration in Deutschland begleiten. Nach eigener Darstellung richtet sich das Angebot insbesondere an Frauen aus patriarchalen Familienstrukturen, wobei Musliminnen als wesentliche Zielgruppe genannt werden.

Förderung sozialen Zusammenhalts?

Mit der Förderung will der Verein für ein Jahr eine halbe Personalstelle für seine Beratungsstelle Offenbach und die Betreuung einer Schutzwohnung finanzieren. Laut Perlenschatz entschied ein Lotterie-Beirat unter Vorsitz der früheren Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über die Förderung im Förderbereich „Sozialer Zusammenhalt“.

Eine eigene Pressemitteilung oder Projektseite der Postcode Lotterie zu Perlenschatz konnten wir bislang nicht finden. In der Vereinsmitteilung wird jedoch Katja Diemer, Head of Charities der Lotterie, mit einem Statement zitiert:

„Wir freuen uns, dass wir dank unserer zahlreichen Teilnehmer*innen dieses wirkungsvolle Projekt unterstützen können.”

Wie die Postcode Lotterie zu dieser positiven Einschätzung gelangte, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob ihr bei der Entscheidung die evangelikale Ausrichtung und Vernetzung des Vereins sowie öffentliche Positionen der Vereinsvorsitzenden Anette Bauscher zu Muslim*innen, Islam und Schwangerschaftsabbrüchen bekannt waren.

Bereits 2019 dokumentierte der Blog „Dokumentieren gegen Rechts“ ausführlich die evangelikalen Netzwerke von Perlenschatz.

„Von Gott beauftragt“

Bauscher selbst beschreibt die Gründung von Perlenschatz als göttlichen Auftrag. Nach einem Gebet habe Gott ihr vor ihrem „inneren Auge“ ein Frauenhaus mit verschleierten muslimischen Frauen gezeigt. Später erklärte sie, sich „von Gott dazu beauftragt“ gesehen zu haben, ein speziell auf muslimische Frauen zugeschnittenes Frauenhaus aufzubauen.

Die christliche Ausrichtung ist auch institutionell verankert: Die Vereinssatzung nennt Seelsorge als Mittel der Arbeit sowie „soziale und christliche Werte“ und das „christliche Menschenbild“ als Grundlage. Für eine Vereinsmitgliedschaft ist die Bejahung des christlichen Menschenbildes Voraussetzung. Auch bei der Personalauswahl wird das religiöse Profil konkret: In einer über das evangelikale netzwerk-m, bei dem Perlenschatz Mitglied ist, verbreiteten Stellenausschreibung verlangt der Verein ausdrücklich „überzeugte“ Christ*innen und einen „kurzen geistlichen Lebenslauf“.

Zudem besitzt Perlenschatz das Spenden-Prüfzertifikat der Evangelischen Allianz (EAD) – einem der größten evangelikalen Netzwerkvereine in Deutschland – und präsentiert sich auf deren Allianzkonferenzen.

Zu den prägenden Personen im Umfeld des Vereins gehören u.a. die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher und der evangelikale Theologe Yassir Eric.

Schirrmacher wird vom Verein als dessen „Botschafterin“ genannt. Die Bonner Islamwissenschaftlerin ist zugleich langjährige Spitzenfunktionärin der organisierten evangelikalen Islamarbeit und leitet das Institut für Islamfragen der Evangelischen Allianz. Bauscher greift für ihre Darstellung von Islam und Frauenrechten wiederum auf Veröffentlichungen Schirrmachers zurück. Schirrmacher setzt sich in eigenen Veröffentlichungen kritisch mit dem Konzept des ‚antimuslimischen Rassismus‘ auseinander und warnt dabei vor aus ihrer Sicht zu weitgehenden Rassismus- und Schuldzuschreibungen.

Der evangelikale Theologe und frühere Muslim Yassir Eric ist Gründungsmitglied von Perlenschatz und leitet seit 2013 das Europäische Institut für Migration, Integration und Islamthemen (EIMI) an der missionstheologisch geprägten AWM Korntal. 2019 wurde er zudem in den Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz gewählt. 2024 gehörte er zu den Predigern der umstrittenen Glaubenskonferenz UNUM24 in der Münchner Olympiahalle.

Evangelikale Netzwerke ‚gegen Menschenhandel‘

Ebenfalls auf der Webseite als Botschafter von Perlenschatz genannt wird Frank Heinrich – längjähriger Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Allianz und auch heute noch Vorsitzender des evangelikal geprägten Vereins Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh).

Und so wundert es nicht, dass Perlenschatz ebenfalls in das christlich-evangelikale Netzwerk ‚gegen Menschenhandel‘ eingebunden ist, dass sich u.a. für eine Kriminalisierung der Nachfrage nach Sexarbeit einsetzt. Beim u.a. von ggmh veranstalteten Kongress „Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ auf dem pietistisch geprägten Schönblick gehörte Perlenschatz 2024 zu den Kooperationspartnern – neben weiteren Organisationen, wie beispielsweise dem Verein Bethel SOZO, der dort einen Workshop zu „Befreiungsgebeten“ anbot.

Mitveranstalter des Kongresses war zudem der seit Langem in Kritik stehende Verein Mission Freedom – dessen mittlerweile geschlossenes „Haus SeeNest“ wegen schwerer Vorwürfe der Misshandlung von Schutzbefohlenen für Schlagzeilen sorgt.

Auch beim Kongress „Freiheit 2026“ war Perlenschatz vertreten. Eine Beitragsreihe zu dem Kongress haben wir hier veröffentlicht.

„Mit der Muttermilch aufgesogen“

Bauschers Veröffentlichungen gehen weit über Kritik an fundamentalistischen Auslegungen des Islam hinaus: So schreibt sie Muslim*innen pauschal negative Eigenschaften zu und erklärt diese aus einer vermeintlich tief verankerten religiös-kulturellen Prägung.

In ihrem zweiteiligen Beitrag „Frauen im familiären Gefängnis“ in der Fachzeitschrift Kriminalistik erklärt Bauscher islamische Religion und „orientalische Kultur“ für so eng miteinander verwoben, dass kaum zu unterscheiden sei, was religiös und was kulturell bedingt sei. Das Patriarchat sei in die islamische Religion übernommen worden. Anschließend präsentiert sie Koranstellen unter Kategorien wie „Frauen als Ware“, „Sexuelle Verfügbarkeit“ und „Überlegenheit des Mannes“. Während Bauscher beim Islam problematische Textstellen als Beleg heranzieht, erklärt sie für die Bibel dagegen, darin keine Legitimation von Gewalt gegen Frauen zu finden.

Über „den gläubigen Muslim“ schreibt Bauscher: „Er hat gelernt, dass er sich Allah unterwerfen muss, die Frau dem Mann und der ‚Ungläubige‘ dem Gläubigen.“ Dieses Denken habe er „von klein auf verinnerlicht“. An anderer Stelle heißt es: „Er kennt keine Würde in dem uns bekannten Sinn, für ihn ist die Unterwerfung wichtig.“ Besonders drastisch formuliert Bauscher zum Antisemitismus: „Vor allem viele Muslime haben den Hass gegen Juden schon mit der Muttermilch aufgesogen.“

Weit mehr als legitime Religionskritik

Um das an dieser Stelle klarzustellen: Im Koran gibt es Passagen, die aus heutiger menschenrechtlicher Perspektive problematisch sind und historisch wie gegenwärtig zur Legitimation patriarchaler Herrschaft und auch körperlicher Gewalt herangezogen werden.

Das darf und sollte kritisiert werden. Zugleich gibt es innerhalb des Islams unterschiedliche Auslegungstraditionen. Insbesondere in der modernen muslimischen Exegese haben sich reformorientierte und feministische Lesarten entwickelt, die traditionelle patriarchale Interpretationen kritisieren und etwa ein aus Sure 4:34 abgeleitetes Recht des Mannes auf körperliche Gewalt zurückweisen. Betrachtet man die zahlreichen Auslegungsstreitigkeiten zu problematischen Bibelstellen sollte einleuchten, dass sich aus solchen Passagen nicht ohne Weiteres Eigenschaften heutiger Christ*innen ableiten.

Etwas anderes ist es, aus solchen Textstellen vermeintlich feststehende Eigenschaften von Muslim*innen abzuleiten. Bauschers Aussagen über „den gläubigen Muslim“, dessen angeblich fehlendes Verständnis von Würde oder einen mit der „Muttermilch“ aufgenommenen Judenhass gehen weit über Religionskritik hinaus. Derart pauschale Zuschreibungen vermeintlich tief verankerter negativer Eigenschaften aufgrund muslimischer Religions- und Kulturzugehörigkeit entsprechen zentralen Merkmalen dessen, was der von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit als Muslimfeindlichkeit beziehungsweise antimuslimischen Rassismus beschreibt.

CDU, Hans-Jürgen Irmer und der Wetzlar-Kurier

Bereits 2015 wurde Perlenschatz von der CDU-Kreistagsfraktion Lahn-Dill zu einer Gesprächsrunde eingeladen. Anschließend berichtete der mit der CDU-nahe Wetzlar-Kurier positiv über den Verein.

2019 beantragte die CDU-Kreistagsfraktion einen Zuschuss für Perlenschatz. In der politischen Beratung schaltete sich auch der rechtskonservative CDU-Politiker Hans-Jürgen Irmer persönlich ein. Irmer ist nicht nur Herausgeber des Wetzlar-Kurier: Laut Impressum verantwortet er auch Redaktion und Anzeigenabwicklung. Der Wetzlar-Kurier berichtete wiederum positiv über den Förderantrag.

Im selben Jahr veröffentlichte Bauscher im Wetzlar-Kurier ihren Beitrag „Aufstehen gegen falsche Toleranz!“. Darin schrieb sie unter anderem, im Koran gebe es keine Gleichwertigkeit von Mann und Frau und behauptete, der Koran erlaube ausdrücklich, Frauen „zu demütigen und zu schlagen“.

Auch abgesehen von den Verbindungen zu Irmer ist der Publikationsort des Artikels bemerkenswert. Die taz dokumentierte unter anderem regelmäßige große Anzeigen des Kopp-Verlags und des Vereins „Die Deutschen Konservativen“ im Wetzlar-Kurier – laut taz „beide angesiedelt in der Grauzone zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus”. Und auch wenige Seiten nach dem dort veröffentlichten Artikel von Bauscher fand sich eine Anzeige des Kopp-Verlags.

Gegen Abtreibung – und ein wissenschaftlich nicht belegtes „Syndrom“

Auch Bauschers Haltung zum Schwangerschaftsabbruch ist deutlich.

Bereits im Wetzlar-Kurier bezeichnete sie Embryonen als „Kinder im Mutterleib“. Frauen werde eingeredet, bei Ungeborenen in den ersten Wochen handle es sich zunächst um einen „Zellklumpen“: „Doch wessen Gewissen noch nicht abgetötet ist, der weiß intuitiv, dass das eine Lüge ist.“ so Bauscher.

In ihrem späteren Kriminalistik-Beitrag behauptet Bauscher, Frauen entwickelten nach Schwangerschaftsabbrüchen häufig ein „Post-Abortion-Syndrom“ und fügt hinzu, dieses gebe es „laut Abtreibungsbefürwortern angeblich nicht“.

Damit verbreitet Bauscher ein in der Anti-Abtreibungsbewegung immer wieder behauptetes angebliches Krankheitsbild, für dessen Existenz es nach internationaler Studienlage keine wissenschaftlichen Belege gibt. Auch das staatliche Gesundheitsportal familienplanung.de und das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Forschungsprojekt ELSA widersprechen der Behauptung eines eigenständigen „Post-Abortion-Syndroms“.

Bauschers Verbindungen in die organisierte Anti-Abtreibungsbewegung zeigen sich auch bei „Patin für 9 Monate“. Dabei handelt es sich um ein Angebot der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), wo Bauscher im Oktober 2026 über „Die Würde der Frau in patriarchalen Familienstrukturen“ referiert.

Nur drei Wochen später geht es dort übrigens um die sogenannte „Abtreibungspillen-Umkehr“: Demnach soll hoch dosiertes Progesteron nach Einnahme der Abtreibungspille Mifepriston deren Wirkung aufheben und die Schwangerschaft erhalten. ALfA beschreibt diese Methode selbst als „Umkehrtherapie“. Nicht erwähnt wird allerdings, dass es für die Wirksamkeit dieser Methode keine belastbaren wissenschaftlichen Nachweise gibt. Die bislang einzige randomisierte Studie wurde zudem nach schweren Blutungen bei drei von zwölf Teilnehmerinnen vorzeitig abgebrochen.

28.800 Euro – was wurde geprüft?

Frauen, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht sind, brauchen Schutz und professionelle Unterstützung. Finanzielle Mittel werden dafür nur unzureichend bereit gestellt. Die bundesweite Frauenhauskoordinierung (FHK) spricht von einem „lückenhaften, überlasteten“ Finanzierungssystem. Nach der aktuellen Frauenhaus-Statistik 2025 fehlen bundesweit weiterhin knapp 12.000 Frauenhausplätze.

An der Seriosität und Professionalität von Perlenschatz e.V. bestehen jedoch erhebliche Zweifel. Hat sich die Postcode Lotterie damit befasst?

Nach ihren eigenen Förderrichtlinien bewertet die Lotterie Projekte unter anderem nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz und Wirkung. „Ordensgemeinschaften und Kirchengemeinden sowie sonstige kirchliche Institutionen (Kirchenkreise, Kirchenverbände etc.)” sind von der Förderung ausgeschlossen. Zwar ist Perlenschatz als eigenständiger Verein nicht unmittelbar eine kirchliche Institution – aber war der Postcode Lotterie die evangelikale Ausrichtung und das spezifisch religiöse Selbstverständnis des Vereins überhaupt bekannt?

Zudem gehört zur Förderphilosophie der Lotterie die „Förderung der Vielfalt und Schutz vor Diskriminierung, Antisemitismus & Rassismus“. Umso mehr stellt sich die Frage, ob der Lotterie bei ihrer Förderentscheidung Bauschers öffentliche Aussagen über Muslim*innen bekannt waren.

Gerade bei sozialen Projekten fehlt es bei Förderentscheidungen, Kooperationen und selbst bei der Erteilung von Betriebserlaubnissen häufig an Sensibilität für die Risiken christlich-fundamentalistischer Organisationen. Diese Lücken ermöglichen es entsprechenden Akteur*innen, ihr Engagement zunehmend auf Bereiche der Sozialen Arbeit auszuweiten. Darauf haben wir bereits in unserer im vergangenen Jahr veröffentlichten und von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderten Handreichung „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit“ hingewiesen.

Die Förderung von Perlenschatz e.V. durch die Postcode Lotterie scheint ein weiterer Fall zu sein, der den Bedarf an mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen unterstreicht.

Kongress der Unfreiheit (Teil 2 1/2 )

FundiWatch im Podcast „Queerocracy Now!“ zum „Freiheit-Kongress“ von ggmh, Mission Freedom & Co.

FundiWatch war zu Gast im Podcast „Queerocracy Now!“ vom Bündnis „Selbstbestimmung Selbstgemacht (SBSG)“. Dort berichten wir von den Beobachtungen der regelmäßig stattfindenden „Konferenzen gegen Menschenhandel“ im christlichen Gästenzentrum Schönblick der Apis in Schwäbisch-Gmünd.

Über den diesjährigen Freiheit-Kongress berichten wir zur Zeit in einer mehrteiligen Artikelserie. Teil 3 steht noch aus. Und so folgt nun zur Verkürzung der Wartezeit quasi Teil „2 1/2″…

Im Gespräch mit Jyn und Zoe berichtet Stella, die dieses Jahr den Kongress für FundiWatch vor Ort beobachtet hat, von ihren Eindrücken. Matthias – dem dieses Jahr für den Kongress ein Hausverbot erteilt wurde – berichtet von seinen Erfahrungen aus der Kongressteilnahme im Jahr 2024 und was seither geschah. Zoe erklärt, was unter dem Thema „Rituelle Gewalt“ zu verstehen ist und welche (fragliche) Rolle dieses Thema auf den Kongressen und deren Umfeld spielt.

Vorwürfe gegen Mitveranstalter überschatten den diesjährigen Kongress…

Und das alles vor dem Hintergrund sehr aktueller Entwicklungen:

Denn zwei Tage vor Beginn des Kongresses wurde bekannt, dass aus der Kinder- und Jugendeinrichtung „Haus SeeNest“ alle Kinder wegen vermeintlich kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Das Haus SeeNest ist eine Einrichtung des bereits seit Langem umstrittenen Vereins Mission Freedom, der Mitveranstalter des Kongresses war. Zu den Vorgängen im Haus SeeNest ermittelt mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft (mehr dazu hier).

Im Podcast wird deutlich, dass die Vorkommnisse im Haus SeeNest nicht isoliert betrachtet werden dürfen. Denn scheinbar zunehmend in den Bereich der Sozialen Arbeit vordringende Gruppen mit ganz eigener „Rettungs-Agenda“, drohen die Professionalität der Sozialen Arbeit als wissenschaftsbasierte und sich der Wahrung der Menschenrechte und der Selbstbestimmung verpflichtet fühlende Profession zu unterlaufen. Um die Dimension dieser Gefahr einschätzen zu können, ist der Blick weit über den (vermeintlichen) Einzelfall Mission Freedom hinaus zu richten – wie auch die Erfahrungen auf dem Freiheit-Kongress zeigen.

Queerocracy Now! ist ein Podcast, der aktuelle Themen aus einer trans-, inter- und nicht-binären Perspektive zur kollektiven Selbstbestimmung mit einem Fokus auf Deutschland diskutiert.
 Der Podcast will eine kritische Stimme aus der Community und für die Community sein in einer entscheidenden Zeit, in der wir für Selbstbestimmung, Gleichheit und Freiheit für alle kämpfen. Immer Freitags alle zwei Woche da, wo ihr Podcasts hört.

Und jetzt: Möglichst viele Erkenntnisse beim Hören!

Kongress der Unfreiheit (Teil 2)

„Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewärmt sind…“

Vom 26.04. bis zum 29.04.2026 fand zum dritten Mal der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt.

In Teil 1 unserer Beitragsreihe zum Kongress haben wir vor allem den ersten Tag besprochen. In diesem Teil geht es um die weiteren Tage, über die uns unsere Beobachter*innen vor Ort berichteten.

Aber zuerst machen wir einen Schritt zurück:

Was ist eigentlich das Haus Schönblick?

Das Haus Schönblick – Christliches Gästezentrum Württemberg gilt als das größte christliche Gästezentrum in Deutschland.

Es beherbergt eine evangelische Gemeinde, das historische Gästehaus und das Kongresszentrum Forum, eine christliche Musikschule, ein Alten- und Pflegeheim und eine Seniorenwohnanlage sowie ein Café.

Quelle: schoenblick.de

Das Haus Schönblick gilt als Zentrum des schwäbischen Altpietismus, einer der größten evangelischen Strömungen in Baden-Württemberg. Träger des Schönblick ist „Die Apis. Evangelischer Gemeinschaftsverband Württemberg e.V.“.

Pietismus in Württemberg

Der Pietismus entstand im 17. Jahrhundert als Bewegung zur Vollendung der Reformation. Der Pietismus betont die Bedeutung der Bibel und eines lebendigen Glaubens, der zu einer innerlichen Wiedergeburt des Menschen führen und Alltag und Leben prägen soll.

In Württemberg erlangte der Pietismus als Frömmigkeitsbewegung eine besondere Bedeutung und hatte erheblichen Einfluss auf die dortige Gesellschaft. Eine wichtige Rolle spielten zum Beispiel frühe Mobilisierungen gegen das Rauchen und Trinken, gegen vermeintlich dekadente Kleidungsstile oder gegen Vergnügungen wie Tanz oder Kartenspiel. Besonders der Spätpietismus profilierte sich in der Spannung zur Aufklärung.

Im späten 19. Jahrhundert gewannen Einflüsse aus den evangelikalen Strömungen im angelsächsischen Bereich zunehmend an Bedeutung, etwa der Heiligungs- oder der Erweckungsbewegung. Der Pietismus importierte so teils Ideen wie die einer göttlichen Inspiration der Bibel, der Geisttaufe oder des Zungenredens.

Die Apis, der Schönblick & die Aktion Hoffnungsland

1857 schlossen sich Christ*innen aus verschiedenen evangelischen Gemeinschaftskreisen in Württemberg zum Altpietistischen Gemeinschaftsverband e.V. zusammen.

Der Altpietismus unterstützte zwar die biblizistischen Tendenzen. Er definierte sich zunächst jedoch in der Abgrenzung von charismatischen und emotional orientierte Ansätze, die man als Schwärmerei ansah. Nach und nach öffnete man sich dennoch für bestimmte charismatische Entwicklungen, wie die Lobpreis-Musik und einer allgemein stärker erlebnis-orientierten Gottesdienstkultur.

Die Aktion Hoffnungsland gGmbH bündelt als Bildungs- und Sozialwerk seit 2018 die zahlreichen diakonischen Initiativen der Apis und gehörte ebenfalls zu den Veranstaltenden des Freiheit-Kongresses.

Bis heute prägt der „schwäbische Pietismus“ die evangelische Landeskirche Württemberg. In der Evangelischen Landeskirche ist vor allem die Lebendige Gemeinde – die heute als Lebendige Gemeinde.ChristusBewegung in Württemberg e.V. auftritt – stark pietistisch geprägt. Sie schlägt aber auch Brücken zu anderen konservativen, charismatischen und evangelikalen Strömungen. Neben der Offenen Kirche stellt sie den größten Gesprächskreis (ähnlich einer Fraktion) in der demokratisch gewählten Landessynode. Die Lebendige Gemeinde vertritt in kirchen- und gesellschaftspolitischen Fragen häufig konservative bis kulturkämpferische Positionen und orientiert sich darin an Mobilisierungen des christlichen Nationalismus in den USA.

Neben dem auf vorgeblich auf Menschenhandel fokussierten Freiheit-Kongress, gibt es mit dem Leben.Würde Kongress einen Kongress der sogenannten Lebensschutzbewegung, den MUT-Kongress der Christen in der Wirtschaft, den Kongress Christenverfolgung heute und den Israelkongress.

Für den nächsten Kongress gegen Christenverfolgung sind auch Vertreter der Alliance Defending Freedom (ADF) angekündigt, einer christlich-nationalistischen, antifeministischen und queerfeindlichen Anwalts-Lobby-Organisation, die eine tragende Rolle für die strategische Prozessführung der MAGA-Bewegung spielt. Das European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rights ordnet die Organisation als religiös extremistisch ein und warnt vor ihrem zunehmenden Einfluss in Europa.

Auf dem letzten MUT-Kongress wurde das sogenannte 7-Mountain-Mandate diskutiert, eine herrschaftstheologische Prophezeiung, die sich auf die Johannesapokalypse bezieht und die bevorstehende Dominierung jedes Teilbereichs der Gesellschaft durch das Christentum verkündigt.

Der Israelkongress fokussiert sich traditionell auf die Missionierung von Jüd*innen im Kontext der Endzeit und auf die außenpolitische Unterstützung der israelischen Kriegspolitik.

Mit dem SCHÖ-Festival und Worship Generations existiert auch ein künstlerisch-kulturelles Programm.

Und damit zurück zum Freiheit-Kongress:

Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und die Gefahren des Okkulten:

Die oberflächliche Seriosität, die den ersten Tag des Kongresses noch in Ansätzen prägte, verfliegt in den Folgetagen schnell.

Tabea Freitag (return – Fachstelle für Mediensucht)

Tabea Freitag spricht für return, einer sogenannten Fachstelle für Mediensucht. Mit ihrer Broschüre Fit for Love: Lehrmaterial für die Prävention von Pornokonsum und sexueller Gewalt, die sie auf dem Kongress präsentiert, ist sie in der aufsuchenden Schulsozialarbeit tätig.

Die Broschüre hatte sie bereits 2024 auf dem Symposium der Demo für Alle: Kinder im Visier von Porno, Trans und Co. in Stuttgart vorgestellt. Das von CitizenGo geförderte Symposium war geprägt von der Verschwörungserzählung einer planmäßigen Pädophilisierung der Gesellschaft als Teil derer auch Pornografie zu verstehen wäre.

Quelle: Screenshot Youtube, Demo für Alle, Vortrag vom 9.11.2024: „Fit for Love? Prävention von Pornokonsum und sexueller Gewalt“

Auf FundiWatch-Anfrage, ob Freitag mit der Kontextualisierung ihres Vortrags auf dem Symposium bei der Demo für Alle in den Kontext einer planmäßigen Pädophilisierung der Gesellschaft einverstanden ist, antwortet sie barsch und unterstellt uns eine „trickreiche Frage“, da der Begriff „Pädophilisierung“ nach „entsprechender Internetrecherche“ gar nicht existiere. Weiter teilt Freitag mit:

„Ich bitte um Verständnis, dass all diese offenen Fragen mich nicht ermutigen, Ihre seltsame, trickreiche Frage zu beantworten. Ich habe allen Grund, die Seriosität Ihrer Motive in Frage zu stellen. 

Ich bin ausschließlich verantwortlich für die Inhalte meiner Vorträge, nicht für Presseerklärungen u.d.g. von Veranstaltern. Ich sehe von daher keinerlei Veranlassung, mich zu Ihrem Framing(!) von Einladung, Presseerklärung o.ä. Dritter zu äußern.“

In Schwäbisch Gmünd präsentiert Freitag neben einigen Folien zu ihrer Broschüre, wie uns unsere Beobachter*innen berichteten, obskure Folien über „Golems“, „Ekelzeugs“, „Digitale Deportation“, „Egosex“, „Instantbefriedigung“, „Totale Unterwerfung und Kontrolle“ (repräsentiert durch das „Ketzerhalsband“, auch als Choker bekannt), die „dunkle Triade“ und die „Pornotopia“ garniert mit Zitaten von Che Guevara und eines Holocaustüberlebenden.

Auch wenn viele Ideen unklar bleiben: Die Botschaft, Pornografie ist böse, bleibt hängen. Pornografie diene „Tätern, Narzissten, Machiavellisten, Sadisten und Psychopathen“.

Anna Schreiber (Psychotherapeutin)

Vermeintlich psychologisch informiert geht es weiter. Anna Schreiber, eine Psychotherapeutin aus Karlsruhe spricht über ihren „heiligen Weg“ des Ausstiegs aus der „Prostitution“ und über Möglichkeiten Frauen zu „retten“ und ihr Schweigen zu brechen.

Die zentrale These von Schreibers Vortragslautet: „Es gibt keine Prostitution ohne Dissoziation.“ Freiwilligkeit existiere nur als Mythos oder Illusion. Wenn jemand glaubt in der Sexarbeit freiwillig tätig zu sein, habe man es vermutlich mit einem „Täter-Introjekt“ zu tun: Einer inneren Stimme also, die sich die Rechtfertigungen und Beschimpfungen böswilliger Profiteure angeeignet habe, um Konfliktsituationen zu navigieren. Eigentlich spräche hier nicht eine Sexarbeiter*in über ihre Erfahrung, sondern Täter über den Körper eines Opfers, das die Kontrolle über sich selbst verloren hat.

In der Diskussion wird noch breit über die „kuriosen Sexualitäten“ diskutiert, die Aussteiger*innen entwickeln würden, um ihre schlechten Erfahrungen mit Männern zu bewältigen und was man als Sozialarbeiter*in dagegen tun könnte.

Für Schreibers Vortrag gibt es  schallende Standing Ovations.

Die Stimmung „steigt“…

„Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewärmt sind und sich gut gegenseitig reinsteigern…“

…so schildert es unsere Beobachter*in.

Um zu verstehen was hier passiert, hilft die Analyse-Kategorie der epistemischen Ungerechtigkeit weiter: Der Gedanke stammt aus der feministischen Philosophie und beschreibt Situationen, in denen es Personen unmöglich gemacht wird mit ihren Problemen und Bedürfnissen, gehört und verstanden zu werden.

Schreibers psychologisches Framework stellt ein Beispiel für epistemische Ungerechtigkeit dar, weil jede Äußerung einer Sexarbeiter*in, die Schreibers theoretischen Modell widerspricht zu einer Oberflächlichkeit oder Illusion erklärt werden kann, hinter der sich die Wahrheit, die nur die Psychologin kennt, verbirgt. Für Leute, die Schreibers Framework ernst nehmen, wirkt es suggestiv. Die Erfahrungen der Personen, die ihm nicht folgen macht es unsichtbar.

Besonders perfide ist dabei der Gegensatz von Schweigen und Sprechen. Jede Sexarbeiter*in, die sich konträr zu Schreibers Thesen äußert, „schweige“ demzufolge im Grunde noch, während nur die auf dem „heiligen Weg“ Gerettete wirklich ihr Schweigen breche. In der Wirkung diskrediert Schreiber so ihr nicht genehme Äußerungen von Sexarbeitenden.

Über Schreibers Absicht können wir nur spekulieren, doch es liegt nahe, dass Sexarbeiter*innen solche Werturteile über ihre Erfahrungen einschüchtern und verstummen lassen könnten.

Und dann: Ein Wunder!

Gegen Ende des Vortrags betritt dann eine Person die Bühne, die sich als Opfer ritueller organisierter Gewalt vorstellt.

Sie erklärt, dass sie nach dem Abschluss-Gottesdienst des letzten Kongresses zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf eigenen Beinen die Stufen zur Bühne erklimmen und auf ihren Rollstuhl verzichten konnte (mehr dazu auch noch – in Kürze! – in Teil 3 unserer Serie).

Die Person berichtet über „höllische“ Erfahrungen mit ihrer Familie, Ärzten und einem „Kult“ und dankt für die Arbeit der Vereine CARA und Mission Freedom zu ritueller Gewalt.

Die Grenze zwischen dem Erfahrungsbericht einer Gewaltbetroffenen und einem Zeugnis im religiösen Sinne verschwimmt.

Exorzismen und Dämonen – Workshop CARA e.V.

In dem später folgenden Workshop von CARA e.V. (CARA steht für „Care Aout Ritual Abuse“) geht es mit genau diesen Themen weiter.

Was bei Schreiber noch als vage psychoanalytische Kategorie (Täter-Introjekt) vorkommt, wird dort erheblich zugespitzt und auch offener religiös interpretiert. Plötzlich ist, wie sich unsere Beobachter*in erinnert, auch die Rede von der Besessenheit durch Dämonen und der Bedeutung von Exorzismen.

Der Schweizer Verein CARA steht insbesondere seit einer Investigativ-Recherche des SRF schon seit längerem in der Kritik, Verschwörungserzählungen zu verbreiten und in die Therapie und Sozialarbeit zu tragen.

Eine Anfrage an CARA mit Bitte um Stellungnahme zu dem Workshop blieb bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags unbeantwortet.

Ein Skandal muss draußen bleiben: Verdacht auf Kindeswohlgefährdung bei Mission Freedom-Einrichtung ist kein Thema

Auch Mission Freedom e.V. – ebenfalls Mitveranstalter des Kongresses – steht in der Kritik.

https://fundiwatch.org/jugendamt-nimmt-kinder-aus-heim-in-obhut/

Erst am Freitag vor dem Kongress wurde bekannt, dass wenige Wochen zuvor im Haus SeeNest von Mission Freedom im Allgäu, alle sechs der dort untergebrachten Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Als Grund führen die Behörden kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden und einen unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen an. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaften Ermittlungen wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener eingeleitet.

Die Ereignisse waren vermutlich der Grund, warum Gaby Wentland – Gründerin und Vorsitzende von Mission Freedom – bei dem Eröffnungsvortrag nicht wie geplant auf dem Podium auftrat. Sie saß im Publikum.

Einige Tage nach dem Kongress wurde bekannt, dass Gaby Wentland ihre Vorstandstätigkeit beim Mitveranstalter des Kongresses ggmh vor dem Hintergrund der Vorgänge im Haus SeeNest vorläufig ruhen lasse.

Die Vorfälle im Haus SeeNest blieben auf dem Freiheit-Kongress selbst hingegen unerwähnt.

Blinder Fleck

Eine Vorführung und Diskussion des Films „Blinder Fleck“ von Liz Wieskerstrauch wurde hingegen offenbar wie geplant von Inga Gerckens moderiert.

Gerckens ist ebenfalls für Mission Freedom tätig und Geschäftsführerin der Mission-Freedom-Tochtergesellschaft Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, die das Haus SeeNest betreibt.

Die Zeit ging in einem Artikel (Paywall) der Geschichte eines offenbar auch im Film erwähnten Falls eines angeblich von ritueller Gewalt betroffenen Mädchens nach. Schon vorher hatte u.a. die Zeit zu dem Fall und der sich letztlich als unwahr herausgestellten Geschichte recherchiert. In dem Artikel ging die Zeit einer Spur nach, wonach Angehörige kurzzeitig fürchteten, ihre Mutter wolle das Mädchen im Haus SeeNest im Allgäu unterbringen. Bestätigen lies sich das nicht. Betrachtet man die Liste der Förderer des über Crowdfundig finanzierten Films findet man jedoch eine Reihe von Namen aus den Kreisen von ggmh und Teilnehmenden des Freiheit-Kongress.

Der Zeit-Artikel war zwischenzeitlich offline. Unter dem Artikel findet sich nun ein Hinweis auf eine rechtliche Auseinandersetzung, weswegen gewisse biographische Angaben zu dem Mädchen entfernt worden seien.

„Betroffenenschutz“ durch Hausverbot?

Obwohl solchen hochgradig kontroversen Organisationen beim Kongress eine Bühne geboten wird, wurde die Absage für die Teilnahme am Kongress und ein Hausverbot, die einem Mitglied von FundiWatch erteilt wurden mit dem Betroffenenschutz begründet.

In der betreffenden Absage-Mail nebst durch die Kongressleitung ausgesprochenen Hausverbot heißt es:

„Die Aufklärung und den Schutz vor geistlichem Missbrauch sehen wir uns ebenso verpflichtet wie dem Schutz vor sexueller Gewalt. Betroffenen aller Gewaltformen wollen wir einen geschützten Rahmen bieten. Dies gilt ausdrücklich auch für Betroffene von ritueller und organisierter Gewalt. Gerade diese Menschen erleben immer wieder, dass ihre Erfahrungen infrage gestellt oder relativiert werden. Umso wichtiger ist es uns, auch ihnen einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich sicher fühlen und offen sprechen können.

Diesem besonderen Schutzauftrag fühlen wir uns bei dieser Veranstaltung in besonderer Weise verpflichtet.“

Betroffenenschutz wird so instrumentalisiert, um Verschwörungserzählungen zu legitimieren und um so manche Organisation zu schützen, die ihre Klient*innen nachweislich gefährdet.

Der Kongress bietet radikalen und fundamentalistischen Kräften einen Anschein der Seriosität und einen Zugang zu Politik und zivilgesellschaftlichen Institutionen. Wenn man vor Ort ist verfliegt dieser Anschein schnell.

Teil 3: Der Kongress 2024 und was seither geschah

In unserem dritten Teil zum Freiheit-Kongress gehen wir näher auf den letzten Kongress im Jahr 2024 ein und welche Kontinuitäten wir beobachten.

Damals gab es FundiWatch noch nicht. Ein heutiges Gründungsmitglied war jedoch vor Ort und schildert in Teil 3 (erscheint in Kürze!) seine damaligen Eindrücke und Kontinuitäten zum diesjährigen Freiheit-Kongress. Dabei wird es auch um die Unterstützung des Kongresses durch mehrere Politiker*innen gehen.

Edit (18.07.2026): Vor Teil 3 waren wir übrigens in „Teil 2 1/2“ noch mit beim Podcast „Queerocracy Now!“, in dem wir mit eine*r unsere*r Beobachter*innen vor Ort über den Kongress berichten. Mehr dazu hier!

 

Kongress der Unfreiheit (Teil 1)

Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt.

Beten, Reinsteigern und Kampagne
In Gottes Namen

Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt.

In einer Beitragsreihe berichten wir über den Kongress christlich-fundamentalistisch und ultra-konservativ ausgerichteter Organisationen – bei dem bemerkenswerte Bündnisse geschmiedet werden.

Der Freiheit-Kongress in Schwäbisch-Gmünd

Bei dem Kongress handelt es sich um eine groß angelegte Netzwerkveranstaltung christlich-fundamentalistisch, ultra-konservativ und esoterisch-traumatologisch ausgerichteter Organisationen. Bemerkenswert ist, wie bei den Themen Sexarbeit, Pornografie, Rituelle Gewalt Bündnisse zwischen Kräften möglich werden, die bei anderen Themen rundheraus unmöglich sind.

Dieses Jahr nahmen rund 400 Menschen am Freiheit-Kongress teil. Unsere Beobachtenden vor Ort erlebten ein Wechselbad aus Gefühlen, Furor und … Entschlossenheit. Kritische Medienvertreter*innen vor Ort fehlten, dafür war der freikirchliche Sender ERF und das evangelikale Medium IDEA Partner*innen der Veranstaltung.

Zur Erinnerung: Der Tagungsort Schönblick machte bereits im Mai 2025 als Tagungsort des Anti-Abtreibungs-Kongress Leben.Würde unter der Schirmherrschaft von Jana Hochhalter (aka Jana Highholder) und Bischof Stefan Oster von sich reden. Regelmäßig finden dort Veranstaltungen aus dem charismatischen und evangelikalen Spektrum statt. Mehr dazu in Teil 2 dieser Reihe.

Unter dem Motto „Gemeinsam gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ tauschte sich vier Tage lang ein erstaunlich heterogenes Potpourri aus Prediger*innen, Beter*innen und „Expert*innen“ zu Themen wie „Prostitution“, Ritueller Gewalt und Pornografie aus. Aufwallende Emotionen gehören dazu, begleitet von geistlicher Musik, Predigten, Vorträgen und Paneldiskussionen.

Beachtlich: die teilweise hochaufgeladene Stimmung schreckt Politiker*innen nicht von der Teilnahme ab – wie bereits beim vorherigen Kongress 2024 (Teil 3 – folgt bald!) suchten einige auch 2026 wieder die Nähe hochreligiöser Netzwerke, die bei ihren Rettungsversuchen auch vor dubiosen und teilweise obskuren Methoden nicht zurückschrecken.

„Wer veranstaltet diesen Kongress?“[i]

Quelle: www.freiheit-kongress.de

Auf der orange (steht weltweit für Engagement gegen Gewalt an Frauen) gehaltenen Homepage wird informiert, dass der Freiheit-Kongress von einer „Veranstalter- und Kooperationsgemeinschaft“ ausgerichtet wird. 40 NGO’s seien daran beteiligt, davon werden prominent mit Logo gelistet:

  • Evangelische Allianz Deutschland (EAD)
  • Gemeinsam Gegen Menschenhandel (GGMH)
  • Aktion Hoffnungsland (AH), Träger des Hoffnungshaus in Stuttgart
  • return, einer selbsternannten Fachstelle zu „Mensch sein in digitalen Zeiten“
  • christliches Gästezentrum Schönblick
  • Mission Freedom (MF)

Besonders der letztgenannte Verein, Mission Freedom, machte am Freitag vor Beginn des Kongress – mal wieder – Schlagzeilen, als Medienberichte erschienen, denen zufolge sechs Kinder aus der vom Verein[1] betriebenen Einrichtung „Haus SeeNest“ in Schwaben durch das Jugendamt Oberallgäu in Obhut genommen worden waren. Gegen die pädagogische Leitung des SeeNest wurde eine „Tätigkeitsuntersagung erlassen“, wie die Allgäuer Zeitung bereits am 24.04.2026 und nun auch die Süddeutsche Zeitung berichten.

Doch auf dem Freiheit-Kongress spielt dieser Vorfall keine Rolle. Genau genommen spielt nichts eine Rolle, was die zunehmend fanatisch vorgetragene Einigkeit stören könnte. Soweit uns berichtet wurde, erwähnte niemand öffentlich die Inobhutnahme der Kinder. Vielleicht ist jenen, die sich auf der „richtigen Seite“ in einer höchst emotionalisierten Debatte wähnen, Transparenz und Widerspruch einfach fremd?

Sind sie vielleicht gewohnt, dass es sich am „Lagerfeuer der Anständigen“ warm und trocken sitzt und kritische Fragen anderen gestellt werden?

Quelle: „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ von Ruby Rebelde (2025)

Auf dem Freiheit-Kongress geht es nicht um ein vollständiges Bild der komplexen Themen Sexarbeit & Menschenhandel, auch nicht um differenzierte Analyse und schon gar nicht um durchdachte Lösungsvorschläge. Das Event steht für (schein-)heilige Selbstbespiegelung, emotionale Radikalisierung und scharfe Kritik an Andersdenkenden.

Tag 1 – Aufwärmen & Seriosität mimen

Vier Tage Gebet, Seminare, Reden und Musik liegen am Sonntag in Schwäbisch-Gmünd vor den Teilnehmenden.

Um 14:30 Uhr startet der Einlass. Nach überschwänglichen Grußworten – der Bürgermeister von Schwäbisch-Gmünd ist Schönblick-Fan, allem Anschein nach auch von den tollen (Anti-Abtreibungs-, Anti-Sexwork,- Anti-Vielfalts-) Events dort – startet der Kongress mit einem Vortrag von Dr. Jakob Drobnik.

Quelle: https://freiheit-kongress.de/programm

Dr. Drobnik (oder „Jay“, Instagram), tritt im geschniegelten Chic der neuen Rechten auf, Einstecktuch im Anzugjacket, Krawatte, akkurat frisiert.


Einschub: Wer sich wundert, wieso ich in diesem Artikel gleich zwei Mal über Kleidungsstile (von Huschke Mau und Jakob Drobnik) spreche: Mit einem bestimmten Auftreten und Aussehen verbinden sich auch Aspekte, wie Habitus, Milieu und Zielgruppe. Bei den entsprechenden Einordnungen in diesem Text geht es also nicht um Abwertung oder persönlichen Diss, sondern eher um die Frage der Anschlussfähigkeit und Akzeptanz für die spezielle Zielgruppe auf dem Schönblick. Einschub Ende


Der 40-jährige arbeitete unter der Professorin Elke Mack an deren Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaft und Sozialethik an der Uni Erfurt und seit einigen Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Posen. Er promovierte zu Fundamentaltheologie.

Drobnik ist auch im Vorstand vom pseudowissenschaftlichen Institut DIAKA (Deutsches Institut für Angewandte Kriminalitätsanalyse), unter deren Dach seit Jahren Stimmung gegen das aktuell in Deutschland gültige Prostituiertenschutzgesetz und für die Einführung der Kriminalisierung der Nachfrage nach schwedischem Vorbild erzeugt wird. Pseudowissenschaftlich, denn der Begriff „Institut“ ist in Deutschland nicht geschützt und somit kein Qualitätssiegel. Wir von FundiWatch könnten ein „Institut für Angewandte Fundianalyse“ gründen. Der Begriff Institut an sich trifft keine Aussage, über das, was sich dahinter verbirgt.

Das DIAKA beauftragte die bereits erwähnte Professorin Mack und Ullrich Rommelfanger mit dem Buch „Sexkauf“, an dem auch Drobnik mitschrieb – sonst finden sich auf der DIAKA-Homepage eher skandalisierende und empörte Blogartikel.  

Doch Drobniks Name ist noch mit einem anderen Vorfall verbunden: Er verfasste als Habilitationsschrift einen Text über die Kriminalisierung der Nachfrage unter dem Titel „Nordisches Modell und Menschenhandel“ (Edit: 18.07.2026: mehr zur Kritik an der „Studie“ hier), die er im Juni 2025 auf einem Termin, der wie eine offizielle Pressekonferenz inszeniert war, feierlich-zeremoniell der zuständigen Ministerin Karin Prien überreichte. Dies geschah -zufällig?- an dem Tag, als die von der Ampelregierung beauftragte wissenschaftliche Evaluation des Prostituiertenschutzgesetz veröffentlicht wurde. Ministerin Prien nahm im Grunde also eine alternative Arbeit, statt des immerhin durch die Vorgängerregierung beauftragten Evaluationsbericht des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) entgegen. Jeder Person steht frei, sich ihren Teil zu diesem Verhalten des BMBFSFJ denken.

Drobniks akademische Tätigkeit an sowohl juristischen als auch theologischen Fakultäten macht ihn zu einem perfekten Scharnier innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung. Dort sammeln sich, bildlich gesprochen: am Lagerfeuer der Anständigen, konservative, ultra-religiöse und frauen – RECHTS – bewegte Strömungen.

Auch die extreme Rechte beansprucht zunehmend, in dieser Debatte mitzusprechen. Vor Kurzem luden eine AfD- und eine FPÖ-Abgeordnete zu dem Event „Käufliche Liebe ins Rechte Licht (sic) gerückt“ ins Europäische Parlament. Der lagerübergreifende Tenor lautet: Strengere Gesetze zu Sexarbeit, Selbstbestimmung und Leihmutterschaft müssen her. Ihre Strategie: Moralpaniken angesichts einer, ihrem Empfinden nach, verheerenden Ist-Situation zu schüren.

In solchen Moralpaniken erfolgen stigmatisierende und diskriminierende Zuschreibungen, oft adressiert an ohnehin marginalisierte Menschen: Gender-Wahn als Bedrohung für die weiße, bürgerliche christliche Frau, die Beschwörung eines gefährlichen „Stadtbilds“, der Fingerzeig auf Migrant*innen und nicht-weiße Täterkreise. Emotionale, hochpersönliche Reizthemen, wie Leihmutterschaft, Sexarbeit und Pornografie eignen sich dabei besonders, um sich als moralisch erhaben, rechtschaffen und selbstverharmlosend zu inszenieren.

Ein weiterer Stargast des diesjährigen Freiheit-Kongress ist Huschke Mau. Ihr Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events. Sie ist sowas wie eine Säulenheilige der Gruppe von Überlebenden des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung. Mau teilt gern und happig gegen Sexarbeitende aus.

Nicht ihre persönliche Meinung zur Prostitutionspolitik ist das Problem, sondern ihr Anspruch, sie allein und ihre Gefolgsleute kannten die einzige „Wahrheit“, die sie aus ihren eigenen Erlebnissen verbindlich für alle anderen ableitet. Wie viele in dieser „prostitutionskritischen“ Strömung teilt sie auch „genderkritische“ Einstellungen. Weil sich anekdotische Evidenz so schwer belegen lässt, sind in Maus Buch „Entmenschlicht“ auch keine kontextualisierenden Fußnoten enthalten, und das – trotz oder wegen? – ihrer teils steilen Thesen.

Feminist*innen unter sich?

Mau’s Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events – teils auch direkt neben Gaby Wentland, der Vorsitzenden von Mission Freedom, für die Homosexualität für Gott ein „Greuel“ ist und Abtreibung eine „Blutschuld“.

Mau wird auf dem Schönblick im Gespräch mit Personen von Samaritans Purse beobachtet. Samaritans Purse ist in Deutschland besser als die „barmherzigen Samariter“ oder durch ihre (oft kritisierte) Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ bekannt. Hinter ihrer sorgfältig kuratierten Fassade aus Nächstenliebe verbirgt sich eine (weitere) umstrittene Freikirche.

Samaritans Purse wird vom umstrittenen Franklin Graham geleitet, der in der Kritik für islam- und queerfeindliche Äußerungen steht. Graham brachte erst kürzlich erneut seine unbedingte Unterstützung für Trump zum Ausdruck. Das geschah, als dieser es sich gerade mit Teilen der Maga-Bewegung durch das KI-Bildchen, das ihn als heilenden Jesus-Arzt zeigte, verscherzt hatte.

Mau wird von Beobachtenden auf dem Kongress im Gespräch mit Markus Habicht, und einer weiteren Person im T-Shirt der Samariter-Kampagne „Männer gegen Menschenhandel“ gesehen. Ganz klar, hier unterhalten sich Feminist*innen unter sich…

Samaritans Purse und deren Projekt Alabaster Jar kooperieren eng mit der Anlaufstelle Neustart e.V. aus Berlin (ebenfalls Mitgliedsorganisationen von Gemeinsam gegen Menschenhandel).

Mau ist Gründerin des Netzwerks Ella. Sie und andere aus dieser Gruppe trifft man seit über zehn Jahren immer dort, wo sich Stimmung gegen Sexarbeit machen lässt. Nun, so hört man, hat Mau ein neues Buch geplant, die nächste sexarbeitsfeindliche Welle muss schließlich geritten werden.

Menschenhandel = „Prostitution“

Die absolute Gleichsetzung von brutaler Gewalt und konsensueller Intimität zwischen erwachsenen Menschen gegen Vergütung ist das Muster. Und das durchzieht Titel, Selbstverständnis sowie Merch auf dem Freiheit-Kongress.

Und das nicht nur auf dem Schönblick, nicht nur an diesen vier Tagen: Überall allem prangt das Wort Menschenhandel. Doch die Aktionen und Events dieser Vereine und Organisationen richten sich in erster Linie gegen Sexarbeitende und marginalisierte Menschen. Die Akteure des Freiheit-Kongress protestieren in der Regel nicht auf Demos gegen Migrationsunrecht, gegen Abschiebungen oder den Rechtsruck. Sie treffen sich lieber in einem evangelikalen Tagungshaus bei Gebet und geistlicher Musik. Eine Beobachterin des Events sagt dazu:

„Während des gesamten Kongresses wurde kein Wort über Alternativen zur Sexarbeit verloren. Flucht wurde ebenso wenig thematisiert, wie wirtschaftlicher Zwang. All diejenigen, die es wagen eine andere Position einzunehmen, als das „Nordische Modell“ zu fordern, werden pauschal als Lobbyistinnen oder Profiteurinnen dargestellt. Gegenstimmen sind auf dem Kongress nicht zu hören, offensichtlich ist eine echte Debatte nicht erwünscht.“

Beobachterin, anonymisiert


Einbindung von Politik ins Fundi-Happening

Der Freiheit-Kongress ist trotz alledem kein Gottesdienst. Es geht hier nicht ausschließlich um Religion, sondern darum, politisch wirksam zu werden. Das wird besonders deutlich am ersten Tag des Events.

„Jay“ Drobnik ist vieles, aber ein spannender Redner ist er wohl nicht. Wer nach seiner Keynote nicht eingeschlafen ist, erlebt im Anschluss eine Podiumsdiskussion, die keine Zweifel offenlässt, dass hier kein harmloses Glaubens-Retreat stattfindet.

Huschke Mau moderiert eine Podiumsdiskussion, an der neben Keynotespeaker Drobnik auch Politiker*innen aus CDU, LINKEN, SPD und Grünen teilnehmen.

Wer nun sagt, „ach, das ist ja nur die Landespolitik“, hat die Rolle von Baden-Württemberg innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung, aber auch mit Blick auf das rasche Vordringen erzkonservativer christlicher Kräfte nicht verstanden.

Huschke Mau auf dem Schönblick sieht nicht aus, wie die Huschke Mau, die ich von Bildern von vergangenen Events mit ihr kenne. Dort war ihr Markenzeichen eine Bluse im Leomuster, sehr rote Lippen – ich habe mich schon oft über ihre Anspielungen an jene Äußerlichkeiten, die Sexarbeitenden zugeschrieben werden, geärgert. Ist ihr Schönblick-Outfit – hochgeschlossen, in blickdichter Strumpfhose und Blümchenrock ein Zugeständnis an den evangelikalen Vibe des Kongress?

Quelle: https://www.idea.de/artikel/politiker-und-mediziner-fordern-nordisches-modell-in-deutschland

Mau befragt die Politik-Runde zum „blinden Fleck“ ihrer jeweiligen Parteien.

Auch eine Vertreterin der LINKEN hat auf dem Podium Platz genommen. Führt man sich vor Augen, an welchem Ort getagt wird und mit was für christlich-fundamentalistischen Vereinen und Organisationen der Freiheit-Kongress aufwartet, entspricht das wohl eher nicht einem emanzipatorischen Selbstverständnis.

Uta Beyer ist eine der Sprecherinnen der BAG Lisa, die schon öfter eine problematische Nähe zum Kreis um Katharina Sass und Liane Bissinger bewiesen hat. Diese lose Gruppe „borgt“ sich das Logo der Partei und nennt sich „Linke für eine Welt ohne Prostitution“. Ansonsten ist Uta Beyer eher ein unbeschriebenes politisches Blatt.

Christian „christ.gehring“ Gehring ist schon eine wirkmächtigere Figur (sorry, Uta): Er war in der letzten Legislatur kirchenpolitischer Sprecher der CDU in Baden-Württemberg. Als Kriminalkomissar a.D. ist sein Profil gefragt in der Anti-Sexarbeits-Bewegung, die gern mit einer starken Betonung der Ordnungspolitik und der Exekutive aufwartet (so auch beim bereits erwähnten Institut DIAKA). Strafrechtsfeminist*innen lieben scheinbar markige Cops, und lauschen dann andächtig deren Copaganda-Anekdoten, ohne kritische Nachfragen.

Gehrings CDU Baden-Württemberg lud 2025 die Evangelische Allianz Stuttgart (Gemeinsam für Stuttgart) in den Landtag ein. Bei dieser Gelegenheit entstand ein Bild, das sich auf dem Instagram-Auftritt des evangelikalen Vereins Kainos (ebenfalls Mitgliedsorganisation von Gemeinsam gegen Menschenhandel) finden lässt. Gehring hält ein Exemplar des Buches seines schwedischen Kollegen Simon Häggström in die Kamera.

Gehring steht stellvertretend für einen Kurs, der Politik und Gesellschaft stärker an sehr konservativen Glaubensvorstellungen ausrichten will. 2025 kandidierte er für die Evangelische Landessynode und galt zunächst als nicht gewählt. Angetreten war er für die konservative Lebendige Gemeinde (ChristusBewegung). Später wurde das Ergebnis korrigiert und Gehring zog doch noch in die Synode ein. Mit verheerenden Folgen: Auf diese Weise zog die Lebendige Gemeinte mit der Stimmanzahl der Offenen Kirche gleich. Die Lebendige Gemeinde lehnt zum Beispiel die rechtliche und liturgische Gleichstellung von queeren Paaren ab.

An diesem Beispiel wird klar, dass es solchen Kräften nie „nur“ um Sexarbeit und Menschenhandel geht. Auf Treffen wie dem Freiheit-Kongress verbinden sich ultra-konservative Überzeugungen mit dem politischen Kalkül, Einfluss in allen gesellschaftlichen Sphären zu gewinnen (wie beim Seven Mountains Mandat).

Auch die GRÜNE Ursula Mayr hat auf dem Podium Platz genommen. Sie ist Ortschaftsrätin von Hohenwettersbach bei Karlsruhe. Mayr ist Psychologische Psychotherapeutin mit Sitz in Karlsruhe-Durlach. Damit sitzen, zusammen mit der SPD-Frau Brigitte Schmidt-Hagenmeyer, zwei mit Trauma-Therapie befasste Personen auf diesem Podium. Auch das ist, mit Blick auf die Anti-Sexarbeits-Bewegung nicht überraschend. Über die Vereinnahmung von Leid und Trauma sollten all jene nachdenken, denen die Themen Sexarbeit und Menschenhandel als sehr nischig oder identitätspolitisch erscheinen. Denn in der Viktimisierung und Pathologisierung Andersdenkender liegt eine autoritäre Versuchung, die auch bei anderen Themen verfangen kann.

Wie die LINKE Uta Beyer, ist Ursula Mayr ein prägnantes Beispiel dafür, wie die Slogans der Anti-Sexarbeits-Bewegung in bestimmten Schichten besondere Resonanz auslösen. Politiker*innen wittern hier eine Gelegenheit, sich selbst als entschlossen und auf der richtigen Seite positioniert ins Gespräch zu bringen. Vielleicht ist das der Grund, aus dem sich Mayr und Beyer auf den Fundi-Kongress verirrt haben?

Dass Events wie diese aber keine Bühne nur für die zweite, dritte und vierte Reihe in der Politik sind, damit beschäftigt sich der dritte Teil dieser Reihe, der auf den Kongress 2024 zurückblickt. Mayr jedenfalls fiel bislang weder durch Wortmeldungen noch politische Initiativen zum Thema auf.

Quelle: Archiv RR

Das ist bei Brigitte Schmidt-Hagenmeyer (BSH) anders. Auch sie ist, wie Drobnik, im Vorstand von DIAKA. Exemplarisch können wir an einer Figur, wie BSH typische Verflechtungen in unterschiedliche Themenfelder ablesen.

Jemand wie BSH erfüllt oft mehr als eine Funktion in den Allianzen und versucht in unterschiedliche Netzwerke zu wirken. Die Fäden ihrer Aktivitäten führen in die SPD Baden-Württemberg, in lokale Kampagnen wie den Appell „Karlsruhe gegen Sexkauf“, zum „Trauma & Prostitution“-Netzwerk um Dr. Ingeborg Kraus, in die Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation (DGTD) aber auch zu Kommentierungen des Evaluationsberichts zum Prostituiertenschutzgesetz oder zu einer Handreichung, die Medienschaffende bei einer diskriminierungssensibleren Berichterstattung über Sexarbeit unterstützen will. Letztere war in den letzten Wochen bereits mehrfach durch den Kakao rechter Medien gezogen worden.

Vor Kurzem trat BSH bei einer Online-Veranstaltung der Linken für eine Welt ohne Prostitution auf, zusammen mit Liane Bissinger (LINKE Oberland): Genussvoll wurden dort emotionalisierende Schilderungen körperlicher und psychischer Verletzungen von Opfern des Menschenhandels ausgebreitet, einhellig und ohne Gegenstimme.  

Die Botschaft: Prostitution ist Gewalt. Verbote, so finden diese Menschen, die sich in allen Parteien finden, sind ganz gewiss die Lösung für soziale Ungerechtigkeit, Patriarchat und sexualisierte Gewalt. Darin ist man sich einig und entledigt sich somit seiner Verantwortung für konkrete Antworten auf strukturelle Gewalt, Ausschluss und nachhaltige Veränderung. Noch ein bisschen Musik, Gebet und Geld – und die nächste sexarbeitsfeindliche Kampagne rollt durch’s Land.

Auf diesem Podium schließt sich ein Kreis. Events, wie der Freiheit-Kongress sind per se nicht (ergebnis-) offen. Deep, deep into the rabbithole kreisen die Gedanken in den Köpfen der Verantwortlichen in einer Dauerschleife.

Um gewünschte und geforderte Unterstützung, Rechte und verbesserte Lebensbedingungen für Sexarbeiter*innen in Anerkennung ihrer Selbstbestimmung geht es auf dem Freiheit-Kongress offensichtlich nicht.

Freiheit im Denken ist auf dem Freiheit-Kongress: unerwünscht.

In den kommenden Tagen führen wir diese Reihe zum Freiheit-Kongress fort:

Teil 2: „Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewärmt sind und sich gut gegenseitig reinsteigern“

https://fundiwatch.org/kongress-der-unfreiheit-teil-2/


Teil 3: Rückblick auf 2024 und weitere Hintergründe (in Kürze!)


[1] Etwas kaschiert durch den Umweg über die 100% Tochter „Himmelsstürmer gGmbH“ von Mission Freedom, die als Betreiber des Haus SeeNest in Erscheinung tritt.


[i] https://freiheit-kongress.de/ (abgerufen am 28.4.2026)

Jugendamt nimmt alle Kinder aus christlich-fundamentalistischer Einrichung im Allgäu in Obhut

„SeeNest“ der Himmelsstürmer Deutschland von Mission Freedom stand bereits in Kritik

Mehrere Medien berichten über Inobhutnahmen von sechs Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren aus einem Heim in Immenstadt (Allgäu) – vgl. hier, hier und hier.

Bisher nicht genannt wird der Name der Einrichtung. Es handelt sich jedoch offensichtlich um das erst 2023 eröffnete „Haus SeeNest“ der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH – einer 100%-Tochtergesellschaft des bereits lange in Kritik stehenden christlich-fundamentalistischen Vereins Mission Freedom.

So tragisch der Vorgang ist: Überrascht sind wir nicht. Wir hatten bereits kritisch über die Erteilung der Betriebserlaubnis und Zweifeln an einer dortigen Gewährleistung des Kindeswohls berichtet.

Eine regelmäßig aktualisierte Chronologie zu den aktuellen Ereignissen um das Haus SeeNest veröffentlichen wir hier.

„Kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden“

Grund für die Inobhutnahme seien laut Regierung von Schwaben „kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden“ gewesen. Die gute Nachricht: Stand jetzt befinden sich keine Kinder mehr in der Einrichtung. Für uns ist klar: Der gesamte Fall muss umfassend und insoweit mit den Persönlichkeitsrechten der betroffenen Minderjährigen vereinbar transparent aufgeklärt werden.

Die Regierung von Schwaben teilt laut Berichterstattung mit: „Die weltanschauliche Ausrichtung des Trägers hatte keinen Bezug zu den Inobhutnahmen“. Das ist schwer vorstellbar und sehr viel spricht dafür, dass das nicht zutrifft.

Die Einrichtung und ihre Träger stehen schon lange in Kritik

Auch wenn der Name der Einrichtung bisher nicht genannt wird: Der Vorgang lässt sich klar zuordnen.

So wird in den Berichten u.a. erwähnt, dass es sich um die Einrichtung eines „religiös ausgerichteten“ Betreibers aus Hamburg handelt. Mission Freedom und – an gleicher Adresse – die Himmelsstürmer Deutschland haben dort ihren Sitz: In der Freien Gemeinde Neugraben in Hamburg, zu der auch Gaby Wentland gehört. Wentland ist Gründerin und Vorsitzende von Mission Freedom e.V. und teilte bereits Anfang 2023 auf Facebook mit: „Im Allgäu hat Gott große Pläne vor 23!“

Quelle: Facebook – Gaby Wentland

Hamburger Behörden und Opferschutzverbände distanzierten sich übrigens bereits vor Jahren von Mission Freedom. Das Hamburger Landeskriminalamt teilte mit, es halte den Verein für „nicht seriös„.

Bereits Erteilung der Betriebserlaubnis sorgte für Kritik

Zudem wird in den Berichten auf bereits öffentliche Kritik an der Einrichtung und eine Anfrage der Abgeordneten Gabriele Triebel im Bayerischen Landtag aus dem Jahr 2024 hingewiesen.

Schon zu diesem Zeitpunkt berichteten damals bereits unter anderem die Süddeutsche Zeitung (Paywall) und Panorama über das „SeeNest“:

Quelle: sueddeutsche.de
Quelle: ndr.de

Eine ausführliche Recherche – die bereits vor Erteilung der Betriebserlaubnis erstellt wurde und auch der Genehmigungsbehörde vorlag – haben wir letztes Jahr hier veröffentlicht.

Quelle: fundiwatch.org

Auch in der 2025 mit Förderung der Freien und Hansestadt Hamburg veröffentlichen Handreichung zu Christlichem Fundamentalismus & Sozialer Arbeit gingen wir auf Mission Freedom und das SeeNest ein. Die Handreichung thematisiert Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit und ist hier frei abrufbar.

Quelle: fundiwatch.org

Die Verantwortlichen schweigen zum Vorgang – und tagen ab Sonntag auf dem „Freiheit-Kongress“ in Schwäbisch-Gmünd

Die Verantwortlichen der Einrichtung haben sich bisher öffentlich nicht geäußert.

Stattdessen tagen sie – darunter auch die Vereinsvoritzende von Mission Freedom, Gaby Wentland, sowie die Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland, Inga Gerckens – ab Sonntag gemeinsam mit zahlreichen weiteren Organisationen auf dem „Freiheit-Kongress“ im evangelikal ausgerichteten Kongresszentrum „Schönblick“ in Schwäbisch-Gmünd:

Quelle: Instagram, Freiheit_Kongress
Quelle: freiheit-kongress.de

Mission Freedom ist u.a. neben der Evangelischen Allianz Deutschland und dem Netzwerkverein „Gemeinsam gegen Menachenhandel“ sogar Mitveranstalter dieses Events.

Bereits Programm und Mitwirkende des Kongresses mit einem besonderen Schwerpunkt zum Thema „Rituelle Gewalt“ – darunter auch die Regisseurin Liz Wieskerstrauch mit ihrem Film „Blinder Fleck“ – lassen aufhorchen. Auch be idiesem Thema stand Mission Freedom bereits mehrfach in der Kritik, Verschwörungsideologien zu verbreiten.

Auch die Zeit berichtete kritisch über den Film „Blinder Fleck“ und einem darin vermeintlich falsch dargestellten Fall angeblich „ritueller Gewalt“ an einer Minderjährigen. Aktuell befindet sich unter der Überschrift des Artikels allerdings lediglich ein Hinweis, der Beitrag sei „aus rechtlichen Gründen depubliziert“. Wir haben bereits nachgefragt, was es damit auf sich hat.

Unser Kollektivmitglied Matthias hat für den Kongress übrigens ein Hausverbot erteilt bekommen, Zoé und Ruby haben von vorneherein eine Beobachtung der Veranstaltung aus Sicherheitsgründen für sich ausgeschlossen.

Selbstverständlich bleiben wir dran, an Mission Freedom und an vergleichbaren Organisationen. Mehr dazu bald!


Update (28.04.2026): Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH) hat zu dem Fall am 25.04.2026 eine Pressemitteilung veröffentlicht: „Kindeswohl ist unverhandelbar: Berufsverband warnt vor ideologischen Einflüssen in der stationären Jugendhilfe“

Update (30.04.2026): Jetzt berichtet auch die Süddeutsche Zeitung über den Fall und ordnet diesen dem SeeNest zu.

Update (03.05.2026): Auch die taz berichtet nun über den Fall. Demnach handelte es sich bei den kindeswohlgefähredenden Erziehungsmethoden offenbar auch um einen „unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen“.


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