28.800 Euro Lotterie-Förderung für „von Gott beauftragten“ evangelikalen Verein Perlenschatz

Trotz antimuslimischer und radikaler Anti-Abtreibungs-Positionen?

(Titelbild: Screenshot perlenschatz.info). Perlenschatz e.V. teilt auf seiner Homepage mit, dass die Deutsche Postcode Lotterie den Verein mit 28.800 Euro fördert. Mehrere evangelikale Medien berichten ebenfalls darüber. Der Verein beschreibt sich selbst als Schutz- und Beratungsangebot für Frauen aus Einwandererfamilien, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht oder betroffen sind und will sie in ein selbstbestimmtes Leben und bei der Integration in Deutschland begleiten. Nach eigener Darstellung richtet sich das Angebot insbesondere an Frauen aus patriarchalen Familienstrukturen, wobei Musliminnen als wesentliche Zielgruppe genannt werden.

Förderung sozialen Zusammenhalts?

Mit der Förderung will der Verein für ein Jahr eine halbe Personalstelle für seine Beratungsstelle Offenbach und die Betreuung einer Schutzwohnung finanzieren. Laut Perlenschatz entschied ein Lotterie-Beirat unter Vorsitz der früheren Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über die Förderung im Förderbereich „Sozialer Zusammenhalt“.

Eine eigene Pressemitteilung oder Projektseite der Postcode Lotterie zu Perlenschatz konnten wir bislang nicht finden. In der Vereinsmitteilung wird jedoch Katja Diemer, Head of Charities der Lotterie, mit einem Statement zitiert:

„Wir freuen uns, dass wir dank unserer zahlreichen Teilnehmer*innen dieses wirkungsvolle Projekt unterstützen können.”

Wie die Postcode Lotterie zu dieser positiven Einschätzung gelangte, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob ihr bei der Entscheidung die evangelikale Ausrichtung und Vernetzung des Vereins sowie öffentliche Positionen der Vereinsvorsitzenden Anette Bauscher zu Muslim*innen, Islam und Schwangerschaftsabbrüchen bekannt waren.

Bereits 2019 dokumentierte der Blog „Dokumentieren gegen Rechts“ ausführlich die evangelikalen Netzwerke von Perlenschatz.

„Von Gott beauftragt“

Bauscher selbst beschreibt die Gründung von Perlenschatz als göttlichen Auftrag. Nach einem Gebet habe Gott ihr vor ihrem „inneren Auge“ ein Frauenhaus mit verschleierten muslimischen Frauen gezeigt. Später erklärte sie, sich „von Gott dazu beauftragt“ gesehen zu haben, ein speziell auf muslimische Frauen zugeschnittenes Frauenhaus aufzubauen.

Die christliche Ausrichtung ist auch institutionell verankert: Die Vereinssatzung nennt Seelsorge als Mittel der Arbeit sowie „soziale und christliche Werte“ und das „christliche Menschenbild“ als Grundlage. Für eine Vereinsmitgliedschaft ist die Bejahung des christlichen Menschenbildes Voraussetzung. Auch bei der Personalauswahl wird das religiöse Profil konkret: In einer über das evangelikale netzwerk-m, bei dem Perlenschatz Mitglied ist, verbreiteten Stellenausschreibung verlangt der Verein ausdrücklich „überzeugte“ Christ*innen und einen „kurzen geistlichen Lebenslauf“.

Zudem besitzt Perlenschatz das Spenden-Prüfzertifikat der Evangelischen Allianz (EAD) – einem der größten evangelikalen Netzwerkvereine in Deutschland – und präsentiert sich auf deren Allianzkonferenzen.

Zu den prägenden Personen im Umfeld des Vereins gehören u.a. die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher und der evangelikale Theologe Yassir Eric.

Schirrmacher wird vom Verein als dessen „Botschafterin“ genannt. Die Bonner Islamwissenschaftlerin ist zugleich langjährige Spitzenfunktionärin der organisierten evangelikalen Islamarbeit und leitet das Institut für Islamfragen der Evangelischen Allianz. Bauscher greift für ihre Darstellung von Islam und Frauenrechten wiederum auf Veröffentlichungen Schirrmachers zurück. Schirrmacher setzt sich in eigenen Veröffentlichungen kritisch mit dem Konzept des ‚antimuslimischen Rassismus‘ auseinander und warnt dabei vor aus ihrer Sicht zu weitgehenden Rassismus- und Schuldzuschreibungen.

Der evangelikale Theologe und frühere Muslim Yassir Eric ist Gründungsmitglied von Perlenschatz und leitet seit 2013 das Europäische Institut für Migration, Integration und Islamthemen (EIMI) an der missionstheologisch geprägten AWM Korntal. 2019 wurde er zudem in den Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz gewählt. 2024 gehörte er zu den Predigern der umstrittenen Glaubenskonferenz UNUM24 in der Münchner Olympiahalle.

Evangelikale Netzwerke ‚gegen Menschenhandel‘

Ebenfalls auf der Webseite als Botschafter von Perlenschatz genannt wird Frank Heinrich – längjähriger Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Allianz und auch heute noch Vorsitzender des evangelikal geprägten Vereins Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh).

Und so wundert es nicht, dass Perlenschatz ebenfalls in das christlich-evangelikale Netzwerk ‚gegen Menschenhandel‘ eingebunden ist, dass sich u.a. für eine Kriminalisierung der Nachfrage nach Sexarbeit einsetzt. Beim u.a. von ggmh veranstalteten Kongress „Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ auf dem pietistisch geprägten Schönblick gehörte Perlenschatz 2024 zu den Kooperationspartnern – neben weiteren Organisationen, wie beispielsweise dem Verein Bethel SOZO, der dort einen Workshop zu „Befreiungsgebeten“ anbot.

Mitveranstalter des Kongresses war zudem der seit Langem in Kritik stehende Verein Mission Freedom – dessen mittlerweile geschlossenes „Haus SeeNest“ wegen schwerer Vorwürfe der Misshandlung von Schutzbefohlenen für Schlagzeilen sorgt.

Auch beim Kongress „Freiheit 2026“ war Perlenschatz vertreten. Eine Beitragsreihe zu dem Kongress haben wir hier veröffentlicht.

„Mit der Muttermilch aufgesogen“

Bauschers Veröffentlichungen gehen weit über Kritik an fundamentalistischen Auslegungen des Islam hinaus: So schreibt sie Muslim*innen pauschal negative Eigenschaften zu und erklärt diese aus einer vermeintlich tief verankerten religiös-kulturellen Prägung.

In ihrem zweiteiligen Beitrag „Frauen im familiären Gefängnis“ in der Fachzeitschrift Kriminalistik erklärt Bauscher islamische Religion und „orientalische Kultur“ für so eng miteinander verwoben, dass kaum zu unterscheiden sei, was religiös und was kulturell bedingt sei. Das Patriarchat sei in die islamische Religion übernommen worden. Anschließend präsentiert sie Koranstellen unter Kategorien wie „Frauen als Ware“, „Sexuelle Verfügbarkeit“ und „Überlegenheit des Mannes“. Während Bauscher beim Islam problematische Textstellen als Beleg heranzieht, erklärt sie für die Bibel dagegen, darin keine Legitimation von Gewalt gegen Frauen zu finden.

Über „den gläubigen Muslim“ schreibt Bauscher: „Er hat gelernt, dass er sich Allah unterwerfen muss, die Frau dem Mann und der ‚Ungläubige‘ dem Gläubigen.“ Dieses Denken habe er „von klein auf verinnerlicht“. An anderer Stelle heißt es: „Er kennt keine Würde in dem uns bekannten Sinn, für ihn ist die Unterwerfung wichtig.“ Besonders drastisch formuliert Bauscher zum Antisemitismus: „Vor allem viele Muslime haben den Hass gegen Juden schon mit der Muttermilch aufgesogen.“

Weit mehr als legitime Religionskritik

Um das an dieser Stelle klarzustellen: Im Koran gibt es Passagen, die aus heutiger menschenrechtlicher Perspektive problematisch sind und historisch wie gegenwärtig zur Legitimation patriarchaler Herrschaft und auch körperlicher Gewalt herangezogen werden.

Das darf und sollte kritisiert werden. Zugleich gibt es innerhalb des Islams unterschiedliche Auslegungstraditionen. Insbesondere in der modernen muslimischen Exegese haben sich reformorientierte und feministische Lesarten entwickelt, die traditionelle patriarchale Interpretationen kritisieren und etwa ein aus Sure 4:34 abgeleitetes Recht des Mannes auf körperliche Gewalt zurückweisen. Betrachtet man die zahlreichen Auslegungsstreitigkeiten zu problematischen Bibelstellen sollte einleuchten, dass sich aus solchen Passagen nicht ohne Weiteres Eigenschaften heutiger Christ*innen ableiten.

Etwas anderes ist es, aus solchen Textstellen vermeintlich feststehende Eigenschaften von Muslim*innen abzuleiten. Bauschers Aussagen über „den gläubigen Muslim“, dessen angeblich fehlendes Verständnis von Würde oder einen mit der „Muttermilch“ aufgenommenen Judenhass gehen weit über Religionskritik hinaus. Derart pauschale Zuschreibungen vermeintlich tief verankerter negativer Eigenschaften aufgrund muslimischer Religions- und Kulturzugehörigkeit entsprechen zentralen Merkmalen dessen, was der von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit als Muslimfeindlichkeit beziehungsweise antimuslimischen Rassismus beschreibt.

CDU, Hans-Jürgen Irmer und der Wetzlar-Kurier

Bereits 2015 wurde Perlenschatz von der CDU-Kreistagsfraktion Lahn-Dill zu einer Gesprächsrunde eingeladen. Anschließend berichtete der mit der CDU-nahe Wetzlar-Kurier positiv über den Verein.

2019 beantragte die CDU-Kreistagsfraktion einen Zuschuss für Perlenschatz. In der politischen Beratung schaltete sich auch der rechtskonservative CDU-Politiker Hans-Jürgen Irmer persönlich ein. Irmer ist nicht nur Herausgeber des Wetzlar-Kurier: Laut Impressum verantwortet er auch Redaktion und Anzeigenabwicklung. Der Wetzlar-Kurier berichtete wiederum positiv über den Förderantrag.

Im selben Jahr veröffentlichte Bauscher im Wetzlar-Kurier ihren Beitrag „Aufstehen gegen falsche Toleranz!“. Darin schrieb sie unter anderem, im Koran gebe es keine Gleichwertigkeit von Mann und Frau und behauptete, der Koran erlaube ausdrücklich, Frauen „zu demütigen und zu schlagen“.

Auch abgesehen von den Verbindungen zu Irmer ist der Publikationsort des Artikels bemerkenswert. Die taz dokumentierte unter anderem regelmäßige große Anzeigen des Kopp-Verlags und des Vereins „Die Deutschen Konservativen“ im Wetzlar-Kurier – laut taz „beide angesiedelt in der Grauzone zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus”. Und auch wenige Seiten nach dem dort veröffentlichten Artikel von Bauscher fand sich eine Anzeige des Kopp-Verlags.

Gegen Abtreibung – und ein wissenschaftlich nicht belegtes „Syndrom“

Auch Bauschers Haltung zum Schwangerschaftsabbruch ist deutlich.

Bereits im Wetzlar-Kurier bezeichnete sie Embryonen als „Kinder im Mutterleib“. Frauen werde eingeredet, bei Ungeborenen in den ersten Wochen handle es sich zunächst um einen „Zellklumpen“: „Doch wessen Gewissen noch nicht abgetötet ist, der weiß intuitiv, dass das eine Lüge ist.“ so Bauscher.

In ihrem späteren Kriminalistik-Beitrag behauptet Bauscher, Frauen entwickelten nach Schwangerschaftsabbrüchen häufig ein „Post-Abortion-Syndrom“ und fügt hinzu, dieses gebe es „laut Abtreibungsbefürwortern angeblich nicht“.

Damit verbreitet Bauscher ein in der Anti-Abtreibungsbewegung immer wieder behauptetes angebliches Krankheitsbild, für dessen Existenz es nach internationaler Studienlage keine wissenschaftlichen Belege gibt. Auch das staatliche Gesundheitsportal familienplanung.de und das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Forschungsprojekt ELSA widersprechen der Behauptung eines eigenständigen „Post-Abortion-Syndroms“.

Bauschers Verbindungen in die organisierte Anti-Abtreibungsbewegung zeigen sich auch bei „Patin für 9 Monate“. Dabei handelt es sich um ein Angebot der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), wo Bauscher im Oktober 2026 über „Die Würde der Frau in patriarchalen Familienstrukturen“ referiert.

Nur drei Wochen später geht es dort übrigens um die sogenannte „Abtreibungspillen-Umkehr“: Demnach soll hoch dosiertes Progesteron nach Einnahme der Abtreibungspille Mifepriston deren Wirkung aufheben und die Schwangerschaft erhalten. ALfA beschreibt diese Methode selbst als „Umkehrtherapie“. Nicht erwähnt wird allerdings, dass es für die Wirksamkeit dieser Methode keine belastbaren wissenschaftlichen Nachweise gibt. Die bislang einzige randomisierte Studie wurde zudem nach schweren Blutungen bei drei von zwölf Teilnehmerinnen vorzeitig abgebrochen.

28.800 Euro – was wurde geprüft?

Frauen, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht sind, brauchen Schutz und professionelle Unterstützung. Finanzielle Mittel werden dafür nur unzureichend bereit gestellt. Die bundesweite Frauenhauskoordinierung (FHK) spricht von einem „lückenhaften, überlasteten“ Finanzierungssystem. Nach der aktuellen Frauenhaus-Statistik 2025 fehlen bundesweit weiterhin knapp 12.000 Frauenhausplätze.

An der Seriosität und Professionalität von Perlenschatz e.V. bestehen jedoch erhebliche Zweifel. Hat sich die Postcode Lotterie damit befasst?

Nach ihren eigenen Förderrichtlinien bewertet die Lotterie Projekte unter anderem nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz und Wirkung. „Ordensgemeinschaften und Kirchengemeinden sowie sonstige kirchliche Institutionen (Kirchenkreise, Kirchenverbände etc.)” sind von der Förderung ausgeschlossen. Zwar ist Perlenschatz als eigenständiger Verein nicht unmittelbar eine kirchliche Institution – aber war der Postcode Lotterie die evangelikale Ausrichtung und das spezifisch religiöse Selbstverständnis des Vereins überhaupt bekannt?

Zudem gehört zur Förderphilosophie der Lotterie die „Förderung der Vielfalt und Schutz vor Diskriminierung, Antisemitismus & Rassismus“. Umso mehr stellt sich die Frage, ob der Lotterie bei ihrer Förderentscheidung Bauschers öffentliche Aussagen über Muslim*innen bekannt waren.

Gerade bei sozialen Projekten fehlt es bei Förderentscheidungen, Kooperationen und selbst bei der Erteilung von Betriebserlaubnissen häufig an Sensibilität für die Risiken christlich-fundamentalistischer Organisationen. Diese Lücken ermöglichen es entsprechenden Akteur*innen, ihr Engagement zunehmend auf Bereiche der Sozialen Arbeit auszuweiten. Darauf haben wir bereits in unserer im vergangenen Jahr veröffentlichten und von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderten Handreichung „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit“ hingewiesen.

Die Förderung von Perlenschatz e.V. durch die Postcode Lotterie scheint ein weiterer Fall zu sein, der den Bedarf an mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen unterstreicht.

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