Zwischen Junger Union, christlicher Rechter und Rechtsextremismus

Kooperation zwischen rechtspatriotischer Plattform „Gemeinsam Deutschland Gestalten“ (GDG) und rechtem Christfluencer Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“)?

(Quelle Titelbild: Instagram, gdg.bund). Der selbsternannte Christfluencer und Szeneinfluencer der Neuen Rechten Leonard Jäger (aka „Ketzer der Neuzeit“) steht offenbar vor einer Zusammenarbeit mit der rechtspatriotischen Plattform „Gemeinsam Deutschland Gestalten“ (GDG) bzw. dem mit dieser verbundenem Podcast „Stolz & Vorurteile„.

Auf Instagram veröffentlichte GDG am 09.09.2026 ein gemeinsames Foto von GDG-Kopf und Unions-Mitglied Benedict Doege mit Jäger und kündigte ein gemeinsames Vorhaben an mit den Worten:

„Da kommt was Großes auf euch zu…“ .

Worum es konkret geht, ist bislang nicht bekannt. Doch bereits bisher weist GDG Verbindungen und Überschneidungen bis in die extreme Rechte auf.

Mit Jäger kommt nun ein reichweitenstarker rechtschristlicher Influencer hinzu, der selbst eng in Neurechte und extrem Rechte Netzwerke eingebunden ist.

JU-Funktionär als Kopf von GDG

GDG hat sich innerhalb kurzer Zeit zu einer reichweitenstarken rechten Social-Media-Plattform entwickelt. Die Initiative tritt unter anderem für mehr Nationalstolz und konsequentere Abschiebungen sowie gegen das Gendern und eine von ihr so bezeichnete „linkswoke“ Politik ein. Inzwischen existieren auch zahlreiche lokale Ableger.

Als Kopf von GDG gilt Benedict Doege, Vorsitzender der Jungen Union Köln-Lindenthal. Bekannt wurde er zunächst mit dem Projekt „Gegen das Gendern“, das er nach eigener Darstellung 2021 aus „Frust über die woke Politik und den erzwungenen Zeitgeist“ gründete. Bereits 2023 verbreitete „Gegen das Gendern“ das Video einer rechten Störaktion gegen den Kölner CSD.

Dabei gibt es inzwischen mehrere Berührungspunkte zur extremen Rechten. Doege geriet 2025 wegen einer von ihm organisierten „patriotischen Wanderung“ zum Hermannsdenkmal in die Kritik. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministeriums nahmen daran auch Personen aus dem rechtsextremen Spektrum teil.

Die Kölner CDU distanzierte sich von der Veranstaltung. Doege selbst wies eine Nähe zum Rechtsextremismus zurück. Doch das scheint angesichts weiterer dokumentierter Verbindungen – mindestens – fraglich.

Verbindungen bis in die extreme Rechte

GDG und die eng damit verbundenen Aktivitäten von Benedict Doege weisen inzwischen eine Reihe dokumentierter Verbindungen und Überschneidungen bis in die extreme Rechte auf.

Besonders deutlich wurde dies bereits bei der bereits erwähnten von Doege im Oktober 2025 organisierten „patriotischen Wanderung“ zum Hermannsdenkmal, über die u.a. die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Köln berichtet. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministeriums nahmen daran auch Rechtsextremisten teil, darunter Personen aus dem Umfeld der „Aktion Hermannsland“. Die neonazistische „Freischar Westfalen“ hatte zuvor für die Veranstaltung geworben. Auch mehrere AfD-Akteure nahmen teil, darunter ein späteres Mitglied des Bundesvorstands der neuen AfD-Jugend „Generation Deutschland“.

Zufall? Auf Instagram finden sich unter den von GDG sowie Doeges Projekt „Gegen das Gendern“ gefolgten Profilen der rechtskonservativen und libertären Szene auch zahlreiche Akteur*innen des rechten bis extrem rechten politischen Influencer-Milieus. Darunter etwa das neurechte Magazin „Krautzone“, die rechte Influencerin Michelle Gollan („eingollan“) und die rechtsextreme Frauengruppe Lukreta. Letztere wird vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen beobachtet, ist aus dem Umfeld der Identitären Bewegung hervorgegangen, propagiert „Remigration“ und ist eng mit AfD-Strukturen vernetzt.

„Patriotische Wanderung“ am 03.10.2026 zur Wartburg

Laut einer aktuellen Recherche des RechercheNetzwerks.Berlin ist Doeges Medienprojekt „Gegen das Gendern“ zudem „eng verbunden“ mit der sogenannten „Patriotischen Bewegung“. Deren Berliner Ableger „Berliner Patrioten“ entstand laut der Recherche im Umfeld offen neonazistischer Jugendgruppen wie „Deutsche Jugend Voran“ und „Jung und Stark“, bekennt sich zur AfD und unterstützte deren Wahlkampf.

Und: Bereits für den 03.10.2026 ruft GDG erneut zur „patriotischen Wanderung“ auf. Dieses Mal zur Wartburg in Eisenach. Der Aufruf wird bereits von diversen rechten Gruppen geteilt.

Quelle: Instagram

Junge-Union-Vorsitzender als Brückenkopf zur extremen Rechten?

Bemerkenswert ist dabei Doeges gleichzeitige Verankerung in der CDU und Jungen Union.

Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz weist darauf hin, dass nach seiner Einschätzung „patriotische Gruppierungen“ zwar nicht per se rechtsextrem seien, betont aber, dass solche Gruppierungen eine „Brückenfunktion zum Rechtsextremismus“ übernehmen könnten.

Bei GDG stellt sich angesichts der dokumentierten Überschneidungen die Frage nach einer solchen Brückenfunktion besonders deutlich. Insbesondere auch, da Doege als Unionsfunktionär agiert, während seine politischen Projekte zugleich Anschlussstellen zu AfD-Akteur*innen und bis in die extreme Rechte aufweisen.

Kooperation mit Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“)

Mit Leonard Jäger kommt nun offenbar ein Akteur hinzu, der rechte Politik, christlich-fundamentalistische Positionen und rechtschristliche Netzwerke miteinander verbindet.

Nach Recherchen des ARD-Magazins Monitor stuft der Berliner Verfassungsschutz Jäger als „Szene-Influencer“ der Neuen Rechten ein. Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg führte ihn 2025 zudem als einen der „Protagonisten“ aus dem Bereich Rechtsextremismus beziehungsweise verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates auf.

Gleichzeitig ist Jäger eng mit dem christlich-libertären und rechtschristlichen Milieu vernetzt. Zu seinen freundschaftlichen Kontakten gehören etwa die Christfluencerin Jasmin Friesen („Liebe zur Bibel“), der AfD-nahe Prediger Tobias Riemenschneider oder auch Lukas Furch – der Promoter der erfolgreichen evangelikalen Jesus-Serie „The Chosen“, der mittlerweile auch für Frauke Petry und ihre Partei „Team Freiheit“ tätig ist.

Verbindungen ergeben sich auch in die sogenannte „Pro-Life-Bewegung“: Gerade erst war Kristijan Aufiereo – Gründer und Geschäftsführer von 1000plus-Profemina und Herausgeber von Corrigenda sowie bereits seit langem eng mit der Bewegung und dem Anti-Abtreibungs-„Marsch fürs Leben“ verbunden – in Jägers Podcast zu Gast. Im Bundestag war Aufiero als Sachverständiger für die AfD geladen. Zu den Gästen in Jägers Podcast gehörten in der Vergangenheit auch der bereits erwähnte Tobias Riemenschneider und Lukas Furch – ebenso wie der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner.

Die Junge Union: „Wendepunkt“ und „Brücke“ zugleich?

Bemerkenswert ist auch Doeges unmittelbares Umfeld in der Jungen Union. Einer seiner Stellvertreter in der JU Köln-Lindenthal ist Dennis Splitt, Gründer und Vorsitzender von „Wendepunkt Deutschland“.

Im Vorstand von „Wendepunkt Deutschland“ sitzt mit Matthias Büschges zugleich der Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Kölner Stadtrat. Wegen dieser Zusammenarbeit leitete die Kölner CDU ein Parteiausschlussverfahren gegen Splitt ein. Ein Abschluss des Verfahrens ist öffentlich bisher nicht bekannt.

„Wendepunkt Deutschland“ wurde im Dezember 2025 gegründet und von Beginn an in Medienberichten als Anlehnung an Turning Point USA eingeordnet, deren Mitgründer und prägende Figur Charlie Kirk rund drei Monate zuvor ermordet worden war. Kirk hatte Turning Point USA zu einer der einflussreichsten Organisationen der amerikanischen MAGA-Bewegung aufgebaut. Die Gründung von Wendepunkt Deutschland erfolgte zeitgleich mit der jährlichen Großkonferenz von Turning Point USA in Phoenix.

Kritik aus der Union – bislang ohne Konsequenzen für Doege

Zwar scheinen die Aktivitäten Doeges auch innerhalb der Union nicht unumstritten. Während gegen Splitt wegen seiner Zusammenarbeit mit einem AfD-Funktionär bei „Wendepunkt Deutschland“ immerhin ein Partei- und JU-Ordnungsverfahren eingeleitet wurden, hatten Doeges Aktivitäten bislang offenbar keine parteiordnungsrechtlichen Konsequenzen.

Nach der Teilnahme von Personen aus dem rechtsextremen Milieu an seiner letztjährigen „patriotischen Wanderung“ distanzierten sich die Junge Union NRW und die Kölner CDU von der Veranstaltung. Die Junge Union NRW teilte mit, man habe Doege daraufhin zum Gespräch gebeten – er habe dabei „glaubhaft versichert„, die entsprechenden Personen nicht gekannt zu haben.

Ob diese Darstellung – erst recht angesichts der inzwischen dokumentierten Verbindungen und neuen Aktionen von Doeges Projekten – trägt, muss bezweifelt werden. Die nun angekündigte Zusammenarbeit mit Leonard Jäger verschärft diese Zweifel zusätzlich.

 

 

Wahl in Sachsen-Anhalt: Vierzig Millionen Euro für den Glauben?

Das Wahlprogramm der AfD – zwischen Unterstützung christlicher Fundamentalist*innen und christenfeindlicher Propaganda?

Die AfD will den großen Kirchen ans Geld. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist, was sie mit dem Geld vor hat und wie viel Religion in ihrem Regierungsprogramm steckt. Doch auch konservative Christ*innen sollten einem Änderungsantrag Beachtung schenken, der sich ausdrücklich gegen das Christentum richtete. Und schließlich wurde die ursprünglich im Entwurf des Regierungsprogramms enthaltene Passage zur Förderung kleiner Gemeinden, darunter insbesondere Freikirchen, Baptistengemeinden und orthodoxen Kirchen gestrichen.

„Christentum fördern, nicht nur zwei Kirchen!“

Es gibt in dem Programm, mit dem die AfD Sachsen-Anhalt am 6. September regieren will, ein Kapitel, dessen Überschrift man zweimal lesen muss. Sie lautet: „Christentum fördern, nicht nur zwei Kirchen!“

Darunter steht, was mit den sogenannten Staatsleistungen geschehen soll. Das sind gut vierzig Millionen Euro, die das Land jedes Jahr an die evangelischen Landeskirchen und an die katholische Kirche überweist. Kein Kirchgeld, kein Mitgliedsbeitrag – Steuergeld, von allen bezahlt, auch von den vier Fünfteln der Sachsen-Anhaltiner*innen, die keiner Kirche angehören.

Der Grund liegt weit zurück: 1803 wurden große Teile kirchlichen Vermögens säkularisiert. Daraus und aus weiteren historischen Rechtstiteln entstanden staatliche Leistungsverpflichtungen. Sie sollten jedoch nicht ewig fortbestehen: Seit 1919 schreibt die Verfassung ihre Ablösung vor – umgesetzt wurde sie bis heute nicht.

Die AfD will diese vierzig Millionen nicht abschaffen. Sie will sie umverteilen. Künftig sollen sie „allen christlichen Kirchen“ zufließen, aufgeteilt nach Mitgliederzahl – also auch Baptisten, Pfingstgemeinden, freien evangelischen Gemeinden, die bisher nichts davon bekommen. Das Geld soll für Pfarrer und Kirchengebäude verwendet werden (Regierungsprogramm, Kapitel III.18, Seite 66 f.).

Wer erwartet hat, dass eine Partei, die den Kirchen gern Privilegien vorwirft, das Geld einfach im Landeshaushalt behalten will, findet das an dieser Stelle nicht. Es bleibt beim Geld für Kirchen und christliche Gemeinden. Es bekommen nur andere Kirchen.

Was sonst noch im Programm steht – und christlich-fundamentalistischen Kreisen zunächst gefallen könnte…

Das ist kein Einzelfall. Für die Dörfer verspricht das Programm: „In unseren Dörfern soll Religion, Brauchtum und (echte) Kultur gefördert werden“ (Kapitel XII.8, Seite 192 f.). Staatlich geförderte Religion steht damit ausdrücklich als Ziel im Programm.

Auch bei den Themen, über die im Wahlkampf mehr gesprochen wird, ist der Ton wiederzuerkennen, den man aus konservativen und christlich-fundamentalistischen christlichen Kreisen kennt:

Der Schwangerschaftsabbruch soll im Strafgesetzbuch bleiben. Bemühungen im Bund, das zu ändern, will die AfD über den Bundesrat blockieren. In der Beratungsstelle soll eine Frau, die über einen Abbruch nachdenkt, künftig einen Ultraschall vom Ungeborenen erhalten (Kapitel I.3 bis I.6, Seite 12 ff.). Diese Forderung stammt aus dem Ideenpool der amerikanischen Abtreibungsgegner und wird in Deutschland seit Jahren von christlichen Lebensschutzgruppen vertreten.

Und die Schulpflicht soll fallen. An ihrer Stelle sollen Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten dürfen mit halbjährlichen Prüfungen (Kapitel IV.26, Seite 84 f.). Das ist eine alte Forderung. Allerdings eine, die in Deutschland seit Jahrzehnten fast ausschließlich von streng ‚bibeltreuen‘ Familien erhoben wird, die ihre Kinder aus dem staatlichen Unterricht herausholen wollen.

Auch das könnte christlich-fundamentalistischen Kreisen gefallen: Gegen die Landeskirchen richtet sich in der Präambel der Vorwurf, sie hätten sich „vielfach vom christlichen Auftrag entfernt„, predigten nicht mehr die Ehe aus Mann und Frau und Kindern als „normative Normalität“ und seien „vor allem gesellschaftspolitisch aktiv“ (Seite 6).

Nicht weniger Religion in der Politik – aber eine andere

Der Vorwurf der AfD lautet also offensichtlich nicht, die Kirchen mischten sich in die Politik ein. Der Vorwurf lautet, sie mischten sich falsch ein. Die AfD will nicht weniger Religion in der Politik – sie will andere Religion in der Politik.

Hans-Thomas Tillschneider, der als Urheber der Kirchenpolitik im Landesverband gilt, erklärt öffentlich, die AfD sei „mit Abstand die christlichste Partei Deutschlands“ und begründet es nicht mit dem Glauben der Mitglieder*innen (im Volkshandbuch des Landtags, in dem Abgeordnete ihre Konfession angeben können, findet sich in der AfD-Fraktion genau eine Angabe „evangelisch“), sondern mit den politischen Positionen in Sachen Lebensschutz, Ehe und Familie und Kampf gegen die „Gender-Ideologie“ (Interview mit dem katholisch-konservativen Portal Corrigenda, August 2026).

Statt sofortigem Stopp der Staatsleistungen an Kirchen: Umverteilung bei gleichem Volumen

Bemerkenswert ist, welche Änderungen sich vor Veröffentlichung des Wahlprogramms durch Änderungsanträge auf dem AfD-Parteitag noch ergeben haben.

So fand sich im Entwurf des Regierungsprogramms noch die Ankündigung: „Staatsleistungen sofort einstellen!“ Gemeint waren hier die bereits erwähnten Staatsleistungen an die christlichen Kirchen, die laut dem Entwurf „ohne weitere Kompensation“ eingestellt werden sollten. Man werde „alles dafür tun, den Kirchen nicht mehr mit absurder Begründung Jahr für Jahr über 40 Millionen Euro in den Rachen zu werfen.“

Die schließlich beschlossene Fassung weicht von dieser Ankündigung wie bereits erwähnt deutlich ab: Statt Abschaffung ohne Kompensation nun also Umverteilung bei gleichbleibendem Gesamtvolumen…

Doch keine Förderung kleiner Gemeinden und Freikirchen: „Wir sind keine christliche Partei. Wir sind eine deutsche Partei…“

Konservative Christ*innen mögen sich vielleicht von einer im ursprünglichen Programmentwurf angekündigten Förderung kleiner Gemeinden und ausdrücklich genannter Freikirchen, Baptistengemeinden und orthodoxen Kirchen angesprochen gefühlt haben. Doch diese Passage schaffte es nicht in das endgültige Programm.

Ursprünglich fand sich in der bereits erwähnten Passage „Christentum fördern“ (im Entwurf noch mit dem Zusatz „kleine Kirchen fördern„) die Ankündigung, dass christliche Gemeinden außerhalb der „großen Kirchen„, in denen sich „eine wahre Renaissance des Christentums“ abspiele, gefördert werden sollen:

„Wir werden Instrumente entwickeln, um diese kleinen Kirchen zu fördern. In Freikirchen, Baptistengemeinden und orthodoxen Kirchen wird ein authentischer und vitaler Glaube praktiziert, der die kulturelle Wende, die wir anstreben, vielfältig unterstützt.“

Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen erklärte daraufhin, sie wehre sich gegen den Versuch, über angeblich gleiche Überzeugungen eine Schnittmenge herzustellen. Geld mit politischen Erwartungen wolle man nicht. Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, der Dachverband der Baptisten, formulierte knapp, rechtsextreme Parteien seien für Christen nicht wählbar.

Ein Änderungsantrag von Michael Kremer, Mitglied des AfD-Kreisverbands Magdeburg, unter der Überschrift „Religion ist Privatsache – Trennung Kirche & Staat – Kultur & Brauchtum fördern!“ (hier unter Ziffer RP-36) richtete sich explizit gegen diese Passage im Regierungsprogramm:

Statt Förderung des Christentums forderte der Antrag eine stärkere Pflege der „kulturellen Brauchtumsfeste unserer Ahnen“. Dazu zählten unter anderem Ostara-, Mittsommer- und Julfeiern, die Herbst-Tagundnachtgleiche sowie die Weih- und Rauhnächte. Mindestens die Sommer- und die Wintersonnenwende sollten gesetzliche Feiertage werden. Um die Zahl der arbeitsfreien Tage nicht zu erhöhen, schlug der Antrag vor, im Gegenzug zwei „überflüssige christliche Feiertage“ zu streichen.

Die Antragsbegründung dürfte eigentlich auch radikalsten christlichen Fundamentalist*innen vor Augen führen, welche Kräfte in der AfD wirken:

So beruft sich die Begründung ausdrücklich auf den Ehrenvorsitzenden der AfD, Alexander Gauland, als „Kronzeugen“. Gauland habe bereits öffentlich festgestellt, dass die AfD keine christliche Partei sei. Die AfD verteidige nicht das Christentum, „sondern das traditionelle Lebensgefühl in Deutschland, das traditionelle Heimatgefühl„. Auch im AfD-Grundsatzprogramm befände sich keine Bezugnahme auf das christliche Menschenbild.

Weiter heißt es in der Antragsbegründung:

„Jeder AfD-Vertreter würde sich schwer tun, eine Unterstützung des Christentums trotz des inhaltlichen Gegensatzes zwischen Christentum und AFD zu erklären.

Die AFD steht nicht für die folgenden Kernelemente des Christentums:

  • Feindesliebe
  • Schuldkult
  • andere-Wange-hinhalten,
  • „alle Menschen sind gleich“
  • Frauen haben in der Gemeinde zu schweigen und dem Manne zu gehorchen (1Kor.14,34)
  • Heiden sind auszurotten (Jesaja 34)
  • Naturverachtung
  • Hass auf Reiche
  • Hass auf die eigene Familie (LK 14,26)
  • Stolz = Sünde.
  • Universalismus / Globalisierung“

Bereits die „klügsten Geistesgrößen unseres Volkes“ hätten sich gegen das Christentum gestellt.  Eine ausführliche Analyse des Antrags (und des Regierungsprogramms im Übrigen) findet sich in dem Blog des Forschungs- und Dokumentationsprojekt „Geschichte statt Mythen„.

Angeblich wurde der Antrag mit großer Mehrheit abgelehnt. Nachvollziehen lässt sich das nicht. Ein Wortprotokoll oder eine Videoaufzeichnung der betreffenden Parteitagsdebatte konnten wir bisher jedenfalls nicht finden.

Entsprechendes gilt für einen weiteren Änderungsantrag (hier unter RP-37) des Hallenser AfD-Stadtrats Udo Nistripke. Er strich sowohl das Lob eines „authentischen und vitalen“ Glaubens in Freikirchen als auch die Ankündigung spezieller Förderinstrumente für diese und ersetzte beides durch die Forderung nach finanzieller Unabhängigkeit der Kirchen. Eine veröffentlichte Begründung enthielt der Antrag nicht.

Was daraus folgt

Das AfD-Regierungsprogramm enthält eine umfangreiche Religionspolitik, verspricht Kirchen Steuergeld, und übernimmt bei Abtreibung, Schulpflicht und Sexualkunde die Forderungen christlich-konservativer Bewegungen fast eins zu eins. Wer in einem der am stärksten säkular und konfessionslos geprägten Bundesländer weniger Religion im Staat will, dürfte in diesem Programm nicht fündig werden.

Doch auch konservative Christ*innen, die meinen, ihre religiösen Vorstellungen im Wahlprogramm der AfD zu finden, sollten genau hinsehen: Denn offenkundig geht es der AfD nicht um vermeintlich „christliche Werte“ sondern populistische Kulturkampfrhetorik. Was weite Teile der AfD wirklich vom Christentum halten, scheint der erwähnte Änderungsantrag zum Wahlprogramm und das „Zurückrudern“ bei der zunächst geforderten Förderung und Anerkennung kleiner christlicher Gemeinden und Freikirchen wohl deutlich treffender zusammenzufassen.

Erneut „Kinderfest“ von AfD-nahem Prediger Markus Rapp in Berlin

Bezirksamt Lichtenberg lässt Fragen unbeantwortet

(Quelle Titelbild: Neues Leben). Wie berichtet, hat die evangelikale Berliner Gemeinde „Neues Leben – Evangelische Freikirche e. V.“ vergangenen Monat mit „Kids Club“ ein neues Konzept gestartet. Nun findet das „Fest“ am morgigen Sonntag (06.09.) zum zweiten Mal statt. Ein weiterer Termin ist für den 03.10. geplant.

Bereits am 08.08.2026 fand der „Kids Club“ (mit Hüpfburg und Popcorn…) im Quartierspark am Warnitzer Bogen in Berlin Hohenschönhausen statt. Das für Besuchende vielleicht zunächst harmlos erscheinende Kinderfest dient einem einzigen Zweck: Kinder und deren Eltern zu missionieren. Und was ebenfalls wenigen bekannt sein dürfte: Der Gemeindeleiter Markus Rapp ist in christlich-fundamentalistischen Kreisen bis ins Ausland gut vernetzt und wirbt offen für die AfD.

Für die morgige Veranstaltung ruft Rapp die Gemeindemitglieder*innen zur Unterstützung auf. „JEDER“ werde gebraucht „an Board der Gemeinde Arche – Gottes Rettungsschiff!„. Geboten würden vielfältige Programme, zwei Kindergottesdienste und „Beziehungsaufbau„…

FundiWatch fragte beim Bezirksamt Lichtenberg nach, ob für die Veranstaltung eine Sondernutzungserlaubnis oder Versammlungsanmeldung vorliegt und ob bzw. was die Ordnungsbehörden zum Schutz von Kindern vor Indoktrination und Überwältigung veranlassen werden.

Das Bezirksamt teilte mit, eine Sondernutzungserlaubnis für die Veranstaltung läge nicht vor, eine Versammlung sei ebenfalls vom Bezirksamt „bisher nicht genehmigt“ worden. Auf unsere weiteren Nachfragen, was das Bezirksamt als Ordnungsbehörde zur Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung zu tun gedenkt, erhielten wir bisher trotz mehrfacher Nachfragen keine Antwort.

Hauptsache ‚machen‘ – Mission ohne Haftung?

Beim Macher Festival der Real Life Guys treffen Nachwuchswerbung fürs Handwerk, evangelikale Mission, riskante Selbstversuche und umstrittene Hilfe für wohnungslose Menschen aufeinander

Auf dem Ferropolis-Gelände in Gräfenhainichen wird geschweißt, geschraubt und ausprobiert. Das von den erfolgreichen Do-It-Yourself- und Abenteuer-YouTubern „The Real Life Guys“ initiierte und wesentlich geprägte Macher Festival präsentiert sich als riesiger Abenteuerspielplatz für Familien, Jugendliche und Menschen, die lieber anpacken als lange diskutieren. Vom 06. bis 09.08.2026 fand das Festival nun bereits zum dritten Mal statt.

Schon 2025 berichtete FundiWatch über die evangelikalen Verbindungen hinter dem Macher Festival. Auch 2026 waren Missionsorganisationen auf dem Gelände aktiv. Gleichzeitig arbeitet das Festival eng mit dem organisierten Handwerk zusammen und warb mit einer spektakulären Aktion in Kooperation mit dem Verein Little Home e.V.: Innerhalb von vier Tagen sollten 100 sogenannte „Little Homes“ (teils auch als „tiny homes“ bezeichnet) für wohnungslose Menschen entstehen.

Doch was wurde aus diesen Häusern? Warum lief die Spendenkampagne nach dem Festival weiter? Und weshalb sollen Besucher*innen bei einem Festival voller Werkzeuge, Maschinen und ungewöhnlicher Eigenbauten weitreichende Haftungsausschlüsse und -freistellungen unterschreiben?

Wir haben der Macher Festival GmbH und dem Little Home e.V. dazu ausführliche Fragen geschickt. Geantwortet hat keiner von beiden. Eine ausführliche Antwort erhielten wir hingegen von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, die das Konzept sogenannter tiny homes und von FundiWatch recherchierte Praktiken des Little Home e.V. kritisch beurteilt.

Los geht es mit Teil 1 unserer Beitragsreihe über das Festival…

Teil 1: Baugewerbe & Mission – „Es gibt immer was zu tun!“

Strategische Partnerschaft mit dem Baugewerbe

Das Macher Festival ist längst mehr als ein Fantreffen rund um die Real Life Guys, denen auf YouTube mehr als zwei Millionen Menschen folgen. Bereits 2025 ging der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) mit ihnen eine „strategische Partnerschaft“ ein. Dieses Jahr wurde sie fortgesetzt.

Quelle: zdb.de

Die Handwerkskammer Halle bezeichnete das Festival als „moderne Plattform des Handwerks“ und hob Nachwuchsgewinnung, Imagepflege und Unternehmenssichtbarkeit hervor. Hornbach warb in einer Pressemitteilung mit der „positiven Energie des Machermomentums“ und bezeichnete die Veranstaltung als größtes DIY- und Handwerksfestival Deutschlands.

Daran ist zunächst nichts auszusetzen – das Handwerk sucht dringend Nachwuchs, und ein Festival, auf dem Jugendliche Werkzeuge und Maschinen tatsächlich ausprobieren können, ist dafür eine naheliegende Plattform.

Die Unterstützung großer Verbände und Unternehmen verleiht dem Festival allerdings auch Seriosität. Bunte Werbebanner und Kooperationen fallen deutlich mehr auf als die missionarische Seite des Festivals. Absicht? Jedenfalls sollte diese Seite des Festivals ebenso wenig unberücksichtigt bleiben, wie weitere sich im Zusammenhang mit dem Festival aufdrängende Fragen.

Quelle: macherfestival.io

Weniger christliche Bands – weniger Mission?

Im Vergleich zum Vorjahr waren 2026 weniger Bands eindeutig dem christlichen Musik- und Gemeindemilieu zuzuordnen.

2025 waren noch unter anderem die O’Bros, Good Weather Forecast und Elijah Thomas Appel aus dem Umfeld der Outbreakband im Programm vertreten. Die Verbindungen hatten wir in unserem Artikel zum Festival 2025 dargestellt.

Quelle: https://www.macherfestival.io/talk-stages-collection/o-bros

Dieses Jahr standen auf der abendlichen Hauptbühne stattdessen eher „weltliche“ Künstler*innen wie die DJs Alle Farben und D.T.E. sowie der Saxophonist André Schnurra – begleitet von aufwendigen Feuer- und Lichtshows und abendlichen Feuerwerken.

Quelle: Instagram

Also weniger christliche Bands und damit auch weniger Mission? Bei genauerem Hinsehen eher nicht. Die evangelistischen Angebote verlagerten sich offenbar stärker auf persönliche Gespräche, Gottesdienste und niedrigschwellige Erlebnisangebote. Weniger offen christliche Bühnenkultur – dafür Mission mitten im allgemeinen Festivalbetrieb.

Mission als Teil des Festivalangebots – THE FOUR und Campus für Christus

In seiner Außendarstellung erscheint das Macher Festival nicht als christliche oder missionarische Veranstaltung. Ein Blick auf die beteiligten Organisationen ergibt jedoch – auch dieses Jahr – ein anderes Bild.

Erneut war THE FOUR auf dem Festival präsent. Dabei handelt es sich um ein Evangelisationskonzept der Missionsorganisation Campus für Christus. THE FOUR erklärt den christlichen Glauben anhand von vier Symbolen, die auch auf dem Festivalgelände an verschiedenen Stellen präsent waren und in einem von THE FOUR veröffentlichten Leseplan näher erläutert werden:

1. Das Herz: „Gott liebt mich“ 2. Trennzeichen: „Ich lebe getrennt von Gott.“ Gemeint ist die durch „Sünde“ verursachte Trennung. 3. Kreuz: „Jesus gab alles für mich.“ Jesu Tod und Auferstehung sollen diese Trennung überwinden. 4.  Fragezeichen: „Will ich mit Jesus leben?“ Das Fragezeichen fordert ausdrücklich zu einer persönlichen Glaubensentscheidung auf.

Quelle: Instagram

 

Und genau darum geht es bei Campus für Christus und THE FOUR: Menschen zu einer solchen Entscheidung zu führen. Auf einem DIY-Handwerkerfestival? Wer sich die Evangelisationsstrategie der Organisation näher anschaut, dürfte davon kaum überrascht sein. Sport, Kultur, Beziehungen, Bildung oder Freizeit werden von Campus für Christus oder auch THE FOUR immer wieder als Begegnungsräume (aus-)genutzt, um damit Zugänge für die eigenen Missionsanliegen zu schaffen.

Kreuzzug für Christus?

Campus für Christus ist der deutsche Ableger der aus den USA stammenden und von Bill Bright gegründeten Missionsorganisation „Campus Crusade for Christ“ (in etwa: „Campus Kreuzzug für Christus“). Bereits 1976 zitierte das Time Magazine evangelikale Kritiker mit der Einschätzung, Campus Crusade werde „wie eine Diktatur mit militärischem Stil“ geführt; das System drohe wichtiger zu werden als seine Botschaft. Mittlerweile hat die US-Organisation den militärischen Namen zumindest im Erscheinungsbild etwas entschärft – sie heißt nun seit 2011 schlicht „Cru“.

Der 2003 verstorbene Gründer Bill Bright gehörte zu den Akteuren, die zur dauerhaften Verbindung von konservativem Evangelikalismus und republikanischer Politik und dem Erstarken einer religiösen Rechten in den USA beitrugen. Zudem war Bright einer der Evangelisten denen – vermeintlich vom Heiligen Geist – das sogenannte „Seven Mountain Mandate“ offenbart wurde. Nach dieser „Vision“ sollen Christ*innen berufen sein, strategisch in zentrale gesellschaftliche Bereiche hineinzuwirken – darunter Politik, Bildung, Medien, Kunst und Unterhaltung, Wirtschaft, Religion und Familie.

Diese Vorstellung hat sich bis heute zu einer durchaus weit verbreiteten herrschaftstheologischen Ideologie entwickelt, über die wir bereits an verschiedenen Stellen berichtet haben. Umso bemerkenswerter, wie unkritisch genau diese Strategie auch heute noch auf der Webseite von Campus für Christus benannt wird:

„Im Jahr 1975 traf sich Bill Bright, der Gründer von Campus für Christus, mit Loren Cunningham, dem Gründer von „Jugend mit einer Mission“. Sie dachten gemeinsam darüber nach, wie Gesellschaft durch Gottes Liebe transformiert werden könnte. Sie teilten die Gesellschaft in sieben Schlüsselbereiche, wie Politik, Bildung, Kunst und Entertainment ein und betonten die Wichtigkeit, dass Christen in alle diese Bereiche strategisch hineinwirken. Gut 45 Jahre später sind wir als Campus für Christus in Deutschland weiterhin auf den Spuren dieser beiden Visionäre unterwegs und tragen Gottes Liebe durch unsere Ministries in immer mehr Zielgruppen und Bereiche der Gesellschaft hinein.“

Im Übrigen vertritt Campus für Christus national wie international im Wesentlichen „klassisch“ christlich-fundamentalistische und erzkonservative Ideologien. In Deutschland wurde Campus für Christus u.a. für seine Position zu Konversionsbehandlungen kritisiert, also Praktiken, die auf die (nach allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mögliche und potentiell lebensgefährdende) Versuche der Veränderung der sexuellen Orientierung oder Identität von Menschen abzielen.

„Living Bus“, „Camping Church“ & „THE FOUR Challenge“: „Wir bringen die Botschaft zu den Leuten“

Doch zurück zum Festival auf dem Ferropolis-Gelände: Für das Macher Festival 2026 beschrieb THE FOUR den eigenen Einsatz als „Outreach“. Auf der Aktionsseite wurden unter anderem ein „Living Bus“, eine „Camping Church“, Morgenandachten, Lobpreiszeiten, Gottesdienste und die „THE FOUR Challenge“ angekündigt. Wörtlich hieß es: „Wir bringen die Botschaft zu den Leuten“ (THE FOUR: Macherfestival 2026).

Quelle: Screenshot https://thefour.com/de-ch/einsaetze/macherfestival/

Bereits der Rückblick von THE FOUR auf einen früheren Festivaleinsatz zeigt, wie weit diese Präsenz über einen bloßen Informationsstand hinausging. Nach Angaben der Organisation waren die Beteiligten von den Real Life Guys eingeladen worden, „um mit den Menschen über Gott zu sprechen“. Im Living Bus und in einer Kapelle habe es Glaubensgespräche, „evangelistische Inputs“ und ein „Hingabegebet“ gegeben. THE FOUR bezeichnete das Festival rückblickend als „Jackpot“ für die Evangelisation (THE FOUR: Rückblick auf das Macher Festival). THE FOUR betreibt auf dem Festival also nicht einfach einen Informationsstand. Vielmehr handelt es sich um einen geplanten Missionseinsatz offenbar in enger Abstimmung mit den Veranstaltenden.

In der allgemeinen Werbung des Festivals erfährt man davon allerdings kaum etwas. FundiWatch wollte deshalb unter anderem wissen, welche Missionswerke 2026 beteiligt waren, ob THE FOUR ausdrücklich zu evangelistischen Aktivitäten eingeladen wurde, welche Regeln für Bekehrungsaufrufe und sogenannte Hingabegebete gelten und wie Minderjährige vor missionarischen Ansprachen ohne Wissen ihrer Sorgeberechtigten geschützt werden. Das Macher Festival ließ alle Fragen unbeantwortet.

„Planlos? Bau auf Jesus“ – und die Medien laufen vorbei

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Umgang regionaler Medien mit dem Festival. Mitteldeutsche Zeitung und Volksstimme kündigten für den 6. August einen gemeinsamen Livestream vom Gelände an.

Reporter Chris Luzio Schönburg sollte in seiner „Livezeit“ zeigen, „was hier alles entsteht“ (Ankündigung der Mitteldeutschen Zeitung; Ankündigung der Volksstimme). In dem von FundiWatch ausgewerteten Video wird ausführlich über Mitmachangebote, auf dem Festival von Teilnehmenden gebaute Konstruktionen und die Real Life Guys berichtet. Eine Einordnung des religiösen Hintergrunds der YouTuber oder der auf dem Gelände tätigen Missionsorganisationen erfolgte hingegen nicht.

Besonders deutlich wird diese Leerstelle, als der Reporter in seinem Stream an einer für THE FOUR errichteten kirchenartigen Konstruktion vorbeiläuft, auf der sich auch das Logo und die bereits erwähnten vier Symbole von THE FOUR befinden. Groß und deutlich lesbar steht darauf: „Planlos? Bau auf Jesus.“

Anlass für den Reporter, dieses wohl zumindest ungewöhnliche „Angebot“ auf einem Handwerkerfestival anzusprechen? Nein.

Quelle: Screenshot aus dem bei volksstimme.de veröffentlichten Video

Natürlich muss nicht jeder Festivalbesuch zur investigativen Recherche werden. Wenn eine Redaktion die Inszenierung des Veranstalters aber weitgehend übernimmt und einen wesentlichen Teil des Angebots selbst dann übersieht, wenn ihr Reporter im wörtlichen Sinn daran vorbeiläuft, wird es journalistisch – vorsichtig ausgedrückt – „dünn“.

Die Real Life Guys sind nicht nur reichweitenstarke Bastel-YouTuber. Ihr christlicher Glaube und die Einbindung evangelikaler Akteur*innen wurden bereits mehrfach thematisiert und sind öffentlich ohne weiteres nachvollziehbar. Und THE FOUR macht keinen Hehl daraus, dass es auf dem Macher Festival evangelisieren will. Wer das Festival ausführlich vorstellt, sollte diese Ebene zumindest benennen.

THE FOUR, Reach Mallorca und Rose de Jesus

Die Aktivitäten von THE FOUR beschränkten sich übrigens erneut nicht nur auf das Macher Festival. Auch dieses Jahr war die Organisation wieder am zeitgleich stattfindenden „Reach Mallorca“ beteiligt.

Die Kampagne will Tourist*innen und auf Mallorca lebende Menschen mit dem Evangelium erreichen. Auf ihrer Internetseite kündigt „Reach Mallorca“ Straßeneinsätze, Strandgottesdienste, Gespräche an der sogenannten Schinkenstraße und weitere evangelistische Aktivitäten an. Erklärtes Ziel ist, dass Menschen die christliche Botschaft hören (Reach Mallorca; Outreach 2026; THE FOUR: Reach Mallorca).

In Ankündigungen zu Reach Mallorca wurde unter anderem die Christfluencerin Rose de Jesus als „Special Act“ geführt (Instagram-Ankündigung). Rose de Jesus, die auch unter dem Namen Lorosa auftritt, war kurz zuvor eine der Protagonistinnen der ZDF-Dokumentation „Der Teufel in mir – Exorzismus heute“, wo sie bei der Durchführung eines äußerst irritierenden „Exorzismus“ gezeigt wurde.

Das heißt nicht, dass entsprechende Praktiken auch auf dem Macher Festival stattfanden. Es zeigt aber, in welchem missionarischen Umfeld THE FOUR aktiv ist. Fragen nach Inhalt, Grenzen und Schutzkonzepten der religiösen Angebote wären also keineswegs abwegig gewesen, weswegen wir genau damit den Veranstalter konfrontiert haben. Beantwortet hat die Macher Festival GmbH unsere Fragen hingegen nicht.

Evangelisationsteam e.V. auf dem Macher Festival: Evangelisation, während die Kinder bauen

Auch das „Evangelisationsteam“ führte das Macher Festival dieses Jahr erneut als Evangelisationstermin und warb für Unterstützung zur Mitarbeit auf dem Festival.

Quelle: Facebook

Der Evangelisationsteam e.V. entstand wesentlich aus dem Konflikt um Homosexualität innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. So beschloss die Landeskirche Anfang 2012 einen „Kompromiss“ zum Umgang mit homosexuellen Pfarrpersonen. In begründeten Einzelfällen sollten in einer eingetragenen gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft mit ihrem Partner lebende Pfarrpersonen im Pfarrhaus leben dürfen; Voraussetzung war unter anderem die Zustimmung des Kirchenvorstands. Zugleich hielt die Kirchenleitung am Leitbild der Ehe von Mann und Frau fest.

Im Kreis um die Jugendevangelisten und Pfarrer Lutz Scheffler und Theo Lehmann stieß dies auf erhebliche Kritik, die schließlich dazu führte, dass das Evangelisationsteam den „status confessionis“ – also den Bekenntnisfall – ausrief und erklärte, den Landesbischof, die Kirchenleitung und die Landessynode nicht mehr als geistliche Leitung der Landeskirche anzuerkennen. Scheffler wurde daraufhin vom Dienst suspendiert und Ende 2014 wurde das bereits zuvor als loser Zusammenschluss geführte Evangelisationsteam als Verein gegründet.

Eng verwoben ist das Evangelisationsteam auch mit dem Missions- & Gottesdienstnetzwerk „Frohe Botschaft für Deutschland e.V.“. Der mit beiden Organisationen eng verbundene Pfarrer Theo Lehmann trat am 04.11.2017 bei den „Dresdner Gesprächen“ der Jungen Alternative Dresden auf und suchte immer wieder die Nähe zu Pegida und der AfD. Eine wissenschaftliche Untersuchung des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts führt Lehmann entsprechend als Beispiel für die Überschneidungen zwischen christlichem Antifeminismus und extremer Rechter an und verweist auf seine regelmäßigen Auftritte bei CEGIDA („Chemnitz gegen die Islamisierung des Abendlandes“). Chrismon formulierte bereits 2020, Lehmann gehöre zu den „radikal-evangelikalen“ Vertretern, die „die Nähe zu AfD und Pegida“ suchten.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass das Evangelisationsteam auch enge Verbindungen zum  rechtschristliche Pastor Olaf Latzel aus der St. Martini Gemeinde in Bremen unterhält, der auch beim Chemnitzer Bibelseminar 2025 des Evangelisationsteams auftrat. Latzel fällt immer wieder mit queerfeindlichen Hasstiraden und Zusammenarbeit mit der christlichen Rechten auf.

Bereits zum Macher Festival 2025 hatte FundiWatch dokumentiert, dass das Evangelisationsteam plante, auf dem Festival Eltern anzusprechen, „während ihre Kinder bauen“. Dieses Jahr fragten wir bei den Veranstaltern nach, was sie von dieser Aktion halten und welche konkreten Absprachen mit dem Evangelisationsteam bestanden. Doch die Macher Festival GmbH beantwortete weder dies, noch, welche konkreten Absprachen mit dem Evangelisationsteam bestanden.

International Justice Mission beim „Macher Talk“

Beim Festival trat zudem die ebenfalls evangelikal geprägte International Justice Mission (IJM) im Rahmen eines „Macher-Talks“ – ein Talk-Format auf dem Festival – auf.

Quelle: Instagram

IJM beschreibt sich selbst als internationale Menschenrechtsorganisation, die gegen Menschenhandel, Sklaverei und Gewalt gegen Menschen in Armut vorgeht. Zugleich ist IJM Mitglied im evangelikal geprägten Bündnis Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) (Mitgliedsorganisationen von ggmh).

Zu den Mitgliedorganisationen von ggmh gehörte bis vor Kurzem auch noch der seit Langem umstrittene Verein Mission Freedom, aus dessen Einrichtung „Haus SeeNest“ im Allgäu erst vor Kurzem sämtliche Kinder wegen vermeintlich kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden in Obhut genommen wurden (worüber wir ausführlich berichten). Weiterhin Mitglied bei ggmh ist der Verein Hope e.V., über dessen ausgeprägten Dämonenglauben und Aktivitäten an Schulen wir hier bereits berichteten.

An IJM gibt es seit Jahren fachliche Kritik. Untersuchungen werfen Teilen der Organisation vor, stark auf Polizeieinsätze und sogenannte Rescue Operations zu setzen, deren Folgen für Sexarbeiter*innen und mutmaßliche Betroffene nicht immer ausreichend berücksichtigt würden. Kritisiert wurden unter anderem paternalistische Rettungsnarrative, eine unzureichende Unterscheidung zwischen freiwilliger Sexarbeit und Menschenhandel sowie die Gefahr, dass Razzien zu Festnahmen, Stigmatisierung oder erneuter Abhängigkeit führen können (Type Investigations; anti-trafficing review).

Eine BBC-Africa-Eye-Recherche dokumentierte 2023 Fälle in Ghana, in denen bei von IJM unterstützten „Rettungsaktionen“ Kinder von ihren Familien getrennt und Angehörige als Menschenhändler verfolgt wurden, obwohl sich der Verdacht später nicht bestätigte; Undercover-Aufnahmen warfen zudem Fragen nach einer internen Kultur quantitativer Zielvorgaben für „Rescues“ und Strafverfolgungen auf. IJM wies wesentliche Vorwürfe zurück, bestätigte aber, mit solchen Zielvorgaben zu arbeiten, und kündigte an, mögliche Verbesserungen seiner Verfahren zu prüfen – öffentlich dokumentierte Ergebnisse oder konkrete Konsequenzen dieser Überprüfung sind bislang nicht auffindbar. Bemerkenswert ist, dass IJM Deutschland die Stellungnahme zur BBC-Dokumentation bis heute auf seiner Ghana-Seite aufführt und dort zugleich weiterhin mit vermeintlich quantifizierten Erfolgen wirbt: mehr als 420 „befreite“ Betroffene und mehr als 150 Festnahmen.

FundiWatch fragte die Macher Festival GmbH, warum IJM zum Macher Talk eingeladen wurde. Auch diese Frage blieb unbeantwortet.

Teil 2 – Das Netzwerk hinter dem Festival…

In TEIL 2 schauen wir uns das Netzwerk hinter dem Macher Festival einmal genauer an…

Popcorn, Hüpfburg, Evangelium (& die AfD?!): Wie eine Berliner Freikirche Kinder missioniert

Zwischen Spielplatz und Seelenrettung: Das Kids-Club-Konzept von Neues Leben Berlin

(Quelle Titelbild: YouTube – Markus Rapp). Auf dem Flyer zum neuen Kids Club ist von Jesus keine Rede: „Spiel, Spaß, Musik, Geschichten, Wettbewerbe“ steht da, dazu Hüpfburg, Bubble Balls und Popcorn. Nur ein kleines Logo verrät den Veranstalter: „Neues Leben – Evangelische Freikirche“. Was sich hinter „Geschichten“ verbirgt und welches Weltbild dahinter steht, erklärt Prediger Markus Rapp auf seinem eigenen YouTube-Kanal – und zeigt, dass der Kids Club Teil eines größeren Netzwerks ist.

Endzeit-Prediger mit AfD-Kontakten 

Markus Rapp gründete die Freikirche Neues Leben im August 2020, mitten in der Corona-Pandemie, zusammen mit seiner Frau Seong Soon (Suni) Rapp. Sonntags trifft man sich um 11 Uhr im Gemeindezentrum in der Warnitzer Straße 8 in Berlin-Hohenschönhausen.

Rapp ist zugleich Vorsitzender des Vereins Christus für Europa e.V., der zu den mit der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) „verbundenen Werken“ gehört. Die EAD ist einer der größten evangelikalen Netzwerkverbände in Deutschland.

Quelle: Screenshot ead.de

Christus für Europa betreibt die Bibelschule ISDD (Internationale Schule des Dienstes) als deutschen Ableger der International School of Ministry (ISOM), die nach Selbstauskunft mit Hunderttausenden Teilnehmenden in 143 Ländern arbeitet.

Ihr Lehrplan enthält neben allgemeinen Evangelisationskursen auch Module zum „Seven Mountain Mandate“ – der Vorstellung, Christ*innen müssten zentrale gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Bildung und Medien „zurückerobern“ und unter christliche Prägung bringen (vgl. ISDD Bibelschule “Die Sieben Berge Strategie” und FundiWatch: „Christliche Fußballinfluencer*innen zur Missionierung“) – und startet gleich mit der konsequenten Umsetzung durch das Modul “Transformation der Wirtschaft”.

Der Lehrplan bietet aber auch für den Kids Club relevante Kurse wie “Eine neue Generation erreichen” und „Dienst an Kindern“ im “Associates Studium” (vgl. ISDD. Semester 5. Überblick). Der Kids Club lässt sich damit nicht als spontane Einzelinitiative lesen, sondern als praktische Anwendung eines Trainingskonzepts, was über Rapps Verein selbst gelehrt wird.

Quelle: Screenshot aus dem Katalog der ISDD Bibelschule: https://isddbibelschule.de/wp-content/uploads/2023/11/ISDD-Katalog-Deutsch-2024.pdf – Referent Lance Wallnau unterstützte übrigens bei den letzten US-Wahlen den Wahlkampf von J.D. Vance.

Rapp ist offener Unterstützer der AfD (vgl. Rapp, “Kann man als Christ die AfD wählen”). ZDF Frontal (ab ca. Minute 6:10) berichtete im Juni 2025 über ihn. Im November 2025 traf sich die Gruppe „Christen in der AfD“ nach einer Vereanstaltung im Bundestag in seiner Gemeinde (FundiWatch, „City of Light – Hat dieses Event Berlin noch gefehlt?“, 20.6.2026).

Quelle: ZDF Frontal – YouTube Markus Rapp

Erst die Hüpfburg, dann das Bekehrungsgebet 

Das Konzept des Kids Club stammt vom „KidsFestival“ der bundesweiten Großevangelisation „City of Light“, veranstaltet vom Frankfurter Verein GODsPOWER gUG unter Leitung von Lukas Repert, an der sich zahlreiche freikirchliche Gemeinden in mehreren deutschen Städten beteiligen.

FundiWatch hat dieses Format im Mai 2026 in Berlin beobachtet: Auf dem KidsFestival im Stadtpark Lichtenberg gab es keinen sichtbaren Hinweis auf einen religiösen Veranstalter. Bis im Bühnenprogramm mit den Kindern – getrennt von ihren Eltern -, zwischen Spielen und Animation überraschend gebetet, gesungen und dazu eingeladen wurde, Jesus „in das Herz aufzunehmen“. Genau dieses Muster scheint Rapp nun auf von der Gemeinde selbst veranstaltete Kids-Club-Termine zu übertragen.

Dafür sind drei Termine angesetzt: 8. August, 5. September und 3. Oktober, jeweils 15 bis 18 Uhr, auf einer öffentlichen Grünfläche direkt gegenüber dem Gemeindezentrum im Quartierspark Warnitzer Bogen (Vincent-van-Gogh-Straße/Falkenberger Chaussee/Warnitzer Straße), die in der Verantwortung des Bezirksamts Lichtenberg liegt.

Auf Anfrage von FundiWatch teilte das Bezirksamt Lichtenberg am 07.08.2026 mit, dem Straßen- und Grünflächenamt läge keine Sondernutzungserlaubnis für die Veranstaltung vor. Die Antwort auf eine Nachfrage von FundiWatch, ob für die Veranstaltung eine Versammlung angemeldet wurde, lag bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags ebenso noch nicht vor wie eine Antwort auf die Frage, welche Vorkehrungen von Seiten der zuständigen Behörden veranlasst werden, um Besucher*innen vor überwältigender politischer und / oder religiöser Indoktrination zu schützen.

Ein Werbeflyer, der öffentlich einsehbar an der Tür des Gemeindezentrums aushing, nennt als Programm „Spiel, Spaß, Musik“, „Geschichten“, „Basteln, Café“, „Spiele & Hüpfburg“, „Wettbewerbe“ und „Bubble Balls“.

Quelle: Eigene Aufnahme FundiWatch

In seinem bereits erwähnten YouTube-Video für die eigene Gemeinde beschreibt Rapp denselben Termin deutlich anders: Rapp nennt den Kids Club gleich zu Beginn ein „evangelistisches Projekt“, mit dem Kinder und Eltern „mit dem Evangelium Jesu Christi“ erreicht werden sollten.

Der Ablauf sei danach klar zweigeteilt – eine halbe Stunde „Kindergottesdienst“ mit einer kindgerecht aufbereiteten Evangeliums-Geschichte und gemeinsamem Gebet, gefolgt von 45 bis 60 Minuten Spiel und Spaß, das laut Rapp zugleich dem „Beziehungsaufbau“ zu den Eltern diene. Zur biblischen Begründung zitiert er zwei Stellen aus dem Matthäusevangelium, in denen Jesus Kinder als besonders aufnahmebereit für das „Reich der Himmel“ beschreibt (Mt. 19,14 f.; Mt. 18,3 f.).

Als Erfolgskennziffer erzählt Rapp vom KidsFestival im Mai, bei dem – nach seinen eigenen, nicht unabhängig verifizierten Angaben – ausnahmslos alle anwesenden Kinder sich bereit erklärt hätten, ein vorformuliertes Bekehrungsgebet mitzusprechen. Sein erklärtes Ziel: „hunderte von Kindern“ im Nordosten Berlins erreichen, unterstützt durch Poster- und Zeitungswerbung in einem Radius von fünf bis sechs Kilometern.

Ab Herbst soll der Kids Club, wenn es kälter wird, alle zwei Wochen in die eigenen Gemeinderäume verlegt werden.

Antichrist, Blutmond, Regenbogenfahne – Rapps Weltbild

Auf demselben YouTube- und Telegram-Kanal, über den Rapp den Kids Club bewirbt, kommentiert er regelmäßig „Endzeit, Gesellschaft und Politik“ und zeichnet dort ein deutlich schärferes Bild als der freundliche Kids-Club-Flyer.

Der Endzeitglaube zieht sich als roter Faden durch Rapps Kanal: Allein unter den zuletzt veröffentlichten Videos tragen mehrere Dutzend Titel wie „Letzte Tage der Endzeit – Der Anti-Christ, 3. Tempel, der Große Abfall„, „ENTRÜCKUNG 2025?“ oder „Was ist Donald Trumps Rolle in der ENDZEIT? Wegbereiter des ANTI-CHRISTEN?„. Rapp deutet darin aktuelle Kriege, Blutmonde und politische Entwicklungen als Erfüllung biblischer Prophetie – etwa den Krieg zwischen Israel und dem Iran 2025, den er direkt mit der Anti-Christ-Erwartung aus dem zweiten Thessalonicherbrief verknüpft, oder ein mögliches Entrückungsdatum am 23. September, das er selbst als womöglich überzogenen „Mega Hype“ einordnet, ohne die Naherwartung insgesamt infrage zu stellen. Seine eigene Gemeinde beschreibt er wiederholt als „Arche der Endzeit“ – ein Bild, das den Kids Club in ein Selbstverständnis einbettet, das von unmittelbar bevorstehendem Weltgericht, Verfolgung und dem baldigen Auftreten des Antichristen geprägt ist.

Quelle: YouTube – Markus Rapp

Den Christopher Street Day in Berlin nennt Rapp „brandgefährlich für unsere Gesellschaft“ und ordnet ihn einer „dämonischen Lehre von Freiheit, sexueller Unmoral“ zu. Als Angela Merkel und Ursula von der Leyen sich gegen Ungarns Gesetz gegen die Darstellung von Homosexualität in Schulfilmen aussprachen, bezeichnete er ihre Position als Teil “einer Erweckung des Antichristen“. In einer eigenen Lehreinheit bietet er den Kampf gegen „dämonische Mächte“ als geistliche Ausbildung für seine Zuhörer*innen an. In seiner Lehrreihe zum Epheserbrief predigt Rapp zudem, der Mann sei „die letzte Autorität … in der Familie“, Kinder „gehören niemals den Eltern“, sondern Gott, die Eltern seien nur „Verwalter“ sowie eine Sexual- und Familienethik, zu der FundiWatch bereits im Rahmen der „Purity Culture“ evangelikaler Milieus recherchiert hat.

Diese Videos zeigen das Weltbild, in dessen Rahmen der Gemeindeleiter seine Kinderarbeit versteht und in das Kinder hineinwachsen könnten, wenn aus einem Spielnachmittag eine dauerhafte Bindung an die Gemeinde wird.

Wenn alle Kinderhände gleichzeitig nach oben gehen

Kinder können religiöse, weltanschauliche und pädagogische Absichten Erwachsener in der Regel schwerer einschätzen als Erwachsene selbst. Sie sind zudem bis zum 14. Lebensjahr nach dem Gesetz über die religiöse Kindererziehung noch nicht religionsmündig (vgl. § 5 RelKErzG). Die Entscheidung über ihre religiöse Erziehung liegt bei den Eltern. Da Kinder dieses Alters ihre eigene, ihnen grundsätzlich ebenfalls zustehende negative Religionsfreiheit (Art. 4 Abs. 1, 2 GG) noch nicht selbst ausüben können, hängt deren Schutz vollständig davon ab, dass Eltern vorab wissen, worauf sie sich – stellvertretend für ihr Kind – einlassen.

Wenn ein als Spiel- und Familienfest beworbenes Angebot einen strukturierten religiösen Programmteil enthält, der nach außen lediglich als „Geschichten“ dargestellt wird, entsteht darüber hinaus ein Macht- und Wissensgefälle: Die Kinder erleben sich angeleitet von Erwachsenen in einer Situation kollektiver Gruppendynamik, in der laut Rapps eigener Schilderung auf dem KidsFestival alle anwesenden Kinder auf dieselbe Frage hin gleichermaßen reagierten. Eine solche Dynamik lässt wenig Raum für eine individuelle, freie Entscheidung einzelner Kinder, unabhängig davon, welche religiöse oder areligiöse Prägung sie aus ihrem Elternhaus mitbringen.

Für Kinder und Jugendliche, die selbst oder deren Freunde queer sind oder aus Familien kommen, die Rapps Weltbild nicht teilen, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Dieselben Erwachsenen, die sie beim gemeinsamen Spielen betreuen, bezeichnen ihre Lebensrealität an anderer Stelle öffentlich als „dämonisch“, als Ausdruck einer „Verirrung“ oder als Folge von „Missbrauch von Macht“. Das ist keine Aussage über eine konkrete Schädigung einzelner Kinder, aber es ist ein struktureller Befund über das Umfeld, in das Kinder eingeladen werden, ohne dass ihre Eltern davon notwendigerweise wissen.

Fazit: Informierte Entscheidung kaum möglich?

Beides – die missionarische Intention des Kids Clubs sowie das hinter “Neues Leben” stehende Weltbild – ist öffentlich zugänglich. Aber nicht im Werbematerial, sondern verstreut auf einem YouTube-Kanal, den Eltern erst gezielt suchen müssten. Wer sein Kind aufgrund von „Spiel, Spaß, Musik“ teilnehmen lässt, kann deshalb keine informierte Entscheidung treffen: weder darüber, dass ein Bekehrungsgebet Teil des Programms ist, noch darüber, in wessen ideologisches und politisches Umfeld das Kind damit eingeladen wird.

Gerade hier zeigt sich, wie wichtig unabhängige und sachliche Information über entsprechende Angebot ist – oder besser: wäre. Denn leider wird in Deutschland über Gefahren entsprechender Angebote kaum – jedenfalls nicht präventiv – informiert. Weltanschauungsbeauftragte Stellen sind mit entsprechenden Informationen oder gar Warnungen äußerst zurückhaltend.

In anderen Ländern bestehen deutlich weitergehende Angebote, bei denen Interessierte oder Betroffene nähere Informationen zu weltanschaulich-religiösen Angeboten abrufen können, wie bspw. das Angebot der Schweizer infosekta zeigt. Dass ein entsrechender Bedarf auch in Deutschland besteht, erleben wir bei unserer Arbeit mit FundiWatch tagtäglich.


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