Das Wahlprogramm der AfD – zwischen Unterstützung christlicher Fundamentalist*innen und christenfeindlicher Propaganda?
Die AfD will den großen Kirchen ans Geld. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist, was sie mit dem Geld vor hat und wie viel Religion in ihrem Regierungsprogramm steckt. Doch auch konservative Christ*innen sollten einem Änderungsantrag Beachtung schenken, der sich ausdrücklich gegen das Christentum richtete. Und schließlich wurde die ursprünglich im Entwurf des Regierungsprogramms enthaltene Passage zur Förderung kleiner Gemeinden, darunter insbesondere Freikirchen, Baptistengemeinden und orthodoxen Kirchen gestrichen.
„Christentum fördern, nicht nur zwei Kirchen!“
Es gibt in dem Programm, mit dem die AfD Sachsen-Anhalt am 6. September regieren will, ein Kapitel, dessen Überschrift man zweimal lesen muss. Sie lautet: „Christentum fördern, nicht nur zwei Kirchen!“
Darunter steht, was mit den sogenannten Staatsleistungen geschehen soll. Das sind gut vierzig Millionen Euro, die das Land jedes Jahr an die evangelischen Landeskirchen und an die katholische Kirche überweist. Kein Kirchgeld, kein Mitgliedsbeitrag – Steuergeld, von allen bezahlt, auch von den vier Fünfteln der Sachsen-Anhaltiner*innen, die keiner Kirche angehören.
Der Grund liegt weit zurück: 1803 wurden große Teile kirchlichen Vermögens säkularisiert. Daraus und aus weiteren historischen Rechtstiteln entstanden staatliche Leistungsverpflichtungen. Sie sollten jedoch nicht ewig fortbestehen: Seit 1919 schreibt die Verfassung ihre Ablösung vor – umgesetzt wurde sie bis heute nicht.
Die AfD will diese vierzig Millionen nicht abschaffen. Sie will sie umverteilen. Künftig sollen sie „allen christlichen Kirchen“ zufließen, aufgeteilt nach Mitgliederzahl – also auch Baptisten, Pfingstgemeinden, freien evangelischen Gemeinden, die bisher nichts davon bekommen. Das Geld soll für Pfarrer und Kirchengebäude verwendet werden (Regierungsprogramm, Kapitel III.18, Seite 66 f.).
Wer erwartet hat, dass eine Partei, die den Kirchen gern Privilegien vorwirft, das Geld einfach im Landeshaushalt behalten will, findet das an dieser Stelle nicht. Es bleibt beim Geld für Kirchen und christliche Gemeinden. Es bekommen nur andere Kirchen.
Was sonst noch im Programm steht – und christlich-fundamentalistischen Kreisen zunächst gefallen könnte…
Das ist kein Einzelfall. Für die Dörfer verspricht das Programm: „In unseren Dörfern soll Religion, Brauchtum und (echte) Kultur gefördert werden“ (Kapitel XII.8, Seite 192 f.). Staatlich geförderte Religion steht damit ausdrücklich als Ziel im Programm.
Auch bei den Themen, über die im Wahlkampf mehr gesprochen wird, ist der Ton wiederzuerkennen, den man aus konservativen und christlich-fundamentalistischen christlichen Kreisen kennt:
Der Schwangerschaftsabbruch soll im Strafgesetzbuch bleiben. Bemühungen im Bund, das zu ändern, will die AfD über den Bundesrat blockieren. In der Beratungsstelle soll eine Frau, die über einen Abbruch nachdenkt, künftig einen Ultraschall vom Ungeborenen erhalten (Kapitel I.3 bis I.6, Seite 12 ff.). Diese Forderung stammt aus dem Ideenpool der amerikanischen Abtreibungsgegner und wird in Deutschland seit Jahren von christlichen Lebensschutzgruppen vertreten.
Und die Schulpflicht soll fallen. An ihrer Stelle sollen Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten dürfen mit halbjährlichen Prüfungen (Kapitel IV.26, Seite 84 f.). Das ist eine alte Forderung. Allerdings eine, die in Deutschland seit Jahrzehnten fast ausschließlich von streng ‚bibeltreuen‘ Familien erhoben wird, die ihre Kinder aus dem staatlichen Unterricht herausholen wollen.
Auch das könnte christlich-fundamentalistischen Kreisen gefallen: Gegen die Landeskirchen richtet sich in der Präambel der Vorwurf, sie hätten sich „vielfach vom christlichen Auftrag entfernt„, predigten nicht mehr die Ehe aus Mann und Frau und Kindern als „normative Normalität“ und seien „vor allem gesellschaftspolitisch aktiv“ (Seite 6).
Nicht weniger Religion in der Politik – aber eine andere
Der Vorwurf der AfD lautet also offensichtlich nicht, die Kirchen mischten sich in die Politik ein. Der Vorwurf lautet, sie mischten sich falsch ein. Die AfD will nicht weniger Religion in der Politik – sie will andere Religion in der Politik.
Hans-Thomas Tillschneider, der als Urheber der Kirchenpolitik im Landesverband gilt, erklärt öffentlich, die AfD sei „mit Abstand die christlichste Partei Deutschlands“ und begründet es nicht mit dem Glauben der Mitglieder*innen (im Volkshandbuch des Landtags, in dem Abgeordnete ihre Konfession angeben können, findet sich in der AfD-Fraktion genau eine Angabe „evangelisch“), sondern mit den politischen Positionen in Sachen Lebensschutz, Ehe und Familie und Kampf gegen die „Gender-Ideologie“ (Interview mit dem katholisch-konservativen Portal Corrigenda, August 2026).
Statt sofortigem Stopp der Staatsleistungen an Kirchen: Umverteilung bei gleichem Volumen
Bemerkenswert ist, welche Änderungen sich vor Veröffentlichung des Wahlprogramms durch Änderungsanträge auf dem AfD-Parteitag noch ergeben haben.
So fand sich im Entwurf des Regierungsprogramms noch die Ankündigung: „Staatsleistungen sofort einstellen!“ Gemeint waren hier die bereits erwähnten Staatsleistungen an die christlichen Kirchen, die laut dem Entwurf „ohne weitere Kompensation“ eingestellt werden sollten. Man werde „alles dafür tun, den Kirchen nicht mehr mit absurder Begründung Jahr für Jahr über 40 Millionen Euro in den Rachen zu werfen.“
Die schließlich beschlossene Fassung weicht von dieser Ankündigung wie bereits erwähnt deutlich ab: Statt Abschaffung ohne Kompensation nun also Umverteilung bei gleichbleibendem Gesamtvolumen…
Doch keine Förderung kleiner Gemeinden und Freikirchen: „Wir sind keine christliche Partei. Wir sind eine deutsche Partei…“
Konservative Christ*innen mögen sich vielleicht von einer im ursprünglichen Programmentwurf angekündigten Förderung kleiner Gemeinden und ausdrücklich genannter Freikirchen, Baptistengemeinden und orthodoxen Kirchen angesprochen gefühlt haben. Doch diese Passage schaffte es nicht in das endgültige Programm.
Ursprünglich fand sich in der bereits erwähnten Passage „Christentum fördern“ (im Entwurf noch mit dem Zusatz „kleine Kirchen fördern„) die Ankündigung, dass christliche Gemeinden außerhalb der „großen Kirchen„, in denen sich „eine wahre Renaissance des Christentums“ abspiele, gefördert werden sollen:
„Wir werden Instrumente entwickeln, um diese kleinen Kirchen zu fördern. In Freikirchen, Baptistengemeinden und orthodoxen Kirchen wird ein authentischer und vitaler Glaube praktiziert, der die kulturelle Wende, die wir anstreben, vielfältig unterstützt.“
Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen erklärte daraufhin, sie wehre sich gegen den Versuch, über angeblich gleiche Überzeugungen eine Schnittmenge herzustellen. Geld mit politischen Erwartungen wolle man nicht. Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, der Dachverband der Baptisten, formulierte knapp, rechtsextreme Parteien seien für Christen nicht wählbar.
Ein Änderungsantrag von Michael Kremer, Mitglied des AfD-Kreisverbands Magdeburg, unter der Überschrift „Religion ist Privatsache – Trennung Kirche & Staat – Kultur & Brauchtum fördern!“ (hier unter Ziffer RP-36) richtete sich explizit gegen diese Passage im Regierungsprogramm:
Statt Förderung des Christentums forderte der Antrag eine stärkere Pflege der „kulturellen Brauchtumsfeste unserer Ahnen“. Dazu zählten unter anderem Ostara-, Mittsommer- und Julfeiern, die Herbst-Tagundnachtgleiche sowie die Weih- und Rauhnächte. Mindestens die Sommer- und die Wintersonnenwende sollten gesetzliche Feiertage werden. Um die Zahl der arbeitsfreien Tage nicht zu erhöhen, schlug der Antrag vor, im Gegenzug zwei „überflüssige christliche Feiertage“ zu streichen.
Die Antragsbegründung dürfte eigentlich auch radikalsten christlichen Fundamentalist*innen vor Augen führen, welche Kräfte in der AfD wirken:
So beruft sich die Begründung ausdrücklich auf den Ehrenvorsitzenden der AfD, Alexander Gauland, als „Kronzeugen“. Gauland habe bereits öffentlich festgestellt, dass die AfD keine christliche Partei sei. Die AfD verteidige nicht das Christentum, „sondern das traditionelle Lebensgefühl in Deutschland, das traditionelle Heimatgefühl„. Auch im AfD-Grundsatzprogramm befände sich keine Bezugnahme auf das christliche Menschenbild.
Weiter heißt es in der Antragsbegründung:
„Jeder AfD-Vertreter würde sich schwer tun, eine Unterstützung des Christentums trotz des inhaltlichen Gegensatzes zwischen Christentum und AFD zu erklären.
Die AFD steht nicht für die folgenden Kernelemente des Christentums:
- Feindesliebe
- Schuldkult
- andere-Wange-hinhalten,
- „alle Menschen sind gleich“
- Frauen haben in der Gemeinde zu schweigen und dem Manne zu gehorchen (1Kor.14,34)
- Heiden sind auszurotten (Jesaja 34)
- Naturverachtung
- Hass auf Reiche
- Hass auf die eigene Familie (LK 14,26)
- Stolz = Sünde.
- Universalismus / Globalisierung“
Bereits die „klügsten Geistesgrößen unseres Volkes“ hätten sich gegen das Christentum gestellt. Eine ausführliche Analyse des Antrags (und des Regierungsprogramms im Übrigen) findet sich in dem Blog des Forschungs- und Dokumentationsprojekt „Geschichte statt Mythen„.
Angeblich wurde der Antrag mit großer Mehrheit abgelehnt. Nachvollziehen lässt sich das nicht. Ein Wortprotokoll oder eine Videoaufzeichnung der betreffenden Parteitagsdebatte konnten wir bisher jedenfalls nicht finden.
Entsprechendes gilt für einen weiteren Änderungsantrag (hier unter RP-37) des Hallenser AfD-Stadtrats Udo Nistripke. Er strich sowohl das Lob eines „authentischen und vitalen“ Glaubens in Freikirchen als auch die Ankündigung spezieller Förderinstrumente für diese und ersetzte beides durch die Forderung nach finanzieller Unabhängigkeit der Kirchen. Eine veröffentlichte Begründung enthielt der Antrag nicht.
Was daraus folgt
Das AfD-Regierungsprogramm enthält eine umfangreiche Religionspolitik, verspricht Kirchen Steuergeld, und übernimmt bei Abtreibung, Schulpflicht und Sexualkunde die Forderungen christlich-konservativer Bewegungen fast eins zu eins. Wer in einem der am stärksten säkular und konfessionslos geprägten Bundesländer weniger Religion im Staat will, dürfte in diesem Programm nicht fündig werden.
Doch auch konservative Christ*innen, die meinen, ihre religiösen Vorstellungen im Wahlprogramm der AfD zu finden, sollten genau hinsehen: Denn offenkundig geht es der AfD nicht um vermeintlich „christliche Werte“ sondern populistische Kulturkampfrhetorik. Was weite Teile der AfD wirklich vom Christentum halten, scheint der erwähnte Änderungsantrag zum Wahlprogramm und das „Zurückrudern“ bei der zunächst geforderten Förderung und Anerkennung kleiner christlicher Gemeinden und Freikirchen wohl deutlich treffender zusammenzufassen.
