Kongress der Unfreiheit (Teil 2)

„Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewĂ€rmt sind…“

Vom 26.04. bis zum 29.04.2026 fand zum dritten Mal der sog. Freiheit-Kongress im christlichen GÀstezentrum Schönblick statt.

In Teil 1 unserer Beitragsreihe zum Kongress haben wir vor allem den ersten Tag besprochen. In diesem Teil geht es um die weiteren Tage, ĂŒber die uns unsere Beobachter*innen vor Ort berichteten.

Aber zuerst machen wir einen Schritt zurĂŒck:

Was ist eigentlich das Haus Schönblick?

Das Haus Schönblick – Christliches GĂ€stezentrum WĂŒrttemberg gilt als das grĂ¶ĂŸte christliche GĂ€stezentrum in Deutschland.

Es beherbergt eine evangelische Gemeinde, das historische GÀstehaus und das Kongresszentrum Forum, eine christliche Musikschule, ein Alten- und Pflegeheim und eine Seniorenwohnanlage sowie ein Café.

Quelle: schoenblick.de

Das Haus Schönblick gilt als Zentrum des schwĂ€bischen Altpietismus, einer der grĂ¶ĂŸten evangelischen Strömungen in Baden-WĂŒrttemberg. TrĂ€ger des Schönblick ist „Die Apis. Evangelischer Gemeinschaftsverband WĂŒrttemberg e.V.“.

Pietismus in WĂŒrttemberg

Der Pietismus entstand im 17. Jahrhundert als Bewegung zur Vollendung der Reformation. Der Pietismus betont die Bedeutung der Bibel und eines lebendigen Glaubens, der zu einer innerlichen Wiedergeburt des Menschen fĂŒhren und Alltag und Leben prĂ€gen soll.

In WĂŒrttemberg erlangte der Pietismus als Frömmigkeitsbewegung eine besondere Bedeutung und hatte erheblichen Einfluss auf die dortige Gesellschaft. Eine wichtige Rolle spielten zum Beispiel frĂŒhe Mobilisierungen gegen das Rauchen und Trinken, gegen vermeintlich dekadente Kleidungsstile oder gegen VergnĂŒgungen wie Tanz oder Kartenspiel. Besonders der SpĂ€tpietismus profilierte sich in der Spannung zur AufklĂ€rung.

Im spĂ€ten 19. Jahrhundert gewannen EinflĂŒsse aus den evangelikalen Strömungen im angelsĂ€chsischen Bereich zunehmend an Bedeutung, etwa der Heiligungs- oder der Erweckungsbewegung. Der Pietismus importierte so teils Ideen wie die einer göttlichen Inspiration der Bibel, der Geisttaufe oder des Zungenredens.

Die Apis, der Schönblick & die Aktion Hoffnungsland

1857 schlossen sich Christ*innen aus verschiedenen evangelischen Gemeinschaftskreisen in WĂŒrttemberg zum Altpietistischen Gemeinschaftsverband e.V. zusammen.

Der Altpietismus unterstĂŒtzte zwar die biblizistischen Tendenzen. Er definierte sich zunĂ€chst jedoch in der Abgrenzung von charismatischen und emotional orientierte AnsĂ€tze, die man als SchwĂ€rmerei ansah. Nach und nach öffnete man sich dennoch fĂŒr bestimmte charismatische Entwicklungen, wie die Lobpreis-Musik und einer allgemein stĂ€rker erlebnis-orientierten Gottesdienstkultur.

Die Aktion Hoffnungsland gGmbH bĂŒndelt als Bildungs- und Sozialwerk seit 2018 die zahlreichen diakonischen Initiativen der Apis und gehörte ebenfalls zu den Veranstaltenden des Freiheit-Kongresses.

Bis heute prĂ€gt der „schwĂ€bische Pietismus“ die evangelische Landeskirche WĂŒrttemberg. In der Evangelischen Landeskirche ist vor allem die Lebendige Gemeinde – die heute als Lebendige Gemeinde.ChristusBewegung in WĂŒrttemberg e.V. auftritt – stark pietistisch geprĂ€gt. Sie schlĂ€gt aber auch BrĂŒcken zu anderen konservativen, charismatischen und evangelikalen Strömungen. Neben der Offenen Kirche stellt sie den grĂ¶ĂŸten GesprĂ€chskreis (Ă€hnlich einer Fraktion) in der demokratisch gewĂ€hlten Landessynode. Die Lebendige Gemeinde vertritt in kirchen- und gesellschaftspolitischen Fragen hĂ€ufig konservative bis kulturkĂ€mpferische Positionen und orientiert sich darin an Mobilisierungen des christlichen Nationalismus in den USA.

Neben dem auf vorgeblich auf Menschenhandel fokussierten Freiheit-Kongress, gibt es mit dem Leben.WĂŒrde Kongress einen Kongress der sogenannten Lebensschutzbewegung, den MUT-Kongress der Christen in der Wirtschaft, den Kongress Christenverfolgung heute und den Israelkongress.

FĂŒr den nĂ€chsten Kongress gegen Christenverfolgung sind auch Vertreter der Alliance Defending Freedom (ADF) angekĂŒndigt, einer christlich-nationalistischen, antifeministischen und queerfeindlichen Anwalts-Lobby-Organisation, die eine tragende Rolle fĂŒr die strategische ProzessfĂŒhrung der MAGA-Bewegung spielt. Das European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rights ordnet die Organisation als religiös extremistisch ein und warnt vor ihrem zunehmenden Einfluss in Europa.

Auf dem letzten MUT-Kongress wurde das sogenannte 7-Mountain-Mandate diskutiert, eine herrschaftstheologische Prophezeiung, die sich auf die Johannesapokalypse bezieht und die bevorstehende Dominierung jedes Teilbereichs der Gesellschaft durch das Christentum verkĂŒndigt.

Der Israelkongress fokussiert sich traditionell auf die Missionierung von JĂŒd*innen im Kontext der Endzeit und auf die außenpolitische UnterstĂŒtzung der israelischen Kriegspolitik.

Mit dem SCHÖ-Festival und Worship Generations existiert auch ein kĂŒnstlerisch-kulturelles Programm.

Und damit zurĂŒck zum Freiheit-Kongress:

Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und die Gefahren des Okkulten:

Die oberflÀchliche SeriositÀt, die den ersten Tag des Kongresses noch in AnsÀtzen prÀgte, verfliegt in den Folgetagen schnell.

Tabea Freitag (return – Fachstelle fĂŒr Mediensucht)

Tabea Freitag spricht fĂŒr return, einer sogenannten Fachstelle fĂŒr Mediensucht. Mit ihrer BroschĂŒre Fit for Love: Lehrmaterial fĂŒr die PrĂ€vention von Pornokonsum und sexueller Gewalt, die sie auf dem Kongress prĂ€sentiert, ist sie in der aufsuchenden Schulsozialarbeit tĂ€tig.

Die BroschĂŒre hatte sie bereits 2024 auf dem Symposium der Demo fĂŒr Alle: Kinder im Visier von Porno, Trans und Co. in Stuttgart vorgestellt. Das von CitizenGo geförderte Symposium war geprĂ€gt von der VerschwörungserzĂ€hlung einer planmĂ€ĂŸigen PĂ€dophilisierung der Gesellschaft als Teil derer auch Pornografie zu verstehen wĂ€re.

Quelle: Screenshot Youtube, Demo fĂŒr Alle, Vortrag vom 9.11.2024: „Fit for Love? PrĂ€vention von Pornokonsum und sexueller Gewalt“

Auf FundiWatch-Anfrage, ob Freitag mit der Kontextualisierung ihres Vortrags auf dem Symposium bei der Demo fĂŒr Alle in den Kontext einer planmĂ€ĂŸigen PĂ€dophilisierung der Gesellschaft einverstanden ist, antwortet sie barsch und unterstellt uns eine „trickreiche Frage“, da der Begriff „PĂ€dophilisierung“ nach „entsprechender Internetrecherche“ gar nicht existiere. Weiter teilt Freitag mit:

„Ich bitte um VerstĂ€ndnis, dass all diese offenen Fragen mich nicht ermutigen, Ihre seltsame, trickreiche Frage zu beantworten. Ich habe allen Grund, die SeriositĂ€t Ihrer Motive in Frage zu stellen. 

Ich bin ausschließlich verantwortlich fĂŒr die Inhalte meiner VortrĂ€ge, nicht fĂŒr PresseerklĂ€rungen u.d.g. von Veranstaltern. Ich sehe von daher keinerlei Veranlassung, mich zu Ihrem Framing(!) von Einladung, PresseerklĂ€rung o.Ă€. Dritter zu Ă€ußern.“

In SchwĂ€bisch GmĂŒnd prĂ€sentiert Freitag neben einigen Folien zu ihrer BroschĂŒre, wie uns unsere Beobachter*innen berichteten, obskure Folien ĂŒber „Golems“, „Ekelzeugs“, „Digitale Deportation“, „Egosex“, „Instantbefriedigung“, „Totale Unterwerfung und Kontrolle“ (reprĂ€sentiert durch das „Ketzerhalsband“, auch als Choker bekannt), die „dunkle Triade“ und die „Pornotopia“ garniert mit Zitaten von Che Guevara und eines HolocaustĂŒberlebenden.

Auch wenn viele Ideen unklar bleiben: Die Botschaft, Pornografie ist böse, bleibt hĂ€ngen. Pornografie diene „TĂ€tern, Narzissten, Machiavellisten, Sadisten und Psychopathen“.

Anna Schreiber (Psychotherapeutin)

Vermeintlich psychologisch informiert geht es weiter. Anna Schreiber, eine Psychotherapeutin aus Karlsruhe spricht ĂŒber ihren „heiligen Weg“ des Ausstiegs aus der „Prostitution“ und ĂŒber Möglichkeiten Frauen zu „retten“ und ihr Schweigen zu brechen.

Die zentrale These von Schreibers Vortragslautet: „Es gibt keine Prostitution ohne Dissoziation.“ Freiwilligkeit existiere nur als Mythos oder Illusion. Wenn jemand glaubt in der Sexarbeit freiwillig tĂ€tig zu sein, habe man es vermutlich mit einem „TĂ€ter-Introjekt“ zu tun: Einer inneren Stimme also, die sich die Rechtfertigungen und Beschimpfungen böswilliger Profiteure angeeignet habe, um Konfliktsituationen zu navigieren. Eigentlich sprĂ€che hier nicht eine Sexarbeiter*in ĂŒber ihre Erfahrung, sondern TĂ€ter ĂŒber den Körper eines Opfers, das die Kontrolle ĂŒber sich selbst verloren hat.

In der Diskussion wird noch breit ĂŒber die „kuriosen SexualitĂ€ten“ diskutiert, die Aussteiger*innen entwickeln wĂŒrden, um ihre schlechten Erfahrungen mit MĂ€nnern zu bewĂ€ltigen und was man als Sozialarbeiter*in dagegen tun könnte.

FĂŒr Schreibers Vortrag gibt es  schallende Standing Ovations.

Die Stimmung „steigt“


„Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewĂ€rmt sind und sich gut gegenseitig reinsteigern…“

…so schildert es unsere Beobachter*in.

Um zu verstehen was hier passiert, hilft die Analyse-Kategorie der epistemischen Ungerechtigkeit weiter: Der Gedanke stammt aus der feministischen Philosophie und beschreibt Situationen, in denen es Personen unmöglich gemacht wird mit ihren Problemen und BedĂŒrfnissen, gehört und verstanden zu werden.

Schreibers psychologisches Framework stellt ein Beispiel fĂŒr epistemische Ungerechtigkeit dar, weil jede Äußerung einer Sexarbeiter*in, die Schreibers theoretischen Modell widerspricht zu einer OberflĂ€chlichkeit oder Illusion erklĂ€rt werden kann, hinter der sich die Wahrheit, die nur die Psychologin kennt, verbirgt. FĂŒr Leute, die Schreibers Framework ernst nehmen, wirkt es suggestiv. Die Erfahrungen der Personen, die ihm nicht folgen macht es unsichtbar.

Besonders perfide ist dabei der Gegensatz von Schweigen und Sprechen. Jede Sexarbeiter*in, die sich kontrĂ€r zu Schreibers Thesen Ă€ußert, „schweige“ demzufolge im Grunde noch, wĂ€hrend nur die auf dem „heiligen Weg“ Gerettete wirklich ihr Schweigen breche. In der Wirkung diskrediert Schreiber so ihr nicht genehme Äußerungen von Sexarbeitenden.

Über Schreibers Absicht können wir nur spekulieren, doch es liegt nahe, dass Sexarbeiter*innen solche Werturteile ĂŒber ihre Erfahrungen einschĂŒchtern und verstummen lassen könnten.

Und dann: Ein Wunder!

Gegen Ende des Vortrags betritt dann eine Person die BĂŒhne, die sich als Opfer ritueller organisierter Gewalt vorstellt.

Sie erklĂ€rt, dass sie nach dem Abschluss-Gottesdienst des letzten Kongresses zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf eigenen Beinen die Stufen zur BĂŒhne erklimmen und auf ihren Rollstuhl verzichten konnte (mehr dazu auch noch – in KĂŒrze! – in Teil 3 unserer Serie).

Die Person berichtet ĂŒber „höllische“ Erfahrungen mit ihrer Familie, Ärzten und einem „Kult“ und dankt fĂŒr die Arbeit der Vereine CARA und Mission Freedom zu ritueller Gewalt.

Die Grenze zwischen dem Erfahrungsbericht einer Gewaltbetroffenen und einem Zeugnis im religiösen Sinne verschwimmt.

Exorzismen und DĂ€monen – Workshop CARA e.V.

In dem spĂ€ter folgenden Workshop von CARA e.V. (CARA steht fĂŒr „Care Aout Ritual Abuse“) geht es mit genau diesen Themen weiter.

Was bei Schreiber noch als vage psychoanalytische Kategorie (TÀter-Introjekt) vorkommt, wird dort erheblich zugespitzt und auch offener religiös interpretiert. Plötzlich ist, wie sich unsere Beobachter*in erinnert, auch die Rede von der Besessenheit durch DÀmonen und der Bedeutung von Exorzismen.

Der Schweizer Verein CARA steht insbesondere seit einer Investigativ-Recherche des SRF schon seit lÀngerem in der Kritik, VerschwörungserzÀhlungen zu verbreiten und in die Therapie und Sozialarbeit zu tragen.

Eine Anfrage an CARA mit Bitte um Stellungnahme zu dem Workshop blieb bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags unbeantwortet.

Ein Skandal muss draußen bleiben: Verdacht auf KindeswohlgefĂ€hrdung bei Mission Freedom-Einrichtung ist kein Thema

Auch Mission Freedom e.V. – ebenfalls Mitveranstalter des Kongresses – steht in der Kritik.

https://fundiwatch.org/jugendamt-nimmt-kinder-aus-heim-in-obhut/

Erst am Freitag vor dem Kongress wurde bekannt, dass wenige Wochen zuvor im Haus SeeNest von Mission Freedom im AllgĂ€u, alle sechs der dort untergebrachten Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Als Grund fĂŒhren die Behörden kindeswohlgefĂ€hrdende Erziehungsmethoden und einen unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschrĂ€nkenden Maßnahmen an. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaften Ermittlungen wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener eingeleitet.

Die Ereignisse waren vermutlich der Grund, warum Gaby Wentland – GrĂŒnderin und Vorsitzende von Mission Freedom – bei dem Eröffnungsvortrag nicht wie geplant auf dem Podium auftrat. Sie saß im Publikum.

Einige Tage nach dem Kongress wurde bekannt, dass Gaby Wentland ihre VorstandstÀtigkeit beim Mitveranstalter des Kongresses ggmh vor dem Hintergrund der VorgÀnge im Haus SeeNest vorlÀufig ruhen lasse.

Die VorfÀlle im Haus SeeNest blieben auf dem Freiheit-Kongress selbst hingegen unerwÀhnt.

Blinder Fleck

Eine VorfĂŒhrung und Diskussion des Films „Blinder Fleck“ von Liz Wieskerstrauch wurde hingegen offenbar wie geplant von Inga Gerckens moderiert.

Gerckens ist ebenfalls fĂŒr Mission Freedom tĂ€tig und GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Mission-Freedom-Tochtergesellschaft HimmelsstĂŒrmer Deutschland gGmbH, die das Haus SeeNest betreibt.

Die Zeit ging in einem Artikel (Paywall) der Geschichte eines offenbar auch im Film erwĂ€hnten Falls eines angeblich von ritueller Gewalt betroffenen MĂ€dchens nach. Schon vorher hatte u.a. die Zeit zu dem Fall und der sich letztlich als unwahr herausgestellten Geschichte recherchiert. In dem Artikel ging die Zeit einer Spur nach, wonach Angehörige kurzzeitig fĂŒrchteten, ihre Mutter wolle das MĂ€dchen im Haus SeeNest im AllgĂ€u unterbringen. BestĂ€tigen lies sich das nicht. Betrachtet man die Liste der Förderer des ĂŒber Crowdfundig finanzierten Films findet man jedoch eine Reihe von Namen aus den Kreisen von ggmh und Teilnehmenden des Freiheit-Kongress.

Der Zeit-Artikel war zwischenzeitlich offline. Unter dem Artikel findet sich nun ein Hinweis auf eine rechtliche Auseinandersetzung, weswegen gewisse biographische Angaben zu dem MĂ€dchen entfernt worden seien.

„Betroffenenschutz“ durch Hausverbot?

Obwohl solchen hochgradig kontroversen Organisationen beim Kongress eine BĂŒhne geboten wird, wurde die Absage fĂŒr die Teilnahme am Kongress und ein Hausverbot, die einem Mitglied von FundiWatch erteilt wurden mit dem Betroffenenschutz begrĂŒndet.

In der betreffenden Absage-Mail nebst durch die Kongressleitung ausgesprochenen Hausverbot heißt es:

„Die AufklĂ€rung und den Schutz vor geistlichem Missbrauch sehen wir uns ebenso verpflichtet wie dem Schutz vor sexueller Gewalt. Betroffenen aller Gewaltformen wollen wir einen geschĂŒtzten Rahmen bieten. Dies gilt ausdrĂŒcklich auch fĂŒr Betroffene von ritueller und organisierter Gewalt. Gerade diese Menschen erleben immer wieder, dass ihre Erfahrungen infrage gestellt oder relativiert werden. Umso wichtiger ist es uns, auch ihnen einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich sicher fĂŒhlen und offen sprechen können.

Diesem besonderen Schutzauftrag fĂŒhlen wir uns bei dieser Veranstaltung in besonderer Weise verpflichtet.“

Betroffenenschutz wird so instrumentalisiert, um VerschwörungserzĂ€hlungen zu legitimieren und um so manche Organisation zu schĂŒtzen, die ihre Klient*innen nachweislich gefĂ€hrdet.

Der Kongress bietet radikalen und fundamentalistischen KrÀften einen Anschein der SeriositÀt und einen Zugang zu Politik und zivilgesellschaftlichen Institutionen. Wenn man vor Ort ist verfliegt dieser Anschein schnell.

Teil 3: Der Kongress 2024 und was seither geschah

In unserem dritten Teil zum Freiheit-Kongress gehen wir nÀher auf den letzten Kongress im Jahr 2024 ein und welche KontinuitÀten wir beobachten.

Damals gab es FundiWatch noch nicht. Ein heutiges GrĂŒndungsmitglied war jedoch vor Ort und schildert in Teil 3 (erscheint in KĂŒrze!) seine damaligen EindrĂŒcke und KontinuitĂ€ten zum diesjĂ€hrigen Freiheit-Kongress. Dabei wird es auch um die UnterstĂŒtzung des Kongresses durch mehrere Politiker*innen gehen.

Edit (18.07.2026): Vor Teil 3 waren wir ĂŒbrigens in „Teil 2 1/2“ noch mit beim Podcast „Queerocracy Now!“, in dem wir mit eine*r unsere*r Beobachter*innen vor Ort ĂŒber den Kongress berichten. Mehr dazu hier!

 

Update: In die VorgÀnge im Haus SeeNest hat sich nun auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet

29 PolizeieinsĂ€tze, Hilferufe aus dem Heim…

Nach unserem Bericht ĂŒber Inobhutnahmen im Kinderheim Haus SeeNest im AllgĂ€u kommen immer mehr Details zu Tage. Mehrere Medien haben den Fall zwischenzeitlich aufgegriffen.

Nun ermittelt auch die Staatsanwaltschaft. Gaby Wentland, Vorsitzende von Mission Freedom, lÀsst ihre VorstandstÀtigkeit im Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel vorerst ruhen.

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Immer mehr Details werden bekannt

Nach unserem Bericht haben nun auch die SĂŒddeutsche Zeitung, die taz und der BR den Fall den Fall aufgegriffen.

Das Haus SeeNest wird von der HimmelsstĂŒrmer Deutschland gGmbH – eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des seit Langem umstrittenen christlich-fundamentalistischen Vereins Mission Freedom – betrieben. Auf seiner Homepage beschreibt Mission Freedom die Einrichtung als Standort einer „spezialisierten Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung“ fĂŒr „minderjĂ€hrige Betroffene von sexueller Ausbeutung“.

Im Erwachsenenbereich betreibt Mission Freedom „SchutzhĂ€user“ in Frankfurt und Hamburg.

Unangemessener Umgang mit freiheitsbeschrĂ€nkenden Maßnahmen

Die taz erfuhr, dass es sich bei den zunĂ€chst allgemein als „kindeswohlgefĂ€hrdende Erziehungsmethoden“ beschriebenen GrĂŒnden der behördlichen Maßnahmen um einen unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschrĂ€nkenden Maßnahmen handeln soll.

Zudem wird in dem Artikel auf frĂŒhere taz-Recherchen vor gut zehn Jahren verwiesen. Demnach durften von Mission Freedom betreute Frauen vermeintlich keine weltliche Musik mehr hören, mussten ihr Handy abgeben und durften nicht ohne Begleitung das „Schutzhaus“ verlassen.

Der Hamburger Senat, das LKA und Hamburger OpferschutzverbĂ€nde distanzierten sich bereits damals deutlich von Mission Freedom. Zudem teilten sie mit, mit dem Verein nicht zusammenzuarbeiten. Auf seiner Homepage gibt Mission Freedom neben der Evangelischen Allianz Deutschland, dem European Freedom Network und Gemeinsam gegen Menschenhandel auch weiterhin den „Verbund der Diakonie“ als Partnerorganisationen an.

Auf FundiWatch-Anfrage erfuhren wir durch das Landratsamt OberallgĂ€u, dass sich in den Fall im Haus SeeNest nun auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet hat. Das bedeutet, dass aktuell geprĂŒft wird, ob ein Anfangsverdacht zu etwaigen strafbaren Handlungen vorliegt.

Die Regierung von Schwaben, die die Betriebserlaubnis fĂŒr die Einrichtung erteilte und zugleich die zustĂ€ndige Heimaufsicht ist, teilte FundiWatch auf Anfrage zu besonderen Vorkommnissen in der Einrichtung mit: Außerhalb der Kontrollen durch die Heimaufsicht sei es „lediglich zu einem Polizeieinsatz wegen eines abgĂ€ngigen Kindes, welches aber selbst wieder in die Einrichtung zurĂŒckkehrte“ gekommen.

Dem BR liegen hierzu offenbar andere Informationen vor: Demnach habe die Polizei bestÀtigt, in der Einrichtung habe es 29 EinsÀtze wegen vermisster Kinder gegeben. Ein MÀdchen soll sich aus dem obersten Stockwerk mit aneinander geknoteten Bettlaken abgeseilt haben und weggelaufen sein. Immer wieder sollen Hilferufe von Kindern aus dem Haus zu hören gewesen sein.

Auf erneute RĂŒckfrage von FundiWatch teilt die Regierung von Schwaben hierzu mit, angebliche weitere EinsĂ€tze wegen vermisster Kinder seien ihr von keiner Seite gemeldet worden. Aktuell werde der Widerruf der Betriebserlaubnis geprĂŒft, da fĂŒr die Behörde die ZuverlĂ€ssigkeit des TrĂ€gers in Frage stĂŒnde.

Gaby Wentland lĂ€sst VorstandstĂ€tigkeit bei „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ vorlĂ€ufig ruhen

Laut Bericht des evangelikalen Medienmagazins Idea habe der Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (GGMH) – ein BĂŒndnis von fast 40 Organisationen – mitgeteilt, dass Gaby Wentland ihre VorstandstĂ€tigkeit dort bis zur KlĂ€rung der aktuellen VorwĂŒrfe ruhen lasse.

Seitens GGMH nehme man die aktuellen VorwĂŒrfe sehr ernst. Im Mittelunkt stĂŒnden nun „der Schutz der betroffenen Kinder, die Wahrnehmung ihrer PrivatsphĂ€re sowie eine sorgfĂ€ltige und fachlich verantwortliche KlĂ€rung der VorgĂ€nge.“

In der Vergangenheit ĂŒberstand Gaby Wentland Skandale im Wesentlichen unbeschadet und wurde dabei auch von GGMH in Schutz genommen. Der 1. Vorsitzende Frank Heinreich, ehem. MdB (CDU) und bis vor Kurzem auch Vorsitzender der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD), bezeichnete die VorwĂŒrfe gegen Mission Freedom im Rahmen einer umstrittenen Preisverleihung an den Verein durch den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) 2013 als „Verleumdung“. Auch als Gaby Wentland 2020 gemeinsam mit Inka Hammond den US-PrĂ€sidenten Donald Trump als von Gott eingesetzt und als Retter der Christenheit und seines Landes preiste, blieb dies sowohl fĂŒr ihre Rolle bei GGMH als auch ihre damalige VorstandstĂ€tigkeit fĂŒr die Evangelische Allianz Deutschland (EAD) folgenlos.

Erst vergangene Woche veranstalteten u.a. GGMH und Mission Freedom im Beisein auch mehrerer Politiker*innen zum wiederholten Mal den Freiheit-Kongress im christlichen Kongresszentrum Schönblick in SchwĂ€bisch GmĂŒnd. DarĂŒber berichten wir hier. Idea war Medienpartner und berichtete ausschließlich positiv ĂŒber den Kongress. Einer Person von FundiWatch, die bereits seit Jahren zu Mission Freedom und dem Haus SeeNest recherchiert und in diesem Zusammenhang auch den Kongress 2024 besuchte, wurde fĂŒr den diesjĂ€hrigen Kongress ein Hausverbot erteilt.

Wie unsere Beobachtenden vor Ort berichten, war Gaby Wentland beim Kongressauftakt entgegen der ProgrammankĂŒndigung nicht auf der BĂŒhne, sondern saß im Publikum.

Inga Gerckens, Mitarbeiterin von Mission Freedom und GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der HimmelsstĂŒrmer Deutschland gGmbH, moderierte laut Kongress-Programm ein FilmgesprĂ€ch zu dem umstrittenen Film „Blinder Fleck“ der Regisseurrin Liz Wieskerstrauch (vgl. unseren Bericht zu dem Film hier). Zu einem weiteren kritischen Bericht der Zeit u.a. zu dem Film – in dem auch vermeintlichen BezĂŒgen zum Haus SeeNest nachgegangen wurde, die letztlich aber nicht aufgeklĂ€rt werden konnten – ist aktuell lediglich der Hinweis zu lesen: „Dieser Artikel wurde aus rechtlichen GrĂŒnden depubliziert„.

Eisiges Schweigen und „Siegesgewissheit“

Auf FundiWatch-Anfragen zu den VorfĂ€llen reagieren die HimmelsstĂŒrmer und Mission Freedom nicht.

GegenĂŒber dem BR teilt die HimmelsstĂŒrmer lediglich mit: „Grundlage unseres Handelns bilden die einschlĂ€gigen gesetzlichen Bestimmungen„. Und: „Unsere Leistungserbringung erfolgt unter der Aufsicht der Heimaufsicht und orientiert sich konsequent an den festgelegten fachlichen Prozessen.„

Auf dem Freiheit-Kongress waren die VorfĂ€lle im Haus SeeNest öffentlich kein Thema. Stattdessen zeigt sich Gaby Wentland auf ihren Social Media-BeitrĂ€gen von der Kritik unbeeindruckt: Auf einem gemeinsamen Foto vom Kongress zeigt sie sich freudestrahlend mit dem Team der Schweizer Organisation Heartwings. Untertitel: „Mit wundervollen Freunden ist alles leichter„.

Ein aktuelles Predigt-Video von Wentland trĂ€gt den Titel „WiderstĂ€nde ĂŒberwinden“. Dort zeigt sich Wentland – ohne die aktuellen VorgĂ€nge zu erwĂ€hnen – weiterhin kampfbereit und siegessicher:

„Deswegen laufe mit dem Geist Gottes, auch wenn es schwierig ist, wird er dich siegreich fĂŒhren. Das heißt, du wirst ĂŒberwinden. Du wirst dich freuen. Du wirst wissen, dass da eine Belohnung ist, du wirst wissen, dass da ein Sinn hinter ist und du wirst wissen, dass das, was Gott dir versprochen hat, sich alles erfĂŒllt.“

Quelle: Facebook, Gaby Wentland

Möge die Freude doch hoffentlich eines Tages bei den Kindern wieder einkehren, die wohl Schlimmes im Haus SeeNest erleben mussten und von einen Tag auf den anderen nun auseinandergerissen auf verschiedene Pflegefamilien verteilt werden mussten…

Schuld sind die anderen – und der Teufel..?

Heute Ă€ußerte sich Mission Freedom nun doch noch gegenĂŒber Idea.

Und kritisiert die Behörden, da die Inobhutnahme ohne behördliche VorankĂŒndigung erfolgt sind. Das Jugendamt OberallgĂ€u begrĂŒndet dies damit, dass eine dringende GefĂ€hrdung der Kinder nicht habe ausgeschlossen werden können. In solchen FĂ€llen stĂŒnde der Schutz der Kinder uneingeschrĂ€nkt im Vordergrund.

Kritisiert werden von Mission Freedom auch die ehemaligen Mitarbeitenden, die die VorfÀlle den Behörden meldeten. Denn diese hÀtten sich direkt an die Aufsichtsbehörde gewendet, ohne zuvor das GesprÀch mit der Einrichtungsleitung zu suchen (gegen die wie berichtet nun eine gerichtlich vorlÀufig bestÀtigtes TÀtigkeitsverbot verhÀngt wurde). Dass die direkte Konfrontation der Leitungsebene offensichtlich erfolglos geblieben wÀre, zeigen die mittlerweile zahlreichen VorfÀlle um Mission Freedom und dessen Umgang mit Kritik wohl deutlich.

Ebenso deutlich ist ĂŒbrigens, dass dieses Agieren von Mission Freedom unmittelbar mit dessen spezifischer Glaubensausrichtung, insbesondere dem besonders ausgeprĂ€gten Glauben an das Wirken ĂŒbernatĂŒrlicher, auch dĂ€monischer MĂ€chte, verbunden ist.

So resĂŒmmierte Gaby Wentland bereits nach Bekanntwerden einer sich nach Ermittlungen des LKA als falsch herausgestellten Lebensgeschichte einer vermeintlich minderjĂ€hrig missbrauchten Frau (die Mission Freedom zuvor offensiv u.a. auf einer DVD und dem Evangelischen Kirchentag „vermarktet“ hatte):

„Und sie haben mir dann Dinge untergeschoben, die alle nicht stimmen, das musst du dann auch ertragen und dann musst du lĂ€cheln. (…) Und dann haben wir rĂŒckblickend gesehen: Immer wenn die Zeitungen was Böses ĂŒber mich schrieben, dann waren die Spenden doppelt hoch (…). Weil die Christen verstanden haben: Hier ist ein geistlicher Kampf. Hier ist der Satan dabei, wieder zurĂŒckzuholen, was ihm gehört. Und ich hatte versucht, so viel Land zu bekommen wie nur möglich.„

Quelle: Vortrag von Gaby Wentland vom 09.09.2018 „Abend der Ermutigung“ in Schaffhausen (Youtube)

Ein Appell an die professionelle Soziale Arbeit

Der Fall zeigt besonders deutlich, wie wichtig es ist, die Einhaltung berufsethischer GrundsĂ€tze professioneller Sozialer Arbeit auch bei religiösen TrĂ€gern und auch in Zeiten klammer Haushaltskassen sicherzustellen. Diese Forderung hat nun auch der Deutscher Berufsverband fĂŒr Soziale Arbeit (DBSH) in einer Pressemitteilung zu dem Fall noch einmal deutlich unterstrichen.

Und das gilt ĂŒbrigens nicht nur fĂŒr den Kinder- und Jugendbereich. Mission Freedom und weitere Organisationen aus dem Netzwerk GGMH betreuen auch zahlreiche erwachsene Personen. Eine staatliche Aufsicht fĂŒr diese Einrichtungen gibt es hingegen nicht.

Wir bleiben weiter an dem Fall dran.

Kongress der Unfreiheit (Teil 1)

Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen GÀstezentrum Schönblick statt.

Beten, Reinsteigern und Kampagne
In Gottes Namen

Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen GÀstezentrum Schönblick statt.

In einer Beitragsreihe berichten wir ĂŒber den Kongress christlich-fundamentalistisch und ultra-konservativ ausgerichteter Organisationen – bei dem bemerkenswerte BĂŒndnisse geschmiedet werden.

Der Freiheit-Kongress in SchwĂ€bisch-GmĂŒnd

Bei dem Kongress handelt es sich um eine groß angelegte Netzwerkveranstaltung christlich-fundamentalistisch, ultra-konservativ und esoterisch-traumatologisch ausgerichteter Organisationen. Bemerkenswert ist, wie bei den Themen Sexarbeit, Pornografie, Rituelle Gewalt BĂŒndnisse zwischen KrĂ€ften möglich werden, die bei anderen Themen rundheraus unmöglich sind.

Dieses Jahr nahmen rund 400 Menschen am Freiheit-Kongress teil. Unsere Beobachtenden vor Ort erlebten ein Wechselbad aus GefĂŒhlen, Furor und 
 Entschlossenheit. Kritische Medienvertreter*innen vor Ort fehlten, dafĂŒr war der freikirchliche Sender ERF und das evangelikale Medium IDEA Partner*innen der Veranstaltung.

Zur Erinnerung: Der Tagungsort Schönblick machte bereits im Mai 2025 als Tagungsort des Anti-Abtreibungs-Kongress Leben.WĂŒrde unter der Schirmherrschaft von Jana Hochhalter (aka Jana Highholder) und Bischof Stefan Oster von sich reden. RegelmĂ€ĂŸig finden dort Veranstaltungen aus dem charismatischen und evangelikalen Spektrum statt. Mehr dazu in Teil 2 dieser Reihe.

Unter dem Motto „Gemeinsam gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ tauschte sich vier Tage lang ein erstaunlich heterogenes Potpourri aus Prediger*innen, Beter*innen und „Expert*innen“ zu Themen wie „Prostitution“, Ritueller Gewalt und Pornografie aus. Aufwallende Emotionen gehören dazu, begleitet von geistlicher Musik, Predigten, VortrĂ€gen und Paneldiskussionen.

Beachtlich: die teilweise hochaufgeladene Stimmung schreckt Politiker*innen nicht von der Teilnahme ab – wie bereits beim vorherigen Kongress 2024 (Teil 3 – folgt bald!) suchten einige auch 2026 wieder die NĂ€he hochreligiöser Netzwerke, die bei ihren Rettungsversuchen auch vor dubiosen und teilweise obskuren Methoden nicht zurĂŒckschrecken.

„Wer veranstaltet diesen Kongress?“[i]

Quelle: www.freiheit-kongress.de

Auf der orange (steht weltweit fĂŒr Engagement gegen Gewalt an Frauen) gehaltenen Homepage wird informiert, dass der Freiheit-Kongress von einer „Veranstalter- und Kooperationsgemeinschaft“ ausgerichtet wird. 40 NGO’s seien daran beteiligt, davon werden prominent mit Logo gelistet:

  • Evangelische Allianz Deutschland (EAD)
  • Gemeinsam Gegen Menschenhandel (GGMH)
  • Aktion Hoffnungsland (AH), TrĂ€ger des Hoffnungshaus in Stuttgart
  • return, einer selbsternannten Fachstelle zu „Mensch sein in digitalen Zeiten“
  • christliches GĂ€stezentrum Schönblick
  • Mission Freedom (MF)

Besonders der letztgenannte Verein, Mission Freedom, machte am Freitag vor Beginn des Kongress – mal wieder – Schlagzeilen, als Medienberichte erschienen, denen zufolge sechs Kinder aus der vom Verein[1] betriebenen Einrichtung „Haus SeeNest“ in Schwaben durch das Jugendamt OberallgĂ€u in Obhut genommen worden waren. Gegen die pĂ€dagogische Leitung des SeeNest wurde eine „TĂ€tigkeitsuntersagung erlassen“, wie die AllgĂ€uer Zeitung bereits am 24.04.2026 und nun auch die SĂŒddeutsche Zeitung berichten.

Doch auf dem Freiheit-Kongress spielt dieser Vorfall keine Rolle. Genau genommen spielt nichts eine Rolle, was die zunehmend fanatisch vorgetragene Einigkeit stören könnte. Soweit uns berichtet wurde, erwĂ€hnte niemand öffentlich die Inobhutnahme der Kinder. Vielleicht ist jenen, die sich auf der „richtigen Seite“ in einer höchst emotionalisierten Debatte wĂ€hnen, Transparenz und Widerspruch einfach fremd?

Sind sie vielleicht gewohnt, dass es sich am „Lagerfeuer der AnstĂ€ndigen“ warm und trocken sitzt und kritische Fragen anderen gestellt werden?

Quelle: „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ von Ruby Rebelde (2025)

Auf dem Freiheit-Kongress geht es nicht um ein vollstĂ€ndiges Bild der komplexen Themen Sexarbeit & Menschenhandel, auch nicht um differenzierte Analyse und schon gar nicht um durchdachte LösungsvorschlĂ€ge. Das Event steht fĂŒr (schein-)heilige Selbstbespiegelung, emotionale Radikalisierung und scharfe Kritik an Andersdenkenden.

Tag 1 – AufwĂ€rmen & SeriositĂ€t mimen

Vier Tage Gebet, Seminare, Reden und Musik liegen am Sonntag in SchwĂ€bisch-GmĂŒnd vor den Teilnehmenden.

Um 14:30 Uhr startet der Einlass. Nach ĂŒberschwĂ€nglichen Grußworten – der BĂŒrgermeister von SchwĂ€bisch-GmĂŒnd ist Schönblick-Fan, allem Anschein nach auch von den tollen (Anti-Abtreibungs-, Anti-Sexwork,- Anti-Vielfalts-) Events dort – startet der Kongress mit einem Vortrag von Dr. Jakob Drobnik.

Quelle: https://freiheit-kongress.de/programm

Dr. Drobnik (oder „Jay“, Instagram), tritt im geschniegelten Chic der neuen Rechten auf, Einstecktuch im Anzugjacket, Krawatte, akkurat frisiert.


Einschub: Wer sich wundert, wieso ich in diesem Artikel gleich zwei Mal ĂŒber Kleidungsstile (von Huschke Mau und Jakob Drobnik) spreche: Mit einem bestimmten Auftreten und Aussehen verbinden sich auch Aspekte, wie Habitus, Milieu und Zielgruppe. Bei den entsprechenden Einordnungen in diesem Text geht es also nicht um Abwertung oder persönlichen Diss, sondern eher um die Frage der AnschlussfĂ€higkeit und Akzeptanz fĂŒr die spezielle Zielgruppe auf dem Schönblick. Einschub Ende


Der 40-jĂ€hrige arbeitete unter der Professorin Elke Mack an deren Lehrstuhl fĂŒr Christliche Sozialwissenschaft und Sozialethik an der Uni Erfurt und seit einigen Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Posen. Er promovierte zu Fundamentaltheologie.

Drobnik ist auch im Vorstand vom pseudowissenschaftlichen Institut DIAKA (Deutsches Institut fĂŒr Angewandte KriminalitĂ€tsanalyse), unter deren Dach seit Jahren Stimmung gegen das aktuell in Deutschland gĂŒltige Prostituiertenschutzgesetz und fĂŒr die EinfĂŒhrung der Kriminalisierung der Nachfrage nach schwedischem Vorbild erzeugt wird. Pseudowissenschaftlich, denn der Begriff „Institut“ ist in Deutschland nicht geschĂŒtzt und somit kein QualitĂ€tssiegel. Wir von FundiWatch könnten ein „Institut fĂŒr Angewandte Fundianalyse“ grĂŒnden. Der Begriff Institut an sich trifft keine Aussage, ĂŒber das, was sich dahinter verbirgt.

Das DIAKA beauftragte die bereits erwĂ€hnte Professorin Mack und Ullrich Rommelfanger mit dem Buch „Sexkauf“, an dem auch Drobnik mitschrieb – sonst finden sich auf der DIAKA-Homepage eher skandalisierende und empörte Blogartikel.  

Doch Drobniks Name ist noch mit einem anderen Vorfall verbunden: Er verfasste als Habilitationsschrift einen Text ĂŒber die Kriminalisierung der Nachfrage unter dem Titel „Nordisches Modell und Menschenhandel“ (Edit: 18.07.2026: mehr zur Kritik an der „Studie“ hier), die er im Juni 2025 auf einem Termin, der wie eine offizielle Pressekonferenz inszeniert war, feierlich-zeremoniell der zustĂ€ndigen Ministerin Karin Prien ĂŒberreichte. Dies geschah -zufĂ€llig?- an dem Tag, als die von der Ampelregierung beauftragte wissenschaftliche Evaluation des Prostituiertenschutzgesetz veröffentlicht wurde. Ministerin Prien nahm im Grunde also eine alternative Arbeit, statt des immerhin durch die VorgĂ€ngerregierung beauftragten Evaluationsbericht des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) entgegen. Jeder Person steht frei, sich ihren Teil zu diesem Verhalten des BMBFSFJ denken.

Drobniks akademische TĂ€tigkeit an sowohl juristischen als auch theologischen FakultĂ€ten macht ihn zu einem perfekten Scharnier innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung. Dort sammeln sich, bildlich gesprochen: am Lagerfeuer der AnstĂ€ndigen, konservative, ultra-religiöse und frauen – RECHTS – bewegte Strömungen.

Auch die extreme Rechte beansprucht zunehmend, in dieser Debatte mitzusprechen. Vor Kurzem luden eine AfD- und eine FPÖ-Abgeordnete zu dem Event „KĂ€ufliche Liebe ins Rechte Licht (sic) gerĂŒckt“ ins EuropĂ€ische Parlament. Der lagerĂŒbergreifende Tenor lautet: Strengere Gesetze zu Sexarbeit, Selbstbestimmung und Leihmutterschaft mĂŒssen her. Ihre Strategie: Moralpaniken angesichts einer, ihrem Empfinden nach, verheerenden Ist-Situation zu schĂŒren.

In solchen Moralpaniken erfolgen stigmatisierende und diskriminierende Zuschreibungen, oft adressiert an ohnehin marginalisierte Menschen: Gender-Wahn als Bedrohung fĂŒr die weiße, bĂŒrgerliche christliche Frau, die Beschwörung eines gefĂ€hrlichen „Stadtbilds“, der Fingerzeig auf Migrant*innen und nicht-weiße TĂ€terkreise. Emotionale, hochpersönliche Reizthemen, wie Leihmutterschaft, Sexarbeit und Pornografie eignen sich dabei besonders, um sich als moralisch erhaben, rechtschaffen und selbstverharmlosend zu inszenieren.

Ein weiterer Stargast des diesjĂ€hrigen Freiheit-Kongress ist Huschke Mau. Ihr Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events. Sie ist sowas wie eine SĂ€ulenheilige der Gruppe von Überlebenden des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung. Mau teilt gern und happig gegen Sexarbeitende aus.

Nicht ihre persönliche Meinung zur Prostitutionspolitik ist das Problem, sondern ihr Anspruch, sie allein und ihre Gefolgsleute kannten die einzige „Wahrheit“, die sie aus ihren eigenen Erlebnissen verbindlich fĂŒr alle anderen ableitet. Wie viele in dieser „prostitutionskritischen“ Strömung teilt sie auch „genderkritische“ Einstellungen. Weil sich anekdotische Evidenz so schwer belegen lĂ€sst, sind in Maus Buch „Entmenschlicht“ auch keine kontextualisierenden Fußnoten enthalten, und das – trotz oder wegen? – ihrer teils steilen Thesen.

Feminist*innen unter sich?

Mau’s Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events – teils auch direkt neben Gaby Wentland, der Vorsitzenden von Mission Freedom, fĂŒr die HomosexualitĂ€t fĂŒr Gott ein „Greuel“ ist und Abtreibung eine „Blutschuld“.

Mau wird auf dem Schönblick im GesprĂ€ch mit Personen von Samaritans Purse beobachtet. Samaritans Purse ist in Deutschland besser als die „barmherzigen Samariter“ oder durch ihre (oft kritisierte) Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ bekannt. Hinter ihrer sorgfĂ€ltig kuratierten Fassade aus NĂ€chstenliebe verbirgt sich eine (weitere) umstrittene Freikirche.

Samaritans Purse wird vom umstrittenen Franklin Graham geleitet, der in der Kritik fĂŒr islam- und queerfeindliche Äußerungen steht. Graham brachte erst kĂŒrzlich erneut seine unbedingte UnterstĂŒtzung fĂŒr Trump zum Ausdruck. Das geschah, als dieser es sich gerade mit Teilen der Maga-Bewegung durch das KI-Bildchen, das ihn als heilenden Jesus-Arzt zeigte, verscherzt hatte.

Mau wird von Beobachtenden auf dem Kongress im GesprĂ€ch mit Markus Habicht, und einer weiteren Person im T-Shirt der Samariter-Kampagne „MĂ€nner gegen Menschenhandel“ gesehen. Ganz klar, hier unterhalten sich Feminist*innen unter sich…

Samaritans Purse und deren Projekt Alabaster Jar kooperieren eng mit der Anlaufstelle Neustart e.V. aus Berlin (ebenfalls Mitgliedsorganisationen von Gemeinsam gegen Menschenhandel).

Mau ist GrĂŒnderin des Netzwerks Ella. Sie und andere aus dieser Gruppe trifft man seit ĂŒber zehn Jahren immer dort, wo sich Stimmung gegen Sexarbeit machen lĂ€sst. Nun, so hört man, hat Mau ein neues Buch geplant, die nĂ€chste sexarbeitsfeindliche Welle muss schließlich geritten werden.

Menschenhandel = „Prostitution“

Die absolute Gleichsetzung von brutaler Gewalt und konsensueller IntimitĂ€t zwischen erwachsenen Menschen gegen VergĂŒtung ist das Muster. Und das durchzieht Titel, SelbstverstĂ€ndnis sowie Merch auf dem Freiheit-Kongress.

Und das nicht nur auf dem Schönblick, nicht nur an diesen vier Tagen: Überall allem prangt das Wort Menschenhandel. Doch die Aktionen und Events dieser Vereine und Organisationen richten sich in erster Linie gegen Sexarbeitende und marginalisierte Menschen. Die Akteure des Freiheit-Kongress protestieren in der Regel nicht auf Demos gegen Migrationsunrecht, gegen Abschiebungen oder den Rechtsruck. Sie treffen sich lieber in einem evangelikalen Tagungshaus bei Gebet und geistlicher Musik. Eine Beobachterin des Events sagt dazu:

„WĂ€hrend des gesamten Kongresses wurde kein Wort ĂŒber Alternativen zur Sexarbeit verloren. Flucht wurde ebenso wenig thematisiert, wie wirtschaftlicher Zwang. All diejenigen, die es wagen eine andere Position einzunehmen, als das „Nordische Modell“ zu fordern, werden pauschal als Lobbyistinnen oder Profiteurinnen dargestellt. Gegenstimmen sind auf dem Kongress nicht zu hören, offensichtlich ist eine echte Debatte nicht erwĂŒnscht.“

Beobachterin, anonymisiert


Einbindung von Politik ins Fundi-Happening

Der Freiheit-Kongress ist trotz alledem kein Gottesdienst. Es geht hier nicht ausschließlich um Religion, sondern darum, politisch wirksam zu werden. Das wird besonders deutlich am ersten Tag des Events.

„Jay“ Drobnik ist vieles, aber ein spannender Redner ist er wohl nicht. Wer nach seiner Keynote nicht eingeschlafen ist, erlebt im Anschluss eine Podiumsdiskussion, die keine Zweifel offenlĂ€sst, dass hier kein harmloses Glaubens-Retreat stattfindet.

Huschke Mau moderiert eine Podiumsdiskussion, an der neben Keynotespeaker Drobnik auch Politiker*innen aus CDU, LINKEN, SPD und GrĂŒnen teilnehmen.

Wer nun sagt, „ach, das ist ja nur die Landespolitik“, hat die Rolle von Baden-WĂŒrttemberg innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung, aber auch mit Blick auf das rasche Vordringen erzkonservativer christlicher KrĂ€fte nicht verstanden.

Huschke Mau auf dem Schönblick sieht nicht aus, wie die Huschke Mau, die ich von Bildern von vergangenen Events mit ihr kenne. Dort war ihr Markenzeichen eine Bluse im Leomuster, sehr rote Lippen – ich habe mich schon oft ĂŒber ihre Anspielungen an jene Äußerlichkeiten, die Sexarbeitenden zugeschrieben werden, geĂ€rgert. Ist ihr Schönblick-Outfit – hochgeschlossen, in blickdichter Strumpfhose und BlĂŒmchenrock ein ZugestĂ€ndnis an den evangelikalen Vibe des Kongress?

Quelle: https://www.idea.de/artikel/politiker-und-mediziner-fordern-nordisches-modell-in-deutschland

Mau befragt die Politik-Runde zum „blinden Fleck“ ihrer jeweiligen Parteien.

Auch eine Vertreterin der LINKEN hat auf dem Podium Platz genommen. FĂŒhrt man sich vor Augen, an welchem Ort getagt wird und mit was fĂŒr christlich-fundamentalistischen Vereinen und Organisationen der Freiheit-Kongress aufwartet, entspricht das wohl eher nicht einem emanzipatorischen SelbstverstĂ€ndnis.

Uta Beyer ist eine der Sprecherinnen der BAG Lisa, die schon öfter eine problematische NĂ€he zum Kreis um Katharina Sass und Liane Bissinger bewiesen hat. Diese lose Gruppe „borgt“ sich das Logo der Partei und nennt sich „Linke fĂŒr eine Welt ohne Prostitution“. Ansonsten ist Uta Beyer eher ein unbeschriebenes politisches Blatt.

Christian „christ.gehring“ Gehring ist schon eine wirkmĂ€chtigere Figur (sorry, Uta): Er war in der letzten Legislatur kirchenpolitischer Sprecher der CDU in Baden-WĂŒrttemberg. Als Kriminalkomissar a.D. ist sein Profil gefragt in der Anti-Sexarbeits-Bewegung, die gern mit einer starken Betonung der Ordnungspolitik und der Exekutive aufwartet (so auch beim bereits erwĂ€hnten Institut DIAKA). Strafrechtsfeminist*innen lieben scheinbar markige Cops, und lauschen dann andĂ€chtig deren Copaganda-Anekdoten, ohne kritische Nachfragen.

Gehrings CDU Baden-WĂŒrttemberg lud 2025 die Evangelische Allianz Stuttgart (Gemeinsam fĂŒr Stuttgart) in den Landtag ein. Bei dieser Gelegenheit entstand ein Bild, das sich auf dem Instagram-Auftritt des evangelikalen Vereins Kainos (ebenfalls Mitgliedsorganisation von Gemeinsam gegen Menschenhandel) finden lĂ€sst. Gehring hĂ€lt ein Exemplar des Buches seines schwedischen Kollegen Simon HĂ€ggström in die Kamera.

Gehring steht stellvertretend fĂŒr einen Kurs, der Politik und Gesellschaft stĂ€rker an sehr konservativen Glaubensvorstellungen ausrichten will. 2025 kandidierte er fĂŒr die Evangelische Landessynode und galt zunĂ€chst als nicht gewĂ€hlt. Angetreten war er fĂŒr die konservative Lebendige Gemeinde (ChristusBewegung). SpĂ€ter wurde das Ergebnis korrigiert und Gehring zog doch noch in die Synode ein. Mit verheerenden Folgen: Auf diese Weise zog die Lebendige Gemeinte mit der Stimmanzahl der Offenen Kirche gleich. Die Lebendige Gemeinde lehnt zum Beispiel die rechtliche und liturgische Gleichstellung von queeren Paaren ab.

An diesem Beispiel wird klar, dass es solchen KrĂ€ften nie „nur“ um Sexarbeit und Menschenhandel geht. Auf Treffen wie dem Freiheit-Kongress verbinden sich ultra-konservative Überzeugungen mit dem politischen KalkĂŒl, Einfluss in allen gesellschaftlichen SphĂ€ren zu gewinnen (wie beim Seven Mountains Mandat).

Auch die GRÜNE Ursula Mayr hat auf dem Podium Platz genommen. Sie ist OrtschaftsrĂ€tin von Hohenwettersbach bei Karlsruhe. Mayr ist Psychologische Psychotherapeutin mit Sitz in Karlsruhe-Durlach. Damit sitzen, zusammen mit der SPD-Frau Brigitte Schmidt-Hagenmeyer, zwei mit Trauma-Therapie befasste Personen auf diesem Podium. Auch das ist, mit Blick auf die Anti-Sexarbeits-Bewegung nicht ĂŒberraschend. Über die Vereinnahmung von Leid und Trauma sollten all jene nachdenken, denen die Themen Sexarbeit und Menschenhandel als sehr nischig oder identitĂ€tspolitisch erscheinen. Denn in der Viktimisierung und Pathologisierung Andersdenkender liegt eine autoritĂ€re Versuchung, die auch bei anderen Themen verfangen kann.

Wie die LINKE Uta Beyer, ist Ursula Mayr ein prĂ€gnantes Beispiel dafĂŒr, wie die Slogans der Anti-Sexarbeits-Bewegung in bestimmten Schichten besondere Resonanz auslösen. Politiker*innen wittern hier eine Gelegenheit, sich selbst als entschlossen und auf der richtigen Seite positioniert ins GesprĂ€ch zu bringen. Vielleicht ist das der Grund, aus dem sich Mayr und Beyer auf den Fundi-Kongress verirrt haben?

Dass Events wie diese aber keine BĂŒhne nur fĂŒr die zweite, dritte und vierte Reihe in der Politik sind, damit beschĂ€ftigt sich der dritte Teil dieser Reihe, der auf den Kongress 2024 zurĂŒckblickt. Mayr jedenfalls fiel bislang weder durch Wortmeldungen noch politische Initiativen zum Thema auf.

Quelle: Archiv RR

Das ist bei Brigitte Schmidt-Hagenmeyer (BSH) anders. Auch sie ist, wie Drobnik, im Vorstand von DIAKA. Exemplarisch können wir an einer Figur, wie BSH typische Verflechtungen in unterschiedliche Themenfelder ablesen.

Jemand wie BSH erfĂŒllt oft mehr als eine Funktion in den Allianzen und versucht in unterschiedliche Netzwerke zu wirken. Die FĂ€den ihrer AktivitĂ€ten fĂŒhren in die SPD Baden-WĂŒrttemberg, in lokale Kampagnen wie den Appell „Karlsruhe gegen Sexkauf“, zum „Trauma & Prostitution“-Netzwerk um Dr. Ingeborg Kraus, in die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Trauma und Dissoziation (DGTD) aber auch zu Kommentierungen des Evaluationsberichts zum Prostituiertenschutzgesetz oder zu einer Handreichung, die Medienschaffende bei einer diskriminierungssensibleren Berichterstattung ĂŒber Sexarbeit unterstĂŒtzen will. Letztere war in den letzten Wochen bereits mehrfach durch den Kakao rechter Medien gezogen worden.

Vor Kurzem trat BSH bei einer Online-Veranstaltung der Linken fĂŒr eine Welt ohne Prostitution auf, zusammen mit Liane Bissinger (LINKE Oberland): Genussvoll wurden dort emotionalisierende Schilderungen körperlicher und psychischer Verletzungen von Opfern des Menschenhandels ausgebreitet, einhellig und ohne Gegenstimme.  

Die Botschaft: Prostitution ist Gewalt. Verbote, so finden diese Menschen, die sich in allen Parteien finden, sind ganz gewiss die Lösung fĂŒr soziale Ungerechtigkeit, Patriarchat und sexualisierte Gewalt. Darin ist man sich einig und entledigt sich somit seiner Verantwortung fĂŒr konkrete Antworten auf strukturelle Gewalt, Ausschluss und nachhaltige VerĂ€nderung. Noch ein bisschen Musik, Gebet und Geld – und die nĂ€chste sexarbeitsfeindliche Kampagne rollt durch’s Land.

Auf diesem Podium schließt sich ein Kreis. Events, wie der Freiheit-Kongress sind per se nicht (ergebnis-) offen. Deep, deep into the rabbithole kreisen die Gedanken in den Köpfen der Verantwortlichen in einer Dauerschleife.

Um gewĂŒnschte und geforderte UnterstĂŒtzung, Rechte und verbesserte Lebensbedingungen fĂŒr Sexarbeiter*innen in Anerkennung ihrer Selbstbestimmung geht es auf dem Freiheit-Kongress offensichtlich nicht.

Freiheit im Denken ist auf dem Freiheit-Kongress: unerwĂŒnscht.

In den kommenden Tagen fĂŒhren wir diese Reihe zum Freiheit-Kongress fort:

Teil 2: „Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewĂ€rmt sind und sich gut gegenseitig reinsteigern“

https://fundiwatch.org/kongress-der-unfreiheit-teil-2/


Teil 3: RĂŒckblick auf 2024 und weitere HintergrĂŒnde (in KĂŒrze!)


[1] Etwas kaschiert durch den Umweg ĂŒber die 100% Tochter „HimmelsstĂŒrmer gGmbH“ von Mission Freedom, die als Betreiber des Haus SeeNest in Erscheinung tritt.


[i] https://freiheit-kongress.de/ (abgerufen am 28.4.2026)

Im Kampf mit Babylon

Zum UN-Welttag der Sozialen Gerechtigkeit am 20. Februar 2026 erschien online ein digitaler Tagungsband zum DISS Kolloquium vom November 2025 unter dem Titel: „UmkĂ€mpfte Gerechtigkeit – emanzipatorische AufbrĂŒche und linke Utopien in der Krise“.

Der ganze Tagungsband ist auf den Seiten des Duisburger Institut fĂŒr Sprach- und Sozialforschung (DISS) hier frei abrufbar. Am 15.05.2026 erscheint der Band zudem im Unrast-Verlag und kann dort bereits vorbestellt werden.

Auch Zoe Luginsland und Ruby Rebelde von FundiWatch haben einen Beitrag beigesteuert und ordnen in diesem Kontext historische Ereignisse christlicher FĂŒrsorgearbeit (W.T. Steads ‚The Maiden Tribute to Modern Babylon“) und den aktuellen Fim „Blinder Fleck“ von Liz Wieskerstrauch ein:

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Im Kampf mit Babylon – Folgenreiche ErzĂ€hlmotive aus weißer Frauenbewegung und christlicher FĂŒrsorge

FĂŒr die Dominanz der politischen Rechten in der Gegenwart ist eine Offenheit fĂŒr scheinbar unwahrscheinliche Koalitionen von herausragender Bedeutung. Ein wichtiges Element dafĂŒr ist die Nutzung von Mythen als vereinigender Bezugspunkt.

W.T. Steads ’The Maiden Tribute to Modern Babylon’ aus dem Jahr 1885 und die begleitende ‘Purity Campaign’ sind ein frĂŒhes Beispiel, wie ein scheinbar unwahrscheinliches BĂŒndnis aus weißer Frauenbewegung und einer christlichen FĂŒrsorge- und Wohlfahrtslandschaft Wirkmacht erlangen konnte.

Ähnliche Kampagnen lassen sich bis heute beobachten und spielen eine bedeutende Rolle in der Etablierung einer Mosaik-Rechten. Der Film ‘Blinder Fleck’ bietet dafĂŒr ein anschauliches Beispiel aus der Gegenwart.

In beiden Dokumenten finden sich Motive wie Rettung, gefĂŒgige Errettete und ein Panorama aus SĂŒnde und LĂ€uterung.

Im Beitrag kommen Zoe Luginsland und Ruby Rebelde zu folgender Einordnung:

„Wie im Falle des ersten Beispiels begleitet der Film die Debatte um eine konkrete Gesetzesreform und fungiert selbst als Element einer grĂ¶ĂŸeren Kampagne.

FĂŒr diese schließen sich auch hier verschiedene Akteur*innen mit ungleichen Interessen zu einem BĂŒndnis zusammen, das seine Kraft aus Mythen speist. Daraus entsteht ein politisches Vorfeld der Rechten, indem sich Religion und Kulturkampf verschrĂ€nken und das auch auf sĂ€kulare Milieus anziehend wirken kann.

Um die diskursive Dominanz der Rechten zu ĂŒberwinden, wird es von entscheidender Bedeutung sein, Gegenstrategien zu entwickeln, die eine SolidaritĂ€t jenseits der Mythen ermöglicht.“

„Blinder Fleck” – Ritualmordlegende im Kino

Filmplakat (Barnsteiner Film; Blinder Fleck)

In einer am 24.04.2025 im Kino angelaufenen Doku von Liz Wieskerstrauch wird die Satanic Panic wiederbelebt. Antisemitismus und VerschwörungserzÀhlungen spielen dabei Hauptrollen.

Mitgliedsorganisationen aus dem christlich-evangelikalen Netzwerkverein „Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V.“ (GGMH) und aus dessem Umfeld haben die offenbar ausschließlich durch Fundraising finanzierte Doku laut Homepage von Liz Wieskerstrauch finanziell unterstĂŒtzt (mehr zu GGMH bzw. insbesondere dessen Mitgliedsorganisation „Mission Freedom e.V.“ in unserem Beitrag hier).

Nephthys Morgenstern von FundiWatch hat zu der Doku „Blinder Fleck“ einen Gastbeitrag bei belltower.news veröffentlicht.

Edit (07.06.2026): Der Film ist auch Gegenstand eines mittlerweile wieder abrufbaren ausfĂŒhrlichen Artikels in der Zeit (Paywall).

(Content Note: Rituelle Gewalt, sexueller Missbrauch)


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