Hope e.V. – Dämonen im Klassenzimmer

Hope e.V. –
Dämonen im Klassenzimmer?

(Titelbild: Foto von Kevin Escate auf Unsplash

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Hope e.V. – Dämonen im Klassenzimmer – FUNDIWATCH

Der Verein Hope e.V. sowie dessen erste Vorsitzende und Gründerin Katja Ryzak praktizieren einen Glauben an den Teufel, Dämonen und sexuell unreine Geister.  Hauptsächlich missioniert der Verein mit einem Heilsversprechen unter Sexarbeiter*innen. Doch das zweite Standbein des Vereins bilden vermeintliche Präventionsworkshops an Schulen, die vorgeblich über Loverboys und Pornografie aufklären. Aktuell wiegelt Hope e.V. Menschen durch verstörende Clips in den Sozialen Medien mittels Desinformation und Ragebait auf, freilich ohne Belege oder Quellen zu liefern. Hope e.V. richtet  seine Präventions-Workshops an Schulen bereits an Kinder ab der 4. Klasse.
Wir fordern insbesondere Behörden, Schulen und Eltern auf, sich mit dem hier vorliegenden Material zu beschäftigen. In unseren Augen arbeitet Hope e.V. unseriös und bringt seine Zielgruppe auf  vielerlei Hinsicht in Gefahren.

Alles begann mit der folgenden Botschaft von Jesus an Katja Ryzak: „Jesus sagte einfach random zu mir im Gebet, geh` ins Internet und informiere dich über Menschenhandel.“ So sagt sie es im Videopodcast „Furchtloses Zeugnis“ von Michael Neumann, um den es später noch einmal gehen wird. Ryzak glaubt im Auftrag Gottes zu handeln. Der von ihr gegründete Verein Hope e.V. ist ein christliches Missions-Projekt, fest verankert in einer baden-württembergischen Freikirche.

Wer ist Hope e.V.?

Gegründet wurde Hope e.V. mit heutigem Sitz in Bretzfeld (Baden-Württemberg) nach eigenen Angaben 2013 und agiert seit 2017 als eingetragener Verein, bestehend heute aus zwei Vorständen und 19 Mitgliedern. Der Verein betreibt u.a. Streetwork im „Rotlichtmilieu“ und begleitet beim „Ausstieg aus der Prostitution“. Zudem ist Hope e.V. Mitglied im hier schon mehrfach erwähnten Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. (ggmh) und dem European Freedom Network. Als (offenbar besonders eng) kooperierende Organisationen werden auf der Homepage neben ggmh die Vereine Mission Freedom, Perlentor, Freiheits-Stil und light-up Germany genannt – abgesehen von light-up alle ebenfalls Mitglied bei ggmh. Erst seit Neuestem wird Mission Freedom e.V. dort nicht mehr genannt. Einen Transparenzhinweis über den Ausschluss (?) von MF konnten wir bisher nicht finden. Das Netzwerk veranstaltet „Walks for freedom„, an dem sich auch Teamangehörige von Hope e.V. beteiligen, wie aus einer Socialmedia-Auswertung hervorgeht.

In den letzten Wochen erzielte Hope e.V. durch stark zugespitzte und aufwiegelnde Video-Clips große Reichweiten auf den Plattformen YouTube, TikTok und Instagram. Zeitgleich wurde bekannt, dass der SWR vor Kurzem mit Hope e.V. drehte. Also ist absehbar, dass Ryzak und Hope e.V. demnächst medial präsent sein werden. Leider befürchten wir, dass somit ein neuer Tiefpunkt unkritischer Berichterstattung über christlichen Fundamentalismus bevorsteht.

Bevor wichtige Informationen ungesagt bleiben, berichten wir also selbst über Hope e.V. und sein Netzwerk.
Wer ist also Katja Ryzak und der von ihr gegründete Verein Hope? Was hat der Verein mit dem Glauben an Wunder und Dämonen oder den „Geist des Todes“ zu tun? Und warum beurteilen wir das als tendenziell gruppenbezogen menschenfeindlich?

Eine Instagram-Kachel zeigt Anna Klein in einem Einkaufswagen, wahrscheindlich im Rahmen eines "Walk for Freedom"
Quelle: Instagram von Anne Klein, aktiv bei Hope e.V., https://www.instagram.com/anna_klein_93/

Als wir in die Recherche eingestiegen sind, war uns bei FundiWatch nicht klar, welches haarsträubende Geflecht aus Dämonenaustreibungen, „Mentoring“ und „Prävention für Schulkinder“ wir aufdecken würden. Mehrere Personen aus dem Verein Hope e.V. konnten wir in direkte Verbindung mit sog. Befreiungsdiensten und „Mentoring“ bringen. Darüber hinaus mussten wir feststellen, dass Hope e.V. ernüchternde Ansichten über Therapie und zivilgesellschaftliche Intervention gegen patriarchale und sexualisierte Gewalt verbreitet. Hope e.V.’s Inhalte strotzen nur so von Sexarbeitsfeindlichkeit, Transfeindlichkeit und immenser Einseitigkeit.

An dieser Stelle eine Triggerwarnung: Wenn Du selbst betroffen von sexualisierter Gewalt bist, überleg‘ Dir bitte gut, ob dieser Text gerade die richtige Lektüre für Dich ist. Ebenso weisen wir daraufhin, dass Hope‘s Schilderungen teilweise explizit und gewaltvoll sind und Deine Gefühle verletzen können. Falls Du spirituellen Missbrauch erlebt hast, pass‘ bitte besonders auf Dich auf.

Die eigene Biografie als Beleg für „normal“

Katja Ryzak betont, wie eng verbunden ihre persönliche Missbrauchsgeschichte mit Hope e.V. ist. Sie äußert das, oft wortgleich, in den allermeisten Formaten, die von ihr bekannt sind. Sie sei als Kind über Jahre betroffen von sexualisierter Gewalt im Umkreis der eigenen Familie, genauer gesagt im freundschaftlichen Umfeld der Eltern gewesen. Ryzak rutschte nach eigener Aussage als Jugendliche ins „Punk-Milieu“ ab. Ihr Zustand verschlechterte sich immer weiter, Therapien und ein Klinikaufenthalt folgten.

Ryzaks anschauliche Schilderungen enthalten Wertungen wie „ungesund“ oder „abrutschen“ – ein Grundrezept, das uns in christlich-fundamentalistischen Milieus immer wieder begegnet. Begriffe wie diese stehen für einen fest etablierten Wertekanon, dessen konkrete Inhalte aber in der Regel nicht transparent gemacht wird. Stilmittel wie diese sind ein Grund unter vielen, weswegen wir Hope e.V. als Missions-Projekt und nicht als sozialarbeiterisches oder pädagogisches Angebot beurteilen.

Während die professionelle Soziale Arbeit nur selten einzelne Beratungsfälle in der Öffentlichkeit diskutiert und Verallgemeinerungen und persönliche Wertungen aus berufsethischen Gründen eher vermeidet, macht Hope e.V. das exakte Gegenteil.

Religiös wiedererweckt

Anekdotische und biografische Episoden werden bei Ryzak zum Normalfall. Sie verknüpft sie darüber hinaus mit einem umfassenden Heilsversprechen. In Katja Ryzaks Biografie war das so: Während des Klinik-Aufenthalt erhält sie Besuch von Jugendlichen aus ihrer Gemeinde, der JES Kirche in der Nähe von Heilbronn in Baden-Württemberg. Dieser Besuch führt zur religiösen Wiedererweckung der jungen Erwachsenen. Infolgedessen kehrt Ryzak der „ungesunden“ Punk-Szene den Rücken und in den heimeligen Schoß der Gemeinde ihrer Kindheit zurück. Das mag Ryzak genau so erlebt haben, doch viele Menschen betrachten auch Subkulturen oder Communities als emotionales Zuhause und daran ist per se erst einmal nichts auszusetzen. Es verrät aber etwas über den Wertekanon von Hope e.V. und Ryzak, wie sie es erzählt.

Ryzak spricht nie absichtslos über sich oder ihre Biografie, sondern thematisiert stattdessen Hope e.V., und damit verbundene Werte und Anliegen. Darin zeigt sich ein typischer Dualismus aus falsch – richtig, gesund – krank, heil(ig) – dämonisch. Derartiger Dualismus kann auch ein Marker für Verschwörungserzählungen und religiösen Extremismus sein.

Katja Ryzak glaubt an das Konzept eines rettenden, sprechenden und eingreifenden Gottes. Und sie hält sich für ein Instrument dieses Gottes. Durchaus dubiose Praktiken, wie Dämonenbefreiung, geschlossene, nur aus ultra-religiösen Organisationen bestehende Netzwerke sowie moralische Überwältigung können daraus folgen. Daraus können leicht gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Ressentiments entstehen.

„Tief in die Scheiße“ als Bekehrung

Hope e.V. eignet sich hervorragend um eine wachsende Szene aus christlich-fundamentalistischen Missionar*innen zu illustrieren. Diese Szene nutzt mitunter Begriffe oder Praktiken der professionellen Sozialen Arbeit oder Pädagogik  als Vehikel für ihre Raumnahme in einer säkularen Gesellschaft. Sie präsentiert sich mittels (semi-)professioneller Öffentlichkeitsarbeit, abgestimmt auf Plattformlogiken.

Ultrakonservative Sexualmoral, Missionierung und Autoritarismus beherrschen die Einstellungen solcher Projekte, Vereine und Organisationen. Krasse Gewalt und Unrecht werden dort oft als (notwendige) Lernkurve einer Rettung inszeniert:

„Aber ich weiß, manche Frauen müssen noch mal so tief in die Scheiße, müssen noch mal leider so richtig Kacke erleben“ (bevor sie das Angebot von Hope e.V. annehmen, Anm. d. A.)“,

so Ryzak in einem Interview kürzlich.

Dieser Satz formuliert alternativlose Zwangsläufigkeit, präsentiert Ausstieg im christlich-fundamentalistischem Schutzhaus als einzige Lösung im Einklang mit Gott. Nur eine Frage der Zeit, bis alle das erkennen (/s).

Stimmen im Kopf

Gewalt und Missbrauch werden als Kulisse für das Erkennen von Jesus und Rechtgläubigkeit vorgestellt – und normalisiert. Sexarbeit, sowohl als aktives Angebot oder als passive Nutzung, ist Ryzaks Überzeugung zufolge eine Einflüsterung dämonischer Mächte oder des Teufels, also des „Feindes“. Sich frei dazu entscheiden – ausgeschlossen.

Die Implikationen solcher Konzepte machen nicht bei sexueller Zwangsarbeit, Menschenhandel oder freiwilliger Sexarbeit Halt. Im Grunde kann so jede (sexualisierte) Grenzüberschreitung als Versuchung des Teufels umgedeutet werden – Abhilfe schafft demnach dann der rechte Glauben.

Kein Wunder, dass Autor*innen mit christlich-fundamentalistischer Biografie, wie z.B. Nana Myrrhe, von einer tief verwurzelten rape culture in entsprechenden Gemeinden sprechen. Eine „aufreizend“ gekleidete Person, „unkeusches“ Verhalten, der Konsum von Pornos oder auch Selbstbefriedigung sind dämonische Versuchungen, kommen also vom „Geist des Todes“. Mündiger Umgang mit diesen Themen? Unmöglich!

Täterpersonen begehen demnach zwar den Übergriff, aber der Übergriff selbst kommt vom Teufel, und stellt eine Einflüsterung sexuell unreiner Mächte dar. Daraus entsteht eine Verantwortungsverschiebung von mündigen Menschen hin zu einem allmächtigen Gott im Widerstreit mit finsteren dämonischen Mächten.

Das ist auch der Grund, wieso wir so oft „geläuterte“ Täterpersonen in solchen Communities zu sehen bekommen. Geschichten der Umkehr sind eine logische Konsequenz aus dem Widerstreit gut gegen Böse. Strukturelle Themen dagegen werden vermieden.

An den Platz menschengemachter gesellschaftlicher Veränderung wie dem Abbau von Ungleichheit, Hierarchien, Gewalt und Ausbeutung tritt der Kampf zwischen Satan und Gott. Statt umfassende Veränderungen vorzunehmen, reicht es, persönlich „lebendig“ zu glauben und „Jesus zu kennen“. Kein Wunder, dass Projekte, wie Hope e.V., Mission Freedom e.V. oder auch ihr Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. keinerlei Interesse an echter struktureller gesellschaftlicher Veränderung haben, sondern sich auf „Rettung“ beschränken. Frauen aus der „Prostitution“ retten, Kinder vor Pornografie bewahren ist deren Alternative für den Abbau patriarchaler Gewalt durch Gleichstellung, Beteiligung und gleiche Rechte aller Menschen. Bevormundung und moralische Überwältigung ersetzt den informierten Umgang mit Medien und das Erlernen von konsensueller Intimität.

Eine Instagram-Kachel zeigt Katja Ryzak und einen gedeckten Frühstückstisch. Darunter steht: Frauen-FrühstückSa, 23. Nov. 2024 8:45 bis ca. 11 UHR THEMA: "Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares." mit Katja Ryzak
Quelle, Instagram: https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

„Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“

Welche weitreichende Folgen über die Themenkomplexe Sexarbeit und Menschenhandel hinaus solche Ansichten haben können, zeigt sich, wenn Ryzak, Nelli G.-W. oder deren Tochter Delia dieses Konzept auch auf Vergewaltigungen oder tiefe persönliche Krisen übertragen.

Nelli G.-W. und Delia W. sind mutmaßlich beide bei Hope e.V. aktiv. Nelli G.-W. spricht in einigen der jüngsten Kurz-Videos über Schulbesuche, und bezeichnet sich darin selbst „Lehrerin und Referentin für Präventionsarbeit“.

Nelli G.-W. wurde laut eigenen Schilderungen infolge einer Vergewaltigung schwanger. Tochter Delia litt in der Folge unter psychischen Problemen, wurde suizidal. Durch den „wahren Glauben“ besiegten beide die Dämonen und sind nun als Heilungs-Botschafterinnen im charismatischen Spektrum unterwegs. Auf ihrem Instagram-Kanal teilt Nelli G.-W. äußerst verstörende Videos, von vor laufender Kamera durchgeführten Exorzismen – eine junge Frau wird von ihr auf dem Boden festgehalten und schreit. Erneut: Nelli, also die ausführende Person, tritt für Hope e.V. „als Lehrerin und Referentin“ an Schulen auf.

Welche Risiken beinhaltet solche als Präventionsarbeit maskierte Missionsarbeit?

Nelli und Delia G. sind auch Ryzaks Gemeinde, der JES Kirche verbunden. Nelli trat dort erst kürzlich iauf einer „Kokon-Nights“ auf. Dabei handelt es sich um ein an Frauen gerichteten Event der Haupt-Pastorin Svenja Gerasch, die ebenfalls bei Hope e.V. aktiv ist. Auch der christliche Sender ERF hat Mutter und Tochter schon interviewt.

Die beiden offerieren das Mentoringprogramm „Metanoia“, Kostenpunkt 2000 € für 9 Monate- welches eine 2-stündige Gruppenvideokonferenz pro Woche umfasst. Jesus und der Heilige Geist spielen in diesem Mentoringprogramm für Heilung die zentrale Rolle. Auf der Homepage heißt es: „METANOIA ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Dieses Mentoring befähigt dich, in Eigenverantwortung zu wachsen und aus der Führung des Heiligen Geistes heraus deinen Weg zu gehen – ohne Abhängigkeit, sondern nachhaltig und selbstständig.“ Zusätzliche 1:1 Betreuung kann jederzeit hinzugebucht werden. Ein Impressum suchten wir auf der Homepage vergeblich. By the way, Delias Fotos auf der Metanoia-Homepage kamen uns bekannt vor, dazu später mehr.

Dämonen im Klassenzimmer?

Wenn Katja Ryzak immer wieder wiederholt: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“ – dann meint sie das wörtlich. Ist die sogenannte Präventionsarbeit von Hope e.V. also im Grunde Mission? Wenn dies zutrifft, dann wäre dies ein grundlegend anderes Verständnis von sexueller Bildung, Prävention und Medienkompetenz, als gemeinhin an Schulen vermittelt wird und werden sollte.

 

Instagram-Story-Highlight zu Hope e.V. an Schulen: Heute durfte unser Team zu 130 Schülern und 40 Lehrkräften sprechen. Die Themen: Über ein Foto aus einem Klassenzimmer steht geschrieben: "Aufklärung über die Loverboy-Methode und Pornografie.!
Quelle: Instagram Hope e.V., https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

Hope e.V. besucht nach eigenen Angaben regelmäßig Schulklassen ab der 4. Jahrgangsstufe. Wir gehen davon aus, dass das Hope-Team dabei nicht in den Religionsunterricht eingeladen wird, als Beispiel für pfingstlich-charismatische Mission. Stattdessen nimmt das Team für sich in Anspruch relevante Präventionsarbeit zu wichtigen Themen wie Sexualität, Loverboys und Pornografie durchzuführen.

Wir fragen uns und Euch, kann das zutreffen? Nochmal: Hope e.V. zufolge entsteht Heilung aufgrund von rechtem, lebendigem Glauben. Welche Konsequenzen hat diese Sichtweise  für nicht-christliche Schüler*innen? Ryzak sagt in einem Interview vor wenigen Wochen, Gott heile mehr, als Menschen es vermögen. Heißt das im Umkehrschluss, ohne Glauben keine „wahre“ Heilung?

Der Glauben an einen  Gott diametral entgegengesetzten „Geist des Todes“, Jezebel oder den „Feind“ überstrahlt in Ryzaks Ausführungen alle gängigen Methoden, wie z.B. Therapien, gesellschaftliche Veränderungen oder soziale Interventionen gegen Gewalt. Patriarchale Gewalt würde demnach nicht durch Gleichstellung überwunden, sondern durch Befreiung von dämonischen Geistern, Hexerei und Okkultismus. Nochmal die Frage: Was daran ist Prävention oder Aufklärung?

Der Kampf gegen Porno ist ein Kampf gegen „unreine sexuelle Geister“

Jezebel wirkt, Ryzaks Überzeugungen nach, als „unreiner sexueller Geist“ in Pornografie, Verführung, „Sexsucht“ und „perversen“ Sexpraktiken. Der Konsum von Pornografie „kläre Kinder auf“ und mache aus ihnen später im Leben Sexkäufer. Was für ein Verständnis von Aufklärung postuliert Ryzak da?

Das Bild zeigt einen Ausschnit aus einem Corrgenda-Artikel, bebildert mit einem Porträt von Ingeborg Kraus: "Kraus: „Pornografie ist gefilmte Prostitution“Eine weitere Frau, die sich mit dem Fall Lily Phillips und dem Phänomen OnlyFans auseinandersetzt, ist die Psycho- und Traumatherapeutin Ingeborg Kraus aus Karlsruhe. Viele ihrer Klienten sind Frauen, die aus der Prostitution ausgestiegen sind. Kraus teilt die Meinung von Roxie Roots: „OnlyFans ist die Ausübung von Pornografie über die sozialen Medien. Und Pornografie ist nichts anderes als gefilmte Prostitution. Alle drei Formen sind Teil der Sexindustrie, die Frauen sexuell ausgebeutet. Von Selbstbestimmung kann bei OnlyFans keine Rede sein“, stellt sie gegenüber Corrigenda fest. Die Plattform sei ein „perfides System“, in dem die Darstellerinnen unter enormem Druck stünden, da man dort nur Geld verdiene, wenn man viele Abonnenten habe. Diese müsse man ständig bedienen, sonst seien sie weg. „Das gilt für alle, auch für bekannte Darstellerinnen wie Lily Phillips“, sagt die promovierte Psychologin, die die Initiative „Trauma und Prostitution“ gegründet hat, welche sich für ein Sexkaufverbot in Deutschland einsetzt."
Quelle: Schreenshot, Corrigenda, https://www.corrigenda.online/trend/sexindustrie-onlyfans-ist-prostitution-punkt-aus

Hope e.V. kämpft nicht allein gegen Pornografie. Beispielsweise Ingeborg Kraus, umtriebige Aktivistin gegen das Selbstbestimmungsgesetz und Sexarbeit, begreift Pornografie als „gefilmte Prostitution“. Pornografie wird so als Übel begriffen und als unmittelbar mit Pornos verbunden dargestellt.

Ryzaks und Kraus‘ Auffassung der Wirkweise beider „Übel“ liegt also gar nicht weit auseinander. Ryzak steht für eine ultrareligiöse charismatisch-pfingstlerische Perspektive, Kraus für einen beträchtlichen Teil der Frauen-RECHTS-Bewegung. Für beide ist Pornografie „Zerbruch“ und das „Wirken des Feinds“. Nur wer der „Feind“ ist, darüber mögen die Ansichten auseinandergehen. Auf diese Weise erklärt sich, wieso Frauen-RECHTS-Bewegung und hochreligiöse christliche Fundis bei Themen wie Sexarbeit, Menschenhandel und Porno oft Hand in Hand zusammenarbeiten.

„Neulich im Bordell“ … es war einmal

Auf Facebook unterhielt Hope e.V. bereits erfolglos die Beitragsreihe „Neulich im Rotlichtmilieu“. Seit einigen Wochen flutet der Verein nun die Sozialen Medien und YouTube mit verstörenden Kurzfilmen. Diese Filmchen erhalten viele Likes und Aufrufe, auch von Leuten, die sich einiges auf  ihre „Wissenschaftlichkeit“ einbilden.

Hope e.V. gibt in diesen Clips vermeintliche Geschichten aus dem „Rotlichtmilieu“ zum Besten. Dort verleihen Ryzak und Team unverhohlen ihrem Ekel und Verachtung für Sexarbeit, Bordelle und Pornografie Ausdruck. Sie schwingen sich zum Sprachrohr angeblicher Betroffener auf, von denen aber in den Videos – abgesehen stummer (KI-animierter?) Einblendungen – nichts zu sehen ist. Plattformalgorithmen lieben und belohnen krasse Emotionen, Empörung und Wut. Und gerade deswegen müssen wir über Hope e.V. sprechen.

Plattformlogiken & Krise in Journalismus und Politik

Diese Clips erregen neben viel Zustimmung auch Widerspruch. Die Aneignung von Betroffenen, unseriöse Praktiken sowie der SeeNest-Skandal im Netzwerk von Hope e.V. werden diskutiert. Doch Hope e.V. macht sich leider die durch Fälle wie Epstein und Collien Fernandes aufgewühlte Stimmung zu Nutze, um Reichweite zu erzielen.

Sexarbeit und sexuelle Zwangsarbeit unterliegen komplexen sozialen, politischen und moralischen Bedingungen. Sowohl Journalismus als auch Politik sind angesichts der Komplexität dieser Themen oft überfordert. Je tiefer die gesellschaftliche Krise oder je höher die Komplexität, desto besser verfangen Hörensagen, gefühlte Wahrheiten und Skandalisierung, gerade bei leicht verhetzbaren Themen. Leider.

Das Publikum auf den genannten Plattformen konsumiert den Content von Hope e.V. bereitwillig, denn er erlöst es von Komplexität und Widersprüchlichkeit. Dieser Clickbait verfängt, weil viele denken mögen: Endlich redet mal jemand offen, wir haben es doch schon immer geahnt. Für all jene: Die Situation ist weitaus komplizierter als die Hope-Schreihälse sie darstellen.

Doch in einem Feld, in dem kriminalitätsbezogene Medienbeiträge und stürmische Meinungsbeiträge dominieren, sind solche Filmchen verheerend. Dies gilt umso mehr, weil Medienschaffende seit Jahren versäumen, die Hintergründe derer zu recherchieren, die von Skandalen, Moralpaniken und Empörungsspiralen profitieren. Wenn solche Personen und Organisationen dann als „Expert*innen“ in Formaten sitzen, schließt sich ein Kreis aus Desinformation, Vereinfachung und Clickbait.

Wenn es nur so einfach wäre: Alles Gewalt im „Rotlicht“, also „weg damit“. Und genau das fordern dann unseriöse und selbstgerechte Missionar*innen und andere Eiferer.

Noch eine letzte Frage: Wäre es vorstellbar, Mitarbeitende aus professionellen Beratungsstellen in solchen Clips zu sehen? Wohl kaum!

Hope e.V. und andere betrachten sich also als von Gott installierte Retter*innen. Sie weisen  andere Sichtweisen und Auffassungen, auch wenn diese wissenschaftlich gut belegt sind, weit von sich und sehen sich durch ihren Glauben legitimiert. Wer ihnen nicht zustimmt, den hat demzufolge der „Feind“ (Teufel/Patriarchat/das Böse) ergriffen.

Anna Klein als Kalendergirl von Hope e.V.: Eine in beige gekleidete Frau mit langem Rock spaziert durch ein Kornfeld.
Quelle: Instagram, Hope e.V. , https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

Schreiende Kalendergirls

Nun ein harter Cut. Eine Person mit langen dunklen Haaren und markanter Ponyfrisur sitzt auf einem Stuhl und schreit mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera:

Freiwillig. Keiner macht das freiwillig. Und wenn andere Frauen Dir das erzählen, dann glaub ihnen nicht. (…) Sie lügen.“

Screenshot von Anna Klein aus einem reichweitenstarken Video. Darunter die Einblendung:Prostituierte rastet aus und spricht Klartext.
Quelle: Youtube Hope e.V. , https://www.youtube.com/@hope-hoffnung/ Der Titel lässt ein Missverständnis entstehen: Anna Klein ist keine Sexarbeiter*in, soweit wir wissen.

Wer da so schreit? Das ist Anna Klein. Sie tritt  regelmäßig in den Videos von Hope e.V. auf. Die Machart der Video-Clips ist immer gleich. Daher liegt nahe, dass sie aus einer Hand nach einem festen Konzept zumindest semi-professionell produziert wurden. Wieviel KI drinsteckt, darüber können wir bisher nur spekulieren. Das gleiche gilt für die Verwendung von Spendengeldern für die Erstellung solcher Filmchen.

Die aufgewühlt Schreiende aus dem Clip, Anna Klein, leitet auch die Gruppe „Mädelsarbeit“ (Mädels = gleich Frauen ab 20 Jahren!) der JES Gemeinde und sucht ebenfalls im Rahmen der Präventionsworkshops Schulen auf. Ja, wirklich. Im Bunde mit einer Exorzistin und einer die denkt, dass Missbrauch nur die Vorstufe von was Brauchbarem sei.

Kornfelder, Blumenkränze und Geborgenheit

Das Bild zeigt drei Köpfe mit Blumenkränzen in langen, welligen Haaren von hinten.
Quelle: Instagram Hope e.V., https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

Zwischen der Machart dieser Clips und dem Marketing von JES Kirche, Ryzak und Hope e.V. liegen eigentlich Welten. Eigentlich dominiert das Image solcher Gemeinden wie der JES Kirche Kornfelder, Worshipbands, weiße Gewänder, Kerzenlicht, schwingende Röcke, im Wind wehende Haare. Mich persönlich erinnert manches Bild dort ja an die Ästhetik des rechtsextremen Frauenbundes Lukreta (s. Hyperlinks ), aber das nur als persönliche Randbemerkung. Die Fotos von Delia auf der Metanoia-Mentoringseite könnten sehr gut im Rahmen des Kornfeld-Fotoshooting für Hope e.V. entstanden sein.

Anna Klein tritt bei Facebook auch als Hope e.V. Kalendergirl (s.o.) in Erscheinung. Eine Person – zwei Gesichter.

Anna, Katja und Nelli erzählen aus dem „Wohnzimmer des Teufels“

Anna Klein, Katja Ryzak, Nelli G.-W. oder Carina Scheifele schildern in den Hope-Filmchen angebliche Begebenheiten aus der „aufsuchenden Arbeit“. In die Erzählungen hineinmontiert sind klischeehafte Filmsequenzen: Kamerafahrten über nasse, in bunte Lichter getauchte, nächtliche Straßenzüge, rot beleuchtete Innenräume mit sexualisierten Bildern junger cis-Frauen, die mutmaßlich Szenen aus Pornos oder Bordellen wiedergeben sollen. Solche Clips dienen dazu, eine moralische Panik zu schüren und die Zielgruppe aufzuwiegeln.

Die Argumente von Hope e.V. sind im Grunde schwach und äußerst subjektiv, daher setzen sie umso mehr auf Emotionen. Je finsterer die Geschichten aus dem Rotlicht, desto strahlender diejenigen, die sich auf der richtigen Seite wähnen.

Abgleiche mit Instagram-Profilen und ein Screening der Homepage der JES Kirche lieferten uns weitere Anhaltspunkte, wer alles bei Hope e.V. aktiv ist. Denn aus der Homepage von Hope e.V. geht das nicht hervor. Dort zeigt zwar ein Bild mehrere Menschen von hinten vor einem reifen Kornfeld (!), aber mehr auch nicht.

Die JES Kirche und die charismatisch-pfingstlerische Szene in Baden-Württemberg

Das Bild zeigt ein lizenzfreies Beispielbild. Eine betende Gruppe Menschen im Hintergrund. Im Vordergrund stehen einige Personen und haben die Hände auf die Schulter einer weiteren Person gelegt,
Illustrationsbild, Quelle: Adrianna Geo auf Unsplash

Die JES Kirche ist eine Freikirche im Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden e.V. Letzterer ist Mitglied in der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF). Bei FundiWatch beschäftigen uns Gemeinden des Mülheimer Verbands immer wieder, zum Beispiel bei den Recherchen zu „Gemeinsam für Hamburg“ und Kneipenchrist Daniel Schmidt.

Die JES Kirche erlebte seit den 1990ern neuen Aufschwung und unterhält mehrere Standorte im Umkreis von Heilbronn. Neben der Mitgliedschaft im Mülheimer Verband ist sie auch Teil des Arbeitskreis Christlicher Kirchen (ACK). „Die Gemeinden des Mülheimer Verbund“ beschreibt die JES Kirche auf der Homepage „basieren auf einer evangelikal-charismatischen Theologie“. Weiterhin steht dort:

„Wir glauben, dass Gemeinde durch ihre Liebe die Gesellschaft im Sinne des Evangeliums verändern kann.“

Ihre Vision hat die JES Kirche auch in einem Imagefilm (Kornfelder!) veröffentlicht. Auch Katja Ryzak hat darin einen kurzen Auftritt. Dort heißt es unter Anderem:

Man träume „von einer Kirche
… in der das Wirken des Heiligen Geistes im täglichen Leben erfahrbar ist

… in der Gottes Wort praktisch und alltagsrelevant gelehrt und als Maßstab gelebt wird
(…)
… die Gesellschaft prägt“

Träumen ist erlaubt und von der Religionsfreiheit gedeckt. Was flapsig klingt, ist mehr als ein Spruch, sondern ehrliche Grundlage unserer Arbeit. Wir suchen nicht nach Fundi-Nerds, oder machen uns über solche lustig, verfolgen keine Christ*innen.
FundiWatch interveniert dort,
– wo Menschen unfreiwillig missioniert werden,
– sich nicht frei und aus eigenem Willen entscheiden können, weil sie in Zwangslagen sind,
– wenn Menschen durch einen verbindlich gesetzten Wertekatalog moralisch überwältigt werden, statt in Kenntnis unterschiedlicher Ansichten frei entscheiden zu dürfen
– wo Soziale Arbeit zur Waffe ultrakonservativer Glaubenspraxis wird und
– Konversionen stattfinden, aufgrund vager oder konkreter, jedoch nicht einlösbarer Heilsversprechen.

(Frei-)Kirche in Gesellschaft

Die JES Kirche ist eine evangelikale Freikirche wie viele andere auch. Alpha-Kurse, geschlechtergetrennte Freizeitangebote, das Angebot zumindest vordergründig modern und pastellfarben präsentiert. Uns springt die Ausrichtung auf Minderjährige und das Netzwerk, zum Beispiel mit der International Christian Fellowship (ICF) ins Auge.

Vor Kurzem haben wir über die geplante Anerkennung der ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe berichtet. Karlsruhe ist kein Einzelfall, ICF ist auch in Reutlingen vertreten, also im Einzugsgebiet von Hope e.V.. In der JES Kirche existiert ein Angebot namens „Empower – Mit Freude und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung“. Dort wird das gleichnamige Buch von Pastor Tobias Teichen (ICF München) gelesen. Auch Teichen befasst sich mit Sexualerziehung und unterstellt, dass Pornografie beziehungsunfähig mache.

Hope e.V., als Teil der JES Kirche, schwärmt zur Mission im Rotlicht in Künzelsau, Reutlingen (auch dort gibt es eine ICF) und Heilbronn aus. Netzwerk, das zählt in freikirchlichen, evangelikalen Gemeinden. Zeit für einen Blick auf das Netzwerk von Hope e.V.

JES und Hope e.V.

Katja Ryzak hat in der JES Kirche ihre „geistige Heimat“. Sie und Anna Klein, sowie Nelli und Delia tauchen in unterschiedlichen Funktionen auf der Homepage und den anderen Präsenzen der JES Kirche auf.

In Hope e.V. fließen auch der größte Anteil der Spendeneinnahmen der JES-Kirche, stolze 22,4% (Jahresbericht 2025: Gesamtspendenaufkommen ca. 676.000 €). Davon lässt sich schon einiges an aufwühlenden Filmchen produzieren. Auf der JES-Homepage steht, dass Katja Ryzak Hope e.V. „aus der JES heraus“ gründete. Auch Svenja Gerasch, die Ehefrau des Hauptpastoren Daniel Gerasch taucht immer wieder auf Bildern des Vereins auf.

Fall Sarah: Von Solwodi zu Mission Freedom e.V.  und schließlich zu Hope e.V.

2022 erzählte eine „Sarah“ ihre Geschichte im Format Life Lion. In zwei Teilen erschien damals der Videopodcast mit „Sarah“ und kurz darauf ein „Faktencheck“ mit Katja Ryzak von Hope e.V. Aus diesem Format und einem Artikel auf idea geht hervor, dass SOLWODI Braunschweig „Sarah“ damals zunächst in ein Schutzhaus aufnahm, sie dann aber an Mission Freedom weitervermittelte. Nach mehreren misslungenen Umorientierungsversuchen landet Sarah schließlich bei Hope. Wer genau hinhört, lernt aus diesen beiden Berichten vieles über die Vorgehensweise von Fundis im Rotlichtmilieu. Kontakt halten, auch wenn die Person Abstand sucht, Weiterverweisung im eigenen Netzwerk, religiöse Heilsversprechen, Umdeutung von Erlebtem im Rahmen des charismatisch-pfingstlerischem Wertekatalog der Projekte.

Dieses System aus Weiterleitung erinnert an geschlossene Systeme, in denen die darin befindlichen Personen nicht mehr mit anderen Ansichten in Berührung kommen. Die genannten Vereine waren bis vor Kurzem bei Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. aktiv und bestreiten regelmäßig, dass freiwillige Sexarbeit mehr als eine Randerscheinung sei(n dürfe). Mission Freedom e.V. wird seit Neuestem nicht mehr unter den Mitgliedsorganisationen von ggmh gelistet. In jüngster Zeit tun sich diese Vereine durch Wissenschaftsfeindlichkeit hervor, indem sie den umfangreichen Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz in Zweifel ziehen. Dessen Ergebnisse zeigen ein anderes Bild, als diesen Organisationen gefällt.

Trigger me hardly: Schweiß & Gestank

In einem besonders stark geklickten Short auf YouTube spricht Ryzak über stinkende Sexkäufer, die schwitzen und eklige Sachen verlangen. Solcher Ragebait (emotionalisierende Tiraden) funktioniert nicht erst seit dem Fall Collien Fernandes und der Veröffentlichung der Epstein Files. Doch seitdem schwappt eine besonders hohe Welle der gerechtfertigten Wut über sexualisierte, patriarchale Gewalt durchs Land. Hope e.V. hat sich anscheinend dazu entschieden, sich diese Welle zunutze zu machen. Perfiderweise streben sie danach, die Wucht dieser Emotionen gegen Andersdenkende zu richten, die sich für mehr Rechte für Sexarbeiter*innen einsetzen. Ihnen könne man nicht glauben, Freiwilligkeit existiere nahezu nicht. Daher findet Ryzak krasse Worte des Ekels für Schweiß, Körpergerüche und Penetration. Das soll verstören und genau das ist auch das Prinzip der Wirkweise. Diese Clips sollen triggern.

Hope’s Netzwerk – gemeinsam gegen den „Feind“?

Flankiert werden die besagten Kurz-Videos von längeren Formaten. Wie eingangs schon kurz erwähnt, trat Katja Ryzak vor Kurzem zum Beispiel bei Markus Neumann („Furchtloses Zeugnis“ auf YouTube) auf. Mit glänzenden Augen lauscht dieser andächtig Ryzaks gewohnt auf Verstörung angelegten Schilderungen. Anderthalb Stunden tauschen die beiden sich über den „Feind“, den „Geist des Todes“ und über Befreiung aus. Auch von diesen längeren Video-Podcasts existieren kurze Zusammenschnitte, die ebenfalls derzeit die Plattformen fluten. Für ihre Ragebait-Offensive schreckt Hope e.V. auch vor Populismus, Desinformation und heftigen Anschuldigungen gegenüber Sexarbeitenden nicht zurück, wie wir gleich noch sehen werden.

Markus Neumann ist ein besonderer Fall. Sein Kanal “Furchtloses Zeugnis” kreist um Themen wie Okkultismus, Hexerei, Dämonen, den Teufel. Der Podcast mit Ryzak trägt den Titel “Im Wohnzimmer des Teufels”. In den Shownotes verlinkt er den “Miracle Club”, wo er auch schon selbst aufgetreten ist. Der Miracle Club ist kein Puff mit fragwürdigem Namen, sondern ein Ort für Exorzismen, mitten in Baden-Württemberg.

„Wir sind eine freie christliche Gemeinde in Stuttgart, Bad Cannstatt. Und wir glauben an Wunder.“
„Wir verstehen uns als Trainingscenter in dem jeder seine geistigen Gaben erkennen und trainieren darf.“
„Wir glauben an geistliche Kampfführung und an Heilung und Befreiung in Jesu Namen.”

Sätze wie diese, garniert mit reichlich Bibelversen, und KI-erzeugten Bildern rahmen, um welche Art von Wundern es in Stuttgart-Bad Cannstatt geht: die Abwehr von „Angriffen des Feindes“, zum Beispiel.

Ryzak spart im Talk mit Neumann nicht mit kruden Aussagen, die sehr viel über die „Arbeitsweise“ von Hope e.V. verraten. Und die Anlass sein sollten, zu reflektieren, ob Personen, die sowas äußern, tatsächlich Workshops für Kinder ab der 4. Klasse geben sollten? Ryzak bezeichnet das Rotlichtmilieu als „Wohnzimmer des Teufels“ (50:58) und begründet das mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie Hexerei und Okkultismus. Dazu käme dann der „Geist des Todes“ (51:27). „Geistig tot“ zu sein, wird dort immer wieder mit Sündhaftigkeit verknüpft, mit Einflüsterungen dämonischer Mächte. Ryzak bringt dies mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie mit Suizidalität in Verbindung. Kurz darauf spricht sie dann von Verführung und münzt das auf den Kontakt mit der Kundschaft. Ryzak erwähnt, dass sie selbst „Befreiungsdienste“ durchgeführt hat:

„Und wenn wir Frauen hatten, die dann Befreiung erleben wollten, das waren schon krasse Sitzungen und es hat oft auch lange gedauert und oft auch über mehrere Befreiungsgebete. Das hat Zeit gedauert, auch, dass die Frauen dafür bereit waren, das selber verstanden und gemerkt haben. Frauen, die z.B. aus einem satanischen Hintergrund kommen, ähm weil sie aus der Familie kommen, wo satanische Rituale waren oder auch rituellen Missbrauch, was du vorhin erzählt hast. Ähm die öffnen sich eher dafür für ein Befragungsgebet. (…)“ (52:46)

„als unprofessionell abgestempelt“

Neumann fragt nach: „Wie macht ihr das?“
Ryzak erzählt bereitwillig von ihrer Vorgehensweise: Nach dem Anhören von belastenden Situationen oder Herausforderungen sei ein guter Moment, um ein Gebet anzubieten. Sich nicht so einfach abwimmeln lassen, sondern sich den Klient*innen als „Gebetserhörung“ präsentieren. Sie helfe zwar auch Frauen ohne christlichen Hintergrund, aber bei den christlichen sei es „einfacher“, denn da werde ein „Heilungsprozess in Gang gesetzt, der menschlich nicht möglich ist“ (58:12). Soso. Ryzak weiß offenbar, das was sie sagt, ist heikel und schiebt nach:

„Ähm und mir ist vollkommen klar, ich weiß, dass viele Organisationen, die einfach nur einen christlichen Hintergrund haben, direkt als unprofessionell abgestempelt werden, was völliger Quatsch ist, weil ich stelle genauso Sozialarbeiter an wie alle anderen. Ja, ich habe genauso gelerntes, geschultes Personal. Ähm, wir arbeiten auch mit Polizei, Behörden und allem zusammen. Ähm, außer dass bei uns eben der Glaube unser Fundament ist.“

Fakt ist: Ryzak glaubt fest an böse Mächte, Geister und Dämonen und die gottgewollte und religiös erzielte „Befreiung“. Sie vergleicht sich in dem Podcast dann noch mit Keppler und Newton – aber lassen wir das… es ist auch so schon wild genug. Neumann insistiert: „Inwiefern erlebt ihr auch bei eurer Arbeit so die Führung z.B. des Heiligen Geistes?“ Und Ryzak antwortet:

Ja, ich kann nicht ohne, wir können nicht ohne, das kann ich nicht ausklammern. Ähm äh wir sind angewiesen auf den Heiligen Geist. Es ist Jesus ist der Grund, warum wir diese Arbeit machen. Er hat mich beauftragt zu den Frauen zu gehen und bis heute ist und bleibt er mein Chef und er ist derjenige, der uns Türen aufmacht und der Türen wieder schließt und uns auch zeigen muss, wann ist es Zeit, zu welcher Frau zu gehen.“ (59:43)

„Jesus ist mein Chef“

Sie malt das aus, spricht von Drang und Auftrag, wenn der Heilige Geist sie ruft. Ryzak berichtet von Wundern, z.B. wie Gott das Auto eines Zuhälters gestoppt habe. Dazu gibt es sogar ein eigenes Video. Sie erwähnt im gleichen Atemzug, dass Hope e.V. gerade mit dem SWR gedreht haben.

Egal ob Team Recherche, SWR oder sonstige Medienschaffende: Was ist los mit Euch? Ihr dreht mit diesen Menschen, die ihren teils fanatisch anmutenden Glauben überhaupt nicht verheimlichen, sich aber Euch als die wahren Experten präsentieren. Was ist das für ein Journalismus, in dem Esoteriker*innen, Fundis oder Personen aus radikalisierten Vereinen ohne Einorndung Fehl- und Desinformationen verbreiten dürfen? Sind Euch Sexarbeitende und Opfer sexueller Ausbeutung wirklich so egal oder kennt ihr den Unterschied zwischen professioneller Sozialer Arbeit und unseriösen Missionsangeboten nicht? Wollt ihr spirituellen Missbrauch, unseriöse Befreiungsdienste und – man kann es wohl nicht anders bezeichnen – „Freaks“, wie Neumann oder den Miracle Club Legitimation und Spenden verschaffen?

Schließen wir für einen Moment unsere Augen und überlassen uns der Vorstellung, Ryzak und ihr Team wären keine (radikalen) Christ*innen, sondern Muslim*innen. Was da los wäre… anderes Thema.

Fundamentalistische Raumnahme bedeutet mehr gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

S/W-Still aus einem depublizierten Video von Hope e.V., das eine Straße in Brasilien zeigen soll.
Quelle: Privatarchiv
Ein S/W-Still, aus einem depublizierten Hope e.V.-Video, das eine trans Frau zeigen soll, aber eine Drag Queen abbildet,
Quelle: Privatarchiv

Vor Kurzem gingen bei FundiWatch mehrere Hinweise auf Hope e.V. ein. Ein mittlerweile depubliziertes Video, das uns aber vorliegt, zeigt Ryzak, die in der bereits erwähnten Machart über eine mutmaßliche „Transgender-Umwandlungsfabrik“ in Brasilien spricht.

Ryzak erörtert im Video, ob es auch männliche „Prostituierte“ gäbe und malt den unserer Ansicht nach nicht belegten Fall der erzwungenen Transition eines brasilianischen Minderjährigen zum Zwecke des Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung aus, der danach angeblich in die „Prostitution“ verkauft worden wäre.

Das ganze Video hindurch spricht Ryzak konsequent von einem „Mann“. Zur Bebilderung von „Brasilien“ wird ein Schwarz-Weiß-Bild eingeblendet, das einen beliebigen Straßenzug irgendwo auf der Welt zeigt. Zur Illustration von „Transgender“ erfolgt die Einblendung einer Szene, in der eine mutmaßliche Drag-Queen sich schminkt. Eindrücklich malt Ryzak aus, wie sehr „der Mann“ unter den billigen Silikonimplantaten gelitten habe. Transition unter Zwang, ein „krass gebrochener Mann“, eine „Umwandlungsfabrik“, über die wir keinerlei Belege finden konnten: Sollte Hope e.V. für alle von ihnen geschilderten Fälle so wenig Belege haben, würde das -wieder einmal- ein Schlaglicht auf den Umgang dieser Bewegung mit Fakten und Wahrheit werfen.

Wir haben bei Verbänden und Einzelpersonen nachgefragt, die sich für die Rechte von trans Menschen einsetzen, um uns dort nach ähnlichen Erzählungen und nach den gängigen Verschwörungserzählungen rund um TIN-Personen zu erkundigen. Uns erreichte dieses Statement, das wir aus Datenschutzgründen anonymisiert haben:

„Im Clip wird auf jeden Fall deutlich, dass es Katja Ryzak wichtig ist zu betonen, dass es sich um „Männer“ handelt, „die wie Frauen aussehen“, was eine komplett schwammige Bezeichnung für trans Frauen ist. (…)

Das nächste ist dann das Beispiel der Industriesilikon-Injektionen, welches sie anführt. Das hat ja eine reale Bewandtnis. Solche Injektionen sind in ganz Lateinamerika dokumentiert und zwar besonders unter trans Frauen, oft wegen Ausschluss aus sicherer medizinischer Versorgung. Auch können sich trans Frauen den sicheren Zugang zu Kliniken nicht leisten, auch auf der Straße ist es so, dass du sicherer bist, sobald dein Erscheinungsbild einfach mehr cis passing ist. Zumal du auch besser zahlende Kunden bekommst. Statt das patriarchale System und die latente trans Misogynie und Sexarbeiter*innenfeindlichkeit anzuprangern schlägt Ryzak zwei Fliegen mit einer ideologischen Klappe, sie verschiebt die Schuld auf „Transgender“ als System.

Solche propagandistischen Schuldverschiebungen haben meist das Ziel Gewalt gegen diejenigen zu legitmieren, die vom System am meisten gebeutelt werden. Trans Frauen leben gerade in Brasilien in Gemeinschaften und unterstützen sich so. (…) Der Ausdruck „transgender Fabriken“ begünstigt Gewalt eben gegen diese Frauen, hat wieder einmal das Ziel, die Transition für junge Personen so schwer wie möglich zu machen.“

Der Clip fiel also auch anderen als ausgesprochen transfeindlich auf, da er zahlreiche Desinformationen, wie sie von der extremen Rechten und Teilen des rechten Christentums vertreten werden, bedient. Uns erreichten mehrere Bitten um Intervention und Einordnung.

Wir konfrontierten Hope e.V. mit Nachfragen zu den Schilderungen im Video. Die Reaktion: Das Video, das zuvor über 5.500 Likes erhielt und über 650 Mal geteilt wurde wurde kommentarlos gelöscht. Schließlich erhielten wir noch eine Mail von Katja Ryzak: Man bedauere, dass man unser „Vertrauen nicht gewinnen“ konnte. „Gegenseitiges Vertrauen“ sehe man „als wichtige Grundlage für eine konstruktive Kommunikation“. Vor diesem Hintergrund bitte man um Verständnis, „dass wir derzeit keine Veranlassung sehen, auf weitere Fragen dieser Art einzugehen“. Aha. Also lieber die abstrusesten Dinge glauben statt Aussagen zu belegen oder zu revidieren. Das wundert uns nach unserem Recherchestand nicht.

How it started and how it’s going

Ich (Ruby) verfolge Hope e.V. schon ein paar Jahre. An meine erste Irritation über Katja Ryzak erinnere ich mich gut. Auf einer Social Media Kachel las ich damals den bereits erwähnten Satz: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“.

Konsterniert speicherte ich diese haarsträubende Aussage in meiner Anti-Sexarbeits-Übersicht unter „Fundis“ ab. 2024 nahm ich Hope e.V. und Katja Ryzak in mein 2025 erschienenes Buch auf. Schon damals habe ich mir einen Mitschnitt eines Auftritts von Ryzak in einer freikirchlichen Gemeinde in Rosenheim angesehen, wo sie 45 Minuten über Pornografie und Prostitution schwadroniert. „Fanatisch“, so mein Eindruck, voller religiösem Eifer.

Von heute betrachtet, fehlt im Buch der Hinweis, dass Hope e.V. auch schon damals an Schulen „Workshops“ erteilte. Im Buch bette ich den Fall Ryzak und Hope in den Komplex PorNO ein. Richtig ist, die Mobilisation gegen Pornografie und Sexarbeit weist starke personelle und strukturelle Übereinstimmungen auf, wie die Beispiele Ingeborg Kraus oder Alice Schwarzer zeigen. Mich hat stets besonders der Diskurs über die Sexualität erwachsener Menschen interessiert. Aus dieser Perspektive behandele ich in „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ die Überschneidungen zwischen trans- und queerfeindlicher, sexarbeitsfeindlicher und armutsfeindlicher Gewalt, gehe aber nur am Rande auf Sexualerziehung oder Präventionsarbeit für minderjährige Zielgruppen ein. Das ist eine Leerstelle, die FundiWatch versucht zu füllen. Denn die Raumnahme christlich-fundamentalistischer Vereine, Projekte und Einrichtungen schloss und schließt Kinder und Jugendliche schon immer ein. Wie sich am Beispiel von Mission Freedom zeigt, fühlen sich Menschen wie Inga Gerckens oder Gaby Wentland sowohl vom „Rotlicht“ angezogen, als auch von der Aussicht Minderjährige unter ihre Fittiche zu nehmen. Frauen und Kinder, das zieht als Spendenaufruf und fördert die Selbstinszenierung als selbstlos Helfende in der Not. Wohin das führen kann, verdeutlicht der Fall „Haus SeeNest“ wohl eindrücklich.

Unmöglich über Gewalt zu sprechen

Als Person, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit und als erwachsene Person erlebt hat, möchte ich heute etwas dazu sagen. Ich spreche selten über diese Erlebnisse, obwohl ich durchaus etwas zum Thema zu sagen hätte. Aber in Deutschland tobt seit Jahren eine durch die Anti-Sexarbeitsbewegung angeheizte Debatte über Freiwilligkeit und Gewalt, die das verhindert.

In dieser Debatte schwingen Personen wie Ingeborg Kraus, Inge Bell, Alice Schwarzer, Gaby Wentland oder Katja Ryzak sich zur Stimme der Betroffenen auf. Sie stehlen dabei unsere Erlebnisse, Geschichten und unseren Schmerz und machen sich das alles zu eigen. Betroffene haben ihrer Sichtweise zu dienen, indem sie pauschalisieren, anderen Erfahrungen absprechen oder Umkehr symbolisieren. Sie liefern Storylines, Bilder und Identifikationsfiguren für die lauten Forderungen der Anti-Sexarbeits- und Anti-Porno-Szene. Nur ambivalent dürfen sie nicht sein.

In all diesem Geschrei ist kein Raum für abweichende Schilderungen von Gewalt, solche, die da nicht hineinpassen. Ich habe sexualisierte Gewalt in der Grundschule, im engen Umkreis, an der Uni, bei meiner Tätigkeit in der Reiseleitung erfahren. Mehrere Jahre Therapie, eine Selbsthilfegruppe und die Sexarbeit haben mir geholfen damit umzugehen.

Ich, anders als eine Katja Ryzak zum Beispiel, maße mir nicht an zu beurteilen, ob mein Fall die Regel ist. Ich habe gelernt, dass sexualisierte Gewalt so unterschiedlich ist, wie die Verhältnisse der Menschen, die sie erleben. Was mich gestärkt hat? Von anderen Sexarbeiter*innen oder aus der Kundschaft zu hören, die Ähnliches erlebt haben. Manches war vergleichbar, vieles ganz anders als meine Erfahrungen. Und doch, ich war nicht allein.

Unmündige Opfer sind mir keine begegnet, dafür einiges an esoterischen, ultra-religiösen Heilsversprechen. Mich verstörten Leute, die sich selbst mit Rettung und Heldentum gleichsetzen. Geholfen dagegen hat mir die Einsicht in strukturellen Sexismus und Trans-Misogynie, verbunden mit der Intervention dagegen.

Vor einigen Jahren habe ich einen zaghaften Versuch unternommen, über meine Gewalterfahrungen zu sprechen. Gleich waren Menschen aus der Anti-Sexarbeits-Bewegung zur Stelle: „Da schau, das ist der Grund, du spaltest ab, deswegen glaubst Du, DAS freiwillig zu machen.“ „Du bildest Dir die Freiwilligkeit nur ein“. „Du bist Opfer und krank.“ Sie versuchten meine Erfahrungen auszunutzen, um meine Argumente für mehr Rechte von Sexarbeiter*innen zu unterlaufen, nutzten meine Erlebnisse als Waffe gegen Gründe, die ihnen nicht gefielen. Was blieb ist die Einsicht: Wenn Du Dich nicht zum Token dieser Leute machen lässt, betrachten sie Dich als Feind und bekämpfen Dich mit allen Mitteln.

Auch deswegen ist es unerlässlich, dass wir über Hope e.V. sprechen, und zwar als christlich-fundamentalistisches Rettungsprojekt, das Betroffene von sexualisierter Gewalt und Minderjährige gefährdet. Um es mit Anna Klein zu sagen: „Glaub ihnen nicht.“

—-
Nachbemerkungen:
1. Wir haben übrigens eine KI gefragt, uns Bildmaterial zum „Geist des Todes“ zu erstellen. Das Ergebnis enthalten wir Euch nicht vor…, auch wenn wir uns anders entschieden haben. 😉
2. Wir bitten um Zusendung aller schlechten Timmy-Hope-Walwitze, die Euch einfallen.

„Ich werde Dich zu Tode lieben“

Christlicher Fundamentalismus in Hamburg: Vom Elbschlosskeller über Mission Freedom ins Gebetshaus Hamburg und zurück

„Ich werde Dich zu Tode lieben“– diesen Satz schleudert Daniel Schmidt jedem entgegen, der ihm aufs Maul hauen will. Diese und viele weitere Geschichten erzählt er in seinem jüngsten Buch „Löwengrube“. Schmidt ist Ausdruck des wieder erstarkenden Einfluss von christlich-fundamentalistischen Einflüssen auf Stadtteile wie St. Georg und St. Pauli. Dort wo die Kontraste zwischen der heilen Welt christlicher Rettungsversprechen und Armut, Ausbeutung und Ausgrenzung besonders groß sind, haben wir recherchiert.

Quelle Instagram danielkellerkind

Intro: Der „Kneipenchrist

Wer ist Daniel Schmidt? Hauptberuflich Selbstdarsteller, Wirt des „Elbschlosskellers“ und weiterer kieznaher Szenekneipen auf Hamburg-St. Pauli und einer, der überall auf St. Pauli seine Finger mit im Spiel hat. Seit einigen Jahren stellt er dafür seinen neu erweckten Glauben ins Schaufenster. Schmidt hat einige Bücher veröffentlicht und ist sicher das, was man gern Multiplikator nennt: Kieztouren, Kneipen, ein Verein und dazwischen immer wieder sein Glauben.

Diesen Glauben lebt er in ziemlich konservativen Kirchen und Gemeinden aus. Warum dieser Aspekt nie thematisiert wird, fragen wir uns. Denn hinter „Jesus“ hier, „Gott“ da, stecken eng miteinander verbundene Aktivitäten, Personen und Anliegen.

Schmidts große Reichweite in den (Sozialen) Medien, ein auf den ersten Blick selbstloses soziales Engagement und seine zunehmende Präsenz in öffentlich-rechtlichen Formaten machen aus ihm einen weiteren Christfluencer. Weniger pastell ist Schmidts Mikrokosmos sicherlich: Anders als bei Jana Hochhalter & Leonard Jäger – zwei wichtige Sprachrohre eines „bibeltreuen“, konservativen bis rechtschrichstlichen Christentums – begegnet uns hier eine Ästhetik aus Schmutz, Gestank und Scheitern. Für Medienschaffende ist das attraktiv. Solche Stories, wie die von Schmidt clicken: 2024 war Schmidt sogar Protagonist der NDR-Doku: „Im Auftrag Gottes auf der Reeperbahn“. Dass dieser Titel ganz ohne Fragezeichen daherkommt, wundert bisher anscheinend nur uns. Denn wie gesagt: kritische Einordnung ist bei diesem Thema Mangelware.

Fundis? – Wir doch nicht!

Schmidts Umkreis, Gemeinden, die er besucht, die Prediger*innen mit denen er verkehrt – sie begegnen uns in den Recherchen von FundiWatch immer wieder.

Das evangelikale rechts-konservative Medium Idea widmete Schmidt nicht ohne Grund 2025 ein Porträt. Die ZEIT-Beilage „Christ und Welt“ war damit zwei Jahre früher dran. Der Tenor 2025 ist – also nach Trump II, dem Project 2025 und Paula Whites exzessiven Gebeten im Oval Office – weiterhin der Gleiche: Schmidt wird medial als Lichtblick im Schmutz von St. Pauli inszeniert. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Fundis, das sind die Anderen – wird doch nicht!

Frohe und nächstenliebende Botschaften begegnen uns während der Recherche Seite an Seite mit rücksichtloser Vermarktung von Tod, Gewalt und Schicksal. Sei es das Jubiläum „400 Jahre Reeperbahn“ – die neueste Marketingkampagne für St. Pauli – oder der Totschlag an einem Mitarbeiter aus dem Elbschlosskeller. Schmidt zieht aus diesen Ereignissen Stoff für neue, von maskulinem Ego nur so strotzende Reels. In einem spendiert er, unterm „Jesus lebt“ Schriftzug am Gebäude der Heilsarmee in der Talstraße stehend, jemandem einen Haarschnitt. Der Beschenkte drückt sich im Hintergrund unsicher und etwas beschämt aus dem Fokus der Kamera. Schmidt dagegen voller Inbrunst und frei von Selbstzweifeln über dieses ich-bezogene Zurschaustellen seiner „Geschenke“. So ist die Rezeptur vieler solcher Filmchen. Das ist die „Daniel Schmidt Show“ in der die eigentlichen Protagonisten der Geschichte zur Kulisse verblassen.

In der bereits erwähnten NDR-Doku lässt sich Schmidt, umringt von Kameras, den Slogan „Jesus is King“ in den Nacken tätowieren. So leibt und lebt Schmidt: Religiöse Überzeugungen werden öffentlichkeitswirksam ausgeschlachtet. Seine Bücher ventilieren die immer gleichen Geschichten aus unterschiedlichen Blickwinkeln, seiner Popularität tut Wiederholung aber keinen Abbruch.

Die „Daniel Schmidt Show“

Schmidts Glaube: An sich Privatsache – oder? Doch die berechnende Inszenierung machte uns stutzig. Hyper-Moral, Drama und Selbstgerechtigkeit fließen in der Figur des „Löwengruben-Daniel“ zusammen. Der „Elbschlosskeller“ als Vorhof der Hölle, Daniel als Retter mittendrin. Exakt diese Vermengung von Selbsterzählung und gesellschaftlichen Anliegen zeichnet auch jene Prediger*innen und Missionar*innen aus, denen wir große Teile der Aufklärungsarbeit von FundiWatch widmen.

Spoiler: Schmidts Elbschlosskeller-Mikrokosmos und sein – nicht ganz selbstloses und nicht immer ganz glaubwürdiges – Engagement passen perfekt in das Setting Hamburg. Nicht nur auf St. Pauli und der Reeperbahn, aber dort besonders, nimmt die christlich-fundamentalistische Mission seit einiger Zeit wieder Fahrt auf.

Unsere bisherigen Recherchen zu Hamburg und Norddeutschland kreisten um Missionsdienste, wie Operation Mobilisation (OM) – deren Schiff „Logos Hope“ in wenigen Tagen im Hamburger Hafen anlanden wird (dazu bald mehr!) – Gottesdiensten im Strip Club und Pastorengattinnen auf „Prostituierten-Rettungstour“.

Quelle: Instagram kiezkirche_sanktpauli

Biotop St. Pauli

Nun „feiern“ wir einige Wiedersehen, zum Beispiel mit dem Ehepaar Häsler sowie dem “Kiezpastor“ Frank Hoffmann, und werfen einen Blick auf die auch Gemeinden innerhalb der Evangelischen Ortsallianz Hamburg.

Das Biotop rund um Reeperbahn und Partymeile – also dem, wie Madeleine Häsler es ausdrückt: „Tummelplatz der Dämonen“ – hat uns bereits vor einem Jahr intensiv beschäftigt. Nachzulesen sind unsere damaligen Ergebnisse in der Handreichung „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit“.

Nehmen Medienschaffende Bezug auf St. Pauli, fallen Attribute wie Rotlichtviertel, Ausgehkiez oder „Sündige Meile“. Für Menschen wie Schmidt, Häsler oder Hoffmann werden St. Pauli oder St. Georg, so beobachten wir es, zu einer Blaupause. Kiezpastoren und selbsternannte missionierende Heilsbringer finden in diesen verruchten Herzkammern der Versuchung den für sie idealen Einsatzort, andere verklären den Kiez zum Sehnsuchtsort. St. Pauli ist aber auch eine Marke und eine Business Opportunity. Und die geht einher mit einer Verkaufsstrategie, einer Erzählung, die immer weiter gesponnen werden muss. Eine Konstante dieser Erzählungen sind „Randständige“, Bedürftige und marginalisierte Communities. Sie werden zu einer Kulisse für die sich selbst überhöhende Selbstdarstellung der genannten Personen aus dem freikirchlichen, evangelikalen Spektrum bis in die Amtskirchen hinein.

Wie verwoben und verbunden die genannten Personen untereinander sind, war neu für uns. Wir sind darauf über das Buch von Daniel Schmidt gestoßen. Nebenbei haben wir beim Verfolgen der gemeinsamen Aktivitäten und Auftritte auch mehr Aufschluss darüber erhalten, wie lange sie bereits still und leise ankommen und immer mehr Raum einnehmen. Wieso lässt dieser erzkonservative Roll-Back die eigentlich lebendige und wachsame Hamburger Zivilgesellschaft so kalt? Worin unterscheidet sich Selbstverharmlosung der Fundis eigentlich von der extremen Rechten – oder sind beide füreinander anschlussfähig?

Feuer und Flamme für eine konservative religiöse Wende

Kurze Stippvisite in Bayern:

Anfang des Jahres 2026 berichteten zahlreiche Medien über das mehrtägige Glaubensevent „MEHR – Konferenz“ des Gebetshaus Augsburg. Die unter der Leitung des katholischen Theologen Johannes Hartls stehende „Konferenz“ rückte noch einmal besonders in den zivilgesellschaftlichen und medialen Fokus, weil sich dort zum Beispiel Ellen Kositza samt Familie blicken ließ. Kositza ist eine zentrale Figur der Neuen Rechten.

Die Berichterstattung rund um die „MEHR“ passte überwiegend in ein eingeübtes Schema. Populismus und Sehnsucht nach der Antimoderne werden dabei als Ausnahmen oder Ausrutscher innerhalb einer an sich harmlosen Spiritualität dargestellt. So verfahren Teile des Journalismus seit langem auch mit menschenfeindlichem Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft. Nicht nur im Journalismus, aber dort mit großer Reichweite werden zusätzlich sehr konservative bis reaktionäre Ansichten regelmäßig als legitime Äußerungen innerhalb eines demokratischen Meinungsspektrums definiert. Die Landeskirchen beteiligen sich daran, mal mehr – mal weniger, indem sie ultra-konservative Vertreter einladen und hofieren. Da geht es dann mal um „Ökumene“, mal um ein zunehmend verzweifelt klingendes „gemeinsam gegen den Faschismus“. Parallelen zum Versagen beim „politischen Stellen“ der extremen Rechten durch radikalisierte Konservative, wie es die CDU/CSU seit 15 Jahren gebetsmühlenartig proklamiert, sind – natürlich – rein zufällig?

Rechtes Christentum – bei „uns“ doch nicht!

Was meinen wir bei FundiWatch, wenn wir die Zusammenhänge zwischen sehr konservativen bis reaktionären Ansichten, menschenfeindlichem Gedankengut und die Verbindungen ins rechte Christentum oder den christlichen Fundamentalismus thematisieren?

Beispielsweise vielfaltsfeindliche Haltungen gegenüber sexueller Selbstbestimmung, emanzipierter Lebensführung sowie die ausgesprochen skeptische bis offen feindselige Einstellung gegenüber Muslim*innen. Aber auch Rollenbilder aus dem letzten Jahrhundert, Moralpaniken und als Rettung getarnte Bekehrungsabsichten unter vulnerablen Personengruppen. Wir erkennen darin Einfallstore für die Ausweitung von Einfluss der angesprochenen Kräfte. Gleichzeitig sehen wir, weite Teile der Gesellschaft verfügen über (zu) wenig Wissen und Informationen, um diese Strategien zu erkennen und dort, wo nötig zu intervenieren.

…und in Hamburg doch erst recht nicht!

Manchmal reicht schon der Hinweis auf die geografische Lage eines Orts, um sich zu entlasten, statt zu intervenieren. Ein Beispiel? Die Stadt Augsburg liegt bekanntlich in Bayern und ist der Standort von Johannes Hartls „Gebetshaus“. Allein die Lage der Stadt dient manchen Menschen bereits als Ausflucht, indem sie sagen: Christlicher Fundamentalismus ist kein gesamtdeutsches oder europäisches Problem. Das ist eben Bayern… oder mit Blick auf die sog. Lebensschutzbewegung: Annaberg-Buchholz… oder… Neumünster.

Zurück nach Hamburg: Gerade das norddeutsche – zumal das hanseatische – Selbstverständnis ist eines, das sich ziemlich säkular und weitgehend erhaben über christlichen Fundamentalismus empfindet. Fundis, die gibt es im Süden, in Baden-Württemberg oder in Bayern. Bei „uns“ doch nicht.

Aber stimmt das? In Hamburg gibt es seit mehr als einem Jahrzehnt auch ein Gebetshaus, ähnlich wie das von Hartl in Augsburg. Und zwar eines, das in vielerlei Hinsicht viel näher dran am Augsburger ist, als viele sich eingestehen möchten. Der Zweck des Gebetshauses klingt erstmal unbedenklich: 24h täglich – 7 Tage die Woche – 365 Tag Gebet.

Verfolgte Christen?

Wofür gebetet wird, ist dann schon interessanter: Verfolgte Christen zum Beispiel. Damit hätten wir ein weiteres Leitmotiv erwähnt, das FundiWatch immer und immer wieder begegnet: Kritik und Einwände gegen ein sehr selbstbewusstes Auftreten oder Vordringen solcher Gemeinden, werden mit Hass und Verfolgung gleichgesetzt.

Berichten wir kritisch über Olaf Latzels Auftritte in Bremen, wird uns per Leserbrief[i] Hass unterstellt. Thematisieren wir den Skandal um Kindeswohlgefährdung im SeeNest unter dem Podcastauftritt eines ehemaligen Salutisten und Vorstandmitglied der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) und langjährigem Vorstandsmitglied von Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), der nicht nur einmal oder zufällig das Anliegen von Gaby Wentlands Verein Mission Freedom in der Öffentlichkeit vertreten hat, wird uns geantwortet, dass es ja um was anderes („gemeinsam gegen den Faschismus“) ginge und wir nur unsere Arbeit „platzieren“ (aka unbezahlte Werbung) wollten.

Die Selbstvergessenheit solcher Abwehrbewegungen von Kritik ist enorm. Für solches harmonisches Beisammensein werden die (Selbstbestimmungs-)Rechte bestimmter Personen gern selbstgefällig beiseitegeschoben. Und wieder ist die Selbstverharmlosung gelungen.

Hartl und das Gebetshaus Hamburg

Johannes Hartl selbst ist als Person durchaus eng mit der Entstehungsgeschichte des Gebetshaus Hamburg verbunden. 2014 und 2015 lud Gemeinsam für Hamburg, also die Ortsallianz der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) in Hamburg, ihn als Hauptsprecher zu Gebetstagen und einer Jahreskonferenz ein. Über die Jahreskonferenz 2015 heißt es heute auf der Homepage des Gebetshaus Hamburg:

„Viele Leute wurden durch diese Konferenz geprägt. Sie trug maßgeblich dazu bei, dass schließlich die Entscheidung getroffen wurde, das Gebetshaus Hamburg zu gründen.“

Aber was wäre eine gute Fundi-Geschichte ohne ein bisschen Vision und Prophezeiung?

„Es begann mit einem Pastor, dessen Herz für die Stadt Hamburg brannte. Er war gut vernetzt (…) 2011 wurde ein prophetisches Bild an den Pastor herangetragen: In der Stadt brannten viele kleine Flammen. Von hoch oben sah es aus, als wäre die ganze Stadt erleuchtet und die vielen kleinen Flammen sahen zusammen aus wie ein großes Feuer. (…) Ein paar Wochen später kam eine Frau auf ihn zu. Sie erzählte ihm davon, dass sie mit einer kleinen Gruppe an Leuten schon mehrere Jahre wöchentlich für die Entstehung eines Gebetshauses in Hamburg betete. Nun hatte sie den Eindruck, dass die Zeit gekommen sei und das Gebetshaus in Existenz kommen sollte. Auch sie hatten von dem Eindruck mit den vielen kleinen Flammen, die von oben wie ein großes Feuer aussahen, gehört und bezogen ihn konkret auf das Thema Gebet in Hamburg. Mutig und entschlossen im Glauben, erstellte die Frau mit ihren Mitbetern ein Logo. Auch schrieben sie schon eine mögliche Vereinssatzung, um die Sache ins Rollen zu bringen. Bei ihrem Gespräch mit dem Pastor gab sie ihm all das vorbereitete Material mit den Worten, dass sie vom Heiligen Geist gehört habe, dass es an ihm sei, sich nun darum zu kümmern und die Verantwortung für die Gründung zu übernehmen.“

Quelle: https://web.archive.org/web/20160306203937/http://gebetshaus-hamburg.de/

Das oben abgebildete alte Logo des Gebetshaus Hamburg lässt sich durchaus als Verbildlichung dieses „prophetischen Bilds“ verstehen. Kürzlich wurde es dennoch durch ein neues ersetzt.

Bei Johannes Hartl hören die Anknüpfungspunkte zu christlich-fundamentalistischen Netzwerkkonstellationen aber nicht auf. Personen wie Hartl sind Bindeglieder, die uns immer wieder in unserer Recherche begegnen. Was in den Medien regelmäßig wie zufällig erscheint und kontextlos berichtet wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen nicht selten als Verflechtung. Und solche Geflechte sind keine Ausnahme, sondern die absolute Regel.

Auch Gaby Wentland vom umstrittenen Verein Mission Freedom e.V. tritt ab und an im Gebetshaus Hamburg auf. Zuletzt ist von ihr eine Predigt von vor rund einem Jahr auf Spotify abrufbar. Neben Gerede über ein vermeintlich „falsches Geschlecht“:

„…wenn dann irgend so ein Idiot, wollte ich gerade sagen, kommt und ihnen erklären will, dass sie im falschen Geschlecht sind, dass sie sagen: ‚nein, nein, nein, nein, mein Jesus hat gesagt: ich bin ein Junge und ich weiß, ich bin ein Junge‘. So stark sollen sie werden“

(ca. min 12:30, Satzzeichen für Lesbarkeit ergänzt)

 …geht es dort bald auch um Wentlands Herzensthema: Die Errettung von Menschen aus der „Prostitution“:

„Ich wollte in Hamburg im Rotlicht nicht nur den Mädchen von Jesus erzählen, was wir ja viele Jahre gemacht haben, wir waren jede Woche unterwegs, über viele Jahre in Sankt Georg (s. Exkurs Hansaplatz, Anm. FundiWatch) und haben den Mädchen von Jesus erzählt, haben für sie gebetet. Ich wollte den schweren Jungs, den Zuhältern, den Bandidos und den Hells Angels und wie sie alle so heißen, wollte ich von Jesus erzählen. Und dann hab ich gesagt: ‚Herr, kannst du mir helfen, wie kann ich das machen?‘“

(ca. min 14:30, s.o.)

Ja, wie? Was dann 2019 geschah, erzählen wir am Ende dieses Artikels – also dranbleiben!

Skandale perlen an Wentland ab – wie lange noch?

Die umstrittene Predigerin Gaby Wentland von Mission Freedom e.V., Predigerin in der Freien Christengemeinde Hamburg-Neugraben, gehörte schon früh zum Leiterteam von Gemeinsam für Hamburg.

Im November 2014 veranstalteten sie und Gemeinsam für Hamburg einen Kongress unter dem Titel „Aufstehen gegen Menschenhandel“ – und zwar an illustrem Ort, dem Hamburger Michel. Bis heute sind sie und ihre Organisation unter „Werken“ auf der Homepage von GfH gelistet.

Wentland stand nur wenige Monate vor dem Kongress im Mittelpunkt kritischer Berichterstattung rund um ihren Verein Mission Freedom. Vorwürfe der religiösen Indoktrinierung vulnerabler Personen, Lügengeschichten über vermeintliche Opfer von Kindesmissbrauch und queerphobe sowie erzkonservative Predigtinhalte wurden gegenüber Wentland und Mission Freedom erhoben, geprüft und beschäftigten neben dem Landeskriminalamt auch die Hamburger Bürgerschaft. Offiziell gibt es bis heute keinerlei Kooperation mit Mission Freedom, obwohl der Verein anstrebte, ins offizielle Hilfenetzwerk der Stadt aufgenommen zu werden.

Die Evangelische Allianz Hamburg jedenfalls haben die Vorwürfe und die Kritik gegen Wentland keineswegs von der Veranstaltung im Michel abgehalten.

Dass gerade Mission Freedom – wenn auch oberflächlich durch die Trägerschaft seiner 100% Tochter Himmelsstürmer Deutschland gGmbH getarnt – weniger als 10 Jahre später das Haus SeeNest als vollstationäre Einrichtung für von sexueller Gewalt und Missbrauch betroffene Kinder und Jugendliche in Immenstadt im bayerischen Allgäu eröffnen konnte, ist ein Skandal.

Im März dieses Jahres nahm das ortsansässige Jugendamt alle Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren aus der besagten Einrichtung wegen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung und einem unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen in Obhut.

Was die Kinder mutmaßlich im Haus SeeNest erlebten, illustriert eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Augsburg, die uns vorliegt und auf die mittlerweile mehrere Medien Bezug nehmen: Freiheitsberaubung, Chillipaste auf die Lippen, sexualisierende Kleidung, Arbeitsdienst in vollurinierter Kleidung sind nur einige, erschreckende Beispiele, die die Gerichtsentscheidung benennt. Auch wenn die Vorwürfe vom Träger teils pauschal bestritten wurden, lassen einem bereits die unstreitigen Geschehnisse fassungslos zurück. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Doch auch fällt auf: in den seltensten Fällen werden Mission Freedom oder Wentland in der Berichterstattung überhaupt namentlich genannt. Im weitesten Sinne aus dem Hamburger Raum, berichtete bisher lediglich einmal die taz über den Fall [Edit: 31.05,2026: Mittlerweile gibt es einen weiteren Artikel der taz hier]. Und das, obwohl 2013 über die Vorwürfe gegen Mission Freedom und Gaby Wentland sogar in bundesweiten Medien berichtet wurde.

Das Versagen gleich mehrerer Behörden und Organisationen, das mit der Erteilung der Betriebserlaubnis  beginnt, muss transparent aufgearbeitet werden. Die Räumlichkeiten des Haus SeeNest wurden von der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg an Mission Freedom vermietet, die sich dabei offenbar vor allem auch von der weiterhin bestehenden Mitgliedschaft von Mission Freedom bei der Diakonie Hamburg als vermeintliches „Seriositätsmerkmal“ beeindrucken ließ. Zu diesem Versagen gehört auch die mangelnde Problematisierung von christlich-fundamentalistischen Weltbildern in der Sozialen Arbeit, oder vielmehr von Mission, die als (vermeintlich) „Soziale Arbeit“ im Auftrag Gottes ausgeübt wird.

Wirt Daniel Schmidt erwähnt Gaby Wentland, in seinem Buch nicht. Nicht ausgeschlossen, dass sich das in Zukunft ändert, denn enge Weggefährt*innen von Wentland nennt Schmidt in „Löwengrube“ sehr wohl.

Alte Bekannte und neue Beter

Da wäre zum Beispiel der„Kiezpastor“ Frank Hoffmann. Dieser feiert immer wieder Gottesdienste in Suzis Show Bar, einer Tabledance Bar am Beatles Platz.

Auf Social Media Schnipseln identifizierten wir 2025 im Rahmen unserer bereits erwähnten Recherche zur Handreichung „Soziale Arbeit und Christlicher Fundamentalismus“ bereits einige zentrale Figuren der Anti-Sexarbeits-Bewegung, die zu Gospel-Abenden oder Gottesdiensten in Suzis Show Bar ein und aus gingen. Darunter die oben erwähnte Gaby Wentland oder Madeleine „Tummelplatz der Dämonen“ Häsler, die regelmäßig in streng religiösen Formaten wie ERF, Bibel-TV und Co. Auskunft über ihre Rotlicht-Rettungsaktionen erteilt. Madeleine Häsler und ihr Ehemann Gabriel erachten sich als von Gott nach Hamburg-St. Pauli berufen. Gabriel Häsler predigt regelmäßig deutschlandweit in unterschiedlichen Freikirchen, unter Anderem immer wieder bei ELIM Hamburg. Seine Predigten anzuhören ist mühsam und zeitintensiv, denn der Schweizer verfügt über die „Gabe der Länge“. In der Musical-ReiheLife on Stage“ verquirlen die Häslers regelmäßig individuelle Schicksale mit religiösen Botschaften und tingeln damit durch Deutschland. Wie bei Schmidt verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Popkultur und Evangelisation.

Gemeinsam die Stadt verändern?

Elim ist eine charismatische Gemeinde in Hamburg, mit dem üblichen freshen Auftritt, den wir schon oft thematisiert haben.

Der Hauptpastor von Elim Hamburg ist übrigens auch Leiter bei „Gemeinsam für Hamburg“ (GfH). Die Rede ist von Matthias C. Wolff. Er ist bei GfH auch verantwortlich für den dortigen „Arbeitskreis Politik“.

Wir berichten bei FundiWatch regelmäßig über die Strategie der erzkonservativen, christlich-fundamentalistischen Durchdringung aller gesellschaftlicher Sphären (wie beim 7 Mountain Mandate). Häufig geschieht dies auch mit Bezug auf den Bibelvers Jeremia 29, Vers 7 „Suchet der Stadt Bestes“. Auch über die Stadtreformer oder das City Changer Movement haben wir bei FundiWatch schon berichtet.

Anmerkung FundiWatch: An dieser Stelle haben wir den ursprünglichen Beitrag editiert. Wir haben nach unserer Erwähnung eines Co-Working-Space Kritik und Anmerkungen erhalten. Uns ist Kritik willkommen. Um darauf angemessen zu reagieren, haben wir die Stelle vorerst entfernt. Wir halten Euch auf dem Laufenden.

Üblicherweise sammeln sich, ganz im Einklang mit dem Transformationsauftrag vom 7 Mountain Mandate denn auch sehr unterschiedliche Akteure, verbunden mit dem Auftrag in ihre Bereiche hineinzuwirken – oder gar Gesellschaftsbereiche zu transformieren, um „christlichen Werten“ wieder zur Dominanz zu verhelfen. Entsprechende Transformationsabsichten werden oft nicht transparent kommuniziert, nicht selten sogar verunklart.

Gemeinsam für Hamburg selbst ist ebenfalls sehr heterogen. Neben Mission Freedom werden dort auch Faktor C (Christen in der Wirtschaft), die Arche, Elim, Kirche des Nazareners und viele weitere konservative und christlich-fundamentalistische Gemeinden erwähnt. Auf einer Unterseite erwähnt GfH explizit das Soziale Engagement der Netzwerkpartner*innen unter Verweis auf Verantwortungsbewusstsein und Hilfsbedürftigkeit. Das mag als Absichtserklärung zutreffen. Jedoch stellt soziales Engagement, wie wir bei FundiWatch regelmäßig aufzeigen, auch eine Möglichkeit dar, Einfluss auf bestimmte gesellschaftliche Themenfelder, wie beispielsweise sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung sowie Geschlechterrollen zu nehmen. Darüber hinaus dienen Soziale Werke, Diakonie und Nächstenliebe oft auch der selbstverharmlosenden Imagepflege bestimmter Akteure.

Hilfsangebote?

Für Opfer von Menschenhandel listet GfH – auch nach dem jüngsten Skandal um Haus SeeNest – weiterhin Mission Freedom sowie die Broken Hearts-Stiftung auf. Über die Stiftung Broken Hearts finden Interessierte auf Anhieb kaum etwas im Internet. Die Domain steht zum Verkauf, die Wayback Machine findet die letzte Aktualisierung im September 2021. Hinter der Broken Hearts Stiftung steht Cinderella von Dungern aus der norddeutschen Adelsfamilie von Dungern. Cinderella heiratete 2012 Jörgen Hemme, den vielleicht manche von der Hemme Molkerei kennen, und nahm auch dessen Nachnamen an. Erste Anzeichen deuten auf Verflechtungen mit der Herzschlag Stiftung. Genug Stoff für weitere Recherchen also. Nur ein explizites Hilfsangebot können wir hinter Broken Hearts nicht finden.

Elim: Sexualisierung oder „Göttlicher Sex“?!

Zurück zur Elim Hamburg. Sie feiern dort dieses Jahr 100-jähriges Bestehen.

Ganz entgegen der modernen Aufmachung der Homepage lassen sich auf dem Youtube-Kanal von Elim Hamburg explizit konservative Predigten über Sexualmoral und „Sexualisierung“ finden, z. B. vom bereits genannten Matthias C. Wolff („Pastor Matthias“), aber auch über „Göttlichen Sex“ von Tim Sukowski.

Ein anderes Beispiel ist Pastor Andy Nothnagel, heute bei der Christus – Gemeinde Bremen. Er saß 2022 im ZDF-Youtube-Format unbubble zusammen mit Robin Solf und berichtete über sein Verständnis von Ehebruch und Homosexualität. Rechtfertigend sagt Nothnagel dann Sätze, wie „ich als Christ“ oder „Wir als Christen“ – die deutlich belegen, wie Glauben und Überzeugung als Rechtfertigung für homophobes Gedankengut herhalten muss.

Hoffmanns Kiez-Kirche

Quelle: Webauftrtt Kiez-Kirche

Beruflich war Frank Hoffmann in der Werbebranche, bevor er seine religiöse Berufung spürte. Bis 2022 war Hoffmann in der Freien evangelischen Gemeinde Mölln tätig. Zuvor absolvierte er ein Vikariat in der Anskar-Kirche Hamburg. 2022 zog es ihn nach Hamburg und nach St. Pauli zurück. Auch ihn porträtierte der NDR 2025 für das Hamburg Journal. Auch in diesem Beitrag fehlen wieder einmal sämtliche journalistischen Einordnungen oder kritische Rückfragen. Hoffmann wird als tolerant und weltoffen inszeniert, hat erkennbar keine Berührungsängste mit dem liederlichen Schmutz des „Rotlichtviertels“.

Hoffmann selbst versteht sich als von Wolfram Kopfermann geprägt. Die Älteren unter Euch erinnern sich vielleicht? Wolfram Kopfermann war bis 1988 Pfarrer an der Hamburger Hauptkirche St. Petri und gründete nach seinem Abgang aus der evangelischen Landeskirche die Anskar-Freikirche, eine weitere einflussreiche Freikirche in Hamburg, ebenfalls bei GfH.

Warum Arne Kopfermann kein Charismatiker mehr ist

Kopfermanns Sohn, Arne Kopfermann, setzte sich zuletzt kritisch mit dem charismatischen Christentum auseinander. Zentrale Aspekte seiner Kritik enthalten Schlagworte wie Autorität, geistige Kriegsführung, „Alpha-Männchen“ und Hierarchie. Das entspricht auch unserer Wahrnehmung und ist im Zuge eines in heftige Krisen und Kriege eingebetteten markanten gesellschaftlichen Rechtsrucks ziemlich besorgniserregend. Im Hamburg der 1980er führte Kopfermanns Gründung der Anskar-Kirche zu einer Jahre andauernden intensiven, konflikthaften Auseinandersetzung, die aber mittlerweile unter dem Schlagwort „Ökumene“ weitgehend ruht.

Hoffmann jedenfalls gründete das Projekt „Kiez-Kirche“, das angeblich zu einem „Christlichen Glaubenswerk“ in Wedel gehört, über das sich aber keine weiteren Details herausfinden lassen.

Auch das ist eher normal, wenn wir recherchieren. Vieles bleibt nebulös, oft scheint es, als ob Namen und Begebenheiten bewusst uneindeutig gehalten werden. Das war ja auch in der Entstehungsgeschichte des Gebetshaus Hamburg deutlich zu spüren, wo nur „von einem Pastor“ und „einer Frau“ die Rede ist. Vielleicht sind das Reminiszenzen an den Tonfall von Bibelgeschichten? Aber vielleicht ist auch einfach unerwünscht, dass allzu klar wird, wer mit wem und zu welchem Zweck kooperiert? Ob mystische Folklore oder Geheimniskrämerei … allzuoft wird nicht klar, wer eigentlich „dahinter“ steckt.

Im Podcast „Kiezmenschen“ der Hamburger Morgenpost erzählt Hoffmann allerdings ziemlich bereitwillig über seinen Werdegang. Lieben wir.

Hoffmann ist ein Kirchenhopper, er nimmt sich von allem etwas mit und bastelt daraus sein eigenes Image. Werber halt? Ob Trauung in der „Ritze“, Gottesdienst mit Tanzeinlage („alles bedeckt“) in Susis Showbar oder Gottes Wirken in „einem Kneipenwirt“. „Sogar die Transvestiten aus der Schmuckstraßen“ könnten zu Gott finden, sagt er da.
Lieben wir nicht, solche Sätze.

In einem Eintrag im Blog des Gebetshaus Hamburg vom 26.06.2025 erwähnt Hoffmann auch Daniel Schmidt:

„So tauchte ein Kneipenwirt in den öffentlichen Gottesdiensten des Projekts Kiezkirche auf. Im Nachhinein weiß ich, dass zu der Zeit schon einige Christen für ihn beteten. Hin und wieder begegnete ich ihm in der Folge des Gottesdienstbesuches scheinbar zufällig auf dem Kiez. Auch in diesen Begegnungen bildete sich Vertrauen. Ich bemerkte, dass der Heilige Geist an ihm arbeitete und er offen für Christus war. Gleichzeitig hatte ich den Gedanken, den Prozess zum konkreten Glauben an Christus nicht „pushen“ zu sollen. 

Den genauen Zeitraum habe ich nicht mehr parat, ich denke, es war ein Prozess von zwei bis drei Jahren. Schließlich schrieb er mir eine WhatsApp Message und wollte beten. Wir trafen uns und er war so weit, Jesus Christus als Herrn in sein Leben zu lassen und dabei auch Dinge an diesen sozusagen abzugeben.

Seitdem ist um diesen Mann herum weiteres geistliches Leben – auch mitten auf dem Kiez St. Pauli – gewachsen. Weitere Personen gewinnen Glauben, interessieren sich für den Glauben und werden in vorhandenem Glauben stärker. Mittlerweile ist in diesem Umfeld die christliche Gemeinde Barmbek Süd am Geschehen beteiligt.“

Auch Hoffmann hat Großes vor: Die Kiez-Kirche soll ein „Pionierprojekt“ sein, wer unterstützt wird gar zum „St. Pauli Glaubenspate“.

Ein letzter Exkurs: An den Hansaplatz

Wie sehr Mission Freedom, Gaby Wentland und auch die „operative Leitung“ von Mission Freedom, Inga Gerckens (zugleich Geschäftsführerin des erwähnten Haus SeeNest im Allgäu), überall in Hamburg seit Jahren mitmischen, zeigt auch der Blick zurück. Nicht nur die Reeperbahn, Herbertstraße und St. Pauli werden immer wieder zum Sehnsuchtsort christlich-fundamentalistisch motivierter Rettungs- und Missionsarbeit. Auch im Umfeld des Hamburger Hauptbahnhofs, genauer gesagt am Hansaplatz, sind solche Aktivitäten dokumentiert.

Seit 2009 „überschüttet“ die Freie Christus Gemeinde Barmbek Süd (FCGB Süd) Sexarbeiter*innen mitten im heutigen Kontaktverbotsgebiet – wo die Anbahnung und die Nachfrage von sexuellen Dienstleistungen untersagt ist – mit „der Liebe Jesu“ und zeigt ihnen so „einen Weg zu Gott“. Auf der Gemeinde-Homepage wird diese „Arbeit unter den Prostituierten in St. Georg“ vorgestellt. Der Text schließt mit dem Satz: „Dafür wollen wir verstärkt ein Netzwerk zu anderen Hilfsorganisationen aufbauen.“

Netz – werken!

Dieses Netz hält bis heute. Und wächst gerade wieder. Zufällig entdeckten wir Inga Gerckens – obgleich nicht namentlich erwähnt – auf Fotos des Instagram-Profils der FCGB Süd. Sucht man genauer, finden sich dort zwischen 2021 und heute immer wieder Bilder von ihr.[i] Wir graben also tiefer: Bingo. 2022 ist Gerckens ehrenamtlich im Leitungsteam der FCGB Süd engagiert. Übrigens: Das ist diese Gemeinde, die Daniel Schmidt in Hamburg aufsucht – in der bereits genannten ARD Doku unterhält er sich mit deren Pastor Philipp Quast.

Und es gibt ein weiteres Bindeglied, das sowohl in Schmidts Buch „Löwengrube“ als auch in der FCGB auftaucht und zusätzlich den Bogen zu Ehrenamtlichem Engagement schlägt: Annikka Möller bietet in den Gemeinden der Freien Christus Gemeinde Hamburg Kinderfreizeiten an. Gleichzeitig leitet sie das Büro von Schmidts Verein: Wer wenn nicht wir e.V.

Christus für alle Nationen & der Mähdrescher Gottes

Nun kommen wir zur bereits angekündigten letzten Begebenheit (zumindest für heute 😊) rund um Mission Freedom und Gemeinsam für Hamburg:

Gaby Wentlands Ehemann Winfried, Evangelist und Pastor, arbeitet neben seiner Tätigkeit in der Freien Gemeinde Neugraben auch heute noch für das Missionswerk „Christus für alle Nationen“ (CfaN). Der Dienst ist insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent mit Massenevangelisationen und (vermeintlichen) „Massenheilungen“ bekannt. Zu Zeiten des mittlerweile verstorbenen ehemaligen Leiters Reinhard Bonnke, der aufgrund seines Predigtstils auch „Mähdrescher Gottes“ genannt wurde, waren die Wentlands noch beide gemeinsam für CfaN tätig. Auch in Deutschland ist CfaN aktiv – mittlerweile auch mit diversen Ablegern, wie gerade erst beim „City of Lights“-Event mit Kinderfest in Berlin.

Oda Lambrecht und Christian Baars schildern in ihrem bereits 2009 erschienenen Buch „Mission Gottesreich“ einen Auftritt Bonnkes in der Freien Christengemeinde Bremen (heute: hoop Kirche) im Mai 2008. Dort betete Bonnke für Kranke:

„Tumore weicht in Jesu Namen! Krebs verschwinde in Jesu Namen! HIV-positiv werde HIV-negativ! In Jesu Namen! (…) Alle Infektionen, Neurosen, ich breche die Kette aller Depressionen, in Jesu Namen! Die Freude am Herrn wird deine Stärke sein und deine Medizin sein.“

Doch zurück zu den Wentlands: 2019 hat Winfried Wentland angeblich diesen Truck herumstehen, auf dem Grundstück in Neugraben (?). Gaby Wentland erzählt das so:

„‚Brauchst du den?‘ hab ich gesagt. ‚Den brauch ich sofort‘.‚OK‘, hat er gesagt. ‚Gut dann hast du ihn, kannst ihn haben.‘ Und dann hab ich gesagt:

‚Herr, ich brauch jetzt richtig gesalbte Männer. Eigentlich wünschte ich mir den Reinhard Bonnke. Das war 2019. Ich wünschte mir den Reinhard Bonnke, weil den kenn ich persönlich, ne, ich bin mit ihm viele viele Jahre zusammen im Dienst gewesen oder fast die meiste Zeit meines Lebens und dann ruft er mich doch glatt an.

Der Reinhard Bonke ruft mich an und sagt: ‚Gabi, der Herr hat noch einmal zu mir gesprochen, ich soll noch einmal nach Hamburg kommen.‘ Sag ich: ‚Reinhard, ja, das ist richtig, das ist vom Herrn.‘ Und in dem Moment fiel mir aber ein, dass er körperlich nicht mehr fit war. Also er war körperlich nicht mehr fit, geistlich war er beste, beste Sahne, also ging gar nicht besser und (…)“

Wentland fragt Bonnke:

„‘Reinhard, hast du jemanden, den du mitbringst aus Amerika?‘

‚Ja, ich bringe Todd White mit.‘

Und Todd White (gehört zu Lifestyle Christianity, Anm. FundiWatch), das ist so der gesalbteste Mann für die Straße, mehr geht nicht, der ist mehr im Gefängnis gewesen als jemals woanders, und der liebt Jesus von ganzem Herzen und jeder, der ihm begegnet, der muss Jesus annehmen, also wirklich (…)“

Und so geht es minutenlang weiter: Ambassadors for Christ als Gaby Wentlands Bodyguards, die Polizei befürchtet einen Krieg, Wentland stellt die Behörden ruhig, indem sie vorgibt, es ginge nur um Musik („Die haben gar nicht gemerkt, um was es ging.“) und so weiter… Und schließlich gewinnt sie noch einen weiteren „Stargast“ für ihr Event:

„Ein ganz krasser Typ aus Amerika“

„Dann bin ich in die Bordelle und dann habe ich zu den Jungs in den Bordellen gesagt: ‚Ey, ich bringe euch den besten Musiker der Welt und einen ganz krassen Typ aus Amerika. (…) Jake Hamilton, der ist bei Bethel (Bethel Church aus Redding, Anm. FundiWatch) angestellt. Jake hab ich erlebt in Nürnberg, da haben wir im Stadion eine große Konferenz gehabt, da waren 26.000 Menschen und der Jake kam auf die Bühne, und er hat es so gemacht, und Jesus war in der Halle.“

Wentlands Rock & Gospel stieg am 18.05.2019 mit Repräsentant*innen von Christ for all Nations, Lifestyle Christianity und Bethel Church. Im Abspann: Gemeinsam für Hamburg.

Frei nach dem Motto: „Wer, wenn nicht wir?“ wachsen und gedeihen fragwürdige Netzwerke mit noch fragwürdigeren Absichten. Hinschauen lohnt sich, meinen wir!


EDIT (31.05.2026): Redaktionelle Ausbesserungen und Ergänzung Links.


[1] Privatarchiv FundiWatch

[2] https://www.instagram.com/p/DRXjrx1DLzX/ (2025)
https://www.instagram.com/p/CfLLsOjIye4/ (2022)https://www.instagram.com/p/CQP960HLuRK/ (2021)

Kongress der Unfreiheit (Teil 1)

Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt.

Beten, Reinsteigern und Kampagne
In Gottes Namen

Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt.

In einer Beitragsreihe berichten wir über den Kongress christlich-fundamentalistisch und ultra-konservativ ausgerichteter Organisationen – bei dem bemerkenswerte Bündnisse geschmiedet werden.

Der Freiheit-Kongress in Schwäbisch-Gmünd

Bei dem Kongress handelt es sich um eine groß angelegte Netzwerkveranstaltung christlich-fundamentalistisch, ultra-konservativ und esoterisch-traumatologisch ausgerichteter Organisationen. Bemerkenswert ist, wie bei den Themen Sexarbeit, Pornografie, Rituelle Gewalt Bündnisse zwischen Kräften möglich werden, die bei anderen Themen rundheraus unmöglich sind.

Dieses Jahr nahmen rund 400 Menschen am Freiheit-Kongress teil. Unsere Beobachtenden vor Ort erlebten ein Wechselbad aus Gefühlen, Furor und … Entschlossenheit. Kritische Medienvertreter*innen vor Ort fehlten, dafür war der freikirchliche Sender ERF und das evangelikale Medium IDEA Partner*innen der Veranstaltung.

Zur Erinnerung: Der Tagungsort Schönblick machte bereits im Mai 2025 als Tagungsort des Anti-Abtreibungs-Kongress Leben.Würde unter der Schirmherrschaft von Jana Hochhalter (aka Jana Highholder) und Bischof Stefan Oster von sich reden. Regelmäßig finden dort Veranstaltungen aus dem charismatischen und evangelikalen Spektrum statt. Mehr dazu in Teil 2 dieser Reihe.

Unter dem Motto „Gemeinsam gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ tauschte sich vier Tage lang ein erstaunlich heterogenes Potpourri aus Prediger*innen, Beter*innen und „Expert*innen“ zu Themen wie „Prostitution“, Ritueller Gewalt und Pornografie aus. Aufwallende Emotionen gehören dazu, begleitet von geistlicher Musik, Predigten, Vorträgen und Paneldiskussionen.

Beachtlich: die teilweise hochaufgeladene Stimmung schreckt Politiker*innen nicht von der Teilnahme ab – wie bereits beim vorherigen Kongress 2024 (Teil 3 – folgt bald!) suchten einige auch 2026 wieder die Nähe hochreligiöser Netzwerke, die bei ihren Rettungsversuchen auch vor dubiosen und teilweise obskuren Methoden nicht zurückschrecken.

„Wer veranstaltet diesen Kongress?“[i]

Quelle: www.freiheit-kongress.de

Auf der orange (steht weltweit für Engagement gegen Gewalt an Frauen) gehaltenen Homepage wird informiert, dass der Freiheit-Kongress von einer „Veranstalter- und Kooperationsgemeinschaft“ ausgerichtet wird. 40 NGO’s seien daran beteiligt, davon werden prominent mit Logo gelistet:

  • Evangelische Allianz Deutschland (EAD)
  • Gemeinsam Gegen Menschenhandel (GGMH)
  • Aktion Hoffnungsland (AH), Träger des Hoffnungshaus in Stuttgart
  • return, einer selbsternannten Fachstelle zu „Mensch sein in digitalen Zeiten“
  • christliches Gästezentrum Schönblick
  • Mission Freedom (MF)

Besonders der letztgenannte Verein, Mission Freedom, machte am Freitag vor Beginn des Kongress – mal wieder – Schlagzeilen, als Medienberichte erschienen, denen zufolge sechs Kinder aus der vom Verein[1] betriebenen Einrichtung „Haus SeeNest“ in Schwaben durch das Jugendamt Oberallgäu in Obhut genommen worden waren. Gegen die pädagogische Leitung des SeeNest wurde eine „Tätigkeitsuntersagung erlassen“, wie die Allgäuer Zeitung bereits am 24.04.2026 und nun auch die Süddeutsche Zeitung berichten.

Doch auf dem Freiheit-Kongress spielt dieser Vorfall keine Rolle. Genau genommen spielt nichts eine Rolle, was die zunehmend fanatisch vorgetragene Einigkeit stören könnte. Soweit uns berichtet wurde, erwähnte niemand öffentlich die Inobhutnahme der Kinder. Vielleicht ist jenen, die sich auf der „richtigen Seite“ in einer höchst emotionalisierten Debatte wähnen, Transparenz und Widerspruch einfach fremd?

Sind sie vielleicht gewohnt, dass es sich am „Lagerfeuer der Anständigen“ warm und trocken sitzt und kritische Fragen anderen gestellt werden?

Quelle: „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ von Ruby Rebelde (2025)

Auf dem Freiheit-Kongress geht es nicht um ein vollständiges Bild der komplexen Themen Sexarbeit & Menschenhandel, auch nicht um differenzierte Analyse und schon gar nicht um durchdachte Lösungsvorschläge. Das Event steht für (schein-)heilige Selbstbespiegelung, emotionale Radikalisierung und scharfe Kritik an Andersdenkenden.

Tag 1 – Aufwärmen & Seriosität mimen

Vier Tage Gebet, Seminare, Reden und Musik liegen am Sonntag in Schwäbisch-Gmünd vor den Teilnehmenden.

Um 14:30 Uhr startet der Einlass. Nach überschwänglichen Grußworten – der Bürgermeister von Schwäbisch-Gmünd ist Schönblick-Fan, allem Anschein nach auch von den tollen (Anti-Abtreibungs-, Anti-Sexwork,- Anti-Vielfalts-) Events dort – startet der Kongress mit einem Vortrag von Dr. Jakob Drobnik.

Quelle: https://freiheit-kongress.de/programm

Dr. Drobnik (oder „Jay“, Instagram), tritt im geschniegelten Chic der neuen Rechten auf, Einstecktuch im Anzugjacket, Krawatte, akkurat frisiert.


Einschub: Wer sich wundert, wieso ich in diesem Artikel gleich zwei Mal über Kleidungsstile (von Huschke Mau und Jakob Drobnik) spreche: Mit einem bestimmten Auftreten und Aussehen verbinden sich auch Aspekte, wie Habitus, Milieu und Zielgruppe. Bei den entsprechenden Einordnungen in diesem Text geht es also nicht um Abwertung oder persönlichen Diss, sondern eher um die Frage der Anschlussfähigkeit und Akzeptanz für die spezielle Zielgruppe auf dem Schönblick. Einschub Ende


Der 40-jährige arbeitete unter der Professorin Elke Mack an deren Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaft und Sozialethik an der Uni Erfurt und seit einigen Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Posen. Er promovierte zu Fundamentaltheologie.

Drobnik ist auch im Vorstand vom pseudowissenschaftlichen Institut DIAKA (Deutsches Institut für Angewandte Kriminalitätsanalyse), unter deren Dach seit Jahren Stimmung gegen das aktuell in Deutschland gültige Prostituiertenschutzgesetz und für die Einführung der Kriminalisierung der Nachfrage nach schwedischem Vorbild erzeugt wird. Pseudowissenschaftlich, denn der Begriff „Institut“ ist in Deutschland nicht geschützt und somit kein Qualitätssiegel. Wir von FundiWatch könnten ein „Institut für Angewandte Fundianalyse“ gründen. Der Begriff Institut an sich trifft keine Aussage, über das, was sich dahinter verbirgt.

Das DIAKA beauftragte die bereits erwähnte Professorin Mack und Ullrich Rommelfanger mit dem Buch „Sexkauf“, an dem auch Drobnik mitschrieb – sonst finden sich auf der DIAKA-Homepage eher skandalisierende und empörte Blogartikel.

Doch Drobniks Name ist noch mit einem anderen Vorfall verbunden: Er verfasste als Habilitationsschrift einen Text über die Kriminalisierung der Nachfrage unter dem Titel „Nordisches Modell und Menschenhandel“ (Edit: 18.07.2026: mehr zur Kritik an der „Studie“ hier), die er im Juni 2025 auf einem Termin, der wie eine offizielle Pressekonferenz inszeniert war, feierlich-zeremoniell der zuständigen Ministerin Karin Prien überreichte. Dies geschah -zufällig?- an dem Tag, als die von der Ampelregierung beauftragte wissenschaftliche Evaluation des Prostituiertenschutzgesetz veröffentlicht wurde. Ministerin Prien nahm im Grunde also eine alternative Arbeit, statt des immerhin durch die Vorgängerregierung beauftragten Evaluationsbericht des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) entgegen. Jeder Person steht frei, sich ihren Teil zu diesem Verhalten des BMBFSFJ denken.

Drobniks akademische Tätigkeit an sowohl juristischen als auch theologischen Fakultäten macht ihn zu einem perfekten Scharnier innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung. Dort sammeln sich, bildlich gesprochen: am Lagerfeuer der Anständigen, konservative, ultra-religiöse und frauen – RECHTS – bewegte Strömungen.

Auch die extreme Rechte beansprucht zunehmend, in dieser Debatte mitzusprechen. Vor Kurzem luden eine AfD- und eine FPÖ-Abgeordnete zu dem Event „Käufliche Liebe ins Rechte Licht (sic) gerückt“ ins Europäische Parlament. Der lagerübergreifende Tenor lautet: Strengere Gesetze zu Sexarbeit, Selbstbestimmung und Leihmutterschaft müssen her. Ihre Strategie: Moralpaniken angesichts einer, ihrem Empfinden nach, verheerenden Ist-Situation zu schüren.

In solchen Moralpaniken erfolgen stigmatisierende und diskriminierende Zuschreibungen, oft adressiert an ohnehin marginalisierte Menschen: Gender-Wahn als Bedrohung für die weiße, bürgerliche christliche Frau, die Beschwörung eines gefährlichen „Stadtbilds“, der Fingerzeig auf Migrant*innen und nicht-weiße Täterkreise. Emotionale, hochpersönliche Reizthemen, wie Leihmutterschaft, Sexarbeit und Pornografie eignen sich dabei besonders, um sich als moralisch erhaben, rechtschaffen und selbstverharmlosend zu inszenieren.

Ein weiterer Stargast des diesjährigen Freiheit-Kongress ist Huschke Mau. Ihr Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events. Sie ist sowas wie eine Säulenheilige der Gruppe von Überlebenden des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung. Mau teilt gern und happig gegen Sexarbeitende aus.

Nicht ihre persönliche Meinung zur Prostitutionspolitik ist das Problem, sondern ihr Anspruch, sie allein und ihre Gefolgsleute kannten die einzige „Wahrheit“, die sie aus ihren eigenen Erlebnissen verbindlich für alle anderen ableitet. Wie viele in dieser „prostitutionskritischen“ Strömung teilt sie auch „genderkritische“ Einstellungen. Weil sich anekdotische Evidenz so schwer belegen lässt, sind in Maus Buch „Entmenschlicht“ auch keine kontextualisierenden Fußnoten enthalten, und das – trotz oder wegen? – ihrer teils steilen Thesen.

Feminist*innen unter sich?

Mau’s Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events – teils auch direkt neben Gaby Wentland, der Vorsitzenden von Mission Freedom, für die Homosexualität für Gott ein „Greuel“ ist und Abtreibung eine „Blutschuld“.

Mau wird auf dem Schönblick im Gespräch mit Personen von Samaritans Purse beobachtet. Samaritans Purse ist in Deutschland besser als die „barmherzigen Samariter“ oder durch ihre (oft kritisierte) Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ bekannt. Hinter ihrer sorgfältig kuratierten Fassade aus Nächstenliebe verbirgt sich eine (weitere) umstrittene Freikirche.

Samaritans Purse wird vom umstrittenen Franklin Graham geleitet, der in der Kritik für islam- und queerfeindliche Äußerungen steht. Graham brachte erst kürzlich erneut seine unbedingte Unterstützung für Trump zum Ausdruck. Das geschah, als dieser es sich gerade mit Teilen der Maga-Bewegung durch das KI-Bildchen, das ihn als heilenden Jesus-Arzt zeigte, verscherzt hatte.

Mau wird von Beobachtenden auf dem Kongress im Gespräch mit Markus Habicht, und einer weiteren Person im T-Shirt der Samariter-Kampagne „Männer gegen Menschenhandel“ gesehen. Ganz klar, hier unterhalten sich Feminist*innen unter sich…

Samaritans Purse und deren Projekt Alabaster Jar kooperieren eng mit der Anlaufstelle Neustart e.V. aus Berlin (ebenfalls Mitgliedsorganisationen von Gemeinsam gegen Menschenhandel).

Mau ist Gründerin des Netzwerks Ella. Sie und andere aus dieser Gruppe trifft man seit über zehn Jahren immer dort, wo sich Stimmung gegen Sexarbeit machen lässt. Nun, so hört man, hat Mau ein neues Buch geplant, die nächste sexarbeitsfeindliche Welle muss schließlich geritten werden.

Menschenhandel = „Prostitution“

Die absolute Gleichsetzung von brutaler Gewalt und konsensueller Intimität zwischen erwachsenen Menschen gegen Vergütung ist das Muster. Und das durchzieht Titel, Selbstverständnis sowie Merch auf dem Freiheit-Kongress.

Und das nicht nur auf dem Schönblick, nicht nur an diesen vier Tagen: Überall allem prangt das Wort Menschenhandel. Doch die Aktionen und Events dieser Vereine und Organisationen richten sich in erster Linie gegen Sexarbeitende und marginalisierte Menschen. Die Akteure des Freiheit-Kongress protestieren in der Regel nicht auf Demos gegen Migrationsunrecht, gegen Abschiebungen oder den Rechtsruck. Sie treffen sich lieber in einem evangelikalen Tagungshaus bei Gebet und geistlicher Musik. Eine Beobachterin des Events sagt dazu:

„Während des gesamten Kongresses wurde kein Wort über Alternativen zur Sexarbeit verloren. Flucht wurde ebenso wenig thematisiert, wie wirtschaftlicher Zwang. All diejenigen, die es wagen eine andere Position einzunehmen, als das „Nordische Modell“ zu fordern, werden pauschal als Lobbyistinnen oder Profiteurinnen dargestellt. Gegenstimmen sind auf dem Kongress nicht zu hören, offensichtlich ist eine echte Debatte nicht erwünscht.“

Beobachterin, anonymisiert


Einbindung von Politik ins Fundi-Happening

Der Freiheit-Kongress ist trotz alledem kein Gottesdienst. Es geht hier nicht ausschließlich um Religion, sondern darum, politisch wirksam zu werden. Das wird besonders deutlich am ersten Tag des Events.

„Jay“ Drobnik ist vieles, aber ein spannender Redner ist er wohl nicht. Wer nach seiner Keynote nicht eingeschlafen ist, erlebt im Anschluss eine Podiumsdiskussion, die keine Zweifel offenlässt, dass hier kein harmloses Glaubens-Retreat stattfindet.

Huschke Mau moderiert eine Podiumsdiskussion, an der neben Keynotespeaker Drobnik auch Politiker*innen aus CDU, LINKEN, SPD und Grünen teilnehmen.

Wer nun sagt, „ach, das ist ja nur die Landespolitik“, hat die Rolle von Baden-Württemberg innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung, aber auch mit Blick auf das rasche Vordringen erzkonservativer christlicher Kräfte nicht verstanden.

Huschke Mau auf dem Schönblick sieht nicht aus, wie die Huschke Mau, die ich von Bildern von vergangenen Events mit ihr kenne. Dort war ihr Markenzeichen eine Bluse im Leomuster, sehr rote Lippen – ich habe mich schon oft über ihre Anspielungen an jene Äußerlichkeiten, die Sexarbeitenden zugeschrieben werden, geärgert. Ist ihr Schönblick-Outfit – hochgeschlossen, in blickdichter Strumpfhose und Blümchenrock ein Zugeständnis an den evangelikalen Vibe des Kongress?

Quelle: https://www.idea.de/artikel/politiker-und-mediziner-fordern-nordisches-modell-in-deutschland

Mau befragt die Politik-Runde zum „blinden Fleck“ ihrer jeweiligen Parteien.

Auch eine Vertreterin der LINKEN hat auf dem Podium Platz genommen. Führt man sich vor Augen, an welchem Ort getagt wird und mit was für christlich-fundamentalistischen Vereinen und Organisationen der Freiheit-Kongress aufwartet, entspricht das wohl eher nicht einem emanzipatorischen Selbstverständnis.

Uta Beyer ist eine der Sprecherinnen der BAG Lisa, die schon öfter eine problematische Nähe zum Kreis um Katharina Sass und Liane Bissinger bewiesen hat. Diese lose Gruppe „borgt“ sich das Logo der Partei und nennt sich „Linke für eine Welt ohne Prostitution“. Ansonsten ist Uta Beyer eher ein unbeschriebenes politisches Blatt.

Christian „christ.gehring“ Gehring ist schon eine wirkmächtigere Figur (sorry, Uta): Er war in der letzten Legislatur kirchenpolitischer Sprecher der CDU in Baden-Württemberg. Als Kriminalkomissar a.D. ist sein Profil gefragt in der Anti-Sexarbeits-Bewegung, die gern mit einer starken Betonung der Ordnungspolitik und der Exekutive aufwartet (so auch beim bereits erwähnten Institut DIAKA). Strafrechtsfeminist*innen lieben scheinbar markige Cops, und lauschen dann andächtig deren Copaganda-Anekdoten, ohne kritische Nachfragen.

Gehrings CDU Baden-Württemberg lud 2025 die Evangelische Allianz Stuttgart (Gemeinsam für Stuttgart) in den Landtag ein. Bei dieser Gelegenheit entstand ein Bild, das sich auf dem Instagram-Auftritt des evangelikalen Vereins Kainos (ebenfalls Mitgliedsorganisation von Gemeinsam gegen Menschenhandel) finden lässt. Gehring hält ein Exemplar des Buches seines schwedischen Kollegen Simon Häggström in die Kamera.

Gehring steht stellvertretend für einen Kurs, der Politik und Gesellschaft stärker an sehr konservativen Glaubensvorstellungen ausrichten will. 2025 kandidierte er für die Evangelische Landessynode und galt zunächst als nicht gewählt. Angetreten war er für die konservative Lebendige Gemeinde (ChristusBewegung). Später wurde das Ergebnis korrigiert und Gehring zog doch noch in die Synode ein. Mit verheerenden Folgen: Auf diese Weise zog die Lebendige Gemeinte mit der Stimmanzahl der Offenen Kirche gleich. Die Lebendige Gemeinde lehnt zum Beispiel die rechtliche und liturgische Gleichstellung von queeren Paaren ab.

An diesem Beispiel wird klar, dass es solchen Kräften nie „nur“ um Sexarbeit und Menschenhandel geht. Auf Treffen wie dem Freiheit-Kongress verbinden sich ultra-konservative Überzeugungen mit dem politischen Kalkül, Einfluss in allen gesellschaftlichen Sphären zu gewinnen (wie beim Seven Mountains Mandat).

Auch die GRÜNE Ursula Mayr hat auf dem Podium Platz genommen. Sie ist Ortschaftsrätin von Hohenwettersbach bei Karlsruhe. Mayr ist Psychologische Psychotherapeutin mit Sitz in Karlsruhe-Durlach. Damit sitzen, zusammen mit der SPD-Frau Brigitte Schmidt-Hagenmeyer, zwei mit Trauma-Therapie befasste Personen auf diesem Podium. Auch das ist, mit Blick auf die Anti-Sexarbeits-Bewegung nicht überraschend. Über die Vereinnahmung von Leid und Trauma sollten all jene nachdenken, denen die Themen Sexarbeit und Menschenhandel als sehr nischig oder identitätspolitisch erscheinen. Denn in der Viktimisierung und Pathologisierung Andersdenkender liegt eine autoritäre Versuchung, die auch bei anderen Themen verfangen kann.

Wie die LINKE Uta Beyer, ist Ursula Mayr ein prägnantes Beispiel dafür, wie die Slogans der Anti-Sexarbeits-Bewegung in bestimmten Schichten besondere Resonanz auslösen. Politiker*innen wittern hier eine Gelegenheit, sich selbst als entschlossen und auf der richtigen Seite positioniert ins Gespräch zu bringen. Vielleicht ist das der Grund, aus dem sich Mayr und Beyer auf den Fundi-Kongress verirrt haben?

Dass Events wie diese aber keine Bühne nur für die zweite, dritte und vierte Reihe in der Politik sind, damit beschäftigt sich der dritte Teil dieser Reihe, der auf den Kongress 2024 zurückblickt. Mayr jedenfalls fiel bislang weder durch Wortmeldungen noch politische Initiativen zum Thema auf.

Quelle: Archiv RR

Das ist bei Brigitte Schmidt-Hagenmeyer (BSH) anders. Auch sie ist, wie Drobnik, im Vorstand von DIAKA. Exemplarisch können wir an einer Figur, wie BSH typische Verflechtungen in unterschiedliche Themenfelder ablesen.

Jemand wie BSH erfüllt oft mehr als eine Funktion in den Allianzen und versucht in unterschiedliche Netzwerke zu wirken. Die Fäden ihrer Aktivitäten führen in die SPD Baden-Württemberg, in lokale Kampagnen wie den Appell „Karlsruhe gegen Sexkauf“, zum „Trauma & Prostitution“-Netzwerk um Dr. Ingeborg Kraus, in die Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation (DGTD) aber auch zu Kommentierungen des Evaluationsberichts zum Prostituiertenschutzgesetz oder zu einer Handreichung, die Medienschaffende bei einer diskriminierungssensibleren Berichterstattung über Sexarbeit unterstützen will. Letztere war in den letzten Wochen bereits mehrfach durch den Kakao rechter Medien gezogen worden.

Vor Kurzem trat BSH bei einer Online-Veranstaltung der Linken für eine Welt ohne Prostitution auf, zusammen mit Liane Bissinger (LINKE Oberland): Genussvoll wurden dort emotionalisierende Schilderungen körperlicher und psychischer Verletzungen von Opfern des Menschenhandels ausgebreitet, einhellig und ohne Gegenstimme.

Die Botschaft: Prostitution ist Gewalt. Verbote, so finden diese Menschen, die sich in allen Parteien finden, sind ganz gewiss die Lösung für soziale Ungerechtigkeit, Patriarchat und sexualisierte Gewalt. Darin ist man sich einig und entledigt sich somit seiner Verantwortung für konkrete Antworten auf strukturelle Gewalt, Ausschluss und nachhaltige Veränderung. Noch ein bisschen Musik, Gebet und Geld – und die nächste sexarbeitsfeindliche Kampagne rollt durch’s Land.

Auf diesem Podium schließt sich ein Kreis. Events, wie der Freiheit-Kongress sind per se nicht (ergebnis-) offen. Deep, deep into the rabbithole kreisen die Gedanken in den Köpfen der Verantwortlichen in einer Dauerschleife.

Um gewünschte und geforderte Unterstützung, Rechte und verbesserte Lebensbedingungen für Sexarbeiter*innen in Anerkennung ihrer Selbstbestimmung geht es auf dem Freiheit-Kongress offensichtlich nicht.

Freiheit im Denken ist auf dem Freiheit-Kongress: unerwünscht.

In den kommenden Tagen führen wir diese Reihe zum Freiheit-Kongress fort:

Teil 2: „Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewärmt sind und sich gut gegenseitig reinsteigern“

https://fundiwatch.org/kongress-der-unfreiheit-teil-2/


Teil 3: Rückblick auf 2024 und weitere Hintergründe (in Kürze!)


[1] Etwas kaschiert durch den Umweg über die 100% Tochter „Himmelsstürmer gGmbH“ von Mission Freedom, die als Betreiber des Haus SeeNest in Erscheinung tritt.


[i] https://freiheit-kongress.de/ (abgerufen am 28.4.2026)

F*ck Purity!

Warum Du Nana Myrrhes „Feucht & fromm“ lesen solltest, auch wenn Du nicht religiös bist

Mit Purity Culture, Sittlichkeitsvorstellungen und Sexualmoral beschäftige ich mich, weil ich muss. Als Sexarbeiter*in bin ich damit konfrontiert, dass nicht nur dubiose und umstrittene Personen mit Hang zum Klerikalfaschismus meine Abschaffung fordern, meine Kolleg*innen und mich aus Schmutz und Schande „retten“ möchten, oder im „System Prostitution“ eine Bedrohung für sich und „die“ Gesellschaft erblicken. Dahinter steckt – selten ausformuliert, aber bei genauerem Zuhören und Hinsehen eben doch deutlich ablesbar – Rückwärtsgewandtheit, Scham und sehr restriktive Perspektiven auf Sexualmoral. Und die Gefahr von Klerikalfaschismus.

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Gleich Purity Culture?!

Dies ist der Moment, an dem manche Augenbrauen in die Höhe schießen. Klerikalfaschismus bei uns im „aufgeklärten“ Deutschland? Das ist doch nur etwas für die USA oder den Iran? Eventuell noch Russland oder Ungarn, aber hier/bei uns doch nicht. Zugegeben, den Begriff Klerikalfaschismus wählte ich bewusst, auch um zu provozieren. Wir können auch „rechte Christ*innen“, ultra-konservative Strömungen innerhalb der vielschichtigen und vielstimmigen Christentums-Landschaft aus Freikirchen und Amtskirchen sagen, wenn Dir das besser gefällt.

Mein Befund aber bleibt: Bei der Analyse von Sexarbeitsfeindlichkeit, Sexismus, Trans-Misogynie und Queerfeindlichkeit spielen lustfeindliche und klassistische Anforderungen an Sexualität einfach eine beträchtliche Rolle.
Ganz verzichten werde ich auf den Begriff „Klerikalfaschismus“ nicht, denn Faschismus ist ein Phänomen der „Mitte der Gesellschaft“. Wollen viele nicht wahrhaben, ist aber so.

Und genau diese „Mittigkeit“ oder gefühlte Normalität von Aussagen wie „Konsens kann man nicht kaufen“ prägt die kritikbefreite Anschlussfähigkeit von Purity Culture – Versatzstücken in frauen – RECHTS – bewegten Kreisen bis hin zu biederen Schulkonferenzen und Landratsämtern bei der Ablehnung von Sexarbeit unter dem sich moralisch selbstüberhöhenden Deckmäntelchen.

Nun: Buch-Loveletter

Liebe Nana Myrrhe,
ich hoffe, Du verzeihst mir diesen Rant vorab. I know you will forgive me, sister.
Ich habe Dein Buch sehr gern gelesen. Am Anfang war ich ein bisschen begeisterter davon als am Ende, aber dazu später mehr.

Die Mischung aus biografischen Schnipseln unterschiedlicher Etappen Deines Lebens mit Purity Culture und erläuternden, einordnenden Kapiteln hat mir sehr gefallen. Ich feiere Dich für Deine leichte, popkulturell codierte Sprache, Witz und Charme mit denen Du wirklich ernste und bedrückende Inhalte zu Papier gebracht hast.

Ich habe viel von Dir über moderne Ausprägungen von Keuschheitsgelübden, Zeremonien und der dazugehörigen Ratgeberliteratur gelernt. Durch „Feucht & Fromm“ wurde für mich, eine Person mit großer, ja unüberbrückbarer Distanz zu bibeltreuen Gemeinden, pietistischen Spießer*innen und christlich-fundamentalistischen Jesus-Freaks lebendig, wie es sich anfühlt, in einem solchen Milieu (endlich darf ich mal „Milieu“ über andere sagen!) aufzuwachsen und jugendlich zu sein, zu begehren und sich selbst für dieses Verhalten zu hassen.

Mit viel Fingerspitzengefühl lotest Du aus, was es bedeutet, sich aufzusparen, für die eine, „richtige“ Ehe. Ich mag, wie Du sehr scharf benennst, wie gefährlich, verachtend und schlicht anti-modern frömmelnde Keuschheitsseeligkeit sich auswirken kann, und dennoch empathisch bleibst. Sensibel bleibst für Menschen, die in diesem engen Korsett aus konservativen Moralvorstellungen und binärer Zurichtung in godly wifes and husbands, nicht anecken und für die dieses Gefüge stimmig ist. Auch ich möchte keiner Person absprechen, sich für eben diesen Lifestyle zu entscheiden, wenn es sich gut, gesund und erfüllt anfühlt.

Auch ich weiß um das Zerstörerische von Konzepten der Purity Culture sowie ihrer vielen Spielarten. Ich sehe, was passiert, wenn Leute solche Vorstellungen verinnerlichen und sie zu ihrer politischen, medialen oder zivilgesellschaftlichen Handlungsgrundlage machen, oft ohne darüber transparent zu sein. Wenn das zur Schau getragene selbstlose „Retten“ der gefallenen Frauen[1] nur eine Vorstufe deren Abschiebung in die Heimat ist. Wenn eine beängstigende Maschinerie der „Professionalisierung“ in Gang gesetzt wird und an sich missionarische Initiativen und Projekte mehr und mehr ausgebildete Sozialarbeitende beschäftigen, um ihre spirituellen Transformationsabsichten zu tarnen und zu expandieren.

Mir ist klar, wie problematisch es ist, wenn kaum Wissen über Purity Culture und ihre Risiken vorhanden ist. Und Leute romantisierende Vorstellungen von (monogamer, heteronormativer, kink-freier) Sexualität nicht als Platzhalter für einen Kulturraum erkennen, der weiß-christlich-cis dominiert ist. Wo neo-koloniale Bevormundung von Migrant*innen als karitative Selbstinszenierung von weiten Teilen der Mehrheitsgesellschaft hingenommen wird.

Deswegen wünsche ich mir, Nana, dass Dein Buch sehr viele Menschen lesen und so einen Einblick erhalten, den sie sonst kaum erhaschen können oder wollen.

Lass mich zum Schluss noch etwas loswerden: Ich hätte mir einen anderen Blick auf das Konzept von „Hure“ und „Ware“ in
Feucht & Fromm gewünscht. Du zeigst eindrucksvoll am Bild der „Vase Deines Herzens“ oder des Gebrauchtwagens auf, wie objektifizierend solche Analogien auf Dich gewirkt haben. Ich verstehe und fühle das und wünschte mir doch, dass Du nicht dabei stehen bliebest. Am Schluss des Buches ist die Vase Deines Herzens „neu“.
Doch: Konstrukte, wie
neu, alt, käuflich oder pur sind Zurichtungen und codierte Essenzen von Anforderungen an Moral, Verhalten und Sittlichkeit in Zeiten eines kapitalistischen Patriarchats. Mein Wunsch wäre, dass wir uns das bewusst machen, sie weniger oder gar nicht mehr reproduzieren, sondern tastend, neugierig und kreativ andere Kategorien erspüren und erdenken.

Liebe, Solidarität und Utopien für Dich, für uns, für alle!
Ruby


Nana klärt auf

Als ich im Dezember in Österreich und in der Schweiz auf Lesereise mit meinem Buch „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ war, habe ich Nanas Buch oft mit auf den Büchertisch oder aufs Podium gelegt.
Es hat ein so hübsches Cover und es erinnert mich daran, immer wieder auf ein zentrales Risiko des christlichen Fundamentalismus hinzuweisen:

Dessen große Gefahr liegt in seiner Anschlussfähigkeit an Sittlichkeitsvorstellungen, Sexualmoral und Scham, die in „unserer“ Gesellschaft noch nicht ausreichend verlernt wurde. Nanas Buch ist ein wichtiger Schritt dazu, denn es schärft den Blick und das Bewusstsein für all das in Erziehung, Pädagogik und Sozialer Arbeit.

Softcover
354 Seiten
24,00 €
ruach-jetzt


[1] Sexarbeitende sind superdivers, aber christlich-neoabolitionistische Retter*innen richten ihre Energie auf Frauen, Mütter und Mädchen. Sie zementieren so Heteronormativität und die Privilegiertheit der weißen, christlichen, upper class cis Frau.

Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit

Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit

An dieser Stelle veröffentlichen wir unsere Handreichung zur Sensibilisierung gegenüber christlich-fundamentalistischen Aktivitäten in der Sozialen Arbeit. In der durch die Freie und Hansestadt Hamburg geförderten Broschüre werden Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke des christlichen Fundamentalismus in Deutschland analysiert.

Die Broschüre umfasst die folgenden Abschnitte:

  • Begriffsdefinition Christlicher Fundamentalismus
  • Spannungsfelder mit der professionellen Sozialen Arbeit
  • Vorgehensweisen christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen
  • Beispiele christlich-fundamentalistischer Projekte
  • Recherchetipps für die Praxis

Im Anhang werden zudem Anlauf- und Beratungsstellen sowie Hilfsangebote aufgeführt. Die Broschüre kann hier frei heruntergeladen werden.

Hier kann die zur Veröffentlichung der Broschüre am 22.07.2025 herausgegebene Pressemitteilung aberufen werden.

Weiterlesen:

Das heterogene Spektrum des christlichen Fundamentalismus umfasst ein weitverzweigtes Netz unterschiedlicher Gemeinschaften, Gemeinden und Gruppierungen bis hin zu NGOs mit dezidiert christlicher Ausrichtung. Gleichwohl ist die Problematik des christlichen Fundamentalismus in der Radikalisierungs- und Extremismusforschung sowie in der zivilgesellschaftlichen und medialen Debatte bislang unterrepräsentiert.

Zeitgleich dringen christlich-fundamentalistische Akteurskonstellationen mehr und mehr (auch) auf Gebiete der Sozialen Arbeit und in Wohlfahrtsverbände vor. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen religiöser Zielsetzung und den Bedürfnissen von Klient*innen. Zunehmend verwischt die Grenze zwischen ergebnisoffener, klient*innenzentrierter Sozialer Arbeit und Mission, Glaube und „Rettung“. In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft entstehen dadurch Konflikte über Fragen reproduktiver, sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit und Minderheitenschutz.

Vor diesem Hintergrund zeigt die vorliegende Broschüre anhand mehrerer Beispiele – vorwiegend, aber nicht nur aus dem Raum Hamburg und Schleswig-Holstein – typische Strategien christlich-fundamentalistischer Gruppierungen auf. Sie benennt Handlungsfelder, Binnenthemen und Vorgehensweisen.

Auch wenn die Beispiele regional gewählt wurden, müssen sie im Kontext globaler christlich-fundamentalistischer Aktivitäten verstanden werden, deren regionale Ableger im diskursiven Austausch mit den übrigen Akteur*innen stehen und die, etwa durch Missionsprojekte, auch einen personellen Austausch organisieren.

Die Broschüre ist ein Appell für mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen.

Wir hoffen, mit dieser Broschüre eine Ressource für politische, zivilgesellschaftliche und behördliche Verantwortliche und Interessierte vorzulegen sowie einen – in unseren Augen überfälligen – Debattenbeitrag in der Auseinandersetzung mit erstarkendem christlichen Fundamentalismus.

In Kürze werden wir hier auch noch einen Termin zur Online-Vorstellung der Broschüre mitteilen. Weitere Infos folgen!

Gerne stellen wir unsere Rechercheergebnisse auch im Rahmen individueller Vorträge, Workshops o.ä. vor. Basierend auf unseren eigenen Rechercheerfahrungen geben wir dabei gerne auch Recherchetipps für die Praxis, die das Erkennen problematischer christlich-fundamentalistischer Ausrichtungen von Akteur*innen erleichtern sollen. Anfragen hierzu sowie Konditionen im Einzelfall können ebenfalls an vorgenannte E-Mailadresse gerichtet werden.

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