„Jesus Christus ist Herr über Österreich“: Was hinter dem Wiener „Marsch für Jesus“ (M4J) steckt

Am 19. September wollen mehr als 100 christliche Gemeinden und Organisationen beim „Marsch für Jesus“ (M4J) durch Wien ziehen. Die Veranstalter versprechen Einheit, Freude und Lobpreis und betonen, der Marsch sei nicht politisch. Ein Blick auf Geschichte, Gebetspraxis, Unterstützer und Veranstalternetzwerk zeigt jedoch ein deutlich komplexeres Bild, das auch von Medien aktuell wohl gern übersehen wird. (Titelbild: Montage: FundiWatch; Foto: HOFBURG Vienna, CC BY-SA 3.0; Stich: Giulio Bonasone, 1544, Public Domain/The Met).

Am 19. September 2026 soll der „Marsch für Jesus“ über die Wiener Ringstraße ziehen. Mehr als 100 Kirchen, Gemeinden und christliche Organisationen unterstützen die Veranstaltung; erwartet werden laut den Veranstaltern mindestens 10.000 Teilnehmer*innen. Das Motto lautet „Einheit – Sichtbarkeit – Lobpreis“. Kathpress berichtet über die aktuellen Planungen.

Die Selbstdarstellung scheint (jedenfalls innerhalb christlicher Gruppen) zunächst bewusst anschlussfähig und bemüht sich um Ausklammerung vermeintlicher Konfliktthemen: Katholische, evangelische, orthodoxe und freikirchliche Christ*innen sollen gemeinsam ihren Glauben öffentlich zeigen. Der Marsch richte sich gegen niemanden und sei keine politische Demonstration. Politiker*innen seien nicht als Redner*innen vorgesehen.

Gleichzeitig haben die Organisatoren mit den beteiligten Gruppen ausdrücklich „Spielregeln“ vereinbart, wie auf einer Pressekonferenz erklärt wurde: Politische Einzelthemen und „heiße Themen“ wie „LGBT“, Abtreibung und Sterbehilfe sollen beim Marsch nicht vorkommen. Im Zentrum stehe, was Christ*innen miteinander verbinde. Bereits hier scheint bemerkenswert, dass Menschenrechte für LGBTIQ* und Selbstbestimmungsrechte für Menschen offenbar nach Ansicht der Organisatoren nicht zu den „verbindenden“ Elementen gehören…

Und was bedeutet eigentlich „unpolitisch“, wenn Gebet und Lobpreis selbst mit dem Anspruch verbunden werden, auf Stadt und Land einzuwirken – und wenn hinter dem Marsch Netzwerke stehen, die gesellschaftliche und politische Mitgestaltung ausdrücklich organisieren?

Ein Marsch mit Vorgeschichte

Der „March for Jesus“ entstand nicht als neutraler ökumenischer Demonstrationsrahmen. Der erste große City March fand bereits 1987 in London statt.

Zu den prägenden Akteuren gehörten Roger Forster, Gerald Coates, Worship-Musiker Graham Kendrick und Lynn Green von Youth With A Mission (YWAM). Die frühen Märsche verbanden öffentlichen Lobpreis, Evangelisation und christliche Einheit – in weiten Teilen des Milieus aber auch Vorstellungen „geistlicher Kriegsführung“ um Städte und gesellschaftliche Räume.

Der Religionswissenschaftler Gerald C. Ediger beschreibt die Entstehung der Bewegung als Verbindung von Lobpreis, öffentlichem Glaubenszeugnis und Spiritual Warfare.

Engel mit Schwertern über London und ein Börsencrash

Überliefert ist etwa eine Vision Barbara Pymms von zwei mit Schwertern bewaffneten Engeln über London, die gegen „principalities and powers“ (übersetzt: Fürstentümer und Mächte) über der Stadt kämpfen sollten. Roger Forster beschrieb Lobpreis und öffentliche Proklamation als Instrumente einer geistlichen Auseinandersetzung.

Gerald Coates führte später sogar den Londoner Börsencrash von 1987 auf den Marsch und ein göttliches Gericht über gierige Finanzinstitutionen zurück.

Forster schrieb später das Vorwort zur britischen Ausgabe von C. Peter Wagners „Territorial Spirits“ (übersetzt: Territoriale Geister). Wagner wurde zu einem zentralen Vertreter der Strategic-Level Spiritual Warfare (sog. „geistliche“ oder „spirituelle“ Kriegsführung), welche die Vorstellung beinhaltet, geistliche Mächte könnten Städte, Regionen oder ganze gesellschaftliche Bereiche beeinflussen.

Später prägte er die sog. New Apostolic Reformation maßgeblich mit und verbreitete das sogenannte Seven Mountain Mandate, das christlichen Einfluss auf zentrale gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Medien, Bildung, Wirtschaft, Familie, Religion und Kultur anstrebt. Eine religionswissenschaftliche Einordnung von Strategic-Level Spiritual Warfare findet sich hier.

Die New Apostolic Reformation ist weist ideologisch sehr weitgehende Übereinstimmungen mit der von der Theologin Maria Hinsenkamp in ihrer Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ analysierten Kingdom-minded Network Christianity (kurz: KiNC).

Graham Kendrick wiederum veröffentlichte gemeinsam mit Steve Hawthorne „Prayer-Walking: Praying on Site with Insight“. Prayer Walking (also sogenannte Gebetsspaziergänge oder auch -märsche) verbindet Gebet bewusst mit konkreten Orten, für die geistliche Veränderung erbeten wird.

Loren Cunnigham von YWAM war wiederum einer der Evangelikalen, denen in den 70er Jahren die Vision des sogenannten Seven Mountain Mandate offenbart worden sein soll.

Von London nach Wien: „Gebet als Fundament“

Zwar kann aus dieser Vorgeschichte nicht abgeleitet werden, dass die Wiener Veranstalter des M4J 2026 sämtliche der damaligen Vorstellungen von Spiritual Warfare oder territorialen Mächten teilen.

Auffällig sind jedoch Kontinuitäten u.a. in der Praxis und Sprache. Auch die aktuelle Präsentation des Marsches hebt „Gebet als Fundament“ hervor. Vorgesehen sind „Gebet um den Ring“, „Walk & Pray“ und „Gebet am Berg“; gebetet werden soll für „Einheit, Schutz und geistliche Frucht“. An anderer Stelle heißt es, Wien und ganz Österreich sollten mit der „Herrlichkeit Jesu“ erfüllt werden.

Auch „Christen in Wien – Kreis zur Einheit“, einer der zentralen Träger des Marsches, veranstaltet regelmäßig Prayer Walks. Diese führen nach eigener Darstellung vom Rathaus gezielt zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Orten wie Parteizentralen, Heldenplatz, Parlament oder Universität.

Auf Nachfrage von FundiWatch erläutert Projektleiter des diesjährigen Marsch für Jesus in Wien, Johannes Unosson, die gemeinsame Gebetspraxis solle dazu beitragen, dass Menschen Jesus Christus als „Herrn und Retter“ kennenlernen; dies sei für ihn das „schönste Beispiel“ einer nachhaltigen positiven „geistlichen Auswirkung“ in Österreich.

Einheit – aber worüber?

Die Unterstützerliste des Wiener Marsches reicht tatsächlich über zahlreiche Konfessionsgrenzen hinweg. Deutlich überwiegend sind jedoch evangelikale, pfingstlich-charismatische und missionsorientierte Gemeinden und Werke sowie konservativ-katholische, gebets- und erweckungsorientierte Akteure.

Konfessionelle Vielfalt bedeutet natürlich nicht automatisch gesellschaftspolitische Vielfalt. Und so überrascht es nicht wirklich, dass wir unter den Unterstützer*innen bisher keine erkennbaren Gegenpositionen zu den stattdessen vielfach dokumentierten fundamentalistischen Positionen bei LGBTIQ*, Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe feststellen konnten. Ideologisch scheint man doch eher „unter sich“ zu bleiben – trotz aller Bemühungen um Anschlussfähigkeit.

Darüber sollte auch die Unterstützung aus Teilen der Evangelischen Kirche nicht täuschen, die insgesamt eher zu dem Marsch Distanz hält. Während es der Evangelischen Kirche A. B. gegenüber dem Furche-Magazin wichtig war festzustellen, dass sie nicht an dem Marsch teilnimmt, steht die Evangelische Kirche Radstadt-Altenmarkt ebenfalls auf der Unterstützerliste. Das Presbyterium der Kirche lehnte 2019 die kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare „grundsätzlich und entschieden“ ab und erklärte, „homosexuelle Lebensweise“ entspreche nach seinem Bibelverständnis nicht dem Willen Gottes. Die damalige Stellungnahme ist im Kirchenboten dokumentiert.

Und dass die heute ausgeklammerten Themen innerhalb der österreichischen March-for-Jesus-Tradition keineswegs immer ausgespart wurden, zeigt der Marsch für Jesus in Klagenfurt im Jahr 2017 (Archiv-Link). Dort gehörten ausdrücklich der „Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende“ sowie das „Gebet für Politiker und die bevorstehenden Wahlen“ zu den Anliegen des Marsches.

Es bleibt also offen, welche tatsächlich unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Positionen durch die „Spielregeln“ beim diesjährigen Marsch für Jesus überbrückt werden – und ob es diese unterschiedlichen Positionen bei den Unterstützer*innen überhaupt gibt.

Auf Nachfrage von FundiWatch, welche unterschiedlichen Positionen der beteiligten Organisationen zu LGBTIQ*, Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe durch die vereinbarten „Spielregeln“ überbrückt werden sollten, teilte Unosson mit, man erfasse und bewerte die „unterschiedlichen persönlichen Positionen“ der Teilnehmenden nicht.

Projektleiter Johannes Unosson selbst gehört dem Vorstand der Plattform Christdemokratie an und initiierte 2024 deren Aktion „100 Kinderwagen“. Gegenüber Corrigenda erklärte er, es gehe ihm darum, das „Problem der vielen Abtreibungen sichtbar“ zu machen und gesellschaftlich als Problem kenntlich zu machen.

Das politische Netzwerk hinter dem Marsch

Auch das organisatorische Umfeld lässt die Bezeichnung „unpolitisch“ fraglich erscheinen. Entscheidend sind dabei weniger einzelne Namen als zwei institutionelle Scharniere: die Evangelische Allianz Wien und die Plattform Christdemokratie.

Die Evangelische Allianz Wien unterhält eine Arbeitsgruppe „Politik & Gesellschaft“. Sie will nach eigener Darstellung das „christliche Menschen- und Weltbild“ in der Gesellschaft verwirklicht sehen und christliches Engagement unter anderem in Politik, Medien, Bildung und Wirtschaft fördern.

Besonders eng arbeitet die Allianz mit der Plattform Christdemokratie zusammen. Im Januar 2026 veranstalteten beide unter der Schirmherrschaft der ÖVP-Nationalratsabgeordneten und Rechtskatholikin Gudrun Kugler im österreichischen Parlament „Aufbruch – Veränderung beginnt jetzt“. Laut Präsidentin Suha Dejmek brauche es

„…mehr Christen in relevanten Gesellschaftsbereichen – in der Wirtschaft, im Medien- und Bildungsbereich, in der Kunst und Kultur, aber auch in der Politik, denn dort werden bekanntlich alle Entscheidungen getroffen”.

Unter den vertretenen Organisationen befand sich auch der „Marsch für Jesus“ mit einem eigenen Informationsstand.

Eine personelle Brücke ist Jan Ledóchowski: Präsident der Plattform Christdemokratie, ÖVP-Politiker und zugleich Mitglied des katholischen Unterstützungskomitees des Marsches. Gemeinsam mit der Evangelischen Allianz Wien veröffentlicht seine Plattform „Christliche Wahlprüfsteine“. Zur Nationalratswahl 2024 warb sie mit dem Satz: „Nur wenn christliche Politiker gewählt werden, haben wir auch christliche Politik in diesem Land.“

Die Mobilisierung ist dabei nicht ausschließlich auf die ÖVP beschränkt. In den Wahlprüfsteinen werden auch FPÖ-Kandidat*innen berücksichtigt. Die Fragen an die Politiker*innen zeigen bereits eine deutliche ideologische Richtung. So wird beispielsweise zum Thema Gender gefragt:

„Wie stehen Sie zur Genderideologie, die ihren Niederschlag in der Sexualpädagogik in Kindergärten und Schulen, der Veränderung der Sprache und der Auflösung der Bipolarität der Geschlechter (Transgender) findet?”

Auch zum ausdrücklich politischen „Marsch fürs Leben“ radikaler Abtreibungsgener*innen bestehen personelle Überschneidungen. 2025 nahmen etwa die Weihbischöfe Franz Scharl und Stephan Turnovszky teil. Beide gehören nun dem katholischen Unterstützungskomitee des „Marsch für Jesus“ 2026 an.

Beim „Marsch fürs Leben“ wurden ein Ende von Abtreibung und Euthanasie gefordert. Unter den politischen Teilnehmer*innen waren Vertreter*innen von ÖVP und FPÖ. Eine Presseaussendung der Veranstalter dokumentiert die Teilnahme.

Wie unpolitisch ist „unpolitisch“?

Auch die eigenen Unterlagen des Marsches beschreiben mehr als ein Fest des persönlichen Glaubensbekenntnisses.

Im Pressekit heißt es, Christ*innen müssten durch „Gebet, Evangelisation und gesellschaftsrelevante Arbeit“ gemeinsam Verantwortung für „unser Land und unsere Orte“ übernehmen. Als Ziele werden unter anderem die „Stärkung christlicher Werte durch öffentliche Wahrnehmung von Christen“ und ein Ereignis genannt, das „in Medien positiv reflektiert werden kann“. Ein weiteres Grußwort bezeichnet den Marsch als „Demonstration des Reiches Gottes“.

Bemerkenswert ist zudem ein im aktuellen Pressekit wiederveröffentlichtes Grußwort der bereits erwähnten ÖVP-Angeordneten Gudrun Kugler aus dem Dezember 2013. Christ*innen seien „zaghaft oder gar feig geworden“, heißt es darin. Der Marsch solle ihre Stimme hörbar machen, „damit die Politik menschlich bleibt“; teilzunehmen bedeute, für Österreich zu beten und „das Land aktiv mitzugestalten“.

Kugler wurde im österreichischen Rechtsextremismusbericht des DÖW 2023 im Zusammenhang mit „Rechtskatholizismus“ erwähnt. Internationale Recherchen u.a. des European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rights (EPF) nennen Kugler im Zusammenhang mit frühen Treffen des informellen, transnationalen christlich-fundamentalistisches und ultrakonservativen Strategienetzwerks Agenda Europe.

„Unpolitisch“ bedeutet im Zusammenhang des „Marsch für Jesus“ also offensichtlich weniger den Verzicht auf gesellschaftspolitische Einflussnahme als den Verzicht darauf, eigene konfliktträchtige politischen Forderungen beim gemeinsamen Auftritt ausdrücklich zu thematisieren, um möglichst weitreichende Anschlussfähigkeit zu erreichen.

Auf Nachfrage von FundiWatch betont Projektleiter Unosson die politische Mitverantwortung von Christ*innen und erklärt, man ermutige Menschen dazu, „sich politisch einzubringen“. Politiker*innen aller Parteien seien willkommen. Für 2026 habe man jedoch bewusst entschieden, „keine politischen Beiträge auf der Bühne stattfinden zu lassen“.

Zugleich kündigt Unosson an, dass die Plattform Christdemokratie mit einem eigenen Stand vor Ort vertreten sein werde; er selbst gehört deren Vorstand an.

Österreichische Vorgeschichte: Sühne für wen?

Neben der internationalen Entstehungsgeschichte stellt die Wiener Bewegung selbst eine zweite, österreichische Traditionslinie her.

Das Pressekit erinnert daran, dass der Franziskaner Petrus Pavlicek 1947 – „gefolgt von einer inneren Stimme“ – den Rosenkranz-Sühnekreuzzug gründete. Von 1950 bis 1955 seien jährlich Sühneprozessionen um die Wiener Ringstraße gezogen; zeitweise hätten bis zu 80.000 Menschen teilgenommen. Die Unterzeichnung des Staatsvertrags und der Abzug der Besatzungsmächte werden in dieser Tradition als Gebetserhörung gedeutet. Eine heutige Selbstdarstellung des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs knüpft weiterhin an diese Gebets- und Befreiungserzählung an.

In den von FundiWatch ausgewerteten Selbstdarstellungen des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs und zu Petrus Pavlicek findet sich hingegen keine Auseinandersetzung mit der österreichischen Mitverantwortung für Nationalsozialismus, Judenverfolgung und Shoah. Im Mittelpunkt stehen stattdessen Bekehrung, stellvertretende Sühne, Frieden und die Befreiung Österreichs von der Besatzung. Österreich erscheint dabei primär als besetztes, bedrohtes und schließlich befreites Land.

Die Beteiligung vieler Österreicher*innen an NS-Herrschaft, Verfolgung und Shoah kommt in den von uns ausgewerteten Darstellungen nicht vor.

„Identifikationsbuße“?

Darauf angesprochen teilt Unosson mit, das historische Gebet am Ring für Österreich weise eine klare Parallele zum heutigen Marsch für Jesus auf.

Zur Auseinandersetzung mit der österreichischen Mitverantwortung teilt Unosson mit, in dieser „Tradition des öffentlichen Gebets und der Verantwortung“ habe es in den 1990er-Jahren einen „von Christinnen und Christen getragenen Bußgebetsmarsch nach Mauthausen“ gegeben. Dessen Ziel sei gewesen, die österreichische Mitverantwortung für den Nationalsozialismus, die Judenverfolgung und die Shoah „öffentlich zu bekennen“.

Tatsächlich lässt sich ein christlicher Bußgebetsmarsch nach Mauthausen im Jahr 1995 belegen. Johannes Fichtenbauer, 1992 Hauptorganisator des ersten österreichischen „Marsch für Jesus“ und heute erneut Unterstützer, beschreibt ihn als von charismatischen Leitern in Österreich organisierten „repentance march“ im Gedenken an NS-Verbrechen an Jüd*innen und an das Versagen von Christ*innen, dagegen aufzustehen. Fichtenbauer schildert den Marsch rückblickend als „act of identification“ und beschreibt seine persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus als geistliche Befreiung: In Mauthausen habe er geweint, bis der „demonic trash“ aus ihm heraus gewesen sei.

Beim späteren „Weg der Versöhnung“, heute Mitveranstalter des M4J 2026, wurde ab 2003 ausdrücklich mit dem stark umstrittenen Konzept einer sogenannten „Identifikationsbuße“ gearbeitet:

„Erstmals haben wir 2006 die Identifikationsbuße und Heilung der Erinnerung im Konzentrationslager Mauthausen angewendet und unsere Schuld an den Juden vor Gott gebracht. Ein messianischer Jude sprach uns damals Vergebung aus.“

„Identifikationsbuße“ bezeichnet die Praxis, historische Schuld einer eigenen Bezugsgruppe stellvertretend vor Gott zu bekennen. An vergleichbaren evangelikal-charismatischen Formen des Holocaust-Gedenkens wird u.a. kritisiert, dass dabei Opfer für eigene religiöse Zwecke instrumentalisiert und die spirituelle Entlastung der christlichen Teilnehmenden in den Mittelpunkt gerückt werde.

Verbindungen zum „Marsch des Lebens“ der TOS-Gemeinde Tübingen

In Deutschland bezog sich diese Kritik insbesondere auf die von Jobst Bittner von der TOS-Gemeinde initiierte „Märsche des Lebens.

2015 warnte der Dachauer Gedenkstättenpfarrer Björn Mensing bei einem „Marsch des Lebens“ vor einer „dämonologischen Deutung des Nationalsozialismus“. Die damalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, kritisierte, das Schicksal der Überlebenden stehe nicht im Vordergrund. Vielmehr gehe es eher um die Befindlichkeiten der Teilnehmenden.

Und auch hier findet sich eine Verbindung zum „Marsch für Jesus“: Beim ersten „Marsch des Lebens“ 2024 in Wien trat Fichtenbauer gemeinsam mit Jobst Bittner auf. Und zählte dort gerade den Bußmarsch von 1995 als Wendepunkt seiner Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus.

„Jesus Christus ist Herr über Österreich!“

Wer verstehen will, was am 19. September über den Wiener Ring zieht, sollte deshalb nicht nur fragen, ob die Veranstaltung friedlich ist oder ob Christ*innen öffentlich beten dürfen.

Bedeutsamer für die Verteidigung einer pluralistischen, demokratischen und auf Menschenrechten beruhenden Gesellschaft ist, welche Vorstellungen von „Einheit“, gesellschaftlicher Mitgestaltung und geistlicher Wirksamkeit sich hinter dem öffentlichen Bild tatsächlich verbergen.

Mission Respekt – oder Mission gescheitert?

Wie die Bremische Evangelische Kirche dem „Hassprediger“ Olaf Latzel wieder eine Bühne bietet

Die Bremische Evangelische Kirche (BEK) hat sich jahrelang vom in Medien als „Hassprediger“ bezeichneten und wegen Volksverhetzung angeklagten Olaf Latzel distanziert – und ihn disziplinarisch sanktioniert.

Jetzt kooperiert ausgerechnet ihr eigenes Projekt „Lighthouse“ im Rahmen der „Aktionswoche.Evangelisation“ mit Latzel und seiner St. Martini Gemeinde. Am gleichen Wochenende heißt Latzel mit der Alliance Defending Freedom (ADF) anschließend einen einflussreichen Player der internationalen christlichen Rechten bei sich willkommen.

Nachfragen weicht die Kirchenleitung aus – und dann erhalten wir eine Mail, die wir eigentlich nie hätten erhalten sollen und an der ablesbar wird, wie die BEK in dieser Angelegenheit agiert.

Eine Pressemitteilung zu diesem Artikel ist hier abrufbar.

Edit (13.04.2026): Über den Fall berichten zwischenzeitlich auch mehrere Medien, wie u.a. queer.de (09.04.2026) und die taz (12.04.2026). Außerdem haben wir noch den Abschnitt „Lighthouse – das Trojanische Pferd der Evangelikalen in die Bremer Zivilgesellschaft?“ ergänzt.


Über den Einfluss der Evangelikalen auf die Soziale Arbeit in Bremen, insbesondere die Kinder- und Jugendarbeit des Sozialwerks der Freien Christengemeinde Bremen und dessen Netzwerke, berichteten wir hier.

Weiterlesen

Ein Projekt zwischen Aufbruch und Rückgriff

Beim Lighthouse Bremen handelt es sich um eine gesamtkirchliche Arbeitsstelle der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK). Auf den ersten Blick inszeniert sich das Lighthouse modern und weltoffen: niedrigschwellig, experimentell, nah an den Menschen.

Formate wie „Prayer to go“ oder Bikertreffen unter dem Titel „Ride on Faith“ sollen Glauben aus kirchlichen Räumen herausholen und auch kirchenferne Gruppen erreichen:

Website der „Lighthouse – Bremische Evangelische Kirche“ mit Navigationsleiste (Info, Aktionen, Termine, Newsletter, Galerie, Kontakt). Darunter ein Abschnitt „Das LIGHTHOUSE erklärt“ mit einem Foto eines beleuchteten Kirchengebäudes bei Nacht und erklärendem Text zum Projekt „Lighthouse“.
Screenshot Webseite Lighthouse, Quelle: https://lighthouse-bremen.de/

Ein zweiter Blick weckt jedoch bereits andere Assoziationen: Angebote wie „Feuerabende für Männer!“ knüpfen wohl doch eher an konservativ-evangelikale Milieus inklusive darin vertretener klassischer Rollenbilder an – „echte Männer“ treffen sich am offenen Feuer „unter sich“:

Werbebild mit der Aufschrift „LIGHTHOUSE Feuerabende“: Am Strand bei Abenddämmerung stehen mehrere Männer um ein Lagerfeuer, im Hintergrund ist Wasser mit Lichtern am Horizont zu sehen. Unten steht der Text „Feuerabende für Männer!“.
Screenshot Werbung für Lighthouse-„Feuerabende“,Quelle: https://lighthouse-bremen.de/

Die missionarische Ausrichtung des Lighthouse wird jedenfalls stark betont.

Lighthouse – das Trojanische Pferd der Evangelikalen in die Bremer Zivilgesellschaft?

(Edit 13.04.2026: Dieser Abschnitt wurde nach Erstveröffentlichung hinzugefügt)

Bereits Mitte 2022 berichtete die taz über das Lighthouse Bremen und dessen Leiter Johannes Müller – dem ehemaligen Jugendreferenten der Matthäusgemeinde, die wie St. Martini und die Stiftung Marburger Medien Mitglied der Evangelischen Allianz ist.

Die Evangelische Allianz Deutschland (EAD) arbeitet übrigens immer wieder mit der Alliance Defending Freedom (ADF) zusammen, wie beispielsweise bei Veröffentlichung von queerfeindlichen Broschüren, erst Ende letzten Jahres zum Selbstbestimmungsgsetz.

Die Gruppe Religionsfrei in Bremen berichtet, dass die Förderung der Evangelikalen durch die Leitung der BEK bereits 2013 mit der Neuwahl des Kirchenausschusses unter Vorsitz von Edda Bosse, der damaligen Kirchenleiterin, begonnen habe.

Religionsfrei in Bremen bezeichnet das Lighthouse als…

„…das Trojanische Pferd der Evangelikalen in die Bremer Zivilgesellschaft“.

Entsprechendes lässt sich scheinbar auch für die Rolle des Lighthouse innerhalb der als eher liberal geltenden Bremer Landeskirche selbst feststellen…

„Mission Respekt“ – Anspruch mit Sollbruchstelle

Offiziell arbeitet das Lighthouse unter dem Leitmotiv „Mission Respekt“. Gemeint ist ein missionsorientierter Ansatz, der Verkündigung mit Dialog, Respekt und Religionsfreiheit verbinden soll.

Das hierzu veröffentlichte Konzeptpapier des Lighthouse nimmt Bezug auf das ökumenische Leitpapier „MissionRespekt. Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“.

Das Leitpapier wurde 2011 vom Ökumenischen Rat der Kirchen, der Evangelischen Weltallianz und dem Vatikan veröffentlicht. Konservative Evangelikale sehen in dem Papier teils eine Verwässerung klassischer Evangelisation zugunsten von Dialog, während andere betonen, der Anspruch respektvoller Glaubenskommunikation unter Achtung anderer Glaubensbekenntnisse bleibe oft programmatisch und werde von aggressiven Missionspraktiken in Teilen der Christenheit noch längst nicht eingelöst.

Und tatsächlich: Auch im aktuellen Fall zeigt sich, wie wirkungslos das Papier weiterhin bleibt. Denn wie sollten die Ansprüche des erwähnten Papiers mit einem Pastor zusammen passen, dessen Predigten immer wieder Respekt vermissen lassen oder Respekt vor Andersdenkenden und -gläubigen gar willentlich verwehren?

Missionstraining mit einem der umstrittensten Pastoren Deutschlands

Vom 20. bis 24. April 2026 lädt das Lighthouse zur „Aktionswoche Evangelisation“.

Das Ziel:

„Christen in D darin AUSBILDEN und SENDEN, das Evangelium klar zu formulieren und mutig ‚Eins zu Eins‘ weiterzugeben.“

Zweiteiliges Plakat zur „Aktionswoche Evangelisation“ (20.–24. April 2026). Links: Titel, Datum und Slogan „Geh’ los und erzähl’ bei dir vor Ort von Jesus!“ sowie ein QR-Code für weitere Infos. Rechts: Beschreibung der Aktionswoche mit Einladung, den christlichen Glauben praktisch weiterzugeben, gefolgt vom Tagesprogramm (Workshop, Einsatz, Feiern). Unten stehen Treffpunkt (St. Martini-Kirche in Bremen), Anmeldehinweis mit QR-Code "theturning.info" sowie Logos von Lighthouse und St. Martini.
Veranstaltungsankündigung auf der der Webseite von Lighthose, Quelle: lighthouse-bremen.de


In täglichen Workshops mit Lighthouse-Leiter Johannes Müller wird das Missionieren trainiert, bevor es dann für den „Praxisteil“ auf die Straße geht. Abends wird das Erlebte „gefeiert“.

Programmübersicht zum Ablauf der „Aktionswoche (20.–24. April)“. Überschrift „Ablauf der Tage Mo–Fr“. Treffpunkt werktags 16–19:30 Uhr in St. Martini Bremen oder vor Ort. Programmpunkte: 16:00 Ankommen; 16:30–16:45 Andacht (Olaf Latzel, via YouTube); 16:45–17:20 Training (Johannes Müller, via YouTube); 17:20–17:30 Gebet und Vorbereitung; 17:30–18:30 Outreach in Teams; 18:30–19:30 Zeugnisse, Lobpreis, Gebet und Abschluss. Zusätzlich: Sonntag 10:00 Gottesdienst aus St. Martini (YouTube-Übertragung).
Ablaufprogramm der Aktionswoche, Quelle: lighthouse-bremen.de


Treffpunkt und offenbar spirituelles Zentrum der Aktionswoche ist die St. Martini Gemeinde Bremen. Jeder Tag beginnt mit einer Andacht von Olaf Latzel. Andachten und Workshops werden auch online übertragen, so dass Gemeinden die Evangelisationswoche auch bei sich vor Ort organisieren können.

All das geschieht in Zusammenarbeit mit einem Pastor, der zeitgleich mit Gehaltskürzungen durch die BEK sanktioniert wird.

Der Fall Latzel: Eskalation mit Ansage

Denn Olaf Latzel steht seit Jahren für eine bewusst provozierende Form von Predigt.

So verweigerte er einer Pastorin die Kanzel und beleidigte andere Religionen. Dabei nannte Latzel zum Beispiel das islamische Zuckerfest (das muslimische Fest des Fastenbrechens) „Blödsinn“, sprach vom katholischen „Reliquiendreck“ oder von Buddha als „dicken, fetten Herrn“.

Spätestens damit war er weit über Bremen hinaus zum Symbol eines besonders scharf ausgrenzenden, kulturkämpferischen Fundamentalismus geworden.

Zum Strafverfahren wegen Volksverhetzung und Disziplinarmaßnahmen der BEK führten letztlich queerfeindliche Äußerungen Latzels auf einem Eheseminar im Jahr 2019, das ein Gemeindemitglied online veröffentlichte. Eine Chronik des gesamten Verfahrens ist bei buten un binnen veröffentlicht.

In dem Eheseminar sprach Latzel – wie u.a. im Urteil des Amtsgerichts Bremen wiedergegeben – von Homosexualität als eine „Degenerationsform von Gesellschaft“. Außerdem sagte er: „Überall laufen die Verbrecher rum vom Christopher Street Day.“ Hinzu kam die Formulierung: „Der ganze Genderdreck ist ein Angriff auf Gottes Schöpfungsordnung. Das ist zutiefst teuflisch und satanisch.“

Das Amtsgericht Bremen verurteilte Latzel wegen dieser Äußerungen zunächst wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe. Das Landgericht sprach ihn in der Berufung hingegen frei.

Zwar sah das Landgericht die Wortwahl Latzels als „befremdlich“ und „archaisch“ an und gewiss nicht als geeignet, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, wo alle gut miteinander auskommen. Es hielt die Schwelle zur Strafbarkeit aber als noch nicht erreicht.

Das Oberlandesgericht Bremen wiederum hob das Urteil des Landgerichts auf, weil es eine seines Erachtens durchaus mögliche Strafbarkeit nicht ausreichend geprüft sah und verwies die Sache zurück an das Landgericht.

Überraschenderweise kam es dort dann nicht zu einem Urteil. Denn das Landgericht stellte das Verfahren gegen Zahlung einer Geldauflage ein: Latzel musste 5.000 Euro an den Bremer Verein Rat&Tat – Zentrum für queeres Leben zahlen.

Damit war das Strafverfahren beendet, die strafrechtliche Beurteilung der Äußerungen Latzels bleibt ungeklärt.

Die BEK auf Distanz – zumindest offiziell

Die BEK reagierte nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Latzel zunächst deutlich und äußerte sich immer wieder zur „Causa Olaf Latzel„:

Die Kirchenleitung distanzierte sich dabei „entschieden“ von Latzels abwertenden Äußerungen und erklärte, sie stehe „klar an der Seite homosexuell lebender Menschen“. Im Mai 2020 leitete sie ein Disziplinarverfahren ein. Zwischenzeitlich wurde Latzel sogar vorläufig seines Dienstes enthoben, wogegen er sich jedoch erfolgreich wehrte.

Nach Abschluss des Strafverfahrens beschloss der Kirchenausschuss im Mai 2025 schließlich als Sanktion eine Kürzung von Latzels Bezügen um fünf Prozent für 48 Monate. Die Maßnahme müsste demnach also auch aktuell noch wirksam sein.

Ungeachtet dessen, ob man die von der BEK ergriffenen Maßnahmen als ausreichend beurteilen mag – die Botschaft der BEK, an der maßgeblich die damalige Kirchenpräsidentin Edda Bosse mitwirkte, schien bisher jedenfalls klar: So nicht.

Und jetzt: Kooperation

Umso bemerkenswerter ist die aktuelle Zusammenarbeit.

Denn anders als frühere Konflikte lässt sich die jetzige Kooperation wohl nicht mit der Autonomie der Gemeinden in der spezifischen Struktur der BEK erklären. Hier handelt mit dem Lighthouse eine Arbeitsstelle der Landeskirche selbst und hat sich offenbar aktiv ausgerechnet Latzels Gemeinde als Kooperationspartner ausgesucht.

Die naheliegende Frage: Hat sich die Haltung der BEK unter einer zwischenzeitlich neuen Leitung geändert? Und wenn ja, auf welcher Grundlage?

Will die BEK beschwichtigende Signale senden, statt sich klar gegen Hass und Hetze zu positionieren?

FundiWatch fragt nach

Noch vor Ostern fragten wir bei der BEK nach. Denn für uns enthält die aktuelle Zusammenarbeit zwischen Lighthouse und der St. Martini Gemeinde empfindliche Widersprüche.

Von der BEK erhielten wir eine ausweichende Antwort. Soweit so erwartbar?

Was wir allerdings nicht erwartet hatten, stand in einer zweiten Mail, die wir versehentlich zugestellt bekamen…

Konkrete Fragen – und eine Antwort, die keine ist

Im Kern ging es bei unserer Anfrage an die BEK um vier Punkte:

  • Wie passt die Zusammenarbeit mit Olaf Latzel zur bisherigen klaren Distanzierung – einschließlich laufender Disziplinarmaßnahmen?
  • Hält die Kirche ihn und seine Gemeinde ernsthaft für einen geeigneten Partner – ausgerechnet unter dem Leitbild „Mission Respekt“?
  • Und darüber hinaus: Wie will die BEK dem wachsenden Einfluss christlich-fundamentalistischer Strömungen begegnen, wenn sie gleichzeitig mit entsprechenden Akteuren kooperiert?
  • Und nimmt sie dabei bewusst in Kauf, dass solche Kooperationen als Signal der Akzeptanz verstanden werden könnten?

Kurz gesagt: Wir wollten wissen, ob die BEK ihre eigenen Maßstäbe ernst nimmt – oder ob sie in der Praxis deutliche Abstriche macht.

Die Antwort, die uns Donnerstagabend „für die Kirchenleitung der BEK“ erreichte, könnte nichtssagender und ausweichender kaum sein:

„Alle Veranstaltungen des Lighthouse Bremen finden auf der Grundlage von ‚MissionRespekt.Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt‘ statt. Die Bremische Evangelische Kirche geht davon aus, dass sich auch die von Ihnen genannte Veranstaltung des Lighthouse auf der Basis dieses Konsenspapiers bewegt.“

Mehr nicht. Keine Einordnung, keine Abgrenzung, keine Erklärung der Zusammenarbeit.

Ein Blick hinter die Kulissen: Mission respektlos?

Nun zum Überraschenden und für uns Entlarvenden:

Eine interne, kommentierende E-Mail des Pressesprechers der BEK an einen Medienverteiler (im Cc der aktuelle Kirchenpräsident Bernd Kuschnerus sowie die Leitung der Kirchenverwaltung) erreichte – offenbar versehentlich – auch uns.

Aus der Kommunikation geht hervor, dass die Antwort bewusst erst spät innerhalb der gesetzten Frist vor den Osterfeiertagen versendet wurde, offenbar mit dem Ziel, möglichst wenig öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Zudem wurde intern festgelegt, auf weitere Nachfragen nicht einzugehen und die öffentliche Reaktion – etwa in sozialen Medien – zu beobachten.

Was sehen wir hier? Auf Zeit spielen, Aufmerksamkeit vermeiden, Kritik möglichst aussitzen.

Mehr als nur ein lokales Problem

Die Kooperation der BEK mit St. Martini sollte auch nicht als ausschließlich lokales Thema gesehen werden.

Abgesehen davon, dass die Aktionswoche (einschließlich der Predigten von Latzel), auch online übertragen wird ist sie bewusst auf die Übernahme durch Gemeinden auch andernorts ausgerichtet.

Zudem sind Latzel und seine Gemeinde in christlich-fundamentalistischen Netzwerken weit vernetzt. Sowohl im „Netzwerk Bibel und Bekenntnis“ als auch weit darüber hinaus wird sein Strafverfahren als vermeintlicher „Justizskandal“ und angeblich zunehmende „Christenverfolgung“ hochstilisiert.

Unterstützung durch die internationale Christliche Rechte: Alliance Defending Freedom

Latzel kann dabei auch auf die Unterstützung der internationalen christlichen Rechten setzen: die rechtschristliche US-amerikanische Anwalts-Lobby-Organisation Alliance Defending Freedom (ADF) begleitete das Strafverfahren gegen Latzel engmaschig medial.

ADF praktiziert Kulturkampf vor Gericht. Ihre Strategie lässt sich durchaus als „lawfare“ bezeichnen – eine Strategie, bei der Mittel des Rechtsstaats wie Gerichtsverfahren nicht primär zur Rechtsdurchsetzung, sondern zur Schwächung der Gegner*innen eingesetzt werden.

Seit Jahren zählt ADF zu den zentralen internationalen Akteuren der christlich-rechten Szene, die weltweit gegen LGBTQ*-Rechte und reproduktive Selbstbestimmung mobilisiert und vom Southern Poverty Law Center als „hate group“ eingeordnet wird.

Screenshot einer Website des SPLC (Southern Poverty Law Center) mit dunklem Design. Links steht groß „Alliance Defending Freedom“ mit dem Hinweis „SPLC Designated Hate Group“. Darunter Angaben: Ideologie „Anti-LGBTQ“, gegründet 1994, Standort Scottsdale, Arizona. Oben Navigation zu „Racial Justice Issues“, „Find Resources“ und „State Support“. Rechts ist das Logo von „Alliance Defending Freedom“ zu sehen.
Infoseite Southern Poverty Law Center zur Alliance Defending Freedom, Quelle: https://www.splcenter.org

So wirkte ADF beispielsweise im Umfeld der Aufhebung des Urteils zum Recht auf Abtreibung in den USA (Roe v. Wade) mit, unterstützt dort aktuell – vor dem Supreme Court gerade erst „erfolgreich“ – Verfahren gegen Verbote von Konversionsbehandlungen und baut – von Medien weitgehend ignoriert oder allenfalls am Rande erwähnt – bereits seit einigen Jahren ihren Einfluss in Europa mit erheblicher finanzieller Schlagkraft aus.

Das European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights (EPF) warnt seit Jahren vor massiv wachsender Einflussnahme religiös-extremer und gegen Menschenrechte agierender Netzwerke in Europa, darunter auch der ADF.

Titelseite des EPF-Reports: Grafik eines Eisbergs im Meer: Über der Wasseroberfläche ist nur die Spitze sichtbar, darunter ein großer Teil mit Geldscheinen im Inneren. Links steht der Titel „Die Spitze des Eisbergs“ sowie der Untertitel über religiös-extremistische Geldgeber gegen Menschenrechte auf Sexualität und reproduktive Gesundheit in Europa (2009–2018). Unten ist das Logo des European Parliamentary Forum (EPF).
Report des EPF „Die Spitze des Eisbergs“, Quelle: Quelle: https://www.epfweb.org

Wie berechtigt diese Warnungen sind, zeigt neben mittlerweile zahlreichen Auftritten der ADF in Deutschland (vgl. z.B. hier, hier oder hier) auch dessen Mitwirkung am Project 2025 – jenem Programm der Heritage Foundation, das nicht bloß konservative Politik formuliert, sondern auf einen autoritären Umbau des US-Staates hinausläuft, wie wir ihn derzeit in den USA verfolgen können.

Das Buch „Der Fall Latzel“: Ein Rufmord GEGEN den Rechtsstaat

Ungeachtet dessen veröffentlichte ausgerechnet Felix Böllmann, Leiter der Rechtsabteilung von ADF International Wien, gemeinsam mit David Wengenroth, Leiter des Meinungs-Ressorts beim rechtskonservativen, evangelikalen Idea-Magazin, Ende vergangenen Jahres das Buch „Der Fall Latzel – Ein Rufmord mithilfe der Justiz“.

Buchcover „Der Fall Latzel“ von David Wengenroth und Felix Böllmann. Untertitel „Ein Rufmord mithilfe der Justiz“. Illustration zeigt zwei Männer im Gerichtssaal an einem Tisch sitzend, einer schreibt, der andere mit verschränkten Händen; im Hintergrund eine weitere Person.
Buchcover „Der Fall Latzel“, Fontis-Verlag, Quelle: https://www.fontis-shop.de

Nach Autoren und Untertitel nicht überraschend wird das Verfahren gegen Latzel in dem Buch als politischer Skandal geframed und Latzel zum Opfer einer Kampagne aus Justiz und Medien erklärt.

Idea begleitete das Verfahren ebenfalls intensiv und veröffentlichte beispielsweise ein Interview (Paywall) mit Latzel unter der Zitatüberschrift:

Screenshot eines IDEA-Artikels mit der Überschrift „Interview - Olaf Latzel: ‚Ich halte mich nach wie vor für unschuldig‘“ (29.07.2025). Darunter ein Foto von Olaf Latzel in einer Kirche mit bunten Kirchenfenstern im Hintergrund. Bildunterschrift: Olaf Latzel spricht über seine Gerichtsprozesse und Disziplinarverfahren.
Screenshot Vorschau Idea-Interview mit Olaf Latzel, Quelle: https://www.idea.de

Die BEK und die internationale Christliche Rechte geben sich in St. Martini die Klinke in die Hand…

Zuletzt bleibt zu erwähnen, dass bereits am 25. April 2026 – also einen Tag nach Abschluss der Aktionswoche mit dem Lighthouse – in St. Martini ein „Studientag“ unter dem Titel „Christenverfolgung in Deutschland?!“ stattfindet.

Zweiteiliges Veranstaltungsplakat „Christenverfolgung in Deutschland?!“ für Studientag kirchlicher Mitarbeiter und Pfarrer. Links: Referentenliste mit Namen und Themen (u. a. Pastor Dr. Theol. Stefan Felber, Dr. jur. Felix Böllmann, Prof. Dr. jur. Torsten Schmidt, Pastor Olaf Latzel). Rechts: Veranstaltungsdetails mit Datum (25. April 2026), Ort (St. Martini Gemeinde Bremen), Veranstalter (ADF International Wien), Kostenhinweis sowie Anmeldeinformationen. Dadruter Bibelvers: "Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. (Matthäus 5,10)"
Veranstaltungsankündigung „Studientag“: „Christenverfolgung in Deutschland?!“ auf der Webseite des Gemeindenetzwerks (Arbeitsbereich des Gemeindehifsbundes), Quelle: https://www.gemeindenetzwerk.de

Veranstalter: Die ADF International Wien. Als Referent dabei: wiederum Felix Böllmann von der ADF.

Auch darauf wiesen wir die BEK in unserer Anfrage hin. Die (Nicht-)Antwort wurde bereits erwähnt.

Man könnte also durchaus sagen: Die BEK und eine als Hate-Group eingeordnete rechtschristliche Organisation werden sich in St. Martini in Kürze die Klinke in die Hand geben…

Hofft die Kirchenleitung, dass das niemand mitbekommt?

Kein Einzelfall – Peter Hahne zu Gast in St. Martini

Wer also die Zusammenarbeit des Lighthouse mit St. Martini als punktuelle Kooperation verharmlosen will, übersieht den größeren politischen und ideologischen Zusammenhang, in dem sich diese Gemeinde längst bewegt.

Im Übrigen zeigte sich bereits im letzten Sommer, als zum Jubiläum der St. Martini Gemeinde ausgerechnet der ehemalige ZDF-Moderator und Brückenbauer zur Neuen Rechten, Peter Hahne, auftrat, wie sehr Latzel und seine Gemeinde ihrer ideologischen Linie treu bleiben.

In seiner Predigt stellte Hahne unter anderem den Nationalsozialismus („Hakenkreuz-Religion„) und queere Menschen („Regenbogen-Religion„) gleich.

Die Veranstaltung mit Hahne wurde zunächst auch auf der Webseite der BEK angekündigt:

1. Rechte Christen unter sich: Dass Olaf Latzel zum Jubiläum seiner Martini-Gemeinde Peter Hahne einlädt, wundert nicht wirklich – beide sind extrem rechts. Dass die Bremische Evangelische Kirche die Veranstaltung auf ihrer Homepage bewirbt macht hingegen fassunglos… buff.ly/PL6AiCY

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2025-08-26T19:49:40.065Z

Nach kritischen Medienberichten distanzierte sich die BEK, ohne den Auftritt Hahnes namentlich zu erwähnen. Und verwies auf die vermeintliche Alleinverantwortlichkeit der St. Martini Gemeinde.

Sehen wir im aktuellen Fall nun wieder einen merkwürdigen Schlingerkurs?

Die eigentlichen Fragen

Die BEK betont weiterhin ihre Werte: Respekt, Dialog, Verantwortung.

Schließt dieses Motto Kooperationen wie die mit Latzel ein?

Wo bleiben bei so einer Veranstaltung „Respekt, Dialog & Verantwortung“ in Bezug auf die Menschen, die immer wieder Betroffene von Hasstiraden Latzels werden?

Fazit: Zwischen (vermeintlichem) Anspruch und Praxis

Die BEK distanziert sich – und arbeitet doch zusammen.

Sie antwortet – ohne zu antworten.

Und sie kommuniziert – in der Hoffnung, dass es niemand mitbekommt.

Eine „Mission Respekt“ sollte anders aussehen.

Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit

Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit

An dieser Stelle veröffentlichen wir unsere Handreichung zur Sensibilisierung gegenüber christlich-fundamentalistischen Aktivitäten in der Sozialen Arbeit. In der durch die Freie und Hansestadt Hamburg geförderten Broschüre werden Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke des christlichen Fundamentalismus in Deutschland analysiert.

Die Broschüre umfasst die folgenden Abschnitte:

  • Begriffsdefinition Christlicher Fundamentalismus
  • Spannungsfelder mit der professionellen Sozialen Arbeit
  • Vorgehensweisen christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen
  • Beispiele christlich-fundamentalistischer Projekte
  • Recherchetipps für die Praxis

Im Anhang werden zudem Anlauf- und Beratungsstellen sowie Hilfsangebote aufgeführt. Die Broschüre kann hier frei heruntergeladen werden.

Hier kann die zur Veröffentlichung der Broschüre am 22.07.2025 herausgegebene Pressemitteilung aberufen werden.

Weiterlesen:

Das heterogene Spektrum des christlichen Fundamentalismus umfasst ein weitverzweigtes Netz unterschiedlicher Gemeinschaften, Gemeinden und Gruppierungen bis hin zu NGOs mit dezidiert christlicher Ausrichtung. Gleichwohl ist die Problematik des christlichen Fundamentalismus in der Radikalisierungs- und Extremismusforschung sowie in der zivilgesellschaftlichen und medialen Debatte bislang unterrepräsentiert.

Zeitgleich dringen christlich-fundamentalistische Akteurskonstellationen mehr und mehr (auch) auf Gebiete der Sozialen Arbeit und in Wohlfahrtsverbände vor. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen religiöser Zielsetzung und den Bedürfnissen von Klient*innen. Zunehmend verwischt die Grenze zwischen ergebnisoffener, klient*innenzentrierter Sozialer Arbeit und Mission, Glaube und „Rettung“. In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft entstehen dadurch Konflikte über Fragen reproduktiver, sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit und Minderheitenschutz.

Vor diesem Hintergrund zeigt die vorliegende Broschüre anhand mehrerer Beispiele – vorwiegend, aber nicht nur aus dem Raum Hamburg und Schleswig-Holstein – typische Strategien christlich-fundamentalistischer Gruppierungen auf. Sie benennt Handlungsfelder, Binnenthemen und Vorgehensweisen.

Auch wenn die Beispiele regional gewählt wurden, müssen sie im Kontext globaler christlich-fundamentalistischer Aktivitäten verstanden werden, deren regionale Ableger im diskursiven Austausch mit den übrigen Akteur*innen stehen und die, etwa durch Missionsprojekte, auch einen personellen Austausch organisieren.

Die Broschüre ist ein Appell für mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen.

Wir hoffen, mit dieser Broschüre eine Ressource für politische, zivilgesellschaftliche und behördliche Verantwortliche und Interessierte vorzulegen sowie einen – in unseren Augen überfälligen – Debattenbeitrag in der Auseinandersetzung mit erstarkendem christlichen Fundamentalismus.

In Kürze werden wir hier auch noch einen Termin zur Online-Vorstellung der Broschüre mitteilen. Weitere Infos folgen!

Gerne stellen wir unsere Rechercheergebnisse auch im Rahmen individueller Vorträge, Workshops o.ä. vor. Basierend auf unseren eigenen Rechercheerfahrungen geben wir dabei gerne auch Recherchetipps für die Praxis, die das Erkennen problematischer christlich-fundamentalistischer Ausrichtungen von Akteur*innen erleichtern sollen. Anfragen hierzu sowie Konditionen im Einzelfall können ebenfalls an vorgenannte E-Mailadresse gerichtet werden.

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