„Jesus Christus ist Herr über Österreich“: Was hinter dem Wiener „Marsch für Jesus“ (M4J) steckt

Am 19. September wollen mehr als 100 christliche Gemeinden und Organisationen beim „Marsch für Jesus“ (M4J) durch Wien ziehen. Die Veranstalter versprechen Einheit, Freude und Lobpreis und betonen, der Marsch sei nicht politisch. Ein Blick auf Geschichte, Gebetspraxis, Unterstützer und Veranstalternetzwerk zeigt jedoch ein deutlich komplexeres Bild, das auch von Medien aktuell wohl gern übersehen wird. (Titelbild: Montage: FundiWatch; Foto: HOFBURG Vienna, CC BY-SA 3.0; Stich: Giulio Bonasone, 1544, Public Domain/The Met).

Am 19. September 2026 soll der „Marsch für Jesus“ über die Wiener Ringstraße ziehen. Mehr als 100 Kirchen, Gemeinden und christliche Organisationen unterstützen die Veranstaltung; erwartet werden laut den Veranstaltern mindestens 10.000 Teilnehmer*innen. Das Motto lautet „Einheit – Sichtbarkeit – Lobpreis“. Kathpress berichtet über die aktuellen Planungen.

Die Selbstdarstellung scheint (jedenfalls innerhalb christlicher Gruppen) zunächst bewusst anschlussfähig und bemüht sich um Ausklammerung vermeintlicher Konfliktthemen: Katholische, evangelische, orthodoxe und freikirchliche Christ*innen sollen gemeinsam ihren Glauben öffentlich zeigen. Der Marsch richte sich gegen niemanden und sei keine politische Demonstration. Politiker*innen seien nicht als Redner*innen vorgesehen.

Gleichzeitig haben die Organisatoren mit den beteiligten Gruppen ausdrücklich „Spielregeln“ vereinbart, wie auf einer Pressekonferenz erklärt wurde: Politische Einzelthemen und „heiße Themen“ wie „LGBT“, Abtreibung und Sterbehilfe sollen beim Marsch nicht vorkommen. Im Zentrum stehe, was Christ*innen miteinander verbinde. Bereits hier scheint bemerkenswert, dass Menschenrechte für LGBTIQ* und Selbstbestimmungsrechte für Menschen offenbar nach Ansicht der Organisatoren nicht zu den „verbindenden“ Elementen gehören…

Und was bedeutet eigentlich „unpolitisch“, wenn Gebet und Lobpreis selbst mit dem Anspruch verbunden werden, auf Stadt und Land einzuwirken – und wenn hinter dem Marsch Netzwerke stehen, die gesellschaftliche und politische Mitgestaltung ausdrücklich organisieren?

Ein Marsch mit Vorgeschichte

Der „March for Jesus“ entstand nicht als neutraler ökumenischer Demonstrationsrahmen. Der erste große City March fand bereits 1987 in London statt.

Zu den prägenden Akteuren gehörten Roger Forster, Gerald Coates, Worship-Musiker Graham Kendrick und Lynn Green von Youth With A Mission (YWAM). Die frühen Märsche verbanden öffentlichen Lobpreis, Evangelisation und christliche Einheit – in weiten Teilen des Milieus aber auch Vorstellungen „geistlicher Kriegsführung“ um Städte und gesellschaftliche Räume.

Der Religionswissenschaftler Gerald C. Ediger beschreibt die Entstehung der Bewegung als Verbindung von Lobpreis, öffentlichem Glaubenszeugnis und Spiritual Warfare.

Engel mit Schwertern über London und ein Börsencrash

Überliefert ist etwa eine Vision Barbara Pymms von zwei mit Schwertern bewaffneten Engeln über London, die gegen „principalities and powers“ (übersetzt: Fürstentümer und Mächte) über der Stadt kämpfen sollten. Roger Forster beschrieb Lobpreis und öffentliche Proklamation als Instrumente einer geistlichen Auseinandersetzung.

Gerald Coates führte später sogar den Londoner Börsencrash von 1987 auf den Marsch und ein göttliches Gericht über gierige Finanzinstitutionen zurück.

Forster schrieb später das Vorwort zur britischen Ausgabe von C. Peter Wagners „Territorial Spirits“ (übersetzt: Territoriale Geister). Wagner wurde zu einem zentralen Vertreter der Strategic-Level Spiritual Warfare (sog. „geistliche“ oder „spirituelle“ Kriegsführung), welche die Vorstellung beinhaltet, geistliche Mächte könnten Städte, Regionen oder ganze gesellschaftliche Bereiche beeinflussen.

Später prägte er die sog. New Apostolic Reformation maßgeblich mit und verbreitete das sogenannte Seven Mountain Mandate, das christlichen Einfluss auf zentrale gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Medien, Bildung, Wirtschaft, Familie, Religion und Kultur anstrebt. Eine religionswissenschaftliche Einordnung von Strategic-Level Spiritual Warfare findet sich hier.

Die New Apostolic Reformation ist weist ideologisch sehr weitgehende Übereinstimmungen mit der von der Theologin Maria Hinsenkamp in ihrer Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ analysierten Kingdom-minded Network Christianity (kurz: KiNC).

Graham Kendrick wiederum veröffentlichte gemeinsam mit Steve Hawthorne „Prayer-Walking: Praying on Site with Insight“. Prayer Walking (also sogenannte Gebetsspaziergänge oder auch -märsche) verbindet Gebet bewusst mit konkreten Orten, für die geistliche Veränderung erbeten wird.

Loren Cunnigham von YWAM war wiederum einer der Evangelikalen, denen in den 70er Jahren die Vision des sogenannten Seven Mountain Mandate offenbart worden sein soll.

Von London nach Wien: „Gebet als Fundament“

Zwar kann aus dieser Vorgeschichte nicht abgeleitet werden, dass die Wiener Veranstalter des M4J 2026 sämtliche der damaligen Vorstellungen von Spiritual Warfare oder territorialen Mächten teilen.

Auffällig sind jedoch Kontinuitäten u.a. in der Praxis und Sprache. Auch die aktuelle Präsentation des Marsches hebt „Gebet als Fundament“ hervor. Vorgesehen sind „Gebet um den Ring“, „Walk & Pray“ und „Gebet am Berg“; gebetet werden soll für „Einheit, Schutz und geistliche Frucht“. An anderer Stelle heißt es, Wien und ganz Österreich sollten mit der „Herrlichkeit Jesu“ erfüllt werden.

Auch „Christen in Wien – Kreis zur Einheit“, einer der zentralen Träger des Marsches, veranstaltet regelmäßig Prayer Walks. Diese führen nach eigener Darstellung vom Rathaus gezielt zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Orten wie Parteizentralen, Heldenplatz, Parlament oder Universität.

Auf Nachfrage von FundiWatch erläutert Projektleiter des diesjährigen Marsch für Jesus in Wien, Johannes Unosson, die gemeinsame Gebetspraxis solle dazu beitragen, dass Menschen Jesus Christus als „Herrn und Retter“ kennenlernen; dies sei für ihn das „schönste Beispiel“ einer nachhaltigen positiven „geistlichen Auswirkung“ in Österreich.

Einheit – aber worüber?

Die Unterstützerliste des Wiener Marsches reicht tatsächlich über zahlreiche Konfessionsgrenzen hinweg. Deutlich überwiegend sind jedoch evangelikale, pfingstlich-charismatische und missionsorientierte Gemeinden und Werke sowie konservativ-katholische, gebets- und erweckungsorientierte Akteure.

Konfessionelle Vielfalt bedeutet natürlich nicht automatisch gesellschaftspolitische Vielfalt. Und so überrascht es nicht wirklich, dass wir unter den Unterstützer*innen bisher keine erkennbaren Gegenpositionen zu den stattdessen vielfach dokumentierten fundamentalistischen Positionen bei LGBTIQ*, Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe feststellen konnten. Ideologisch scheint man doch eher „unter sich“ zu bleiben – trotz aller Bemühungen um Anschlussfähigkeit.

Darüber sollte auch die Unterstützung aus Teilen der Evangelischen Kirche nicht täuschen, die insgesamt eher zu dem Marsch Distanz hält. Während es der Evangelischen Kirche A. B. gegenüber dem Furche-Magazin wichtig war festzustellen, dass sie nicht an dem Marsch teilnimmt, steht die Evangelische Kirche Radstadt-Altenmarkt ebenfalls auf der Unterstützerliste. Das Presbyterium der Kirche lehnte 2019 die kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare „grundsätzlich und entschieden“ ab und erklärte, „homosexuelle Lebensweise“ entspreche nach seinem Bibelverständnis nicht dem Willen Gottes. Die damalige Stellungnahme ist im Kirchenboten dokumentiert.

Und dass die heute ausgeklammerten Themen innerhalb der österreichischen March-for-Jesus-Tradition keineswegs immer ausgespart wurden, zeigt der Marsch für Jesus in Klagenfurt im Jahr 2017 (Archiv-Link). Dort gehörten ausdrücklich der „Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende“ sowie das „Gebet für Politiker und die bevorstehenden Wahlen“ zu den Anliegen des Marsches.

Es bleibt also offen, welche tatsächlich unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Positionen durch die „Spielregeln“ beim diesjährigen Marsch für Jesus überbrückt werden – und ob es diese unterschiedlichen Positionen bei den Unterstützer*innen überhaupt gibt.

Auf Nachfrage von FundiWatch, welche unterschiedlichen Positionen der beteiligten Organisationen zu LGBTIQ*, Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe durch die vereinbarten „Spielregeln“ überbrückt werden sollten, teilte Unosson mit, man erfasse und bewerte die „unterschiedlichen persönlichen Positionen“ der Teilnehmenden nicht.

Projektleiter Johannes Unosson selbst gehört dem Vorstand der Plattform Christdemokratie an und initiierte 2024 deren Aktion „100 Kinderwagen“. Gegenüber Corrigenda erklärte er, es gehe ihm darum, das „Problem der vielen Abtreibungen sichtbar“ zu machen und gesellschaftlich als Problem kenntlich zu machen.

Das politische Netzwerk hinter dem Marsch

Auch das organisatorische Umfeld lässt die Bezeichnung „unpolitisch“ fraglich erscheinen. Entscheidend sind dabei weniger einzelne Namen als zwei institutionelle Scharniere: die Evangelische Allianz Wien und die Plattform Christdemokratie.

Die Evangelische Allianz Wien unterhält eine Arbeitsgruppe „Politik & Gesellschaft“. Sie will nach eigener Darstellung das „christliche Menschen- und Weltbild“ in der Gesellschaft verwirklicht sehen und christliches Engagement unter anderem in Politik, Medien, Bildung und Wirtschaft fördern.

Besonders eng arbeitet die Allianz mit der Plattform Christdemokratie zusammen. Im Januar 2026 veranstalteten beide unter der Schirmherrschaft der ÖVP-Nationalratsabgeordneten und Rechtskatholikin Gudrun Kugler im österreichischen Parlament „Aufbruch – Veränderung beginnt jetzt“. Laut Präsidentin Suha Dejmek brauche es

„…mehr Christen in relevanten Gesellschaftsbereichen – in der Wirtschaft, im Medien- und Bildungsbereich, in der Kunst und Kultur, aber auch in der Politik, denn dort werden bekanntlich alle Entscheidungen getroffen”.

Unter den vertretenen Organisationen befand sich auch der „Marsch für Jesus“ mit einem eigenen Informationsstand.

Eine personelle Brücke ist Jan Ledóchowski: Präsident der Plattform Christdemokratie, ÖVP-Politiker und zugleich Mitglied des katholischen Unterstützungskomitees des Marsches. Gemeinsam mit der Evangelischen Allianz Wien veröffentlicht seine Plattform „Christliche Wahlprüfsteine“. Zur Nationalratswahl 2024 warb sie mit dem Satz: „Nur wenn christliche Politiker gewählt werden, haben wir auch christliche Politik in diesem Land.“

Die Mobilisierung ist dabei nicht ausschließlich auf die ÖVP beschränkt. In den Wahlprüfsteinen werden auch FPÖ-Kandidat*innen berücksichtigt. Die Fragen an die Politiker*innen zeigen bereits eine deutliche ideologische Richtung. So wird beispielsweise zum Thema Gender gefragt:

„Wie stehen Sie zur Genderideologie, die ihren Niederschlag in der Sexualpädagogik in Kindergärten und Schulen, der Veränderung der Sprache und der Auflösung der Bipolarität der Geschlechter (Transgender) findet?”

Auch zum ausdrücklich politischen „Marsch fürs Leben“ radikaler Abtreibungsgener*innen bestehen personelle Überschneidungen. 2025 nahmen etwa die Weihbischöfe Franz Scharl und Stephan Turnovszky teil. Beide gehören nun dem katholischen Unterstützungskomitee des „Marsch für Jesus“ 2026 an.

Beim „Marsch fürs Leben“ wurden ein Ende von Abtreibung und Euthanasie gefordert. Unter den politischen Teilnehmer*innen waren Vertreter*innen von ÖVP und FPÖ. Eine Presseaussendung der Veranstalter dokumentiert die Teilnahme.

Wie unpolitisch ist „unpolitisch“?

Auch die eigenen Unterlagen des Marsches beschreiben mehr als ein Fest des persönlichen Glaubensbekenntnisses.

Im Pressekit heißt es, Christ*innen müssten durch „Gebet, Evangelisation und gesellschaftsrelevante Arbeit“ gemeinsam Verantwortung für „unser Land und unsere Orte“ übernehmen. Als Ziele werden unter anderem die „Stärkung christlicher Werte durch öffentliche Wahrnehmung von Christen“ und ein Ereignis genannt, das „in Medien positiv reflektiert werden kann“. Ein weiteres Grußwort bezeichnet den Marsch als „Demonstration des Reiches Gottes“.

Bemerkenswert ist zudem ein im aktuellen Pressekit wiederveröffentlichtes Grußwort der bereits erwähnten ÖVP-Angeordneten Gudrun Kugler aus dem Dezember 2013. Christ*innen seien „zaghaft oder gar feig geworden“, heißt es darin. Der Marsch solle ihre Stimme hörbar machen, „damit die Politik menschlich bleibt“; teilzunehmen bedeute, für Österreich zu beten und „das Land aktiv mitzugestalten“.

Kugler wurde im österreichischen Rechtsextremismusbericht des DÖW 2023 im Zusammenhang mit „Rechtskatholizismus“ erwähnt. Internationale Recherchen u.a. des European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rights (EPF) nennen Kugler im Zusammenhang mit frühen Treffen des informellen, transnationalen christlich-fundamentalistisches und ultrakonservativen Strategienetzwerks Agenda Europe.

„Unpolitisch“ bedeutet im Zusammenhang des „Marsch für Jesus“ also offensichtlich weniger den Verzicht auf gesellschaftspolitische Einflussnahme als den Verzicht darauf, eigene konfliktträchtige politischen Forderungen beim gemeinsamen Auftritt ausdrücklich zu thematisieren, um möglichst weitreichende Anschlussfähigkeit zu erreichen.

Auf Nachfrage von FundiWatch betont Projektleiter Unosson die politische Mitverantwortung von Christ*innen und erklärt, man ermutige Menschen dazu, „sich politisch einzubringen“. Politiker*innen aller Parteien seien willkommen. Für 2026 habe man jedoch bewusst entschieden, „keine politischen Beiträge auf der Bühne stattfinden zu lassen“.

Zugleich kündigt Unosson an, dass die Plattform Christdemokratie mit einem eigenen Stand vor Ort vertreten sein werde; er selbst gehört deren Vorstand an.

Österreichische Vorgeschichte: Sühne für wen?

Neben der internationalen Entstehungsgeschichte stellt die Wiener Bewegung selbst eine zweite, österreichische Traditionslinie her.

Das Pressekit erinnert daran, dass der Franziskaner Petrus Pavlicek 1947 – „gefolgt von einer inneren Stimme“ – den Rosenkranz-Sühnekreuzzug gründete. Von 1950 bis 1955 seien jährlich Sühneprozessionen um die Wiener Ringstraße gezogen; zeitweise hätten bis zu 80.000 Menschen teilgenommen. Die Unterzeichnung des Staatsvertrags und der Abzug der Besatzungsmächte werden in dieser Tradition als Gebetserhörung gedeutet. Eine heutige Selbstdarstellung des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs knüpft weiterhin an diese Gebets- und Befreiungserzählung an.

In den von FundiWatch ausgewerteten Selbstdarstellungen des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs und zu Petrus Pavlicek findet sich hingegen keine Auseinandersetzung mit der österreichischen Mitverantwortung für Nationalsozialismus, Judenverfolgung und Shoah. Im Mittelpunkt stehen stattdessen Bekehrung, stellvertretende Sühne, Frieden und die Befreiung Österreichs von der Besatzung. Österreich erscheint dabei primär als besetztes, bedrohtes und schließlich befreites Land.

Die Beteiligung vieler Österreicher*innen an NS-Herrschaft, Verfolgung und Shoah kommt in den von uns ausgewerteten Darstellungen nicht vor.

„Identifikationsbuße“?

Darauf angesprochen teilt Unosson mit, das historische Gebet am Ring für Österreich weise eine klare Parallele zum heutigen Marsch für Jesus auf.

Zur Auseinandersetzung mit der österreichischen Mitverantwortung teilt Unosson mit, in dieser „Tradition des öffentlichen Gebets und der Verantwortung“ habe es in den 1990er-Jahren einen „von Christinnen und Christen getragenen Bußgebetsmarsch nach Mauthausen“ gegeben. Dessen Ziel sei gewesen, die österreichische Mitverantwortung für den Nationalsozialismus, die Judenverfolgung und die Shoah „öffentlich zu bekennen“.

Tatsächlich lässt sich ein christlicher Bußgebetsmarsch nach Mauthausen im Jahr 1995 belegen. Johannes Fichtenbauer, 1992 Hauptorganisator des ersten österreichischen „Marsch für Jesus“ und heute erneut Unterstützer, beschreibt ihn als von charismatischen Leitern in Österreich organisierten „repentance march“ im Gedenken an NS-Verbrechen an Jüd*innen und an das Versagen von Christ*innen, dagegen aufzustehen. Fichtenbauer schildert den Marsch rückblickend als „act of identification“ und beschreibt seine persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus als geistliche Befreiung: In Mauthausen habe er geweint, bis der „demonic trash“ aus ihm heraus gewesen sei.

Beim späteren „Weg der Versöhnung“, heute Mitveranstalter des M4J 2026, wurde ab 2003 ausdrücklich mit dem stark umstrittenen Konzept einer sogenannten „Identifikationsbuße“ gearbeitet:

„Erstmals haben wir 2006 die Identifikationsbuße und Heilung der Erinnerung im Konzentrationslager Mauthausen angewendet und unsere Schuld an den Juden vor Gott gebracht. Ein messianischer Jude sprach uns damals Vergebung aus.“

„Identifikationsbuße“ bezeichnet die Praxis, historische Schuld einer eigenen Bezugsgruppe stellvertretend vor Gott zu bekennen. An vergleichbaren evangelikal-charismatischen Formen des Holocaust-Gedenkens wird u.a. kritisiert, dass dabei Opfer für eigene religiöse Zwecke instrumentalisiert und die spirituelle Entlastung der christlichen Teilnehmenden in den Mittelpunkt gerückt werde.

Verbindungen zum „Marsch des Lebens“ der TOS-Gemeinde Tübingen

In Deutschland bezog sich diese Kritik insbesondere auf die von Jobst Bittner von der TOS-Gemeinde initiierte „Märsche des Lebens.

2015 warnte der Dachauer Gedenkstättenpfarrer Björn Mensing bei einem „Marsch des Lebens“ vor einer „dämonologischen Deutung des Nationalsozialismus“. Die damalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, kritisierte, das Schicksal der Überlebenden stehe nicht im Vordergrund. Vielmehr gehe es eher um die Befindlichkeiten der Teilnehmenden.

Und auch hier findet sich eine Verbindung zum „Marsch für Jesus“: Beim ersten „Marsch des Lebens“ 2024 in Wien trat Fichtenbauer gemeinsam mit Jobst Bittner auf. Und zählte dort gerade den Bußmarsch von 1995 als Wendepunkt seiner Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus.

„Jesus Christus ist Herr über Österreich!“

Wer verstehen will, was am 19. September über den Wiener Ring zieht, sollte deshalb nicht nur fragen, ob die Veranstaltung friedlich ist oder ob Christ*innen öffentlich beten dürfen.

Bedeutsamer für die Verteidigung einer pluralistischen, demokratischen und auf Menschenrechten beruhenden Gesellschaft ist, welche Vorstellungen von „Einheit“, gesellschaftlicher Mitgestaltung und geistlicher Wirksamkeit sich hinter dem öffentlichen Bild tatsächlich verbergen.

Rückblick: CSD München 2026

Christliche Fundamentalist*innen auf dem CSD beflyern selbst FundiWatch…

Wir waren auf dem CSD München 2026 mit dabei. Bei brütender Hitze durften wir auf unsere Arbeit aufmerksam machen und waren mit unserem neuen Banner am Start. Bei der Hitze haben wir ganz vergessen, mehr Fotos zu machen, aber hier immerhin eines noch aus der Startaufstellung:

Neues Banner, neue Sticker und Flyer…

Sehr gefreut hat uns, dass rechtzeitig zum CSD München unser neues FundiWatch-Banner sowie unsere Flyer und Sticker ankamen, die wir an viele Interessierte verteilen konnten.

Ein herzlicher Dank gilt auch an all die Gruppen, die unsere Sticker und Flyer auf der CSD-Meile an ihren Ständen ausgelegt haben! Diese Aufmerksamkeit hat uns sehr geholfen, bekannter zu werden. Im Nachgang haben wir sogar Anfragen von Personen erhalten, die uns bisher nicht kannten, dadurch auf uns aufmerksam wurden und mit Fragen zu christlich-fundamentalistischen Gruppen auf uns zu kamen. Das Schwitzen hat sich also mehr als gelohnt!

Unser Banner für den #CSD in #München #MunichPride dieses Wochenende ist heute angekommen… Auf geht's zum fröhlichen Schwitzen! Wir sind in Gruppe Nr. 99 – und wenn's gut läuft haben wir auch Sticker dabei… 😉 Also schaut vorbei! 💜 🌈

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2026-06-24T20:02:02.786Z

Wer Interesse an unseren Stickern und Flyern hat und diese bei sich auslegen oder verteilen möchte, kann sich gerne bei uns melden! Gerne schicken wir euch ein unverbindliches Angebot zu, mit dem wir unseren Aufwand abdecken können.

Gerne würden wir die Bereitstellung von entsprechenden Info-Materialien noch weiter ausbauen, arbeiten bisher als Kollektiv aber weiterhin ohne feste Finanzierung. Wer uns also einmalig oder regelmäßig unterstützen mag, findet Gelegenheit dazu hier – jeder Euro hilft uns und Dank an all unsere Unterstützer*innen!

„Outreach CSD“ von Reviving the World

Auch dieses Jahr waren wieder christlich-fundamentalistische Gruppen auf dem CSD präsent. Über die Aktion „Outreach CSD“ der Gruppe „Reviving the World“ hatten wir bereits kurz vor dem Start des CSD berichtet.

Ein*e Teilnehmer*in vom CSD berichtete uns, dass sie von einer Gruppe angesprochen wurde, die behauptet habe, ein Straßeninterview zum Thema Liebe führen zu wollen. Es schien alles zunächst harmlos, doch dann wurde die Person skeptisch, lehnte ab und widersprach der Veröffentlichung von Aufnahmen. Absolut richtige Reaktion! Denn immer wieder werden Teilnehmende in Videos von christlichen Fundamentalist*innen auf CSDs vorgeführt, die Videos werden manipulierend geschnitten und es wird sich über sie lustig gemacht.

Fundis beflyern FundiWatch…

Auch vor FundiWatch machten die Fundis keinen Halt. Eine Person drängte uns ihren Flyer von der Gruppe Beit Sar Shalom auf (den wir natürlich zu Archivierungszwecken gern an uns nahmen). Unseren FundiWatch-Flyer wollte sie allerdings nicht haben…

Quelle: Eigene Fotoaufnahme FundiWatch.

Die weitreichend vernetzte Gruppe Beit Sar Shalom steht vor allem in Kritik aufgrund ihrer offensiven „Judenmission“. Zu ihren Netzwerken und Verbundenheiten mit zahlreichen umstrittenen und queerfeindlichen Organisationen gibt es auch einen Abschnitt in der open source verfügbaren Dissertation der Theologin Dr. Maria Hinsenkamp, „Visionen eines neuen Christentums„ – dies insbesondere im Hinblick auf die Mitgliedschaft von Beit Sar Shalom im Trägerkreis des Christlicher Convent Deutschland (CCD).

Ausführlich legt Hinsenkamp in ihrer Dissertation dar, welch zentrale Rolle der Christliche Convent Deutschland (CCD) als Bindeglied zahlreicher christlich-fundamentalistischer Akteur*innen der „Kingdom-minded Network Christianity“ (KiNC) – also einer Bewegung, die Gesellschaften entsprechend ihrer christlich-fundamentalistischer Ideologien „transformieren“ möchte – spielt:

„Aus der Mitte der KiNC wurde jedoch ihr Formationsprozess innerhalb der letzten Jahre einmal mehr durch die gezielte Bildung neuer Netzwerke und die daraus entstehenden Initiativen vorangetrieben, um möglichst viele Akteur:innen hinter den basileianisch orientierten Visionen zu sammeln und das Bewusstsein für ihre Relevanz zu steigern, auch über pfingstlich-charismatische Grenzen hinaus. Eine besondere Rolle spielt dabei der Christliche Convent Deutschland (CCD), entstanden aus dem Netzwerk Treffen von Verantwortlichen (TvV), das auch in der Formierung des Netzwerkes Miteinander für Europa (MfE) federführend war. Aus dem CCD haben sich insbesondere mit Ausbruch der Corona-Pandemie verschiedene Veranstaltungsinitiativen gebildet (z.B. Deutschland betet gemeinsam, Hoffnungsschimmer), die die synergetischen, flexiblen, agilen und einflussreichen Kräfte von visionsgetragenen Netzwerkstrukturen einmal mehr unter Beweis gestellt haben.“

Hinsenkamp, aaO., S. 282.

Hinsenkamp ordnet die verschiedenen maßgeblichen Akteur*innen der KiNC in Deutschland in ihrer Dissertation auch in einem Schaubild ihren verschiedenen Ausrichtungen zu:

Hinsenkamp, aaO., S. 283, Abbildung 12: Exemplarischer Ausschnitt aus der deutschsprachigen KiNC-Landschaft

Die Mitglieder des Trägerkreises des CCD sind auf dessen Homepage veröffentlicht:

Quelle: https://www.christlicherconvent.com/leitung

Und wer jetzt „Kontaktschuld!“ rufen mag: Die Netzwerke sind offensichtlich bewusst gewählt und eine (öffentliche) Abgrenzung innerhalb dieser findet so gut wie nicht statt.

Kurzer Einschub: Rückblick Protestaktion FundiWatch zum Treffen von „Miteinander für Europa“ parallel zum CSD 2025 in der St. Matthäus-Kirche und UNUM24 zum CSD 2024

Bis Anfang dieses Jahres fand sich als Mitglied im Trägerkreis des CCD auch noch Dr. Norbert Roth auf der Webseite. Mittlerweile ist er dort nicht mehr aufgeführt, die Gründe dafür sind öffentlich offenbar nicht bekannt.

Roth ist Pfarrer der St. Matthäus Kirche – der evangelisch-lutherischen Haupt- und Bischofskirche – am Sendlinger Tor in München. Dort fand letztes Jahr parallel zum CSD das Treffen des ebenfalls zur KiNC zuzuordnenden Netzwerks „Miteinander für Europa“ stattfand, wogegen FundiWatch mit Unterstützer*innen protestierte.

St. Matthäus arbeitet auch immer wieder eng mit dem CVJM München zusammen, der u.a. auch im Trägerkreis der umstrittenen Glaubenskonferenz UNUM24 in der Münchener Olympiahalle – parallel zum CSD 2024 – vertreten war.

Längere Zeit betreute in St. Matthäus Johanna Planeth vom Gebetshaus München – und zugleich neben Gaby Wentland zweite Vereinsvorsitzende von Mission Freedom – dort den Kinder-Krabbelgottesdienst. Die Einrichtung des seit Langem umstrittenen Vereins Mission Freedom „Haus Seenest“ im Allgäu wurde jüngst wegen vermeintlich „kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden“ geschlossen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Heimleitung und mehrere Mitarbeitende wegen des Anfangsverdachts der Misshandlung Schutzbefohlener.

Norbert Roth behauptete vor einem Jahr, von der Kritik an Mission Freedom und Miteinander für Europa nichts zu wissen. Selbstverständlich nehme man unsere Kritik aber ernst und wolle dieser nachgehen. Sichtbar geschehen ist seitdem – jedenfalls von seiner Seite aus – nichts. Der evangelische Regionalbischof Prieto Peral hingegen, der sich offen für unsere Kritik zeigte und sich dieser auch auf unserer Protestkundgebung persönlich stellte, sagte offenbar die Teilnahme an einem Treffen mit entsprechenden KiNC-Akteur*innen ab.

Who lets the Dogs out? Puppys im Einsatz gegen christliche Fundis…

Und dann war da ja noch die Gruppe, die mit Fahrrad und großer Jesus-Flagge das Wochenende über den CSD und das Glockenbachviertel mit ihren Missionseinsätzen behelligte und „zur Umkehr“ aufrief.

Die Gruppe gehört offenbar unter anderem zu einer christlich-fundamentalistischen Gemeinde, die im Glockenbach-Viertel beheimatet ist, dort fleißig das Viertel mit „Jesus rettet“ und ähnlichen Aufklebern bestickert und für „geistliche Kriegsführung“ wirbt.

Quelle: Eigene Aufnahme FundiWatch
Quelle: Eigene Aufnahme FundiWatch

Welche Rolle "geistliche Kriegsführung" ("spiritual warfare") – also die "Befreiung" von Orten von bösen Mächten oder Dämonen durch Gebet – beim Sturm auf das US-Kapitol am 6.1. spielte, kann man in der sehr hörenswerten Podcast-Reihe von @matthewdtaylor.bsky.social erfahren: buff.ly/Inat34L 1/4

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2025-03-13T20:44:25.094Z

Als sich die kleine Gruppe ausgerechnet die CSD-Fetish-Area für ihren Missionseinsatz aussuchte, kam es zum beherzten friedlichen Protest einiger Personen, woraus diese Bilder entstanden sind…:

Quelle: Instagram

„Christliche“ Kampfsportgruppe „Christkönigtum“ dieses Jahr offenbar nicht auf dem CSD München

Nicht wahrgenommen haben wir bisher eine erneute Präsenz der rechtsklerikal-katholischen Gruppe Christkönigtum auf dem Münchener CSD.

Quelle: christkoenigtum.de

Akteurinnen von u. a. „Christkönigtum“ beim „Tausend Kreuze für das Leben“-Aufmarsch 2025 in München. Foto: Lina Dahm

Quelle: a.i.d.a.-Archiv

Letztes Jahr hatte Christkönigtum eine Kundgebung auf dem CSD München angemeldet, die allerdings vorzeitig beendet wurde, als beim Versammlungsleiter ein Messer in seiner Gürtelschnalle festgestellt wurde…

Christkönigtum bietet eigene „christliche Kampfsportgruppen“ an und steht in enger Verbindung mit der Piusbruderschaft – die durch ihre durchgeführten eigenen Priesterweihen „ohne päpstliches Mandat und gegen den Willen des Papstes“ gerade aus der katholischen Kirche exkommuniziert wurde.

Was bleibt…?

Was bleibt: Christliche Fundamentalist*innen sind nicht in der Mehrheit. Aber es gilt weiterhin – wohl seit Langem wieder mehr als jeh – unsere Freiheit gegen antipluralistische und menschenfeindliche Ideologien zu verteidigen.

Aber wichtig auch: Auf dem CSD waren auch viele queere christliche und christliche queerfreundliche Gruppen präsent. Christlichen Fundamentalist*innen und ihren Vereinnahmungsversuchen sollten wir gemeinsam laut und deutlich widersprechen. Gerade da, wo sie sich vielleicht auf den ersten Blick als vermeintlich modern, freundlich und weltoffen zeigen. Denn nicht selten folgt auf ein „Auch queere Menschen sind bei uns willkommen!“ ein ABER „queere Lebensweisen entsprechen nicht der Bibel, Gott kann ‚helfen‘, du musst dich ändern“ etc. pp. Und DAS ist pervers!

Danke euch, für diesen wunderschönen, heißen CSD und bis bald! Stay strong!


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