Am 19. September wollen mehr als 100 christliche Gemeinden und Organisationen beim „Marsch für Jesus“ (M4J) durch Wien ziehen. Die Veranstalter versprechen Einheit, Freude und Lobpreis und betonen, der Marsch sei nicht politisch. Ein Blick auf Geschichte, Gebetspraxis, Unterstützer und Veranstalternetzwerk zeigt jedoch ein deutlich komplexeres Bild, das auch von Medien aktuell wohl gern übersehen wird. (Titelbild: Montage: FundiWatch; Foto: HOFBURG Vienna, CC BY-SA 3.0; Stich: Giulio Bonasone, 1544, Public Domain/The Met).
Am 19. September 2026 soll der „Marsch für Jesus“ über die Wiener Ringstraße ziehen. Mehr als 100 Kirchen, Gemeinden und christliche Organisationen unterstützen die Veranstaltung; erwartet werden laut den Veranstaltern mindestens 10.000 Teilnehmer*innen. Das Motto lautet „Einheit – Sichtbarkeit – Lobpreis“. Kathpress berichtet über die aktuellen Planungen.
Die Selbstdarstellung scheint (jedenfalls innerhalb christlicher Gruppen) zunächst bewusst anschlussfähig und bemüht sich um Ausklammerung vermeintlicher Konfliktthemen: Katholische, evangelische, orthodoxe und freikirchliche Christ*innen sollen gemeinsam ihren Glauben öffentlich zeigen. Der Marsch richte sich gegen niemanden und sei keine politische Demonstration. Politiker*innen seien nicht als Redner*innen vorgesehen.
Gleichzeitig haben die Organisatoren mit den beteiligten Gruppen ausdrücklich „Spielregeln“ vereinbart, wie auf einer Pressekonferenz erklärt wurde: Politische Einzelthemen und „heiße Themen“ wie „LGBT“, Abtreibung und Sterbehilfe sollen beim Marsch nicht vorkommen. Im Zentrum stehe, was Christ*innen miteinander verbinde. Bereits hier scheint bemerkenswert, dass Menschenrechte für LGBTIQ* und Selbstbestimmungsrechte für Menschen offenbar nach Ansicht der Organisatoren nicht zu den „verbindenden“ Elementen gehören…
Und was bedeutet eigentlich „unpolitisch“, wenn Gebet und Lobpreis selbst mit dem Anspruch verbunden werden, auf Stadt und Land einzuwirken – und wenn hinter dem Marsch Netzwerke stehen, die gesellschaftliche und politische Mitgestaltung ausdrücklich organisieren?
Ein Marsch mit Vorgeschichte
Der „March for Jesus“ entstand nicht als neutraler ökumenischer Demonstrationsrahmen. Der erste große City March fand bereits 1987 in London statt.
Zu den prägenden Akteuren gehörten Roger Forster, Gerald Coates, Worship-Musiker Graham Kendrick und Lynn Green von Youth With A Mission (YWAM). Die frühen Märsche verbanden öffentlichen Lobpreis, Evangelisation und christliche Einheit – in weiten Teilen des Milieus aber auch Vorstellungen „geistlicher Kriegsführung“ um Städte und gesellschaftliche Räume.
Der Religionswissenschaftler Gerald C. Ediger beschreibt die Entstehung der Bewegung als Verbindung von Lobpreis, öffentlichem Glaubenszeugnis und Spiritual Warfare.
Engel mit Schwertern über London und ein Börsencrash
Überliefert ist etwa eine Vision Barbara Pymms von zwei mit Schwertern bewaffneten Engeln über London, die gegen „principalities and powers“ (übersetzt: Fürstentümer und Mächte) über der Stadt kämpfen sollten. Roger Forster beschrieb Lobpreis und öffentliche Proklamation als Instrumente einer geistlichen Auseinandersetzung.
Gerald Coates führte später sogar den Londoner Börsencrash von 1987 auf den Marsch und ein göttliches Gericht über gierige Finanzinstitutionen zurück.
Forster schrieb später das Vorwort zur britischen Ausgabe von C. Peter Wagners „Territorial Spirits“ (übersetzt: Territoriale Geister). Wagner wurde zu einem zentralen Vertreter der Strategic-Level Spiritual Warfare (sog. „geistliche“ oder „spirituelle“ Kriegsführung), welche die Vorstellung beinhaltet, geistliche Mächte könnten Städte, Regionen oder ganze gesellschaftliche Bereiche beeinflussen.
Später prägte er die sog. New Apostolic Reformation maßgeblich mit und verbreitete das sogenannte Seven Mountain Mandate, das christlichen Einfluss auf zentrale gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Medien, Bildung, Wirtschaft, Familie, Religion und Kultur anstrebt. Eine religionswissenschaftliche Einordnung von Strategic-Level Spiritual Warfare findet sich hier.
Die New Apostolic Reformation ist weist ideologisch sehr weitgehende Übereinstimmungen mit der von der Theologin Maria Hinsenkamp in ihrer Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ analysierten Kingdom-minded Network Christianity (kurz: KiNC).
Graham Kendrick wiederum veröffentlichte gemeinsam mit Steve Hawthorne „Prayer-Walking: Praying on Site with Insight“. Prayer Walking (also sogenannte Gebetsspaziergänge oder auch -märsche) verbindet Gebet bewusst mit konkreten Orten, für die geistliche Veränderung erbeten wird.
Loren Cunnigham von YWAM war wiederum einer der Evangelikalen, denen in den 70er Jahren die Vision des sogenannten Seven Mountain Mandate offenbart worden sein soll.
Von London nach Wien: „Gebet als Fundament“
Zwar kann aus dieser Vorgeschichte nicht abgeleitet werden, dass die Wiener Veranstalter des M4J 2026 sämtliche der damaligen Vorstellungen von Spiritual Warfare oder territorialen Mächten teilen.
Auffällig sind jedoch Kontinuitäten u.a. in der Praxis und Sprache. Auch die aktuelle Präsentation des Marsches hebt „Gebet als Fundament“ hervor. Vorgesehen sind „Gebet um den Ring“, „Walk & Pray“ und „Gebet am Berg“; gebetet werden soll für „Einheit, Schutz und geistliche Frucht“. An anderer Stelle heißt es, Wien und ganz Österreich sollten mit der „Herrlichkeit Jesu“ erfüllt werden.
Auch „Christen in Wien – Kreis zur Einheit“, einer der zentralen Träger des Marsches, veranstaltet regelmäßig Prayer Walks. Diese führen nach eigener Darstellung vom Rathaus gezielt zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Orten wie Parteizentralen, Heldenplatz, Parlament oder Universität.
Auf Nachfrage von FundiWatch erläutert Projektleiter des diesjährigen Marsch für Jesus in Wien, Johannes Unosson, die gemeinsame Gebetspraxis solle dazu beitragen, dass Menschen Jesus Christus als „Herrn und Retter“ kennenlernen; dies sei für ihn das „schönste Beispiel“ einer nachhaltigen positiven „geistlichen Auswirkung“ in Österreich.
Einheit – aber worüber?
Die Unterstützerliste des Wiener Marsches reicht tatsächlich über zahlreiche Konfessionsgrenzen hinweg. Deutlich überwiegend sind jedoch evangelikale, pfingstlich-charismatische und missionsorientierte Gemeinden und Werke sowie konservativ-katholische, gebets- und erweckungsorientierte Akteure.
Konfessionelle Vielfalt bedeutet natürlich nicht automatisch gesellschaftspolitische Vielfalt. Und so überrascht es nicht wirklich, dass wir unter den Unterstützer*innen bisher keine erkennbaren Gegenpositionen zu den stattdessen vielfach dokumentierten fundamentalistischen Positionen bei LGBTIQ*, Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe feststellen konnten. Ideologisch scheint man doch eher „unter sich“ zu bleiben – trotz aller Bemühungen um Anschlussfähigkeit.
Darüber sollte auch die Unterstützung aus Teilen der Evangelischen Kirche nicht täuschen, die insgesamt eher zu dem Marsch Distanz hält. Während es der Evangelischen Kirche A. B. gegenüber dem Furche-Magazin wichtig war festzustellen, dass sie nicht an dem Marsch teilnimmt, steht die Evangelische Kirche Radstadt-Altenmarkt ebenfalls auf der Unterstützerliste. Das Presbyterium der Kirche lehnte 2019 die kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare „grundsätzlich und entschieden“ ab und erklärte, „homosexuelle Lebensweise“ entspreche nach seinem Bibelverständnis nicht dem Willen Gottes. Die damalige Stellungnahme ist im Kirchenboten dokumentiert.
Und dass die heute ausgeklammerten Themen innerhalb der österreichischen March-for-Jesus-Tradition keineswegs immer ausgespart wurden, zeigt der Marsch für Jesus in Klagenfurt im Jahr 2017 (Archiv-Link). Dort gehörten ausdrücklich der „Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende“ sowie das „Gebet für Politiker und die bevorstehenden Wahlen“ zu den Anliegen des Marsches.
Es bleibt also offen, welche tatsächlich unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Positionen durch die „Spielregeln“ beim diesjährigen Marsch für Jesus überbrückt werden – und ob es diese unterschiedlichen Positionen bei den Unterstützer*innen überhaupt gibt.
Auf Nachfrage von FundiWatch, welche unterschiedlichen Positionen der beteiligten Organisationen zu LGBTIQ*, Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe durch die vereinbarten „Spielregeln“ überbrückt werden sollten, teilte Unosson mit, man erfasse und bewerte die „unterschiedlichen persönlichen Positionen“ der Teilnehmenden nicht.
Projektleiter Johannes Unosson selbst gehört dem Vorstand der Plattform Christdemokratie an und initiierte 2024 deren Aktion „100 Kinderwagen“. Gegenüber Corrigenda erklärte er, es gehe ihm darum, das „Problem der vielen Abtreibungen sichtbar“ zu machen und gesellschaftlich als Problem kenntlich zu machen.
Das politische Netzwerk hinter dem Marsch
Auch das organisatorische Umfeld lässt die Bezeichnung „unpolitisch“ fraglich erscheinen. Entscheidend sind dabei weniger einzelne Namen als zwei institutionelle Scharniere: die Evangelische Allianz Wien und die Plattform Christdemokratie.
Die Evangelische Allianz Wien unterhält eine Arbeitsgruppe „Politik & Gesellschaft“. Sie will nach eigener Darstellung das „christliche Menschen- und Weltbild“ in der Gesellschaft verwirklicht sehen und christliches Engagement unter anderem in Politik, Medien, Bildung und Wirtschaft fördern.
Besonders eng arbeitet die Allianz mit der Plattform Christdemokratie zusammen. Im Januar 2026 veranstalteten beide unter der Schirmherrschaft der ÖVP-Nationalratsabgeordneten und Rechtskatholikin Gudrun Kugler im österreichischen Parlament „Aufbruch – Veränderung beginnt jetzt“. Laut Präsidentin Suha Dejmek brauche es
„…mehr Christen in relevanten Gesellschaftsbereichen – in der Wirtschaft, im Medien- und Bildungsbereich, in der Kunst und Kultur, aber auch in der Politik, denn dort werden bekanntlich alle Entscheidungen getroffen”.
Unter den vertretenen Organisationen befand sich auch der „Marsch für Jesus“ mit einem eigenen Informationsstand.
Eine personelle Brücke ist Jan Ledóchowski: Präsident der Plattform Christdemokratie, ÖVP-Politiker und zugleich Mitglied des katholischen Unterstützungskomitees des Marsches. Gemeinsam mit der Evangelischen Allianz Wien veröffentlicht seine Plattform „Christliche Wahlprüfsteine“. Zur Nationalratswahl 2024 warb sie mit dem Satz: „Nur wenn christliche Politiker gewählt werden, haben wir auch christliche Politik in diesem Land.“
Die Mobilisierung ist dabei nicht ausschließlich auf die ÖVP beschränkt. In den Wahlprüfsteinen werden auch FPÖ-Kandidat*innen berücksichtigt. Die Fragen an die Politiker*innen zeigen bereits eine deutliche ideologische Richtung. So wird beispielsweise zum Thema Gender gefragt:
„Wie stehen Sie zur Genderideologie, die ihren Niederschlag in der Sexualpädagogik in Kindergärten und Schulen, der Veränderung der Sprache und der Auflösung der Bipolarität der Geschlechter (Transgender) findet?”
Auch zum ausdrücklich politischen „Marsch fürs Leben“ radikaler Abtreibungsgener*innen bestehen personelle Überschneidungen. 2025 nahmen etwa die Weihbischöfe Franz Scharl und Stephan Turnovszky teil. Beide gehören nun dem katholischen Unterstützungskomitee des „Marsch für Jesus“ 2026 an.
Beim „Marsch fürs Leben“ wurden ein Ende von Abtreibung und Euthanasie gefordert. Unter den politischen Teilnehmer*innen waren Vertreter*innen von ÖVP und FPÖ. Eine Presseaussendung der Veranstalter dokumentiert die Teilnahme.
Wie unpolitisch ist „unpolitisch“?
Auch die eigenen Unterlagen des Marsches beschreiben mehr als ein Fest des persönlichen Glaubensbekenntnisses.
Im Pressekit heißt es, Christ*innen müssten durch „Gebet, Evangelisation und gesellschaftsrelevante Arbeit“ gemeinsam Verantwortung für „unser Land und unsere Orte“ übernehmen. Als Ziele werden unter anderem die „Stärkung christlicher Werte durch öffentliche Wahrnehmung von Christen“ und ein Ereignis genannt, das „in Medien positiv reflektiert werden kann“. Ein weiteres Grußwort bezeichnet den Marsch als „Demonstration des Reiches Gottes“.
Bemerkenswert ist zudem ein im aktuellen Pressekit wiederveröffentlichtes Grußwort der bereits erwähnten ÖVP-Angeordneten Gudrun Kugler aus dem Dezember 2013. Christ*innen seien „zaghaft oder gar feig geworden“, heißt es darin. Der Marsch solle ihre Stimme hörbar machen, „damit die Politik menschlich bleibt“; teilzunehmen bedeute, für Österreich zu beten und „das Land aktiv mitzugestalten“.
Kugler wurde im österreichischen Rechtsextremismusbericht des DÖW 2023 im Zusammenhang mit „Rechtskatholizismus“ erwähnt. Internationale Recherchen u.a. des European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rights (EPF) nennen Kugler im Zusammenhang mit frühen Treffen des informellen, transnationalen christlich-fundamentalistisches und ultrakonservativen Strategienetzwerks Agenda Europe.
„Unpolitisch“ bedeutet im Zusammenhang des „Marsch für Jesus“ also offensichtlich weniger den Verzicht auf gesellschaftspolitische Einflussnahme als den Verzicht darauf, eigene konfliktträchtige politischen Forderungen beim gemeinsamen Auftritt ausdrücklich zu thematisieren, um möglichst weitreichende Anschlussfähigkeit zu erreichen.
Auf Nachfrage von FundiWatch betont Projektleiter Unosson die politische Mitverantwortung von Christ*innen und erklärt, man ermutige Menschen dazu, „sich politisch einzubringen“. Politiker*innen aller Parteien seien willkommen. Für 2026 habe man jedoch bewusst entschieden, „keine politischen Beiträge auf der Bühne stattfinden zu lassen“.
Zugleich kündigt Unosson an, dass die Plattform Christdemokratie mit einem eigenen Stand vor Ort vertreten sein werde; er selbst gehört deren Vorstand an.
Ă–sterreichische Vorgeschichte: SĂĽhne fĂĽr wen?
Neben der internationalen Entstehungsgeschichte stellt die Wiener Bewegung selbst eine zweite, österreichische Traditionslinie her.
Das Pressekit erinnert daran, dass der Franziskaner Petrus Pavlicek 1947 – „gefolgt von einer inneren Stimme“ – den Rosenkranz-Sühnekreuzzug gründete. Von 1950 bis 1955 seien jährlich Sühneprozessionen um die Wiener Ringstraße gezogen; zeitweise hätten bis zu 80.000 Menschen teilgenommen. Die Unterzeichnung des Staatsvertrags und der Abzug der Besatzungsmächte werden in dieser Tradition als Gebetserhörung gedeutet. Eine heutige Selbstdarstellung des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs knüpft weiterhin an diese Gebets- und Befreiungserzählung an.
In den von FundiWatch ausgewerteten Selbstdarstellungen des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs und zu Petrus Pavlicek findet sich hingegen keine Auseinandersetzung mit der österreichischen Mitverantwortung für Nationalsozialismus, Judenverfolgung und Shoah. Im Mittelpunkt stehen stattdessen Bekehrung, stellvertretende Sühne, Frieden und die Befreiung Österreichs von der Besatzung. Österreich erscheint dabei primär als besetztes, bedrohtes und schließlich befreites Land.
Die Beteiligung vieler Ă–sterreicher*innen an NS-Herrschaft, Verfolgung und Shoah kommt in den von uns ausgewerteten Darstellungen nicht vor.
„Identifikationsbuße“?
Darauf angesprochen teilt Unosson mit, das historische Gebet am Ring fĂĽr Ă–sterreich weise eine klare Parallele zum heutigen Marsch fĂĽr Jesus auf.
Zur Auseinandersetzung mit der österreichischen Mitverantwortung teilt Unosson mit, in dieser „Tradition des öffentlichen Gebets und der Verantwortung“ habe es in den 1990er-Jahren einen „von Christinnen und Christen getragenen Bußgebetsmarsch nach Mauthausen“ gegeben. Dessen Ziel sei gewesen, die österreichische Mitverantwortung für den Nationalsozialismus, die Judenverfolgung und die Shoah „öffentlich zu bekennen“.
Tatsächlich lässt sich ein christlicher Bußgebetsmarsch nach Mauthausen im Jahr 1995 belegen. Johannes Fichtenbauer, 1992 Hauptorganisator des ersten österreichischen „Marsch für Jesus“ und heute erneut Unterstützer, beschreibt ihn als von charismatischen Leitern in Österreich organisierten „repentance march“ im Gedenken an NS-Verbrechen an Jüd*innen und an das Versagen von Christ*innen, dagegen aufzustehen. Fichtenbauer schildert den Marsch rückblickend als „act of identification“ und beschreibt seine persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus als geistliche Befreiung: In Mauthausen habe er geweint, bis der „demonic trash“ aus ihm heraus gewesen sei.
Beim späteren „Weg der Versöhnung“, heute Mitveranstalter des M4J 2026, wurde ab 2003 ausdrücklich mit dem stark umstrittenen Konzept einer sogenannten „Identifikationsbuße“ gearbeitet:
„Erstmals haben wir 2006 die Identifikationsbuße und Heilung der Erinnerung im Konzentrationslager Mauthausen angewendet und unsere Schuld an den Juden vor Gott gebracht. Ein messianischer Jude sprach uns damals Vergebung aus.“
„Identifikationsbuße“ bezeichnet die Praxis, historische Schuld einer eigenen Bezugsgruppe stellvertretend vor Gott zu bekennen. An vergleichbaren evangelikal-charismatischen Formen des Holocaust-Gedenkens wird u.a. kritisiert, dass dabei Opfer für eigene religiöse Zwecke instrumentalisiert und die spirituelle Entlastung der christlichen Teilnehmenden in den Mittelpunkt gerückt werde.
Verbindungen zum „Marsch des Lebens“ der TOS-Gemeinde TĂĽbingen
In Deutschland bezog sich diese Kritik insbesondere auf die von Jobst Bittner von der TOS-Gemeinde initiierte „Märsche des Lebens.
2015 warnte der Dachauer Gedenkstättenpfarrer Björn Mensing bei einem „Marsch des Lebens“ vor einer „dämonologischen Deutung des Nationalsozialismus“. Die damalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, kritisierte, das Schicksal der Überlebenden stehe nicht im Vordergrund. Vielmehr gehe es eher um die Befindlichkeiten der Teilnehmenden.
Und auch hier findet sich eine Verbindung zum „Marsch für Jesus“: Beim ersten „Marsch des Lebens“ 2024 in Wien trat Fichtenbauer gemeinsam mit Jobst Bittner auf. Und zählte dort gerade den Bußmarsch von 1995 als Wendepunkt seiner Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus.
„Jesus Christus ist Herr über Österreich!“
Wer verstehen will, was am 19. September über den Wiener Ring zieht, sollte deshalb nicht nur fragen, ob die Veranstaltung friedlich ist oder ob Christ*innen öffentlich beten dürfen.
Bedeutsamer für die Verteidigung einer pluralistischen, demokratischen und auf Menschenrechten beruhenden Gesellschaft ist, welche Vorstellungen von „Einheit“, gesellschaftlicher Mitgestaltung und geistlicher Wirksamkeit sich hinter dem öffentlichen Bild tatsächlich verbergen.
