Erneut „Kinderfest“ von AfD-nahem Prediger Markus Rapp in Berlin

Bezirksamt Lichtenberg lässt Fragen unbeantwortet

(Quelle Titelbild: Neues Leben). Wie berichtet, hat die evangelikale Berliner Gemeinde „Neues Leben – Evangelische Freikirche e. V.“ vergangenen Monat mit „Kids Club“ ein neues Konzept gestartet. Nun findet das „Fest“ am morgigen Sonntag (06.09.) zum zweiten Mal statt. Ein weiterer Termin ist für den 03.10. geplant.

Bereits am 08.08.2026 fand der „Kids Club“ (mit Hüpfburg und Popcorn…) im Quartierspark am Warnitzer Bogen in Berlin Hohenschönhausen statt. Das für Besuchende vielleicht zunächst harmlos erscheinende Kinderfest dient einem einzigen Zweck: Kinder und deren Eltern zu missionieren. Und was ebenfalls wenigen bekannt sein dürfte: Der Gemeindeleiter Markus Rapp ist in christlich-fundamentalistischen Kreisen bis ins Ausland gut vernetzt und wirbt offen für die AfD.

Für die morgige Veranstaltung ruft Rapp die Gemeindemitglieder*innen zur Unterstützung auf. „JEDER“ werde gebraucht „an Board der Gemeinde Arche – Gottes Rettungsschiff!„. Geboten würden vielfältige Programme, zwei Kindergottesdienste und „Beziehungsaufbau„…

FundiWatch fragte beim Bezirksamt Lichtenberg nach, ob für die Veranstaltung eine Sondernutzungserlaubnis oder Versammlungsanmeldung vorliegt und ob bzw. was die Ordnungsbehörden zum Schutz von Kindern vor Indoktrination und Überwältigung veranlassen werden.

Das Bezirksamt teilte mit, eine Sondernutzungserlaubnis für die Veranstaltung läge nicht vor, eine Versammlung sei ebenfalls vom Bezirksamt „bisher nicht genehmigt“ worden. Auf unsere weiteren Nachfragen, was das Bezirksamt als Ordnungsbehörde zur Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung zu tun gedenkt, erhielten wir bisher trotz mehrfacher Nachfragen keine Antwort.

Popcorn, Hüpfburg, Evangelium (& die AfD?!): Wie eine Berliner Freikirche Kinder missioniert

Zwischen Spielplatz und Seelenrettung: Das Kids-Club-Konzept von Neues Leben Berlin

(Quelle Titelbild: YouTube – Markus Rapp). Auf dem Flyer zum neuen Kids Club ist von Jesus keine Rede: „Spiel, Spaß, Musik, Geschichten, Wettbewerbe“ steht da, dazu Hüpfburg, Bubble Balls und Popcorn. Nur ein kleines Logo verrät den Veranstalter: „Neues Leben – Evangelische Freikirche“. Was sich hinter „Geschichten“ verbirgt und welches Weltbild dahinter steht, erklärt Prediger Markus Rapp auf seinem eigenen YouTube-Kanal – und zeigt, dass der Kids Club Teil eines größeren Netzwerks ist.

Endzeit-Prediger mit AfD-Kontakten 

Markus Rapp gründete die Freikirche Neues Leben im August 2020, mitten in der Corona-Pandemie, zusammen mit seiner Frau Seong Soon (Suni) Rapp. Sonntags trifft man sich um 11 Uhr im Gemeindezentrum in der Warnitzer Straße 8 in Berlin-Hohenschönhausen.

Rapp ist zugleich Vorsitzender des Vereins Christus für Europa e.V., der zu den mit der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) „verbundenen Werken“ gehört. Die EAD ist einer der größten evangelikalen Netzwerkverbände in Deutschland.

Quelle: Screenshot ead.de

Christus für Europa betreibt die Bibelschule ISDD (Internationale Schule des Dienstes) als deutschen Ableger der International School of Ministry (ISOM), die nach Selbstauskunft mit Hunderttausenden Teilnehmenden in 143 Ländern arbeitet.

Ihr Lehrplan enthält neben allgemeinen Evangelisationskursen auch Module zum „Seven Mountain Mandate“ – der Vorstellung, Christ*innen müssten zentrale gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Bildung und Medien „zurückerobern“ und unter christliche Prägung bringen (vgl. ISDD Bibelschule “Die Sieben Berge Strategie” und FundiWatch: „Christliche Fußballinfluencer*innen zur Missionierung“) – und startet gleich mit der konsequenten Umsetzung durch das Modul “Transformation der Wirtschaft”.

Der Lehrplan bietet aber auch für den Kids Club relevante Kurse wie “Eine neue Generation erreichen” und „Dienst an Kindern“ im “Associates Studium” (vgl. ISDD. Semester 5. Überblick). Der Kids Club lässt sich damit nicht als spontane Einzelinitiative lesen, sondern als praktische Anwendung eines Trainingskonzepts, was über Rapps Verein selbst gelehrt wird.

Quelle: Screenshot aus dem Katalog der ISDD Bibelschule: https://isddbibelschule.de/wp-content/uploads/2023/11/ISDD-Katalog-Deutsch-2024.pdf – Referent Lance Wallnau unterstützte übrigens bei den letzten US-Wahlen den Wahlkampf von J.D. Vance.

Rapp ist offener Unterstützer der AfD (vgl. Rapp, “Kann man als Christ die AfD wählen”). ZDF Frontal (ab ca. Minute 6:10) berichtete im Juni 2025 über ihn. Im November 2025 traf sich die Gruppe „Christen in der AfD“ nach einer Vereanstaltung im Bundestag in seiner Gemeinde (FundiWatch, „City of Light – Hat dieses Event Berlin noch gefehlt?“, 20.6.2026).

Quelle: ZDF Frontal – YouTube Markus Rapp

Erst die Hüpfburg, dann das Bekehrungsgebet 

Das Konzept des Kids Club stammt vom „KidsFestival“ der bundesweiten Großevangelisation „City of Light“, veranstaltet vom Frankfurter Verein GODsPOWER gUG unter Leitung von Lukas Repert, an der sich zahlreiche freikirchliche Gemeinden in mehreren deutschen Städten beteiligen.

FundiWatch hat dieses Format im Mai 2026 in Berlin beobachtet: Auf dem KidsFestival im Stadtpark Lichtenberg gab es keinen sichtbaren Hinweis auf einen religiösen Veranstalter. Bis im Bühnenprogramm mit den Kindern – getrennt von ihren Eltern -, zwischen Spielen und Animation überraschend gebetet, gesungen und dazu eingeladen wurde, Jesus „in das Herz aufzunehmen“. Genau dieses Muster scheint Rapp nun auf von der Gemeinde selbst veranstaltete Kids-Club-Termine zu übertragen.

Dafür sind drei Termine angesetzt: 8. August, 5. September und 3. Oktober, jeweils 15 bis 18 Uhr, auf einer öffentlichen Grünfläche direkt gegenüber dem Gemeindezentrum im Quartierspark Warnitzer Bogen (Vincent-van-Gogh-Straße/Falkenberger Chaussee/Warnitzer Straße), die in der Verantwortung des Bezirksamts Lichtenberg liegt.

Auf Anfrage von FundiWatch teilte das Bezirksamt Lichtenberg am 07.08.2026 mit, dem Straßen- und Grünflächenamt läge keine Sondernutzungserlaubnis für die Veranstaltung vor. Die Antwort auf eine Nachfrage von FundiWatch, ob für die Veranstaltung eine Versammlung angemeldet wurde, lag bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags ebenso noch nicht vor wie eine Antwort auf die Frage, welche Vorkehrungen von Seiten der zuständigen Behörden veranlasst werden, um Besucher*innen vor überwältigender politischer und / oder religiöser Indoktrination zu schützen.

Ein Werbeflyer, der öffentlich einsehbar an der Tür des Gemeindezentrums aushing, nennt als Programm „Spiel, Spaß, Musik“, „Geschichten“, „Basteln, Café“, „Spiele & Hüpfburg“, „Wettbewerbe“ und „Bubble Balls“.

Quelle: Eigene Aufnahme FundiWatch

In seinem bereits erwähnten YouTube-Video für die eigene Gemeinde beschreibt Rapp denselben Termin deutlich anders: Rapp nennt den Kids Club gleich zu Beginn ein „evangelistisches Projekt“, mit dem Kinder und Eltern „mit dem Evangelium Jesu Christi“ erreicht werden sollten.

Der Ablauf sei danach klar zweigeteilt – eine halbe Stunde „Kindergottesdienst“ mit einer kindgerecht aufbereiteten Evangeliums-Geschichte und gemeinsamem Gebet, gefolgt von 45 bis 60 Minuten Spiel und Spaß, das laut Rapp zugleich dem „Beziehungsaufbau“ zu den Eltern diene. Zur biblischen Begründung zitiert er zwei Stellen aus dem Matthäusevangelium, in denen Jesus Kinder als besonders aufnahmebereit für das „Reich der Himmel“ beschreibt (Mt. 19,14 f.; Mt. 18,3 f.).

Als Erfolgskennziffer erzählt Rapp vom KidsFestival im Mai, bei dem – nach seinen eigenen, nicht unabhängig verifizierten Angaben – ausnahmslos alle anwesenden Kinder sich bereit erklärt hätten, ein vorformuliertes Bekehrungsgebet mitzusprechen. Sein erklärtes Ziel: „hunderte von Kindern“ im Nordosten Berlins erreichen, unterstützt durch Poster- und Zeitungswerbung in einem Radius von fünf bis sechs Kilometern.

Ab Herbst soll der Kids Club, wenn es kälter wird, alle zwei Wochen in die eigenen Gemeinderäume verlegt werden.

Antichrist, Blutmond, Regenbogenfahne – Rapps Weltbild

Auf demselben YouTube- und Telegram-Kanal, über den Rapp den Kids Club bewirbt, kommentiert er regelmäßig „Endzeit, Gesellschaft und Politik“ und zeichnet dort ein deutlich schärferes Bild als der freundliche Kids-Club-Flyer.

Der Endzeitglaube zieht sich als roter Faden durch Rapps Kanal: Allein unter den zuletzt veröffentlichten Videos tragen mehrere Dutzend Titel wie „Letzte Tage der Endzeit – Der Anti-Christ, 3. Tempel, der Große Abfall„, „ENTRÜCKUNG 2025?“ oder „Was ist Donald Trumps Rolle in der ENDZEIT? Wegbereiter des ANTI-CHRISTEN?„. Rapp deutet darin aktuelle Kriege, Blutmonde und politische Entwicklungen als Erfüllung biblischer Prophetie – etwa den Krieg zwischen Israel und dem Iran 2025, den er direkt mit der Anti-Christ-Erwartung aus dem zweiten Thessalonicherbrief verknüpft, oder ein mögliches Entrückungsdatum am 23. September, das er selbst als womöglich überzogenen „Mega Hype“ einordnet, ohne die Naherwartung insgesamt infrage zu stellen. Seine eigene Gemeinde beschreibt er wiederholt als „Arche der Endzeit“ – ein Bild, das den Kids Club in ein Selbstverständnis einbettet, das von unmittelbar bevorstehendem Weltgericht, Verfolgung und dem baldigen Auftreten des Antichristen geprägt ist.

Quelle: YouTube – Markus Rapp

Den Christopher Street Day in Berlin nennt Rapp „brandgefährlich für unsere Gesellschaft“ und ordnet ihn einer „dämonischen Lehre von Freiheit, sexueller Unmoral“ zu. Als Angela Merkel und Ursula von der Leyen sich gegen Ungarns Gesetz gegen die Darstellung von Homosexualität in Schulfilmen aussprachen, bezeichnete er ihre Position als Teil “einer Erweckung des Antichristen“. In einer eigenen Lehreinheit bietet er den Kampf gegen „dämonische Mächte“ als geistliche Ausbildung für seine Zuhörer*innen an. In seiner Lehrreihe zum Epheserbrief predigt Rapp zudem, der Mann sei „die letzte Autorität … in der Familie“, Kinder „gehören niemals den Eltern“, sondern Gott, die Eltern seien nur „Verwalter“ sowie eine Sexual- und Familienethik, zu der FundiWatch bereits im Rahmen der „Purity Culture“ evangelikaler Milieus recherchiert hat.

Diese Videos zeigen das Weltbild, in dessen Rahmen der Gemeindeleiter seine Kinderarbeit versteht und in das Kinder hineinwachsen könnten, wenn aus einem Spielnachmittag eine dauerhafte Bindung an die Gemeinde wird.

Wenn alle Kinderhände gleichzeitig nach oben gehen

Kinder können religiöse, weltanschauliche und pädagogische Absichten Erwachsener in der Regel schwerer einschätzen als Erwachsene selbst. Sie sind zudem bis zum 14. Lebensjahr nach dem Gesetz über die religiöse Kindererziehung noch nicht religionsmündig (vgl. § 5 RelKErzG). Die Entscheidung über ihre religiöse Erziehung liegt bei den Eltern. Da Kinder dieses Alters ihre eigene, ihnen grundsätzlich ebenfalls zustehende negative Religionsfreiheit (Art. 4 Abs. 1, 2 GG) noch nicht selbst ausüben können, hängt deren Schutz vollständig davon ab, dass Eltern vorab wissen, worauf sie sich – stellvertretend für ihr Kind – einlassen.

Wenn ein als Spiel- und Familienfest beworbenes Angebot einen strukturierten religiösen Programmteil enthält, der nach außen lediglich als „Geschichten“ dargestellt wird, entsteht darüber hinaus ein Macht- und Wissensgefälle: Die Kinder erleben sich angeleitet von Erwachsenen in einer Situation kollektiver Gruppendynamik, in der laut Rapps eigener Schilderung auf dem KidsFestival alle anwesenden Kinder auf dieselbe Frage hin gleichermaßen reagierten. Eine solche Dynamik lässt wenig Raum für eine individuelle, freie Entscheidung einzelner Kinder, unabhängig davon, welche religiöse oder areligiöse Prägung sie aus ihrem Elternhaus mitbringen.

Für Kinder und Jugendliche, die selbst oder deren Freunde queer sind oder aus Familien kommen, die Rapps Weltbild nicht teilen, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Dieselben Erwachsenen, die sie beim gemeinsamen Spielen betreuen, bezeichnen ihre Lebensrealität an anderer Stelle öffentlich als „dämonisch“, als Ausdruck einer „Verirrung“ oder als Folge von „Missbrauch von Macht“. Das ist keine Aussage über eine konkrete Schädigung einzelner Kinder, aber es ist ein struktureller Befund über das Umfeld, in das Kinder eingeladen werden, ohne dass ihre Eltern davon notwendigerweise wissen.

Fazit: Informierte Entscheidung kaum möglich?

Beides – die missionarische Intention des Kids Clubs sowie das hinter “Neues Leben” stehende Weltbild – ist öffentlich zugänglich. Aber nicht im Werbematerial, sondern verstreut auf einem YouTube-Kanal, den Eltern erst gezielt suchen müssten. Wer sein Kind aufgrund von „Spiel, Spaß, Musik“ teilnehmen lässt, kann deshalb keine informierte Entscheidung treffen: weder darüber, dass ein Bekehrungsgebet Teil des Programms ist, noch darüber, in wessen ideologisches und politisches Umfeld das Kind damit eingeladen wird.

Gerade hier zeigt sich, wie wichtig unabhängige und sachliche Information über entsprechende Angebot ist – oder besser: wäre. Denn leider wird in Deutschland über Gefahren entsprechender Angebote kaum – jedenfalls nicht präventiv – informiert. Weltanschauungsbeauftragte Stellen sind mit entsprechenden Informationen oder gar Warnungen äußerst zurückhaltend.

In anderen Ländern bestehen deutlich weitergehende Angebote, bei denen Interessierte oder Betroffene nähere Informationen zu weltanschaulich-religiösen Angeboten abrufen können, wie bspw. das Angebot der Schweizer infosekta zeigt. Dass ein entsrechender Bedarf auch in Deutschland besteht, erleben wir bei unserer Arbeit mit FundiWatch tagtäglich.


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ICF Karlsruhe: Evangelikale Jugendhilfe?

Kontext-Wochenzeitung berichtet über Offenen Brief von FundiWatch zur geplanten Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe

(Quelle Titelbild: Instagram, @kontextwz). Wie bereits berichtet, hat die zum „ICF Movement“ gehörende Freikirche ICF Karlsruhe die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe beantragt. Obwohl das ICF (International Christian Fellowship) äußerst umstritten ist, sieht die Verwaltung in Karlsruhe offenbar keine Probleme: In einer äußerst knappen Sitzungsvorlage empfahl sie dem Jugendhilfeausschuss der Anerkennung zuzustimmen. Nun berichtet auch die Kontext-Wochenzeitung über den Vorgang.

Nach Kritik in Offenen Briefen der Linksfraktion Karlsruhe und von FundiWatch wurde der Tagesordnungspunkt vorerst abgesetzt. Entschieden ist damit aber noch nichts. Die nächste Sitzung des Jugendhilfeausschusses tagt Anfang Oktober. Die von uns in dem Offenen Brief aufgeworfenen Fragen zum Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen wurden trotz Nachfragen bisher weder seitens der Stadtverwaltung noch seitens des ICF Karlsruhe beantwortet. Stattdessen traf sich der Jugendhilfeausschuss Anfang vergangener Woche nun nichtöffentlich – gemeinsam mit Vertretern des ICF Karlsruhe, denen somit Gelegenheit geboten wurde, fern von kritischer Öffentlichkeit für ihr Vorhaben zu werben.

Eine solche kritische Öffentlichkeit scheinen sowohl die Stadtverwaltung als auch das ICF unbedingt meiden zu wollen. Auch gegenüber der Kontext-Wochenzeitung zeigten sich Stadtverwaltung und ICF Karlsruhe nun ähnlich verschlossen.

Gegenüber Kontext teilt die Stadtverwaltung mit, die Kritik von FundiWatch beziehe sich vor allem auf andere ICF-Standorte wie Zürich und München. Dass dies nicht zutrifft, kann in unserem Offenen Brief nachgelesen werden. Zwar geht es dort auch darum, ob sich das ICF Karlsruhe von fragwürdigen und dem Schutz von Kindern und Jugendlichen widersprechenden Ausrichtungen im ICF Movement tatsächlich abgrenzt. Im wesentlichen bezogen sich unsere Fragen aber auf generelle Fragen zum Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen.  Insbesondere stünde einer Anerkennung entgegen, wenn – wofür einiges zu sprechen scheint – die Jugendarbeit der ICF Karlsruhe überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dient.

Um so überraschender erscheint es, dass die Stadtverwaltung nun auf Kontext-Anfrage selbst aus der Vereinssatzung des ICF Karlsruhe zitiert: Demnach werde der Vereinszweck unter anderem verwirklicht durch die „Verbreitung und Förderung der biblischen Botschaft“, missionarische Veranstaltungen, Gemeindegründung und Gemeindeaufbau, christliche Seelsorge und Schulungen zum christlichen Leben“. All das ist zulässig und von der Glaubensfreiheit gedeckt, spricht allerdings eher gerade gegen das Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen als Träger der freien Jugendhilfe. Den Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses wurde die ICF-Satzung nach Informationen von FundiWatch übrigens nicht zur Verfügung gestellt.

Dass die Stadtverwaltung im übrigen auf Fragen – die sie selbst hätte prüfen müssen – nicht eingeht, irritiert. Dass das ICF Karlsruhe auf diese Fragen nicht antworten mag, scheint jedenfalls nicht dafür zu sprechen, dass man mit der eigenen Ausrichtung und Positionierung transparent umzugehen gedenkt.

Erstaunlich ist auch, auf welch große Zurückhaltung über den Fall zu berichten wir bei lokalen Medien gestoßen sind. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass die große Verbundenheit, die das ICF Karlsruhe mit der Stadt mittlerweile erreicht hat, dabei eine Rolle spielt. So berichtet Kontext auch ausführlich vom mittlerweile riesigen Charity-Event des ICF „Weihnachten neu erleben„, mit dem das ICF Karlsruhe erhebliche Einnahmen v.a. für seine eigenen Einrichtungen generiert. Bewusst scheint das vielen Besucher*innen des Events nicht zu sein. Jedenfalls bis 2025 hatte der Bürgermeister der Stadt Karlsruhe die Schirmherrschaft für das Event.

Es dürfte jedenfalls noch deutlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit bedürfen, um offene Fragen im Interesse des Schutzes von Kindern und Jugendlichen zu klären. Würde das ICF Karlsruhe die Anerkennung erreichen, hätte die Freikirche einen erheblichen Einfluss auf die Kinder- und Jugendarbeit der Region – zumal die Anerkennung für alle Standorte des Vereins in Karlsruhe, Krauchgau, Rhein-Neckar, Ludwigsburg und Südpfalz gelten würde…

Wir bleiben jedenfalls dran!

Hope e.V. – Dämonen im Klassenzimmer

Hope e.V. –
Dämonen im Klassenzimmer?

(Titelbild: Foto von Kevin Escate auf Unsplash

PDF zum Artikel:

Hope e.V. – Dämonen im Klassenzimmer – FUNDIWATCH

Der Verein Hope e.V. sowie dessen erste Vorsitzende und Gründerin Katja Ryzak praktizieren einen Glauben an den Teufel, Dämonen und sexuell unreine Geister.  Hauptsächlich missioniert der Verein mit einem Heilsversprechen unter Sexarbeiter*innen. Doch das zweite Standbein des Vereins bilden vermeintliche Präventionsworkshops an Schulen, die vorgeblich über Loverboys und Pornografie aufklären. Aktuell wiegelt Hope e.V. Menschen durch verstörende Clips in den Sozialen Medien mittels Desinformation und Ragebait auf, freilich ohne Belege oder Quellen zu liefern. Hope e.V. richtet  seine Präventions-Workshops an Schulen bereits an Kinder ab der 4. Klasse.
Wir fordern insbesondere Behörden, Schulen und Eltern auf, sich mit dem hier vorliegenden Material zu beschäftigen. In unseren Augen arbeitet Hope e.V. unseriös und bringt seine Zielgruppe auf  vielerlei Hinsicht in Gefahren.

Alles begann mit der folgenden Botschaft von Jesus an Katja Ryzak: „Jesus sagte einfach random zu mir im Gebet, geh` ins Internet und informiere dich über Menschenhandel.“ So sagt sie es im Videopodcast „Furchtloses Zeugnis“ von Michael Neumann, um den es später noch einmal gehen wird. Ryzak glaubt im Auftrag Gottes zu handeln. Der von ihr gegründete Verein Hope e.V. ist ein christliches Missions-Projekt, fest verankert in einer baden-württembergischen Freikirche.

Wer ist Hope e.V.?

Gegründet wurde Hope e.V. mit heutigem Sitz in Bretzfeld (Baden-Württemberg) nach eigenen Angaben 2013 und agiert seit 2017 als eingetragener Verein, bestehend heute aus zwei Vorständen und 19 Mitgliedern. Der Verein betreibt u.a. Streetwork im „Rotlichtmilieu“ und begleitet beim „Ausstieg aus der Prostitution“. Zudem ist Hope e.V. Mitglied im hier schon mehrfach erwähnten Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. (ggmh) und dem European Freedom Network. Als (offenbar besonders eng) kooperierende Organisationen werden auf der Homepage neben ggmh die Vereine Mission Freedom, Perlentor, Freiheits-Stil und light-up Germany genannt – abgesehen von light-up alle ebenfalls Mitglied bei ggmh. Erst seit Neuestem wird Mission Freedom e.V. dort nicht mehr genannt. Einen Transparenzhinweis über den Ausschluss (?) von MF konnten wir bisher nicht finden. Das Netzwerk veranstaltet „Walks for freedom„, an dem sich auch Teamangehörige von Hope e.V. beteiligen, wie aus einer Socialmedia-Auswertung hervorgeht.

In den letzten Wochen erzielte Hope e.V. durch stark zugespitzte und aufwiegelnde Video-Clips große Reichweiten auf den Plattformen YouTube, TikTok und Instagram. Zeitgleich wurde bekannt, dass der SWR vor Kurzem mit Hope e.V. drehte. Also ist absehbar, dass Ryzak und Hope e.V. demnächst medial präsent sein werden. Leider befürchten wir, dass somit ein neuer Tiefpunkt unkritischer Berichterstattung über christlichen Fundamentalismus bevorsteht.

Bevor wichtige Informationen ungesagt bleiben, berichten wir also selbst über Hope e.V. und sein Netzwerk.
Wer ist also Katja Ryzak und der von ihr gegründete Verein Hope? Was hat der Verein mit dem Glauben an Wunder und Dämonen oder den „Geist des Todes“ zu tun? Und warum beurteilen wir das als tendenziell gruppenbezogen menschenfeindlich?

Eine Instagram-Kachel zeigt Anna Klein in einem Einkaufswagen, wahrscheindlich im Rahmen eines "Walk for Freedom"
Quelle: Instagram von Anne Klein, aktiv bei Hope e.V., https://www.instagram.com/anna_klein_93/

Als wir in die Recherche eingestiegen sind, war uns bei FundiWatch nicht klar, welches haarsträubende Geflecht aus Dämonenaustreibungen, „Mentoring“ und „Prävention für Schulkinder“ wir aufdecken würden. Mehrere Personen aus dem Verein Hope e.V. konnten wir in direkte Verbindung mit sog. Befreiungsdiensten und „Mentoring“ bringen. Darüber hinaus mussten wir feststellen, dass Hope e.V. ernüchternde Ansichten über Therapie und zivilgesellschaftliche Intervention gegen patriarchale und sexualisierte Gewalt verbreitet. Hope e.V.’s Inhalte strotzen nur so von Sexarbeitsfeindlichkeit, Transfeindlichkeit und immenser Einseitigkeit.

An dieser Stelle eine Triggerwarnung: Wenn Du selbst betroffen von sexualisierter Gewalt bist, überleg‘ Dir bitte gut, ob dieser Text gerade die richtige Lektüre für Dich ist. Ebenso weisen wir daraufhin, dass Hope‘s Schilderungen teilweise explizit und gewaltvoll sind und Deine Gefühle verletzen können. Falls Du spirituellen Missbrauch erlebt hast, pass‘ bitte besonders auf Dich auf.

Die eigene Biografie als Beleg für „normal“

Katja Ryzak betont, wie eng verbunden ihre persönliche Missbrauchsgeschichte mit Hope e.V. ist. Sie äußert das, oft wortgleich, in den allermeisten Formaten, die von ihr bekannt sind. Sie sei als Kind über Jahre betroffen von sexualisierter Gewalt im Umkreis der eigenen Familie, genauer gesagt im freundschaftlichen Umfeld der Eltern gewesen. Ryzak rutschte nach eigener Aussage als Jugendliche ins „Punk-Milieu“ ab. Ihr Zustand verschlechterte sich immer weiter, Therapien und ein Klinikaufenthalt folgten.

Ryzaks anschauliche Schilderungen enthalten Wertungen wie „ungesund“ oder „abrutschen“ – ein Grundrezept, das uns in christlich-fundamentalistischen Milieus immer wieder begegnet. Begriffe wie diese stehen für einen fest etablierten Wertekanon, dessen konkrete Inhalte aber in der Regel nicht transparent gemacht wird. Stilmittel wie diese sind ein Grund unter vielen, weswegen wir Hope e.V. als Missions-Projekt und nicht als sozialarbeiterisches oder pädagogisches Angebot beurteilen.

Während die professionelle Soziale Arbeit nur selten einzelne Beratungsfälle in der Öffentlichkeit diskutiert und Verallgemeinerungen und persönliche Wertungen aus berufsethischen Gründen eher vermeidet, macht Hope e.V. das exakte Gegenteil.

Religiös wiedererweckt

Anekdotische und biografische Episoden werden bei Ryzak zum Normalfall. Sie verknüpft sie darüber hinaus mit einem umfassenden Heilsversprechen. In Katja Ryzaks Biografie war das so: Während des Klinik-Aufenthalt erhält sie Besuch von Jugendlichen aus ihrer Gemeinde, der JES Kirche in der Nähe von Heilbronn in Baden-Württemberg. Dieser Besuch führt zur religiösen Wiedererweckung der jungen Erwachsenen. Infolgedessen kehrt Ryzak der „ungesunden“ Punk-Szene den Rücken und in den heimeligen Schoß der Gemeinde ihrer Kindheit zurück. Das mag Ryzak genau so erlebt haben, doch viele Menschen betrachten auch Subkulturen oder Communities als emotionales Zuhause und daran ist per se erst einmal nichts auszusetzen. Es verrät aber etwas über den Wertekanon von Hope e.V. und Ryzak, wie sie es erzählt.

Ryzak spricht nie absichtslos über sich oder ihre Biografie, sondern thematisiert stattdessen Hope e.V., und damit verbundene Werte und Anliegen. Darin zeigt sich ein typischer Dualismus aus falsch – richtig, gesund – krank, heil(ig) – dämonisch. Derartiger Dualismus kann auch ein Marker für Verschwörungserzählungen und religiösen Extremismus sein.

Katja Ryzak glaubt an das Konzept eines rettenden, sprechenden und eingreifenden Gottes. Und sie hält sich für ein Instrument dieses Gottes. Durchaus dubiose Praktiken, wie Dämonenbefreiung, geschlossene, nur aus ultra-religiösen Organisationen bestehende Netzwerke sowie moralische Überwältigung können daraus folgen. Daraus können leicht gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Ressentiments entstehen.

„Tief in die Scheiße“ als Bekehrung

Hope e.V. eignet sich hervorragend um eine wachsende Szene aus christlich-fundamentalistischen Missionar*innen zu illustrieren. Diese Szene nutzt mitunter Begriffe oder Praktiken der professionellen Sozialen Arbeit oder Pädagogik  als Vehikel für ihre Raumnahme in einer säkularen Gesellschaft. Sie präsentiert sich mittels (semi-)professioneller Öffentlichkeitsarbeit, abgestimmt auf Plattformlogiken.

Ultrakonservative Sexualmoral, Missionierung und Autoritarismus beherrschen die Einstellungen solcher Projekte, Vereine und Organisationen. Krasse Gewalt und Unrecht werden dort oft als (notwendige) Lernkurve einer Rettung inszeniert:

„Aber ich weiß, manche Frauen müssen noch mal so tief in die Scheiße, müssen noch mal leider so richtig Kacke erleben“ (bevor sie das Angebot von Hope e.V. annehmen, Anm. d. A.)“,

so Ryzak in einem Interview kürzlich.

Dieser Satz formuliert alternativlose Zwangsläufigkeit, präsentiert Ausstieg im christlich-fundamentalistischem Schutzhaus als einzige Lösung im Einklang mit Gott. Nur eine Frage der Zeit, bis alle das erkennen (/s).

Stimmen im Kopf

Gewalt und Missbrauch werden als Kulisse für das Erkennen von Jesus und Rechtgläubigkeit vorgestellt – und normalisiert. Sexarbeit, sowohl als aktives Angebot oder als passive Nutzung, ist Ryzaks Überzeugung zufolge eine Einflüsterung dämonischer Mächte oder des Teufels, also des „Feindes“. Sich frei dazu entscheiden – ausgeschlossen.

Die Implikationen solcher Konzepte machen nicht bei sexueller Zwangsarbeit, Menschenhandel oder freiwilliger Sexarbeit Halt. Im Grunde kann so jede (sexualisierte) Grenzüberschreitung als Versuchung des Teufels umgedeutet werden – Abhilfe schafft demnach dann der rechte Glauben.

Kein Wunder, dass Autor*innen mit christlich-fundamentalistischer Biografie, wie z.B. Nana Myrrhe, von einer tief verwurzelten rape culture in entsprechenden Gemeinden sprechen. Eine „aufreizend“ gekleidete Person, „unkeusches“ Verhalten, der Konsum von Pornos oder auch Selbstbefriedigung sind dämonische Versuchungen, kommen also vom „Geist des Todes“. Mündiger Umgang mit diesen Themen? Unmöglich!

Täterpersonen begehen demnach zwar den Übergriff, aber der Übergriff selbst kommt vom Teufel, und stellt eine Einflüsterung sexuell unreiner Mächte dar. Daraus entsteht eine Verantwortungsverschiebung von mündigen Menschen hin zu einem allmächtigen Gott im Widerstreit mit finsteren dämonischen Mächten.

Das ist auch der Grund, wieso wir so oft „geläuterte“ Täterpersonen in solchen Communities zu sehen bekommen. Geschichten der Umkehr sind eine logische Konsequenz aus dem Widerstreit gut gegen Böse. Strukturelle Themen dagegen werden vermieden.

An den Platz menschengemachter gesellschaftlicher Veränderung wie dem Abbau von Ungleichheit, Hierarchien, Gewalt und Ausbeutung tritt der Kampf zwischen Satan und Gott. Statt umfassende Veränderungen vorzunehmen, reicht es, persönlich „lebendig“ zu glauben und „Jesus zu kennen“. Kein Wunder, dass Projekte, wie Hope e.V., Mission Freedom e.V. oder auch ihr Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. keinerlei Interesse an echter struktureller gesellschaftlicher Veränderung haben, sondern sich auf „Rettung“ beschränken. Frauen aus der „Prostitution“ retten, Kinder vor Pornografie bewahren ist deren Alternative für den Abbau patriarchaler Gewalt durch Gleichstellung, Beteiligung und gleiche Rechte aller Menschen. Bevormundung und moralische Überwältigung ersetzt den informierten Umgang mit Medien und das Erlernen von konsensueller Intimität.

Eine Instagram-Kachel zeigt Katja Ryzak und einen gedeckten Frühstückstisch. Darunter steht: Frauen-FrühstückSa, 23. Nov. 2024 8:45 bis ca. 11 UHR THEMA: "Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares." mit Katja Ryzak
Quelle, Instagram: https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

„Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“

Welche weitreichende Folgen über die Themenkomplexe Sexarbeit und Menschenhandel hinaus solche Ansichten haben können, zeigt sich, wenn Ryzak, Nelli G.-W. oder deren Tochter Delia dieses Konzept auch auf Vergewaltigungen oder tiefe persönliche Krisen übertragen.

Nelli G.-W. und Delia W. sind mutmaßlich beide bei Hope e.V. aktiv. Nelli G.-W. spricht in einigen der jüngsten Kurz-Videos über Schulbesuche, und bezeichnet sich darin selbst „Lehrerin und Referentin für Präventionsarbeit“.

Nelli G.-W. wurde laut eigenen Schilderungen infolge einer Vergewaltigung schwanger. Tochter Delia litt in der Folge unter psychischen Problemen, wurde suizidal. Durch den „wahren Glauben“ besiegten beide die Dämonen und sind nun als Heilungs-Botschafterinnen im charismatischen Spektrum unterwegs. Auf ihrem Instagram-Kanal teilt Nelli G.-W. äußerst verstörende Videos, von vor laufender Kamera durchgeführten Exorzismen – eine junge Frau wird von ihr auf dem Boden festgehalten und schreit. Erneut: Nelli, also die ausführende Person, tritt für Hope e.V. „als Lehrerin und Referentin“ an Schulen auf.

Welche Risiken beinhaltet solche als Präventionsarbeit maskierte Missionsarbeit?

Nelli und Delia G. sind auch Ryzaks Gemeinde, der JES Kirche verbunden. Nelli trat dort erst kürzlich iauf einer „Kokon-Nights“ auf. Dabei handelt es sich um ein an Frauen gerichteten Event der Haupt-Pastorin Svenja Gerasch, die ebenfalls bei Hope e.V. aktiv ist. Auch der christliche Sender ERF hat Mutter und Tochter schon interviewt.

Die beiden offerieren das Mentoringprogramm „Metanoia“, Kostenpunkt 2000 € für 9 Monate- welches eine 2-stündige Gruppenvideokonferenz pro Woche umfasst. Jesus und der Heilige Geist spielen in diesem Mentoringprogramm für Heilung die zentrale Rolle. Auf der Homepage heißt es: „METANOIA ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Dieses Mentoring befähigt dich, in Eigenverantwortung zu wachsen und aus der Führung des Heiligen Geistes heraus deinen Weg zu gehen – ohne Abhängigkeit, sondern nachhaltig und selbstständig.“ Zusätzliche 1:1 Betreuung kann jederzeit hinzugebucht werden. Ein Impressum suchten wir auf der Homepage vergeblich. By the way, Delias Fotos auf der Metanoia-Homepage kamen uns bekannt vor, dazu später mehr.

Dämonen im Klassenzimmer?

Wenn Katja Ryzak immer wieder wiederholt: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“ – dann meint sie das wörtlich. Ist die sogenannte Präventionsarbeit von Hope e.V. also im Grunde Mission? Wenn dies zutrifft, dann wäre dies ein grundlegend anderes Verständnis von sexueller Bildung, Prävention und Medienkompetenz, als gemeinhin an Schulen vermittelt wird und werden sollte.

 

Instagram-Story-Highlight zu Hope e.V. an Schulen: Heute durfte unser Team zu 130 Schülern und 40 Lehrkräften sprechen. Die Themen: Über ein Foto aus einem Klassenzimmer steht geschrieben: "Aufklärung über die Loverboy-Methode und Pornografie.!
Quelle: Instagram Hope e.V., https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

Hope e.V. besucht nach eigenen Angaben regelmäßig Schulklassen ab der 4. Jahrgangsstufe. Wir gehen davon aus, dass das Hope-Team dabei nicht in den Religionsunterricht eingeladen wird, als Beispiel für pfingstlich-charismatische Mission. Stattdessen nimmt das Team für sich in Anspruch relevante Präventionsarbeit zu wichtigen Themen wie Sexualität, Loverboys und Pornografie durchzuführen.

Wir fragen uns und Euch, kann das zutreffen? Nochmal: Hope e.V. zufolge entsteht Heilung aufgrund von rechtem, lebendigem Glauben. Welche Konsequenzen hat diese Sichtweise  für nicht-christliche Schüler*innen? Ryzak sagt in einem Interview vor wenigen Wochen, Gott heile mehr, als Menschen es vermögen. Heißt das im Umkehrschluss, ohne Glauben keine „wahre“ Heilung?

Der Glauben an einen  Gott diametral entgegengesetzten „Geist des Todes“, Jezebel oder den „Feind“ überstrahlt in Ryzaks Ausführungen alle gängigen Methoden, wie z.B. Therapien, gesellschaftliche Veränderungen oder soziale Interventionen gegen Gewalt. Patriarchale Gewalt würde demnach nicht durch Gleichstellung überwunden, sondern durch Befreiung von dämonischen Geistern, Hexerei und Okkultismus. Nochmal die Frage: Was daran ist Prävention oder Aufklärung?

Der Kampf gegen Porno ist ein Kampf gegen „unreine sexuelle Geister“

Jezebel wirkt, Ryzaks Überzeugungen nach, als „unreiner sexueller Geist“ in Pornografie, Verführung, „Sexsucht“ und „perversen“ Sexpraktiken. Der Konsum von Pornografie „kläre Kinder auf“ und mache aus ihnen später im Leben Sexkäufer. Was für ein Verständnis von Aufklärung postuliert Ryzak da?

Das Bild zeigt einen Ausschnit aus einem Corrgenda-Artikel, bebildert mit einem Porträt von Ingeborg Kraus: "Kraus: „Pornografie ist gefilmte Prostitution“Eine weitere Frau, die sich mit dem Fall Lily Phillips und dem Phänomen OnlyFans auseinandersetzt, ist die Psycho- und Traumatherapeutin Ingeborg Kraus aus Karlsruhe. Viele ihrer Klienten sind Frauen, die aus der Prostitution ausgestiegen sind. Kraus teilt die Meinung von Roxie Roots: „OnlyFans ist die Ausübung von Pornografie über die sozialen Medien. Und Pornografie ist nichts anderes als gefilmte Prostitution. Alle drei Formen sind Teil der Sexindustrie, die Frauen sexuell ausgebeutet. Von Selbstbestimmung kann bei OnlyFans keine Rede sein“, stellt sie gegenüber Corrigenda fest. Die Plattform sei ein „perfides System“, in dem die Darstellerinnen unter enormem Druck stünden, da man dort nur Geld verdiene, wenn man viele Abonnenten habe. Diese müsse man ständig bedienen, sonst seien sie weg. „Das gilt für alle, auch für bekannte Darstellerinnen wie Lily Phillips“, sagt die promovierte Psychologin, die die Initiative „Trauma und Prostitution“ gegründet hat, welche sich für ein Sexkaufverbot in Deutschland einsetzt."
Quelle: Schreenshot, Corrigenda, https://www.corrigenda.online/trend/sexindustrie-onlyfans-ist-prostitution-punkt-aus

Hope e.V. kämpft nicht allein gegen Pornografie. Beispielsweise Ingeborg Kraus, umtriebige Aktivistin gegen das Selbstbestimmungsgesetz und Sexarbeit, begreift Pornografie als „gefilmte Prostitution“. Pornografie wird so als Übel begriffen und als unmittelbar mit Pornos verbunden dargestellt.

Ryzaks und Kraus‘ Auffassung der Wirkweise beider „Übel“ liegt also gar nicht weit auseinander. Ryzak steht für eine ultrareligiöse charismatisch-pfingstlerische Perspektive, Kraus für einen beträchtlichen Teil der Frauen-RECHTS-Bewegung. Für beide ist Pornografie „Zerbruch“ und das „Wirken des Feinds“. Nur wer der „Feind“ ist, darüber mögen die Ansichten auseinandergehen. Auf diese Weise erklärt sich, wieso Frauen-RECHTS-Bewegung und hochreligiöse christliche Fundis bei Themen wie Sexarbeit, Menschenhandel und Porno oft Hand in Hand zusammenarbeiten.

„Neulich im Bordell“ … es war einmal

Auf Facebook unterhielt Hope e.V. bereits erfolglos die Beitragsreihe „Neulich im Rotlichtmilieu“. Seit einigen Wochen flutet der Verein nun die Sozialen Medien und YouTube mit verstörenden Kurzfilmen. Diese Filmchen erhalten viele Likes und Aufrufe, auch von Leuten, die sich einiges auf  ihre „Wissenschaftlichkeit“ einbilden.

Hope e.V. gibt in diesen Clips vermeintliche Geschichten aus dem „Rotlichtmilieu“ zum Besten. Dort verleihen Ryzak und Team unverhohlen ihrem Ekel und Verachtung für Sexarbeit, Bordelle und Pornografie Ausdruck. Sie schwingen sich zum Sprachrohr angeblicher Betroffener auf, von denen aber in den Videos – abgesehen stummer (KI-animierter?) Einblendungen – nichts zu sehen ist. Plattformalgorithmen lieben und belohnen krasse Emotionen, Empörung und Wut. Und gerade deswegen müssen wir über Hope e.V. sprechen.

Plattformlogiken & Krise in Journalismus und Politik

Diese Clips erregen neben viel Zustimmung auch Widerspruch. Die Aneignung von Betroffenen, unseriöse Praktiken sowie der SeeNest-Skandal im Netzwerk von Hope e.V. werden diskutiert. Doch Hope e.V. macht sich leider die durch Fälle wie Epstein und Collien Fernandes aufgewühlte Stimmung zu Nutze, um Reichweite zu erzielen.

Sexarbeit und sexuelle Zwangsarbeit unterliegen komplexen sozialen, politischen und moralischen Bedingungen. Sowohl Journalismus als auch Politik sind angesichts der Komplexität dieser Themen oft überfordert. Je tiefer die gesellschaftliche Krise oder je höher die Komplexität, desto besser verfangen Hörensagen, gefühlte Wahrheiten und Skandalisierung, gerade bei leicht verhetzbaren Themen. Leider.

Das Publikum auf den genannten Plattformen konsumiert den Content von Hope e.V. bereitwillig, denn er erlöst es von Komplexität und Widersprüchlichkeit. Dieser Clickbait verfängt, weil viele denken mögen: Endlich redet mal jemand offen, wir haben es doch schon immer geahnt. Für all jene: Die Situation ist weitaus komplizierter als die Hope-Schreihälse sie darstellen.

Doch in einem Feld, in dem kriminalitätsbezogene Medienbeiträge und stürmische Meinungsbeiträge dominieren, sind solche Filmchen verheerend. Dies gilt umso mehr, weil Medienschaffende seit Jahren versäumen, die Hintergründe derer zu recherchieren, die von Skandalen, Moralpaniken und Empörungsspiralen profitieren. Wenn solche Personen und Organisationen dann als „Expert*innen“ in Formaten sitzen, schließt sich ein Kreis aus Desinformation, Vereinfachung und Clickbait.

Wenn es nur so einfach wäre: Alles Gewalt im „Rotlicht“, also „weg damit“. Und genau das fordern dann unseriöse und selbstgerechte Missionar*innen und andere Eiferer.

Noch eine letzte Frage: Wäre es vorstellbar, Mitarbeitende aus professionellen Beratungsstellen in solchen Clips zu sehen? Wohl kaum!

Hope e.V. und andere betrachten sich also als von Gott installierte Retter*innen. Sie weisen  andere Sichtweisen und Auffassungen, auch wenn diese wissenschaftlich gut belegt sind, weit von sich und sehen sich durch ihren Glauben legitimiert. Wer ihnen nicht zustimmt, den hat demzufolge der „Feind“ (Teufel/Patriarchat/das Böse) ergriffen.

Anna Klein als Kalendergirl von Hope e.V.: Eine in beige gekleidete Frau mit langem Rock spaziert durch ein Kornfeld.
Quelle: Instagram, Hope e.V. , https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

Schreiende Kalendergirls

Nun ein harter Cut. Eine Person mit langen dunklen Haaren und markanter Ponyfrisur sitzt auf einem Stuhl und schreit mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera:

„Freiwillig. Keiner macht das freiwillig. Und wenn andere Frauen Dir das erzählen, dann glaub ihnen nicht. (…) Sie lügen.“

Screenshot von Anna Klein aus einem reichweitenstarken Video. Darunter die Einblendung:Prostituierte rastet aus und spricht Klartext.
Quelle: Youtube Hope e.V. , https://www.youtube.com/@hope-hoffnung/ Der Titel lässt ein Missverständnis entstehen: Anna Klein ist keine Sexarbeiter*in, soweit wir wissen.

Wer da so schreit? Das ist Anna Klein. Sie tritt  regelmäßig in den Videos von Hope e.V. auf. Die Machart der Video-Clips ist immer gleich. Daher liegt nahe, dass sie aus einer Hand nach einem festen Konzept zumindest semi-professionell produziert wurden. Wieviel KI drinsteckt, darüber können wir bisher nur spekulieren. Das gleiche gilt für die Verwendung von Spendengeldern für die Erstellung solcher Filmchen.

Die aufgewühlt Schreiende aus dem Clip, Anna Klein, leitet auch die Gruppe „Mädelsarbeit“ (Mädels = gleich Frauen ab 20 Jahren!) der JES Gemeinde und sucht ebenfalls im Rahmen der Präventionsworkshops Schulen auf. Ja, wirklich. Im Bunde mit einer Exorzistin und einer die denkt, dass Missbrauch nur die Vorstufe von was Brauchbarem sei.

Kornfelder, Blumenkränze und Geborgenheit

Das Bild zeigt drei Köpfe mit Blumenkränzen in langen, welligen Haaren von hinten.
Quelle: Instagram Hope e.V., https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

Zwischen der Machart dieser Clips und dem Marketing von JES Kirche, Ryzak und Hope e.V. liegen eigentlich Welten. Eigentlich dominiert das Image solcher Gemeinden wie der JES Kirche Kornfelder, Worshipbands, weiße Gewänder, Kerzenlicht, schwingende Röcke, im Wind wehende Haare. Mich persönlich erinnert manches Bild dort ja an die Ästhetik des rechtsextremen Frauenbundes Lukreta (s. Hyperlinks ), aber das nur als persönliche Randbemerkung. Die Fotos von Delia auf der Metanoia-Mentoringseite könnten sehr gut im Rahmen des Kornfeld-Fotoshooting für Hope e.V. entstanden sein.

Anna Klein tritt bei Facebook auch als Hope e.V. Kalendergirl (s.o.) in Erscheinung. Eine Person – zwei Gesichter.

Anna, Katja und Nelli erzählen aus dem „Wohnzimmer des Teufels“

Anna Klein, Katja Ryzak, Nelli G.-W. oder Carina Scheifele schildern in den Hope-Filmchen angebliche Begebenheiten aus der „aufsuchenden Arbeit“. In die Erzählungen hineinmontiert sind klischeehafte Filmsequenzen: Kamerafahrten über nasse, in bunte Lichter getauchte, nächtliche Straßenzüge, rot beleuchtete Innenräume mit sexualisierten Bildern junger cis-Frauen, die mutmaßlich Szenen aus Pornos oder Bordellen wiedergeben sollen. Solche Clips dienen dazu, eine moralische Panik zu schüren und die Zielgruppe aufzuwiegeln.

Die Argumente von Hope e.V. sind im Grunde schwach und äußerst subjektiv, daher setzen sie umso mehr auf Emotionen. Je finsterer die Geschichten aus dem Rotlicht, desto strahlender diejenigen, die sich auf der richtigen Seite wähnen.

Abgleiche mit Instagram-Profilen und ein Screening der Homepage der JES Kirche lieferten uns weitere Anhaltspunkte, wer alles bei Hope e.V. aktiv ist. Denn aus der Homepage von Hope e.V. geht das nicht hervor. Dort zeigt zwar ein Bild mehrere Menschen von hinten vor einem reifen Kornfeld (!), aber mehr auch nicht.

Die JES Kirche und die charismatisch-pfingstlerische Szene in Baden-Württemberg

Das Bild zeigt ein lizenzfreies Beispielbild. Eine betende Gruppe Menschen im Hintergrund. Im Vordergrund stehen einige Personen und haben die Hände auf die Schulter einer weiteren Person gelegt,
Illustrationsbild, Quelle: Adrianna Geo auf Unsplash

Die JES Kirche ist eine Freikirche im Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden e.V. Letzterer ist Mitglied in der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF). Bei FundiWatch beschäftigen uns Gemeinden des Mülheimer Verbands immer wieder, zum Beispiel bei den Recherchen zu „Gemeinsam für Hamburg“ und Kneipenchrist Daniel Schmidt.

Die JES Kirche erlebte seit den 1990ern neuen Aufschwung und unterhält mehrere Standorte im Umkreis von Heilbronn. Neben der Mitgliedschaft im Mülheimer Verband ist sie auch Teil des Arbeitskreis Christlicher Kirchen (ACK). „Die Gemeinden des Mülheimer Verbund“ beschreibt die JES Kirche auf der Homepage „basieren auf einer evangelikal-charismatischen Theologie“. Weiterhin steht dort:

„Wir glauben, dass Gemeinde durch ihre Liebe die Gesellschaft im Sinne des Evangeliums verändern kann.“

Ihre Vision hat die JES Kirche auch in einem Imagefilm (Kornfelder!) veröffentlicht. Auch Katja Ryzak hat darin einen kurzen Auftritt. Dort heißt es unter Anderem:

Man träume „von einer Kirche
… in der das Wirken des Heiligen Geistes im täglichen Leben erfahrbar ist

… in der Gottes Wort praktisch und alltagsrelevant gelehrt und als Maßstab gelebt wird
(…)
… die Gesellschaft prägt“

Träumen ist erlaubt und von der Religionsfreiheit gedeckt. Was flapsig klingt, ist mehr als ein Spruch, sondern ehrliche Grundlage unserer Arbeit. Wir suchen nicht nach Fundi-Nerds, oder machen uns über solche lustig, verfolgen keine Christ*innen.
FundiWatch interveniert dort,
– wo Menschen unfreiwillig missioniert werden,
– sich nicht frei und aus eigenem Willen entscheiden können, weil sie in Zwangslagen sind,
– wenn Menschen durch einen verbindlich gesetzten Wertekatalog moralisch überwältigt werden, statt in Kenntnis unterschiedlicher Ansichten frei entscheiden zu dürfen
– wo Soziale Arbeit zur Waffe ultrakonservativer Glaubenspraxis wird und
– Konversionen stattfinden, aufgrund vager oder konkreter, jedoch nicht einlösbarer Heilsversprechen.

(Frei-)Kirche in Gesellschaft

Die JES Kirche ist eine evangelikale Freikirche wie viele andere auch. Alpha-Kurse, geschlechtergetrennte Freizeitangebote, das Angebot zumindest vordergründig modern und pastellfarben präsentiert. Uns springt die Ausrichtung auf Minderjährige und das Netzwerk, zum Beispiel mit der International Christian Fellowship (ICF) ins Auge.

Vor Kurzem haben wir über die geplante Anerkennung der ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe berichtet. Karlsruhe ist kein Einzelfall, ICF ist auch in Reutlingen vertreten, also im Einzugsgebiet von Hope e.V.. In der JES Kirche existiert ein Angebot namens „Empower – Mit Freude und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung“. Dort wird das gleichnamige Buch von Pastor Tobias Teichen (ICF München) gelesen. Auch Teichen befasst sich mit Sexualerziehung und unterstellt, dass Pornografie beziehungsunfähig mache.

Hope e.V., als Teil der JES Kirche, schwärmt zur Mission im Rotlicht in Künzelsau, Reutlingen (auch dort gibt es eine ICF) und Heilbronn aus. Netzwerk, das zählt in freikirchlichen, evangelikalen Gemeinden. Zeit für einen Blick auf das Netzwerk von Hope e.V.

JES und Hope e.V.

Katja Ryzak hat in der JES Kirche ihre „geistige Heimat“. Sie und Anna Klein, sowie Nelli und Delia tauchen in unterschiedlichen Funktionen auf der Homepage und den anderen Präsenzen der JES Kirche auf.

In Hope e.V. fließen auch der größte Anteil der Spendeneinnahmen der JES-Kirche, stolze 22,4% (Jahresbericht 2025: Gesamtspendenaufkommen ca. 676.000 €). Davon lässt sich schon einiges an aufwühlenden Filmchen produzieren. Auf der JES-Homepage steht, dass Katja Ryzak Hope e.V. „aus der JES heraus“ gründete. Auch Svenja Gerasch, die Ehefrau des Hauptpastoren Daniel Gerasch taucht immer wieder auf Bildern des Vereins auf.

Fall Sarah: Von Solwodi zu Mission Freedom e.V.  und schließlich zu Hope e.V.

2022 erzählte eine „Sarah“ ihre Geschichte im Format Life Lion. In zwei Teilen erschien damals der Videopodcast mit „Sarah“ und kurz darauf ein „Faktencheck“ mit Katja Ryzak von Hope e.V. Aus diesem Format und einem Artikel auf idea geht hervor, dass SOLWODI Braunschweig „Sarah“ damals zunächst in ein Schutzhaus aufnahm, sie dann aber an Mission Freedom weitervermittelte. Nach mehreren misslungenen Umorientierungsversuchen landet Sarah schließlich bei Hope. Wer genau hinhört, lernt aus diesen beiden Berichten vieles über die Vorgehensweise von Fundis im Rotlichtmilieu. Kontakt halten, auch wenn die Person Abstand sucht, Weiterverweisung im eigenen Netzwerk, religiöse Heilsversprechen, Umdeutung von Erlebtem im Rahmen des charismatisch-pfingstlerischem Wertekatalog der Projekte.

Dieses System aus Weiterleitung erinnert an geschlossene Systeme, in denen die darin befindlichen Personen nicht mehr mit anderen Ansichten in Berührung kommen. Die genannten Vereine waren bis vor Kurzem bei Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. aktiv und bestreiten regelmäßig, dass freiwillige Sexarbeit mehr als eine Randerscheinung sei(n dürfe). Mission Freedom e.V. wird seit Neuestem nicht mehr unter den Mitgliedsorganisationen von ggmh gelistet. In jüngster Zeit tun sich diese Vereine durch Wissenschaftsfeindlichkeit hervor, indem sie den umfangreichen Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz in Zweifel ziehen. Dessen Ergebnisse zeigen ein anderes Bild, als diesen Organisationen gefällt.

Trigger me hardly: Schweiß & Gestank

In einem besonders stark geklickten Short auf YouTube spricht Ryzak über stinkende Sexkäufer, die schwitzen und eklige Sachen verlangen. Solcher Ragebait (emotionalisierende Tiraden) funktioniert nicht erst seit dem Fall Collien Fernandes und der Veröffentlichung der Epstein Files. Doch seitdem schwappt eine besonders hohe Welle der gerechtfertigten Wut über sexualisierte, patriarchale Gewalt durchs Land. Hope e.V. hat sich anscheinend dazu entschieden, sich diese Welle zunutze zu machen. Perfiderweise streben sie danach, die Wucht dieser Emotionen gegen Andersdenkende zu richten, die sich für mehr Rechte für Sexarbeiter*innen einsetzen. Ihnen könne man nicht glauben, Freiwilligkeit existiere nahezu nicht. Daher findet Ryzak krasse Worte des Ekels für Schweiß, Körpergerüche und Penetration. Das soll verstören und genau das ist auch das Prinzip der Wirkweise. Diese Clips sollen triggern.

Hope’s Netzwerk – gemeinsam gegen den „Feind“?

Flankiert werden die besagten Kurz-Videos von längeren Formaten. Wie eingangs schon kurz erwähnt, trat Katja Ryzak vor Kurzem zum Beispiel bei Markus Neumann („Furchtloses Zeugnis“ auf YouTube) auf. Mit glänzenden Augen lauscht dieser andächtig Ryzaks gewohnt auf Verstörung angelegten Schilderungen. Anderthalb Stunden tauschen die beiden sich über den „Feind“, den „Geist des Todes“ und über Befreiung aus. Auch von diesen längeren Video-Podcasts existieren kurze Zusammenschnitte, die ebenfalls derzeit die Plattformen fluten. Für ihre Ragebait-Offensive schreckt Hope e.V. auch vor Populismus, Desinformation und heftigen Anschuldigungen gegenüber Sexarbeitenden nicht zurück, wie wir gleich noch sehen werden.

Markus Neumann ist ein besonderer Fall. Sein Kanal “Furchtloses Zeugnis” kreist um Themen wie Okkultismus, Hexerei, Dämonen, den Teufel. Der Podcast mit Ryzak trägt den Titel “Im Wohnzimmer des Teufels”. In den Shownotes verlinkt er den “Miracle Club”, wo er auch schon selbst aufgetreten ist. Der Miracle Club ist kein Puff mit fragwürdigem Namen, sondern ein Ort für Exorzismen, mitten in Baden-Württemberg.

„Wir sind eine freie christliche Gemeinde in Stuttgart, Bad Cannstatt. Und wir glauben an Wunder.“
„Wir verstehen uns als Trainingscenter in dem jeder seine geistigen Gaben erkennen und trainieren darf.“
„Wir glauben an geistliche Kampfführung und an Heilung und Befreiung in Jesu Namen.”

Sätze wie diese, garniert mit reichlich Bibelversen, und KI-erzeugten Bildern rahmen, um welche Art von Wundern es in Stuttgart-Bad Cannstatt geht: die Abwehr von „Angriffen des Feindes“, zum Beispiel.

Ryzak spart im Talk mit Neumann nicht mit kruden Aussagen, die sehr viel über die „Arbeitsweise“ von Hope e.V. verraten. Und die Anlass sein sollten, zu reflektieren, ob Personen, die sowas äußern, tatsächlich Workshops für Kinder ab der 4. Klasse geben sollten? Ryzak bezeichnet das Rotlichtmilieu als „Wohnzimmer des Teufels“ (50:58) und begründet das mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie Hexerei und Okkultismus. Dazu käme dann der „Geist des Todes“ (51:27). „Geistig tot“ zu sein, wird dort immer wieder mit Sündhaftigkeit verknüpft, mit Einflüsterungen dämonischer Mächte. Ryzak bringt dies mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie mit Suizidalität in Verbindung. Kurz darauf spricht sie dann von Verführung und münzt das auf den Kontakt mit der Kundschaft. Ryzak erwähnt, dass sie selbst „Befreiungsdienste“ durchgeführt hat:

„Und wenn wir Frauen hatten, die dann Befreiung erleben wollten, das waren schon krasse Sitzungen und es hat oft auch lange gedauert und oft auch über mehrere Befreiungsgebete. Das hat Zeit gedauert, auch, dass die Frauen dafür bereit waren, das selber verstanden und gemerkt haben. Frauen, die z.B. aus einem satanischen Hintergrund kommen, ähm weil sie aus der Familie kommen, wo satanische Rituale waren oder auch rituellen Missbrauch, was du vorhin erzählt hast. Ähm die öffnen sich eher dafür für ein Befragungsgebet. (…)“ (52:46)

„als unprofessionell abgestempelt“

Neumann fragt nach: „Wie macht ihr das?“
Ryzak erzählt bereitwillig von ihrer Vorgehensweise: Nach dem Anhören von belastenden Situationen oder Herausforderungen sei ein guter Moment, um ein Gebet anzubieten. Sich nicht so einfach abwimmeln lassen, sondern sich den Klient*innen als „Gebetserhörung“ präsentieren. Sie helfe zwar auch Frauen ohne christlichen Hintergrund, aber bei den christlichen sei es „einfacher“, denn da werde ein „Heilungsprozess in Gang gesetzt, der menschlich nicht möglich ist“ (58:12). Soso. Ryzak weiß offenbar, das was sie sagt, ist heikel und schiebt nach:

„Ähm und mir ist vollkommen klar, ich weiß, dass viele Organisationen, die einfach nur einen christlichen Hintergrund haben, direkt als unprofessionell abgestempelt werden, was völliger Quatsch ist, weil ich stelle genauso Sozialarbeiter an wie alle anderen. Ja, ich habe genauso gelerntes, geschultes Personal. Ähm, wir arbeiten auch mit Polizei, Behörden und allem zusammen. Ähm, außer dass bei uns eben der Glaube unser Fundament ist.“

Fakt ist: Ryzak glaubt fest an böse Mächte, Geister und Dämonen und die gottgewollte und religiös erzielte „Befreiung“. Sie vergleicht sich in dem Podcast dann noch mit Keppler und Newton – aber lassen wir das… es ist auch so schon wild genug. Neumann insistiert: „Inwiefern erlebt ihr auch bei eurer Arbeit so die Führung z.B. des Heiligen Geistes?“ Und Ryzak antwortet:

„Ja, ich kann nicht ohne, wir können nicht ohne, das kann ich nicht ausklammern. Ähm äh wir sind angewiesen auf den Heiligen Geist. Es ist Jesus ist der Grund, warum wir diese Arbeit machen. Er hat mich beauftragt zu den Frauen zu gehen und bis heute ist und bleibt er mein Chef und er ist derjenige, der uns Türen aufmacht und der Türen wieder schließt und uns auch zeigen muss, wann ist es Zeit, zu welcher Frau zu gehen.“ (59:43)

„Jesus ist mein Chef“

Sie malt das aus, spricht von Drang und Auftrag, wenn der Heilige Geist sie ruft. Ryzak berichtet von Wundern, z.B. wie Gott das Auto eines Zuhälters gestoppt habe. Dazu gibt es sogar ein eigenes Video. Sie erwähnt im gleichen Atemzug, dass Hope e.V. gerade mit dem SWR gedreht haben.

Egal ob Team Recherche, SWR oder sonstige Medienschaffende: Was ist los mit Euch? Ihr dreht mit diesen Menschen, die ihren teils fanatisch anmutenden Glauben überhaupt nicht verheimlichen, sich aber Euch als die wahren Experten präsentieren. Was ist das für ein Journalismus, in dem Esoteriker*innen, Fundis oder Personen aus radikalisierten Vereinen ohne Einorndung Fehl- und Desinformationen verbreiten dürfen? Sind Euch Sexarbeitende und Opfer sexueller Ausbeutung wirklich so egal oder kennt ihr den Unterschied zwischen professioneller Sozialer Arbeit und unseriösen Missionsangeboten nicht? Wollt ihr spirituellen Missbrauch, unseriöse Befreiungsdienste und – man kann es wohl nicht anders bezeichnen – „Freaks“, wie Neumann oder den Miracle Club Legitimation und Spenden verschaffen?

Schließen wir für einen Moment unsere Augen und überlassen uns der Vorstellung, Ryzak und ihr Team wären keine (radikalen) Christ*innen, sondern Muslim*innen. Was da los wäre… anderes Thema.

Fundamentalistische Raumnahme bedeutet mehr gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

S/W-Still aus einem depublizierten Video von Hope e.V., das eine Straße in Brasilien zeigen soll.
Quelle: Privatarchiv
Ein S/W-Still, aus einem depublizierten Hope e.V.-Video, das eine trans Frau zeigen soll, aber eine Drag Queen abbildet,
Quelle: Privatarchiv

Vor Kurzem gingen bei FundiWatch mehrere Hinweise auf Hope e.V. ein. Ein mittlerweile depubliziertes Video, das uns aber vorliegt, zeigt Ryzak, die in der bereits erwähnten Machart über eine mutmaßliche „Transgender-Umwandlungsfabrik“ in Brasilien spricht.

Ryzak erörtert im Video, ob es auch männliche „Prostituierte“ gäbe und malt den unserer Ansicht nach nicht belegten Fall der erzwungenen Transition eines brasilianischen Minderjährigen zum Zwecke des Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung aus, der danach angeblich in die „Prostitution“ verkauft worden wäre.

Das ganze Video hindurch spricht Ryzak konsequent von einem „Mann“. Zur Bebilderung von „Brasilien“ wird ein Schwarz-Weiß-Bild eingeblendet, das einen beliebigen Straßenzug irgendwo auf der Welt zeigt. Zur Illustration von „Transgender“ erfolgt die Einblendung einer Szene, in der eine mutmaßliche Drag-Queen sich schminkt. Eindrücklich malt Ryzak aus, wie sehr „der Mann“ unter den billigen Silikonimplantaten gelitten habe. Transition unter Zwang, ein „krass gebrochener Mann“, eine „Umwandlungsfabrik“, über die wir keinerlei Belege finden konnten: Sollte Hope e.V. für alle von ihnen geschilderten Fälle so wenig Belege haben, würde das -wieder einmal- ein Schlaglicht auf den Umgang dieser Bewegung mit Fakten und Wahrheit werfen.

Wir haben bei Verbänden und Einzelpersonen nachgefragt, die sich für die Rechte von trans Menschen einsetzen, um uns dort nach ähnlichen Erzählungen und nach den gängigen Verschwörungserzählungen rund um TIN-Personen zu erkundigen. Uns erreichte dieses Statement, das wir aus Datenschutzgründen anonymisiert haben:

„Im Clip wird auf jeden Fall deutlich, dass es Katja Ryzak wichtig ist zu betonen, dass es sich um „Männer“ handelt, „die wie Frauen aussehen“, was eine komplett schwammige Bezeichnung für trans Frauen ist. (…)

Das nächste ist dann das Beispiel der Industriesilikon-Injektionen, welches sie anführt. Das hat ja eine reale Bewandtnis. Solche Injektionen sind in ganz Lateinamerika dokumentiert und zwar besonders unter trans Frauen, oft wegen Ausschluss aus sicherer medizinischer Versorgung. Auch können sich trans Frauen den sicheren Zugang zu Kliniken nicht leisten, auch auf der Straße ist es so, dass du sicherer bist, sobald dein Erscheinungsbild einfach mehr cis passing ist. Zumal du auch besser zahlende Kunden bekommst. Statt das patriarchale System und die latente trans Misogynie und Sexarbeiter*innenfeindlichkeit anzuprangern schlägt Ryzak zwei Fliegen mit einer ideologischen Klappe, sie verschiebt die Schuld auf „Transgender“ als System.

Solche propagandistischen Schuldverschiebungen haben meist das Ziel Gewalt gegen diejenigen zu legitmieren, die vom System am meisten gebeutelt werden. Trans Frauen leben gerade in Brasilien in Gemeinschaften und unterstützen sich so. (…) Der Ausdruck „transgender Fabriken“ begünstigt Gewalt eben gegen diese Frauen, hat wieder einmal das Ziel, die Transition für junge Personen so schwer wie möglich zu machen.“

Der Clip fiel also auch anderen als ausgesprochen transfeindlich auf, da er zahlreiche Desinformationen, wie sie von der extremen Rechten und Teilen des rechten Christentums vertreten werden, bedient. Uns erreichten mehrere Bitten um Intervention und Einordnung.

Wir konfrontierten Hope e.V. mit Nachfragen zu den Schilderungen im Video. Die Reaktion: Das Video, das zuvor über 5.500 Likes erhielt und über 650 Mal geteilt wurde wurde kommentarlos gelöscht. Schließlich erhielten wir noch eine Mail von Katja Ryzak: Man bedauere, dass man unser „Vertrauen nicht gewinnen“ konnte. „Gegenseitiges Vertrauen“ sehe man „als wichtige Grundlage für eine konstruktive Kommunikation“. Vor diesem Hintergrund bitte man um Verständnis, „dass wir derzeit keine Veranlassung sehen, auf weitere Fragen dieser Art einzugehen“. Aha. Also lieber die abstrusesten Dinge glauben statt Aussagen zu belegen oder zu revidieren. Das wundert uns nach unserem Recherchestand nicht.

How it started and how it’s going

Ich (Ruby) verfolge Hope e.V. schon ein paar Jahre. An meine erste Irritation über Katja Ryzak erinnere ich mich gut. Auf einer Social Media Kachel las ich damals den bereits erwähnten Satz: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“.

Konsterniert speicherte ich diese haarsträubende Aussage in meiner Anti-Sexarbeits-Übersicht unter „Fundis“ ab. 2024 nahm ich Hope e.V. und Katja Ryzak in mein 2025 erschienenes Buch auf. Schon damals habe ich mir einen Mitschnitt eines Auftritts von Ryzak in einer freikirchlichen Gemeinde in Rosenheim angesehen, wo sie 45 Minuten über Pornografie und Prostitution schwadroniert. „Fanatisch“, so mein Eindruck, voller religiösem Eifer.

Von heute betrachtet, fehlt im Buch der Hinweis, dass Hope e.V. auch schon damals an Schulen „Workshops“ erteilte. Im Buch bette ich den Fall Ryzak und Hope in den Komplex PorNO ein. Richtig ist, die Mobilisation gegen Pornografie und Sexarbeit weist starke personelle und strukturelle Übereinstimmungen auf, wie die Beispiele Ingeborg Kraus oder Alice Schwarzer zeigen. Mich hat stets besonders der Diskurs über die Sexualität erwachsener Menschen interessiert. Aus dieser Perspektive behandele ich in „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ die Überschneidungen zwischen trans- und queerfeindlicher, sexarbeitsfeindlicher und armutsfeindlicher Gewalt, gehe aber nur am Rande auf Sexualerziehung oder Präventionsarbeit für minderjährige Zielgruppen ein. Das ist eine Leerstelle, die FundiWatch versucht zu füllen. Denn die Raumnahme christlich-fundamentalistischer Vereine, Projekte und Einrichtungen schloss und schließt Kinder und Jugendliche schon immer ein. Wie sich am Beispiel von Mission Freedom zeigt, fühlen sich Menschen wie Inga Gerckens oder Gaby Wentland sowohl vom „Rotlicht“ angezogen, als auch von der Aussicht Minderjährige unter ihre Fittiche zu nehmen. Frauen und Kinder, das zieht als Spendenaufruf und fördert die Selbstinszenierung als selbstlos Helfende in der Not. Wohin das führen kann, verdeutlicht der Fall „Haus SeeNest“ wohl eindrücklich.

Unmöglich über Gewalt zu sprechen

Als Person, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit und als erwachsene Person erlebt hat, möchte ich heute etwas dazu sagen. Ich spreche selten über diese Erlebnisse, obwohl ich durchaus etwas zum Thema zu sagen hätte. Aber in Deutschland tobt seit Jahren eine durch die Anti-Sexarbeitsbewegung angeheizte Debatte über Freiwilligkeit und Gewalt, die das verhindert.

In dieser Debatte schwingen Personen wie Ingeborg Kraus, Inge Bell, Alice Schwarzer, Gaby Wentland oder Katja Ryzak sich zur Stimme der Betroffenen auf. Sie stehlen dabei unsere Erlebnisse, Geschichten und unseren Schmerz und machen sich das alles zu eigen. Betroffene haben ihrer Sichtweise zu dienen, indem sie pauschalisieren, anderen Erfahrungen absprechen oder Umkehr symbolisieren. Sie liefern Storylines, Bilder und Identifikationsfiguren für die lauten Forderungen der Anti-Sexarbeits- und Anti-Porno-Szene. Nur ambivalent dürfen sie nicht sein.

In all diesem Geschrei ist kein Raum für abweichende Schilderungen von Gewalt, solche, die da nicht hineinpassen. Ich habe sexualisierte Gewalt in der Grundschule, im engen Umkreis, an der Uni, bei meiner Tätigkeit in der Reiseleitung erfahren. Mehrere Jahre Therapie, eine Selbsthilfegruppe und die Sexarbeit haben mir geholfen damit umzugehen.

Ich, anders als eine Katja Ryzak zum Beispiel, maße mir nicht an zu beurteilen, ob mein Fall die Regel ist. Ich habe gelernt, dass sexualisierte Gewalt so unterschiedlich ist, wie die Verhältnisse der Menschen, die sie erleben. Was mich gestärkt hat? Von anderen Sexarbeiter*innen oder aus der Kundschaft zu hören, die Ähnliches erlebt haben. Manches war vergleichbar, vieles ganz anders als meine Erfahrungen. Und doch, ich war nicht allein.

Unmündige Opfer sind mir keine begegnet, dafür einiges an esoterischen, ultra-religiösen Heilsversprechen. Mich verstörten Leute, die sich selbst mit Rettung und Heldentum gleichsetzen. Geholfen dagegen hat mir die Einsicht in strukturellen Sexismus und Trans-Misogynie, verbunden mit der Intervention dagegen.

Vor einigen Jahren habe ich einen zaghaften Versuch unternommen, über meine Gewalterfahrungen zu sprechen. Gleich waren Menschen aus der Anti-Sexarbeits-Bewegung zur Stelle: „Da schau, das ist der Grund, du spaltest ab, deswegen glaubst Du, DAS freiwillig zu machen.“ „Du bildest Dir die Freiwilligkeit nur ein“. „Du bist Opfer und krank.“ Sie versuchten meine Erfahrungen auszunutzen, um meine Argumente für mehr Rechte von Sexarbeiter*innen zu unterlaufen, nutzten meine Erlebnisse als Waffe gegen Gründe, die ihnen nicht gefielen. Was blieb ist die Einsicht: Wenn Du Dich nicht zum Token dieser Leute machen lässt, betrachten sie Dich als Feind und bekämpfen Dich mit allen Mitteln.

Auch deswegen ist es unerlässlich, dass wir über Hope e.V. sprechen, und zwar als christlich-fundamentalistisches Rettungsprojekt, das Betroffene von sexualisierter Gewalt und Minderjährige gefährdet. Um es mit Anna Klein zu sagen: „Glaub ihnen nicht.“

—-
Nachbemerkungen:
1. Wir haben übrigens eine KI gefragt, uns Bildmaterial zum „Geist des Todes“ zu erstellen. Das Ergebnis enthalten wir Euch nicht vor…, auch wenn wir uns anders entschieden haben. 😉
2. Wir bitten um Zusendung aller schlechten Timmy-Hope-Walwitze, die Euch einfallen.

City of Light – Hat dieses Event Berlin noch gefehlt?

Gastbeitrag zum „City of Light“-Festival von GODsPOWER mit Lukas Repert

(Bildquelle: cityoflight.de) An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Gastbeitrag von Robin Eschenbach. Robin hat die Missionsveranstaltung “City of Light” vom 21. bis 24.05.2026 in Berlin beobachtet. Veranstalter des Events war die Organisation “GODsPOWER” unter Leitung von Lukas Repert. Auch zahlreiche weitere Personen und Gruppen, die uns bei FundiWatch immer wieder begegnen, waren mit dabei. Selbst für die Kleinsten war im Bereich des “KidsFestival” “gesorgt”. Vielen Eltern dürfte zunächst nicht mal aufgefallen sein, um was für eine Veranstaltung es sich dort handelte…

Das City of Light-Festival findet regelmäßig an verschiedenen Orten in Deutschland statt. Bereits dieses Wochenende findet vom 19. bis 21.06.2026 das City of Light in Nürnberg statt.

Vielen Dank an Robin für den Bericht!


Techno oder Jesus? Diesmal: Jesus.

Gastbeitrag von Robin Eschenbach

Der Platz vor dem Brandenburger Tor zeigt sich an diesem Nachmittag in seinem üblichen Charme: jemand macht Riesenseifenblasen, Teenager spielen halbherzig Fußball, und ich werde auf dem Weg über den Pariser Platz innerhalb von fünf Minuten von drei Menschen – einem von diekreative, einem von Saddleback und einem von einer Gruppe, die er lieber nicht nennen wollte – zu einem Konzert eingeladen, das „gleich beginnt“. In Berlin bedeutet das entweder Techno oder Jesus. Diesmal: Jesus.

Quelle: https://www.cityoflight.de/

Schon der Auftakt macht klar, wie schwer der Job des modernen Evangelisten im Lausanner sehr gefürchteten “säkularen Gürtel Mitteleuropas” ist. Dieser ist spirituell betrachtet ungefähr das, was Brandenburg für mediterrane Weinbauern ist. Während frühere Missionare noch auf Menschen trafen, die Angst vor Hölle und Ernteausfällen hatten, steht man heute vor Berliner*innen mit Noise-Cancelling-Kopfhörern und einem tief verinnerlichten „Lass mich einfach in Ruhe“. Aus Sicht der Lausanner Bewegung gilt Europa inzwischen als eines der strategisch schwierigsten Missionsfelder überhaupt. Weil viele Menschen das Christentum nicht mehr als gute Nachricht, sondern als moralisch fragwürdig, intellektuell naiv und emotional irrelevant wahrnehmen (vgl. Lausanne Movement. Europe).

Gemeinsam “Seelen retten” – aber psssst…!

Die Bühne gehört „City of Light“, einem evangelistischen Straßenfestival von GODsPOWER rund um Lukas Repert. Dahinter steht ein Netzwerk freikirchlicher Organisationen, das in Berlin gut miteinander verbunden ist.

GODsPOWER veranstaltet neben „City of Light“ auch das „KidsFestival“ im Stadtpark Lichtenberg sowie die „Healing & Power Conference“- am 09.05.2026 erst als „Blessed to be a Blessing“ im ICF Berlin. Mitbeworben und unterstützt werden die Events von GODsPOWER neben ICF Berlin auch von Real Life Berlin, diekreative, Every Nation Berlin, “Neues Leben” u.v.a.

Ganz überraschend kommt das nicht: Seit Wochen wurde auf Plakaten und auf Spotify-Werbung „das Event, das Berlin noch fehlt“ angekündigt – mit „authentischen Geschichten“ und „mitreißender Musik“.

Der evangelikale Hintergrund blieb bei der Spotify-Werbung auffallend diskret. Als wolle man erst beim dritten Song erwähnen, dass es eigentlich um die Rettung unsterblicher Seelen geht.

Quelle: Instagram / City of Light

KidsFestival für die Jüngsten – Überraschungsgast Jesus?

Auf dem KidsFestival begegnet einem dieselbe Strategie von Intransparenz.

Man sieht Kinder in Zorb-Bällen über die Wiese rollen, auf Hüpfburgen, beim Kinderschminkstand oder einander mit Rasierschaum und Popcorn bewerfen. Bratwurst, Zuckerwatte und Getränke gibt es für lau. Kurz gesagt: Es wirkt wie jedes andere Berliner Familienfest – nur mit besserem Catering.

Was man dagegen nicht sieht, ist irgendein Hinweis darauf, dass es sich um eine “christliche” Veranstaltung handelt. Kein Banner, keine offensichtliche Einladung zum Glauben, kein Hinweis auf die Veranstalter. Erst im Bühnenprogramm wird zwischen Spielen und Animation plötzlich gebetet, gesungen und dazu eingeladen, Jesus in das Herz aufzunehmen. Man gewinnt den Eindruck, dass die Veranstalter das Konzept der Überraschungsparty konsequent zu Ende gedacht haben. Nur dass am Ende nicht der Clown aus der Torte springt, sondern die Evangelisation. Zu spät, um seine negative Religionsfreiheit bzw. die von Kindern – manche gerade einmal vier Jahre – ansatzweise zu schützen.

Die Anzahl der evangelisierten Kinder wird am nächsten Tag durchaus stolz in einer der Berliner Gemeinden als Erfolgskennzahl vor sich hergetragen. Man fragt sich, warum – bei aller Versammlungsfreiheit – die Berliner Versammlungsbehörde nicht zumindest auf eine klare Beschilderung gedrängt hat.

“Rettung” von Drogensucht, Spielsucht und “Perversion” im Dringlichkeitsmodus

Zurück vor dem Brandenburger Tor: bereits das Tanzteam erklärt dem spärlichen Publikum, dass Drogensucht, Spielsucht und Perversion (= Homosexualität, vgl. Sommer-Special 2024 von diekreative) Ausdruck desselben geistlichen Elends seien, aus dem man durch ein Leben mit Jesus gerettet werden könne.

Die Worship-Musik hallt über den Platz wider am Hotel Adlon, an der US-Botschaft und an der Akademie der Künste. Dort läuft zeitgleich eine Installation über verbotene Wörter unter der Trump-Administration – inklusive Aufrufen zu Meinungsfreiheit und dem Satz: „Wo Sprache zensiert wird, ist Demokratie in Gefahr.“ Man kann sich schwer des Eindrucks erwehren, dass hier versehentlich das perfekte Gegenprogramm entstanden ist: drüben die Warnung vor ideologischer Kontrolle, hier die Einladung zur totalen Hingabe. Berlin inszeniert seine Ironie zuverlässig selbst.

Dann übernimmt Lukas Repert selbst, der Initiator des Festivals. Der Platz füllt sich langsam, bis irgendwann vielleicht 200 oder 300 Menschen erreicht sind – die meisten davon mit „Follow-Up“-Schildern um den Hals oder im „City of Light“-Shirt.

Es folgt eine Dramaturgie, die weniger auf Diskussion als auf emotionale Überwältigung setzt: anschwellende Musik, immer gleiche Einladung, sich „ins Licht“ retten zu lassen und dazu Reperts Dringlichkeitsrufe wie „Yes, yes, yes!“ oder „Now, now, now!“. Einzelne Personen werden auf die Bühne gezogen, während jede*r den Nachbarn fragen soll, ob er „eigentlich jetzt dort oben stehen sollte“. Evangelisation wirkt hier weniger wie Glaubenssuche als wie spirituelles Gruppencoaching im permanenten Dringlichkeitsmodus.

Einige bekannte Gesichter aus der (ganz) rechten Ecke sind auch dabei…

In den Tagen des Festivals wird auch der rechtsextreme Christfluencer Leonard Jäger aka Ketzer der Neuzeit das Festival besuchen. Auf seinem Instagram-Kanal postet er über das Festival: “Ein großes Evangelisations-Event mitten in Berlin: Das waren gesegnete und und abenteuerliche Tage!”. Und: “And if our God is for us, then who could ever stop us”.

Quelle: Instagram / ketzerderneuzeit

Und auch von einem weiteren bekannten AfD-Unterstützer wird das Festival unterstützt: Der Prediger Markus Rapp, Leiter der Berliner Freikirche Neues Leben in Hohenschönhausen.

Rapp teilte auf seinem Youtube-Kanal (mit immerhin über 77.000 Abonennt*innen) – auf dem auch bereits mehrfach Lukas Repert zu Gast war – den Life-Stream der Abschlussveranstaltung zum City of Light. Rapp ist offener Unterstützer der AfD (zu Rapp vgl. Frontal v.24.6.2o25 ab Minute 6:10), deren Gruppe Christen in der AfD nach ihrer Abschlussveranstaltung in seiner Gemeinde zu Gast war.

Mit seinem Verein Christus für Europa betreibt Rapp den deutschen Ableger der Online-Bibelschule “International School of Ministry” (ISOM bzw. ISDD), in deren Programm auch Kurse zum sog. Seven Mountain Mandate angeboten werden. Nach dem “Seven Mountain Mandate” sollen Christ*innen auf die verschiedenen Gesellschaftsbereiche Einfluss nehmen, diese transformieren, um sie schließlich wieder mit “christlichen” Vorstellungen und Werten zu dominieren.

Mission Europa: Bootcamp für die Seelenrettung

Lukas Repert taucht als Gastredner bei Gemeinden wie ICF, Every Nation, diekreative oder der Gemeinde auf dem Weg auf. Vor einigen Jahren organisierte er sogar ein Evangelisations-Bootcamp in Tansania für Christ for all Nations – jene Missionsorganisation von Reinhard Bonnke, die jahrzehntelang Massenevangelisation perfektionierte.

Und tatsächlich endet just gleichzeitig mit City of Lights die sechswöchige School of Evangelism von Christ for all Nations in Berlin, für die Lukas Repert neben Gaby Wentland von Mission Freedom, Jean-Luc Trachsel und Ben Fitzgerald (der wiederum eine eigene Mission School, die School of Ministry der Awakening Church hat und sich von der US-Evangelikalen Trump-nahen Bethel Church aus mit seiner Organisation Awakening Europe aufgemacht, Europa zu erretten) als “Instructor” engagiert war.

Rund 30 angehende Berliner Missionar*innen wurden dort für schlappe 3.999 Euro Teilnahmegebühr darin geschult, Hemmungen zu überwinden, Fremde anzusprechen und aktiv Menschen für Jesus zu gewinnen. Seit Wochen wird entsprechend der Alexanderplatz bespielt: mal von amerikanischen Rappern, mal von Chris Schuller (Follow his Call Ministries / Encounter Nights) persönlich – der bereits am Tag 1 der City of Light aufgetreten ist – mal von jungen Missionar*innen in Ausbildung, die noch nicht gelernt haben, dass Berliner Gespräche üblicherweise nach drei ungefragten Sätzen enden.

In den USA, Brasilien oder Nigeria hätte Lukas Repert womöglich ganze Arenen gefüllt. Stattdessen wurde ihm ausgerechnet das Berliner Publikum auf das Herz gelegt: Menschen, die entweder gar kein Deutsch sprechen oder seit Jahren genug davon haben, ungefragt erklärt zu bekommen, wie sie zu leben haben. So zieht die durchschnittliche Berlinerin mit jener stoischen Gleichgültigkeit vorbei, die normalerweise nur Menschen entwickeln, die seit Jahren gleichzeitig mit Straßenmusiker*innen, Zeugen-Jehovas-Ständen, Junggesell*innen-Abschieden und BVG-Ersatzverkehr leben. Man schaut kurz hin, denkt „Aha, heute also Evangelikale“, und geht weiter zur U-Bahn.

Berlin bekehrt sich nicht? Dann eben nächste Woche wieder

Das entmutigt die Missionsbewegung allerdings kaum. Bereits am 13. Juli beginnt der zweiwöchige „Million Month“ der Awakening Church in Berlin. Frisch gestärkt vom „Empowerment Weekend“ werden erneut junge Missionar*innen mit beneidenswert schlechter Kenntnis der Berliner Mentalität auf den Alexanderplatz ausschwärmen, um Berlin zur „city of renewal, influence and hope for Germany and beyond“ zu machen.

Quelle: awakeningberlin.de

Der säkulare Gürtel Mitteleuropas gilt schließlich nicht deshalb als gefürchtet, weil man dort aufgibt, sondern weil man dort immer wieder glaubt, dass es diesmal bestimmt klappt.

Wachsam bleiben – Aufklärung tut Not!

Und dennoch: Auch wenn viele Berliner*innen schulterzuckend an diesem Event vorbeilaufen, sollten wir den Einfluss christlich-fundamentalistischer Organisationen in Deutschland nicht unterschätzen.

Auch in Berlin existiert mittlerweile ein breites Netzwerk entsprechender Gemeinden und Freikirchen mit lautstarker Social Media Präsenz. Dort geht es häufig nicht nur um einen selbstverständlich von der Religionsfreiheit geschützten persönlichen Glauben, sondern um Verbreitung anti-pluralistischer und radikal-konservativer Weltbilder. Gerade vor dem Hintergrund einer zunächst bunten und modern erscheinenden Außenfassade, ist dies für Außenstehende bzw. neu hinzutretende Personen oft kaum erkennbar. Treten dann erste Konflikte auf, ist der Ausstieg für viele alles andere als einfach.

Es heißt also: Wachsam bleiben und über diese Ideologien aufklären. Denn nicht überall, wo Hüpfburgen, Popcorn und Lobpreismusik draufstehen, ist am Ende nur ein harmloser Sonntagsausflug drin.


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