Solidarität mit den Kreatorinnen und Produzentinnen der ARD-Serie „Selling Sex“!

FundiWatch unterstützt Aufruf zur Solidarität mit den Macher*innen der Serie

Die hitzige aktuelle Debatte über die ARD-Serie „Selling Sex“ zeigt vieles, was wir auch in unseren Recherchen zu christlich-fundamentalistischen Akteur*innen immer wieder feststellen. Und das ist kein Zufall: Kontroverse gesellschaftliche Themen – und darunter fällt eben auch das Thema Sexarbeit – sollen auf eindeutige moralische Erzähungen reduziert werden. Vor allem aber hat das Ziel festzustehen: Die leidende ‚Prostituierte‘ hat gefälligst ‚gerettet‘ zu werden. Für Ambiguitäten besteht kein Raum.

Das moralische Urteil christlicher Fundamentalist*innen über Sexarbeit (ebenso wie generell über außerehelichen Sex) steht fest: „Sünde!“ Freiwillige und selbstbestimmte Sexarbeit kann (und letztlich darf) es in ihrem Weltbild daher nicht geben. Daraus folgen Pauschalisierungen (alle Sexarbeiter*innen leiden und wollen ‚gerettet‘ werden), Pathologisierungen (Sexarbeitende, die das nicht sagen, lügen, sind psychisch krank etc.) und der Ruf nach vermeintlich einfachen Lösungen (Stichwort: sog. „Sexkaufverbot“).

Das ‚Storytelling‘ erfolgt dabei nahezu immer nach einer Art eigens festgelegtem Drehbuch: Ein Leben in Sünde wird in Bildern wie Schmutz, Dunkelheit, Sucht oder Krankheit abgewertet (wie hier beschrieben, z.B. beim Verein „The Justice Project“). Wer sich dann schließlich retten lässt, wird als Held*in gefeiert, alle Probleme verschwinden. Strukturelle Rahmenbedingungen im Kontext von Sexarbeit? Viel zu kompliziert! Die Held*innenreise der „geretteten Prostituierten“ darf nicht gestört werden…

Auf derartige Vorgehensweisen und mehrere Beispiele sind wir in unserer im vergangenen Jahr veröffentlichten Broschüre „Christlicher Fundamentalismus – Eine Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit“ bereits ausführlich eingegangen. Dort zeigen wir auch, wie das Thema Sexarbeit – neben anderen sexual- und gesellschaftspolitischen Fragen – als Brückenthema genutzt wird, um christlich-fundamentalistische Positionen bis in die Mitte der Gesellschaft anschlussfähig zu machen. Wie solche Allianzen und Erzählungen funktionieren, beschreibt auch unsere Kollektivist*in Ruby Rebelde in ihrem Buch „Warum sie uns hassen“.

Auch in der aktuellen Debatte um „Selling Sex“ ist vieles davon wiederzuerkennen: Empörung wird über soziale Medien gebündelt, Protestschreiben an die ARD werden vorformuliert und verbreitet, die Macherinnen persönlich angegriffen. Eine der Kreatorinnen wurde als „Frauenverräterin“ beschimpft; in Kommentaren wurde ihr sogar gewünscht, selbst Opfer von Gewalt zu werden.

FundiWatch unterstützt daher ebenfalls das von Ruby mitinitiierte Statement als Aufruf zur Solidarität mit den Kreatorinnen Marie C. König und Miriam Dehne sowie den Produzentinnen Pauline Striebeck und Estella Sublit der ARD-Serie.

Das ganze Statement vom 30.09.2026 im Wortlaut:


Solidarität mit den Kreatorinnen und Produzentinnen der ARD-Serie „Selling Sex“

Der Umgang mit der Serie „Selling Sex“ ist verroht, einseitig und mitunter hasserfüllt. Das hat Auswirkungen auf die Debatte über Sexarbeit und Menschenhandel und trifft Sexarbeiter*innen direkt. Wir fordern mehr Differenziertheit, sachliche Argumente und Stimmen von Betroffenen in der Debatte über Sexarbeit. Hass und Populismus schaden Sexarbeiter*innen.

In der ARD-Mediathek ist die Serie „Selling Sex“ abrufbar. 6 Episoden erzählen die Geschichte von Wirtschafts-Studentin Nelly. Nelly entscheidet sich, den Teufelskreis aus unbezahlten Praktika, miesen Nebenjobs und daraus angehäuften Schulden mit Sexarbeit als Escort zu durchbrechen.

Die sehenswerte Serie kreist um junge Erwachsene, Sexualität und Datingverhalten. Manche der Charaktere haben kreative Berufe und benötigen Aufmerksamkeit für ihre Projekte, Protagonistin Nelly repräsentiert eine Generation von Menschen an Hochschulen oder Universitäten, die sich von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten hangeln und über hohe Lebenshaltungskosten, Studiengebühren und Niedriglohnjobs in finanzielle Not geraten. Relevanter Stoff also, in dem sich sicher viele Personen wiedererkennen.

Inhaltlicher Sprengstoff entsteht, als Nelly in der ersten Episode während eines Kellner-Einsatzes eine Bekannte trifft. Denn Nellys Bekannte ist auch „beruflich“ auf dem Event, bei dem Nelly kellnert – und zwar als Escort. Zwei Jobs und doch schildert die Serie die Ausgangslage der beiden Frauen komplett unterschiedlich. Nelly im Kellner-Livree wird zurechtgewiesen, als sie auf’s Handy schaut, ihre Bekannte dagegen wird chic gekleidet und offenkundig in Partylaune präsentiert. Die Escort trinkt den Champagner, den Nelly serviert. Nelly entscheidet: Schluss mit dem miesen Nebenjob und stellt sich bei einer Escort-Agentur vor.

Diese kleine Geschichte markiert den vermeintlichen Tabubruch der Serie „Selling Sex“: Denn die Serie schildert Sexarbeit nicht als per se brutale, fremdbestimmte Gewalt, sondern thematisiert Nellys Werdegang als Escort mit Höhen und Tiefen. Und genau darüber haben deutsche Medien seit Langem eine Art Nachrichtensperre verhängt.

Wer das Thema Sexarbeit verfolgt, kennt Berichte über Studierende, die ihr Studium so finanzieren. In den Sozialen Medien gibt es reichweitenstarke Accounts über die Arbeit als „spicy showgirl“, Stripper*in oder Escort. Wer will, findet Lebensrealitäten, wie die von Nelly, in denen Menschen eine Entscheidung für diese Arbeit getroffen haben, und dann eine Vielzahl unterschiedlicher Erfahrungen machen. Wie hoch der Anteil von Escortanbietenden in der Sexarbeit ist, lässt sich nicht quantifizieren. Qualitative Forschung der letzten Jahre belegt allerdings, dass ihr Anteil höher als durch Medien und Politik vermutet liegen dürfte. In diesem Zusammenhang ist auch folgender Befund interessant: Die bislang größte Befragung von Sexarbeitenden im Rahmen der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen aus dem Jahr 2025 zeigt ein durchaus anderes Bild als das der amtlichen Statistik: Von den 2.350 befragten Sexarbeitenden besaßen insgesamt 44,6 % die deutsche Staatsangehörigkeit, während dies in der ProstSchG-Statistik 2023 lediglich auf rund 18 % der angemeldeten Personen zutraf. Weiter zeigt die Evaluation, dass nur rund 42 % der Befragten ausschließlich von Sexarbeit leben und ein erheblicher Teil nicht nach dem ProstSchG angemeldet ist. Diese Ergebnisse stehen in einem auffälligen Kontrast zu vermeintlichen Gewissheiten, die in Debatten über Sexarbeit immer wieder angeführt werden – etwa der Behauptung, dass nur ein kleiner Teil die deutsche Staatsangehörigkeit besitze, wofür regelmäßig die ProstSchG-Statistik herangezogen wird, obwohl diese ausschließlich angemeldete Sexarbeitende erfasst. Interessant ist aber vor allem, wie mit den deutlich abweichenden Ergebnissen der Evaluation umgegangen wird: Von Anti-Sexwork-Organisationen wie TERRE DES FEMMES wird der wesentlich höhere Anteil deutscher Sexarbeitender in der Befragung als Hinweis darauf interpretiert, dass das Sample der Evaluation verzerrt sei. Man kann die Frage allerdings ebenso in die andere Richtung stellen: Was, wenn nicht die Evaluation ein verzerrtes Bild zeichnet, sondern die amtliche Statistik nur einen bestimmten Ausschnitt der Sexarbeit abbildet? Schließlich erfasste die Evaluation auch Menschen, die nicht angemeldet sind, Sexarbeit nur nebenberuflich ausüben oder nicht ausschließlich davon leben. Vielleicht zeigt die Abweichung daher vor allem eines: dass die Lebensrealitäten in der Sexarbeit vielfältiger sind, als es die häufig herangezogenen amtlichen Zahlen vermuten lassen.

Verkniffene Rezensionen

Die deutschen Medienberichte zur Serie offenbaren eine sexarbeitsfeindliche Schlagseite. Stefans und Christians fällen Urteile wie „Legende“, „Illusionen“ oder „Anleitung zur Prostitution“ über Nellys Geschichte. Stimmen aus der Sexarbeit, Beratung oder Forschung fehlen dagegen vollständig. Ein verdrossener, dickköpfiger Mangel an Interesse und Neugier prägt den Ton dieser Texte, die nicht debattieren, sondern um sich selbst kreisen. Offenkundig löst eine für die Mehrheit der Medienschaffenden unerwartete Geschichte bei jenen kein Interesse, sondern Widerwille und Rechthaberei hervor. …

Der deutsche Journalismus hat sich beim Thema Sexarbeit in gefühlten Gewissheiten bequem eingerichtet: „Prostitution“ ist demnach ein inhärent menschenunwürdiges Gewaltverhältnis. Beim Urteil über die ARD-bewirkt dies Folgendes: Statt darüber zu sprechen, wieso Studierende Sexarbeit machen und Nellys Erfahrungen zu debattieren, verlagert ein Großteil der Beiträge den Fokus darauf, wie ungehörig sie es finden, Sexarbeit nicht als Ausdruck von Gewalt und Kriminalität darzustellen.

An deutsche Medien durch Forschung, Sexarbeitende oder Beratungsstellen gerichtete Forderungen nach mehr Differenzierung oder Analyse fruchten seit Jahren kaum. Der Tenor deutscher Medien lautet: „Prostitution“ hat es nicht zu geben dürfen, und verstellt sich damit der Realität. Wer sich diesem unausgesprochenen, nichtsdestotrotz verbindlichen Mantra nicht unterwirft, dem kann gewaltverherrlichende Mittäterschaft vorgeworfen werden. Solche Unterstellungen haben massive Konsequenzen für eine Debatte, der es bedauerlicherweise ohnehin an Sachlichkeit und Repräsentation mangelt.

Die Kreatorinnen und die Produktionsfirma Mia Wallace der Serie „Selling Sex“ erleben das derzeit hautnah. Marie C. König hat 10 Jahre als Escort gearbeitet, Miriam Dehne in einem Berliner Bordell als Wirtschafterin und für das sexpositive TV Erotik Magazin „Liebe Sünde“. Unser Standpunkt: Hört Sexarbeiter*innen zu! Insbesondere, wenn sie Außenstehenden Dinge über sich, ihr Leben und ihre Arbeit verraten, die für die allermeisten neu sein dürften.

Empörungsspiralen und Kampagnen

Gewissheitsjournalismus ist das eine. Dazu kommt die Reaktion der deutschen Anti-Sexarbeits-Bewegung. Eine reichweitenstarke Stimme gegen „Prostitution“ teilt kurz nach Veröffentlichung der Serie einen empörten Post zu „Selling Sex“ auf Facebook und Instagram. Sie habe die Serie zwar nicht gesehen, dafür aber ein Interview mit einer der Kreatorinnen in einem österreichischen Medium gelesen, das bei der Erwähnung von Prostitution nicht grundsätzlich nach Verboten ruft. Wütend übt die Aktivistin Fundamentalkritik an einer der Kreatorinnen und am „ÖRR“ und den „Gebühren“. Eine Flut von erbosten, teils gewaltverherrlichenden Aussagen schwappt durch die Kommentarspalten der Posts. Dort werden Briefe an die ARD vorformuliert. Als eine der Kreatorinnen von „Selling Sex“ sich einmischt, wird sie beschimpft. „Frauenverräterin“ urteilt eine der Vorstandsfrauen des Bundesverband Nordisches Modell e.V., manche wünschen der Kreatorin, sie möge Gewaltopfer werden. Manche der extremsten Kommentare wurden wieder gelöscht, wurden zuvor aber dokumentiert.

Währenddessen erhält die ARD eine Fülle von Protestbriefen. Kurzum: der Druck auf die Serie und ihre Macherinnen wächst. Auf dem Filmfest München, in Reviews und Streaming-Empfehlungen, Podcasts und Radiosendungen wird die Serie positiv besprochen. Auch einige Sexarbeiter*innen begrüßten die Serie als ein „Puzzlestück“, das bislang in der deutschen Medienlandschaft fehlte. Ein Puzzlestück in einem komplexen Bild. An diesem komplexen Gesamtbild scheint die aufgeregte Debatte um Sexarbeit und Menschenhandel schon lange das Interesse verloren zu haben.

Für uns ist die Unterscheidung entscheidend: In „Selling Sex“ geht es nicht um Menschenhandel oder sexuelle Zwangsarbeit – dazu gibt es eigene, notwendige Beiträge und Debatten –, sondern um Sexarbeit. Wer diesen Unterschied verwischt, trifft eine Entscheidung zugunsten Undifferenziertheit und gegen Ambivalenz und Ambiguität. Die organisierte Anti-Sexarbeits-Bewegung tut genau das:

Kampagnen + Aufruhr = Druck

Vorbildlich für den aktuellen Protest gegen „Selling Sex“ sind Moralpaniken und Empörungsstürme und daraus abgeleiteter teils massiver Druck auf Institutionen. Zwei Beispiele: Die genannten Elemente prägten 2025 die gescheiterte Verfassungsrichterinnenwahl von Frauke Brosius-Gersdorf. Damals hatte ein Zusammenspiel aus Medienbeiträgen und dem kampagnenförmige Schreiben von Protestbriefen – in diesem Fall an Abgeordnete der CDU – großen Einfluss und verhinderte am Ende die formale Wahl der Kandidatin. Ähnliches ließ sich auch in der zunächst unsachlichen Debatte um Leihmutterschaft 2026 beobachten, in der es wiederum lange dauerte, bis Leihmütter oder Leihmutterschaftnutzende zu Wort kamen. In beiden Fällen bestehen deutliche Parallelen zum aktuellen Angriff auf die Serie „Selling Sex“.

Und die Parallelen erstrecken sich auch auf die Netzwerke hinter den Kampagnen: eine Allianz aus bürgerlicher Frauenrechtsbewegung und christlichem Fundamentalismus sowie (ultra-) konservativen bis extrem rechten Organisationen nimmt Einfluss auf schwelende gesellschaftliche Debatten. Inhaltlich kreisen diese Debatten um reproduktive und sexuelle Rechte, höchstpersönliche Entscheidungen und um Fragen körperlicher Autonomie.

Wir wissen, solche Debatten bedürfen Sachlichkeit, unterschiedlicher Perspektiven sowie Ambivalenz und Ambiguität. Empörte Kampagnen, wüste Beschimpfungen und implizite Gewaltandrohungen verhindern das. Sexarbeiter*innen erleben bereits ohne solche entgrenzten Eskalationen massive, gesellschaftliche Ausschlüsse und Diskriminierung. Verschärft sich die Debatte weiter auf oben genannte Weise, hat das Auswirkungen darauf, wer sich an ihr noch beteiligen kann. Viele Sexarbeiter*innen sagen bereits heute:

„Zu Stigma und Diskriminierung gegenüber Sexarbeiter*innen in der gesamten Gesellschaft kommt Hass und Anfeindungen aus der Anti-Sexarbeits-Bewegung.“

Die emotionale Entgleisung der Debatte zeigt sich aktuell in Ablehnung und Widerwillen gegen die Serie „Selling Sex“. Das betrifft zunächst unwilligen und ignoranten Journalismus, im zweiten Schritt eine laute und zunehmend radikalisierte Anti-Sexarbeits-Bewegung: Verabredungen zum Protestbriefeschreiben, Bündelung von Empörungsspiralen, Förderung von Moralpaniken über Multiplikator*innen / Influencer*innen und deren Follower*innen in den Sozialen Medien. All das nimmt Einfluss auf eine Debatte, die bereits ohne die eben beschriebenen neuen Aspekte kompliziert und einseitig war.

Solidarität mit den Kreatorinnen und Produzentinnen der Serie Selling Sex

Wir solidarisieren uns daher mit den Kreatorinnen Marie C. König und Miriam Dehne sowie den Produzentinnen Pauline Striebeck und Estella Sublit von Mia Wallace der Serie „Selling Sex“. Die ARD sollte mehr solche Produktionen ins Programm nehmen. Deutsche Medienschaffende sollten ihre oft voreingenommene Haltung gegenüber Sexarbeit und Sexarbeiter*innen reflektieren. Darüber hinaus fordern wir Menschen auf, Sexarbeitsfeindlichkeit in Medien, Journalismus und auf Social Media entgegenzutreten.

Für eine sachliche und breite Debatte über Sexarbeit!

Webtalk mit dem LSVD+ Bayern: Queerfeindlichkeit im Namen des Glaubens?

16. Juli 2026 | 17:30-19:00 Uhr
Jetzt anmelden!

(Bildquelle: LSVD+ Bayern) Christlicher Fundamentalismus gewinnt auch in Bayern zunehmend an Einfluss. Auf gesellschaftliche Debatten, auf die soziale Arbeit, auf politische Entscheidungen. Gerade dort, wo es um queere Vielfalt und körperliche Selbstbestimmung geht.

Doch welche Akteur*innen und Netzwerke stecken dahinter? Wie organisieren sich queerfeindliche Kampagnen? Und welche Strategien nutzen diese Gruppen?

Im Webtalk am 16. Juli von 17:30-19 Uhr wollen wir gemeinsam mit dem LSVD+ Bayern und euch einen genaueren Blick auf christlichen Fundamentalismus und dessen Rolle in aktuellen queerfeindlichen Mobilisierungen werfen. Nach einem Impulsvortrag gibt es Raum für Fragen, Diskussion und Austausch.

Weitere FundiWatch-Termine findet ihr hier.

Verbindungen zwischen christlichem Fundamentalismus und Rechtsextremismus

Antwort der Bundesregierung zu Kleiner Anfrage BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN

Am 29.05.2026 richtete die Bundestagsfraktion BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN in einer Kleinen Anfrage (BT-Drs. 21/6166) einen Katalog mit insgesamt 29 Fragen zu möglichen Verbindungen zwischen christlichem Fundamentalismus und Rechtsextremismus in Deutschland an die Bundesregierung.

Die Anfrage nimmt in ihrem ausführlichen Fragenkatalog detailliert viele nationale und internationale Akteur*innen in Bezug, die uns auch immer wieder in unserer Arbeit bei FundiWatch begegnen. Dabei differenziert die Anfrage deutlich zwischen christlich-fundamentalistischen Akteur*innen im Speziellen und der wichtigen Rolle von Kirchen und christlichen Organisationen im Allgemeinen im Kampf gegen Rechtsextremismus und für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. So leitet die Anfrage mit den Worten ein:

„Die Kirchen, christlichen Wohlfahrtsverbände, Hilfswerke und Jugendorganisationen sind eine zentrale Säule im Kampf gegen Rechtsextremismus und eine starke Stimme für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. […] Insgesamt sind die Kirchen ein unverzichtbarer Bestandteil einer aktiven Zivilgesellschaft, die sich im Sinne der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vehement gegen extremistische Tendenzen und Vereinnahmung zur Wehr setzt. Umso mehr ist es im eigenen Interesse, extremistischen Tendenzen in den eigenen Reihen frühzeitig und mit der notwendigen Entschlossenheit entgegenzutreten.“

Nichstdestotrotz wurde die Anfrage in den vergangenen Tagen bereits von verschiedenen rechten und evangelikalen Medien als angebliches Anzeichen einer zunehmenden „Christenverfolgung“ geframed. Was uns nicht überrascht hat. Und leider sehen wir auch bei den (Amts-)Kirchen nicht immer die notwendige Entschlossenheit, sich von Vereinnahmungsversuchen christlich-fundamentalistischer Akteur*innen abzugrenzen.

Die Kleine Anfrage fragt nach möglichen Verbindungen zwischen christlich-fundamentalistischen Milieus, der AfD und rechtsextremen Netzwerken. Thematisiert wurden unter anderem christliche Influencer*innen, internationale Vernetzungen, die Lebensschutzbewegung, antifeministische und queerfeindliche Positionen sowie mögliche demokratie- und sicherheitspolitische Risiken. Zudem wollte die Fraktion wissen, welche Erkenntnisse Sicherheitsbehörden zu entsprechenden Akteur*innen und Strukturen vorliegen.

Mittlerweile liegt die Antwort der Bundesregierung vor, über die diverse Medien bereits berichten (vgl. zur dpa-Meldung z.B. Tagesspiegel vom 13.06.2026). Demnach erkennt die Bundesregierung Verbindungen einzelner christlich-fundamentalistischer Akteure zu AfD-nahen und internationalen rechten Netzwerken. Der Verfassungsschutz beobachte zudem Akteur*innen, die christliche Motive zur Verbreitung extremistischer Inhalte einsetzen. Namen nennt die Bundesregierung bislang offenbar nicht.

Mit der Antwort bestätigt die Bundesregierung erstmals, dass der Verfassungsschutz christlich-fundamentalistische Akteur*innen und Netzwerke mit Verbindungen in nationale und internationale Netzwerke, die extremistische und verfassungsfeindliche Ideologien verbreiten, im Blick hat.

Das ist eine gute Nachricht. Denn bisher war das nicht der Fall, was unter anderem Dr. Jobst Paul vom Duisburger Institut für Spach- und Sozialforschung (DISS) 2023 in einem bereits mehrfach von uns erwähnten Kurzgutachten für das CoRE NRW unter dem Titel „Religion und Macht. Zum extremistischen Potenzial des christlichen Fundamentalismus“ ausführlich dargestellt und kritisiert hat. Zu hinterfragen, was der Verfassungsschutz genau im Blick hat und ob das Beobachtungsfeld ausreicht, gilt es allemal.

Öffentlich verfügbar ist die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage (BT-Drs. 21/6473) bislang noch nicht. Nach Auswertung der Antwort werden wir ausführlicher berichten.

Update: In die Vorgänge im Haus SeeNest hat sich nun auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet

29 Polizeieinsätze, Hilferufe aus dem Heim…

Nach unserem Bericht über Inobhutnahmen im Kinderheim Haus SeeNest im Allgäu kommen immer mehr Details zu Tage. Mehrere Medien haben den Fall zwischenzeitlich aufgegriffen.

Nun ermittelt auch die Staatsanwaltschaft. Gaby Wentland, Vorsitzende von Mission Freedom, lässt ihre Vorstandstätigkeit im Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel vorerst ruhen.

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Immer mehr Details werden bekannt

Nach unserem Bericht haben nun auch die Süddeutsche Zeitung, die taz und der BR den Fall den Fall aufgegriffen.

Das Haus SeeNest wird von der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH – eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des seit Langem umstrittenen christlich-fundamentalistischen Vereins Mission Freedom – betrieben. Auf seiner Homepage beschreibt Mission Freedom die Einrichtung als Standort einer „spezialisierten Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung“ für „minderjährige Betroffene von sexueller Ausbeutung“.

Im Erwachsenenbereich betreibt Mission Freedom „Schutzhäuser“ in Frankfurt und Hamburg.

Unangemessener Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen

Die taz erfuhr, dass es sich bei den zunächst allgemein als „kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden“ beschriebenen Gründen der behördlichen Maßnahmen um einen unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen handeln soll.

Zudem wird in dem Artikel auf frühere taz-Recherchen vor gut zehn Jahren verwiesen. Demnach durften von Mission Freedom betreute Frauen vermeintlich keine weltliche Musik mehr hören, mussten ihr Handy abgeben und durften nicht ohne Begleitung das „Schutzhaus“ verlassen.

Der Hamburger Senat, das LKA und Hamburger Opferschutzverbände distanzierten sich bereits damals deutlich von Mission Freedom. Zudem teilten sie mit, mit dem Verein nicht zusammenzuarbeiten. Auf seiner Homepage gibt Mission Freedom neben der Evangelischen Allianz Deutschland, dem European Freedom Network und Gemeinsam gegen Menschenhandel auch weiterhin den „Verbund der Diakonie“ als Partnerorganisationen an.

Auf FundiWatch-Anfrage erfuhren wir durch das Landratsamt Oberallgäu, dass sich in den Fall im Haus SeeNest nun auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet hat. Das bedeutet, dass aktuell geprüft wird, ob ein Anfangsverdacht zu etwaigen strafbaren Handlungen vorliegt.

Die Regierung von Schwaben, die die Betriebserlaubnis für die Einrichtung erteilte und zugleich die zuständige Heimaufsicht ist, teilte FundiWatch auf Anfrage zu besonderen Vorkommnissen in der Einrichtung mit: Außerhalb der Kontrollen durch die Heimaufsicht sei es „lediglich zu einem Polizeieinsatz wegen eines abgängigen Kindes, welches aber selbst wieder in die Einrichtung zurückkehrte“ gekommen.

Dem BR liegen hierzu offenbar andere Informationen vor: Demnach habe die Polizei bestätigt, in der Einrichtung habe es 29 Einsätze wegen vermisster Kinder gegeben. Ein Mädchen soll sich aus dem obersten Stockwerk mit aneinander geknoteten Bettlaken abgeseilt haben und weggelaufen sein. Immer wieder sollen Hilferufe von Kindern aus dem Haus zu hören gewesen sein.

Auf erneute Rückfrage von FundiWatch teilt die Regierung von Schwaben hierzu mit, angebliche weitere Einsätze wegen vermisster Kinder seien ihr von keiner Seite gemeldet worden. Aktuell werde der Widerruf der Betriebserlaubnis geprüft, da für die Behörde die Zuverlässigkeit des Trägers in Frage stünde.

Gaby Wentland lässt Vorstandstätigkeit bei „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ vorläufig ruhen

Laut Bericht des evangelikalen Medienmagazins Idea habe der Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (GGMH) – ein Bündnis von fast 40 Organisationen – mitgeteilt, dass Gaby Wentland ihre Vorstandstätigkeit dort bis zur Klärung der aktuellen Vorwürfe ruhen lasse.

Seitens GGMH nehme man die aktuellen Vorwürfe sehr ernst. Im Mittelunkt stünden nun „der Schutz der betroffenen Kinder, die Wahrnehmung ihrer Privatsphäre sowie eine sorgfältige und fachlich verantwortliche Klärung der Vorgänge.“

In der Vergangenheit überstand Gaby Wentland Skandale im Wesentlichen unbeschadet und wurde dabei auch von GGMH in Schutz genommen. Der 1. Vorsitzende Frank Heinreich, ehem. MdB (CDU) und bis vor Kurzem auch Vorsitzender der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD), bezeichnete die Vorwürfe gegen Mission Freedom im Rahmen einer umstrittenen Preisverleihung an den Verein durch den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) 2013 als „Verleumdung“. Auch als Gaby Wentland 2020 gemeinsam mit Inka Hammond den US-Präsidenten Donald Trump als von Gott eingesetzt und als Retter der Christenheit und seines Landes preiste, blieb dies sowohl für ihre Rolle bei GGMH als auch ihre damalige Vorstandstätigkeit für die Evangelische Allianz Deutschland (EAD) folgenlos.

Erst vergangene Woche veranstalteten u.a. GGMH und Mission Freedom im Beisein auch mehrerer Politiker*innen zum wiederholten Mal den Freiheit-Kongress im christlichen Kongresszentrum Schönblick in Schwäbisch Gmünd. Darüber berichten wir hier. Idea war Medienpartner und berichtete ausschließlich positiv über den Kongress. Einer Person von FundiWatch, die bereits seit Jahren zu Mission Freedom und dem Haus SeeNest recherchiert und in diesem Zusammenhang auch den Kongress 2024 besuchte, wurde für den diesjährigen Kongress ein Hausverbot erteilt.

Wie unsere Beobachtenden vor Ort berichten, war Gaby Wentland beim Kongressauftakt entgegen der Programmankündigung nicht auf der Bühne, sondern saß im Publikum.

Inga Gerckens, Mitarbeiterin von Mission Freedom und Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, moderierte laut Kongress-Programm ein Filmgespräch zu dem umstrittenen Film „Blinder Fleck“ der Regisseurrin Liz Wieskerstrauch (vgl. unseren Bericht zu dem Film hier). Zu einem weiteren kritischen Bericht der Zeit u.a. zu dem Film – in dem auch vermeintlichen Bezügen zum Haus SeeNest nachgegangen wurde, die letztlich aber nicht aufgeklärt werden konnten – ist aktuell lediglich der Hinweis zu lesen: „Dieser Artikel wurde aus rechtlichen Gründen depubliziert„.

Eisiges Schweigen und „Siegesgewissheit“

Auf FundiWatch-Anfragen zu den Vorfällen reagieren die Himmelsstürmer und Mission Freedom nicht.

Gegenüber dem BR teilt die Himmelsstürmer lediglich mit: „Grundlage unseres Handelns bilden die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen„. Und: „Unsere Leistungserbringung erfolgt unter der Aufsicht der Heimaufsicht und orientiert sich konsequent an den festgelegten fachlichen Prozessen.„

Auf dem Freiheit-Kongress waren die Vorfälle im Haus SeeNest öffentlich kein Thema. Stattdessen zeigt sich Gaby Wentland auf ihren Social Media-Beiträgen von der Kritik unbeeindruckt: Auf einem gemeinsamen Foto vom Kongress zeigt sie sich freudestrahlend mit dem Team der Schweizer Organisation Heartwings. Untertitel: „Mit wundervollen Freunden ist alles leichter„.

Ein aktuelles Predigt-Video von Wentland trägt den Titel „Widerstände überwinden“. Dort zeigt sich Wentland – ohne die aktuellen Vorgänge zu erwähnen – weiterhin kampfbereit und siegessicher:

„Deswegen laufe mit dem Geist Gottes, auch wenn es schwierig ist, wird er dich siegreich führen. Das heißt, du wirst überwinden. Du wirst dich freuen. Du wirst wissen, dass da eine Belohnung ist, du wirst wissen, dass da ein Sinn hinter ist und du wirst wissen, dass das, was Gott dir versprochen hat, sich alles erfüllt.“

Quelle: Facebook, Gaby Wentland

Möge die Freude doch hoffentlich eines Tages bei den Kindern wieder einkehren, die wohl Schlimmes im Haus SeeNest erleben mussten und von einen Tag auf den anderen nun auseinandergerissen auf verschiedene Pflegefamilien verteilt werden mussten…

Schuld sind die anderen – und der Teufel..?

Heute äußerte sich Mission Freedom nun doch noch gegenüber Idea.

Und kritisiert die Behörden, da die Inobhutnahme ohne behördliche Vorankündigung erfolgt sind. Das Jugendamt Oberallgäu begründet dies damit, dass eine dringende Gefährdung der Kinder nicht habe ausgeschlossen werden können. In solchen Fällen stünde der Schutz der Kinder uneingeschränkt im Vordergrund.

Kritisiert werden von Mission Freedom auch die ehemaligen Mitarbeitenden, die die Vorfälle den Behörden meldeten. Denn diese hätten sich direkt an die Aufsichtsbehörde gewendet, ohne zuvor das Gespräch mit der Einrichtungsleitung zu suchen (gegen die wie berichtet nun eine gerichtlich vorläufig bestätigtes Tätigkeitsverbot verhängt wurde). Dass die direkte Konfrontation der Leitungsebene offensichtlich erfolglos geblieben wäre, zeigen die mittlerweile zahlreichen Vorfälle um Mission Freedom und dessen Umgang mit Kritik wohl deutlich.

Ebenso deutlich ist übrigens, dass dieses Agieren von Mission Freedom unmittelbar mit dessen spezifischer Glaubensausrichtung, insbesondere dem besonders ausgeprägten Glauben an das Wirken übernatürlicher, auch dämonischer Mächte, verbunden ist.

So resümmierte Gaby Wentland bereits nach Bekanntwerden einer sich nach Ermittlungen des LKA als falsch herausgestellten Lebensgeschichte einer vermeintlich minderjährig missbrauchten Frau (die Mission Freedom zuvor offensiv u.a. auf einer DVD und dem Evangelischen Kirchentag „vermarktet“ hatte):

„Und sie haben mir dann Dinge untergeschoben, die alle nicht stimmen, das musst du dann auch ertragen und dann musst du lächeln. (…) Und dann haben wir rückblickend gesehen: Immer wenn die Zeitungen was Böses über mich schrieben, dann waren die Spenden doppelt hoch (…). Weil die Christen verstanden haben: Hier ist ein geistlicher Kampf. Hier ist der Satan dabei, wieder zurückzuholen, was ihm gehört. Und ich hatte versucht, so viel Land zu bekommen wie nur möglich.„

Quelle: Vortrag von Gaby Wentland vom 09.09.2018 „Abend der Ermutigung“ in Schaffhausen (Youtube)

Ein Appell an die professionelle Soziale Arbeit

Der Fall zeigt besonders deutlich, wie wichtig es ist, die Einhaltung berufsethischer Grundsätze professioneller Sozialer Arbeit auch bei religiösen Trägern und auch in Zeiten klammer Haushaltskassen sicherzustellen. Diese Forderung hat nun auch der Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) in einer Pressemitteilung zu dem Fall noch einmal deutlich unterstrichen.

Und das gilt übrigens nicht nur für den Kinder- und Jugendbereich. Mission Freedom und weitere Organisationen aus dem Netzwerk GGMH betreuen auch zahlreiche erwachsene Personen. Eine staatliche Aufsicht für diese Einrichtungen gibt es hingegen nicht.

Wir bleiben weiter an dem Fall dran.

Online-Vorstellung der FundiWatch-Broschüre „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit!

Termine am 12.08. und 03.09.2025

Am 22.07.2025 haben wir eine von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderte Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit veröffentlicht.

Wie bereits angekündigt, wollen wir die Broschüre nun in einem Online-Termin vorstellen. Folgende Termine sind geplant:

  • 12.08.2025, 18 bis 20 Uhr
  • 03.09.2025, 13 bis 15 Uhr

Anmeldung mit Hinweis auf Eure Organisation (falls relevant) bitte an fundiwatch_events@posteo.de.

Die Teilnahme ist kostenlos – wir freuen uns aber über Spenden zur finanziellen Unterstützung unserer Arbeit!


Gerne stellen wir unsere Rechercheergebnisse auch im Rahmen individueller Vorträge, Workshops o.ä. vor. Basierend auf unseren Rechercheerfahrungen geben wir dabei gerne auch Recherchetipps für die Praxis, die das Erkennen problematischer christlich-fundamentalistischer Ausrichtungen von Akteur*innen erleichtern sollen. Anfragen hierzu sowie Konditionen im Einzelfall gerne über das Kontaktformular oder per E-Mail.

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