Sexarbeitsfeindlichkeit in der christlichen Rechten

Webtalk am 16.03.2026 ab 19 Uhr bei DIE LINKE.queer – Umgang mit Sexarbeit? Ein umstrittenes Thema…

Eine Anmeldung zum Webtalk ist unter anmeldung@dielinke-queer.de möglich. Der Einwahllink wird kurz vor Beginn der Veranstaltung versendet.

Scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen zum Thema Sexarbeit inklusive Forderungen einer Kriminalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen sind gerade wieder besonders laut.

Vor allem aus dem Kreise der CDU/CSU – und zahlreichen christlich-fundamentalistischen Akteur*innen – wird in einer stark emotionalisierten, weitgehend nicht faktenbasierten Debatte die Einführung eines sogenannten „Nordischen Modells“ oder „Sexkaufverbots“ gefordert. Die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen soll demnach kriminalisiert werden – das Anbieten entsprechender Dienstleistungen hingegen angeblich nicht. Sexarbeiter*innen weisen diese Forderung zurück – und stehen damit nicht allein.

Fachverbände – darunter auch die Diakonie Deutschland – lehnen ein solches Modell entschieden ab. Da es die Situation von Sexarbeiter*innen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen maßgeblich verschlechtert.

Wer meint, dieses „unbequeme“ Thema gehe einen selbst ja nichts an: Die Mobilisierung gegen Sexarbeit ist nur die Spitze eines riesigen Eisbergs. Wer verstehen will, wie Akteur*innen gesamtgesellschaftlich an Einfluss gewinnen, die eine vielfältige Gesellschaft teils deutlich verachten, wird bei dem Thema fündig.

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Wo sich (eigentlich) alle einig sein sollten…

Wo sich eigentlich alle, denen es tatsächlich und nicht nur überflächlich um Schutz & Unterstützung für Sexarbeiter*innen geht, einig sein sollten:

Eine sachliche Auseinandersetzung sollte Sexarbeiter*innen einbeziehen. Sie werden durch die christliche Rechte aber oft pathologisiert und viktimisiert. Dies und die Ausnutzung marginalisierter Menschen als „Rettungsobjekte“ sowie eine auf Emotionalisierung ausgerichtete Debatte verbieten sich eigentlich, und sind doch erschütternd oft an der Tagesordnung.

Vermeintlich einfache „Lösungen“, wie etwa die von CDU/CSU – und zahlreichen christlich-fundamentalistischen Akteur*innen – geforderte Einführung einer Kriminalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen, werden dem Thema nicht gerecht.

Auch die Diakonie Deutschland lehnt sogenanntes „Nordisches Modell“ ab…

Mit zahlreichen Fachverbänden lehnt übrigens auch die Diakonie Deutschland eine Krimininalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen ab.

In einer Stellungnahme der Diakonie Deutschland vom 10.09.2024 zum Antrag der CDU/CSU „Menschenunwürdige Zustände in der Prostitution beenden – Sexkauf bestrafen“ (Drucksache 20/10384 vom 20.02.2024) heißt es:

„Der vorgeschlagene Weg, den Sexkauf nach dem Vorbild des Nordischen Modells zu bestrafen, ist jedoch nicht dazu geeignet, das postulierte Ziel zu erreichen. Es führt vielmehr dazu, dass sich die Lebenssituation von Frauen, Männern und Transpersonen in der Prostitution durch die Kriminalisierung des Sexkaufes und das Verbot von Prostitutionsstätten maßgeblich verschlechtert.“

…und kritisiert die Emotionalisierung der Debatte

Deutliche Worte findet die Diakonie auch zur bereits erwähnten Emotionalisierung der Debatte:

„Mit Aussagen wie: ‚Für eine hohe sechsstellige Zahl bedeutet dies faktische totale Abhängigkeit von Zuhältern … beherrscht von organisierter Kriminalität … führt zu bleibender Traumatisierung und gravierenden irreversiblen körperlichen und seelischen Schäden‘ wird eine Darstellung von Prostitution und Menschen in der Prostitution gewählt, die wirkmächtige Bilder erzeugt, jedoch nicht belegbar ist.“

Sexarbeitsfeindlichkeit auch in der Linken und im weißen Feminismus

Solchen scheinbar „wirkmächtigen Bildern“ verfallen übrigens immer wieder auch linke Kreise und Gruppen des weißen Feminismus.

Diese haben – für viele vielleicht überraschend – bei diesem Thema auch keine Probleme damit, mit christlichen Fundamentalist*innen Allianzen zu schmieden.

Radikale Abtreibungsgegner*innen, Gegner*innen geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung Arm in Arm mit radikalen Feminist*innen … das finden wir bei Themen wie Sexarbeit, Gender, Hijab oder Leihmutterschaft häufig vor.

"Linkegegenprostitution" läd eine SPD-Politikerin ein, die eng mit christl.-fundamentalist. Netzwerken zusammenarbeit. SPD Berlin läd die Vorsitzende des Vereins "El Faro" zum Thema Opferschutz ein, obwohl gegen diesen massive Missbrauchsvorwürfe erhoben werden. WAS WAR DA LOS? –> buff.ly/r8e0KHt

FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2026-03-06T05:30:06.910Z

Und die Medien…?

Medien spielen in dieser emotionalisierten Debatte übrigens überwiegend keine positive Rolle:

Belgien, das Sexarbeit entkriminalisierte und so Arbeitsrechte ermöglichte, wird in der gängigen Berichterstattung ebensowenig erwähnt wie fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse. Stattdessen kreist die Berichterstattung um herabwürdigende Stockfotos, Skandale und rührende Einzelschicksale, die zudem oft nicht überprüft werden können. False Balance, ein durchgehendes Gut/Böse-Schema, sowie mangelnde Zugänge bei der Recherche tragen zu einer zutiefst unsachlichen und polarisierten Debatte bei.

Mehr zum „Belgischen Modell“ in diesem Beitrag.

Meta-Studie der Diakonie Deutschland

So bleibt auch die von der Diakonie Deutschland 2024 herausgegebene Meta-Studie „Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter:innen in ausgewählten Ländern –
Eine Zusammenstellung internationaler wissenschaftlicher Forschungsergebnisse“
weitgehend unerwänt.

Aus dem Vorwort der Studie:

„Damit liegt erstmals eine Übersichtsstudie vor, die maßgeblich zur Versachlichung der Debatte beitragen kann und auf deren Grundlage neue gesetzliche Rahmenbedingungen diskutiert werden können, die der Diversität der Menschen in der Prostitution gerecht werden. Ein komplexes Thema kann nur gut geregelt werden, wenn komplexe Lösungen erarbeitet werden. Ein Verbot von Prostitution vergrößert die Probleme von Menschen in der Prostitution. Die vorliegende Studie leistet einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierten und sachlichen Diskussion.“

Wohl treffender: Die Studie KÖNNTE einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierten und sachlichen Diskussion leisten – würde sie denn dabei Beachtung finden…

Dasselbe trifft auf den umfangreichen, wissenschaftlichen Evaluationsbericht des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsens (KFN) zum 2017 in Kraft getretenen Prostituiertenschutzgesetz zu. Weder das umfangreiche Gutachten zur Freiwilligkeit, noch die umfangreiche Datenerhebung fand der deutsche Journalismus sonderlich erwähnenswert. Ganz anders sah das 2023 bei einer Auftragsstudie der Anti-Sexarbeits-Bewegung aus, die in vielen Medien besprochen wurde. Wir fragen uns: Liegt das daran, dass es leichter ist, seinen Bestätigungsfehler zu pflegen als sich mit einem komplexen und umfangreichen Thema diskriminierungssensibel zu befassen?

Eine abschließende Anmerkung…

Befürworter*innen eines „Nordischen Modells“ heben immer wieder hervor, dass dieses – neben einer Kriminalisierung der Nachfrage – ja auch soziale Unterstützung, Beratung, Wohnraum, Existenzsicherung uvm. für Sexarbeiter*innen beinhalten solle.

Warum also werden dann die bereits vorhandenen Beratungsangebote ständig gekürzt, statt sie bereits heute besser finanziell auszustatten? Das wäre jederzeit möglich.


Weitere Beiträge zu dem Thema:

Im Kampf mit Babylon

Zum UN-Welttag der Sozialen Gerechtigkeit am 20. Februar 2026 erschien online ein digitaler Tagungsband zum DISS Kolloquium vom November 2025 unter dem Titel: „Umkämpfte Gerechtigkeit – emanzipatorische Aufbrüche und linke Utopien in der Krise“.

Der ganze Tagungsband ist auf den Seiten des Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) hier frei abrufbar. Am 15.05.2026 erscheint der Band zudem im Unrast-Verlag und kann dort bereits vorbestellt werden.

Auch Zoe Luginsland und Ruby Rebelde von FundiWatch haben einen Beitrag beigesteuert und ordnen in diesem Kontext historische Ereignisse christlicher Fürsorgearbeit (W.T. Steads ‚The Maiden Tribute to Modern Babylon“) und den aktuellen Fim „Blinder Fleck“ von Liz Wieskerstrauch ein:

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Im Kampf mit Babylon – Folgenreiche Erzählmotive aus weißer Frauenbewegung und christlicher Fürsorge

Für die Dominanz der politischen Rechten in der Gegenwart ist eine Offenheit für scheinbar unwahrscheinliche Koalitionen von herausragender Bedeutung. Ein wichtiges Element dafür ist die Nutzung von Mythen als vereinigender Bezugspunkt.

W.T. Steads ’The Maiden Tribute to Modern Babylon’ aus dem Jahr 1885 und die begleitende ‘Purity Campaign’ sind ein frühes Beispiel, wie ein scheinbar unwahrscheinliches Bündnis aus weißer Frauenbewegung und einer christlichen Fürsorge- und Wohlfahrtslandschaft Wirkmacht erlangen konnte.

Ähnliche Kampagnen lassen sich bis heute beobachten und spielen eine bedeutende Rolle in der Etablierung einer Mosaik-Rechten. Der Film ‘Blinder Fleck’ bietet dafür ein anschauliches Beispiel aus der Gegenwart.

In beiden Dokumenten finden sich Motive wie Rettung, gefügige Errettete und ein Panorama aus Sünde und Läuterung.

Im Beitrag kommen Zoe Luginsland und Ruby Rebelde zu folgender Einordnung:

„Wie im Falle des ersten Beispiels begleitet der Film die Debatte um eine konkrete Gesetzesreform und fungiert selbst als Element einer größeren Kampagne.

Für diese schließen sich auch hier verschiedene Akteur*innen mit ungleichen Interessen zu einem Bündnis zusammen, das seine Kraft aus Mythen speist. Daraus entsteht ein politisches Vorfeld der Rechten, indem sich Religion und Kulturkampf verschränken und das auch auf säkulare Milieus anziehend wirken kann.

Um die diskursive Dominanz der Rechten zu überwinden, wird es von entscheidender Bedeutung sein, Gegenstrategien zu entwickeln, die eine Solidarität jenseits der Mythen ermöglicht.“

Nach Kritik der ICF München: Spiegel-TV löscht Passage aus Doku

Gefährliches Einknicken mit Folgen?

Am 12.01.2026 strahlte Spiegel-TV die Reportage: „Radikale Christen: Hass im Namen des Herrn“ aus. Die ICF (International Christian Fellowship) München, eine große evangelikale Freikirche mit Hauptstandort in der Schweiz und zahlreichen Standorten in Deutschland, kritisierte die Sendung scharf. Unter anderem, da ihr dort „Hetze gegen Abtreibung“ vorgeworfen wurde.

Wie verschiedene evangelikale Medien und die ICF selbst berichten, wurden die entsprechenden Sequenzen zum ICF München nun nachträglich aus der Doku entfernt.

Ein Hinweis oder eine Stellungahme von Spiegel-TV dazu findet sich bisher nicht. Das könnte als Eingeständnis gewertet werden, dass die Vorwürfe unangebracht sind. Doch unsere Recherchen belegen eher das Gegenteil. Wie sonst sollten Vergleiche von Schwangerschaftsabbrüchen mit „Völkermord“, „Blutschuld“ und „Kinderopfern“ gemeint sein?

Edit: Am 06.02.2026 berichtete auch die taz über das Thema: Wenn radikale Christen den Schnitt diktieren


Um die International Christian Fellowhip (ICF) und deren herrschaftstheologische Ideologien geht es auch im Beitrag: Christliche Fußballinfluencer*innen zur Missionierung – Geistlicher Kampf mit Fußball?

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Was ist passiert?

Die Spiegel-TV Doku beschäftigte sich mit der vom Verfassungsschutz beobachteten Gemeinde „FWBC Seelengewinnen“ aus Pforzheim (zuvor „Baptistenkirche Zuverlässiges Wort“), den Christfluencer*innen Jasmin Friesen und Leonard Jäger (aka „Ketzer der Neuzeit“) und im Zusammenhang mit der Anti-Abtreibungsbewegung „Marsch für das Leben“ mit der ICF München.

Die ICF München kritisierte die Berichterstattung scharf. Insbesondere sah sie den Vorwurf, gegen Abtreibung zu hetzen, als unbegründet an.

Kommentarlos wurden nun die die ICF München betreffenden Passagen aus der Doku entfernt. Eine Antwort auf eine Anfrage an Spiegel-TV über die Gründe hierzu blieb bis zur Veröffentlichung dieses Artikels unbeantwortet.

Mehrere Medien aus dem evangelikalen Umfeld (u.a. das rechtspopulistische Idea-Magazin und jesus.de) sowie die ICF München selbst berichten nun von einem Erfolg: Laut Idea wertete der ICF-Pressesprecher die Reaktion von Spiegel-TV als „Ermutigung, auch künftig entsprechend auf eine etwaige Berichterstattung zu reagieren, wenn es notwendig sei„.

Was wurde aus der Doku gelöscht?

Die bei Spiegel-TV gelöschten Sequenzen sind weiterhin in diversen Reaction-Videos evangelikaler Christfluencer*innen abrufbar.

So – wenig überraschend – beim ebenfalls in der Doku erwähnten Christfluencer Leonard Jäger. Jäger wird laut einer kürzlich veröffentlichten ZDF-Doku „Christliche Influencer mit rechter Agenda“ im Verfassungsschutzverbund als bekannter Extremist beurteilt und dem Bereich der „verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates“ zugeordnet. Er ist eng mit Jasmin Friesen befreundet und tritt immer wieder gemeinsam mit ihr auf.

Ursprünglich leitete der Spiegel-TV Bericht nach einer Sequenz über den Anti-Abtreibungs-„Marsch für das Leben“ zur ICF München über:

„Auch in der Freikirche ICF Church in München wird gegen Abtreibung gehetzt. Auf der Kanzel im lässigen Tarnhemd ein selbsternannter Moralapostel.“

Es folgte ein Ausschnitt aus einer Predigt von Jens Koslowski, bei der ICF München zuständig für den Bereich „Discipleship & Leadership„. Vor einem Monitor mit dem Bild eines Plakats mit der Aufschrift „My body, My choice“ sagt Koslowski:

„Da siehst du auch solche Sachen wie z.B. ‚Abortion ist Healthcare‘. Also Abtreibung ist sowas wie Gesundheitsfürsorge. Wäre in etwa so – ich muss es so ausdrücken – wenn du Sklaverei als Festanstellung betiteln würdest.“

und

„Aber Abtreibung wird jetzt nicht primär dazu führen, dass dein Schmerz, der dir zugefügt wurde jetzt heil wird, dass dein Herz heil wird.“

und

„Und das ist ein Punkt, vor dem ich dich einfach warnen möchte und dir zusprechen möchte: Gott ist der einzige, der deine Seele heilen kann.“

Die betreffende Predigt ist weiterhin in voller Länge unter dem Titel „Abtreibung – my body my choice?“ auf dem YouTube-Kanal der ICF München abrufbar.

Reaktionen der ICF München

In ihrer Stellungnahme zur Doku betont die ICF München:

„Die im Beitrag von Spiegel TV behauptete ICF-Position zu Abtreibung wird falsch und pauschal dargestellt. Im Beitrag wörtlich: ‚Auch in der Freikirche ICF Church in München wird gegen Abtreibung gehetzt.‘

Diese Aussage entbehrt jeder Grundlage und ist eine falsche Behauptung, von der sich ICF München klar distanziert.

Das Thema Abtreibung ist äußerst komplex. Wenn darüber in einer Predigt gesprochen wird, dann nach bestem Wissen und Gewissen sowohl aus der seelsorgerischen als auch aus der theologischen Perspektive, sowohl ausführlich als auch ausgewogen.

Diese Tiefe vermissen wir im Beitrag von Spiegel TV deutlich.“

Schon die in der Doku ursprünglich enthaltenen Passagen vermitteln kaum den Eindruck einer „ausgewogenen“ Thematisierung des Themas Abtreibung.

Auch „mehr Tiefe“ – unter Berücksichtigung der ganzen Predigt – ändert daran nichts. Eher im Gegenteil: Im weiteren Verlauf der Predigt empfiehlt Koslowski Personen in Schwangerschaftskonflikten, statt abzutreiben, besser anonym zu entbinden und das Kind in Obhut zu geben…

Die „ausgewogene seelische und theologische Perspektive“ der ICF auf das Thema Abtreibung: Götzenopfer, Völkermord, Blutschuld und Generationenflüche…

Und auf den Internetseiten der ICF München finden sich noch eine ganze Reihe weiterer Zitate, die den Vorwurf einer „Hetze“ gegen Abtreibung noch weiter nachvollziehbar, wohl eher sogar als zu harmlos erscheinen lassen.

So zum Beispiel Passagen aus einem veröffentlichten Paper vom 30.06.2019 von Tobias Teichen, dem Leiter der ICF München, unter dem Titel „Fighting for Truth„. Mit aus der Luft gegriffenen Behauptungen werden dort Abtreibungen mit „Götzenopfern“ verglichen:

„Abtreibung: Einige der Nachbarvölker Israels opferten damals ihre Kinder im Feuer, um von dem Götzen Moloch Wohlergehen, eine bessere Zukunft, Erleichterung, Freiheit, finanziellen oder beruflichen Segen zu erhalten. In erschreckender Weise sind dies dieselben Argumente, die hinter 96% der Abtreibungen heutzutage stehen (über die restlichen 4%, die mit Vergewaltigungen und medizinischen Notfällen zu tun haben, kann man diskutieren).“

In einem weiteren auf der Webseite abrufbaren Dokument zu einem ICF-Gottesdienst des evangelikalen Prof. Christian Raedel (u.a. bekannt aus dem Gerichtsverfahren gegen den Bremer Pfarrer Olaf Latzel wegen Volksverhetzung) vom 07.07.2024 heißt es unter dem Titel „Wie schön, dass du geboren bist“:

„Sag NEIN zu der Kultur des Todes. Durch den Heiligen Geist Kraft empfängst du die Kraft, JA zu sagen zu dem Kind, zu dem Gott bereits JA gesagt hat.“

In einem Dokument von Koslowskis Ehefrau, die bei der ICF München im gleichen Bereich wie er tätig ist, wird Abtreibung schließlich als „Geistliche Ursache für psychische Krankheiten“ bezeichnet, die sich nach ihrer Auffassung offenbar wie ein Generationenfluch auf folgende Generationen auswirken kann:

„Blutschuld: Deine Vorfahren tun etwas (z.B. Abtreibung), und du hast nun ‚Blut‘ an deinen Händen.“

Ähnlich problematische Äußerungen lassen sich auch an weiteren Standorten der ICF auffinden, wie beispielsweise bei der ICF Hamburg, wo Abtreibung mit „Völkermord“ verglichen wird:

„Wenn es Gott gibt und jedes menschliche Wesen von ihm gewollt und geliebt ist, dann ist Abtreibung eine Tötung und damit von der Schwere gleichzusetzen mit dem Töten eines Menschen der schon geboren ist. Die Abtreibe-Praktiken ähneln dann einem Völkermord, in welchem viele Menschen umgebracht werden, weil es einem eben gerade so passt.“

Die Problematik am „Rückzieher“ von Spiegel-TV

Die Ideologie der ICF beim Thema Abtreibung sollte aus den Zitaten bereits ablesbar sein. Ebenso, dass es wohl alles andere als fernliegend ist, diese als „Hetze gegen Abtreibung“ zu bezeichnen.

Warum also löschte SPIEGEL-TV die Sequenzen zur ICF München? Revidiert das Format so seine Wertung der ICF-Positionen oder hält sie gar doch nicht für so problematisch? Fakt ist: In einer Zeit, in der das Thema Abtreibung durch ultra-konservative bis extrem rechte Kampagnen zur Zielscheibe gemacht wurde und wird, besteht ein dringender Aufklärungsbedarf über Akteur*innen in diesem Umfeld.

Zudem verdeutlichen weitere Berichte über die ICF und Informationen von Weltanschauungsstellen immer wieder, dass die Positionen der ICF nicht nur beim Thema Abtreibung problematisch sind: Erst letztes Jahr deckte der Journalist Kevin Ebert in einer Undercover-ARD-Recherche im ICF Augsburg Praktiken von Konversionsbehandlungen auf, als er durch Handauflegen und Zungengebet von seiner Homosexualität „befreit“ werden sollte. Die Reportage „Inside Freikirche ICF“ ist weiterhin abrufbar.

Was Spiegel-TV konkret zur Löschung der Sequenzen bewogen hat, ist uns bisher nicht bekannt. Die ICF kritisierte zudem, die Doku habe sie mit der Pforzheimer Gemeinde “FWBC Seelengewinnen” in „einen Topf“ geworfen. Diese propagiere in der Tat ein mit einem „biblischen Anstrich“ „radikal verzerrtes Glaubensverständnis“ und predige tatsächlich Hass.

Diese Art der Argumentation begegnet uns bei Diskussionen um christlichen Fundamentalismus und spirituellen Missbrauch immer wieder: Die Verantwortung liegt immer bei anderen, eine Selbstreflexion findet nicht statt.

Tatsächlich schlägt Spiegel-TV in seiner Doku einen großen Bogen von der vom Verfassungsschutz beobachteten FWBC Seelengewinnen mit ihrem wegen Volksverhetzung verurteilten Prediger Anselm Urban über Christfluencer*innen bis zum „Marsch für das Leben“ und die ICF München.

Wir halten es für wichtig, aufzuzeigen, wo die ideologischen Verbindungen zwischen diesen Akteur*innen liegen, worin konkrete Gefahren für Radikalisierungen liegen und was dies für Betroffene bedeutet. Hier stellte die Doku einen mutigen Versuch dar, wies allerdings – insbesondere im Bezug auf ideologische Verbindungen zur „FWBC Seelengewinnen“ – tatsächlich einige Schwachstellen auf, die vermeidbar gewesen wären.

So thematisierte die Doku beispielsweise auch den Pforzheimer Prediger Lothar Gassmann. Gegen ihn richteten sich Mordaufrufe aus der „FWBC Seelengewinnen“ bzw. der „Baptistengemeinde Zuverlässiges Wort“. Gassmann wird in der Doku lediglich als „erzkonservativer Christ“ vorgestellt. Hier fehlen wichtige Einordnungen.

Denn Gassmann steht der Werteunion und der AfD nahe, für deren Wahl er sich mehrfach aussprach. Das wird ebenso wenig erwähnt wie seine ebenfalls radikal queerfeindlichen Positionen.

Bereits im Lutherjahr 1996 und aktualisiert im Jahr 2017 verfasste Gassmann mit weitreichender Unterstützung aus dem christlich-fundamentalistischen Umfeld „95 Thesen zur Situation von Kirche und Gesellschaft„, die seine Radikalität belegen. Unter anderem wird dort die Aufhebung gesetzlicher Verfolgung „homosexueller Praktiken“ bedauert und prophezeit, dass dies zu einem Zerfall der Gesellschaftssysteme führen werde (Thesen 3 – 6):

„3. In vielen Staaten sind die Gesetze aufgeweicht oder abgeschafft worden, die Gotteslästerung, Pornographie, Abtreibung, Euthanasie, homosexuelle Praktiken, Drogenmißbrauch und ähnliches verboten haben.

4. Eine Gesellschaft, die Handlungen duldet oder sogar öffentlich fördert, welche die Heilige Schrift als „Sünde“ und „Greuel“ in den Augen Gottes bezeichnet, gräbt sich ihr eigenes Grab. Sie wird gerichtsreif. „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben“ (Sprüche 14,34).

5. Viele Staaten gleichen heute dem Römischen Reich vor seinem Untergang: Die innere Ursache seines Zerfalls war die sittliche Dekadenz.

6. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch heute Staats- und Gesellschaftssysteme, die sich gegen Gottes Gebote stellen, zerfallen.

Die Unterschiede zu den Forderungen der „FWBC Seelengewinnen“ nach Todesstrafen für queere Menschen erscheinen allenfalls graduell.

Die Äußerungen zeigen, dass fundamentalistische Glaubensvorstellungen nahezu immer mit der Abwertung von marginalisierten Gruppen einhergehen, denen häufig zudem die Verantwortung für (vermeintliche) gesellschaftliche Problemlagen zugeschrieben wird. Hier gäbe es auch noch weitere Anknüpfungspunkte zu anderen Protagonist*innen der Spiegel-TV Doku.

Fazit

Im Ergebnis ist die Spiegel-TV Doku trotz ihrer Leerstellen weiterhin ein Beitrag zur dringend nötigen Aufklärung über christlich-fundamentalistische Ideologien und Akteur*innen.

Besonders wichtig erscheinen die Ausführungen von Daniela-Marlin Jakobi, die in der Doku ebenfalls zur Sprache kommt. Seit ihrem Ausstieg aus einer freikirchlichen Gemeinde leistet Jacobi durch ihre persönlichen Erfahrungen einen Beitrag zur Aufklärung über die gesellschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen entsprechend christlich-fundamentalistischer Ideologien.

Wir finden, die Doku schöpft nicht das gesamte Potential bei der Darstellung von Zusammenhängen und Netzwerken aus. Auf die ideologischen Verbindungen zur „FWBC Seelengewinnen“ wird kaum eingegangen.

Insbesondere kritisieren wir die kommentarlose nachträgliche Löschung der Sequenzen zum ICF München. Hier wäre eine öffentliche Erläuterung seitens Spiegel-TV das Mindeste.

F*ck Purity!

Warum Du Nana Myrrhes „Feucht & fromm“ lesen solltest, auch wenn Du nicht religiös bist

Mit Purity Culture, Sittlichkeitsvorstellungen und Sexualmoral beschäftige ich mich, weil ich muss. Als Sexarbeiter*in bin ich damit konfrontiert, dass nicht nur dubiose und umstrittene Personen mit Hang zum Klerikalfaschismus meine Abschaffung fordern, meine Kolleg*innen und mich aus Schmutz und Schande „retten“ möchten, oder im „System Prostitution“ eine Bedrohung für sich und „die“ Gesellschaft erblicken. Dahinter steckt – selten ausformuliert, aber bei genauerem Zuhören und Hinsehen eben doch deutlich ablesbar – Rückwärtsgewandtheit, Scham und sehr restriktive Perspektiven auf Sexualmoral. Und die Gefahr von Klerikalfaschismus.

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Gleich Purity Culture?!

Dies ist der Moment, an dem manche Augenbrauen in die Höhe schießen. Klerikalfaschismus bei uns im „aufgeklärten“ Deutschland? Das ist doch nur etwas für die USA oder den Iran? Eventuell noch Russland oder Ungarn, aber hier/bei uns doch nicht. Zugegeben, den Begriff Klerikalfaschismus wählte ich bewusst, auch um zu provozieren. Wir können auch „rechte Christ*innen“, ultra-konservative Strömungen innerhalb der vielschichtigen und vielstimmigen Christentums-Landschaft aus Freikirchen und Amtskirchen sagen, wenn Dir das besser gefällt.

Mein Befund aber bleibt: Bei der Analyse von Sexarbeitsfeindlichkeit, Sexismus, Trans-Misogynie und Queerfeindlichkeit spielen lustfeindliche und klassistische Anforderungen an Sexualität einfach eine beträchtliche Rolle.
Ganz verzichten werde ich auf den Begriff „Klerikalfaschismus“ nicht, denn Faschismus ist ein Phänomen der „Mitte der Gesellschaft“. Wollen viele nicht wahrhaben, ist aber so.

Und genau diese „Mittigkeit“ oder gefühlte Normalität von Aussagen wie „Konsens kann man nicht kaufen“ prägt die kritikbefreite Anschlussfähigkeit von Purity Culture – Versatzstücken in frauen – RECHTS – bewegten Kreisen bis hin zu biederen Schulkonferenzen und Landratsämtern bei der Ablehnung von Sexarbeit unter dem sich moralisch selbstüberhöhenden Deckmäntelchen.

Nun: Buch-Loveletter

Liebe Nana Myrrhe,
ich hoffe, Du verzeihst mir diesen Rant vorab. I know you will forgive me, sister.
Ich habe Dein Buch sehr gern gelesen. Am Anfang war ich ein bisschen begeisterter davon als am Ende, aber dazu später mehr.

Die Mischung aus biografischen Schnipseln unterschiedlicher Etappen Deines Lebens mit Purity Culture und erläuternden, einordnenden Kapiteln hat mir sehr gefallen. Ich feiere Dich für Deine leichte, popkulturell codierte Sprache, Witz und Charme mit denen Du wirklich ernste und bedrückende Inhalte zu Papier gebracht hast.

Ich habe viel von Dir über moderne Ausprägungen von Keuschheitsgelübden, Zeremonien und der dazugehörigen Ratgeberliteratur gelernt. Durch „Feucht & Fromm“ wurde für mich, eine Person mit großer, ja unüberbrückbarer Distanz zu bibeltreuen Gemeinden, pietistischen Spießer*innen und christlich-fundamentalistischen Jesus-Freaks lebendig, wie es sich anfühlt, in einem solchen Milieu (endlich darf ich mal „Milieu“ über andere sagen!) aufzuwachsen und jugendlich zu sein, zu begehren und sich selbst für dieses Verhalten zu hassen.

Mit viel Fingerspitzengefühl lotest Du aus, was es bedeutet, sich aufzusparen, für die eine, „richtige“ Ehe. Ich mag, wie Du sehr scharf benennst, wie gefährlich, verachtend und schlicht anti-modern frömmelnde Keuschheitsseeligkeit sich auswirken kann, und dennoch empathisch bleibst. Sensibel bleibst für Menschen, die in diesem engen Korsett aus konservativen Moralvorstellungen und binärer Zurichtung in godly wifes and husbands, nicht anecken und für die dieses Gefüge stimmig ist. Auch ich möchte keiner Person absprechen, sich für eben diesen Lifestyle zu entscheiden, wenn es sich gut, gesund und erfüllt anfühlt.

Auch ich weiß um das Zerstörerische von Konzepten der Purity Culture sowie ihrer vielen Spielarten. Ich sehe, was passiert, wenn Leute solche Vorstellungen verinnerlichen und sie zu ihrer politischen, medialen oder zivilgesellschaftlichen Handlungsgrundlage machen, oft ohne darüber transparent zu sein. Wenn das zur Schau getragene selbstlose „Retten“ der gefallenen Frauen[1] nur eine Vorstufe deren Abschiebung in die Heimat ist. Wenn eine beängstigende Maschinerie der „Professionalisierung“ in Gang gesetzt wird und an sich missionarische Initiativen und Projekte mehr und mehr ausgebildete Sozialarbeitende beschäftigen, um ihre spirituellen Transformationsabsichten zu tarnen und zu expandieren.

Mir ist klar, wie problematisch es ist, wenn kaum Wissen über Purity Culture und ihre Risiken vorhanden ist. Und Leute romantisierende Vorstellungen von (monogamer, heteronormativer, kink-freier) Sexualität nicht als Platzhalter für einen Kulturraum erkennen, der weiß-christlich-cis dominiert ist. Wo neo-koloniale Bevormundung von Migrant*innen als karitative Selbstinszenierung von weiten Teilen der Mehrheitsgesellschaft hingenommen wird.

Deswegen wünsche ich mir, Nana, dass Dein Buch sehr viele Menschen lesen und so einen Einblick erhalten, den sie sonst kaum erhaschen können oder wollen.

Lass mich zum Schluss noch etwas loswerden: Ich hätte mir einen anderen Blick auf das Konzept von „Hure“ und „Ware“ in
Feucht & Fromm gewünscht. Du zeigst eindrucksvoll am Bild der „Vase Deines Herzens“ oder des Gebrauchtwagens auf, wie objektifizierend solche Analogien auf Dich gewirkt haben. Ich verstehe und fühle das und wünschte mir doch, dass Du nicht dabei stehen bliebest. Am Schluss des Buches ist die Vase Deines Herzens „neu“.
Doch: Konstrukte, wie
neu, alt, käuflich oder pur sind Zurichtungen und codierte Essenzen von Anforderungen an Moral, Verhalten und Sittlichkeit in Zeiten eines kapitalistischen Patriarchats. Mein Wunsch wäre, dass wir uns das bewusst machen, sie weniger oder gar nicht mehr reproduzieren, sondern tastend, neugierig und kreativ andere Kategorien erspüren und erdenken.

Liebe, Solidarität und Utopien für Dich, für uns, für alle!
Ruby


Nana klärt auf

Als ich im Dezember in Österreich und in der Schweiz auf Lesereise mit meinem Buch „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ war, habe ich Nanas Buch oft mit auf den Büchertisch oder aufs Podium gelegt.
Es hat ein so hübsches Cover und es erinnert mich daran, immer wieder auf ein zentrales Risiko des christlichen Fundamentalismus hinzuweisen:

Dessen große Gefahr liegt in seiner Anschlussfähigkeit an Sittlichkeitsvorstellungen, Sexualmoral und Scham, die in „unserer“ Gesellschaft noch nicht ausreichend verlernt wurde. Nanas Buch ist ein wichtiger Schritt dazu, denn es schärft den Blick und das Bewusstsein für all das in Erziehung, Pädagogik und Sozialer Arbeit.

Softcover
354 Seiten
24,00 €
ruach-jetzt


[1] Sexarbeitende sind superdivers, aber christlich-neoabolitionistische Retter*innen richten ihre Energie auf Frauen, Mütter und Mädchen. Sie zementieren so Heteronormativität und die Privilegiertheit der weißen, christlichen, upper class cis Frau.

Christliche Fußballinfluencer*innen zur Missionierung – Geistlicher Kampf mit Fußball?

ARD löschte nach Programmbeschwerde Reel und passte Bericht an -Was steckt dahinter und welche Rolle spielten Verbindungen von „Fußball mit Vision“ in die Politik?

Bereits vor einigen Monaten berichteten die Faktenfinder der Tagesschau, wie christliche Fundamentalist*innen Fußballprofis zur Missionierung einsetzen.

Es folgte viel Aufregung und eine Programmbeschwerde des CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Volkmann (Enkelsohn von Helmut Kohl). Laut Volkmann beinhalte der Artikel eine „Missachtung religiöser Überzeugungen“, da dieser „gezielt christliche Bekenntnisse mit einem negativen Werturteil versieht und dabei Grundsätze journalistischer Sachlichkeit oder Ausgewogenheit außen vorlässt“.

Eine inhaltliche Debatte zu den von den thematisierten Organisationen verbreiteten christlich-fundamentalistischen Ideologien und deren aufgezeigten Verbindungen blieb hingegen zunächst nahezu vollständig aus.

Dabei hätten die gut recherchierten Kritikpunkte dazu allen Anlass geboten: Ein Glaube an Dämonen, Exorzismen, Prophezeiuungen und Wunderheilungen, mit dem zunächst Fußballer*innen missioniert werden, die dann als Fußballstars wiederum insbesondere junge Menschen auch an Schulen missionieren sollen?

Und das durch Organisationen, die wie z.B. die Trump-nahe Bethel Church oder ihr deutscher „Ableger“ Awakening Church interntional bestens vernetzt sind und dafür stehen, ihr eigenes christlich-fundamentalistisches und antipluralistisches Glaubensverständnis in allen Gesellschaftsbereichen zur Vorherrschaft bringen zu wollen? Was ist da los?

Stattdessen fokussierte sich die Debatte auf die vermeintliche Diskriminierung „christlicher Glaubensüberzeugungen“. Die Webseite „Dokumentieren gegen Rechts“ hat den Vorgang bereits ausführlich dargestellt.

Mittlerweile hat das Thema zu weiterer kritischer Berichterstattung geführt: Unter anderen die Journalist*innen Dina Falken und Felix Michaelis widmeten sich bei Belltower News in zwei Teilen hier und hier den missionierenden Fußballer*innen, ihren Netzwerken und ideologischen Hintergründen.

Wir gehen in diesem Beitrag noch einmal explizit auf das Netzwerk Fußball mit Vision, dem dahinter stehenden Verein Sporler ruft Sportler (SRS) und deren Verbindungen in die Politik ein. Denn dies lässt die Programmbeschwerde des CDU-Abgeordneten Johannes Volkmann durchaus noch einmal in einem „besonderen“ Licht erscheinen…

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Alles bleibt wie es ist – die rechtspopulistischen Eiferer jubeln dennoch…

Zunächst vorab: Die Programmbeschwerde von MdB Volkmann wurde abgewiesen.

Dennoch hat Tagesschau den Bericht angepasst, das auf Social Media geteilte Reel wurde gelöscht. Zur Begründung heißt es laut Welt:

„Der Sender habe sich aber dennoch entschlossen, den Artikel auf „tagesschau.de“ zu überarbeiten, da durch „einzelne Formulierungen der Eindruck entstehen könnte, wir würden Missionsarbeit generell einen Vorwurf machen“. Da sich das Instagram-Video nicht nachträglich bearbeiten lasse, habe man es entfernt.“

Insbesondere auf rechtspopulistischen Seiten wie Nius und der Jungen Freiheit sowie auf Accounts der „üblichen“ Influencer*innen der christlich-fundamentalistischen rechtschristlichen Szene wie Jasmin Friesen oder Johannes Hartl herrschte großer Jubel.

Doch tatsächlich wurde NICHTS im überarbeiteten Artikel zurückgenommen – allenfalls wurden Präzisierungen vorgenommen, wie dieser Dokumentenvergleich zeigt.

Harmlose Glaubensverkündung oder antipluralistische Gesellschaftstransformation?

Die Kritik der Tagesschau an den hinter der Missionsarbeit der thematisierten Vereine stehenden christlich-fundamentalistischen Ideologien und deren Zielen ist hinter der Debatte um vermeintlich „religionsfeindliche“ Berichtertstattung zunächst völlig in den Hintergrund getreten. Dabei wäre eine Debatte darüber tatsächlich dringend geboten.

Die Tagesschau wies darauf hin, sie habe Missionsarbeit „nicht generell einen Vorwurf machen“ wollen.

Kritik an einer Missionsarbeit, die auf christlich-fundamentalistische Ideologien beruht, die sich letztlich auch gegen unsere pluralistische Gesellschaft insgesamt richtet, also vorrangig eine Ausgrenzung anderer betreibt, ist jedoch völlig berechtigt und dringend geboten. Gerade auch Christ*innen sollten sich aufgerufen fühlen, sich zu derartigen Glaubensvorstellungen klar zu positionieren.

Ein empfehlenswerter Artikel von Mascolo et al. in The Christian Right in Europe“ beschäftigt sich mit der christlichen Rechten. Dort werden Ideologien und Strategien beschrieben, die wir bei Fußball mit Vision wiederfinden. Besorgniserregend: Diese Entwicklungen vollziehen sich weitgehend unbemerkt und doch manipulieren und beeinflussen sie den gesellschaftlichen Diskurs bewusst.

Zudem wächst innerhalb des Christentums eine Bewegung stark, die sich zur „Ausbreitung des Reichs Gottes“ auf Erden berufen sieht. Die Vikarin Dr. Maria Hinsenkamp hat in ihrer Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ für diese religiöse Ausrichtung den Begriff einer „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: KiNC) entwickelt.

Nach den Vorstellungen dieser KiNC sollen die verschiedenen Gesellschaftsbereiche – darunter auch der Gesellschaftsbereich „Kunst und Unterhaltung“ (also auch „Sport“) – wieder unter christliche Vorherrschaft gebracht und im Sinne des „Reichs Gottes“ transformiert werden. Es geht also explizit nicht um die Einbringung einer Meinung in den demokratischen Diskurs, sondern um eine Vorherrschaft bzw. Dominanz der eigenen Überzeugungen.

Das „Reich Gottes“ soll sich somit immer weiter ausbreiten, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Jesus auf die Erde zurückkehrt. Die Idee dieser Strategie geht zurück auf eine vermeintlich vom „Heiligen Geist“ offenbarte Vision, das sogenannte Seven Mountain Mandate (vgl auch hier unter Teil 2 „„Sieben Berge“ und „Die größte Bedrohung für unsere Demokratie, von der Sie noch nie gehört haben“…)

Wie real und präsent diese Ideologie bereits auch in Europa ist, zeigt u.a. auch eine aktuelle Predigt von Leo Bigger aus der v.a. in der Schweiz und Deutschland massiv gewachsenen Megakirche ICF (International Christian Fellowhip) zum „geistlichen Kampf“:

Screenshot auf Live-Übertragung einer Predigt aus der ICF Zürich mit Leo Bigger vom 26.10.2025. Bühne, im Hintergrund zwei Krieger in Kampfausrüstung und Schrift "Geistlicher Kampf": https://www.youtube.com/watch?v=VA56tlvw0GA

Quelle: Screenshot Screenshot Predigt aus der ICF Zürich mit Leo Bigger vom 26.10.2025, Youtube-Kanal ICF.

Kritik an dem christlichen Duo O’Bros (die sich insbesondere auf deren Verbindungen in rechtspopulistische Kreise bezog) wird dabei ebenso brüsk – und freilich ohne auf die Kritik inhaltlich einzugehen – zurückgewiesen, wie die Kritik an den missionierenden Fußballer*innen – alles nur „Angriffe des Feindes“.

Ganz offen wird sich in der mit Kampfesrhetorik durchsetzten Predigt stattdessen zur Ideoligie des „Seven Mountain Mandate“ bekannt:

Quelle: Screenshot Screenshot Predigt aus der ICF Zürich mit Leo Bigger vom 26.10.2025, Youtube-Kanal ICF.

Die Geschichte von „Sportler ruft Sportler“ und „Fußball mit Vision“

Fußball mit Vision ist um 2022 als Projekt aus dem Verein Sportler ruft Sportler (SRS) unter Leitung von Manuel Bühler, ehemaliger Fußballprofi beim 1. FC Nürnberg und 1860 München, gestartet worden.

Die Strategie: „Wir leben das Reich Gottes im Sport„. Mittlerweile hat der wiederum aus dem Missionswerk Neues Leben hervorgegangene Verein SRS Gruppen in über 20 Sportarten.

Bühler selbst kam laut eigenen Angaben über Kontakte mit Zé Roberto zum Glauben. Denn SRS und Fußball mit Vision sind nicht nur nach außen missionarisch aktiv. Sie bieten auch Profifußballer*innen, die regelmäßig unter hohem Leistungsdruck stehen, mit Gebetskreisen u.v.m. – vermeintlich – eine „geistliche Heimat“ und freundschaftliche Beziehungen, die im Profisport sicher nicht einfach zu finden sind.

Profifußballer*innen eignen sich aber auch als Identifkationsfiguren zur Missionierung besonders gut. Gerade auch zum Missionieren unter jungen Menschen.

Und dessen ist sich die christlich-fundamentalistische „Szene“ durchaus bewusst: Das evangelikale christlich-fundamentalistische Schweizer Magazin jesus.ch – das auf seiner Webseite auch Geschichten von Personen bewirbt, die ihre Homosexualität nicht ausleben und daran glauben, dass „die Bibel ihnen Heteronormativität vermittelt“ – hat gleich ein ganzes Dossier zu „Fußball und Glaube“ veröffentlicht. Mit zahlreichen Bekehrungs- und „Erfolgsgeschichten“…

Es wundert kaum – beunruhigt indes umso mehr -, dass Fußball mit Vision sich besonders (und scheinbar durchaus erfolgreich) um Auftritte in Schulen bemüht. Entsprechendes gilt für SRS, wobei die Auftritte an Schulen häufig vermeintlich „neutral“ als „Sozialkompetenztraining“ vermarktet werden, wie hier am Landesmusik-Gymnasium Rheinland-Pfalz.

Gesellschaftstransformation durch Mission?

Dass es bei SRS und Fußball mit Vision um Mission geht, ist offensichtlich. SRS ist auf seiner Webseite hierzu sehr deutlich:

„Sport bietet Christen eine kraftvolle Möglichkeit, den Glauben in die Gesellschaft zu bringen.“

Wer den Vereinen SRS und Fußball mit Vision nachgeht findet diese vorwiegend im christlich-fundamentalistischen Umfeld, worauf der ARD-Bericht bereits eingeht. Und das zeigt eben auf, dass dort hochproblematische Ideologien vermittelt werden – sowohl gegenüber Fußballer*innen als auch deren Fans.

Verbindungen zur internationalen Organisation Ballers in God, zum europäischen „Vertreter“ der Bethel Church in Europa, Ben Fitzgerald von der Awakening Church und Awakening Europe, sowie zu homophoben Äußerungen des BVB-Spielers Felix Nmecha wurden dort bereits aufgezeigt.

Bühler, der Leiter von Fußball mit Vision, gab dieses Jahr dem „Christlichen Onlinekongress“ ein Interview. Teilnehmende des Kongresses waren u.a.: Der neurechte Peter Hahne und der AfD-nahe Evangelist Lothar Gassmann. Letzterer rief nach der Ermordung des rechtsextremen Charlie Kirk in Anlehnung an dessen Initiative „Turning Point USA“ zur Gründung eines Vereins „Wendepunkt Deutschland“ auf. Bühler scheint kein Problem damit zu haben, sich in solchen Kreisen zu bewegen.

Auch die von SRS gestartete „Werteoffensive“ macht hellhörig:

„Der christliche Glaube an Gott als Schöpfer, an Jesus Christus als Erlöser und den Heiligen Geist als Motivator, ist Ausgangspunkt und Wertemaßstab unseres Handelns.“

Und dann kommt noch viel Geld…

Auch der evangelikale Christ Friedhelm Loh, einer der reichsten Deutschen (aktuell ca. $ 13 Mrd.), teilt dieses Anliegen:

Mit der Rittal Foundation und der Wertestarter – Stiftung für christliche Wertebildung sowie zahlreicher Aktivitäten in weiteren Stiftungen ist er bedeutender Mäzen vieler evangelikaler Organisationen und Projekte im Sozial- und Bidungsbereich. Sein Bruder Joachim Loh unterstützte mit seiner Firma Hailo diesen Sommer erst das „Macher Festival“ der Real Life Guys.

Und so wundert es eigentlich kaum, dass Lohs Wertestarter auch den Verein SRS unterstützen, der – übrigens ebenso wie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – offiziell zu den Kooperationspartnern der Wertestarter gehört.

In der Verfassung der Stiftung begründet Friedhelm Loh sein Engagement:

„Der christliche Glaube hat in vielen gesellschaftlichen Bereichen seine prägende Kraft verloren. Die nachwachsende Generation erfährt auch in ihren Familien keine, am christlichen Glauben orientierte, Wertebildung. Dies hat mich, Friedhelm Loh
veranlasst, die Stiftung für Christliche Wertebildung zu gründen. Sie will helfen, dass einerseits in Kindergärten, Schulen und in der außerschulischen Jugendbildung und andererseits in der Qualifizierung von Mitarbeitenden in den pädagogischen
Handlungsfeldern, Bildungsräume zu einer am christlichen Menschenbild orientierten Wertebildung eröffnet werden.“

Das „gesellschaftstransformatorische“ Engagement der Wertestarter wird fortlaufend evaluiert, wie hier im Evaluationsbericht (S. 10) ersichtlich: Die 7 Stufen der Wirkungstreppe: „Aktivitäten finden wie geplant statt“ bis „Die Gesellschaft verändert sich“ (Quelle: https://wertestarter.de/media/downloads/A4-Wirkungsanalyse-022024.pdf, S. 10):

Gute Verbindungen in die Politik

Im Kuratorium der Wertestarter sitzt ein alter „Politik-Bekannter“: der ehemalige MdB Volker Kauder, CDU, ebenfalls eng verbunden mit der evangelikalen Szene. Und Parteikollege der Person, die gegen den ARD-Bericht Programmbeschwerde einlegte: Nämlich Johannes Volkmann, CDU, MdB & Enkel von Helmut Kohl und gewählt über den Wahlkreis Lahn-Dill – in dem übrigens auch die Stadt Haiger, der Wohnort von Friedhelm Loh, liegt.

In Haiger hat des Weiteren auch die Firma „Franz Hof GmbH“ ihren Sitz. Geschäftsführerin Katja Hof, die erst dieses Jahr auch auf dem dem Kongress Christlicher Führungskräfte des rechtspopulistischen idea-Magazins – dessen Gründung ebenfalls aus der Familie Loh unterstützt wurde – aufgetreten ist, ist Schwägerin von Gerhard Kehl aus der Kemptener Alpen Church.

Kehl ist wichtiges Bindeglied zur US-evangelikalen Bethel Church. Die Organisation Awakening Europe vom Bethel-Prediger ben Fitzgerald hat weiterhin ihr Impressum an Kehl’s Alpenchruch, von wo aus er schließlich die G5 Gemeinde Eimeldingen übernahm und die Awakening Church gründete.

Kehl selbst war neben Fadi Krikor, u.a. vomFather’s House for all Nations und Deutschland betet, einer der beiden Initiatoren derUNUM24. Auf Einladung von Kehl und Krikor trat dort der rechtschristliche Trump-Unterstützer Bill Johnson, Leiter der Bethel Church, als einer der Star-Gäste auf. Pressesprecherin der UNUM24 war die queerfeindliche und rechtschristliche Birgit Kelle.

Die „Szene“ ist eben sehr vernetzt…

Fazit

Gibt es Zusammenhänge zwischen den Verbindungen von MdB Johannes Volkmann zum Verein SRS und Fußball mit Vision und der Programmbeschwerde? Es gibt Anzeichen, aber wir können es derzeit nicht konkret(er) belegen.

Hinter scheinbar harmlos ihren Glauben bekundenden Fußballer*innen scheint jedoch offenbar deutlich mehr zu stehen, als eine persöniche Glaubensüberzeugung. Und die Glaubensüberzeugungen, die in dem beschriebenen Umfeld vorherrschen, geben Grund zur Sorge und zu Widerspruch. Gerade WEIL wir Religions- UND Weltanschauungsfreiheit in unserer pluralistischen Geselschaft einen hohen Stellenwert einräumen.

Schließlich sind die bisher thematisierten Vereine Ballers in God, Sportler ruft Sportler und Fußball mit Vision auch kein Einzelfall. Auch die internationale evangelikale City Changer Movement, die in Deutschland v.a. als Die Stadtreformer unterwegs ist und zahlreiche niederschwellige lokale Angebote (häufig unter dem Namen „Gemeinsam für…“ und dem jeweiligen Städtenamen) unterstützt, setzt u.a. mit Unterstützung von Organisationen wie dem Christlichen Fußballernetzwerk (CFN) auf Sport als Missionierungsintsrument (dazu in Kürze mehr…).

Es wäre wünschenswert, wenn Medien diesen Anzeichen einer (letztlich antidemokratischen) christlich-fundamentalistischen Bewegung im Deutschland mehr nachgehen würden.

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