Talk der Evangelischen Akademie Frankfurt zur „Prostitutions-Anstalt“

Eine Bühne (auch) für christlichen Fundamentalismus?

Regelmäßig veranstaltet die Evangelische Akademie Frankfurt die Reihe „Humor ist…“ zu den aktuellen Folgen der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt„. Am 06.05. ging es nun um die sog. „Prostitutions-Anstalt“ vom 28.04.2026, die bereits kontroverse Reaktionen ausgelöst hat (Livestream weiterhin hier abrufbar).

Sexarbeiter*innen selbst waren auf dem Podium zur Diskussionsrunde nicht vertreten. Als Diskutant*innen trafen dort Dr. Nathalie Eleyth von der Universität Zürich und Kerstin Neuhaus, vorgestellt als Referentin beim Bundesverband Nordisches Modell e.V., aufeinander.

Doch Kerstin Neuhaus ist „mehr“ als das – und weitreichend in der christlich-fundamentalistischen „Anti-Sexarbeit-Bewegung“ vernetzt. Überraschenderweise blieb das jedoch unerwähnt. Und das, obwohl sich offenbar auch die Redaktion der „Anstalt“ einseitig auf (vorsichtig formuliert) „fragliche“ Quellen bezog.

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Anekdotische Evidenz voller Widersprüche trifft auf komplexe Wissenschaft

Die gegenläufigen Einschätzungen der beiden Podiumsgäst*innen zur „Anstalt“ wurden schnell deutlich:

Kerstin Neuhaus zeigte sich von der Folge der “Anstalt” begeistert. Und nutzte – wenig überraschend – die Gelegenheit, für die Umsetzung des sog. „Nordischen Modells“ in Deutschland zu werben. Und zwar v.a. mit anekdotischer Evidenz.

Matthias Blöser (Zentrum Bildung und Gesellschaft der EKHN), Kerstin Neuhaus, Dr. Nathalie Eleyth (v.l.n.r.); Quelle: Youtube, Evangelische Akademie Frankfurt

Mit dem Begriff „Nordisches Modell“ ist eine Kriminalisierung der Nachfrage von Sexarbeit gefragt. Zunächst in Schweden eingeführt, streben schwedische Anhänger*innen seit mehr als einem Vierteljahrhundert danach, dieses zutiefst sexarbeitsfeindliche Regime auch in anderen Ländern zu etablieren. Vertreter*innen dieses Prostitutionsregimes behaupten, dass Sexarbeiter*innen durch das Vergütungsverbot ihrer Tätigkeit „entkriminalisiert“ würden. Doch Selbstvertretungen, Fachverbände und Menschenrechtsorganisationen berichten stattdessen eine Zunahme von Stigma und Diskriminierung und erteilen dieser Politik seit Langem eine kategorische Absage. Das erwähnte auch die „Anstalt“ am Rande – ohne sich jedoch mit den Grundlagen dieser Position auseinanderzusetzen. Im Faktencheck zur Sendung finden sich diese breit in der wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung vorhandenen Einwände jedenfalls nicht wieder.

Weil Neuhaus mal in Schweden war, und sich dort mit anderen Befürworter*innen des „Nordischen Modells“ getroffen hat, weiß sie, dass ein sog. Sexkaufverbot gut ist… Auf dieser Ebene schiebt Neuhaus Kritik an der Kriminalisierung der Nachfrage beiseite – mit Verweis auf ihre persönlichen Eindrücke. Außerdem sollten sexuelle Handlungen laut Neuhaus nur dann stattfinden, wenn beide Seite dies tatsächlich wollen. Ist Geld im Spiel, sei für sie Einvernehmlichkeit ausgeschlossen, so Neuhaus.

Eleyth hingegen kritisierte die Sendung und die Forderung nach einem sog. Sexkaufverbot unter Bezugnahme auf wissenschaftliche Studien deutlich.

Gegenüber FundiWatch resümmiert Eleyth die Veranstaltung:

„Die Diskussion hat für mich noch einmal bestätigt, dass die sog. Antiprostitutionsbewegung häufig nicht von den Rechten und Stimmen von Sexarbeiter*innen ausgeht, sondern von einer bestimmten Sexualmoral, die mithilfe des Strafrechts durchgesetzt werden soll.

Dabei wird moralische Ablehnung mit rechtspolitischer Notwendigkeit verwechselt. Empirische Befunde zu den Folgen von Kriminalisierung, Verdrängung und Stigmatisierung werden kaum ernst genommen, während Sexarbeit, sexualisierte Gewalt und Menschenhandel rhetorisch so ineinandegeschoben werden, als handele es sich um dasselbe.

Das ist nicht nur wissenschaftlich unsauber, sondern auch ethisch problematisch: Schutz entsteht nicht durch Entmündigung, sondern durch Rechte, Sicherheit, Beratung und Respekt vor der Selbstdeutung von Menschen in der Sexarbeit.“

Wer ist Kerstin Neuhaus?

Völlig unerwähnt bleibt in der Diskussion, dass Kerstin Neuhaus keine unabhängige Expertin ist sondern in diversen Netzwerken vorrangig aus dem christlich-fundamentalistischen Spektrum aktiv ist.

Da lohnt es sich – gerade auch im Hinblick auf aktuelle Vorkommnisse – genauer hinzusehen. Wieso in der Evangelischen Akademie Frankfurt genau dieser Hinweis ausblieb, müssen die Veranstaltenden beantworten.

AugsburgerInnen gegen Menschenhandel e.V. & Freikirche „Projekt X“

Denn neben ihrer Tätigkeit beim Bundesverband Nordisches Modell ist Neuhaus Geschäftsführerin des Vereins AugsburgerInnen gegen Menschenhandel. Vorsitzender des Vereins ist der evangelikale Pastor Klaus Engelmohr, der zugleich die Augsburger Freikirche Projekt X Augsburg leitet.

Quelle: auxgegenmh.de/verein
Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. (ggmh)

AugsburgerInnen gegen Menschenhandel ist Mitglied im evangelikal ausgerichteten Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), über den wir bereits mehrfach berichteten und zu dem rund 40 Mitgliedsorganisationen gehören.

Engelmohr ist Mitglied im Vorstand von ggmh, zu dessen weiteren Mitgliedern neben dem ehemaligen Vorsitzenden der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) und ehemaligen Bundestagsabgeordneten (CDU) Frank Heinrich, seinerseits lange aktiv bei der Heilsarmee, auch die Vorsitzende des umstrittenen Vereins Mission Freedom, Gaby Wentland, gehört.

Aus der vollstationären Einrichtung für minderjährige Betroffene von sexueller Gewalt „Haus SeeNest“ von Mission Freedom wurden gerade erst alle Kinder vom Jugendamt Oberallgäu wegen mutmaßlich kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden in Obhut genommen. Nun ermittelt auch die Staatsanwaltschaft gegen die Heimleitung wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener. Mittlerweile hat Mission Freedom mitgeteilt, den Betrieb des Haus SeeNest eingestellt zu haben und keine rechtlichen Schritte mehr zu verfolgen. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen laufen weiter. Mehr dazu hier.

Gegenüber dem evangelikalen Medienmagazin Idea teilte ggmh mit, Gaby Wentland lasse ihre Vorstandstätigkeit dort bis zur Klärung der Vorwürfe vorläufig ruhen.

Neustart e.V. und Samaritan’s Purse

Ihr Anerkennungspraktikum absolvierte Neuhaus beim Berliner Verein Neustart – christliche Lebenshilfe e.V. unter Leitung von Gerhard Schönborn. Der Verein betreibt ein Café am Straßenstrich in der Berliner Kurfürstenstraße.

Hervorgegangen ist Neustart aus einem zuvor am gleichen Ort betriebenen „Drogenhilfeprojekt“ der US-amerikanischen umstrittenen Organisation Teen Challenge, der unter anderem das Angebot sog. Konversionsbehandlungen nachgesagt wird. Im Archiv des Schwulen Museum Berlin befindet sich eine Broschüre mit dem Titel „Homosexuelle Lesbische Onanie“. Neustart e.V. gibt selbst auf seiner Homepage an, aus Teen Challenge hervorgegangen zu sein.

Quelle: Schwules Museum Berlin, Instagram

Heute teilt sich Neustart seine Räumlichkeiten an der Kurfürstenstraße mit Alabastar Jar, einem Projekt der aus den USA stammenden evangelikalen Organisation Samaritan’s Purse. Samaritan’s Purse ist in Deutschland vor allem auf Grund ihrer umstrittenen Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ bekannt ist. Geleitet wird Samaritan’s Purse vom US-Evangelikalen Franklin Graham – den auch Trumps Jesus-Vergleiche nicht von seiner Unterstützung für den US-Präsidenten abhielten.

Neustart und Samaritans Purse sind ebenfalls Mitglied bei ggmh, Schönborn ist Mitglied im Vorstand.

Zitate-Kartell für die „Welt ohne Prostitution“

An Neuhaus sieht man, wie eng die Anti-Sexarbeitsbewegung kooperiert.

Die Bewegung zitiert sich selbst und macht dabei auch vor wissenschaftlich fragwürdigen Daten keinen Halt, die auf diesem Wege oft erhebliche Reichweite und – trotz gegenläufiger wissenschaftlicher Erkenntnisse – nicht selten eine „Schein-Seriosität“ erreichen.

Dazu kann man durchaus auch das Buch des schwedischen Kripobeamten Simon Häggström „Im Namen der Frauen“ zählen. Im letzten Jahr organisierte die Bewegung für den schwedischen Polizeibeamten eine Lese-Reise. Häggström ist in der Prostitution-Unit in Stockholm tätig. Community-Berichte von Sexarbeitenden enthalten scharfe Kritik an dieser Einheit.

Häggström ist aktuell einer der großen „Stars“ der Anti-Sexarbeitsbewegung, der auch in Deutschland durch die Lande zieht und u.a. beim Magazin Emma publiziert. Und auch Neuhaus ist ein großer „Häggström-Fan“…

Links: Buch „Auf der Seite der Frauen“ von Simon Häggström; rechts: Simon Häggström mit Kerstin Neuhaus (Quelle: Instagram, Kerstin Neuhaus)

Die deutsche Fassung von Häggströms Buch wurde von Kerstin Neuhaus redigiert. Der Einleitungstext wurde von Neuhaus, Klaus Engelmohr und Gerhard Schönborn verfasst. Das „Schweden-verklärende“ Vorwort stammt von Huschke Mau.

Und auch die “Anstalt” hatte es offensichtlich nicht nötig, diese Polizeiverliebtheit des karzeralen Feminismus kritisch zu hinterfragen.

Der Freiheit-Kongress im Schönblick

Kerstin Neuhaus nahm auch regelmäßig auf dem u.a. von ggmh, der Evangelischen Allianz Deutschland und Mission Freedom veranstalteten Freiheit-Kongress im christlichen Kongresszentrum Schönblick (Aktion Hoffnungsland) teil. Gerade berichtet FundiWatch hier in einer Beitragsreihe über das großaufgezogene Event.

Neben Angeboten zu „Heilenden Ölen“ von DoTerra, ominösen „Befreiungsgebeten“ wie Bethel SOZO (auf dem Kongress 2024), „Bekehrungsgeschichten“ und Lobpreis lassen sich dort zunehmend auch Politiker*innen verschiedener Parteien von Anekdoten christlich-fundamentalistischer Akteur*innen radikalisieren.

Komplexität wird auf solchen Events reduziert, abweichende Stimmen nicht eingeladen und Kritiker*innen lässt man lieber vor Ort nicht zu.

Kritischer Umgang mit christlich-fundamentalistischer Gruppen in der Sozialen Arbeit? Fehlanzeige.

Zurück zum Talk in der Evangelischen Akademie Frankfurt: Dass christlich-fundamentalistische „Rettungs-“ und Missionierungsphantasien nichts mit professioneller Sozialer Arbeit zu tun haben (sollten!) blieb eine Leerstelle der Veranstaltung. Und das, obwohl mit Kerstin Neuhaus eine Multiplikatorin dieser Bewegung auf dem Podium saß.

Vielen Fürsprecher*innen des Sexkaufverbots scheint es völlig egal zu sein, mit welchen Gruppen sie sich bei den Themen Sexarbeit und Menschenhandel einlassen. Dass diese Gruppen ein erhebliches Risiko für Schutzsuchende bedeuten können, sollten die Vorgänge im Haus Seenest eigentlich vor Augen führen. Doch bislang wird diese Gefahr als “Kollateralschaden” für die Durchsetzung der eigenen Ziele billigend in Kauf genommen.

Umso bedauerlicher, dass genau das nun bei einer Veranstaltung eines christlichen Veranstalters völlig ausgeblendet wurde.

Max Uthoff als Lobbyist christlicher Fundamentalist*innen?

In einer Szene der „Prostitutions-Anstalt“ klagt Uthof auf der Couch eines „Psychologen“, man kritisiere in der Sendung die „Liberalisierung des Sexkaufs“ und befinde sich damit in Gesellschaft „von sehr zwielichtigen Typen„.

Uthoff bezieht sich auf die Forderung der CDU/CSU nach einem Vergütungsverbot für Sexarbeit. Uthoff wisse ja, dass das Modell nicht „der Weiseheit letzter Schluss sei“ aber im Grunde fände er das im Vergleich „mit dem was wir haben richtig. Leider.

Ja, Herr Uthoff, leider! Denn die konkreten negativen Konsequenzen des „Nordische Modells“, das ja in unterschiedlichen Varianten in einigen Ländern in Kraft ist, sind – wenn man es wissen will – nachlesbar. Doch gerade diese wissenschaftlichen Studien und Erhebungen blendet die „Prostitutions-Anstalt“ selbstgefällig aus. Stattdessen keilte man gegen die heterogene Sexarbeitsbewegung, die seit Jahrzehnten um Nicht-Diskriminierung und Arbeitsrechte kämpft.

Vielleicht überdenken Sie, lieber Herr Uthoff und liebe Maike Kühl noch einmal, bei welchen Quellen Ihre Redaktion recherchiert und ob diese Informationen seriös sind.

Das christliche Medienmagazin Pro zeigt sich in einem Artikel von Anna Lutz unter der Übersschrift „(Auch) Christen bewegen was beim Thema Prostitutionsverbot“ jedenfalls begeistert von der Sendung:

„So deutlich wurde in einer deutschen TV-Sendung selten für ein Prostitutionsverbot geworben! Und dann auch noch in einer Satiresendung…“

Ein Kommentar von Pro auf Facebook zu dem Artikel macht es noch deutlicher. Dort heißt es:

„Dass Uthoff und Co. hier so deutlich werden, liegt nicht nur an der eindeutigen Faktenlage. Sie waren im Vorfeld der Sendung auch im Gespräch mit Christen. Genauer: Mit der Organisation „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ und anderen Teilnehmern eines Kongresses zum Thema, der ab dem 26. April im christlichen Gästezentrum „Schönblick“ stattfand (PRO berichtete). Sicher nicht die einzige Quelle, aus denen sich die Informationen der Comedians speisten. Aber offenbar eine überzeugende.“

Inwieweit „eindeutige Faktenlage“ und Stimmen von „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ miteinander in Einklang zu bringen sind, möge jede*r für sich selbst beurteilen. Hier jedenfalls sollte die Redaktion der Anstalt noch einmal überprüfen, vor wessen Karren sie sich spannen lässt.

Dazu würde gehören, den eigenen Bestätigungsfehler zu reflektieren und die Forschungslage zur Kenntnis zu nehmen. Denn noch einmal: Wer es wissen will, kann leicht in Erfahrung bringen, welche Ziele die Mitgliedsorganisationen von ggmh verfolgen. Ob deren Arbeit Betroffenen von schwerer Gewalt wirklich hilft, muss u.a. angesichts des Fall Haus SeeNest in Frage gestellt werden.

Die Veranstaltenden des Freiheit-Kongress sind jedenfalls derart von der „Anstalt“ begeistert, dass sie sich wenige Tage nach dem Kongress noch einmal an alle Teilnehmenden wenden. In der entsprechenden Mail heißt es:

„Gerne können Sie sich die Sendung in der Mediathek anschauen und im Anschluss an das ZDF, einen Dank für die faktenreiche Sendung und dass zum Thema weitere Sendungen erfolgen sollten schreiben.“

Es folgt ein Link zur ZDF-Mediathek und zum Kontaktformular des ZDF. Für viele Besuchende des Freiheit-Kongress dürfte es das erste Mal sein, dass sie dem sonst so verhassten „bösen ÖRR“ ein Lob aussprechen.

Stimmen zur Veranstaltung

Wie bereits erwähnt, beteiligte die Evangelische Akademie Frankfurt keine Sexarbeiter*innen am Talk.

Gerade deshalb beenden wir diese Einordnung mit einem Zitat der Sexarbeiterin Athene Pallas:

„Wenn alle über unsere Lebensrealität sprechen, aber Sexarbeitende selbst nicht als Expert*innen anerkannt werden, wird uns die Deutung über unser eigenes Leben entzogen. Wir werden zum Objekt einer Debatte, statt als politisch denkende und handelnde Menschen ernst genommen zu werden.

Dazu kommt: Sexarbeitende, die widersprechen, werden gezielt diffamiert – als Einzelfälle, als privilegiert, verblendet oder Teil der „Lobby“. So wird uns nicht nur widersprochen, sondern die Legitimität abgesprochen, überhaupt mitzureden.

Das ist nicht nur verletzend. Das ist Entmündigung – und ganz klar eine Form von Gewalt.“

Und schon wieder ein Update zum „Haus SeeNest“: Mietvertrag fristlos gekündigt

Nachtrag: Betrieb der Einrichtung laut Mission Freedom eingestellt – Träger wird
keine weiteren rechtlichen Schritte mehr verfolgen

Das Tätigkeitsverbot für die Heimleitung und die anschließenden Inobhutnahmen in der Kinder- und Jugendeinrichtung Haus SeeNest im Allgäu haben immer weitere Folgen.

Gerade erst hatte die Staatsanwaltschaft Kempten ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Misshandlung von Schutzbefohlenen gegen die Heimleitung eingeleitet. Nun teilt die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg (KJF) auf Anfrage von FundiWatch mit, den Mietvertrag mit Mission Freedon über das Haus SeeNest fristlos gekündigt zu haben.

Nachtrag (14.05.2025): Auf seiner Homepage teilt Mission Freedom mittlerweile mit, dass der Betrieb des Haus SeeNest aufgrund der „weiteren Entwicklungen“ eingestellt wurde. Der Träger werde zudem keine weiteren rechtlichen Schritte mehr verfolgen. Ungeachtet dessen läuft das staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren weiter: Die Allgäuer Zeitung berichtet, dass Ermittler vergange Woche die Einrichtung und eine Privatwohnung durchsucht haben und mögliche Beweismittel sichergestellt wurden.

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Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg kündigt Mietvertrag mit Mission Freedom fristlos

Die KJF Augsburg vermietete die Räumlichkeiten des Haus Seenest in Immenstadt im Jahr 2023 an Mission Freedom. Gegenüber FundiWatch teilte die KJF auf Anfrage nun mit, dass der Mietvertrag nach den Inobhutnahmen der in der Einrichtung untergebrachten Kinder fristlos gekündigt wurde.

Zudem bestätigte die KJF, dass der Mietvertrag ausschließlich mit Mission Freedom bestand und auch bei Ausgliederung der Einrichtung auf die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH (eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von Mission Freedom) nicht übertragen wurde. Wichtig ist der KJF zu betonen, „dass zu keinem Zeitpunkt eine fachliche, inhaltliche oder organisatorische Zusammenarbeit zwischen Mission Freedom e. V. und der KJF Augsburg bestand.

Seit wenigen Tagen ist die Homepage der Himmelsstürmer Deutschland nicht mehr aufrufbar.

Vermietung durch die KJF war bereits 2024 Thema

Über die Vermietung der Räumlichkeiten durch die KJF berichtete die Süddeutsche Zeitung bereits 2024 (Paywall), als Kritik an der Erteilung der Betriebserlaubnis für die Einrichtung laut wurde.

Schon damals distanzierte sich die KJF demnach und betonte ebenfalls, dass keinerlei fachliche Zusammenarbeit mit Mission Freedom bestehe. Weiter teilte die KJF damals mit, man nehme die Vorwürfe gegen Mission Freedom sehr ernst: „Sollte eine Entfremdung des Mietzwecks vorliegen, werden wir das Mietverhältnis überprüfen und im Rahmen der möglichen rechtlichen Rahmenbedingungen beenden„.

Auf Nachfrage von FundiWatch, was seitens der KJF seither vernalasst wurde teilt diese nun mit:

„In der Folge wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen geprüft sowie Mission Freedom e.V. mit den Vorwürfen konfrontiert. Da die Betriebserlaubnis auf Grundlage der Genehmigung durch die Regierung von Schwaben weiterhin vorlag und die Geschäftsführung nachvollziehbar Stellung bezog, war jedoch eine Kündigung des Mietverhältnisses allein auf Basis der in der Berichterstattung geschilderten Verdachtsmomente rechtlich schwierig.“

Nun scheint die KJF die Situation offenbar anders zu bewerten.

Wie kam es überhaupt zur Vermietung?

Im Hinblick auf die bereits in der Vergangenheit wiederholt auftretende erhebliche Kritik an Ausrichtung und Arbeitsweise von Mission Freedom drängt sich die Frage auf, wie es 2023 überhaupt zur Vermietung durch die KJF an einen derart umstrittenen Verein kommen konnte.

FundiWatch liegen Informationen vor, dass die KJF vor der Vermietung an Mission Freedom nach möglichen Käufern für die Immobilie in Immenstadt gesucht hatte, was jedoch letztlich erfolglos blieb. Vieles spricht daher dafür, dass die Vermietung an Mission Freedom vor allem aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus erfolgte.

Doch welche Kriterien wendet die KJF für die Vermietung ihrer Immobilien an bzw. spielen dabei neben wirtschaftlichen Aspekten auch die ideologische Ausrichtung und Seriosität eines potentiellen Mieters eine Rolle? Was wusste die KJF zum damaligen Zeitpunkt über den Verein Mission Freedom, der wie gesagt bereits damals alles andere als ein „unbeschriebenes Blatt“ war?

Auf FundiWatch-Anfrage teilt die KJF mit:

„Zum Zeitpunkt der Vermietung war unser Kenntnisstand, dass es sich bei Mission Freedom e.V. um einen gemeinnützigen Verein unter dem Dach der Diakonie Hamburg handelt. Der Mietvertrag wurde erst abgeschlossen, nachdem die Betriebserlaubnis für den beschriebenen Nutzungszweck erteilt wurde.“

Auf unsere Frage, welche Kriterien seitens der KJF bei der Vermietung von Räumlichkeiten angewendet werden und wie sichergestellt wird, dass diese eingehalten werden, nahm die KJF hingegen nicht Stellung.

(Wie) Reagiert die Diakonie Hamburg?

Was aus der Antwort jedoch ablesbar ist: Die Tatsache der Mitgliedschaft von Mission Freedom bei der Diakonie Hamburg spielte bei der Vermietung offenbar eine Rolle.

Entsprechendes haben wir auch in anderen Zusammenhängen bei der Eingehung von Kooperationen und Fördermittelgebern immer wieder gehört. Eine Mitgliedschaft im Verbund der Diakonie wird offenbar häufig als „Qualitäts-“ bzw. „Seriositäts-Merkmal“ eingeschätzt.

Doch kann die Mitgliedschaft in Verbänden der Diakonie tatsächlich als Beleg für einen bestimmten „Qualitätsstandard“ herangezogen werden? Welche Kriterien bestehen für eine Mitgliedschaft und wird die Einhaltung etwaiger Kriterien durch die Diakonie nachgehalten?

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Diakonie Hamburg im Zuge kritischer Medienberichterstattung zur Ausrichtung und Arbeitsweise von Mission Freedom bereits 2013 gegenüber Panorama (vgl. Panorama 3, „Bürgerpreis für dubiosen Verein“ v. 10.12.2013) selbst äußerte, man habe

„…starke Zweifel, ob Mission Freedom im Alltag in dem von uns geforderten Maß zwischen Sozialarbeit auf der Basis des christlichen Glaubens und dem eigenen Missionierungsauftrag unterscheiden kann“.

Zudem kündigte die Diakonie Hamburg bereits damals an:

„Wir werden in den kommenden Tagen die Einrichtung besuchen und uns einen Eindruck verschaffen, welche Auswirkungen die spezifische religiöse Ausrichtung des Trägers auf die Arbeit mit den Klientinnen hat. Erste Priorität hat für uns die Frage, ob die traumatisierten Frauen bei Mission Freedom Schutz und professionelle Begleitung finden oder ob die Gefahr einer Retraumatisierung durch ein neues, von Trägerinteressen geleitetes Abhängigkeitsverhältnis besteht.

Doch was ist seither geschehen? Wie beurteilt die Diakonie Hamburg die aktuellen Entwicklungen und steht nun eine Beendigung der Mitgliedschaft von Mission Freedom bei der Diakonie im Raum?

FundiWatch hat dazu bei der Diakonie Hamburg und der Diakonie Deutschland nachgefragt. Eine Antwort wurde uns für den 18.05.2026 in Aussicht gestellt. Wir werden berichten.

Wer trägt Verantwortung?

Wer trägt (Mit-)Verantwortung für die aktuellen Vorfälle im Haus SeeNest und hätten diese verhindert werden können?

Zunächst ist zu betonen, dass bisher nicht aufgeklärt ist, was sich aktuell konkret im Haus SeeNest zugetragen hat. Es handelt sich um ein noch laufendes Verfahren und selbstverständlich gilt auch im Hinblick auf das seitens der Staatsanwaltschaft eingeleitete Ermittlungsverfahren weiterhin die Unschuldsvermutung.

Die im Raum stehenden Vorwürfe lassen geichwohl mehr als aufhorchen: „kindeswohlgefährdende Erziehungsbethoden“, „unangmessener Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen“, 29 Polizeieinsätze in der Einrichtung, Nachbarn berichten von Hilferufen aus dem Haus und ein Kind, das sich vom Balkon abgeseilt haben soll…

Zudem scheint die derzeitige Einschätzung der Heimaufsicht und des Jugendamts, die Vorwürfe hätten nichts mit der weltanschaulichen Ausrichtung des Trägers zu tun, unbedingt zu hinterfragen. Aus zahlreichen öffentlich verfügbaren Informationen gehen die spezifisch christlich-fundamentalistische Ausrichtung von Mission Freedom, eine weitestgehende Kritikunfähigkeit und ein völlig überhöhtes Selbstbild der eigenen Arbeit als „Gottes Auftrag“ jedenfalls deutlich hervor. Sind die aktuellen Vorfälle insoweit also bloß „Zufall“?

Was jedenfalls bereits feststeht: sechs Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren, die sich in einer Einrichtung für sexuell missbrauchte Minderjährige befanden, mussten nach Einschätzung des Jugendamts Oberallgäu zu ihrem eigenen Schutz von einem Tag auf den anderen in Obhut genommen und anderweitig untergebracht werden.

So zeigt der aktuelle Fall eine deutlich über den Einzelfall hinausgehende Relevanz. Insbesondere: Ab wann müssen Hinweise auf eine christlich-fundamentalistische oder auch allgemein eine „konfliktträchtige Weltanschauung“ einer Organisation ausreichen, um eine dortige Gewährleistung des Kindeswohls zu verneinen?

Das Landesjugendamt Bayern hat hierzu einige bemerkenswerte Hinweise veröffentlicht. Hätte deren strikte Anwendung die Vorkommnisse im Haus SeeNest vermeiden können? Oder braucht es gar Verbesserungen der Rechtslage, um den Schutz Minderjähriger vor kindeswohlgefährdenden christlich-fundamentalistischen Ideologien zu gewährleisten? Auch diesen Fragen ist nachzugehen.

Und schließlich führt der Fall hoffentlich auch zu einer Überprüfung eigener Standards von Organisationen hinsichtlich ihrer Kooperations- und Förderrichtlinien.

Die KJF hat nun deutlich reagiert. Allerdings lagen schon bei Eingehung des Mietverhältnisses zahlreiche kritische Informationen und Hinweise zu Mission Freedom vor.

Auch Thema im Erwachsenenbereich

Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle, dass die Gefahren christlich-fundamentalistischer Ideologien im Bereich Sozialer Arbeit nicht nur Minderjährige, sondern auch erwachsene Personen betreffen.

Gerade von sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt betroffene Personen im Umfeld von Sexarbeit und Betroffene von Menschenhandel sind diesen Organisationen häufig weitgehend ausgeliefert. Eine Genehmigungspflicht für entsprechende Einrichtungen im Erwachsenenbereich gibt es anders als im Kinder- und Jugendbereich ebenso wenig wie eine Heimaufsicht. Mission Freedom betreibt zwei weitere „Schutzhäuser“ für erwachsene Frauen in Hamburg und Frankfurt.

Zudem arbeitet Mission Freedom eng mit anderen Mitgliedsorganisationen aus dem Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) zusammen. Gegenüber dem evangelikalen Medienmagazin Idea teilte ggmh mit, dass Gaby Wentland, die Gründerin und Vorsitzende von Mission Freedom, ihre dortige Vorstandstätigkeit vorerst ruhen lasse.

Einen tiefergehenden Eindruck über den Netzwerkverein ggmh und dessen Umfeld verschafft unsere Beitragsreihe zum erst kürzlich veranstalteten Freiheit-Kongress im christlichen Kongresszentrum Schönblick in Schwäbisch-Gmünd. Zu Teil 1 der Beitragsreihe geht’s hier.

Update „Haus SeeNest“: Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungsverfahren ein

Homepage der „Himmelsstürmer“ seit Kurzem offline

Aus Medienberichten war bereits bekannt, dass die Staatsanwaltschaft zu den Vorgängen im Haus Seenest im Allgäu (Himmelsstürmer Deutschland / Mission Freedom) Vorermittlungen eingeleitet hat.

Auf FundiWatch-Anfrage teilte die Staatsanwaltschaft Kempten heute mit, dass nun ein Ermittlungsverfahren gegen die Heimleitung wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen eingeleitet wurde.

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Was bisher geschah

Über die aktuellen Vorgänge in der vollstationären Kinder- und Jugendeinrichtung Haus SeeNest in Immenstadt (Allgäu) hatten wir hier bereits ausführlich berichtet. Betreiber der Einrichtung ist die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des umstrittenen Vereins Mission Freedom, auf den die Betriebserlaubnis zunächst ausgestellt wurde. Bereits die Erteilung der Betriebserlaubnis vor gut zwei Jahren hatte für Kritik gesorgt und war auch Gegenstand einer Landtagsanfrage der Abgeordneten Gabriele Triebel.

Vor Kurzem wurde bekannt, dass vor wenigen Wochen gegen die pädagogische Heimleitung des Haus SeeNest ein Tätigkeitsverbot erlassen wurde. Kurz darauf wurden alle sechs untergebrachten Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren durch das Jugendamt Oberallgäu in Obhut genommen. Die Vorwürfe beziehen sich auf kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden, worunter offenbar insbesondere ein unangemessener Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen fallen soll. Die Heimaufsicht prüft derzeit den Widerruf der Betriebserlaubnis.

Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst Vorermittlungen eingeleitet, ob auch strafrechtliche Vorwürfe im Raum stehen könnten.

Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen

Dies scheint seitens der Staatsanwaltschaft Kempten nun bejaht zu werden. Ob tatsächlich strafbare Handlungen vorliegen, ist damit zwar noch nicht geklärt. Allerdings wurde nun offiziell ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Wie uns die Staatsanwaltschaft mitteilte, richtet sich das Ermittlungsverfahren gegen die Heimleitung wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen.

„Aktuell wird gegen eine Person ermittelt. Gegenstand der Ermittlungen ist, ob in der Einrichtung angewandte Erziehungsmethoden den Tatbestand strafbaren Handeln erfüllen.   Das Ermittlungsverfahren wurde auf Grund des Ergebnisses geführter Vorermittlungen eingeleitet,  welches im Zusammenhang mit der Presseberichterstattung über die Inobhutnahme von Kindern der erwähnten Einrichtung geführt wurde.“

Weitere Auskünfte könnten wegen der laufenden Ermittlungen derzeit nicht erteilt werden.

Homepage der Himmelsstürmer verschwunden

Die Homepage der Einrichtung unter himmelsstuermer.org ist seit Kurzem offline. Dort erscheint nun lediglich noch eine Mitteilung „Server nicht gefunden“.

Auf der Homepage von Mission Freedom heißt es hingegen weiterhin stolz:

„2023 haben wir in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt an einem dritten Standort eine spezialisierte Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung aufgebaut. Diese hat eine Schwerpunktausrichtung für minderjährige Betroffene von sexueller Ausbeutung. In zwei vollstationären heilpädagogisch-therapeutischen Wohngruppen können Betroffene Kinder und Jugendliche langfristig stabilisiert und begleitet werden.“

Bis vor wenigen Tagen war die Seite der Himmelsstürmer noch unverändert online. Einschließlich des Namens und einer Mobilnummer der pädagogischen Heimleitung, gegen die bereits vor Wochen ein vorläufig gerichtlich bestätigtes Tätigkeitsverbot erlassen wurde.

Die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, deren Geschäftsführerin die auch für Mission Freedom tätige Inga Gerckens ist, äußert sich weiterhin nicht zu den Vorwürfen. Mission Freedom selbst erhebt Vorwürfe gegen Behörden und ehemalige Mitarbeitende, die die vermeintlichen Missstände bei den Behörden anzeigten.

Update: In die Vorgänge im Haus SeeNest hat sich nun auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet

29 Polizeieinsätze, Hilferufe aus dem Heim…

Nach unserem Bericht über Inobhutnahmen im Kinderheim Haus SeeNest im Allgäu kommen immer mehr Details zu Tage. Mehrere Medien haben den Fall zwischenzeitlich aufgegriffen.

Nun ermittelt auch die Staatsanwaltschaft. Gaby Wentland, Vorsitzende von Mission Freedom, lässt ihre Vorstandstätigkeit im Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel vorerst ruhen.

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Immer mehr Details werden bekannt

Nach unserem Bericht haben nun auch die Süddeutsche Zeitung, die taz und der BR den Fall den Fall aufgegriffen.

Das Haus SeeNest wird von der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH – eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des seit Langem umstrittenen christlich-fundamentalistischen Vereins Mission Freedom – betrieben. Auf seiner Homepage beschreibt Mission Freedom die Einrichtung als Standort einer „spezialisierten Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung“ für „minderjährige Betroffene von sexueller Ausbeutung“.

Im Erwachsenenbereich betreibt Mission Freedom „Schutzhäuser“ in Frankfurt und Hamburg.

Unangemessener Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen

Die taz erfuhr, dass es sich bei den zunächst allgemein als „kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden“ beschriebenen Gründen der behördlichen Maßnahmen um einen unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen handeln soll.

Zudem wird in dem Artikel auf frühere taz-Recherchen vor gut zehn Jahren verwiesen. Demnach durften von Mission Freedom betreute Frauen vermeintlich keine weltliche Musik mehr hören, mussten ihr Handy abgeben und durften nicht ohne Begleitung das „Schutzhaus“ verlassen.

Der Hamburger Senat, das LKA und Hamburger Opferschutzverbände distanzierten sich bereits damals deutlich von Mission Freedom. Zudem teilten sie mit, mit dem Verein nicht zusammenzuarbeiten. Auf seiner Homepage gibt Mission Freedom neben der Evangelischen Allianz Deutschland, dem European Freedom Network und Gemeinsam gegen Menschenhandel auch weiterhin den „Verbund der Diakonie“ als Partnerorganisationen an.

Auf FundiWatch-Anfrage erfuhren wir durch das Landratsamt Oberallgäu, dass sich in den Fall im Haus SeeNest nun auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet hat. Das bedeutet, dass aktuell geprüft wird, ob ein Anfangsverdacht zu etwaigen strafbaren Handlungen vorliegt.

Die Regierung von Schwaben, die die Betriebserlaubnis für die Einrichtung erteilte und zugleich die zuständige Heimaufsicht ist, teilte FundiWatch auf Anfrage zu besonderen Vorkommnissen in der Einrichtung mit: Außerhalb der Kontrollen durch die Heimaufsicht sei es „lediglich zu einem Polizeieinsatz wegen eines abgängigen Kindes, welches aber selbst wieder in die Einrichtung zurückkehrte“ gekommen.

Dem BR liegen hierzu offenbar andere Informationen vor: Demnach habe die Polizei bestätigt, in der Einrichtung habe es 29 Einsätze wegen vermisster Kinder gegeben. Ein Mädchen soll sich aus dem obersten Stockwerk mit aneinander geknoteten Bettlaken abgeseilt haben und weggelaufen sein. Immer wieder sollen Hilferufe von Kindern aus dem Haus zu hören gewesen sein.

Auf erneute Rückfrage von FundiWatch teilt die Regierung von Schwaben hierzu mit, angebliche weitere Einsätze wegen vermisster Kinder seien ihr von keiner Seite gemeldet worden. Aktuell werde der Widerruf der Betriebserlaubnis geprüft, da für die Behörde die Zuverlässigkeit des Trägers in Frage stünde.

Gaby Wentland lässt Vorstandstätigkeit bei „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ vorläufig ruhen

Laut Bericht des evangelikalen Medienmagazins Idea habe der Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (GGMH) – ein Bündnis von fast 40 Organisationen – mitgeteilt, dass Gaby Wentland ihre Vorstandstätigkeit dort bis zur Klärung der aktuellen Vorwürfe ruhen lasse.

Seitens GGMH nehme man die aktuellen Vorwürfe sehr ernst. Im Mittelunkt stünden nun „der Schutz der betroffenen Kinder, die Wahrnehmung ihrer Privatsphäre sowie eine sorgfältige und fachlich verantwortliche Klärung der Vorgänge.

In der Vergangenheit überstand Gaby Wentland Skandale im Wesentlichen unbeschadet und wurde dabei auch von GGMH in Schutz genommen. Der 1. Vorsitzende Frank Heinreich, ehem. MdB (CDU) und bis vor Kurzem auch Vorsitzender der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD), bezeichnete die Vorwürfe gegen Mission Freedom im Rahmen einer umstrittenen Preisverleihung an den Verein durch den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) 2013 als „Verleumdung“. Auch als Gaby Wentland 2020 gemeinsam mit Inka Hammond den US-Präsidenten Donald Trump als von Gott eingesetzt und als Retter der Christenheit und seines Landes preiste, blieb dies sowohl für ihre Rolle bei GGMH als auch ihre damalige Vorstandstätigkeit für die Evangelische Allianz Deutschland (EAD) folgenlos.

Erst vergangene Woche veranstalteten u.a. GGMH und Mission Freedom im Beisein auch mehrerer Politiker*innen zum wiederholten Mal den Freiheit-Kongress im christlichen Kongresszentrum Schönblick in Schwäbisch Gmünd. Darüber berichten wir hier. Idea war Medienpartner und berichtete ausschließlich positiv über den Kongress. Einer Person von FundiWatch, die bereits seit Jahren zu Mission Freedom und dem Haus SeeNest recherchiert und in diesem Zusammenhang auch den Kongress 2024 besuchte, wurde für den diesjährigen Kongress ein Hausverbot erteilt.

Wie unsere Beobachtenden vor Ort berichten, war Gaby Wentland beim Kongressauftakt entgegen der Programmankündigung nicht auf der Bühne, sondern saß im Publikum.

Inga Gerckens, Mitarbeiterin von Mission Freedom und Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, moderierte laut Kongress-Programm ein Filmgespräch zu dem umstrittenen Film „Blinder Fleck“ der Regisseurrin Liz Wieskerstrauch (vgl. unseren Bericht zu dem Film hier). Zu einem weiteren kritischen Bericht der Zeit u.a. zu dem Film – in dem auch vermeintlichen Bezügen zum Haus SeeNest nachgegangen wurde, die letztlich aber nicht aufgeklärt werden konnten – ist aktuell lediglich der Hinweis zu lesen: „Dieser Artikel wurde aus rechtlichen Gründen depubliziert„.

Eisiges Schweigen und „Siegesgewissheit“

Auf FundiWatch-Anfragen zu den Vorfällen reagieren die Himmelsstürmer und Mission Freedom nicht.

Gegenüber dem BR teilt die Himmelsstürmer lediglich mit: „Grundlage unseres Handelns bilden die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen„. Und: „Unsere Leistungserbringung erfolgt unter der Aufsicht der Heimaufsicht und orientiert sich konsequent an den festgelegten fachlichen Prozessen.

Auf dem Freiheit-Kongress waren die Vorfälle im Haus SeeNest öffentlich kein Thema. Stattdessen zeigt sich Gaby Wentland auf ihren Social Media-Beiträgen von der Kritik unbeeindruckt: Auf einem gemeinsamen Foto vom Kongress zeigt sie sich freudestrahlend mit dem Team der Schweizer Organisation Heartwings. Untertitel: „Mit wundervollen Freunden ist alles leichter„.

Ein aktuelles Predigt-Video von Wentland trägt den Titel „Widerstände überwinden“. Dort zeigt sich Wentland – ohne die aktuellen Vorgänge zu erwähnen – weiterhin kampfbereit und siegessicher:

„Deswegen laufe mit dem Geist Gottes, auch wenn es schwierig ist, wird er dich siegreich führen. Das heißt, du wirst überwinden. Du wirst dich freuen. Du wirst wissen, dass da eine Belohnung ist, du wirst wissen, dass da ein Sinn hinter ist und du wirst wissen, dass das, was Gott dir versprochen hat, sich alles erfüllt.“

Quelle: Facebook, Gaby Wentland

Möge die Freude doch hoffentlich eines Tages bei den Kindern wieder einkehren, die wohl Schlimmes im Haus SeeNest erleben mussten und von einen Tag auf den anderen nun auseinandergerissen auf verschiedene Pflegefamilien verteilt werden mussten…

Schuld sind die anderen – und der Teufel..?

Heute äußerte sich Mission Freedom nun doch noch gegenüber Idea.

Und kritisiert die Behörden, da die Inobhutnahme ohne behördliche Vorankündigung erfolgt sind. Das Jugendamt Oberallgäu begründet dies damit, dass eine dringende Gefährdung der Kinder nicht habe ausgeschlossen werden können. In solchen Fällen stünde der Schutz der Kinder uneingeschränkt im Vordergrund.

Kritisiert werden von Mission Freedom auch die ehemaligen Mitarbeitenden, die die Vorfälle den Behörden meldeten. Denn diese hätten sich direkt an die Aufsichtsbehörde gewendet, ohne zuvor das Gespräch mit der Einrichtungsleitung zu suchen (gegen die wie berichtet nun eine gerichtlich vorläufig bestätigtes Tätigkeitsverbot verhängt wurde). Dass die direkte Konfrontation der Leitungsebene offensichtlich erfolglos geblieben wäre, zeigen die mittlerweile zahlreichen Vorfälle um Mission Freedom und dessen Umgang mit Kritik wohl deutlich.

Ebenso deutlich ist übrigens, dass dieses Agieren von Mission Freedom unmittelbar mit dessen spezifischer Glaubensausrichtung, insbesondere dem besonders ausgeprägten Glauben an das Wirken übernatürlicher, auch dämonischer Mächte, verbunden ist.

So resümmierte Gaby Wentland bereits nach Bekanntwerden einer sich nach Ermittlungen des LKA als falsch herausgestellten Lebensgeschichte einer vermeintlich minderjährig missbrauchten Frau (die Mission Freedom zuvor offensiv u.a. auf einer DVD und dem Evangelischen Kirchentag „vermarktet“ hatte):

Und sie haben mir dann Dinge untergeschoben, die alle nicht stimmen, das musst du dann auch ertragen und dann musst du lächeln. (…) Und dann haben wir rückblickend gesehen: Immer wenn die Zeitungen was Böses über mich schrieben, dann waren die Spenden doppelt hoch (…). Weil die Christen verstanden haben: Hier ist ein geistlicher Kampf. Hier ist der Satan dabei, wieder zurückzuholen, was ihm gehört. Und ich hatte versucht, so viel Land zu bekommen wie nur möglich.

Quelle: Vortrag von Gaby Wentland vom 09.09.2018 „Abend der Ermutigung“ in Schaffhausen (Youtube)

Ein Appell an die professionelle Soziale Arbeit

Der Fall zeigt besonders deutlich, wie wichtig es ist, die Einhaltung berufsethischer Grundsätze professioneller Sozialer Arbeit auch bei religiösen Trägern und auch in Zeiten klammer Haushaltskassen sicherzustellen. Diese Forderung hat nun auch der Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) in einer Pressemitteilung zu dem Fall noch einmal deutlich unterstrichen.

Und das gilt übrigens nicht nur für den Kinder- und Jugendbereich. Mission Freedom und weitere Organisationen aus dem Netzwerk GGMH betreuen auch zahlreiche erwachsene Personen. Eine staatliche Aufsicht für diese Einrichtungen gibt es hingegen nicht.

Wir bleiben weiter an dem Fall dran.

Christlicher Fundamentalismus macht Schule…

Wie die Bloggerin BinGanzBrav auf Bluesky berichtet, ist im Lahn-Dill-Kreis offenbar eine neue Bekenntnisschule mit einem besonders eindeutigen christlich-fundamentalistischen Profil („christuszentrierte Bildung“) in Planung: Die Timotheus-Grundschule. Auch mittelhessen.de (Paywall) berichtet über den Vorgang.

Nachtrag: Der Bluesky-Thread ist jetzt mit allen Quellennachweisen auch auf der sehr informativen Seite „Dokumentieren gegen Rechts“ abrufbar!

MEHR

Mehrere Eltern haben den Verein Paideia e.V. gegründet und stehen im Austausch zu den weiteren Planungen im Austausch mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS). Offenbar stehen die Eltern bzw. der Verein der auch in Deutschland mittlerweile stark vertretenen Calvary Chapel nahe – deren Gründer Chuck Smith behauptete, die Anschläge vom 11. September 2001 seien Strafe für Homosexualität und Abtreibung.

Entsprechende Bestrebungen christlich-fundamentalistischer Gruppen, verstärkt Einfluss auf den Bildungsbereich zu nehmen, begegnen uns immer wieder: Erst neulich war eine christliche Privatschule zu Besuch bei der AfD-Fraktion im Bundestag (vgl. Sächsische Zeitung vom 21.04.2026 – Paywall), an einer staatlichen Schule gelang es einem Missionar eine Missionsveranstaltung mit den Schüler*innen durchzuführen…

Der Gesellschaftsbereich der „Bildung“ gehört nach der Ideologie des „Seven Mountains Mandate“ zu einem der „Berge“, die von „Christ*innen“ transformiert und unter die Dominanz christlich-fundamentalistischer Werte geführt werden sollen.

Wir werden uns mit dem Thema noch eingehender befassen und auch die weiteren Vorgänge um die Schulplanungen im Lahn-Dill-Kreis im Blick behalten…


Bearbeitungshinweis: Kurz nach Veröffentlichung haben wir noch den Namen der Schule und den Link auf deren Webseite ergänzt.

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