Unser Mitglied Zoe Luginsland hat bei der Expert*innenkommission zum Prostituiertenschutzgesetz eine unaufgeforderte Stellungnahme eingereicht. Diese ordnet Jakob Drobniks Habilitationsschrift „Nordisches Modell und Menschenhandel“ kritisch ein und weist auf erhebliche wissenschaftliche Mängel des Dokuments hin. Drobnik trat vor Kurzem auch auf dem Freiheit-Kongress von Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), Mission Freedom u.a. im christlichen Tagungshaus „Schönblick“ auf, worüber wir hier berichten.
Wir veröffentlichen die Stellungnahme von Zoe hier.
zu: Jakob Drobniks „Nordisches Modell und Menschenhandel“
Jakob Drobniks Habilitationsschrift in der katholischen Theologie Nordisches Modell und Menschenhandel entstand unter der Betreuung von Professor Elke Mack an der Universität Erfurt. Es handelt sich um einen Rechtsvergleich zum Umgang mit Menschenhandel in Schweden, Norwegen und Frankreich unter Einbeziehung einer theologisch-ethischen Perspektive. Empirische Daten wurden nicht erhoben, es werden allerdings empirische Studien anderer Autor*innen diskutiert. Die Schrift wurde parallel zum Abschlussbericht:Evaluation des Gesetzes zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen im Juni 2025 veröffentlicht. Am Tag der Veröffentlichung des Abschlussberichts nahm das auftraggebende Ministerium nicht diesen, sondern Drobniks Habilitationsschrift entgegen. Dies verschaffte der Schrift einiges an Aufmerksamkeit. Die beiden sehr umfassenden Dokumente wurden wohl trotzdem wenig vollständig gelesen und viele entscheidenden Fragen, die in ihnen behandelt werden, wurden bislang wenig diskutiert:
Verfassungsrecht und Drobniks objektiver Begriff der Würde
Eine zentrale Position von Nordisches Modell und Menschenhandel ist sein objektiver Begriff der Würde. Diese Position baut auf dem Dokument Sexkauf – Eine rechtliche und rechtsethische Untersuchung der Prostitution aus dem Jahr 2023 von Elke Mack und Ulrich Rommelfanger auf, an der auch bereits Jakob Drobnik mitwirkte. Die zentrale These der Untersuchung war es, dass im Bereich Sexarbeit/Prostitution durch den Gesetzgeber keine Freiwilligkeit angenommen werden sollte und dass die Situation von Sexarbeiter*innen/Prostituierten prinzipiell gegen die Menschenwürde verstoße (Mack & Rommelfanger 2023). In Nordisches Modell und Menschenhandel schlägt sich diese Position insbesondere in der These nieder, dass mit der aktuellen Rechtslage in Deutschland, aber auch etwa in Schweden „objektive Kriterien“ fehlen würden, um Opfer von Menschenhandel zu identifizieren (Drobnik 2025: 36). Er problematisiert, dass die Opferidentifizierung oft von der „subjektiven Wahrnehmung des Opfers determiniert“ (Ebd.: 233) sei. An anderer Stelle führt er weiter aus, dass „Merkmale von Opfereigenschaften“ festzulegen seien, die unabhängig „von der Freiwilligkeit, dem Wissen und der Zustimmung des Opfers“ und von „eventuellen Freiwilligkeits- und Selbstbestimmungsbehauptungen (…) losgelöst“ (Ebd.: 243) sein sollten. Drobnik schlägt dafür die folgenden Kriterien vor:
„1) direkte oder indirekte Fremdeinwirkung (-bestimmung) von Drittpersonen (Familienangehörige nicht ausgeschlossen)
2) ein persönliches (auch emotionales) und/oder wirtschaftliches Abhängigkeitsverhältnis gegenüber Drittpersonen
3) Handlungsunfähigkeit im Zielland (aufgrund fehlender Sprachkenntnisse und Kenntnisse des Rechtssystems; fehlende Mittel)
4) mangelnde Bewegungsfreiheit (Freiheit, den Ort des Verbleibes jederzeit beliebig wechseln zu können; (hat die Person einen Pass u.dgl.?)
5) mangelnde Erwerbsfreiheit (kann die betroffene Person eigenständig über ihre Berufswahl jederzeit frei entscheiden und ggf. jederzeit einer anderen Tätigkeit nachgehen?)
6) Selbstentwicklungskriterien (Teilnahme an Schulungen, Berufsentwicklungsprogrammen, Nutzung des Internets u.dgl.);
7) Hier empfiehlt sich auch, einen psychologischen Fragebogen zur Ermittlung der Opfereigenschaft zu erstellen, der wirtschaftliche Verhältnisse bis hin zu Abhängigkeitsverhältnissen überprüft.“ (Ebd.: 244)
Drobnik argumentiert hier unter den genannten Bedingungen für einen Umgang, der einer Entmündigung von Sexarbeiter*innen/Prostituierten gleichkommt. Dies steht im deutlichen Widerspruch zur gültigen Rechtslage über rechtliche Betreuungen von Volljährigen, wie sie in § 1814 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) geregelt ist. Hier wird eine Krankheit oder Behinderung vorausgesetzt (Absatz 1) und das Bestellen einer Betreuer*in gegen den Willen des Volljährigen ausgeschlossen (Absatz 2). Nur wenn Volljährige ihren Willen nicht kundtun können, ist eine Bestellung ausnahmsweise auch ohne Willensbekundung zulässig. Die von Drobnik offenbar angedachte Abschreibung eines freien Willens für Sexarbeitende nach dem von ihm angesprochenen Kriterien, wäre mit dem vermeintlichen Schutz der Menschenwürde nicht zu rechtfertigen, sondern würde im Gegenteil einen eklatanten Verstoß gegen die Menschenwürde bedeuten, die jedem Menschen zusichert, Subjekt und nicht Objekt staatlichen Handelns zu sein.
Wissenschaftliche Methodik, Dunkelfeld und Stigma
Drobnik vermutet ein zentrales Argument gegen die Einführung einer an den Erfahrungen von Schweden, Norwegen und Frankreich orientierten Gesetzeslage in Deutschland, in dem für diesen Fall mutmaßlich zu erwartenden Problem eines wachsenden Dunkelfelds, dass sich dem Zugriff von Wissenschaft und staatlicher Regulation entziehen könnte. Drobnik betrachtet das Argument als widerlegt, da ein „Sexkaufverbot den Strafverfolgungsbehörden erweiterte Eingriffs- und Kontrollmöglichkeiten bei einem bestehenden Anfangsverdacht der Prostitutionsausübung verschaffen würde“ (Ebd.: 42). Als Beleg dafür zitiert er anekdotisch die Darstellungen des pensionierten Kriminalkommissars Helmut Sporer über seine Methoden der Überwachung von Sexarbeiter*innen/Prostituierten über deren Werbe-Maßnahmen (Ebd.: 43). Außerdem meint er, dass es in Norwegen „keine Hinweise auf ein vergrößertes Dunkelfeld oder erhöhte Gewalt gegen Prostituierte“ gäbe (Ebd.: 138). Diese Argumentation ist in sich unplausibel. Auch wenn man den Strafverfolgungsbehörden erweiterte Überwachungsmittel zugestehen würde, könnte dies den Verlust an Daten nicht ausgleichen, den ein Ende der Registrierungspflicht und der wissenschaftlichen Datenerhebung über niedrigschwellige Beratungsstellen der akzeptierenden sozialen Arbeit mit sich bringen würde. Die Anwendung von Überwachungsmitteln wie Vorratsdatenspeicherung, der Chat-Kontrolle und KI-Erkennungstechnologien, die Drobnik vorschlägt (Ebd.: 240f) sind zudem höchst invasiv und gesellschaftlich kontrovers.
Drobnik selbst zitiert eine Studie zur Evaluation der Einführung der Kundenkriminalisierung in Frankreich, die umfassende Anzeichen für die Entstehung eines entsprechenden Dunkelfelds zu dokumentieren scheint (Ebd.: 175). Aufgrund der wissenschaftlich unseriösen Zitierweise Drobniks (Links ohne Seitenzahlen bei Zitaten und ohne Abrufdatum), lässt sich dies jedoch nicht ohne unverhältnismäßigen Aufwand verifizieren. Allgemein nehmen im Buch anekdotale Evidenz aus Zeitungsberichten und persönlichen Gesprächen einen unverhältnismäßigen Anteil gegenüber wissenschaftlichen Studien ein. Teils werden Zahlen mit falschen Belegen übernommen. Die Schätzung von Sexarbeiter*innen im Interview einer Studie „andra specificerade (others specified, Übersetzung ZL): “The majority (99%) are cis men.” (Jämställdhetsmyndigheten 2021: 68) wird verfälschend als „Gleichwohl konstituieren männliche Erwerber einen Anteil von über 96 %, wobei diverse Studien sogar Quoten von über 99 % dokumentieren.“ wiedergegeben (Drobnik 2025: 50). Aus einer anekdotalen Schätzung von Einzelpersonen, wird ein wissenschaftlicher Konsens fingiert.
Der stärker theoretisch orientierte wissenschaftliche Diskurs zu Fragen von Sexarbeitsfeindlichkeit, Professionalität in der Sozialen Arbeit und der Wirkweise des gesellschaftlichen Stigmas um Sexarbeit wird nicht rezipiert. Stigma wird ausschließlich als eine erstrebenswerte „Stigmatisierung der Freier“ (Ebd.: 49) und als Motiv der Aussageverweigerung (Ebd.: 101) thematisiert, während der Zusammenhang einer Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen und Sexkäufer*innen in Missachtung gegenteiliger Evidenz (Vuolajärvi 2022) geleugnet wird. Die Evaluation hat gezeigt, dass bereits unter dem gegenwärtigen Gesetz 60,7% der Befragten heimlich arbeiten (Bartsch et al. 2025: 563). Die Frage, wie sich dies nach einer Verschärfung der Gesetzeslage verändern könnte wäre höchst relevant und es ist nicht nachvollziehbar, warum sie bei Drobnik außenvor gelassen wurde.
Konklusion
Jakob Drobniks Nordisches Modell und Menschenhandel stellt einen autoritären und verfassungsrechtlich zweifelhaften Gegenentwurf zur Studie zur Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes dar. Methodisch wird zu einem unangemessenen Grad auf anekdotale Evidenz abgestellt, während die Ergebnisse von Studien keine angemessene Beachtung finden. Der wissenschaftliche Diskurs wird selektiv rezipiert. Die Zitationsweise ist unwissenschaftlich und Zahlen werden zum Teil verfälscht. Während das Buch einen hilfreichen Überblick zu medialen Debatten und gesetzlichen Entwicklungen in Schweden, Norwegen und Frankreich bietet, ist seine Perspektive von deutlichen Biases geprägt und es fehlen wichtige Faktoren für eine Gesamtbewertung. Den Mitgliedern der Expert*innenkommission wäre dementsprechend zu empfehlen das Buch kritisch und im Bewusstsein seiner Biases zu rezipieren.
Literaturverzeichnis
Drobnik, Jakob (2025): Nordisches Modell und Menschenhandel.
Bartsch, Tillmann/ Robert Küster/ Laura Treskow/ Isabel Henningsmeier/ Joachim Renzikowski (2025): Abschlussbericht. Evaluation des Gesetzes zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen.
Vuolajärvi, Niina (2022): Criminalising the Sex Buyer: Experiences from the Nordic Region. Policy Brief 06/2022.
Jämställdhetsmyndigheten (2021): Prostitution och Människohandel. Rapport 2021:23.
Der Verein Hope e.V. sowie dessen erste Vorsitzende und Gründerin Katja Ryzak praktizieren einen Glauben an den Teufel, Dämonen und sexuell unreine Geister. Hauptsächlich missioniert der Verein mit einem Heilsversprechen unter Sexarbeiter*innen. Doch das zweite Standbein des Vereins bilden vermeintliche Präventionsworkshops an Schulen, die vorgeblich über Loverboys und Pornografie aufklären. Aktuell wiegelt Hope e.V. Menschen durch verstörende Clips in den Sozialen Medien mittels Desinformation und Ragebait auf, freilich ohne Belege oder Quellen zu liefern. Hope e.V. richtet seine Präventions-Workshops an Schulen bereits an Kinder ab der 4. Klasse.
Wir fordern insbesondere Behörden, Schulen und Eltern auf, sich mit dem hier vorliegenden Material zu beschäftigen. In unseren Augen arbeitet Hope e.V. unseriös und bringt seine Zielgruppe auf vielerlei Hinsicht in Gefahren.
Alles begann mit der folgenden Botschaft von Jesus an Katja Ryzak: „Jesus sagte einfach random zu mir im Gebet, geh` ins Internet und informiere dich über Menschenhandel.“ So sagt sie es im Videopodcast „Furchtloses Zeugnis“ von Michael Neumann, um den es später noch einmal gehen wird. Ryzak glaubt im Auftrag Gottes zu handeln. Der von ihr gegründete Verein Hope e.V. ist ein christliches Missions-Projekt, fest verankert in einer baden-württembergischen Freikirche.
Wer ist Hope e.V.?
Gegründet wurde Hope e.V. mit heutigem Sitz in Bretzfeld (Baden-Württemberg) nach eigenen Angaben 2013 und agiert seit 2017 als eingetragener Verein, bestehend heute aus zwei Vorständen und 19 Mitgliedern. Der Verein betreibt u.a. Streetwork im „Rotlichtmilieu“ und begleitet beim „Ausstieg aus der Prostitution“. Zudem ist Hope e.V. Mitglied im hier schon mehrfach erwähnten Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. (ggmh) und dem European Freedom Network. Als (offenbar besonders eng) kooperierende Organisationen werden auf der Homepage neben ggmh die Vereine Mission Freedom, Perlentor, Freiheits-Stil und light-up Germany genannt – abgesehen von light-up alle ebenfalls Mitglied bei ggmh. Erst seit Neuestem wird Mission Freedom e.V. dort nicht mehr genannt. Einen Transparenzhinweis über den Ausschluss (?) von MF konnten wir bisher nicht finden. Das Netzwerk veranstaltet „Walks for freedom„, an dem sich auch Teamangehörige von Hope e.V. beteiligen, wie aus einer Socialmedia-Auswertung hervorgeht.
In den letzten Wochen erzielte Hope e.V. durch stark zugespitzte und aufwiegelnde Video-Clips große Reichweiten auf den Plattformen YouTube, TikTok und Instagram. Zeitgleich wurde bekannt, dass der SWR vor Kurzem mit Hope e.V. drehte. Also ist absehbar, dass Ryzak und Hope e.V. demnächst medial präsent sein werden. Leider befürchten wir, dass somit ein neuer Tiefpunkt unkritischer Berichterstattung über christlichen Fundamentalismus bevorsteht.
Bevor wichtige Informationen ungesagt bleiben, berichten wir also selbst über Hope e.V. und sein Netzwerk.
Wer ist also Katja Ryzak und der von ihr gegründete Verein Hope? Was hat der Verein mit dem Glauben an Wunder und Dämonen oder den „Geist des Todes“ zu tun? Und warum beurteilen wir das als tendenziell gruppenbezogen menschenfeindlich?
Quelle: Instagram von Anne Klein, aktiv bei Hope e.V., https://www.instagram.com/anna_klein_93/
Als wir in die Recherche eingestiegen sind, war uns bei FundiWatch nicht klar, welches haarsträubende Geflecht aus Dämonenaustreibungen, „Mentoring“ und „Prävention für Schulkinder“ wir aufdecken würden. Mehrere Personen aus dem Verein Hope e.V. konnten wir in direkte Verbindung mit sog. Befreiungsdiensten und „Mentoring“ bringen. Darüber hinaus mussten wir feststellen, dass Hope e.V. ernüchternde Ansichten über Therapie und zivilgesellschaftliche Intervention gegen patriarchale und sexualisierte Gewalt verbreitet. Hope e.V.’s Inhalte strotzen nur so von Sexarbeitsfeindlichkeit, Transfeindlichkeit und immenser Einseitigkeit.
An dieser Stelle eine Triggerwarnung: Wenn Du selbst betroffen von sexualisierter Gewalt bist, überleg‘ Dir bitte gut, ob dieser Text gerade die richtige Lektüre für Dich ist. Ebenso weisen wir daraufhin, dass Hope‘s Schilderungen teilweise explizit und gewaltvoll sind und Deine Gefühle verletzen können. Falls Du spirituellen Missbrauch erlebt hast, pass‘ bitte besonders auf Dich auf.
Die eigene Biografie als Beleg für „normal“
Katja Ryzak betont, wie eng verbunden ihre persönliche Missbrauchsgeschichte mit Hope e.V. ist. Sie äußert das, oft wortgleich, in den allermeisten Formaten, die von ihr bekannt sind. Sie sei als Kind über Jahre betroffen von sexualisierter Gewalt im Umkreis der eigenen Familie, genauer gesagt im freundschaftlichen Umfeld der Eltern gewesen. Ryzak rutschte nach eigener Aussage als Jugendliche ins „Punk-Milieu“ ab. Ihr Zustand verschlechterte sich immer weiter, Therapien und ein Klinikaufenthalt folgten.
Ryzaks anschauliche Schilderungen enthalten Wertungen wie „ungesund“ oder „abrutschen“ – ein Grundrezept, das uns in christlich-fundamentalistischen Milieus immer wieder begegnet. Begriffe wie diese stehen für einen fest etablierten Wertekanon, dessen konkrete Inhalte aber in der Regel nicht transparent gemacht wird. Stilmittel wie diese sind ein Grund unter vielen, weswegen wir Hope e.V. als Missions-Projekt und nicht als sozialarbeiterisches oder pädagogisches Angebot beurteilen.
Während die professionelle Soziale Arbeit nur selten einzelne Beratungsfälle in der Öffentlichkeit diskutiert und Verallgemeinerungen und persönliche Wertungen aus berufsethischen Gründen eher vermeidet, macht Hope e.V. das exakte Gegenteil.
Religiös wiedererweckt
Anekdotische und biografische Episoden werden bei Ryzak zum Normalfall. Sie verknüpft sie darüber hinaus mit einem umfassenden Heilsversprechen. In Katja Ryzaks Biografie war das so: Während des Klinik-Aufenthalt erhält sie Besuch von Jugendlichen aus ihrer Gemeinde, der JES Kirche in der Nähe von Heilbronn in Baden-Württemberg. Dieser Besuch führt zur religiösen Wiedererweckung der jungen Erwachsenen. Infolgedessen kehrt Ryzak der „ungesunden“ Punk-Szene den Rücken und in den heimeligen Schoß der Gemeinde ihrer Kindheit zurück. Das mag Ryzak genau so erlebt haben, doch viele Menschen betrachten auch Subkulturen oder Communities als emotionales Zuhause und daran ist per se erst einmal nichts auszusetzen. Es verrät aber etwas über den Wertekanon von Hope e.V. und Ryzak, wie sie es erzählt.
Ryzak spricht nie absichtslos über sich oder ihre Biografie, sondern thematisiert stattdessen Hope e.V., und damit verbundene Werte und Anliegen. Darin zeigt sich ein typischer Dualismus aus falsch – richtig, gesund – krank, heil(ig) – dämonisch. Derartiger Dualismus kann auch ein Marker für Verschwörungserzählungen und religiösen Extremismus sein.
Katja Ryzak glaubt an das Konzept eines rettenden, sprechenden und eingreifenden Gottes. Und sie hält sich für ein Instrument dieses Gottes. Durchaus dubiose Praktiken, wie Dämonenbefreiung, geschlossene, nur aus ultra-religiösen Organisationen bestehende Netzwerke sowie moralische Überwältigung können daraus folgen. Daraus können leicht gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Ressentiments entstehen.
„Tief in die Scheiße“ als Bekehrung
Hope e.V. eignet sich hervorragend um eine wachsende Szene aus christlich-fundamentalistischen Missionar*innen zu illustrieren. Diese Szene nutzt mitunter Begriffe oder Praktiken der professionellen Sozialen Arbeit oder Pädagogik als Vehikel für ihre Raumnahme in einer säkularen Gesellschaft. Sie präsentiert sich mittels (semi-)professioneller Öffentlichkeitsarbeit, abgestimmt auf Plattformlogiken.
Ultrakonservative Sexualmoral, Missionierung und Autoritarismus beherrschen die Einstellungen solcher Projekte, Vereine und Organisationen. Krasse Gewalt und Unrecht werden dort oft als (notwendige) Lernkurve einer Rettung inszeniert:
„Aber ich weiß, manche Frauen müssen noch mal so tief in die Scheiße, müssen noch mal leider so richtig Kacke erleben“ (bevor sie das Angebot von Hope e.V. annehmen, Anm. d. A.)“,
Dieser Satz formuliert alternativlose Zwangsläufigkeit, präsentiert Ausstieg im christlich-fundamentalistischem Schutzhaus als einzige Lösung im Einklang mit Gott. Nur eine Frage der Zeit, bis alle das erkennen (/s).
Stimmen im Kopf
Gewalt und Missbrauch werden als Kulisse für das Erkennen von Jesus und Rechtgläubigkeit vorgestellt – und normalisiert. Sexarbeit, sowohl als aktives Angebot oder als passive Nutzung, ist Ryzaks Überzeugung zufolge eine Einflüsterung dämonischer Mächte oder des Teufels, also des „Feindes“. Sich frei dazu entscheiden – ausgeschlossen.
Die Implikationen solcher Konzepte machen nicht bei sexueller Zwangsarbeit, Menschenhandel oder freiwilliger Sexarbeit Halt. Im Grunde kann so jede (sexualisierte) Grenzüberschreitung als Versuchung des Teufels umgedeutet werden – Abhilfe schafft demnach dann der rechte Glauben.
Kein Wunder, dass Autor*innen mit christlich-fundamentalistischer Biografie, wie z.B. Nana Myrrhe, von einer tief verwurzelten rape culture in entsprechenden Gemeinden sprechen. Eine „aufreizend“ gekleidete Person, „unkeusches“ Verhalten, der Konsum von Pornos oder auch Selbstbefriedigung sind dämonische Versuchungen, kommen also vom „Geist des Todes“. Mündiger Umgang mit diesen Themen? Unmöglich!
Täterpersonen begehen demnach zwar den Übergriff, aber der Übergriff selbst kommt vom Teufel, und stellt eine Einflüsterung sexuell unreiner Mächte dar. Daraus entsteht eine Verantwortungsverschiebung von mündigen Menschen hin zu einem allmächtigen Gott im Widerstreit mit finsteren dämonischen Mächten.
Das ist auch der Grund, wieso wir so oft „geläuterte“ Täterpersonen in solchen Communities zu sehen bekommen. Geschichten der Umkehr sind eine logische Konsequenz aus dem Widerstreit gut gegen Böse. Strukturelle Themen dagegen werden vermieden.
An den Platz menschengemachter gesellschaftlicher Veränderung wie dem Abbau von Ungleichheit, Hierarchien, Gewalt und Ausbeutung tritt der Kampf zwischen Satan und Gott. Statt umfassende Veränderungen vorzunehmen, reicht es, persönlich „lebendig“ zu glauben und „Jesus zu kennen“. Kein Wunder, dass Projekte, wie Hope e.V., Mission Freedom e.V. oder auch ihr Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. keinerlei Interesse an echter struktureller gesellschaftlicher Veränderung haben, sondern sich auf „Rettung“ beschränken. Frauen aus der „Prostitution“ retten, Kinder vor Pornografie bewahren ist deren Alternative für den Abbau patriarchaler Gewalt durch Gleichstellung, Beteiligung und gleiche Rechte aller Menschen. Bevormundung und moralische Überwältigung ersetzt den informierten Umgang mit Medien und das Erlernen von konsensueller Intimität.
Welche weitreichende Folgen über die Themenkomplexe Sexarbeit und Menschenhandel hinaus solche Ansichten haben können, zeigt sich, wenn Ryzak, Nelli G.-W. oder deren Tochter Delia dieses Konzept auch auf Vergewaltigungen oder tiefe persönliche Krisen übertragen.
Nelli G.-W. und Delia W. sind mutmaßlich beide bei Hope e.V. aktiv. Nelli G.-W. spricht in einigen der jüngsten Kurz-Videos über Schulbesuche, und bezeichnet sich darin selbst „Lehrerin und Referentin für Präventionsarbeit“.
Nelli G.-W. wurde laut eigenen Schilderungen infolge einer Vergewaltigung schwanger. Tochter Delia litt in der Folge unter psychischen Problemen, wurde suizidal. Durch den „wahren Glauben“ besiegten beide die Dämonen und sind nun als Heilungs-Botschafterinnen im charismatischen Spektrum unterwegs. Auf ihrem Instagram-Kanal teilt Nelli G.-W. äußerst verstörende Videos, von vor laufender Kamera durchgeführten Exorzismen – eine junge Frau wird von ihr auf dem Boden festgehalten und schreit. Erneut: Nelli, also die ausführende Person, tritt für Hope e.V. „als Lehrerin und Referentin“ an Schulen auf.
Quelle: Instagram Nelli G.-W., https://www.instagram.com/ganzheitlich.gesund.nelli/
Welche Risiken beinhaltet solche als Präventionsarbeit maskierte Missionsarbeit?
Nelli und Delia G. sind auch Ryzaks Gemeinde, der JES Kirche verbunden. Nelli trat dort erst kürzlich iauf einer „Kokon-Nights“ auf. Dabei handelt es sich um ein an Frauen gerichteten Event der Haupt-Pastorin Svenja Gerasch, die ebenfalls bei Hope e.V. aktiv ist. Auch der christliche Sender ERF hat Mutter und Tochter schon interviewt.
Die beiden offerieren das Mentoringprogramm „Metanoia“, Kostenpunkt 2000 € für 9 Monate- welches eine 2-stündige Gruppenvideokonferenz pro Woche umfasst. Jesus und der Heilige Geist spielen in diesem Mentoringprogramm für Heilung die zentrale Rolle. Auf der Homepage heißt es: „METANOIA ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Dieses Mentoring befähigt dich, in Eigenverantwortung zu wachsen und aus der Führung des Heiligen Geistes heraus deinen Weg zu gehen – ohne Abhängigkeit, sondern nachhaltig und selbstständig.“ Zusätzliche 1:1 Betreuung kann jederzeit hinzugebucht werden. Ein Impressum suchten wir auf der Homepage vergeblich. By the way, Delias Fotos auf der Metanoia-Homepage kamen uns bekannt vor, dazu später mehr.
Dämonen im Klassenzimmer?
Wenn Katja Ryzak immer wieder wiederholt: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“ – dann meint sie das wörtlich. Ist die sogenannte Präventionsarbeit von Hope e.V. also im Grunde Mission? Wenn dies zutrifft, dann wäre dies ein grundlegend anderes Verständnis von sexueller Bildung, Prävention und Medienkompetenz, als gemeinhin an Schulen vermittelt wird und werden sollte.
Hope e.V. besucht nach eigenen Angaben regelmäßig Schulklassen ab der 4. Jahrgangsstufe. Wir gehen davon aus, dass das Hope-Team dabei nicht in den Religionsunterricht eingeladen wird, als Beispiel für pfingstlich-charismatische Mission. Stattdessen nimmt das Team für sich in Anspruch relevante Präventionsarbeit zu wichtigen Themen wie Sexualität, Loverboys und Pornografie durchzuführen.
Wir fragen uns und Euch, kann das zutreffen? Nochmal: Hope e.V. zufolge entsteht Heilung aufgrund von rechtem, lebendigem Glauben. Welche Konsequenzen hat diese Sichtweise für nicht-christliche Schüler*innen? Ryzak sagt in einem Interview vor wenigen Wochen, Gott heile mehr, als Menschen es vermögen. Heißt das im Umkehrschluss, ohne Glauben keine „wahre“ Heilung?
Der Glauben an einen Gott diametral entgegengesetzten „Geist des Todes“, Jezebel oder den „Feind“ überstrahlt in Ryzaks Ausführungen alle gängigen Methoden, wie z.B. Therapien, gesellschaftliche Veränderungen oder soziale Interventionen gegen Gewalt. Patriarchale Gewalt würde demnach nicht durch Gleichstellung überwunden, sondern durch Befreiung von dämonischen Geistern, Hexerei und Okkultismus. Nochmal die Frage: Was daran ist Prävention oder Aufklärung?
Der Kampf gegen Porno ist ein Kampf gegen „unreine sexuelle Geister“
Jezebel wirkt, Ryzaks Überzeugungen nach, als „unreiner sexueller Geist“ in Pornografie, Verführung, „Sexsucht“ und „perversen“ Sexpraktiken. Der Konsum von Pornografie „kläre Kinder auf“ und mache aus ihnen später im Leben Sexkäufer. Was für ein Verständnis von Aufklärung postuliert Ryzak da?
Hope e.V. kämpft nicht allein gegen Pornografie. Beispielsweise Ingeborg Kraus, umtriebige Aktivistin gegen das Selbstbestimmungsgesetz und Sexarbeit, begreift Pornografie als „gefilmte Prostitution“. Pornografie wird so als Übel begriffen und als unmittelbar mit Pornos verbunden dargestellt.
Ryzaks und Kraus‘ Auffassung der Wirkweise beider „Übel“ liegt also gar nicht weit auseinander. Ryzak steht für eine ultrareligiöse charismatisch-pfingstlerische Perspektive, Kraus für einen beträchtlichen Teil der Frauen-RECHTS-Bewegung. Für beide ist Pornografie „Zerbruch“ und das „Wirken des Feinds“. Nur wer der „Feind“ ist, darüber mögen die Ansichten auseinandergehen. Auf diese Weise erklärt sich, wieso Frauen-RECHTS-Bewegung und hochreligiöse christliche Fundis bei Themen wie Sexarbeit, Menschenhandel und Porno oft Hand in Hand zusammenarbeiten.
„Neulich im Bordell“ … es war einmal
Auf Facebook unterhielt Hope e.V. bereits erfolglos die Beitragsreihe „Neulich im Rotlichtmilieu“. Seit einigen Wochen flutet der Verein nun die Sozialen Medien und YouTube mit verstörenden Kurzfilmen. Diese Filmchen erhalten viele Likes und Aufrufe, auch von Leuten, die sich einiges auf ihre „Wissenschaftlichkeit“ einbilden.
Hope e.V. gibt in diesen Clips vermeintliche Geschichten aus dem „Rotlichtmilieu“ zum Besten. Dort verleihen Ryzak und Team unverhohlen ihrem Ekel und Verachtung für Sexarbeit, Bordelle und Pornografie Ausdruck. Sie schwingen sich zum Sprachrohr angeblicher Betroffener auf, von denen aber in den Videos – abgesehen stummer (KI-animierter?) Einblendungen – nichts zu sehen ist. Plattformalgorithmen lieben und belohnen krasse Emotionen, Empörung und Wut. Und gerade deswegen müssen wir über Hope e.V. sprechen.
Plattformlogiken & Krise in Journalismus und Politik
Diese Clips erregen neben viel Zustimmung auch Widerspruch. Die Aneignung von Betroffenen, unseriöse Praktiken sowie der SeeNest-Skandal im Netzwerk von Hope e.V. werden diskutiert. Doch Hope e.V. macht sich leider die durch Fälle wie Epstein und Collien Fernandes aufgewühlte Stimmung zu Nutze, um Reichweite zu erzielen.
Sexarbeit und sexuelle Zwangsarbeit unterliegen komplexen sozialen, politischen und moralischen Bedingungen. Sowohl Journalismus als auch Politik sind angesichts der Komplexität dieser Themen oft überfordert. Je tiefer die gesellschaftliche Krise oder je höher die Komplexität, desto besser verfangen Hörensagen, gefühlte Wahrheiten und Skandalisierung, gerade bei leicht verhetzbaren Themen. Leider.
Das Publikum auf den genannten Plattformen konsumiert den Content von Hope e.V. bereitwillig, denn er erlöst es von Komplexität und Widersprüchlichkeit. Dieser Clickbait verfängt, weil viele denken mögen: Endlich redet mal jemand offen, wir haben es doch schon immer geahnt. Für all jene: Die Situation ist weitaus komplizierter als die Hope-Schreihälse sie darstellen.
Doch in einem Feld, in dem kriminalitätsbezogene Medienbeiträge und stürmische Meinungsbeiträge dominieren, sind solche Filmchen verheerend. Dies gilt umso mehr, weil Medienschaffende seit Jahren versäumen, die Hintergründe derer zu recherchieren, die von Skandalen, Moralpaniken und Empörungsspiralen profitieren. Wenn solche Personen und Organisationen dann als „Expert*innen“ in Formaten sitzen, schließt sich ein Kreis aus Desinformation, Vereinfachung und Clickbait.
Wenn es nur so einfach wäre: Alles Gewalt im „Rotlicht“, also „weg damit“. Und genau das fordern dann unseriöse und selbstgerechte Missionar*innen und andere Eiferer.
Noch eine letzte Frage: Wäre es vorstellbar, Mitarbeitende aus professionellen Beratungsstellen in solchen Clips zu sehen? Wohl kaum!
Hope e.V. und andere betrachten sich also als von Gott installierte Retter*innen. Sie weisen andere Sichtweisen und Auffassungen, auch wenn diese wissenschaftlich gut belegt sind, weit von sich und sehen sich durch ihren Glauben legitimiert. Wer ihnen nicht zustimmt, den hat demzufolge der „Feind“ (Teufel/Patriarchat/das Böse) ergriffen.
Nun ein harter Cut. Eine Person mit langen dunklen Haaren und markanter Ponyfrisur sitzt auf einem Stuhl und schreit mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera:
„Freiwillig. Keiner macht das freiwillig. Und wenn andere Frauen Dir das erzählen, dann glaub ihnen nicht. (…) Sie lügen.“
Quelle: Youtube Hope e.V. , https://www.youtube.com/@hope-hoffnung/ Der Titel lässt ein Missverständnis entstehen: Anna Klein ist keine Sexarbeiter*in, soweit wir wissen.
Wer da so schreit? Das ist Anna Klein. Sie tritt regelmäßig in den Videos von Hope e.V. auf. Die Machart der Video-Clips ist immer gleich. Daher liegt nahe, dass sie aus einer Hand nach einem festen Konzept zumindest semi-professionell produziert wurden. Wieviel KI drinsteckt, darüber können wir bisher nur spekulieren. Das gleiche gilt für die Verwendung von Spendengeldern für die Erstellung solcher Filmchen.
Die aufgewühlt Schreiende aus dem Clip, Anna Klein, leitet auch die Gruppe „Mädelsarbeit“ (Mädels = gleich Frauen ab 20 Jahren!) der JES Gemeinde und sucht ebenfalls im Rahmen der Präventionsworkshops Schulen auf. Ja, wirklich. Im Bunde mit einer Exorzistin und einer die denkt, dass Missbrauch nur die Vorstufe von was Brauchbarem sei.
Zwischen der Machart dieser Clips und dem Marketing von JES Kirche, Ryzak und Hope e.V. liegen eigentlich Welten. Eigentlich dominiert das Image solcher Gemeinden wie der JES Kirche Kornfelder, Worshipbands, weiße Gewänder, Kerzenlicht, schwingende Röcke, im Wind wehende Haare. Mich persönlich erinnert manches Bild dort ja an die Ästhetik des rechtsextremen Frauenbundes Lukreta (s. Hyperlinks ), aber das nur als persönliche Randbemerkung. Die Fotos von Delia auf der Metanoia-Mentoringseite könnten sehr gut im Rahmen des Kornfeld-Fotoshooting für Hope e.V. entstanden sein.
Anna Klein tritt bei Facebook auch als Hope e.V. Kalendergirl (s.o.) in Erscheinung. Eine Person – zwei Gesichter.
Anna, Katja und Nelli erzählen aus dem „Wohnzimmer des Teufels“
Anna Klein, Katja Ryzak, Nelli G.-W. oder Carina Scheifele schildern in den Hope-Filmchen angebliche Begebenheiten aus der „aufsuchenden Arbeit“. In die Erzählungen hineinmontiert sind klischeehafte Filmsequenzen: Kamerafahrten über nasse, in bunte Lichter getauchte, nächtliche Straßenzüge, rot beleuchtete Innenräume mit sexualisierten Bildern junger cis-Frauen, die mutmaßlich Szenen aus Pornos oder Bordellen wiedergeben sollen. Solche Clips dienen dazu, eine moralische Panik zu schüren und die Zielgruppe aufzuwiegeln.
Die Argumente von Hope e.V. sind im Grunde schwach und äußerst subjektiv, daher setzen sie umso mehr auf Emotionen. Je finsterer die Geschichten aus dem Rotlicht, desto strahlender diejenigen, die sich auf der richtigen Seite wähnen.
Abgleiche mit Instagram-Profilen und ein Screening der Homepage der JES Kirche lieferten uns weitere Anhaltspunkte, wer alles bei Hope e.V. aktiv ist. Denn aus der Homepage von Hope e.V. geht das nicht hervor. Dort zeigt zwar ein Bild mehrere Menschen von hinten vor einem reifen Kornfeld (!), aber mehr auch nicht.
Die JES Kirche und die charismatisch-pfingstlerische Szene in Baden-Württemberg
Illustrationsbild, Quelle: Adrianna Geo auf Unsplash
Die JES Kirche ist eine Freikirche im Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden e.V. Letzterer ist Mitglied in der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF). Bei FundiWatch beschäftigen uns Gemeinden des Mülheimer Verbands immer wieder, zum Beispiel bei den Recherchen zu „Gemeinsam für Hamburg“ und Kneipenchrist Daniel Schmidt.
Die JES Kirche erlebte seit den 1990ern neuen Aufschwung und unterhält mehrere Standorte im Umkreis von Heilbronn. Neben der Mitgliedschaft im Mülheimer Verband ist sie auch Teil des Arbeitskreis Christlicher Kirchen (ACK). „Die Gemeinden des Mülheimer Verbund“ beschreibt die JES Kirche auf der Homepage „basieren auf einer evangelikal-charismatischen Theologie“. Weiterhin steht dort:
„Wir glauben, dass Gemeinde durch ihre Liebe die Gesellschaft im Sinne des Evangeliums verändern kann.“
Ihre Vision hat die JES Kirche auch in einem Imagefilm (Kornfelder!) veröffentlicht. Auch Katja Ryzak hat darin einen kurzen Auftritt. Dort heißt es unter Anderem:
Man träume „von einer Kirche
… in der das Wirken des Heiligen Geistes im täglichen Leben erfahrbar ist
… in der Gottes Wort praktisch und alltagsrelevant gelehrt und als Maßstab gelebt wird
(…)
… die Gesellschaft prägt“
Träumen ist erlaubt und von der Religionsfreiheit gedeckt. Was flapsig klingt, ist mehr als ein Spruch, sondern ehrliche Grundlage unserer Arbeit. Wir suchen nicht nach Fundi-Nerds, oder machen uns über solche lustig, verfolgen keine Christ*innen.
FundiWatch interveniert dort,
– wo Menschen unfreiwillig missioniert werden,
– sich nicht frei und aus eigenem Willen entscheiden können, weil sie in Zwangslagen sind,
– wenn Menschen durch einen verbindlich gesetzten Wertekatalog moralisch überwältigt werden, statt in Kenntnis unterschiedlicher Ansichten frei entscheiden zu dürfen
– wo Soziale Arbeit zur Waffe ultrakonservativer Glaubenspraxis wird und
– Konversionen stattfinden, aufgrund vager oder konkreter, jedoch nicht einlösbarer Heilsversprechen.
(Frei-)Kirche in Gesellschaft
Die JES Kirche ist eine evangelikale Freikirche wie viele andere auch. Alpha-Kurse, geschlechtergetrennte Freizeitangebote, das Angebot zumindest vordergründig modern und pastellfarben präsentiert. Uns springt die Ausrichtung auf Minderjährige und das Netzwerk, zum Beispiel mit der International Christian Fellowship (ICF) ins Auge.
Vor Kurzem haben wir über die geplante Anerkennung der ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe berichtet. Karlsruhe ist kein Einzelfall, ICF ist auch in Reutlingen vertreten, also im Einzugsgebiet von Hope e.V.. In der JES Kirche existiert ein Angebot namens „Empower – Mit Freude und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung“. Dort wird das gleichnamige Buch von Pastor Tobias Teichen (ICF München) gelesen. Auch Teichen befasst sich mit Sexualerziehung und unterstellt, dass Pornografie beziehungsunfähig mache.
Hope e.V., als Teil der JES Kirche, schwärmt zur Mission im Rotlicht in Künzelsau, Reutlingen (auch dort gibt es eine ICF) und Heilbronn aus. Netzwerk, das zählt in freikirchlichen, evangelikalen Gemeinden. Zeit für einen Blick auf das Netzwerk von Hope e.V.
JES und Hope e.V.
Katja Ryzak hat in der JES Kirche ihre „geistige Heimat“. Sie und Anna Klein, sowie Nelli und Delia tauchen in unterschiedlichen Funktionen auf der Homepage und den anderen Präsenzen der JES Kirche auf.
In Hope e.V. fließen auch der größte Anteil der Spendeneinnahmen der JES-Kirche, stolze 22,4% (Jahresbericht 2025: Gesamtspendenaufkommen ca. 676.000 €). Davon lässt sich schon einiges an aufwühlenden Filmchen produzieren. Auf der JES-Homepage steht, dass Katja Ryzak Hope e.V. „aus der JES heraus“ gründete. Auch Svenja Gerasch, die Ehefrau des Hauptpastoren Daniel Gerasch taucht immer wieder auf Bildern des Vereins auf.
Fall Sarah: Von Solwodi zu Mission Freedom e.V. und schließlich zu Hope e.V.
2022 erzählte eine „Sarah“ ihre Geschichte im Format Life Lion. In zwei Teilen erschien damals der Videopodcast mit „Sarah“ und kurz darauf ein „Faktencheck“ mit Katja Ryzak von Hope e.V. Aus diesem Format und einem Artikel auf idea geht hervor, dass SOLWODI Braunschweig „Sarah“ damals zunächst in ein Schutzhaus aufnahm, sie dann aber an Mission Freedom weitervermittelte. Nach mehreren misslungenen Umorientierungsversuchen landet Sarah schließlich bei Hope. Wer genau hinhört, lernt aus diesen beiden Berichten vieles über die Vorgehensweise von Fundis im Rotlichtmilieu. Kontakt halten, auch wenn die Person Abstand sucht, Weiterverweisung im eigenen Netzwerk, religiöse Heilsversprechen, Umdeutung von Erlebtem im Rahmen des charismatisch-pfingstlerischem Wertekatalog der Projekte.
Dieses System aus Weiterleitung erinnert an geschlossene Systeme, in denen die darin befindlichen Personen nicht mehr mit anderen Ansichten in Berührung kommen. Die genannten Vereine waren bis vor Kurzem bei Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. aktiv und bestreiten regelmäßig, dass freiwillige Sexarbeit mehr als eine Randerscheinung sei(n dürfe). Mission Freedom e.V. wird seit Neuestem nicht mehr unter den Mitgliedsorganisationen von ggmh gelistet. In jüngster Zeit tun sich diese Vereine durch Wissenschaftsfeindlichkeit hervor, indem sie den umfangreichen Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz in Zweifel ziehen. Dessen Ergebnisse zeigen ein anderes Bild, als diesen Organisationen gefällt.
Trigger me hardly: Schweiß & Gestank
In einem besonders stark geklickten Short auf YouTube spricht Ryzak über stinkende Sexkäufer, die schwitzen und eklige Sachen verlangen. Solcher Ragebait (emotionalisierende Tiraden) funktioniert nicht erst seit dem Fall Collien Fernandes und der Veröffentlichung der Epstein Files. Doch seitdem schwappt eine besonders hohe Welle der gerechtfertigten Wut über sexualisierte, patriarchale Gewalt durchs Land. Hope e.V. hat sich anscheinend dazu entschieden, sich diese Welle zunutze zu machen. Perfiderweise streben sie danach, die Wucht dieser Emotionen gegen Andersdenkende zu richten, die sich für mehr Rechte für Sexarbeiter*innen einsetzen. Ihnen könne man nicht glauben, Freiwilligkeit existiere nahezu nicht. Daher findet Ryzak krasse Worte des Ekels für Schweiß, Körpergerüche und Penetration. Das soll verstören und genau das ist auch das Prinzip der Wirkweise. Diese Clips sollen triggern.
Hope’s Netzwerk – gemeinsam gegen den „Feind“?
Flankiert werden die besagten Kurz-Videos von längeren Formaten. Wie eingangs schon kurz erwähnt, trat Katja Ryzak vor Kurzem zum Beispiel bei Markus Neumann („Furchtloses Zeugnis“ auf YouTube) auf. Mit glänzenden Augen lauscht dieser andächtig Ryzaks gewohnt auf Verstörung angelegten Schilderungen. Anderthalb Stunden tauschen die beiden sich über den „Feind“, den „Geist des Todes“ und über Befreiung aus. Auch von diesen längeren Video-Podcasts existieren kurze Zusammenschnitte, die ebenfalls derzeit die Plattformen fluten. Für ihre Ragebait-Offensive schreckt Hope e.V. auch vor Populismus, Desinformation und heftigen Anschuldigungen gegenüber Sexarbeitenden nicht zurück, wie wir gleich noch sehen werden.
Markus Neumann ist ein besonderer Fall. Sein Kanal “Furchtloses Zeugnis” kreist um Themen wie Okkultismus, Hexerei, Dämonen, den Teufel. Der Podcast mit Ryzak trägt den Titel “Im Wohnzimmer des Teufels”. In den Shownotes verlinkt er den “Miracle Club”, wo er auch schon selbst aufgetreten ist. Der Miracle Club ist kein Puff mit fragwürdigem Namen, sondern ein Ort für Exorzismen, mitten in Baden-Württemberg.
„Wir sind eine freie christliche Gemeinde in Stuttgart, Bad Cannstatt. Und wir glauben an Wunder.“
„Wir verstehen uns als Trainingscenter in dem jeder seine geistigen Gaben erkennen und trainieren darf.“
„Wir glauben an geistliche Kampfführung und an Heilung und Befreiung in Jesu Namen.”
Sätze wie diese, garniert mit reichlich Bibelversen, und KI-erzeugten Bildern rahmen, um welche Art von Wundern es in Stuttgart-Bad Cannstatt geht: die Abwehr von „Angriffen des Feindes“, zum Beispiel.
Ryzak spart im Talk mit Neumann nicht mit kruden Aussagen, die sehr viel über die „Arbeitsweise“ von Hope e.V. verraten. Und die Anlass sein sollten, zu reflektieren, ob Personen, die sowas äußern, tatsächlich Workshops für Kinder ab der 4. Klasse geben sollten? Ryzak bezeichnet das Rotlichtmilieu als „Wohnzimmer des Teufels“ (50:58) und begründet das mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie Hexerei und Okkultismus. Dazu käme dann der „Geist des Todes“ (51:27). „Geistig tot“ zu sein, wird dort immer wieder mit Sündhaftigkeit verknüpft, mit Einflüsterungen dämonischer Mächte. Ryzak bringt dies mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie mit Suizidalität in Verbindung. Kurz darauf spricht sie dann von Verführung und münzt das auf den Kontakt mit der Kundschaft. Ryzak erwähnt, dass sie selbst „Befreiungsdienste“ durchgeführt hat:
„Und wenn wir Frauen hatten, die dann Befreiung erleben wollten, das waren schon krasse Sitzungen und es hat oft auch lange gedauert und oft auch über mehrere Befreiungsgebete. Das hat Zeit gedauert, auch, dass die Frauen dafür bereit waren, das selber verstanden und gemerkt haben. Frauen, die z.B. aus einem satanischen Hintergrund kommen, ähm weil sie aus der Familie kommen, wo satanische Rituale waren oder auch rituellen Missbrauch, was du vorhin erzählt hast. Ähm die öffnen sich eher dafür für ein Befragungsgebet. (…)“ (52:46)
„als unprofessionell abgestempelt“
Neumann fragt nach: „Wie macht ihr das?“
Ryzak erzählt bereitwillig von ihrer Vorgehensweise: Nach dem Anhören von belastenden Situationen oder Herausforderungen sei ein guter Moment, um ein Gebet anzubieten. Sich nicht so einfach abwimmeln lassen, sondern sich den Klient*innen als „Gebetserhörung“ präsentieren. Sie helfe zwar auch Frauen ohne christlichen Hintergrund, aber bei den christlichen sei es „einfacher“, denn da werde ein „Heilungsprozess in Gang gesetzt, der menschlich nicht möglich ist“ (58:12). Soso. Ryzak weiß offenbar, das was sie sagt, ist heikel und schiebt nach:
„Ähm und mir ist vollkommen klar, ich weiß, dass viele Organisationen, die einfach nur einen christlichen Hintergrund haben, direkt als unprofessionell abgestempelt werden, was völliger Quatsch ist, weil ich stelle genauso Sozialarbeiter an wie alle anderen. Ja, ich habe genauso gelerntes, geschultes Personal. Ähm, wir arbeiten auch mit Polizei, Behörden und allem zusammen. Ähm, außer dass bei uns eben der Glaube unser Fundament ist.“
Fakt ist: Ryzak glaubt fest an böse Mächte, Geister und Dämonen und die gottgewollte und religiös erzielte „Befreiung“. Sie vergleicht sich in dem Podcast dann noch mit Keppler und Newton – aber lassen wir das… es ist auch so schon wild genug. Neumann insistiert: „Inwiefern erlebt ihr auch bei eurer Arbeit so die Führung z.B. des Heiligen Geistes?“ Und Ryzak antwortet:
„Ja, ich kann nicht ohne, wir können nicht ohne, das kann ich nicht ausklammern. Ähm äh wir sind angewiesen auf den Heiligen Geist. Es ist Jesus ist der Grund, warum wir diese Arbeit machen. Er hat mich beauftragt zu den Frauen zu gehen und bis heute ist und bleibt er mein Chef und er ist derjenige, der uns Türen aufmacht und der Türen wieder schließt und uns auch zeigen muss, wann ist es Zeit, zu welcher Frau zu gehen.“ (59:43)
„Jesus ist mein Chef“
Sie malt das aus, spricht von Drang und Auftrag, wenn der Heilige Geist sie ruft. Ryzak berichtet von Wundern, z.B. wie Gott das Auto eines Zuhälters gestoppt habe. Dazu gibt es sogar ein eigenes Video. Sie erwähnt im gleichen Atemzug, dass Hope e.V. gerade mit dem SWR gedreht haben.
Egal ob Team Recherche, SWR oder sonstige Medienschaffende: Was ist los mit Euch? Ihr dreht mit diesen Menschen, die ihren teils fanatisch anmutenden Glauben überhaupt nicht verheimlichen, sich aber Euch als die wahren Experten präsentieren. Was ist das für ein Journalismus, in dem Esoteriker*innen, Fundis oder Personen aus radikalisierten Vereinen ohne Einorndung Fehl- und Desinformationen verbreiten dürfen? Sind Euch Sexarbeitende und Opfer sexueller Ausbeutung wirklich so egal oder kennt ihr den Unterschied zwischen professioneller Sozialer Arbeit und unseriösen Missionsangeboten nicht? Wollt ihr spirituellen Missbrauch, unseriöse Befreiungsdienste und – man kann es wohl nicht anders bezeichnen – „Freaks“, wie Neumann oder den Miracle Club Legitimation und Spenden verschaffen?
Schließen wir für einen Moment unsere Augen und überlassen uns der Vorstellung, Ryzak und ihr Team wären keine (radikalen) Christ*innen, sondern Muslim*innen. Was da los wäre… anderes Thema.
Fundamentalistische Raumnahmebedeutet mehr gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Quelle: PrivatarchivQuelle: Privatarchiv
Vor Kurzem gingen bei FundiWatch mehrere Hinweise auf Hope e.V. ein. Ein mittlerweile depubliziertes Video, das uns aber vorliegt, zeigt Ryzak, die in der bereits erwähnten Machart über eine mutmaßliche „Transgender-Umwandlungsfabrik“ in Brasilien spricht.
Ryzak erörtert im Video, ob es auch männliche „Prostituierte“ gäbe und malt den unserer Ansicht nach nicht belegten Fall der erzwungenen Transition eines brasilianischen Minderjährigen zum Zwecke des Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung aus, der danach angeblich in die „Prostitution“ verkauft worden wäre.
Das ganze Video hindurch spricht Ryzak konsequent von einem „Mann“. Zur Bebilderung von „Brasilien“ wird ein Schwarz-Weiß-Bild eingeblendet, das einen beliebigen Straßenzug irgendwo auf der Welt zeigt. Zur Illustration von „Transgender“ erfolgt die Einblendung einer Szene, in der eine mutmaßliche Drag-Queen sich schminkt. Eindrücklich malt Ryzak aus, wie sehr „der Mann“ unter den billigen Silikonimplantaten gelitten habe. Transition unter Zwang, ein „krass gebrochener Mann“, eine „Umwandlungsfabrik“, über die wir keinerlei Belege finden konnten: Sollte Hope e.V. für alle von ihnen geschilderten Fälle so wenig Belege haben, würde das -wieder einmal- ein Schlaglicht auf den Umgang dieser Bewegung mit Fakten und Wahrheit werfen.
Wir haben bei Verbänden und Einzelpersonen nachgefragt, die sich für die Rechte von trans Menschen einsetzen, um uns dort nach ähnlichen Erzählungen und nach den gängigen Verschwörungserzählungen rund um TIN-Personen zu erkundigen. Uns erreichte dieses Statement, das wir aus Datenschutzgründen anonymisiert haben:
„Im Clip wird auf jeden Fall deutlich, dass es Katja Ryzak wichtig ist zu betonen, dass es sich um „Männer“ handelt, „die wie Frauen aussehen“, was eine komplett schwammige Bezeichnung für trans Frauen ist. (…)
Das nächste ist dann das Beispiel der Industriesilikon-Injektionen, welches sie anführt. Das hat ja eine reale Bewandtnis. Solche Injektionen sind in ganz Lateinamerika dokumentiert und zwar besonders unter trans Frauen, oft wegen Ausschluss aus sicherer medizinischer Versorgung. Auch können sich trans Frauen den sicheren Zugang zu Kliniken nicht leisten, auch auf der Straße ist es so, dass du sicherer bist, sobald dein Erscheinungsbild einfach mehr cis passing ist. Zumal du auch besser zahlende Kunden bekommst. Statt das patriarchale System und die latente trans Misogynie und Sexarbeiter*innenfeindlichkeit anzuprangern schlägt Ryzak zwei Fliegen mit einer ideologischen Klappe, sie verschiebt die Schuld auf „Transgender“ als System.
Solche propagandistischen Schuldverschiebungen haben meist das Ziel Gewalt gegen diejenigen zu legitmieren, die vom System am meisten gebeutelt werden. Trans Frauen leben gerade in Brasilien in Gemeinschaften und unterstützen sich so. (…) Der Ausdruck „transgender Fabriken“ begünstigt Gewalt eben gegen diese Frauen, hat wieder einmal das Ziel, die Transition für junge Personen so schwer wie möglich zu machen.“
Der Clip fiel also auch anderen als ausgesprochen transfeindlich auf, da er zahlreiche Desinformationen, wie sie von der extremen Rechten und Teilen des rechten Christentums vertreten werden, bedient. Uns erreichten mehrere Bitten um Intervention und Einordnung.
Wir konfrontierten Hope e.V. mit Nachfragen zu den Schilderungen im Video. Die Reaktion: Das Video, das zuvor über 5.500 Likes erhielt und über 650 Mal geteilt wurde wurde kommentarlos gelöscht. Schließlich erhielten wir noch eine Mail von Katja Ryzak: Man bedauere, dass man unser „Vertrauen nicht gewinnen“ konnte. „Gegenseitiges Vertrauen“ sehe man „als wichtige Grundlage für eine konstruktive Kommunikation“. Vor diesem Hintergrund bitte man um Verständnis, „dass wir derzeit keine Veranlassung sehen, auf weitere Fragen dieser Art einzugehen“. Aha. Also lieber die abstrusesten Dinge glauben statt Aussagen zu belegen oder zu revidieren. Das wundert uns nach unserem Recherchestand nicht.
How it started and how it’s going
Ich (Ruby) verfolge Hope e.V. schon ein paar Jahre. An meine erste Irritation über Katja Ryzak erinnere ich mich gut. Auf einer Social Media Kachel las ich damals den bereits erwähnten Satz: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“.
Konsterniert speicherte ich diese haarsträubende Aussage in meiner Anti-Sexarbeits-Übersicht unter „Fundis“ ab. 2024 nahm ich Hope e.V. und Katja Ryzak in mein 2025 erschienenes Buch auf. Schon damals habe ich mir einen Mitschnitt eines Auftritts von Ryzak in einer freikirchlichen Gemeinde in Rosenheim angesehen, wo sie 45 Minuten über Pornografie und Prostitution schwadroniert. „Fanatisch“, so mein Eindruck, voller religiösem Eifer.
Von heute betrachtet, fehlt im Buch der Hinweis, dass Hope e.V. auch schon damals an Schulen „Workshops“ erteilte. Im Buch bette ich den Fall Ryzak und Hope in den Komplex PorNO ein. Richtig ist, die Mobilisation gegen Pornografie und Sexarbeit weist starke personelle und strukturelle Übereinstimmungen auf, wie die Beispiele Ingeborg Kraus oder Alice Schwarzer zeigen. Mich hat stets besonders der Diskurs über die Sexualität erwachsener Menschen interessiert. Aus dieser Perspektive behandele ich in „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ die Überschneidungen zwischen trans- und queerfeindlicher, sexarbeitsfeindlicher und armutsfeindlicher Gewalt, gehe aber nur am Rande auf Sexualerziehung oder Präventionsarbeit für minderjährige Zielgruppen ein. Das ist eine Leerstelle, die FundiWatch versucht zu füllen. Denn die Raumnahme christlich-fundamentalistischer Vereine, Projekte und Einrichtungen schloss und schließt Kinder und Jugendliche schon immer ein. Wie sich am Beispiel von Mission Freedom zeigt, fühlen sich Menschen wie Inga Gerckens oder Gaby Wentland sowohl vom „Rotlicht“ angezogen, als auch von der Aussicht Minderjährige unter ihre Fittiche zu nehmen. Frauen und Kinder, das zieht als Spendenaufruf und fördert die Selbstinszenierung als selbstlos Helfende in der Not. Wohin das führen kann, verdeutlicht der Fall „Haus SeeNest“ wohl eindrücklich.
Unmöglich über Gewalt zu sprechen
Als Person, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit und als erwachsene Person erlebt hat, möchte ich heute etwas dazu sagen. Ich spreche selten über diese Erlebnisse, obwohl ich durchaus etwas zum Thema zu sagen hätte. Aber in Deutschland tobt seit Jahren eine durch die Anti-Sexarbeitsbewegung angeheizte Debatte über Freiwilligkeit und Gewalt, die das verhindert.
In dieser Debatte schwingen Personen wie Ingeborg Kraus, Inge Bell, Alice Schwarzer, Gaby Wentland oder Katja Ryzak sich zur Stimme der Betroffenen auf. Sie stehlen dabei unsere Erlebnisse, Geschichten und unseren Schmerz und machen sich das alles zu eigen. Betroffene haben ihrer Sichtweise zu dienen, indem sie pauschalisieren, anderen Erfahrungen absprechen oder Umkehr symbolisieren. Sie liefern Storylines, Bilder und Identifikationsfiguren für die lauten Forderungen der Anti-Sexarbeits- und Anti-Porno-Szene. Nur ambivalent dürfen sie nicht sein.
In all diesem Geschrei ist kein Raum für abweichende Schilderungen von Gewalt, solche, die da nicht hineinpassen. Ich habe sexualisierte Gewalt in der Grundschule, im engen Umkreis, an der Uni, bei meiner Tätigkeit in der Reiseleitung erfahren. Mehrere Jahre Therapie, eine Selbsthilfegruppe und die Sexarbeit haben mir geholfen damit umzugehen.
Ich, anders als eine Katja Ryzak zum Beispiel, maße mir nicht an zu beurteilen, ob mein Fall die Regel ist. Ich habe gelernt, dass sexualisierte Gewalt so unterschiedlich ist, wie die Verhältnisse der Menschen, die sie erleben. Was mich gestärkt hat? Von anderen Sexarbeiter*innen oder aus der Kundschaft zu hören, die Ähnliches erlebt haben. Manches war vergleichbar, vieles ganz anders als meine Erfahrungen. Und doch, ich war nicht allein.
Unmündige Opfer sind mir keine begegnet, dafür einiges an esoterischen, ultra-religiösen Heilsversprechen. Mich verstörten Leute, die sich selbst mit Rettung und Heldentum gleichsetzen. Geholfen dagegen hat mir die Einsicht in strukturellen Sexismus und Trans-Misogynie, verbunden mit der Intervention dagegen.
Vor einigen Jahren habe ich einen zaghaften Versuch unternommen, über meine Gewalterfahrungen zu sprechen. Gleich waren Menschen aus der Anti-Sexarbeits-Bewegung zur Stelle: „Da schau, das ist der Grund, du spaltest ab, deswegen glaubst Du, DAS freiwillig zu machen.“ „Du bildest Dir die Freiwilligkeit nur ein“. „Du bist Opfer und krank.“ Sie versuchten meine Erfahrungen auszunutzen, um meine Argumente für mehr Rechte von Sexarbeiter*innen zu unterlaufen, nutzten meine Erlebnisse als Waffe gegen Gründe, die ihnen nicht gefielen. Was blieb ist die Einsicht: Wenn Du Dich nicht zum Token dieser Leute machen lässt, betrachten sie Dich als Feind und bekämpfen Dich mit allen Mitteln.
Auch deswegen ist es unerlässlich, dass wir über Hope e.V. sprechen, und zwar als christlich-fundamentalistisches Rettungsprojekt, das Betroffene von sexualisierter Gewalt und Minderjährige gefährdet. Um es mit Anna Klein zu sagen: „Glaub ihnen nicht.“
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Nachbemerkungen:
1. Wir haben übrigens eine KI gefragt, uns Bildmaterial zum „Geist des Todes“ zu erstellen. Das Ergebnis enthalten wir Euch nicht vor…, auch wenn wir uns anders entschieden haben. 😉
2. Wir bitten um Zusendung aller schlechten Timmy-Hope-Walwitze, die Euch einfallen.
FundiWatch im Podcast „Queerocracy Now!“ zum „Freiheit-Kongress“ von ggmh, Mission Freedom & Co.
FundiWatch war zu Gast im Podcast „Queerocracy Now!“ vom Bündnis „Selbstbestimmung Selbstgemacht (SBSG)“. Dort berichten wir von den Beobachtungen der regelmäßig stattfindenden „Konferenzen gegen Menschenhandel“ im christlichen Gästenzentrum Schönblick der Apis in Schwäbisch-Gmünd.
Über den diesjährigen Freiheit-Kongress berichten wir zur Zeit in einer mehrteiligen Artikelserie. Teil 3 steht noch aus. Und so folgt nun zur Verkürzung der Wartezeit quasi Teil „2 1/2″…
Im Gespräch mit Jyn und Zoe berichtet Stella, die dieses Jahr den Kongress für FundiWatch vor Ort beobachtet hat, von ihren Eindrücken. Matthias – dem dieses Jahr für den Kongress ein Hausverbot erteilt wurde – berichtet von seinen Erfahrungen aus der Kongressteilnahme im Jahr 2024 und was seither geschah. Zoe erklärt, was unter dem Thema „Rituelle Gewalt“ zu verstehen ist und welche (fragliche) Rolle dieses Thema auf den Kongressen und deren Umfeld spielt.
Vorwürfe gegen Mitveranstalter überschatten den diesjährigen Kongress…
Und das alles vor dem Hintergrund sehr aktueller Entwicklungen:
Denn zwei Tage vor Beginn des Kongresses wurde bekannt, dass aus der Kinder- und Jugendeinrichtung „Haus SeeNest“ alle Kinder wegen vermeintlich kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Das Haus SeeNest ist eine Einrichtung des bereits seit Langem umstrittenen Vereins Mission Freedom, der Mitveranstalter des Kongresses war. Zu den Vorgängen im Haus SeeNest ermittelt mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft (mehr dazu hier).
Im Podcast wird deutlich, dass die Vorkommnisse im Haus SeeNest nicht isoliert betrachtet werden dürfen. Denn scheinbar zunehmend in den Bereich der Sozialen Arbeit vordringende Gruppen mit ganz eigener „Rettungs-Agenda“, drohen die Professionalität der Sozialen Arbeit als wissenschaftsbasierte und sich der Wahrung der Menschenrechte und der Selbstbestimmung verpflichtet fühlende Profession zu unterlaufen. Um die Dimension dieser Gefahr einschätzen zu können, ist der Blick weit über den (vermeintlichen) Einzelfall Mission Freedom hinaus zu richten – wie auch die Erfahrungen auf dem Freiheit-Kongress zeigen.
Queerocracy Now! ist ein Podcast, der aktuelle Themen aus einer trans-, inter- und nicht-binären Perspektive zur kollektiven Selbstbestimmung mit einem Fokus auf Deutschland diskutiert. Der Podcast will eine kritische Stimme aus der Community und für die Community sein in einer entscheidenden Zeit, in der wir für Selbstbestimmung, Gleichheit und Freiheit für alle kämpfen. Immer Freitags alle zwei Woche da, wo ihr Podcasts hört.
Und jetzt: Möglichst viele Erkenntnisse beim Hören!
„Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewärmt sind…“
Vom 26.04. bis zum 29.04.2026 fand zum dritten Mal der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt.
In Teil 1unserer Beitragsreihe zum Kongress haben wir vor allem den ersten Tag besprochen. In diesem Teil geht es um die weiteren Tage, über die uns unsere Beobachter*innen vor Ort berichteten.
Es beherbergt eine evangelische Gemeinde, das historische Gästehaus und das Kongresszentrum Forum, eine christliche Musikschule, ein Alten- und Pflegeheim und eine Seniorenwohnanlage sowie ein Café.
Der Pietismus entstand im 17. Jahrhundert als Bewegung zur Vollendung der Reformation. Der Pietismus betont die Bedeutung der Bibel und eines lebendigen Glaubens, der zu einer innerlichen Wiedergeburt des Menschen führen und Alltag und Leben prägen soll.
Im späten 19. Jahrhundert gewannen Einflüsse aus den evangelikalen Strömungen im angelsächsischen Bereich zunehmend an Bedeutung, etwa der Heiligungs- oder der Erweckungsbewegung. Der Pietismus importierte so teils Ideen wie die einer göttlichen Inspiration der Bibel, der Geisttaufe oder des Zungenredens.
Die Apis, der Schönblick & die Aktion Hoffnungsland
Der Altpietismus unterstützte zwar die biblizistischen Tendenzen. Er definierte sich zunächst jedoch in der Abgrenzung von charismatischen und emotional orientierte Ansätze, die man als Schwärmerei ansah. Nach und nach öffnete man sich dennoch für bestimmte charismatische Entwicklungen, wie die Lobpreis-Musik und einer allgemein stärker erlebnis-orientierten Gottesdienstkultur.
Die Aktion Hoffnungsland gGmbH bündelt als Bildungs- und Sozialwerk seit 2018 die zahlreichen diakonischen Initiativen der Apis und gehörte ebenfalls zu den Veranstaltenden des Freiheit-Kongresses.
Bis heute prägt der „schwäbische Pietismus“ die evangelische Landeskirche Württemberg. In der Evangelischen Landeskirche ist vor allem die Lebendige Gemeinde – die heute als Lebendige Gemeinde.ChristusBewegung in Württemberg e.V. auftritt – stark pietistisch geprägt. Sie schlägt aber auch Brücken zu anderen konservativen, charismatischen und evangelikalen Strömungen. Neben der Offenen Kirche stellt sie den größten Gesprächskreis (ähnlich einer Fraktion) in der demokratisch gewählten Landessynode. Die Lebendige Gemeinde vertritt in kirchen- und gesellschaftspolitischen Fragen häufig konservative bis kulturkämpferische Positionen und orientiert sich darin an Mobilisierungen des christlichen Nationalismus in den USA.
Für den nächsten Kongress gegen Christenverfolgung sind auch Vertreter der Alliance Defending Freedom (ADF) angekündigt, einer christlich-nationalistischen, antifeministischen und queerfeindlichen Anwalts-Lobby-Organisation, die eine tragende Rolle für die strategische Prozessführung der MAGA-Bewegung spielt. Das European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rightsordnet die Organisation als religiös extremistisch ein und warnt vor ihrem zunehmenden Einfluss in Europa.
Auf dem letzten MUT-Kongress wurde das sogenannte 7-Mountain-Mandatediskutiert, eine herrschaftstheologische Prophezeiung, die sich auf die Johannesapokalypse bezieht und die bevorstehende Dominierung jedes Teilbereichs der Gesellschaft durch das Christentum verkündigt.
Der Israelkongress fokussiert sich traditionell auf die Missionierung von Jüd*innen im Kontext der Endzeit und auf die außenpolitische Unterstützung der israelischen Kriegspolitik.
Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und die Gefahren des Okkulten:
Die oberflächliche Seriosität, die den ersten Tag des Kongresses noch in Ansätzen prägte, verfliegt in den Folgetagen schnell.
Tabea Freitag (return – Fachstelle für Mediensucht)
Tabea Freitag spricht für return, einer sogenannten Fachstelle für Mediensucht. Mit ihrer Broschüre Fit for Love: Lehrmaterial für die Prävention von Pornokonsum und sexueller Gewalt, die sie auf dem Kongress präsentiert, ist sie in der aufsuchenden Schulsozialarbeit tätig.
Quelle: Screenshot Youtube, Demo für Alle, Vortrag vom 9.11.2024: „Fit for Love? Prävention von Pornokonsum und sexueller Gewalt“
Auf FundiWatch-Anfrage, ob Freitag mit der Kontextualisierung ihres Vortrags auf dem Symposium bei der Demo für Alle in den Kontext einer planmäßigen Pädophilisierung der Gesellschaft einverstanden ist, antwortet sie barsch und unterstellt uns eine „trickreiche Frage“, da der Begriff „Pädophilisierung“ nach „entsprechender Internetrecherche“ gar nicht existiere. Weiter teilt Freitag mit:
„Ich bitte um Verständnis, dass all diese offenen Fragen mich nicht ermutigen, Ihre seltsame, trickreiche Frage zu beantworten. Ich habe allen Grund, die Seriosität Ihrer Motive in Frage zu stellen.
Ich bin ausschließlich verantwortlich für die Inhalte meiner Vorträge, nicht für Presseerklärungen u.d.g. von Veranstaltern. Ich sehe von daher keinerlei Veranlassung, mich zu Ihrem Framing(!) von Einladung, Presseerklärung o.ä. Dritter zu äußern.“
In Schwäbisch Gmünd präsentiert Freitag neben einigen Folien zu ihrer Broschüre, wie uns unsere Beobachter*innen berichteten, obskure Folien über „Golems“, „Ekelzeugs“, „Digitale Deportation“, „Egosex“, „Instantbefriedigung“, „Totale Unterwerfung und Kontrolle“ (repräsentiert durch das „Ketzerhalsband“, auch als Choker bekannt), die „dunkle Triade“ und die „Pornotopia“ garniert mit Zitaten von Che Guevara und eines Holocaustüberlebenden.
Auch wenn viele Ideen unklar bleiben: Die Botschaft, Pornografie ist böse, bleibt hängen. Pornografie diene „Tätern, Narzissten, Machiavellisten, Sadisten und Psychopathen“.
Anna Schreiber (Psychotherapeutin)
Vermeintlich psychologisch informiert geht es weiter. Anna Schreiber, eine Psychotherapeutin aus Karlsruhe spricht über ihren „heiligen Weg“ des Ausstiegs aus der „Prostitution“ und über Möglichkeiten Frauen zu „retten“ und ihr Schweigen zu brechen.
Die zentrale These von Schreibers Vortragslautet: „Es gibt keine Prostitution ohne Dissoziation.“ Freiwilligkeit existiere nur als Mythos oder Illusion. Wenn jemand glaubt in der Sexarbeit freiwillig tätig zu sein, habe man es vermutlich mit einem „Täter-Introjekt“ zu tun: Einer inneren Stimme also, die sich die Rechtfertigungen und Beschimpfungen böswilliger Profiteure angeeignet habe, um Konfliktsituationen zu navigieren. Eigentlich spräche hier nicht eine Sexarbeiter*in über ihre Erfahrung, sondern Täter über den Körper eines Opfers, das die Kontrolle über sich selbst verloren hat.
In der Diskussion wird noch breit über die „kuriosen Sexualitäten“ diskutiert, die Aussteiger*innen entwickeln würden, um ihre schlechten Erfahrungen mit Männern zu bewältigen und was man als Sozialarbeiter*in dagegen tun könnte.
Für Schreibers Vortrag gibt es schallende Standing Ovations.
Die Stimmung „steigt“…
„Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewärmt sind und sich gut gegenseitig reinsteigern…“
…so schildert es unsere Beobachter*in.
Um zu verstehen was hier passiert, hilft die Analyse-Kategorie der epistemischen Ungerechtigkeit weiter: Der Gedanke stammt aus der feministischen Philosophie und beschreibt Situationen, in denen es Personen unmöglich gemacht wird mit ihren Problemen und Bedürfnissen, gehört und verstanden zu werden.
Schreibers psychologisches Framework stellt ein Beispiel für epistemische Ungerechtigkeit dar, weil jede Äußerung einer Sexarbeiter*in, die Schreibers theoretischen Modell widerspricht zu einer Oberflächlichkeit oder Illusion erklärt werden kann, hinter der sich die Wahrheit, die nur die Psychologin kennt, verbirgt. Für Leute, die Schreibers Framework ernst nehmen, wirkt es suggestiv. Die Erfahrungen der Personen, die ihm nicht folgen macht es unsichtbar.
Besonders perfide ist dabei der Gegensatz von Schweigen und Sprechen. Jede Sexarbeiter*in, die sich konträr zu Schreibers Thesen äußert, „schweige“ demzufolge im Grunde noch, während nur die auf dem „heiligen Weg“ Gerettete wirklich ihr Schweigen breche. In der Wirkung diskrediert Schreiber so ihr nicht genehme Äußerungen von Sexarbeitenden.
Über Schreibers Absicht können wir nur spekulieren, doch es liegt nahe, dass Sexarbeiter*innen solche Werturteile über ihre Erfahrungen einschüchtern und verstummen lassen könnten.
Und dann: Ein Wunder!
Gegen Ende des Vortrags betritt dann eine Person die Bühne, die sich als Opfer ritueller organisierter Gewalt vorstellt.
Sie erklärt, dass sie nach dem Abschluss-Gottesdienst des letzten Kongresses zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf eigenen Beinen die Stufen zur Bühne erklimmen und auf ihren Rollstuhl verzichten konnte (mehr dazu auch noch – in Kürze! – in Teil 3 unserer Serie).
Die Person berichtet über „höllische“ Erfahrungen mit ihrer Familie, Ärzten und einem „Kult“ und dankt für die Arbeit der Vereine CARA und Mission Freedom zu ritueller Gewalt.
Die Grenze zwischen dem Erfahrungsbericht einer Gewaltbetroffenen und einem Zeugnis im religiösen Sinne verschwimmt.
Exorzismen und Dämonen – Workshop CARA e.V.
In dem später folgenden Workshop von CARA e.V. (CARA steht für „Care Aout Ritual Abuse“) geht es mit genau diesen Themen weiter.
Was bei Schreiber noch als vage psychoanalytische Kategorie (Täter-Introjekt) vorkommt, wird dort erheblich zugespitzt und auch offener religiös interpretiert. Plötzlich ist, wie sich unsere Beobachter*in erinnert, auch die Rede von der Besessenheit durch Dämonen und der Bedeutung von Exorzismen.
Der Schweizer Verein CARA steht insbesondere seit einer Investigativ-Recherche des SRFschon seit längerem in der Kritik, Verschwörungserzählungen zu verbreiten und in die Therapie und Sozialarbeit zu tragen.
Eine Anfrage an CARA mit Bitte um Stellungnahme zu dem Workshop blieb bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags unbeantwortet.
Ein Skandal muss draußen bleiben: Verdacht auf Kindeswohlgefährdung bei Mission Freedom-Einrichtung ist kein Thema
Auch Mission Freedom e.V. – ebenfalls Mitveranstalter des Kongresses – steht in der Kritik.
Erst am Freitag vor dem Kongress wurde bekannt, dass wenige Wochen zuvor im Haus SeeNest von Mission Freedom im Allgäu, alle sechs der dort untergebrachten Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Als Grund führen die Behörden kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden und einen unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen an. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaften Ermittlungen wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener eingeleitet.
Die Ereignisse waren vermutlich der Grund, warum Gaby Wentland – Gründerin und Vorsitzende von Mission Freedom – bei dem Eröffnungsvortrag nicht wie geplant auf dem Podium auftrat. Sie saß im Publikum.
Einige Tage nach dem Kongress wurde bekannt, dass Gaby Wentland ihre Vorstandstätigkeit beim Mitveranstalter des Kongresses ggmh vor dem Hintergrund der Vorgänge im Haus SeeNestvorläufig ruhen lasse.
Die Vorfälle im Haus SeeNest blieben auf dem Freiheit-Kongress selbst hingegen unerwähnt.
Gerckens ist ebenfalls für Mission Freedom tätig und Geschäftsführerin der Mission-Freedom-Tochtergesellschaft Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, die das Haus SeeNest betreibt.
Die Zeit ging in einem Artikel (Paywall) der Geschichte eines offenbar auch im Film erwähnten Falls eines angeblich von ritueller Gewalt betroffenen Mädchens nach. Schon vorher hatte u.a. die Zeit zu dem Fall und der sich letztlich als unwahr herausgestellten Geschichte recherchiert. In dem Artikel ging die Zeit einer Spur nach, wonach Angehörige kurzzeitig fürchteten, ihre Mutter wolle das Mädchen im Haus SeeNest im Allgäu unterbringen. Bestätigen lies sich das nicht. Betrachtet man die Liste der Förderer des über Crowdfundig finanzierten Films findet man jedoch eine Reihe von Namen aus den Kreisen von ggmh und Teilnehmenden des Freiheit-Kongress.
Der Zeit-Artikel war zwischenzeitlich offline. Unter dem Artikel findet sich nun ein Hinweis auf eine rechtliche Auseinandersetzung, weswegen gewisse biographische Angaben zu dem Mädchen entfernt worden seien.
„Betroffenenschutz“ durch Hausverbot?
Obwohl solchen hochgradig kontroversen Organisationen beim Kongress eine Bühne geboten wird, wurde die Absage für die Teilnahme am Kongress und ein Hausverbot, die einem Mitglied von FundiWatch erteilt wurden mit dem Betroffenenschutz begründet.
In der betreffenden Absage-Mail nebst durch die Kongressleitung ausgesprochenen Hausverbot heißt es:
„Die Aufklärung und den Schutz vor geistlichem Missbrauch sehen wir uns ebenso verpflichtet wie dem Schutz vor sexueller Gewalt. Betroffenen aller Gewaltformen wollen wir einen geschützten Rahmen bieten. Dies gilt ausdrücklich auch für Betroffene von ritueller und organisierter Gewalt. Gerade diese Menschen erleben immer wieder, dass ihre Erfahrungen infrage gestellt oder relativiert werden. Umso wichtiger ist es uns, auch ihnen einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich sicher fühlen und offen sprechen können.
Diesem besonderen Schutzauftrag fühlen wir uns bei dieser Veranstaltung in besonderer Weise verpflichtet.“
Betroffenenschutz wird so instrumentalisiert, um Verschwörungserzählungen zu legitimieren und um so manche Organisation zu schützen, die ihre Klient*innen nachweislich gefährdet.
Der Kongress bietet radikalen und fundamentalistischen Kräften einen Anschein der Seriosität und einen Zugang zu Politik und zivilgesellschaftlichen Institutionen. Wenn man vor Ort ist verfliegt dieser Anschein schnell.
Teil 3: Der Kongress 2024 und was seither geschah
In unserem dritten Teil zum Freiheit-Kongress gehen wir näher auf den letzten Kongress im Jahr 2024 ein und welche Kontinuitäten wir beobachten.
Damals gab es FundiWatch noch nicht. Ein heutiges Gründungsmitglied war jedoch vor Ort und schildert in Teil 3 (erscheint in Kürze!) seine damaligen Eindrücke und Kontinuitäten zum diesjährigen Freiheit-Kongress. Dabei wird es auch um die Unterstützung des Kongresses durch mehrere Politiker*innen gehen.
Edit (18.07.2026): Vor Teil 3 waren wir übrigens in „Teil 2 1/2“ noch mit beim Podcast „Queerocracy Now!“, in dem wir mit eine*r unsere*r Beobachter*innen vor Ort über den Kongress berichten. Mehr dazu hier!
Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt.
Beten, Reinsteigern und Kampagne In Gottes Namen
Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt.
In einer Beitragsreihe berichten wir über den Kongress christlich-fundamentalistisch und ultra-konservativ ausgerichteter Organisationen – bei dem bemerkenswerte Bündnisse geschmiedet werden.
Der Freiheit-Kongress in Schwäbisch-Gmünd
Bei dem Kongress handelt es sich um eine groß angelegte Netzwerkveranstaltung christlich-fundamentalistisch, ultra-konservativ und esoterisch-traumatologisch ausgerichteter Organisationen. Bemerkenswert ist, wie bei den Themen Sexarbeit, Pornografie, Rituelle Gewalt Bündnisse zwischen Kräften möglich werden, die bei anderen Themen rundheraus unmöglich sind.
Dieses Jahr nahmen rund 400 Menschen am Freiheit-Kongress teil. Unsere Beobachtenden vor Ort erlebten ein Wechselbad aus Gefühlen, Furor und … Entschlossenheit. Kritische Medienvertreter*innen vor Ort fehlten, dafür war der freikirchliche Sender ERF und das evangelikale Medium IDEA Partner*innen der Veranstaltung.
Zur Erinnerung: Der Tagungsort Schönblick machte bereits im Mai 2025 als Tagungsort des Anti-Abtreibungs-KongressLeben.Würde unter der Schirmherrschaft von Jana Hochhalter (aka Jana Highholder) und Bischof Stefan Oster von sich reden. Regelmäßig finden dort Veranstaltungen aus dem charismatischen und evangelikalen Spektrum statt. Mehr dazu in Teil 2 dieser Reihe.
Unter dem Motto „Gemeinsam gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ tauschte sich vier Tage lang ein erstaunlich heterogenes Potpourri aus Prediger*innen, Beter*innen und „Expert*innen“ zu Themen wie „Prostitution“, Ritueller Gewalt und Pornografie aus. Aufwallende Emotionen gehören dazu, begleitet von geistlicher Musik, Predigten, Vorträgen und Paneldiskussionen.
Beachtlich: die teilweise hochaufgeladene Stimmung schreckt Politiker*innen nicht von der Teilnahme ab – wie bereits beim vorherigen Kongress 2024 (Teil 3 – folgt bald!) suchten einige auch 2026 wieder die Nähe hochreligiöser Netzwerke, die bei ihren Rettungsversuchen auch vor dubiosen und teilweise obskuren Methoden nicht zurückschrecken.
Auf der orange (steht weltweit für Engagement gegen Gewalt an Frauen) gehaltenen Homepage wird informiert, dass der Freiheit-Kongress von einer „Veranstalter- und Kooperationsgemeinschaft“ ausgerichtet wird. 40 NGO’s seien daran beteiligt, davon werden prominent mit Logo gelistet:
Besonders der letztgenannte Verein, Mission Freedom, machte am Freitag vor Beginn des Kongress – mal wieder – Schlagzeilen, als Medienberichte erschienen, denen zufolge sechs Kinder aus der vom Verein[1] betriebenen Einrichtung „Haus SeeNest“ in Schwaben durch das Jugendamt Oberallgäu in Obhut genommen worden waren. Gegen die pädagogische Leitung des SeeNest wurde eine „Tätigkeitsuntersagung erlassen“, wie die Allgäuer Zeitung bereits am 24.04.2026 und nun auch die Süddeutsche Zeitung berichten.
Doch auf dem Freiheit-Kongress spielt dieser Vorfall keine Rolle. Genau genommen spielt nichts eine Rolle, was die zunehmend fanatisch vorgetragene Einigkeit stören könnte. Soweit uns berichtet wurde, erwähnte niemand öffentlich die Inobhutnahme der Kinder. Vielleicht ist jenen, die sich auf der „richtigen Seite“ in einer höchst emotionalisierten Debatte wähnen, Transparenz und Widerspruch einfach fremd?
Sind sie vielleicht gewohnt, dass es sich am „Lagerfeuer der Anständigen“ warm und trocken sitzt und kritische Fragen anderen gestellt werden?
Quelle: „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ von Ruby Rebelde (2025)
Auf dem Freiheit-Kongress geht es nicht um ein vollständiges Bild der komplexen Themen Sexarbeit & Menschenhandel, auch nicht um differenzierte Analyse und schon gar nicht um durchdachte Lösungsvorschläge. Das Event steht für (schein-)heilige Selbstbespiegelung, emotionale Radikalisierung und scharfe Kritik an Andersdenkenden.
Tag 1 – Aufwärmen & Seriosität mimen
Vier Tage Gebet, Seminare, Reden und Musik liegen am Sonntag in Schwäbisch-Gmünd vor den Teilnehmenden.
Um 14:30 Uhr startet der Einlass. Nach überschwänglichen Grußworten – der Bürgermeister von Schwäbisch-Gmünd ist Schönblick-Fan, allem Anschein nach auch von den tollen (Anti-Abtreibungs-, Anti-Sexwork,- Anti-Vielfalts-) Events dort – startet der Kongress mit einem Vortrag von Dr. Jakob Drobnik.
Quelle: https://freiheit-kongress.de/programm
Dr. Drobnik (oder „Jay“, Instagram), tritt im geschniegelten Chic der neuen Rechten auf, Einstecktuch im Anzugjacket, Krawatte, akkurat frisiert.
Einschub: Wer sich wundert, wieso ich in diesem Artikel gleich zwei Mal über Kleidungsstile (von Huschke Mau und Jakob Drobnik) spreche: Mit einem bestimmten Auftreten und Aussehen verbinden sich auch Aspekte, wie Habitus, Milieu und Zielgruppe. Bei den entsprechenden Einordnungen in diesem Text geht es also nicht um Abwertung oder persönlichen Diss, sondern eher um die Frage der Anschlussfähigkeit und Akzeptanz für die spezielle Zielgruppe auf dem Schönblick. Einschub Ende
Der 40-jährige arbeitete unter der Professorin Elke Mack an deren Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaft und Sozialethik an der Uni Erfurt und seit einigen Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Posen. Er promovierte zu Fundamentaltheologie.
Drobnik ist auch im Vorstand vom pseudowissenschaftlichen Institut DIAKA(Deutsches Institut für Angewandte Kriminalitätsanalyse), unter deren Dach seit Jahren Stimmung gegen das aktuell in Deutschland gültige Prostituiertenschutzgesetz und für die Einführung der Kriminalisierung der Nachfrage nach schwedischem Vorbild erzeugt wird. Pseudowissenschaftlich, denn der Begriff „Institut“ ist in Deutschland nicht geschützt und somit kein Qualitätssiegel. Wir von FundiWatch könnten ein „Institut für Angewandte Fundianalyse“ gründen. Der Begriff Institut an sich trifft keine Aussage, über das, was sich dahinter verbirgt.
Das DIAKA beauftragte die bereits erwähnte Professorin Mack und Ullrich Rommelfanger mit dem Buch „Sexkauf“, an dem auch Drobnik mitschrieb – sonst finden sich auf der DIAKA-Homepage eher skandalisierende und empörte Blogartikel.
Doch Drobniks Name ist noch mit einem anderen Vorfall verbunden: Er verfasste als Habilitationsschrift einen Text über die Kriminalisierung der Nachfrage unter dem Titel „Nordisches Modell und Menschenhandel“ (Edit: 18.07.2026: mehr zur Kritik an der „Studie“ hier), die er im Juni 2025 auf einem Termin, der wie eine offizielle Pressekonferenz inszeniert war, feierlich-zeremoniell der zuständigen Ministerin Karin Prien überreichte. Dies geschah -zufällig?- an dem Tag, als die von der Ampelregierung beauftragte wissenschaftliche Evaluation des Prostituiertenschutzgesetz veröffentlicht wurde. Ministerin Prien nahm im Grunde also eine alternative Arbeit, statt des immerhin durch die Vorgängerregierung beauftragten Evaluationsbericht des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) entgegen. Jeder Person steht frei, sich ihren Teil zu diesem Verhalten des BMBFSFJ denken.
Drobniks akademische Tätigkeit an sowohl juristischen als auch theologischen Fakultäten macht ihn zu einem perfekten Scharnier innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung. Dort sammeln sich, bildlich gesprochen: am Lagerfeuer der Anständigen, konservative, ultra-religiöse und frauen – RECHTS – bewegte Strömungen.
Auch die extreme Rechte beansprucht zunehmend, in dieser Debatte mitzusprechen. Vor Kurzem luden eine AfD- und eine FPÖ-Abgeordnete zu dem Event „Käufliche Liebe ins Rechte Licht (sic) gerückt“ ins Europäische Parlament. Der lagerübergreifende Tenor lautet: Strengere Gesetze zu Sexarbeit, Selbstbestimmung und Leihmutterschaft müssen her. Ihre Strategie: Moralpaniken angesichts einer, ihrem Empfinden nach, verheerenden Ist-Situation zu schüren.
In solchen Moralpaniken erfolgen stigmatisierende und diskriminierende Zuschreibungen, oft adressiert an ohnehin marginalisierte Menschen: Gender-Wahn als Bedrohung für die weiße, bürgerliche christliche Frau, die Beschwörung eines gefährlichen „Stadtbilds“, der Fingerzeig auf Migrant*innen und nicht-weiße Täterkreise. Emotionale, hochpersönliche Reizthemen, wie Leihmutterschaft, Sexarbeit und Pornografie eignen sich dabei besonders, um sich als moralisch erhaben, rechtschaffen und selbstverharmlosend zu inszenieren.
Ein weiterer Stargast des diesjährigen Freiheit-Kongress ist Huschke Mau. Ihr Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events. Sie ist sowas wie eine Säulenheilige der Gruppe von Überlebenden des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung. Mau teilt gern und happig gegen Sexarbeitende aus.
Nicht ihre persönliche Meinung zur Prostitutionspolitik ist das Problem, sondern ihr Anspruch, sie allein und ihre Gefolgsleute kannten die einzige „Wahrheit“, die sie aus ihren eigenen Erlebnissen verbindlich für alle anderen ableitet. Wie viele in dieser „prostitutionskritischen“ Strömung teilt sie auch „genderkritische“ Einstellungen. Weil sich anekdotische Evidenz so schwer belegen lässt, sind in Maus Buch „Entmenschlicht“ auch keine kontextualisierenden Fußnoten enthalten, und das – trotz oder wegen? – ihrer teils steilen Thesen.
Feminist*innen unter sich?
Mau’s Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events – teils auch direkt neben Gaby Wentland, der Vorsitzenden von Mission Freedom, für die Homosexualität für Gott ein „Greuel“ ist und Abtreibung eine „Blutschuld“.
Mau wird auf dem Schönblick im Gespräch mit Personen von Samaritans Purse beobachtet. Samaritans Purse ist in Deutschland besser als die „barmherzigen Samariter“ oder durch ihre (oft kritisierte) Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ bekannt. Hinter ihrer sorgfältig kuratierten Fassade aus Nächstenliebe verbirgt sich eine (weitere) umstrittene Freikirche.
Samaritans Purse wird vom umstrittenen Franklin Graham geleitet, der in der Kritik für islam- und queerfeindliche Äußerungen steht. Graham brachte erst kürzlich erneut seine unbedingte Unterstützung für Trump zum Ausdruck. Das geschah, als dieser es sich gerade mit Teilen der Maga-Bewegung durch das KI-Bildchen, das ihn als heilenden Jesus-Arzt zeigte, verscherzt hatte.
Mau wird von Beobachtenden auf dem Kongress im Gespräch mit Markus Habicht, und einer weiteren Person im T-Shirt der Samariter-Kampagne „Männer gegen Menschenhandel“ gesehen. Ganz klar, hier unterhalten sich Feminist*innen unter sich…
Samaritans Purse und deren Projekt Alabaster Jar kooperieren eng mit der Anlaufstelle Neustart e.V. aus Berlin (ebenfalls Mitgliedsorganisationen von Gemeinsam gegen Menschenhandel).
Mau ist Gründerin des Netzwerks Ella. Sie und andere aus dieser Gruppe trifft man seit über zehn Jahren immer dort, wo sich Stimmung gegen Sexarbeit machen lässt. Nun, so hört man, hat Mau ein neues Buch geplant, die nächste sexarbeitsfeindliche Welle muss schließlich geritten werden.
Menschenhandel = „Prostitution“
Die absolute Gleichsetzung von brutaler Gewalt und konsensueller Intimität zwischen erwachsenen Menschen gegen Vergütung ist das Muster. Und das durchzieht Titel, Selbstverständnis sowie Merch auf dem Freiheit-Kongress.
Und das nicht nur auf dem Schönblick, nicht nur an diesen vier Tagen: Überall allem prangt das Wort Menschenhandel. Doch die Aktionen und Events dieser Vereine und Organisationen richten sich in erster Linie gegen Sexarbeitende und marginalisierte Menschen. Die Akteure des Freiheit-Kongress protestieren in der Regel nicht auf Demos gegen Migrationsunrecht, gegen Abschiebungen oder den Rechtsruck. Sie treffen sich lieber in einem evangelikalen Tagungshaus bei Gebet und geistlicher Musik. Eine Beobachterin des Events sagt dazu:
„Während des gesamten Kongresses wurde kein Wort über Alternativen zur Sexarbeit verloren. Flucht wurde ebenso wenig thematisiert, wie wirtschaftlicher Zwang. All diejenigen, die es wagen eine andere Position einzunehmen, als das „Nordische Modell“ zu fordern, werden pauschal als Lobbyistinnen oder Profiteurinnen dargestellt. Gegenstimmen sind auf dem Kongress nicht zu hören, offensichtlich ist eine echte Debatte nicht erwünscht.“
Beobachterin, anonymisiert
Einbindung von Politik ins Fundi-Happening
Der Freiheit-Kongress ist trotz alledem kein Gottesdienst. Es geht hier nicht ausschließlich um Religion, sondern darum, politisch wirksam zu werden. Das wird besonders deutlich am ersten Tag des Events.
„Jay“ Drobnik ist vieles, aber ein spannender Redner ist er wohl nicht. Wer nach seiner Keynote nicht eingeschlafen ist, erlebt im Anschluss eine Podiumsdiskussion, die keine Zweifel offenlässt, dass hier kein harmloses Glaubens-Retreat stattfindet.
Huschke Mau moderiert eine Podiumsdiskussion, an der neben Keynotespeaker Drobnik auch Politiker*innen aus CDU, LINKEN, SPD und Grünen teilnehmen.
Wer nun sagt, „ach, das ist ja nur die Landespolitik“, hat die Rolle von Baden-Württemberg innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung, aber auch mit Blick auf das rasche Vordringen erzkonservativer christlicher Kräfte nicht verstanden.
Huschke Mau auf dem Schönblick sieht nicht aus, wie die Huschke Mau, die ich von Bildern von vergangenen Events mit ihr kenne. Dort war ihr Markenzeichen eine Bluse im Leomuster, sehr rote Lippen – ich habe mich schon oft über ihre Anspielungen an jene Äußerlichkeiten, die Sexarbeitenden zugeschrieben werden, geärgert. Ist ihr Schönblick-Outfit – hochgeschlossen, in blickdichter Strumpfhose und Blümchenrock ein Zugeständnis an den evangelikalen Vibe des Kongress?
Mau befragt die Politik-Runde zum „blinden Fleck“ ihrer jeweiligen Parteien.
Auch eine Vertreterin der LINKEN hat auf dem Podium Platz genommen. Führt man sich vor Augen, an welchem Ort getagt wird und mit was für christlich-fundamentalistischen Vereinen und Organisationen der Freiheit-Kongress aufwartet, entspricht das wohl eher nicht einem emanzipatorischen Selbstverständnis.
Uta Beyer ist eine der Sprecherinnen der BAG Lisa, die schon öfter eine problematische Nähe zum Kreis um Katharina Sass und Liane Bissinger bewiesen hat. Diese lose Gruppe „borgt“ sich das Logo der Partei und nennt sich „Linke für eine Welt ohne Prostitution“. Ansonsten ist Uta Beyer eher ein unbeschriebenes politisches Blatt.
Christian „christ.gehring“ Gehring ist schon eine wirkmächtigere Figur (sorry, Uta): Er war in der letzten Legislatur kirchenpolitischer Sprecher der CDU in Baden-Württemberg. Als Kriminalkomissar a.D. ist sein Profil gefragt in der Anti-Sexarbeits-Bewegung, die gern mit einer starken Betonung der Ordnungspolitik und der Exekutive aufwartet (so auch beim bereits erwähnten Institut DIAKA). Strafrechtsfeminist*innen lieben scheinbar markige Cops, und lauschen dann andächtig deren Copaganda-Anekdoten, ohne kritische Nachfragen.
Gehrings CDU Baden-Württemberg lud 2025 die Evangelische Allianz Stuttgart (Gemeinsam für Stuttgart) in den Landtag ein. Bei dieser Gelegenheit entstand ein Bild, das sich auf dem Instagram-Auftritt des evangelikalen Vereins Kainos(ebenfalls Mitgliedsorganisation von Gemeinsam gegen Menschenhandel) finden lässt. Gehring hält ein Exemplar des Buches seines schwedischen Kollegen Simon Häggström in die Kamera.
Gehring steht stellvertretend für einen Kurs, der Politik und Gesellschaft stärker an sehr konservativen Glaubensvorstellungen ausrichten will. 2025 kandidierte er für die Evangelische Landessynode und galt zunächst als nicht gewählt. Angetreten war er für die konservative Lebendige Gemeinde (ChristusBewegung). Später wurde das Ergebnis korrigiert und Gehring zog doch noch in die Synode ein. Mit verheerenden Folgen: Auf diese Weise zog die Lebendige Gemeinte mit der Stimmanzahl der Offenen Kirche gleich. Die Lebendige Gemeinde lehnt zum Beispiel die rechtliche und liturgische Gleichstellung von queeren Paaren ab.
An diesem Beispiel wird klar, dass es solchen Kräften nie „nur“ um Sexarbeit und Menschenhandel geht. Auf Treffen wie dem Freiheit-Kongress verbinden sich ultra-konservative Überzeugungen mit dem politischen Kalkül, Einfluss in allen gesellschaftlichen Sphären zu gewinnen (wie beim Seven Mountains Mandat).
Auch die GRÜNE Ursula Mayr hat auf dem Podium Platz genommen. Sie ist Ortschaftsrätin von Hohenwettersbach bei Karlsruhe. Mayr ist Psychologische Psychotherapeutin mit Sitz in Karlsruhe-Durlach. Damit sitzen, zusammen mit der SPD-Frau Brigitte Schmidt-Hagenmeyer, zwei mit Trauma-Therapie befasste Personen auf diesem Podium. Auch das ist, mit Blick auf die Anti-Sexarbeits-Bewegung nicht überraschend. Über die Vereinnahmung von Leid und Trauma sollten all jene nachdenken, denen die Themen Sexarbeit und Menschenhandel als sehr nischig oder identitätspolitisch erscheinen. Denn in der Viktimisierung und Pathologisierung Andersdenkender liegt eine autoritäre Versuchung, die auch bei anderen Themen verfangen kann.
Wie die LINKE Uta Beyer, ist Ursula Mayr ein prägnantes Beispiel dafür, wie die Slogans der Anti-Sexarbeits-Bewegung in bestimmten Schichten besondere Resonanz auslösen. Politiker*innen wittern hier eine Gelegenheit, sich selbst als entschlossen und auf der richtigen Seite positioniert ins Gespräch zu bringen. Vielleicht ist das der Grund, aus dem sich Mayr und Beyer auf den Fundi-Kongress verirrt haben?
Dass Events wie diese aber keine Bühne nur für die zweite, dritte und vierte Reihe in der Politik sind, damit beschäftigt sich der dritte Teil dieser Reihe, der auf den Kongress 2024 zurückblickt. Mayr jedenfalls fiel bislang weder durch Wortmeldungen noch politische Initiativen zum Thema auf.
Quelle: Archiv RR
Das ist bei Brigitte Schmidt-Hagenmeyer (BSH) anders. Auch sie ist, wie Drobnik, im Vorstand von DIAKA. Exemplarisch können wir an einer Figur, wie BSH typische Verflechtungen in unterschiedliche Themenfelder ablesen.
Jemand wie BSH erfüllt oft mehr als eine Funktion in den Allianzen und versucht in unterschiedliche Netzwerke zu wirken. Die Fäden ihrer Aktivitäten führen in die SPD Baden-Württemberg, in lokale Kampagnen wie den Appell „Karlsruhe gegen Sexkauf“, zum „Trauma & Prostitution“-Netzwerk um Dr. Ingeborg Kraus, in die Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation (DGTD) aber auch zu Kommentierungen des Evaluationsberichts zum Prostituiertenschutzgesetz oder zu einer Handreichung, die Medienschaffende bei einer diskriminierungssensibleren Berichterstattung über Sexarbeit unterstützen will. Letztere war in den letzten Wochen bereits mehrfach durch den Kakao rechter Medien gezogen worden.
Vor Kurzem trat BSH bei einer Online-Veranstaltung der Linken für eine Welt ohne Prostitution auf, zusammen mit Liane Bissinger (LINKE Oberland): Genussvoll wurden dort emotionalisierende Schilderungen körperlicher und psychischer Verletzungen von Opfern des Menschenhandels ausgebreitet, einhellig und ohne Gegenstimme.
Die Botschaft: Prostitution ist Gewalt. Verbote, so finden diese Menschen, die sich in allen Parteien finden, sind ganz gewiss die Lösung für soziale Ungerechtigkeit, Patriarchat und sexualisierte Gewalt. Darin ist man sich einig und entledigt sich somit seiner Verantwortung für konkrete Antworten auf strukturelle Gewalt, Ausschluss und nachhaltige Veränderung. Noch ein bisschen Musik, Gebet und Geld – und die nächste sexarbeitsfeindliche Kampagne rollt durch’s Land.
Auf diesem Podium schließt sich ein Kreis. Events, wie der Freiheit-Kongress sind per se nicht (ergebnis-) offen. Deep, deep into the rabbithole kreisen die Gedanken in den Köpfen der Verantwortlichen in einer Dauerschleife.
Um gewünschte und geforderte Unterstützung, Rechte und verbesserte Lebensbedingungen für Sexarbeiter*innen in Anerkennung ihrer Selbstbestimmung geht es auf dem Freiheit-Kongress offensichtlich nicht.
Freiheit im Denken ist auf dem Freiheit-Kongress: unerwünscht.
In den kommenden Tagen führen wir diese Reihe zum Freiheit-Kongress fort:
Teil 3: Rückblick auf 2024 und weitere Hintergründe (in Kürze!)
[1] Etwas kaschiert durch den Umweg über die 100% Tochter „Himmelsstürmer gGmbH“ von Mission Freedom, die als Betreiber des Haus SeeNest in Erscheinung tritt.