Jugendhilfe oder „Investition in Gottes Königreich“?

Stadtverwaltung Karlsruhe vertraut auf Eigenangaben und lässt zentrale Fragen zur Anerkennung der umstrittenen Freikirche ICF als Träger der freien Jugendhilfe offen

Am 7. Oktober 2026 soll der Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe über die Anerkennung des ICF Karlsruhe e. V. (International Christian Fellowship) als Träger der freien Jugendhilfe entscheiden. Damit erhielte die umstrittene evangelikale Freikirche einen bevorzugten Status in der Zusammenarbeit mit der öffentlichen Jugendhilfe und weitreichende Mitwirkungsmöglichkeiten, darunter auch Vorschlagsrechte für den Jugendhilfeausschuss.

Trotz der Kritik am internationalen ICF und erheblicher Zweifel an den Anerkennungsvoraussetzungen hält die Stadtverwaltung an ihrer Empfehlung fest. Für die Oktobersitzung hat sie im Wesentlichen dieselbe Vorlage veröffentlicht wie bereits im Juni. Weder die öffentliche Kritik noch der nichtöffentliche Austausch mit dem ICF oder ergänzende Erwägungen der Verwaltung finden darin erkennbar Niederschlag.

Auch die weitgehend ausweichenden Antworten der Stadtverwaltung auf einen ausführlichen Fragenkatalog von FundiWatch werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Die Antworten veröffentlichen wir hier.


Kurzfassung

„Jugendhilfe oder „Investition in Gottes Königreich“?“ weiterlesen

Kinder- und Jugendarbeit im ICF Karlsruhe: „Wir investieren in Gottes Königreich“

Zahlreiche offene Fragen zur Anerkennung der evangelikalen Freikirche ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe

(Quelle Titelbild: icf.church/karlsruhe/de/vor-ort-in-karlsruhe). Mit ausführlichen Fragekatalogen hat sich FundiWatch nun zu dem Verfahren zur Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe an die Verwaltung der Stadt Karlsruhe und an das Regierungspräsidium Karlsruhe gewendet.

Die Fragen beziehen sich auf das tatsächliche Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen und die Zulässigkeit eines nichtöffentlich geführten „Austauschgesprächs“ zwischen dem Jugendhilfeausschuss und dem ICF Karlruhe, nachdem öffentlich Kritik an der geplanten Anerkennung geäußert wurde.

Was bisher geschah: Offene Fragen, Gespräche hinter verschlossenen Türen…

Wie bereits berichtet, hat das ICF Karlsruhe im Frühjahr die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe nach § 75 SGB VIII beantragt. Die Stadtverwaltung hatte die Anerkennung empfohlen. Eine ursprünglich bereits für den 19.06.2026 geplante öffentliche Beschlussfassung des Jugendhilfeausschusses wurde nach Kritik u.a. in einem Offenen Brief von FundiWatch vorerst wieder von der Tagesordnung abgesetzt.

Die Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses, Bürgermeisterin Yvette Melchien (SPD), teilte FundiWatch anschließend zwar mit, man nehme die Fragen aus dem Offenen Brief „sehr ernst“ und werde diese in die „weitere Prüfung mit aufnehmen„. Inhaltliche Antworten auf unsere Fragen erhielten wir jedoch trotz mehrfacher Nachfragen nicht.

Stattdessen lud Melchien Anfang Juli die Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses zu einem „gemeinsamen Austausch“ mit Vertreter*innen des ICF Karlsruhe ein, das seitens des ICF Karlsruhe als „Klärungsgespräch“ bezeichnet wurde.

Und: Das Gespräch fand hinter verschlossenen Türen statt. Obwohl der Jugendhilfeausschuss nach den Vorgaben der Gemeindeordnung grundsätzlich öffentlich zu tagen hat.

Politische Meinungsbildung in Hinterzimmergesprächen: Nichtöffentliche Vorgespräche „geübte Praxis“?

Auf kritische Nachfrage von FundiWatch, mit welcher Begründung der Austausch mit dem ICF Karlsruhe nicht in einer öffentlichen Sitzung erfolgte, teilte die Stadt mit, es sei

„…geübte Praxis, dass Vorgespräche und Fachgespräche außerhalb von Gremien- und Ausschusssitzungen stattfinden und diese nicht-öffentlich geführt werden“.

Das sei Teil der politischen Meinungsbildung der Mitglieder der Gremien und Ausschüsse. Ein Protokoll zu dem geführten Austausch existiere nicht.

Warum die Öffentlichkeit an dieser Meinungsbildung nicht teilhaben soll – insbesondere wenn es um „Klärung“ öffentlicher Kritik geht und ausschließlich diejenige Organisation teilnehmen darf, die einen Beschluss zu ihren Gunsten begehrt – bleibt offen.

Bemerkenswert auch: Ausgerechnet der Vorstand der Karlsruher SPD-Fraktion, dem damals auch Melchien (heute Bürgermeisterin) angehörte,  teilte nach seiner Neuformation mit:

„Das Ziel ist es, über die sozialen Medien und
unserere Homepage interessierte Personen immer auf dem neusten Stand der Fraktionsarbeit
zu halten und in regelmäßigen Rythmen über diese zu infiormieren. Der kurze, einfache Draht
ist für die SPD-Fraktion besonders wichtig und ermöglicht den schnellen Austausch mit den
Karlsruher*innen.“ [sic]

Von diesem „kurzen, einfachen Draht“ können wir offenbar nur träumen. Allerdings sind wir ja auch keine Karlsruher*innen…

[Edit, 04.09.2026: An dieser Stelle hatten wir unzutreffend dargestellt, Melchien gehöre auch heute noch zum Vorstand der SPD-Fraktion. Tatsächlich wurde sie im vergangenen Sommer vom Gemeinderat zur Dezernentin für Soziales, Schulen, Sport, Integration und Inklusion gewählt und ist seit 01.09.2025 in ihrem Amt als Bürgermeisterin und nicht mehr Mitglied der SPD-Fraktion und ihres Vorstands. Auf ausdrücklichen Wunsch der Karlsruher SPD-Fraktion haben wir dies hier nochmals klargestellt.]

FundiWatch hakt nach – Anspruch der Öffentlichkeit auf transparente Entscheidung

Vor diesem Hintergrund wendet sich FundiWatch nun mit den bereits erwähnten ausführlichen Fragenkatalogen an die Stadt Karlsruhe und das Regierungspräsidium Karlsruhe als für die Stadt zuständige Kommunalaufsichtsbehörde. Ähnliche Fragen richteten wir auch an die im Jugendhilfeausschuss vertretenen demokratischen Parteien.

Unseres Erachtens hat die Öffentlichkeit ein Recht darauf zu erfahren, ob die Voraussetzungen der Anerkennung sorgfältig geprüft wurden.

Schließlich ist die international agierende Freikirche u.a. aufgrund ihrer teils christlich-fundamentalistischen, queerfeindlichen, herrschaftstheologischen Ideologien und einer stark missionarischen Ausrichtung äußerst umstritten. Auch bietet das ICF Karlsruhe umstrittene „Befreiungsgebete“ wie SOZO (die teils auch zur „Befreiung von der Sünde der Homoesexualität“ eingesetzt werden) an und sieht sich ausdrücklich als Teil des internationalen ICF Movements.

Mission oder professionelle Jugendarbeit? „Wir investieren in Gottes Königsreich“

Als Voraussetzung zur Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe sind bestimmte gesetzliche Voraussetzungen zu erfüllen.

Unter anderem sehen die Grundsätze der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugendbehörden vor, dass Vereinigungen, „die überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dienen“, nicht als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt werden können. Dafür, dass genau das beim ICF Karlsruhe der Fall ist, spricht jedoch sehr viel. So verweist die Stadtverwaltung laut einem Bericht der KONTEXT-Wochenzeitung darauf, dass der Vereinszweck laut Satzung des ICF Karlsruhe unter anderem durch die „Verbreitung und Förderung der biblischen Botschaft“, missionarische Veranstaltungen, Gemeindegründung und Gemeindeaufbau, christliche Seelsorge und Schulungen zum christlichen Leben verwirklicht werde.

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen von Prediger Jonas Günter in einem Gottesdienst im ICF Karlruhe am vergangenen Sonntag. Im Rahmen eines Spendenaufrufs teilte Günter dort mit großer Überzeugung mit:

„Wir investieren auch in Kinder- und Jugendarbeit, aber wir investieren nicht in einen sichtbaren Verein, sondern wir investieren in Gottes Königreich.“

Ist das professionelle Jugendarbeit?

Gastprediger beim ICF Karlsruhe am vergangenen Wochenende: „Tödlicher Feminismus“?

Der Gottesdienst im ICF Karlsruhe am vergangenen Sonntag war auch aus anderen Gründen bemerkenswert.

Als Gastprediger trat dort nämlich Viktor Dreier auf. Dreier ist Prediger der ebenfalls evangelikalen-freikirchlichen Move Church.

Auf seinem Instagram-Profil teilt Dreier begeisterte Besuche von ihm und seiner Familie bei der Trump-nahen kalifornischen Bethel Church in Redding. Erst vor zwei Wochen teilte Dreier ein Instagram-Reel des eng mit der AfD verbundenen Predigers Tobias Riemenschneider von der Christuskirche Frankfurt unter dem Titel „Tödlicher Feminismus“.

 

Grund genug, vor diesem ideologischen Umfeld zu warnen?  Mit einer Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe würden sich die Einflussnahmemöglichkeiten des ICF Karlsruhe auf die Jugendarbeit deutlich vergrößern. Beispielsweise auch im Hinblick auf dann bestehende Vorschlagsrechte für Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses, die wiederum weiteren entsprechend ideologisch geprägten Vereinigungen den Weg in die freie Kinder- und Jugendarbeit ebnen können.

Eine Entscheidung über die Anerkennung ist nun für die Sitzung des Jugendhilfeausschusses am 07.10.2026 vorgesehen. Wir werden die Entwicklungen weiterhin aufmerksam im Blick behalten.

 

 

 

ICF Karlsruhe: Evangelikale Jugendhilfe?

Kontext-Wochenzeitung berichtet über Offenen Brief von FundiWatch zur geplanten Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe

(Quelle Titelbild: Instagram, @kontextwz). Wie bereits berichtet, hat die zum „ICF Movement“ gehörende Freikirche ICF Karlsruhe die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe beantragt. Obwohl das ICF (International Christian Fellowship) äußerst umstritten ist, sieht die Verwaltung in Karlsruhe offenbar keine Probleme: In einer äußerst knappen Sitzungsvorlage empfahl sie dem Jugendhilfeausschuss der Anerkennung zuzustimmen. Nun berichtet auch die Kontext-Wochenzeitung über den Vorgang.

Nach Kritik in Offenen Briefen der Linksfraktion Karlsruhe und von FundiWatch wurde der Tagesordnungspunkt vorerst abgesetzt. Entschieden ist damit aber noch nichts. Die nächste Sitzung des Jugendhilfeausschusses tagt Anfang Oktober. Die von uns in dem Offenen Brief aufgeworfenen Fragen zum Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen wurden trotz Nachfragen bisher weder seitens der Stadtverwaltung noch seitens des ICF Karlsruhe beantwortet. Stattdessen traf sich der Jugendhilfeausschuss Anfang vergangener Woche nun nichtöffentlich – gemeinsam mit Vertretern des ICF Karlsruhe, denen somit Gelegenheit geboten wurde, fern von kritischer Öffentlichkeit für ihr Vorhaben zu werben.

Eine solche kritische Öffentlichkeit scheinen sowohl die Stadtverwaltung als auch das ICF unbedingt meiden zu wollen. Auch gegenüber der Kontext-Wochenzeitung zeigten sich Stadtverwaltung und ICF Karlsruhe nun ähnlich verschlossen.

Gegenüber Kontext teilt die Stadtverwaltung mit, die Kritik von FundiWatch beziehe sich vor allem auf andere ICF-Standorte wie Zürich und München. Dass dies nicht zutrifft, kann in unserem Offenen Brief nachgelesen werden. Zwar geht es dort auch darum, ob sich das ICF Karlsruhe von fragwürdigen und dem Schutz von Kindern und Jugendlichen widersprechenden Ausrichtungen im ICF Movement tatsächlich abgrenzt. Im wesentlichen bezogen sich unsere Fragen aber auf generelle Fragen zum Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen.  Insbesondere stünde einer Anerkennung entgegen, wenn – wofür einiges zu sprechen scheint – die Jugendarbeit der ICF Karlsruhe überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dient.

Um so überraschender erscheint es, dass die Stadtverwaltung nun auf Kontext-Anfrage selbst aus der Vereinssatzung des ICF Karlsruhe zitiert: Demnach werde der Vereinszweck unter anderem verwirklicht durch die „Verbreitung und Förderung der biblischen Botschaft“, missionarische Veranstaltungen, Gemeindegründung und Gemeindeaufbau, christliche Seelsorge und Schulungen zum christlichen Leben“. All das ist zulässig und von der Glaubensfreiheit gedeckt, spricht allerdings eher gerade gegen das Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen als Träger der freien Jugendhilfe. Den Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses wurde die ICF-Satzung nach Informationen von FundiWatch übrigens nicht zur Verfügung gestellt.

Dass die Stadtverwaltung im übrigen auf Fragen – die sie selbst hätte prüfen müssen – nicht eingeht, irritiert. Dass das ICF Karlsruhe auf diese Fragen nicht antworten mag, scheint jedenfalls nicht dafür zu sprechen, dass man mit der eigenen Ausrichtung und Positionierung transparent umzugehen gedenkt.

Erstaunlich ist auch, auf welch große Zurückhaltung über den Fall zu berichten wir bei lokalen Medien gestoßen sind. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass die große Verbundenheit, die das ICF Karlsruhe mit der Stadt mittlerweile erreicht hat, dabei eine Rolle spielt. So berichtet Kontext auch ausführlich vom mittlerweile riesigen Charity-Event des ICF „Weihnachten neu erleben„, mit dem das ICF Karlsruhe erhebliche Einnahmen v.a. für seine eigenen Einrichtungen generiert. Bewusst scheint das vielen Besucher*innen des Events nicht zu sein. Jedenfalls bis 2025 hatte der Bürgermeister der Stadt Karlsruhe die Schirmherrschaft für das Event.

Es dürfte jedenfalls noch deutlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit bedürfen, um offene Fragen im Interesse des Schutzes von Kindern und Jugendlichen zu klären. Würde das ICF Karlsruhe die Anerkennung erreichen, hätte die Freikirche einen erheblichen Einfluss auf die Kinder- und Jugendarbeit der Region – zumal die Anerkennung für alle Standorte des Vereins in Karlsruhe, Krauchgau, Rhein-Neckar, Ludwigsburg und Südpfalz gelten würde…

Wir bleiben jedenfalls dran!

Anerkennung der umstrittenen Freikirche ICF Karlsruhe als freier Träger der Jugendhilfe?

Nichtöffentliche Gespräche im „Hinterzimmer“? Transparenz sieht anders aus!

(Quelle Titelbild: icf-karksruhe.de / Youtube). Wie berichtet, hat die umstrittene Freikirche International Christian Fellowship (ICF) an ihrem Standort in Karlsruhe (ICF Karlsruhe e.V.) die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe beantragt. Die Stadtverwaltung empfahl daraufhin in einer äußerst knappen (und unseres Erachtens unvollständigen) Vorlage dem Jugendhilfeausschuss Karlsruhe die Anerkennung.

Die Beschlussfassung wurde nach Kritik zwar vorerst abgesetzt. Offiziell tagt der Jugendhilfeausschuss erst wieder Anfang Oktober. Nun soll allerdings wohl bereits am morgigen Montag (20.07.2026) ein nichtöffentliches Gespräch mit dem ICF Karlsruhe (also quasi „im Hinterzimmer“) geführt werden.

Unsere Bedenken an einer nichtöffentlichen Erörterung der u.a. von FundiWatch aufgeworfenen kritischen Nachfragen zum Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen für das ICF Karlsruhe hatten wir bereits vergangene Woche in einer E-Mail an den Jugendhilfeausschuss formuliert. Am Ende dieses Beitrags werden wir diese Mail nun hier veröffentlichen.

Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe: Eröffnung erheblicher Einflussnahmemöglichkeiten auf Jugendhilfe

Eine Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe hat erhebliche Folgen. So beispielsweise die Beteiligung anerkannter Träger in die Jugendhilfeplanung, Möglichkeiten zur Mitwirkung in Jugendhilfeausschüssen, Anspruch auf partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Träger der Jugendhilfe uvm. Sprich: Die Anerkennung ist eine maßgebliche Voraussetzung dafür, um auf den gesamten Bereich der Jugendhilfe vor Ort erheblichen Einfluss nehmen zu können.

Was es bedeutet, wenn in diesen Bereichen antipluralistische, queerfeindliche etc. Ideolog*innen ihren Einfluss ausbauen könnten, dürfte offensichtlich sein. Dass entsprechende Vorgehensweisen keinen Einzelfall darstellen, haben wir bereits letztes Jahr in unserer von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderten Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit dargestellt.

Beim ICF Karlsruhe ergeben sich zudem besonders viele Anhaltspunkte, dass die Jugendarbeit nach ihrem eigenen Selbstverständnis vorrangig der Verbreitung ihres eigenen Glaubensverständnisses dienen soll. Vereinigungen, „die überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dienen“, können hingen nach den Grundsätzen der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Jugendbehörden (AGOLJB)  nicht als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt werden.

Weder Stadtverwaltung noch das ICF Karlsruhe gehen auf Fragen zu den Anerkennungsvoraussetzungen ein

Nach Kritik der Linksfraktion und einem Offenen Brief von FundiWatch, in dem wir unsere Bedenken ausführlich darlegten, wurde die ursprünglich bereits für den 19.06.2026 vorgesehenen Beschlussfassung von der Tagesordnung abgesetzt.

Die Stadtverwaltung teilte FundiWatch gegenüber später mit, man bedanke sich für unsere Hinweise, nehme unsere Anmerkungen „sehr ernst“ und werde die angesprochenen Fragestellungen in die „weitere Prüfung mit aufnehmen“. Zur Klärung der von der Linksfraktion und FundiWatch angesprochenen inhaltlichen Punkte solle ein gemeinsames Gespräch des Jugendhilfeausschusses mit Vertretern des ICF Karlsruhe stattfinden.

Ähnliches teilte uns auf Anfrage auch das ICF Karlsruhe mit. In der Antwortmail heißt es:

„Die im Zusammenhang mit unserem Antrag relevanten Fragen werden im dafür vorgesehenen Verfahren mit der Stadt Karlsruhe und dem Jugendhilfeausschuss erörtert.„

Inhaltlich ging das ICF Karsruhe auf unsere Fragen hingegen nicht ein, auch nicht in einer Stellungnahme an den Jugendhilfeausschuss, auf die das ICF in der Antwort verwies. Auch auf einfach zu beantwortende Fragen, wie bspw. ob ebenso wie im ICF München queere Menschen von Leitungspositionen ausgeschlossen seien, erhielten wir keine Antwort. Das steht in eklatantem Widerspruch zu der Stellungnahme des ICF Karlsruhe an den Jugendhilfeausschuss, in der es heißt, man freue sich „über jede Gelegenheit, unsere Arbeit transparent vorzustellen und Fragen offen zu beantworten„.

Transparenz statt Hinterzimmer!

Entscheidungen und Verhandlungen (auch) von Jugendhilfeausschüssen sind grundsätzlich öffentlich zu führen. Nur in Ausnahmefällen können einzelne Gegenstände nichtöffentlich verhandelt werden. Der Öffentlichkeitsgrundsatz dient insbesondere der demokratischen Kontrolle – und hat gerade auch bei einer so wichtigen Frage wie der Anerkennung als Träger der Jugendhilfe große Bedeutung (dementsprechend war die Behandlung und Beschlussfassung auch ursprünglich in einer öffentlichen Sitzung vorgesehen).

Auch eine Anerkennung der eng mit dem ICF Karlsruhe verbundenen Kinder und Jugend Arche (u.a. gehört dessen Vorsitzende Sybille Beck zum Leitungspastorenehepaar des ICF Karlsruhe) wurde Anfang 2025 öffentlich behandelt. Übrigens mit ähnlich knapper, die Anerkennung empfehlender Beschlussvorlage der Verwaltung, wie nun beim ICF Karlsruhe. Von Stimmen aus dem Gemeinderat erfuhren wir, die Verbindungen seien damals wohl nicht bewusst gewesen.

Nun scheint die Verwaltung eine Auseinandersetzung mit öffentlich aufgeworfenen kritischen Fragen allerdings eher ins „Hinterzimmer“ verlagern und ohne öffentliche Kontrolle führen zu wollen. Unseres Erachtens gibt es hierfür keine Rechtfertigung und auch kommunalrechtliche Gründe dürften dem entgegenzustehen.

Nichtöffentliches Gespräch mit ICF Karslruhe bereits morgen?

Wir haben uns daher am 15.07.2026 erneut an die Ausschussvorsitzende Bürgermeisterin Yvette Melchien und die Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses gewendet und um Rückmeldung gebeten, ob eine öffentliche Erörderung der aufgeworfenen Fragen erfolgen wird und, falls nicht, wie dies begründet wird. Eine Reaktion erhielten wir darauf bisher nicht.

Allerdings erreichten uns nun Hinweise, dass das nichtöffentliche Gespräch mit dem ICF Karlsruhe bereits morgen, am 20.07.2026, geführt werden solle. Ob diese Hinweise zutreffen, können wir nicht abschließend beurteilen. Wir haben uns vor diesem Hintergrund nun jedoch entschieden, unsere letzte E-Mail an Bürgermeisterin Melchien und den Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe an dieser Stelle zu veröffentlichen:

Betreff: Re: Offener Brief zur geplanten Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Melchien,

vielen Dank für Ihre Antwort vom 07.07.2026 auf unseren Offenen Brief zur beantragten Anerkennung der ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe. Wir begrüßen ausdrücklich, dass Sie die darin aufgeworfenen Fragen ernst nehmen und diesen weiter nachgehen möchten.

Inzwischen haben wir jedoch Sorge, dass die von Ihnen und der ICF angekündigten Gespräche mit dem Jugendhilfeausschuss offenbar nichtöffentlich stattfinden sollen. Die ICF Karlsruhe hat uns gegenüber die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen abgelehnt und auf die mit Ihnen bzw. dem Ausschuss geplanten Gespräche hingewiesen. Selbst die Beantwortung einfacher Fragen, bspw. ob ebenso wie laut öffentlich vom ICF München bekannt gemachten Grundsätzen, auch bei der ICF Karlsruhe queere Menschen von Leitungspositionen ausgeschlossen sind, wurden von der ICF Karlsruhe nicht beantwortet.

Sollte es zutreffen, dass die weiteren Gespräche mit der ICF Karlsruhe nichtöffentlich geführt werden sollen, haben wir hieran erhebliche – auch rechtliche – Bedenken.

Nach unserem Verständnis dient das angekündigte Gespräch nicht lediglich einem unverbindlichen Austausch, sondern der Erörterung der im Offenen Brief aufgeworfenen Fragen und damit der Vorbereitung der Entscheidung des Jugendhilfeausschusses über den Anerkennungsantrag nach § 75 SGB VIII. Es wäre damit Teil der Meinungs- und Willensbildung des Ausschusses in einer Angelegenheit von erheblichem öffentlichem Interesse.

Nach § 35 der Gemeindeordnung Baden-Württemberg sind Sitzungen beschließender Ausschüsse grundsätzlich öffentlich. Ein Ausschluss der Öffentlichkeit kommt nur in Betracht, wenn das öffentliche Wohl oder berechtigte Interessen Einzelner dies erfordern. Dass diese Voraussetzungen für ein Gespräch über die Anerkennungsvoraussetzungen der ICF Karlsruhe, ihre fachliche Eignung oder die hierzu erhobenen Fragen vorliegen, vermögen wir derzeit nicht zu erkennen.

Hinzu kommt, dass der Jugendhilfeausschuss die Anerkennung der Kinder und Jugend ARCHE Karlsruhe e. V. in seiner Sitzung am 19. Februar 2025 öffentlich beraten und beschlossen hat. Die Antragstellerin wurde im öffentlichen Sitzungsteil angehört, die Verwaltung stellte den Sachverhalt öffentlich vor und der Ausschuss fasste seinen Beschluss ebenfalls öffentlich.

Bemerkenswert ist dabei, dass die damalige Verwaltungsvorlage – ebenso wie die aktuelle Vorlage zur ICF Karlsruhe – äußerst knapp gehalten war. Sie setzte sich (ebenfalls) nicht näher mit den einzelnen Anerkennungsvoraussetzungen des § 75 SGB VIII auseinander und enthielt keine vertiefte fachliche oder rechtliche Würdigung der gesetzlichen Voraussetzungen.

Zudem wurden in der Vorlage aus unserer Sicht wesentliche tatsächliche Umstände nicht dargestellt. So ist Frau Sybille Beck nach unserem Kenntnisstand Vorsitzende der Kinder und Jugend ARCHE Karlsruhe e. V. und zugleich eine der Hauptpastorinnen der ICF Karlsruhe. Die ARCHE hat ihren Sitz an der Anschrift der ICF Karlsruhe. Darüber hinaus nutzt die ARCHE nach den auf ihrer Internetseite veröffentlichten Informationen für Bewerbungen im Bundesfreiwilligendienst eine E-Mail-Adresse der ICF Karlsruhe und fordert Bewerberinnen und Bewerber auf, unter anderem einen Bericht über ihren „Weg mit Gott“ einzureichen. Diese Umstände hätten aus unserer Sicht zumindest Anlass gegeben, die tatsächlichen Beziehungen zwischen beiden Organisationen im Rahmen der damaligen Beschlussvorlage transparent darzustellen.

Gerade vor diesem Hintergrund erscheint es umso wichtiger, dass die nunmehr angekündigte vertiefte Erörterung der Anerkennungsvoraussetzungen der ICF Karlsruhe nicht außerhalb der Öffentlichkeit erfolgt. Wenn die Verwaltung aufgrund der vorgetragenen Einwendungen und der öffentlichen Diskussion eine weitergehende Prüfung für erforderlich hält und hierzu den Jugendhilfeausschuss gemeinsam mit der ICF Karlsruhe anhören möchte, sollte diese Erörterung aus Gründen der Transparenz und Nachvollziehbarkeit im Rahmen einer öffentlichen Sitzung des Jugendhilfeausschusses stattfinden. Andernfalls entstünde zumindest der Eindruck, dass ausgerechnet die inhaltliche Auseinandersetzung mit den entscheidungserheblichen Fragen der öffentlichen Kontrolle entzogen wird. Zudem scheint uns ein solches Vorgehen auch kommunalrechtlich unzulässig.

Wir möchten Sie daher höflich, aber nachdrücklich bitten, das angekündigte Gespräch – sofern keine konkreten gesetzlichen Gründe entgegenstehen – als öffentlichen Tagesordnungspunkt einer Sitzung des Jugendhilfeausschusses durchzuführen und bitten um Rückmeldung dazu, wie Sie sich hierzu verhalten werden.

Sollte dennoch eine nichtöffentliche Durchführung beabsichtigt sein, bitten wir um Mitteilung,

  • auf welchen konkreten gesetzlichen Ausnahmetatbestand des § 35 Gemeindeordnung Baden-Württemberg sich diese Entscheidung stützt,
  • welche schutzwürdigen Interessen aus Ihrer Sicht einen Ausschluss der Öffentlichkeit rechtfertigen,
  • weshalb die angekündigte Erörterung nicht im Rahmen einer öffentlichen Ausschusssitzung erfolgen soll, obwohl sie ersichtlich der Vorbereitung der Entscheidung über den Anerkennungsantrag dient, und
  • weshalb im Fall der ICF Karlsruhe von der Verfahrensweise abgewichen werden soll, die der Jugendhilfeausschuss bei der Anerkennung der Kinder und Jugend ARCHE Karlsruhe e. V. angewandt hat.

Wir sind überzeugt, dass ein transparentes und öffentlich nachvollziehbares Verfahren im Interesse aller Beteiligten liegt – der Stadt, des Jugendhilfeausschusses, der ICF Karlsruhe und der Öffentlichkeit gleichermaßen. Aus Transparenzgründen haben wir in dieser Mail die uns bekannten Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses mir ins Cc genommen – gerne kann diese Mail an weitere Mitglieder*innen des Ausschusses weitergeleitet werden.

Wir bedanken uns für Ihre Rückmeldung bis möglichst zum 17.07.2026.

Mit freundlichen Grüßen

FundiWatch


Weitere Artikel zum Thema:

  • https://fundiwatch.org/anerkennung-der-christlich-fundamentalistischen-evangelikalen-freikirche-icf-als-freier-traeger-der-jugendhilfe/
  • https://fundiwatch.org/kritik-an-anerkennung-icf-karlsruhe-nichtoeffentliche-gespraeche/
  • https://fundiwatch.org/icf-karlsruhe-jugendhilfe-viele-fragen-offen/

City of Light – Hat dieses Event Berlin noch gefehlt?

Gastbeitrag zum „City of Light“-Festival von GODsPOWER mit Lukas Repert

(Bildquelle: cityoflight.de) An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Gastbeitrag von Robin Eschenbach. Robin hat die Missionsveranstaltung “City of Light” vom 21. bis 24.05.2026 in Berlin beobachtet. Veranstalter des Events war die Organisation “GODsPOWER” unter Leitung von Lukas Repert. Auch zahlreiche weitere Personen und Gruppen, die uns bei FundiWatch immer wieder begegnen, waren mit dabei. Selbst für die Kleinsten war im Bereich des “KidsFestival” “gesorgt”. Vielen Eltern dürfte zunächst nicht mal aufgefallen sein, um was für eine Veranstaltung es sich dort handelte…

Das City of Light-Festival findet regelmäßig an verschiedenen Orten in Deutschland statt. Bereits dieses Wochenende findet vom 19. bis 21.06.2026 das City of Light in Nürnberg statt.

Vielen Dank an Robin für den Bericht!


Techno oder Jesus? Diesmal: Jesus.

Gastbeitrag von Robin Eschenbach

Der Platz vor dem Brandenburger Tor zeigt sich an diesem Nachmittag in seinem üblichen Charme: jemand macht Riesenseifenblasen, Teenager spielen halbherzig Fußball, und ich werde auf dem Weg über den Pariser Platz innerhalb von fünf Minuten von drei Menschen – einem von diekreative, einem von Saddleback und einem von einer Gruppe, die er lieber nicht nennen wollte – zu einem Konzert eingeladen, das „gleich beginnt“. In Berlin bedeutet das entweder Techno oder Jesus. Diesmal: Jesus.

Quelle: https://www.cityoflight.de/

Schon der Auftakt macht klar, wie schwer der Job des modernen Evangelisten im Lausanner sehr gefürchteten “säkularen Gürtel Mitteleuropas” ist. Dieser ist spirituell betrachtet ungefähr das, was Brandenburg für mediterrane Weinbauern ist. Während frühere Missionare noch auf Menschen trafen, die Angst vor Hölle und Ernteausfällen hatten, steht man heute vor Berliner*innen mit Noise-Cancelling-Kopfhörern und einem tief verinnerlichten „Lass mich einfach in Ruhe“. Aus Sicht der Lausanner Bewegung gilt Europa inzwischen als eines der strategisch schwierigsten Missionsfelder überhaupt. Weil viele Menschen das Christentum nicht mehr als gute Nachricht, sondern als moralisch fragwürdig, intellektuell naiv und emotional irrelevant wahrnehmen (vgl. Lausanne Movement. Europe).

Gemeinsam “Seelen retten” – aber psssst…!

Die Bühne gehört „City of Light“, einem evangelistischen Straßenfestival von GODsPOWER rund um Lukas Repert. Dahinter steht ein Netzwerk freikirchlicher Organisationen, das in Berlin gut miteinander verbunden ist.

GODsPOWER veranstaltet neben „City of Light“ auch das „KidsFestival“ im Stadtpark Lichtenberg sowie die „Healing & Power Conference“- am 09.05.2026 erst als „Blessed to be a Blessing“ im ICF Berlin. Mitbeworben und unterstützt werden die Events von GODsPOWER neben ICF Berlin auch von Real Life Berlin, diekreative, Every Nation Berlin, “Neues Leben” u.v.a.

Ganz überraschend kommt das nicht: Seit Wochen wurde auf Plakaten und auf Spotify-Werbung „das Event, das Berlin noch fehlt“ angekündigt – mit „authentischen Geschichten“ und „mitreißender Musik“.

Der evangelikale Hintergrund blieb bei der Spotify-Werbung auffallend diskret. Als wolle man erst beim dritten Song erwähnen, dass es eigentlich um die Rettung unsterblicher Seelen geht.

Quelle: Instagram / City of Light

KidsFestival für die Jüngsten – Überraschungsgast Jesus?

Auf dem KidsFestival begegnet einem dieselbe Strategie von Intransparenz.

Man sieht Kinder in Zorb-Bällen über die Wiese rollen, auf Hüpfburgen, beim Kinderschminkstand oder einander mit Rasierschaum und Popcorn bewerfen. Bratwurst, Zuckerwatte und Getränke gibt es für lau. Kurz gesagt: Es wirkt wie jedes andere Berliner Familienfest – nur mit besserem Catering.

Was man dagegen nicht sieht, ist irgendein Hinweis darauf, dass es sich um eine “christliche” Veranstaltung handelt. Kein Banner, keine offensichtliche Einladung zum Glauben, kein Hinweis auf die Veranstalter. Erst im Bühnenprogramm wird zwischen Spielen und Animation plötzlich gebetet, gesungen und dazu eingeladen, Jesus in das Herz aufzunehmen. Man gewinnt den Eindruck, dass die Veranstalter das Konzept der Überraschungsparty konsequent zu Ende gedacht haben. Nur dass am Ende nicht der Clown aus der Torte springt, sondern die Evangelisation. Zu spät, um seine negative Religionsfreiheit bzw. die von Kindern – manche gerade einmal vier Jahre – ansatzweise zu schützen.

Die Anzahl der evangelisierten Kinder wird am nächsten Tag durchaus stolz in einer der Berliner Gemeinden als Erfolgskennzahl vor sich hergetragen. Man fragt sich, warum – bei aller Versammlungsfreiheit – die Berliner Versammlungsbehörde nicht zumindest auf eine klare Beschilderung gedrängt hat.

“Rettung” von Drogensucht, Spielsucht und “Perversion” im Dringlichkeitsmodus

Zurück vor dem Brandenburger Tor: bereits das Tanzteam erklärt dem spärlichen Publikum, dass Drogensucht, Spielsucht und Perversion (= Homosexualität, vgl. Sommer-Special 2024 von diekreative) Ausdruck desselben geistlichen Elends seien, aus dem man durch ein Leben mit Jesus gerettet werden könne.

Die Worship-Musik hallt über den Platz wider am Hotel Adlon, an der US-Botschaft und an der Akademie der Künste. Dort läuft zeitgleich eine Installation über verbotene Wörter unter der Trump-Administration – inklusive Aufrufen zu Meinungsfreiheit und dem Satz: „Wo Sprache zensiert wird, ist Demokratie in Gefahr.“ Man kann sich schwer des Eindrucks erwehren, dass hier versehentlich das perfekte Gegenprogramm entstanden ist: drüben die Warnung vor ideologischer Kontrolle, hier die Einladung zur totalen Hingabe. Berlin inszeniert seine Ironie zuverlässig selbst.

Dann übernimmt Lukas Repert selbst, der Initiator des Festivals. Der Platz füllt sich langsam, bis irgendwann vielleicht 200 oder 300 Menschen erreicht sind – die meisten davon mit „Follow-Up“-Schildern um den Hals oder im „City of Light“-Shirt.

Es folgt eine Dramaturgie, die weniger auf Diskussion als auf emotionale Überwältigung setzt: anschwellende Musik, immer gleiche Einladung, sich „ins Licht“ retten zu lassen und dazu Reperts Dringlichkeitsrufe wie „Yes, yes, yes!“ oder „Now, now, now!“. Einzelne Personen werden auf die Bühne gezogen, während jede*r den Nachbarn fragen soll, ob er „eigentlich jetzt dort oben stehen sollte“. Evangelisation wirkt hier weniger wie Glaubenssuche als wie spirituelles Gruppencoaching im permanenten Dringlichkeitsmodus.

Einige bekannte Gesichter aus der (ganz) rechten Ecke sind auch dabei…

In den Tagen des Festivals wird auch der rechtsextreme Christfluencer Leonard Jäger aka Ketzer der Neuzeit das Festival besuchen. Auf seinem Instagram-Kanal postet er über das Festival: “Ein großes Evangelisations-Event mitten in Berlin: Das waren gesegnete und und abenteuerliche Tage!”. Und: “And if our God is for us, then who could ever stop us”.

Quelle: Instagram / ketzerderneuzeit

Und auch von einem weiteren bekannten AfD-Unterstützer wird das Festival unterstützt: Der Prediger Markus Rapp, Leiter der Berliner Freikirche Neues Leben in Hohenschönhausen.

Rapp teilte auf seinem Youtube-Kanal (mit immerhin über 77.000 Abonennt*innen) – auf dem auch bereits mehrfach Lukas Repert zu Gast war – den Life-Stream der Abschlussveranstaltung zum City of Light. Rapp ist offener Unterstützer der AfD (zu Rapp vgl. Frontal v.24.6.2o25 ab Minute 6:10), deren Gruppe Christen in der AfD nach ihrer Abschlussveranstaltung in seiner Gemeinde zu Gast war.

Mit seinem Verein Christus für Europa betreibt Rapp den deutschen Ableger der Online-Bibelschule “International School of Ministry” (ISOM bzw. ISDD), in deren Programm auch Kurse zum sog. Seven Mountain Mandate angeboten werden. Nach dem “Seven Mountain Mandate” sollen Christ*innen auf die verschiedenen Gesellschaftsbereiche Einfluss nehmen, diese transformieren, um sie schließlich wieder mit “christlichen” Vorstellungen und Werten zu dominieren.

Mission Europa: Bootcamp für die Seelenrettung

Lukas Repert taucht als Gastredner bei Gemeinden wie ICF, Every Nation, diekreative oder der Gemeinde auf dem Weg auf. Vor einigen Jahren organisierte er sogar ein Evangelisations-Bootcamp in Tansania für Christ for all Nations – jene Missionsorganisation von Reinhard Bonnke, die jahrzehntelang Massenevangelisation perfektionierte.

Und tatsächlich endet just gleichzeitig mit City of Lights die sechswöchige School of Evangelism von Christ for all Nations in Berlin, für die Lukas Repert neben Gaby Wentland von Mission Freedom, Jean-Luc Trachsel und Ben Fitzgerald (der wiederum eine eigene Mission School, die School of Ministry der Awakening Church hat und sich von der US-Evangelikalen Trump-nahen Bethel Church aus mit seiner Organisation Awakening Europe aufgemacht, Europa zu erretten) als “Instructor” engagiert war.

Rund 30 angehende Berliner Missionar*innen wurden dort für schlappe 3.999 Euro Teilnahmegebühr darin geschult, Hemmungen zu überwinden, Fremde anzusprechen und aktiv Menschen für Jesus zu gewinnen. Seit Wochen wird entsprechend der Alexanderplatz bespielt: mal von amerikanischen Rappern, mal von Chris Schuller (Follow his Call Ministries / Encounter Nights) persönlich – der bereits am Tag 1 der City of Light aufgetreten ist – mal von jungen Missionar*innen in Ausbildung, die noch nicht gelernt haben, dass Berliner Gespräche üblicherweise nach drei ungefragten Sätzen enden.

In den USA, Brasilien oder Nigeria hätte Lukas Repert womöglich ganze Arenen gefüllt. Stattdessen wurde ihm ausgerechnet das Berliner Publikum auf das Herz gelegt: Menschen, die entweder gar kein Deutsch sprechen oder seit Jahren genug davon haben, ungefragt erklärt zu bekommen, wie sie zu leben haben. So zieht die durchschnittliche Berlinerin mit jener stoischen Gleichgültigkeit vorbei, die normalerweise nur Menschen entwickeln, die seit Jahren gleichzeitig mit Straßenmusiker*innen, Zeugen-Jehovas-Ständen, Junggesell*innen-Abschieden und BVG-Ersatzverkehr leben. Man schaut kurz hin, denkt „Aha, heute also Evangelikale“, und geht weiter zur U-Bahn.

Berlin bekehrt sich nicht? Dann eben nächste Woche wieder

Das entmutigt die Missionsbewegung allerdings kaum. Bereits am 13. Juli beginnt der zweiwöchige „Million Month“ der Awakening Church in Berlin. Frisch gestärkt vom „Empowerment Weekend“ werden erneut junge Missionar*innen mit beneidenswert schlechter Kenntnis der Berliner Mentalität auf den Alexanderplatz ausschwärmen, um Berlin zur „city of renewal, influence and hope for Germany and beyond“ zu machen.

Quelle: awakeningberlin.de

Der säkulare Gürtel Mitteleuropas gilt schließlich nicht deshalb als gefürchtet, weil man dort aufgibt, sondern weil man dort immer wieder glaubt, dass es diesmal bestimmt klappt.

Wachsam bleiben – Aufklärung tut Not!

Und dennoch: Auch wenn viele Berliner*innen schulterzuckend an diesem Event vorbeilaufen, sollten wir den Einfluss christlich-fundamentalistischer Organisationen in Deutschland nicht unterschätzen.

Auch in Berlin existiert mittlerweile ein breites Netzwerk entsprechender Gemeinden und Freikirchen mit lautstarker Social Media Präsenz. Dort geht es häufig nicht nur um einen selbstverständlich von der Religionsfreiheit geschützten persönlichen Glauben, sondern um Verbreitung anti-pluralistischer und radikal-konservativer Weltbilder. Gerade vor dem Hintergrund einer zunächst bunten und modern erscheinenden Außenfassade, ist dies für Außenstehende bzw. neu hinzutretende Personen oft kaum erkennbar. Treten dann erste Konflikte auf, ist der Ausstieg für viele alles andere als einfach.

Es heißt also: Wachsam bleiben und über diese Ideologien aufklären. Denn nicht überall, wo Hüpfburgen, Popcorn und Lobpreismusik draufstehen, ist am Ende nur ein harmloser Sonntagsausflug drin.


Mehr zum Thema:

Instagram
Fundiwatch at Bluesky
Bluesky
WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner