Popcorn, Hüpfburg, Evangelium (& die AfD?!): Wie eine Berliner Freikirche Kinder missioniert

Zwischen Spielplatz und Seelenrettung: Das Kids-Club-Konzept von Neues Leben Berlin

(Quelle Titelbild: YouTube – Markus Rapp). Auf dem Flyer zum neuen Kids Club ist von Jesus keine Rede: „Spiel, Spaß, Musik, Geschichten, Wettbewerbe“ steht da, dazu Hüpfburg, Bubble Balls und Popcorn. Nur ein kleines Logo verrät den Veranstalter: „Neues Leben – Evangelische Freikirche“. Was sich hinter „Geschichten“ verbirgt und welches Weltbild dahinter steht, erklärt Prediger Markus Rapp auf seinem eigenen YouTube-Kanal – und zeigt, dass der Kids Club Teil eines größeren Netzwerks ist.

Endzeit-Prediger mit AfD-Kontakten 

Markus Rapp gründete die Freikirche Neues Leben im August 2020, mitten in der Corona-Pandemie, zusammen mit seiner Frau Seong Soon (Suni) Rapp. Sonntags trifft man sich um 11 Uhr im Gemeindezentrum in der Warnitzer Straße 8 in Berlin-Hohenschönhausen.

Rapp ist zugleich Vorsitzender des Vereins Christus für Europa e.V., der zu den mit der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) „verbundenen Werken“ gehört. Die EAD ist einer der größten evangelikalen Netzwerkverbände in Deutschland.

Quelle: Screenshot ead.de

Christus für Europa betreibt die Bibelschule ISDD (Internationale Schule des Dienstes) als deutschen Ableger der International School of Ministry (ISOM), die nach Selbstauskunft mit Hunderttausenden Teilnehmenden in 143 Ländern arbeitet.

Ihr Lehrplan enthält neben allgemeinen Evangelisationskursen auch Module zum „Seven Mountain Mandate“ – der Vorstellung, Christ*innen müssten zentrale gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Bildung und Medien „zurückerobern“ und unter christliche Prägung bringen (vgl. ISDD BibelschuleDie Sieben Berge Strategie” und FundiWatch: „Christliche Fußballinfluencer*innen zur Missionierung“) – und startet gleich mit der konsequenten Umsetzung durch das Modul “Transformation der Wirtschaft”.

Der Lehrplan bietet aber auch für den Kids Club relevante Kurse wie “Eine neue Generation erreichen” und „Dienst an Kindern“ im “Associates Studium” (vgl. ISDD. Semester 5. Überblick). Der Kids Club lässt sich damit nicht als spontane Einzelinitiative lesen, sondern als praktische Anwendung eines Trainingskonzepts, was über Rapps Verein selbst gelehrt wird.

Quelle: Screenshot aus dem Katalog der ISDD Bibelschule: https://isddbibelschule.de/wp-content/uploads/2023/11/ISDD-Katalog-Deutsch-2024.pdf – Referent Lance Wallnau unterstützte übrigens bei den letzten US-Wahlen den Wahlkampf von J.D. Vance.

Rapp ist offener Unterstützer der AfD (vgl. Rapp, “Kann man als Christ die AfD wählen”). ZDF Frontal (ab ca. Minute 6:10) berichtete im Juni 2025 über ihn. Im November 2025 traf sich die Gruppe „Christen in der AfD“ nach einer Vereanstaltung im Bundestag in seiner Gemeinde (FundiWatch, „City of Light – Hat dieses Event Berlin noch gefehlt?“, 20.6.2026).

Quelle: ZDF Frontal – YouTube Markus Rapp

Erst die Hüpfburg, dann das Bekehrungsgebet 

Das Konzept des Kids Club stammt vom „KidsFestival“ der bundesweiten Großevangelisation „City of Light“, veranstaltet vom Frankfurter Verein GODsPOWER gUG unter Leitung von Lukas Repert, an der sich zahlreiche freikirchliche Gemeinden in mehreren deutschen Städten beteiligen.

FundiWatch hat dieses Format im Mai 2026 in Berlin beobachtet: Auf dem KidsFestival im Stadtpark Lichtenberg gab es keinen sichtbaren Hinweis auf einen religiösen Veranstalter. Bis im Bühnenprogramm mit den Kindern – getrennt von ihren Eltern -, zwischen Spielen und Animation überraschend gebetet, gesungen und dazu eingeladen wurde, Jesus „in das Herz aufzunehmen“. Genau dieses Muster scheint Rapp nun auf von der Gemeinde selbst veranstaltete Kids-Club-Termine zu übertragen.

Dafür sind drei Termine angesetzt: 8. August, 5. September und 3. Oktober, jeweils 15 bis 18 Uhr, auf einer öffentlichen Grünfläche direkt gegenüber dem Gemeindezentrum im Quartierspark Warnitzer Bogen (Vincent-van-Gogh-Straße/Falkenberger Chaussee/Warnitzer Straße), die in der Verantwortung des Bezirksamts Lichtenberg liegt.

Auf Anfrage von FundiWatch teilte das Bezirksamt Lichtenberg am 07.08.2026 mit, dem Straßen- und Grünflächenamt läge keine Sondernutzungserlaubnis für die Veranstaltung vor. Die Antwort auf eine Nachfrage von FundiWatch, ob für die Veranstaltung eine Versammlung angemeldet wurde, lag bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags ebenso noch nicht vor wie eine Antwort auf die Frage, welche Vorkehrungen von Seiten der zuständigen Behörden veranlasst werden, um Besucher*innen vor überwältigender politischer und / oder religiöser Indoktrination zu schützen.

Ein Werbeflyer, der öffentlich einsehbar an der Tür des Gemeindezentrums aushing, nennt als Programm „Spiel, Spaß, Musik“, „Geschichten“, „Basteln, Café“, „Spiele & Hüpfburg“, „Wettbewerbe“ und „Bubble Balls“.

Quelle: Eigene Aufnahme FundiWatch

In seinem bereits erwähnten YouTube-Video für die eigene Gemeinde beschreibt Rapp denselben Termin deutlich anders: Rapp nennt den Kids Club gleich zu Beginn ein „evangelistisches Projekt“, mit dem Kinder und Eltern „mit dem Evangelium Jesu Christi“ erreicht werden sollten.

Der Ablauf sei danach klar zweigeteilt – eine halbe Stunde „Kindergottesdienst“ mit einer kindgerecht aufbereiteten Evangeliums-Geschichte und gemeinsamem Gebet, gefolgt von 45 bis 60 Minuten Spiel und Spaß, das laut Rapp zugleich dem „Beziehungsaufbau“ zu den Eltern diene. Zur biblischen Begründung zitiert er zwei Stellen aus dem Matthäusevangelium, in denen Jesus Kinder als besonders aufnahmebereit für das „Reich der Himmel“ beschreibt (Mt. 19,14 f.; Mt. 18,3 f.).

Als Erfolgskennziffer erzählt Rapp vom KidsFestival im Mai, bei dem – nach seinen eigenen, nicht unabhängig verifizierten Angaben – ausnahmslos alle anwesenden Kinder sich bereit erklärt hätten, ein vorformuliertes Bekehrungsgebet mitzusprechen. Sein erklärtes Ziel: „hunderte von Kindern“ im Nordosten Berlins erreichen, unterstützt durch Poster- und Zeitungswerbung in einem Radius von fünf bis sechs Kilometern.

Ab Herbst soll der Kids Club, wenn es kälter wird, alle zwei Wochen in die eigenen Gemeinderäume verlegt werden.

Antichrist, Blutmond, Regenbogenfahne – Rapps Weltbild

Auf demselben YouTube- und Telegram-Kanal, über den Rapp den Kids Club bewirbt, kommentiert er regelmäßig „Endzeit, Gesellschaft und Politik“ und zeichnet dort ein deutlich schärferes Bild als der freundliche Kids-Club-Flyer.

Der Endzeitglaube zieht sich als roter Faden durch Rapps Kanal: Allein unter den zuletzt veröffentlichten Videos tragen mehrere Dutzend Titel wie „Letzte Tage der Endzeit – Der Anti-Christ, 3. Tempel, der Große Abfall„, „ENTRÜCKUNG 2025?“ oder „Was ist Donald Trumps Rolle in der ENDZEIT? Wegbereiter des ANTI-CHRISTEN?„. Rapp deutet darin aktuelle Kriege, Blutmonde und politische Entwicklungen als Erfüllung biblischer Prophetie – etwa den Krieg zwischen Israel und dem Iran 2025, den er direkt mit der Anti-Christ-Erwartung aus dem zweiten Thessalonicherbrief verknüpft, oder ein mögliches Entrückungsdatum am 23. September, das er selbst als womöglich überzogenen „Mega Hype“ einordnet, ohne die Naherwartung insgesamt infrage zu stellen. Seine eigene Gemeinde beschreibt er wiederholt als „Arche der Endzeit“ – ein Bild, das den Kids Club in ein Selbstverständnis einbettet, das von unmittelbar bevorstehendem Weltgericht, Verfolgung und dem baldigen Auftreten des Antichristen geprägt ist.

Quelle: YouTube – Markus Rapp

Den Christopher Street Day in Berlin nennt Rapp „brandgefährlich für unsere Gesellschaft“ und ordnet ihn einer „dämonischen Lehre von Freiheit, sexueller Unmoral“ zu. Als Angela Merkel und Ursula von der Leyen sich gegen Ungarns Gesetz gegen die Darstellung von Homosexualität in Schulfilmen aussprachen, bezeichnete er ihre Position als Teil “einer Erweckung des Antichristen“. In einer eigenen Lehreinheit bietet er den Kampf gegen „dämonische Mächte“ als geistliche Ausbildung für seine Zuhörer*innen an. In seiner Lehrreihe zum Epheserbrief predigt Rapp zudem, der Mann sei „die letzte Autorität … in der Familie“, Kinder „gehören niemals den Eltern“, sondern Gott, die Eltern seien nur „Verwalter“ sowie eine Sexual- und Familienethik, zu der FundiWatch bereits im Rahmen der „Purity Culture“ evangelikaler Milieus recherchiert hat.

Diese Videos zeigen das Weltbild, in dessen Rahmen der Gemeindeleiter seine Kinderarbeit versteht und in das Kinder hineinwachsen könnten, wenn aus einem Spielnachmittag eine dauerhafte Bindung an die Gemeinde wird.

Wenn alle Kinderhände gleichzeitig nach oben gehen

Kinder können religiöse, weltanschauliche und pädagogische Absichten Erwachsener in der Regel schwerer einschätzen als Erwachsene selbst. Sie sind zudem bis zum 14. Lebensjahr nach dem Gesetz über die religiöse Kindererziehung noch nicht religionsmündig (vgl. § 5 RelKErzG). Die Entscheidung über ihre religiöse Erziehung liegt bei den Eltern. Da Kinder dieses Alters ihre eigene, ihnen grundsätzlich ebenfalls zustehende negative Religionsfreiheit (Art. 4 Abs. 1, 2 GG) noch nicht selbst ausüben können, hängt deren Schutz vollständig davon ab, dass Eltern vorab wissen, worauf sie sich – stellvertretend für ihr Kind – einlassen.

Wenn ein als Spiel- und Familienfest beworbenes Angebot einen strukturierten religiösen Programmteil enthält, der nach außen lediglich als „Geschichten“ dargestellt wird, entsteht darüber hinaus ein Macht- und Wissensgefälle: Die Kinder erleben sich angeleitet von Erwachsenen in einer Situation kollektiver Gruppendynamik, in der laut Rapps eigener Schilderung auf dem KidsFestival alle anwesenden Kinder auf dieselbe Frage hin gleichermaßen reagierten. Eine solche Dynamik lässt wenig Raum für eine individuelle, freie Entscheidung einzelner Kinder, unabhängig davon, welche religiöse oder areligiöse Prägung sie aus ihrem Elternhaus mitbringen.

Für Kinder und Jugendliche, die selbst oder deren Freunde queer sind oder aus Familien kommen, die Rapps Weltbild nicht teilen, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Dieselben Erwachsenen, die sie beim gemeinsamen Spielen betreuen, bezeichnen ihre Lebensrealität an anderer Stelle öffentlich als „dämonisch“, als Ausdruck einer „Verirrung“ oder als Folge von „Missbrauch von Macht“. Das ist keine Aussage über eine konkrete Schädigung einzelner Kinder, aber es ist ein struktureller Befund über das Umfeld, in das Kinder eingeladen werden, ohne dass ihre Eltern davon notwendigerweise wissen.

Fazit: Informierte Entscheidung kaum möglich?

Beides – die missionarische Intention des Kids Clubs sowie das hinter “Neues Leben” stehende Weltbild – ist öffentlich zugänglich. Aber nicht im Werbematerial, sondern verstreut auf einem YouTube-Kanal, den Eltern erst gezielt suchen müssten. Wer sein Kind aufgrund von „Spiel, Spaß, Musik“ teilnehmen lässt, kann deshalb keine informierte Entscheidung treffen: weder darüber, dass ein Bekehrungsgebet Teil des Programms ist, noch darüber, in wessen ideologisches und politisches Umfeld das Kind damit eingeladen wird.

Gerade hier zeigt sich, wie wichtig unabhängige und sachliche Information über entsprechende Angebot ist – oder besser: wäre. Denn leider wird in Deutschland über Gefahren entsprechender Angebote kaum – jedenfalls nicht präventiv – informiert. Weltanschauungsbeauftragte Stellen sind mit entsprechenden Informationen oder gar Warnungen äußerst zurückhaltend.

In anderen Ländern bestehen deutlich weitergehende Angebote, bei denen Interessierte oder Betroffene nähere Informationen zu weltanschaulich-religiösen Angeboten abrufen können, wie bspw. das Angebot der Schweizer infosekta zeigt. Dass ein entsrechender Bedarf auch in Deutschland besteht, erleben wir bei unserer Arbeit mit FundiWatch tagtäglich.


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Gastbeitrag zum „City of Light“-Festival von GODsPOWER mit Lukas Repert

(Bildquelle: cityoflight.de) An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Gastbeitrag von Robin Eschenbach. Robin hat die Missionsveranstaltung “City of Light” vom 21. bis 24.05.2026 in Berlin beobachtet. Veranstalter des Events war die Organisation “GODsPOWER” unter Leitung von Lukas Repert. Auch zahlreiche weitere Personen und Gruppen, die uns bei FundiWatch immer wieder begegnen, waren mit dabei. Selbst für die Kleinsten war im Bereich des “KidsFestival” “gesorgt”. Vielen Eltern dürfte zunächst nicht mal aufgefallen sein, um was für eine Veranstaltung es sich dort handelte…

Das City of Light-Festival findet regelmäßig an verschiedenen Orten in Deutschland statt. Bereits dieses Wochenende findet vom 19. bis 21.06.2026 das City of Light in Nürnberg statt.

Vielen Dank an Robin für den Bericht!


Techno oder Jesus? Diesmal: Jesus.

Gastbeitrag von Robin Eschenbach

Der Platz vor dem Brandenburger Tor zeigt sich an diesem Nachmittag in seinem üblichen Charme: jemand macht Riesenseifenblasen, Teenager spielen halbherzig Fußball, und ich werde auf dem Weg über den Pariser Platz innerhalb von fünf Minuten von drei Menschen – einem von diekreative, einem von Saddleback und einem von einer Gruppe, die er lieber nicht nennen wollte – zu einem Konzert eingeladen, das „gleich beginnt“. In Berlin bedeutet das entweder Techno oder Jesus. Diesmal: Jesus.

Quelle: https://www.cityoflight.de/

Schon der Auftakt macht klar, wie schwer der Job des modernen Evangelisten im Lausanner sehr gefürchteten “säkularen Gürtel Mitteleuropas” ist. Dieser ist spirituell betrachtet ungefähr das, was Brandenburg für mediterrane Weinbauern ist. Während frühere Missionare noch auf Menschen trafen, die Angst vor Hölle und Ernteausfällen hatten, steht man heute vor Berliner*innen mit Noise-Cancelling-Kopfhörern und einem tief verinnerlichten „Lass mich einfach in Ruhe“. Aus Sicht der Lausanner Bewegung gilt Europa inzwischen als eines der strategisch schwierigsten Missionsfelder überhaupt. Weil viele Menschen das Christentum nicht mehr als gute Nachricht, sondern als moralisch fragwürdig, intellektuell naiv und emotional irrelevant wahrnehmen (vgl. Lausanne Movement. Europe).

Gemeinsam “Seelen retten” – aber psssst…!

Die Bühne gehört „City of Light“, einem evangelistischen Straßenfestival von GODsPOWER rund um Lukas Repert. Dahinter steht ein Netzwerk freikirchlicher Organisationen, das in Berlin gut miteinander verbunden ist.

GODsPOWER veranstaltet neben „City of Light“ auch das „KidsFestival“ im Stadtpark Lichtenberg sowie die „Healing & Power Conference“- am 09.05.2026 erst als „Blessed to be a Blessing“ im ICF Berlin. Mitbeworben und unterstützt werden die Events von GODsPOWER neben ICF Berlin auch von Real Life Berlin, diekreative, Every Nation Berlin, “Neues Leben” u.v.a.

Ganz überraschend kommt das nicht: Seit Wochen wurde auf Plakaten und auf Spotify-Werbung „das Event, das Berlin noch fehlt“ angekündigt – mit „authentischen Geschichten“ und „mitreißender Musik“.

Der evangelikale Hintergrund blieb bei der Spotify-Werbung auffallend diskret. Als wolle man erst beim dritten Song erwähnen, dass es eigentlich um die Rettung unsterblicher Seelen geht.

Quelle: Instagram / City of Light

KidsFestival für die Jüngsten – Überraschungsgast Jesus?

Auf dem KidsFestival begegnet einem dieselbe Strategie von Intransparenz.

Man sieht Kinder in Zorb-Bällen über die Wiese rollen, auf Hüpfburgen, beim Kinderschminkstand oder einander mit Rasierschaum und Popcorn bewerfen. Bratwurst, Zuckerwatte und Getränke gibt es für lau. Kurz gesagt: Es wirkt wie jedes andere Berliner Familienfest – nur mit besserem Catering.

Was man dagegen nicht sieht, ist irgendein Hinweis darauf, dass es sich um eine “christliche” Veranstaltung handelt. Kein Banner, keine offensichtliche Einladung zum Glauben, kein Hinweis auf die Veranstalter. Erst im Bühnenprogramm wird zwischen Spielen und Animation plötzlich gebetet, gesungen und dazu eingeladen, Jesus in das Herz aufzunehmen. Man gewinnt den Eindruck, dass die Veranstalter das Konzept der Überraschungsparty konsequent zu Ende gedacht haben. Nur dass am Ende nicht der Clown aus der Torte springt, sondern die Evangelisation. Zu spät, um seine negative Religionsfreiheit bzw. die von Kindern – manche gerade einmal vier Jahre – ansatzweise zu schützen.

Die Anzahl der evangelisierten Kinder wird am nächsten Tag durchaus stolz in einer der Berliner Gemeinden als Erfolgskennzahl vor sich hergetragen. Man fragt sich, warum – bei aller Versammlungsfreiheit – die Berliner Versammlungsbehörde nicht zumindest auf eine klare Beschilderung gedrängt hat.

“Rettung” von Drogensucht, Spielsucht und “Perversion” im Dringlichkeitsmodus

Zurück vor dem Brandenburger Tor: bereits das Tanzteam erklärt dem spärlichen Publikum, dass Drogensucht, Spielsucht und Perversion (= Homosexualität, vgl. Sommer-Special 2024 von diekreative) Ausdruck desselben geistlichen Elends seien, aus dem man durch ein Leben mit Jesus gerettet werden könne.

Die Worship-Musik hallt über den Platz wider am Hotel Adlon, an der US-Botschaft und an der Akademie der Künste. Dort läuft zeitgleich eine Installation über verbotene Wörter unter der Trump-Administration – inklusive Aufrufen zu Meinungsfreiheit und dem Satz: „Wo Sprache zensiert wird, ist Demokratie in Gefahr.“ Man kann sich schwer des Eindrucks erwehren, dass hier versehentlich das perfekte Gegenprogramm entstanden ist: drüben die Warnung vor ideologischer Kontrolle, hier die Einladung zur totalen Hingabe. Berlin inszeniert seine Ironie zuverlässig selbst.

Dann übernimmt Lukas Repert selbst, der Initiator des Festivals. Der Platz füllt sich langsam, bis irgendwann vielleicht 200 oder 300 Menschen erreicht sind – die meisten davon mit „Follow-Up“-Schildern um den Hals oder im „City of Light“-Shirt.

Es folgt eine Dramaturgie, die weniger auf Diskussion als auf emotionale Überwältigung setzt: anschwellende Musik, immer gleiche Einladung, sich „ins Licht“ retten zu lassen und dazu Reperts Dringlichkeitsrufe wie „Yes, yes, yes!“ oder „Now, now, now!“. Einzelne Personen werden auf die Bühne gezogen, während jede*r den Nachbarn fragen soll, ob er „eigentlich jetzt dort oben stehen sollte“. Evangelisation wirkt hier weniger wie Glaubenssuche als wie spirituelles Gruppencoaching im permanenten Dringlichkeitsmodus.

Einige bekannte Gesichter aus der (ganz) rechten Ecke sind auch dabei…

In den Tagen des Festivals wird auch der rechtsextreme Christfluencer Leonard Jäger aka Ketzer der Neuzeit das Festival besuchen. Auf seinem Instagram-Kanal postet er über das Festival: “Ein großes Evangelisations-Event mitten in Berlin: Das waren gesegnete und und abenteuerliche Tage!”. Und: “And if our God is for us, then who could ever stop us”.

Quelle: Instagram / ketzerderneuzeit

Und auch von einem weiteren bekannten AfD-Unterstützer wird das Festival unterstützt: Der Prediger Markus Rapp, Leiter der Berliner Freikirche Neues Leben in Hohenschönhausen.

Rapp teilte auf seinem Youtube-Kanal (mit immerhin über 77.000 Abonennt*innen) – auf dem auch bereits mehrfach Lukas Repert zu Gast war – den Life-Stream der Abschlussveranstaltung zum City of Light. Rapp ist offener Unterstützer der AfD (zu Rapp vgl. Frontal v.24.6.2o25 ab Minute 6:10), deren Gruppe Christen in der AfD nach ihrer Abschlussveranstaltung in seiner Gemeinde zu Gast war.

Mit seinem Verein Christus für Europa betreibt Rapp den deutschen Ableger der Online-Bibelschule “International School of Ministry” (ISOM bzw. ISDD), in deren Programm auch Kurse zum sog. Seven Mountain Mandate angeboten werden. Nach dem “Seven Mountain Mandate” sollen Christ*innen auf die verschiedenen Gesellschaftsbereiche Einfluss nehmen, diese transformieren, um sie schließlich wieder mit “christlichen” Vorstellungen und Werten zu dominieren.

Mission Europa: Bootcamp für die Seelenrettung

Lukas Repert taucht als Gastredner bei Gemeinden wie ICF, Every Nation, diekreative oder der Gemeinde auf dem Weg auf. Vor einigen Jahren organisierte er sogar ein Evangelisations-Bootcamp in Tansania für Christ for all Nations – jene Missionsorganisation von Reinhard Bonnke, die jahrzehntelang Massenevangelisation perfektionierte.

Und tatsächlich endet just gleichzeitig mit City of Lights die sechswöchige School of Evangelism von Christ for all Nations in Berlin, für die Lukas Repert neben Gaby Wentland von Mission Freedom, Jean-Luc Trachsel und Ben Fitzgerald (der wiederum eine eigene Mission School, die School of Ministry der Awakening Church hat und sich von der US-Evangelikalen Trump-nahen Bethel Church aus mit seiner Organisation Awakening Europe aufgemacht, Europa zu erretten) als “Instructor” engagiert war.

Rund 30 angehende Berliner Missionar*innen wurden dort für schlappe 3.999 Euro Teilnahmegebühr darin geschult, Hemmungen zu überwinden, Fremde anzusprechen und aktiv Menschen für Jesus zu gewinnen. Seit Wochen wird entsprechend der Alexanderplatz bespielt: mal von amerikanischen Rappern, mal von Chris Schuller (Follow his Call Ministries / Encounter Nights) persönlich – der bereits am Tag 1 der City of Light aufgetreten ist – mal von jungen Missionar*innen in Ausbildung, die noch nicht gelernt haben, dass Berliner Gespräche üblicherweise nach drei ungefragten Sätzen enden.

In den USA, Brasilien oder Nigeria hätte Lukas Repert womöglich ganze Arenen gefüllt. Stattdessen wurde ihm ausgerechnet das Berliner Publikum auf das Herz gelegt: Menschen, die entweder gar kein Deutsch sprechen oder seit Jahren genug davon haben, ungefragt erklärt zu bekommen, wie sie zu leben haben. So zieht die durchschnittliche Berlinerin mit jener stoischen Gleichgültigkeit vorbei, die normalerweise nur Menschen entwickeln, die seit Jahren gleichzeitig mit Straßenmusiker*innen, Zeugen-Jehovas-Ständen, Junggesell*innen-Abschieden und BVG-Ersatzverkehr leben. Man schaut kurz hin, denkt „Aha, heute also Evangelikale“, und geht weiter zur U-Bahn.

Berlin bekehrt sich nicht? Dann eben nächste Woche wieder

Das entmutigt die Missionsbewegung allerdings kaum. Bereits am 13. Juli beginnt der zweiwöchige „Million Month“ der Awakening Church in Berlin. Frisch gestärkt vom „Empowerment Weekend“ werden erneut junge Missionar*innen mit beneidenswert schlechter Kenntnis der Berliner Mentalität auf den Alexanderplatz ausschwärmen, um Berlin zur „city of renewal, influence and hope for Germany and beyond“ zu machen.

Quelle: awakeningberlin.de

Der säkulare Gürtel Mitteleuropas gilt schließlich nicht deshalb als gefürchtet, weil man dort aufgibt, sondern weil man dort immer wieder glaubt, dass es diesmal bestimmt klappt.

Wachsam bleiben – Aufklärung tut Not!

Und dennoch: Auch wenn viele Berliner*innen schulterzuckend an diesem Event vorbeilaufen, sollten wir den Einfluss christlich-fundamentalistischer Organisationen in Deutschland nicht unterschätzen.

Auch in Berlin existiert mittlerweile ein breites Netzwerk entsprechender Gemeinden und Freikirchen mit lautstarker Social Media Präsenz. Dort geht es häufig nicht nur um einen selbstverständlich von der Religionsfreiheit geschützten persönlichen Glauben, sondern um Verbreitung anti-pluralistischer und radikal-konservativer Weltbilder. Gerade vor dem Hintergrund einer zunächst bunten und modern erscheinenden Außenfassade, ist dies für Außenstehende bzw. neu hinzutretende Personen oft kaum erkennbar. Treten dann erste Konflikte auf, ist der Ausstieg für viele alles andere als einfach.

Es heißt also: Wachsam bleiben und über diese Ideologien aufklären. Denn nicht überall, wo Hüpfburgen, Popcorn und Lobpreismusik draufstehen, ist am Ende nur ein harmloser Sonntagsausflug drin.


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