28.800 Euro Lotterie-Förderung für „von Gott beauftragten“ evangelikalen Verein Perlenschatz

Trotz antimuslimischer und radikaler Anti-Abtreibungs-Positionen?

(Titelbild: Screenshot perlenschatz.info). Perlenschatz e.V. teilt auf seiner Homepage mit, dass die Deutsche Postcode Lotterie den Verein mit 28.800 Euro fördert. Mehrere evangelikale Medien berichten ebenfalls darüber. Der Verein beschreibt sich selbst als Schutz- und Beratungsangebot für Frauen aus Einwandererfamilien, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht oder betroffen sind und will sie in ein selbstbestimmtes Leben und bei der Integration in Deutschland begleiten. Nach eigener Darstellung richtet sich das Angebot insbesondere an Frauen aus patriarchalen Familienstrukturen, wobei Musliminnen als wesentliche Zielgruppe genannt werden.

Förderung sozialen Zusammenhalts?

Mit der Förderung will der Verein für ein Jahr eine halbe Personalstelle für seine Beratungsstelle Offenbach und die Betreuung einer Schutzwohnung finanzieren. Laut Perlenschatz entschied ein Lotterie-Beirat unter Vorsitz der früheren Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über die Förderung im Förderbereich „Sozialer Zusammenhalt“.

Eine eigene Pressemitteilung oder Projektseite der Postcode Lotterie zu Perlenschatz konnten wir bislang nicht finden. In der Vereinsmitteilung wird jedoch Katja Diemer, Head of Charities der Lotterie, mit einem Statement zitiert:

„Wir freuen uns, dass wir dank unserer zahlreichen Teilnehmer*innen dieses wirkungsvolle Projekt unterstützen können.”

Wie die Postcode Lotterie zu dieser positiven Einschätzung gelangte, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob ihr bei der Entscheidung die evangelikale Ausrichtung und Vernetzung des Vereins sowie öffentliche Positionen der Vereinsvorsitzenden Anette Bauscher zu Muslim*innen, Islam und Schwangerschaftsabbrüchen bekannt waren.

Bereits 2019 dokumentierte der Blog „Dokumentieren gegen Rechts“ ausführlich die evangelikalen Netzwerke von Perlenschatz.

„Von Gott beauftragt“

Bauscher selbst beschreibt die Gründung von Perlenschatz als göttlichen Auftrag. Nach einem Gebet habe Gott ihr vor ihrem „inneren Auge“ ein Frauenhaus mit verschleierten muslimischen Frauen gezeigt. Später erklärte sie, sich „von Gott dazu beauftragt“ gesehen zu haben, ein speziell auf muslimische Frauen zugeschnittenes Frauenhaus aufzubauen.

Die christliche Ausrichtung ist auch institutionell verankert: Die Vereinssatzung nennt Seelsorge als Mittel der Arbeit sowie „soziale und christliche Werte“ und das „christliche Menschenbild“ als Grundlage. Für eine Vereinsmitgliedschaft ist die Bejahung des christlichen Menschenbildes Voraussetzung. Auch bei der Personalauswahl wird das religiöse Profil konkret: In einer über das evangelikale netzwerk-m, bei dem Perlenschatz Mitglied ist, verbreiteten Stellenausschreibung verlangt der Verein ausdrücklich „überzeugte“ Christ*innen und einen „kurzen geistlichen Lebenslauf“.

Zudem besitzt Perlenschatz das Spenden-Prüfzertifikat der Evangelischen Allianz (EAD) – einem der größten evangelikalen Netzwerkvereine in Deutschland – und präsentiert sich auf deren Allianzkonferenzen.

Zu den prägenden Personen im Umfeld des Vereins gehören u.a. die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher und der evangelikale Theologe Yassir Eric.

Schirrmacher wird vom Verein als dessen „Botschafterin“ genannt. Die Bonner Islamwissenschaftlerin ist zugleich langjährige Spitzenfunktionärin der organisierten evangelikalen Islamarbeit und leitet das Institut für Islamfragen der Evangelischen Allianz. Bauscher greift für ihre Darstellung von Islam und Frauenrechten wiederum auf Veröffentlichungen Schirrmachers zurück. Schirrmacher setzt sich in eigenen Veröffentlichungen kritisch mit dem Konzept des ‚antimuslimischen Rassismus‘ auseinander und warnt dabei vor aus ihrer Sicht zu weitgehenden Rassismus- und Schuldzuschreibungen.

Der evangelikale Theologe und frühere Muslim Yassir Eric ist Gründungsmitglied von Perlenschatz und leitet seit 2013 das Europäische Institut für Migration, Integration und Islamthemen (EIMI) an der missionstheologisch geprägten AWM Korntal. 2019 wurde er zudem in den Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz gewählt. 2024 gehörte er zu den Predigern der umstrittenen Glaubenskonferenz UNUM24 in der Münchner Olympiahalle.

Evangelikale Netzwerke ‚gegen Menschenhandel‘

Ebenfalls auf der Webseite als Botschafter von Perlenschatz genannt wird Frank Heinrich – längjähriger Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Allianz und auch heute noch Vorsitzender des evangelikal geprägten Vereins Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh).

Und so wundert es nicht, dass Perlenschatz ebenfalls in das christlich-evangelikale Netzwerk ‚gegen Menschenhandel‘ eingebunden ist, dass sich u.a. für eine Kriminalisierung der Nachfrage nach Sexarbeit einsetzt. Beim u.a. von ggmh veranstalteten Kongress „Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ auf dem pietistisch geprägten Schönblick gehörte Perlenschatz 2024 zu den Kooperationspartnern – neben weiteren Organisationen, wie beispielsweise dem Verein Bethel SOZO, der dort einen Workshop zu „Befreiungsgebeten“ anbot.

Mitveranstalter des Kongresses war zudem der seit Langem in Kritik stehende Verein Mission Freedom – dessen mittlerweile geschlossenes „Haus SeeNest“ wegen schwerer Vorwürfe der Misshandlung von Schutzbefohlenen für Schlagzeilen sorgt.

Auch beim Kongress „Freiheit 2026“ war Perlenschatz vertreten. Eine Beitragsreihe zu dem Kongress haben wir hier veröffentlicht.

„Mit der Muttermilch aufgesogen“

Bauschers Veröffentlichungen gehen weit über Kritik an fundamentalistischen Auslegungen des Islam hinaus: So schreibt sie Muslim*innen pauschal negative Eigenschaften zu und erklärt diese aus einer vermeintlich tief verankerten religiös-kulturellen Prägung.

In ihrem zweiteiligen Beitrag „Frauen im familiären Gefängnis“ in der Fachzeitschrift Kriminalistik erklärt Bauscher islamische Religion und „orientalische Kultur“ für so eng miteinander verwoben, dass kaum zu unterscheiden sei, was religiös und was kulturell bedingt sei. Das Patriarchat sei in die islamische Religion übernommen worden. Anschließend präsentiert sie Koranstellen unter Kategorien wie „Frauen als Ware“, „Sexuelle Verfügbarkeit“ und „Überlegenheit des Mannes“. Während Bauscher beim Islam problematische Textstellen als Beleg heranzieht, erklärt sie für die Bibel dagegen, darin keine Legitimation von Gewalt gegen Frauen zu finden.

Über „den gläubigen Muslim“ schreibt Bauscher: „Er hat gelernt, dass er sich Allah unterwerfen muss, die Frau dem Mann und der ‚Ungläubige‘ dem Gläubigen.“ Dieses Denken habe er „von klein auf verinnerlicht“. An anderer Stelle heißt es: „Er kennt keine Würde in dem uns bekannten Sinn, für ihn ist die Unterwerfung wichtig.“ Besonders drastisch formuliert Bauscher zum Antisemitismus: „Vor allem viele Muslime haben den Hass gegen Juden schon mit der Muttermilch aufgesogen.“

Weit mehr als legitime Religionskritik

Um das an dieser Stelle klarzustellen: Im Koran gibt es Passagen, die aus heutiger menschenrechtlicher Perspektive problematisch sind und historisch wie gegenwärtig zur Legitimation patriarchaler Herrschaft und auch körperlicher Gewalt herangezogen werden.

Das darf und sollte kritisiert werden. Zugleich gibt es innerhalb des Islams unterschiedliche Auslegungstraditionen. Insbesondere in der modernen muslimischen Exegese haben sich reformorientierte und feministische Lesarten entwickelt, die traditionelle patriarchale Interpretationen kritisieren und etwa ein aus Sure 4:34 abgeleitetes Recht des Mannes auf körperliche Gewalt zurückweisen. Betrachtet man die zahlreichen Auslegungsstreitigkeiten zu problematischen Bibelstellen sollte einleuchten, dass sich aus solchen Passagen nicht ohne Weiteres Eigenschaften heutiger Christ*innen ableiten.

Etwas anderes ist es, aus solchen Textstellen vermeintlich feststehende Eigenschaften von Muslim*innen abzuleiten. Bauschers Aussagen über „den gläubigen Muslim“, dessen angeblich fehlendes Verständnis von Würde oder einen mit der „Muttermilch“ aufgenommenen Judenhass gehen weit über Religionskritik hinaus. Derart pauschale Zuschreibungen vermeintlich tief verankerter negativer Eigenschaften aufgrund muslimischer Religions- und Kulturzugehörigkeit entsprechen zentralen Merkmalen dessen, was der von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit als Muslimfeindlichkeit beziehungsweise antimuslimischen Rassismus beschreibt.

CDU, Hans-Jürgen Irmer und der Wetzlar-Kurier

Bereits 2015 wurde Perlenschatz von der CDU-Kreistagsfraktion Lahn-Dill zu einer Gesprächsrunde eingeladen. Anschließend berichtete der mit der CDU-nahe Wetzlar-Kurier positiv über den Verein.

2019 beantragte die CDU-Kreistagsfraktion einen Zuschuss für Perlenschatz. In der politischen Beratung schaltete sich auch der rechtskonservative CDU-Politiker Hans-Jürgen Irmer persönlich ein. Irmer ist nicht nur Herausgeber des Wetzlar-Kurier: Laut Impressum verantwortet er auch Redaktion und Anzeigenabwicklung. Der Wetzlar-Kurier berichtete wiederum positiv über den Förderantrag.

Im selben Jahr veröffentlichte Bauscher im Wetzlar-Kurier ihren Beitrag „Aufstehen gegen falsche Toleranz!“. Darin schrieb sie unter anderem, im Koran gebe es keine Gleichwertigkeit von Mann und Frau und behauptete, der Koran erlaube ausdrücklich, Frauen „zu demütigen und zu schlagen“.

Auch abgesehen von den Verbindungen zu Irmer ist der Publikationsort des Artikels bemerkenswert. Die taz dokumentierte unter anderem regelmäßige große Anzeigen des Kopp-Verlags und des Vereins „Die Deutschen Konservativen“ im Wetzlar-Kurier – laut taz „beide angesiedelt in der Grauzone zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus”. Und auch wenige Seiten nach dem dort veröffentlichten Artikel von Bauscher fand sich eine Anzeige des Kopp-Verlags.

Gegen Abtreibung – und ein wissenschaftlich nicht belegtes „Syndrom“

Auch Bauschers Haltung zum Schwangerschaftsabbruch ist deutlich.

Bereits im Wetzlar-Kurier bezeichnete sie Embryonen als „Kinder im Mutterleib“. Frauen werde eingeredet, bei Ungeborenen in den ersten Wochen handle es sich zunächst um einen „Zellklumpen“: „Doch wessen Gewissen noch nicht abgetötet ist, der weiß intuitiv, dass das eine Lüge ist.“ so Bauscher.

In ihrem späteren Kriminalistik-Beitrag behauptet Bauscher, Frauen entwickelten nach Schwangerschaftsabbrüchen häufig ein „Post-Abortion-Syndrom“ und fügt hinzu, dieses gebe es „laut Abtreibungsbefürwortern angeblich nicht“.

Damit verbreitet Bauscher ein in der Anti-Abtreibungsbewegung immer wieder behauptetes angebliches Krankheitsbild, für dessen Existenz es nach internationaler Studienlage keine wissenschaftlichen Belege gibt. Auch das staatliche Gesundheitsportal familienplanung.de und das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Forschungsprojekt ELSA widersprechen der Behauptung eines eigenständigen „Post-Abortion-Syndroms“.

Bauschers Verbindungen in die organisierte Anti-Abtreibungsbewegung zeigen sich auch bei „Patin für 9 Monate“. Dabei handelt es sich um ein Angebot der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), wo Bauscher im Oktober 2026 über „Die Würde der Frau in patriarchalen Familienstrukturen“ referiert.

Nur drei Wochen später geht es dort übrigens um die sogenannte „Abtreibungspillen-Umkehr“: Demnach soll hoch dosiertes Progesteron nach Einnahme der Abtreibungspille Mifepriston deren Wirkung aufheben und die Schwangerschaft erhalten. ALfA beschreibt diese Methode selbst als „Umkehrtherapie“. Nicht erwähnt wird allerdings, dass es für die Wirksamkeit dieser Methode keine belastbaren wissenschaftlichen Nachweise gibt. Die bislang einzige randomisierte Studie wurde zudem nach schweren Blutungen bei drei von zwölf Teilnehmerinnen vorzeitig abgebrochen.

28.800 Euro – was wurde geprüft?

Frauen, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht sind, brauchen Schutz und professionelle Unterstützung. Finanzielle Mittel werden dafür nur unzureichend bereit gestellt. Die bundesweite Frauenhauskoordinierung (FHK) spricht von einem „lückenhaften, überlasteten“ Finanzierungssystem. Nach der aktuellen Frauenhaus-Statistik 2025 fehlen bundesweit weiterhin knapp 12.000 Frauenhausplätze.

An der Seriosität und Professionalität von Perlenschatz e.V. bestehen jedoch erhebliche Zweifel. Hat sich die Postcode Lotterie damit befasst?

Nach ihren eigenen Förderrichtlinien bewertet die Lotterie Projekte unter anderem nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz und Wirkung. „Ordensgemeinschaften und Kirchengemeinden sowie sonstige kirchliche Institutionen (Kirchenkreise, Kirchenverbände etc.)” sind von der Förderung ausgeschlossen. Zwar ist Perlenschatz als eigenständiger Verein nicht unmittelbar eine kirchliche Institution – aber war der Postcode Lotterie die evangelikale Ausrichtung und das spezifisch religiöse Selbstverständnis des Vereins überhaupt bekannt?

Zudem gehört zur Förderphilosophie der Lotterie die „Förderung der Vielfalt und Schutz vor Diskriminierung, Antisemitismus & Rassismus“. Umso mehr stellt sich die Frage, ob der Lotterie bei ihrer Förderentscheidung Bauschers öffentliche Aussagen über Muslim*innen bekannt waren.

Gerade bei sozialen Projekten fehlt es bei Förderentscheidungen, Kooperationen und selbst bei der Erteilung von Betriebserlaubnissen häufig an Sensibilität für die Risiken christlich-fundamentalistischer Organisationen. Diese Lücken ermöglichen es entsprechenden Akteur*innen, ihr Engagement zunehmend auf Bereiche der Sozialen Arbeit auszuweiten. Darauf haben wir bereits in unserer im vergangenen Jahr veröffentlichten und von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderten Handreichung „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit“ hingewiesen.

Die Förderung von Perlenschatz e.V. durch die Postcode Lotterie scheint ein weiterer Fall zu sein, der den Bedarf an mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen unterstreicht.

Zwischen Junger Union, christlicher Rechter und Rechtsextremismus

Kooperation zwischen rechtspatriotischer Plattform „Gemeinsam Deutschland Gestalten“ (GDG) und rechtem Christfluencer Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“)?

(Quelle Titelbild: Instagram, gdg.bund). Der selbsternannte Christfluencer und Szeneinfluencer der Neuen Rechten Leonard Jäger (aka „Ketzer der Neuzeit“) steht offenbar vor einer Zusammenarbeit mit der rechtspatriotischen Plattform „Gemeinsam Deutschland Gestalten“ (GDG) bzw. dem mit dieser verbundenem Podcast „Stolz & Vorurteile„.

Auf Instagram veröffentlichte GDG am 09.09.2026 ein gemeinsames Foto von GDG-Kopf und Unions-Mitglied Benedict Doege mit Jäger und kündigte ein gemeinsames Vorhaben an mit den Worten:

„Da kommt was Großes auf euch zu…“ .

Worum es konkret geht, ist bislang nicht bekannt. Doch bereits bisher weist GDG Verbindungen und Überschneidungen bis in die extreme Rechte auf.

Mit Jäger kommt nun ein reichweitenstarker rechtschristlicher Influencer hinzu, der selbst eng in Neurechte und extrem Rechte Netzwerke eingebunden ist.

JU-Funktionär als Kopf von GDG

GDG hat sich innerhalb kurzer Zeit zu einer reichweitenstarken rechten Social-Media-Plattform entwickelt. Die Initiative tritt unter anderem für mehr Nationalstolz und konsequentere Abschiebungen sowie gegen das Gendern und eine von ihr so bezeichnete „linkswoke“ Politik ein. Inzwischen existieren auch zahlreiche lokale Ableger.

Als Kopf von GDG gilt Benedict Doege, Vorsitzender der Jungen Union Köln-Lindenthal. Bekannt wurde er zunächst mit dem Projekt „Gegen das Gendern“, das er nach eigener Darstellung 2021 aus „Frust über die woke Politik und den erzwungenen Zeitgeist“ gründete. Bereits 2023 verbreitete „Gegen das Gendern“ das Video einer rechten Störaktion gegen den Kölner CSD.

Dabei gibt es inzwischen mehrere Berührungspunkte zur extremen Rechten. Doege geriet 2025 wegen einer von ihm organisierten „patriotischen Wanderung“ zum Hermannsdenkmal in die Kritik. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministeriums nahmen daran auch Personen aus dem rechtsextremen Spektrum teil.

Die Kölner CDU distanzierte sich von der Veranstaltung. Doege selbst wies eine Nähe zum Rechtsextremismus zurück. Doch das scheint angesichts weiterer dokumentierter Verbindungen – mindestens – fraglich.

Verbindungen bis in die extreme Rechte

GDG und die eng damit verbundenen Aktivitäten von Benedict Doege weisen inzwischen eine Reihe dokumentierter Verbindungen und Überschneidungen bis in die extreme Rechte auf.

Besonders deutlich wurde dies bereits bei der bereits erwähnten von Doege im Oktober 2025 organisierten „patriotischen Wanderung“ zum Hermannsdenkmal, über die u.a. die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Köln berichtet. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministeriums nahmen daran auch Rechtsextremisten teil, darunter Personen aus dem Umfeld der „Aktion Hermannsland“. Die neonazistische „Freischar Westfalen“ hatte zuvor für die Veranstaltung geworben. Auch mehrere AfD-Akteure nahmen teil, darunter ein späteres Mitglied des Bundesvorstands der neuen AfD-Jugend „Generation Deutschland“.

Zufall? Auf Instagram finden sich unter den von GDG sowie Doeges Projekt „Gegen das Gendern“ gefolgten Profilen der rechtskonservativen und libertären Szene auch zahlreiche Akteur*innen des rechten bis extrem rechten politischen Influencer-Milieus. Darunter etwa das neurechte Magazin „Krautzone“, die rechte Influencerin Michelle Gollan („eingollan“) und die rechtsextreme Frauengruppe Lukreta. Letztere wird vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen beobachtet, ist aus dem Umfeld der Identitären Bewegung hervorgegangen, propagiert „Remigration“ und ist eng mit AfD-Strukturen vernetzt.

„Patriotische Wanderung“ am 03.10.2026 zur Wartburg

Laut einer aktuellen Recherche des RechercheNetzwerks.Berlin ist Doeges Medienprojekt „Gegen das Gendern“ zudem „eng verbunden“ mit der sogenannten „Patriotischen Bewegung“. Deren Berliner Ableger „Berliner Patrioten“ entstand laut der Recherche im Umfeld offen neonazistischer Jugendgruppen wie „Deutsche Jugend Voran“ und „Jung und Stark“, bekennt sich zur AfD und unterstützte deren Wahlkampf.

Und: Bereits für den 03.10.2026 ruft GDG erneut zur „patriotischen Wanderung“ auf. Dieses Mal zur Wartburg in Eisenach. Der Aufruf wird bereits von diversen rechten Gruppen geteilt.

Quelle: Instagram

Junge-Union-Vorsitzender als Brückenkopf zur extremen Rechten?

Bemerkenswert ist dabei Doeges gleichzeitige Verankerung in der CDU und Jungen Union.

Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz weist darauf hin, dass nach seiner Einschätzung „patriotische Gruppierungen“ zwar nicht per se rechtsextrem seien, betont aber, dass solche Gruppierungen eine „Brückenfunktion zum Rechtsextremismus“ übernehmen könnten.

Bei GDG stellt sich angesichts der dokumentierten Überschneidungen die Frage nach einer solchen Brückenfunktion besonders deutlich. Insbesondere auch, da Doege als Unionsfunktionär agiert, während seine politischen Projekte zugleich Anschlussstellen zu AfD-Akteur*innen und bis in die extreme Rechte aufweisen.

Kooperation mit Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“)

Mit Leonard Jäger kommt nun offenbar ein Akteur hinzu, der rechte Politik, christlich-fundamentalistische Positionen und rechtschristliche Netzwerke miteinander verbindet.

Nach Recherchen des ARD-Magazins Monitor stuft der Berliner Verfassungsschutz Jäger als „Szene-Influencer“ der Neuen Rechten ein. Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg führte ihn 2025 zudem als einen der „Protagonisten“ aus dem Bereich Rechtsextremismus beziehungsweise verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates auf.

Gleichzeitig ist Jäger eng mit dem christlich-libertären und rechtschristlichen Milieu vernetzt. Zu seinen freundschaftlichen Kontakten gehören etwa die Christfluencerin Jasmin Friesen („Liebe zur Bibel“), der AfD-nahe Prediger Tobias Riemenschneider oder auch Lukas Furch – der Promoter der erfolgreichen evangelikalen Jesus-Serie „The Chosen“, der mittlerweile auch für Frauke Petry und ihre Partei „Team Freiheit“ tätig ist.

Verbindungen ergeben sich auch in die sogenannte „Pro-Life-Bewegung“: Gerade erst war Kristijan Aufiereo – Gründer und Geschäftsführer von 1000plus-Profemina und Herausgeber von Corrigenda sowie bereits seit langem eng mit der Bewegung und dem Anti-Abtreibungs-„Marsch fürs Leben“ verbunden – in Jägers Podcast zu Gast. Im Bundestag war Aufiero als Sachverständiger für die AfD geladen. Zu den Gästen in Jägers Podcast gehörten in der Vergangenheit auch der bereits erwähnte Tobias Riemenschneider und Lukas Furch – ebenso wie der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner.

Die Junge Union: „Wendepunkt“ und „Brücke“ zugleich?

Bemerkenswert ist auch Doeges unmittelbares Umfeld in der Jungen Union. Einer seiner Stellvertreter in der JU Köln-Lindenthal ist Dennis Splitt, Gründer und Vorsitzender von „Wendepunkt Deutschland“.

Im Vorstand von „Wendepunkt Deutschland“ sitzt mit Matthias Büschges zugleich der Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Kölner Stadtrat. Wegen dieser Zusammenarbeit leitete die Kölner CDU ein Parteiausschlussverfahren gegen Splitt ein. Ein Abschluss des Verfahrens ist öffentlich bisher nicht bekannt.

„Wendepunkt Deutschland“ wurde im Dezember 2025 gegründet und von Beginn an in Medienberichten als Anlehnung an Turning Point USA eingeordnet, deren Mitgründer und prägende Figur Charlie Kirk rund drei Monate zuvor ermordet worden war. Kirk hatte Turning Point USA zu einer der einflussreichsten Organisationen der amerikanischen MAGA-Bewegung aufgebaut. Die Gründung von Wendepunkt Deutschland erfolgte zeitgleich mit der jährlichen Großkonferenz von Turning Point USA in Phoenix.

Kritik aus der Union – bislang ohne Konsequenzen für Doege

Zwar scheinen die Aktivitäten Doeges auch innerhalb der Union nicht unumstritten. Während gegen Splitt wegen seiner Zusammenarbeit mit einem AfD-Funktionär bei „Wendepunkt Deutschland“ immerhin ein Partei- und JU-Ordnungsverfahren eingeleitet wurden, hatten Doeges Aktivitäten bislang offenbar keine parteiordnungsrechtlichen Konsequenzen.

Nach der Teilnahme von Personen aus dem rechtsextremen Milieu an seiner letztjährigen „patriotischen Wanderung“ distanzierten sich die Junge Union NRW und die Kölner CDU von der Veranstaltung. Die Junge Union NRW teilte mit, man habe Doege daraufhin zum Gespräch gebeten – er habe dabei „glaubhaft versichert„, die entsprechenden Personen nicht gekannt zu haben.

Ob diese Darstellung – erst recht angesichts der inzwischen dokumentierten Verbindungen und neuen Aktionen von Doeges Projekten – trägt, muss bezweifelt werden. Die nun angekündigte Zusammenarbeit mit Leonard Jäger verschärft diese Zweifel zusätzlich.

 

 

Sexarbeitsfeindlichkeit in der christlichen Rechten

Webtalk am 16.03.2026 ab 19 Uhr bei DIE LINKE.queer – Umgang mit Sexarbeit? Ein umstrittenes Thema…

Eine Anmeldung zum Webtalk ist unter anmeldung@dielinke-queer.de möglich. Der Einwahllink wird kurz vor Beginn der Veranstaltung versendet.

Scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen zum Thema Sexarbeit inklusive Forderungen einer Kriminalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen sind gerade wieder besonders laut.

Vor allem aus dem Kreise der CDU/CSU – und zahlreichen christlich-fundamentalistischen Akteur*innen – wird in einer stark emotionalisierten, weitgehend nicht faktenbasierten Debatte die Einführung eines sogenannten „Nordischen Modells“ oder „Sexkaufverbots“ gefordert. Die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen soll demnach kriminalisiert werden – das Anbieten entsprechender Dienstleistungen hingegen angeblich nicht. Sexarbeiter*innen weisen diese Forderung zurück – und stehen damit nicht allein.

Fachverbände – darunter auch die Diakonie Deutschland – lehnen ein solches Modell entschieden ab. Da es die Situation von Sexarbeiter*innen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen maßgeblich verschlechtert.

Wer meint, dieses „unbequeme“ Thema gehe einen selbst ja nichts an: Die Mobilisierung gegen Sexarbeit ist nur die Spitze eines riesigen Eisbergs. Wer verstehen will, wie Akteur*innen gesamtgesellschaftlich an Einfluss gewinnen, die eine vielfältige Gesellschaft teils deutlich verachten, wird bei dem Thema fündig.

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Wo sich (eigentlich) alle einig sein sollten…

Wo sich eigentlich alle, denen es tatsächlich und nicht nur überflächlich um Schutz & Unterstützung für Sexarbeiter*innen geht, einig sein sollten:

Eine sachliche Auseinandersetzung sollte Sexarbeiter*innen einbeziehen. Sie werden durch die christliche Rechte aber oft pathologisiert und viktimisiert. Dies und die Ausnutzung marginalisierter Menschen als „Rettungsobjekte“ sowie eine auf Emotionalisierung ausgerichtete Debatte verbieten sich eigentlich, und sind doch erschütternd oft an der Tagesordnung.

Vermeintlich einfache „Lösungen“, wie etwa die von CDU/CSU – und zahlreichen christlich-fundamentalistischen Akteur*innen – geforderte Einführung einer Kriminalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen, werden dem Thema nicht gerecht.

Auch die Diakonie Deutschland lehnt sogenanntes „Nordisches Modell“ ab…

Mit zahlreichen Fachverbänden lehnt übrigens auch die Diakonie Deutschland eine Krimininalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen ab.

In einer Stellungnahme der Diakonie Deutschland vom 10.09.2024 zum Antrag der CDU/CSU „Menschenunwürdige Zustände in der Prostitution beenden – Sexkauf bestrafen“ (Drucksache 20/10384 vom 20.02.2024) heißt es:

„Der vorgeschlagene Weg, den Sexkauf nach dem Vorbild des Nordischen Modells zu bestrafen, ist jedoch nicht dazu geeignet, das postulierte Ziel zu erreichen. Es führt vielmehr dazu, dass sich die Lebenssituation von Frauen, Männern und Transpersonen in der Prostitution durch die Kriminalisierung des Sexkaufes und das Verbot von Prostitutionsstätten maßgeblich verschlechtert.“

…und kritisiert die Emotionalisierung der Debatte

Deutliche Worte findet die Diakonie auch zur bereits erwähnten Emotionalisierung der Debatte:

„Mit Aussagen wie: ‚Für eine hohe sechsstellige Zahl bedeutet dies faktische totale Abhängigkeit von Zuhältern … beherrscht von organisierter Kriminalität … führt zu bleibender Traumatisierung und gravierenden irreversiblen körperlichen und seelischen Schäden‘ wird eine Darstellung von Prostitution und Menschen in der Prostitution gewählt, die wirkmächtige Bilder erzeugt, jedoch nicht belegbar ist.“

Sexarbeitsfeindlichkeit auch in der Linken und im weißen Feminismus

Solchen scheinbar „wirkmächtigen Bildern“ verfallen übrigens immer wieder auch linke Kreise und Gruppen des weißen Feminismus.

Diese haben – für viele vielleicht überraschend – bei diesem Thema auch keine Probleme damit, mit christlichen Fundamentalist*innen Allianzen zu schmieden.

Radikale Abtreibungsgegner*innen, Gegner*innen geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung Arm in Arm mit radikalen Feminist*innen … das finden wir bei Themen wie Sexarbeit, Gender, Hijab oder Leihmutterschaft häufig vor.

"Linkegegenprostitution" läd eine SPD-Politikerin ein, die eng mit christl.-fundamentalist. Netzwerken zusammenarbeit. SPD Berlin läd die Vorsitzende des Vereins "El Faro" zum Thema Opferschutz ein, obwohl gegen diesen massive Missbrauchsvorwürfe erhoben werden. WAS WAR DA LOS? –> buff.ly/r8e0KHt

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2026-03-06T05:30:06.910Z

Und die Medien…?

Medien spielen in dieser emotionalisierten Debatte übrigens überwiegend keine positive Rolle:

Belgien, das Sexarbeit entkriminalisierte und so Arbeitsrechte ermöglichte, wird in der gängigen Berichterstattung ebensowenig erwähnt wie fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse. Stattdessen kreist die Berichterstattung um herabwürdigende Stockfotos, Skandale und rührende Einzelschicksale, die zudem oft nicht überprüft werden können. False Balance, ein durchgehendes Gut/Böse-Schema, sowie mangelnde Zugänge bei der Recherche tragen zu einer zutiefst unsachlichen und polarisierten Debatte bei.

Mehr zum „Belgischen Modell“ in diesem Beitrag.

Meta-Studie der Diakonie Deutschland

So bleibt auch die von der Diakonie Deutschland 2024 herausgegebene Meta-Studie „Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter:innen in ausgewählten Ländern –
Eine Zusammenstellung internationaler wissenschaftlicher Forschungsergebnisse“
weitgehend unerwänt.

Aus dem Vorwort der Studie:

„Damit liegt erstmals eine Übersichtsstudie vor, die maßgeblich zur Versachlichung der Debatte beitragen kann und auf deren Grundlage neue gesetzliche Rahmenbedingungen diskutiert werden können, die der Diversität der Menschen in der Prostitution gerecht werden. Ein komplexes Thema kann nur gut geregelt werden, wenn komplexe Lösungen erarbeitet werden. Ein Verbot von Prostitution vergrößert die Probleme von Menschen in der Prostitution. Die vorliegende Studie leistet einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierten und sachlichen Diskussion.“

Wohl treffender: Die Studie KÖNNTE einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierten und sachlichen Diskussion leisten – würde sie denn dabei Beachtung finden…

Dasselbe trifft auf den umfangreichen, wissenschaftlichen Evaluationsbericht des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsens (KFN) zum 2017 in Kraft getretenen Prostituiertenschutzgesetz zu. Weder das umfangreiche Gutachten zur Freiwilligkeit, noch die umfangreiche Datenerhebung fand der deutsche Journalismus sonderlich erwähnenswert. Ganz anders sah das 2023 bei einer Auftragsstudie der Anti-Sexarbeits-Bewegung aus, die in vielen Medien besprochen wurde. Wir fragen uns: Liegt das daran, dass es leichter ist, seinen Bestätigungsfehler zu pflegen als sich mit einem komplexen und umfangreichen Thema diskriminierungssensibel zu befassen?

Eine abschließende Anmerkung…

Befürworter*innen eines „Nordischen Modells“ heben immer wieder hervor, dass dieses – neben einer Kriminalisierung der Nachfrage – ja auch soziale Unterstützung, Beratung, Wohnraum, Existenzsicherung uvm. für Sexarbeiter*innen beinhalten solle.

Warum also werden dann die bereits vorhandenen Beratungsangebote ständig gekürzt, statt sie bereits heute besser finanziell auszustatten? Das wäre jederzeit möglich.


Weitere Beiträge zu dem Thema:

Christliche Fußballinfluencer*innen zur Missionierung – Geistlicher Kampf mit Fußball?

ARD löschte nach Programmbeschwerde Reel und passte Bericht an -Was steckt dahinter und welche Rolle spielten Verbindungen von „Fußball mit Vision“ in die Politik?

Bereits vor einigen Monaten berichteten die Faktenfinder der Tagesschau, wie christliche Fundamentalist*innen Fußballprofis zur Missionierung einsetzen.

Es folgte viel Aufregung und eine Programmbeschwerde des CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Volkmann (Enkelsohn von Helmut Kohl). Laut Volkmann beinhalte der Artikel eine „Missachtung religiöser Überzeugungen“, da dieser „gezielt christliche Bekenntnisse mit einem negativen Werturteil versieht und dabei Grundsätze journalistischer Sachlichkeit oder Ausgewogenheit außen vorlässt“.

Eine inhaltliche Debatte zu den von den thematisierten Organisationen verbreiteten christlich-fundamentalistischen Ideologien und deren aufgezeigten Verbindungen blieb hingegen zunächst nahezu vollständig aus.

Dabei hätten die gut recherchierten Kritikpunkte dazu allen Anlass geboten: Ein Glaube an Dämonen, Exorzismen, Prophezeiuungen und Wunderheilungen, mit dem zunächst Fußballer*innen missioniert werden, die dann als Fußballstars wiederum insbesondere junge Menschen auch an Schulen missionieren sollen?

Und das durch Organisationen, die wie z.B. die Trump-nahe Bethel Church oder ihr deutscher „Ableger“ Awakening Church interntional bestens vernetzt sind und dafür stehen, ihr eigenes christlich-fundamentalistisches und antipluralistisches Glaubensverständnis in allen Gesellschaftsbereichen zur Vorherrschaft bringen zu wollen? Was ist da los?

Stattdessen fokussierte sich die Debatte auf die vermeintliche Diskriminierung „christlicher Glaubensüberzeugungen“. Die Webseite „Dokumentieren gegen Rechts“ hat den Vorgang bereits ausführlich dargestellt.

Mittlerweile hat das Thema zu weiterer kritischer Berichterstattung geführt: Unter anderen die Journalist*innen Dina Falken und Felix Michaelis widmeten sich bei Belltower News in zwei Teilen hier und hier den missionierenden Fußballer*innen, ihren Netzwerken und ideologischen Hintergründen.

Wir gehen in diesem Beitrag noch einmal explizit auf das Netzwerk Fußball mit Vision, dem dahinter stehenden Verein Sporler ruft Sportler (SRS) und deren Verbindungen in die Politik ein. Denn dies lässt die Programmbeschwerde des CDU-Abgeordneten Johannes Volkmann durchaus noch einmal in einem „besonderen“ Licht erscheinen…

Alles bleibt wie es ist – die rechtspopulistischen Eiferer jubeln dennoch…

Zunächst vorab: Die Programmbeschwerde von MdB Volkmann wurde abgewiesen.

Dennoch hat Tagesschau den Bericht angepasst, das auf Social Media geteilte Reel wurde gelöscht. Zur Begründung heißt es laut Welt:

„Der Sender habe sich aber dennoch entschlossen, den Artikel auf „tagesschau.de“ zu überarbeiten, da durch „einzelne Formulierungen der Eindruck entstehen könnte, wir würden Missionsarbeit generell einen Vorwurf machen“. Da sich das Instagram-Video nicht nachträglich bearbeiten lasse, habe man es entfernt.“

Insbesondere auf rechtspopulistischen Seiten wie Nius und der Jungen Freiheit sowie auf Accounts der „üblichen“ Influencer*innen der christlich-fundamentalistischen rechtschristlichen Szene wie Jasmin Friesen oder Johannes Hartl herrschte großer Jubel.

Doch tatsächlich wurde NICHTS im überarbeiteten Artikel zurückgenommen – allenfalls wurden Präzisierungen vorgenommen, wie dieser Dokumentenvergleich zeigt.

Harmlose Glaubensverkündung oder antipluralistische Gesellschaftstransformation?

Die Kritik der Tagesschau an den hinter der Missionsarbeit der thematisierten Vereine stehenden christlich-fundamentalistischen Ideologien und deren Zielen ist hinter der Debatte um vermeintlich „religionsfeindliche“ Berichtertstattung zunächst völlig in den Hintergrund getreten. Dabei wäre eine Debatte darüber tatsächlich dringend geboten.

Die Tagesschau wies darauf hin, sie habe Missionsarbeit „nicht generell einen Vorwurf machen“ wollen.

Kritik an einer Missionsarbeit, die auf christlich-fundamentalistische Ideologien beruht, die sich letztlich auch gegen unsere pluralistische Gesellschaft insgesamt richtet, also vorrangig eine Ausgrenzung anderer betreibt, ist jedoch völlig berechtigt und dringend geboten. Gerade auch Christ*innen sollten sich aufgerufen fühlen, sich zu derartigen Glaubensvorstellungen klar zu positionieren.

Ein empfehlenswerter Artikel von Mascolo et al. in „The Christian Right in Europe“ beschäftigt sich mit der christlichen Rechten. Dort werden Ideologien und Strategien beschrieben, die wir bei Fußball mit Vision wiederfinden. Besorgniserregend: Diese Entwicklungen vollziehen sich weitgehend unbemerkt und doch manipulieren und beeinflussen sie den gesellschaftlichen Diskurs bewusst.

Zudem wächst innerhalb des Christentums eine Bewegung stark, die sich zur „Ausbreitung des Reichs Gottes“ auf Erden berufen sieht. Die Vikarin Dr. Maria Hinsenkamp hat in ihrer Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ für diese religiöse Ausrichtung den Begriff einer „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: KiNC) entwickelt.

Nach den Vorstellungen dieser KiNC sollen die verschiedenen Gesellschaftsbereiche – darunter auch der Gesellschaftsbereich „Kunst und Unterhaltung“ (also auch „Sport“) – wieder unter christliche Vorherrschaft gebracht und im Sinne des „Reichs Gottes“ transformiert werden. Es geht also explizit nicht um die Einbringung einer Meinung in den demokratischen Diskurs, sondern um eine Vorherrschaft bzw. Dominanz der eigenen Überzeugungen.

Das „Reich Gottes“ soll sich somit immer weiter ausbreiten, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Jesus auf die Erde zurückkehrt. Die Idee dieser Strategie geht zurück auf eine vermeintlich vom „Heiligen Geist“ offenbarte Vision, das sogenannte „Seven Mountain Mandate„ (vgl. auch hier).

Wie real und präsent diese Ideologie bereits auch in Europa ist, zeigt u.a. auch eine aktuelle Predigt von Leo Bigger aus der v.a. in der Schweiz und Deutschland massiv gewachsenen Megakirche ICF (International Christian Fellowhip) zum „geistlichen Kampf“:

Screenshot auf Live-Übertragung einer Predigt aus der ICF Zürich mit Leo Bigger vom 26.10.2025. Bühne, im Hintergrund zwei Krieger in Kampfausrüstung und Schrift "Geistlicher Kampf": https://www.youtube.com/watch?v=VA56tlvw0GA

Quelle: Screenshot Screenshot Predigt aus der ICF Zürich mit Leo Bigger vom 26.10.2025, Youtube-Kanal ICF.

Kritik an dem christlichen Duo O’Bros (die sich insbesondere auf deren Verbindungen in rechtspopulistische Kreise bezog) wird dabei ebenso brüsk – und freilich ohne auf die Kritik inhaltlich einzugehen – zurückgewiesen, wie die Kritik an den missionierenden Fußballer*innen – alles nur „Angriffe des Feindes“.

Ganz offen wird sich in der mit Kampfesrhetorik durchsetzten Predigt stattdessen zur Ideoligie des „Seven Mountain Mandate“ bekannt:

Quelle: Screenshot Screenshot Predigt aus der ICF Zürich mit Leo Bigger vom 26.10.2025, Youtube-Kanal ICF.

Die Geschichte von „Sportler ruft Sportler“ und „Fußball mit Vision“

Fußball mit Vision ist um 2022 als Projekt aus dem Verein Sportler ruft Sportler (SRS) unter Leitung von Manuel Bühler, ehemaliger Fußballprofi beim 1. FC Nürnberg und 1860 München, gestartet worden.

Die Strategie: „Wir leben das Reich Gottes im Sport„. Mittlerweile hat der wiederum aus dem Missionswerk Neues Leben hervorgegangene Verein SRS Gruppen in über 20 Sportarten.

Bühler selbst kam laut eigenen Angaben über Kontakte mit Zé Roberto zum Glauben. Denn SRS und Fußball mit Vision sind nicht nur nach außen missionarisch aktiv. Sie bieten auch Profifußballer*innen, die regelmäßig unter hohem Leistungsdruck stehen, mit Gebetskreisen u.v.m. – vermeintlich – eine „geistliche Heimat“ und freundschaftliche Beziehungen, die im Profisport sicher nicht einfach zu finden sind.

Profifußballer*innen eignen sich aber auch als Identifkationsfiguren zur Missionierung besonders gut. Gerade auch zum Missionieren unter jungen Menschen.

Und dessen ist sich die christlich-fundamentalistische „Szene“ durchaus bewusst: Das evangelikale christlich-fundamentalistische Schweizer Magazin jesus.ch – das auf seiner Webseite auch Geschichten von Personen bewirbt, die ihre Homosexualität nicht ausleben und daran glauben, dass „die Bibel ihnen Heteronormativität vermittelt“ – hat gleich ein ganzes Dossier zu „Fußball und Glaube“ veröffentlicht. Mit zahlreichen Bekehrungs- und „Erfolgsgeschichten“…

Es wundert kaum – beunruhigt indes umso mehr -, dass Fußball mit Vision sich besonders (und scheinbar durchaus erfolgreich) um Auftritte in Schulen bemüht. Entsprechendes gilt für SRS, wobei die Auftritte an Schulen häufig vermeintlich „neutral“ als „Sozialkompetenztraining“ vermarktet werden, wie hier am Landesmusik-Gymnasium Rheinland-Pfalz.

Gesellschaftstransformation durch Mission?

Dass es bei SRS und Fußball mit Vision um Mission geht, ist offensichtlich. SRS ist auf seiner Webseite hierzu sehr deutlich:

„Sport bietet Christen eine kraftvolle Möglichkeit, den Glauben in die Gesellschaft zu bringen.“

Wer den Vereinen SRS und Fußball mit Vision nachgeht findet diese vorwiegend im christlich-fundamentalistischen Umfeld, worauf der ARD-Bericht bereits eingeht. Und das zeigt eben auf, dass dort hochproblematische Ideologien vermittelt werden – sowohl gegenüber Fußballer*innen als auch deren Fans.

Verbindungen zur internationalen Organisation Ballers in God, zum europäischen „Vertreter“ der Bethel Church in Europa, Ben Fitzgerald von der Awakening Church und Awakening Europe, sowie zu homophoben Äußerungen des BVB-Spielers Felix Nmecha wurden dort bereits aufgezeigt.

Bühler, der Leiter von Fußball mit Vision, gab dieses Jahr dem „Christlichen Onlinekongress“ ein Interview. Teilnehmende des Kongresses waren u.a.: Der neurechte Peter Hahne und der AfD-nahe Evangelist Lothar Gassmann. Letzterer rief nach der Ermordung des rechtsextremen Charlie Kirk in Anlehnung an dessen Initiative „Turning Point USA“ zur Gründung eines Vereins „Wendepunkt Deutschland“ auf. Bühler scheint kein Problem damit zu haben, sich in solchen Kreisen zu bewegen.

Auch die von SRS gestartete „Werteoffensive“ (Archivlink, Original zwischenzeitlich entfernt) macht hellhörig:

„Der christliche Glaube an Gott als Schöpfer, an Jesus Christus als Erlöser und den Heiligen Geist als Motivator, ist Ausgangspunkt und Wertemaßstab unseres Handelns.“

Und dann kommt noch viel Geld…

Auch der evangelikale Christ Friedhelm Loh, einer der reichsten Deutschen (aktuell ca. $ 13 Mrd.), teilt dieses Anliegen:

Mit der Rittal Foundation und der Wertestarter – Stiftung für christliche Wertebildung sowie zahlreicher Aktivitäten in weiteren Stiftungen ist er bedeutender Mäzen vieler evangelikaler Organisationen und Projekte im Sozial- und Bidungsbereich. Sein Bruder Joachim Loh unterstützte mit seiner Firma Hailo diesen Sommer erst das „Macher Festival“ der Real Life Guys.

Und so wundert es eigentlich kaum, dass Lohs Wertestarter auch den Verein SRS unterstützen, der – übrigens ebenso wie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – offiziell zu den Kooperationspartnern der Wertestarter gehört.

In der Verfassung der Stiftung begründet Friedhelm Loh sein Engagement:

„Der christliche Glaube hat in vielen gesellschaftlichen Bereichen seine prägende Kraft verloren. Die nachwachsende Generation erfährt auch in ihren Familien keine, am christlichen Glauben orientierte, Wertebildung. Dies hat mich, Friedhelm Loh
veranlasst, die Stiftung für Christliche Wertebildung zu gründen. Sie will helfen, dass einerseits in Kindergärten, Schulen und in der außerschulischen Jugendbildung und andererseits in der Qualifizierung von Mitarbeitenden in den pädagogischen
Handlungsfeldern, Bildungsräume zu einer am christlichen Menschenbild orientierten Wertebildung eröffnet werden.“

Das „gesellschaftstransformatorische“ Engagement der Wertestarter wird fortlaufend evaluiert, wie hier im Evaluationsbericht (S. 10) ersichtlich: Die 7 Stufen der Wirkungstreppe: „Aktivitäten finden wie geplant statt“ bis „Die Gesellschaft verändert sich“ (Quelle: https://wertestarter.de/media/downloads/A4-Wirkungsanalyse-022024.pdf, S. 10):

Gute Verbindungen in die Politik

Im Kuratorium der Wertestarter sitzt ein alter „Politik-Bekannter“: der ehemalige MdB Volker Kauder, CDU, ebenfalls eng verbunden mit der evangelikalen Szene. Und Parteikollege der Person, die gegen den ARD-Bericht Programmbeschwerde einlegte: Nämlich Johannes Volkmann, CDU, MdB & Enkel von Helmut Kohl und gewählt über den Wahlkreis Lahn-Dill – in dem übrigens auch die Stadt Haiger, der Wohnort von Friedhelm Loh, liegt.

In Haiger hat des Weiteren auch die Firma „Franz Hof GmbH“ ihren Sitz. Geschäftsführerin Katja Hof, die erst dieses Jahr auch auf dem dem Kongress Christlicher Führungskräfte des rechtspopulistischen idea-Magazins – dessen Gründung ebenfalls aus der Familie Loh unterstützt wurde – aufgetreten ist, ist Schwägerin von Gerhard Kehl aus der Kemptener Alpen Church.

Kehl ist wichtiges Bindeglied zur US-evangelikalen Bethel Church. Die Organisation Awakening Europe vom Bethel-Prediger ben Fitzgerald hat weiterhin ihr Impressum an Kehl’s Alpenchruch, von wo aus er schließlich die G5 Gemeinde Eimeldingen übernahm und die Awakening Church gründete.

Kehl selbst war neben Fadi Krikor, u.a. vomFather’s House for all Nations und Deutschland betet, einer der beiden Initiatoren derUNUM24. Auf Einladung von Kehl und Krikor trat dort der rechtschristliche Trump-Unterstützer Bill Johnson, Leiter der Bethel Church, als einer der Star-Gäste auf. Pressesprecherin der UNUM24 war die queerfeindliche und rechtschristliche Birgit Kelle.

Die „Szene“ ist eben sehr vernetzt…

Fazit

Gibt es Zusammenhänge zwischen den Verbindungen von MdB Johannes Volkmann zum Verein SRS und Fußball mit Vision und der Programmbeschwerde? Es gibt Anzeichen, aber wir können es derzeit nicht konkret(er) belegen.

Hinter scheinbar harmlos ihren Glauben bekundenden Fußballer*innen scheint jedoch offenbar deutlich mehr zu stehen, als eine persöniche Glaubensüberzeugung. Und die Glaubensüberzeugungen, die in dem beschriebenen Umfeld vorherrschen, geben Grund zur Sorge und zu Widerspruch. Gerade WEIL wir Religions- UND Weltanschauungsfreiheit in unserer pluralistischen Geselschaft einen hohen Stellenwert einräumen.

Schließlich sind die bisher thematisierten Vereine Ballers in God, Sportler ruft Sportler und Fußball mit Vision auch kein Einzelfall. Auch die internationale evangelikale City Changer Movement, die in Deutschland v.a. als Die Stadtreformer unterwegs ist und zahlreiche niederschwellige lokale Angebote (häufig unter dem Namen „Gemeinsam für…“ und dem jeweiligen Städtenamen) unterstützt, setzt u.a. mit Unterstützung von Organisationen wie dem Christlichen Fußballernetzwerk (CFN) auf Sport als Missionierungsintsrument (dazu in Kürze mehr…).

Es wäre wünschenswert, wenn Medien diesen Anzeichen einer (letztlich antidemokratischen) christlich-fundamentalistischen Bewegung im Deutschland mehr nachgehen würden.

Wir unterstützen gern!

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