28.800 Euro Lotterie-Förderung für „von Gott beauftragten“ evangelikalen Verein Perlenschatz

Trotz antimuslimischer und radikaler Anti-Abtreibungs-Positionen?

(Titelbild: Screenshot perlenschatz.info). Perlenschatz e.V. teilt auf seiner Homepage mit, dass die Deutsche Postcode Lotterie den Verein mit 28.800 Euro fördert. Mehrere evangelikale Medien berichten ebenfalls darüber. Der Verein beschreibt sich selbst als Schutz- und Beratungsangebot für Frauen aus Einwandererfamilien, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht oder betroffen sind und will sie in ein selbstbestimmtes Leben und bei der Integration in Deutschland begleiten. Nach eigener Darstellung richtet sich das Angebot insbesondere an Frauen aus patriarchalen Familienstrukturen, wobei Musliminnen als wesentliche Zielgruppe genannt werden.

Förderung sozialen Zusammenhalts?

Mit der Förderung will der Verein für ein Jahr eine halbe Personalstelle für seine Beratungsstelle Offenbach und die Betreuung einer Schutzwohnung finanzieren. Laut Perlenschatz entschied ein Lotterie-Beirat unter Vorsitz der früheren Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über die Förderung im Förderbereich „Sozialer Zusammenhalt“.

Eine eigene Pressemitteilung oder Projektseite der Postcode Lotterie zu Perlenschatz konnten wir bislang nicht finden. In der Vereinsmitteilung wird jedoch Katja Diemer, Head of Charities der Lotterie, mit einem Statement zitiert:

„Wir freuen uns, dass wir dank unserer zahlreichen Teilnehmer*innen dieses wirkungsvolle Projekt unterstützen können.”

Wie die Postcode Lotterie zu dieser positiven Einschätzung gelangte, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob ihr bei der Entscheidung die evangelikale Ausrichtung und Vernetzung des Vereins sowie öffentliche Positionen der Vereinsvorsitzenden Anette Bauscher zu Muslim*innen, Islam und Schwangerschaftsabbrüchen bekannt waren.

Bereits 2019 dokumentierte der Blog „Dokumentieren gegen Rechts“ ausführlich die evangelikalen Netzwerke von Perlenschatz.

„Von Gott beauftragt“

Bauscher selbst beschreibt die Gründung von Perlenschatz als göttlichen Auftrag. Nach einem Gebet habe Gott ihr vor ihrem „inneren Auge“ ein Frauenhaus mit verschleierten muslimischen Frauen gezeigt. Später erklärte sie, sich „von Gott dazu beauftragt“ gesehen zu haben, ein speziell auf muslimische Frauen zugeschnittenes Frauenhaus aufzubauen.

Die christliche Ausrichtung ist auch institutionell verankert: Die Vereinssatzung nennt Seelsorge als Mittel der Arbeit sowie „soziale und christliche Werte“ und das „christliche Menschenbild“ als Grundlage. Für eine Vereinsmitgliedschaft ist die Bejahung des christlichen Menschenbildes Voraussetzung. Auch bei der Personalauswahl wird das religiöse Profil konkret: In einer über das evangelikale netzwerk-m, bei dem Perlenschatz Mitglied ist, verbreiteten Stellenausschreibung verlangt der Verein ausdrücklich „überzeugte“ Christ*innen und einen „kurzen geistlichen Lebenslauf“.

Zudem besitzt Perlenschatz das Spenden-Prüfzertifikat der Evangelischen Allianz (EAD) – einem der größten evangelikalen Netzwerkvereine in Deutschland – und präsentiert sich auf deren Allianzkonferenzen.

Zu den prägenden Personen im Umfeld des Vereins gehören u.a. die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher und der evangelikale Theologe Yassir Eric.

Schirrmacher wird vom Verein als dessen „Botschafterin“ genannt. Die Bonner Islamwissenschaftlerin ist zugleich langjährige Spitzenfunktionärin der organisierten evangelikalen Islamarbeit und leitet das Institut für Islamfragen der Evangelischen Allianz. Bauscher greift für ihre Darstellung von Islam und Frauenrechten wiederum auf Veröffentlichungen Schirrmachers zurück. Schirrmacher setzt sich in eigenen Veröffentlichungen kritisch mit dem Konzept des ‚antimuslimischen Rassismus‘ auseinander und warnt dabei vor aus ihrer Sicht zu weitgehenden Rassismus- und Schuldzuschreibungen.

Der evangelikale Theologe und frühere Muslim Yassir Eric ist Gründungsmitglied von Perlenschatz und leitet seit 2013 das Europäische Institut für Migration, Integration und Islamthemen (EIMI) an der missionstheologisch geprägten AWM Korntal. 2019 wurde er zudem in den Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz gewählt. 2024 gehörte er zu den Predigern der umstrittenen Glaubenskonferenz UNUM24 in der Münchner Olympiahalle.

Evangelikale Netzwerke ‚gegen Menschenhandel‘

Ebenfalls auf der Webseite als Botschafter von Perlenschatz genannt wird Frank Heinrich – längjähriger Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Allianz und auch heute noch Vorsitzender des evangelikal geprägten Vereins Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh).

Und so wundert es nicht, dass Perlenschatz ebenfalls in das christlich-evangelikale Netzwerk ‚gegen Menschenhandel‘ eingebunden ist, dass sich u.a. für eine Kriminalisierung der Nachfrage nach Sexarbeit einsetzt. Beim u.a. von ggmh veranstalteten Kongress „Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ auf dem pietistisch geprägten Schönblick gehörte Perlenschatz 2024 zu den Kooperationspartnern – neben weiteren Organisationen, wie beispielsweise dem Verein Bethel SOZO, der dort einen Workshop zu „Befreiungsgebeten“ anbot.

Mitveranstalter des Kongresses war zudem der seit Langem in Kritik stehende Verein Mission Freedom – dessen mittlerweile geschlossenes „Haus SeeNest“ wegen schwerer Vorwürfe der Misshandlung von Schutzbefohlenen für Schlagzeilen sorgt.

Auch beim Kongress „Freiheit 2026“ war Perlenschatz vertreten. Eine Beitragsreihe zu dem Kongress haben wir hier veröffentlicht.

„Mit der Muttermilch aufgesogen“

Bauschers Veröffentlichungen gehen weit über Kritik an fundamentalistischen Auslegungen des Islam hinaus: So schreibt sie Muslim*innen pauschal negative Eigenschaften zu und erklärt diese aus einer vermeintlich tief verankerten religiös-kulturellen Prägung.

In ihrem zweiteiligen Beitrag „Frauen im familiären Gefängnis“ in der Fachzeitschrift Kriminalistik erklärt Bauscher islamische Religion und „orientalische Kultur“ für so eng miteinander verwoben, dass kaum zu unterscheiden sei, was religiös und was kulturell bedingt sei. Das Patriarchat sei in die islamische Religion übernommen worden. Anschließend präsentiert sie Koranstellen unter Kategorien wie „Frauen als Ware“, „Sexuelle Verfügbarkeit“ und „Überlegenheit des Mannes“. Während Bauscher beim Islam problematische Textstellen als Beleg heranzieht, erklärt sie für die Bibel dagegen, darin keine Legitimation von Gewalt gegen Frauen zu finden.

Über „den gläubigen Muslim“ schreibt Bauscher: „Er hat gelernt, dass er sich Allah unterwerfen muss, die Frau dem Mann und der ‚Ungläubige‘ dem Gläubigen.“ Dieses Denken habe er „von klein auf verinnerlicht“. An anderer Stelle heißt es: „Er kennt keine Würde in dem uns bekannten Sinn, für ihn ist die Unterwerfung wichtig.“ Besonders drastisch formuliert Bauscher zum Antisemitismus: „Vor allem viele Muslime haben den Hass gegen Juden schon mit der Muttermilch aufgesogen.“

Weit mehr als legitime Religionskritik

Um das an dieser Stelle klarzustellen: Im Koran gibt es Passagen, die aus heutiger menschenrechtlicher Perspektive problematisch sind und historisch wie gegenwärtig zur Legitimation patriarchaler Herrschaft und auch körperlicher Gewalt herangezogen werden.

Das darf und sollte kritisiert werden. Zugleich gibt es innerhalb des Islams unterschiedliche Auslegungstraditionen. Insbesondere in der modernen muslimischen Exegese haben sich reformorientierte und feministische Lesarten entwickelt, die traditionelle patriarchale Interpretationen kritisieren und etwa ein aus Sure 4:34 abgeleitetes Recht des Mannes auf körperliche Gewalt zurückweisen. Betrachtet man die zahlreichen Auslegungsstreitigkeiten zu problematischen Bibelstellen sollte einleuchten, dass sich aus solchen Passagen nicht ohne Weiteres Eigenschaften heutiger Christ*innen ableiten.

Etwas anderes ist es, aus solchen Textstellen vermeintlich feststehende Eigenschaften von Muslim*innen abzuleiten. Bauschers Aussagen über „den gläubigen Muslim“, dessen angeblich fehlendes Verständnis von Würde oder einen mit der „Muttermilch“ aufgenommenen Judenhass gehen weit über Religionskritik hinaus. Derart pauschale Zuschreibungen vermeintlich tief verankerter negativer Eigenschaften aufgrund muslimischer Religions- und Kulturzugehörigkeit entsprechen zentralen Merkmalen dessen, was der von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit als Muslimfeindlichkeit beziehungsweise antimuslimischen Rassismus beschreibt.

CDU, Hans-Jürgen Irmer und der Wetzlar-Kurier

Bereits 2015 wurde Perlenschatz von der CDU-Kreistagsfraktion Lahn-Dill zu einer Gesprächsrunde eingeladen. Anschließend berichtete der mit der CDU-nahe Wetzlar-Kurier positiv über den Verein.

2019 beantragte die CDU-Kreistagsfraktion einen Zuschuss für Perlenschatz. In der politischen Beratung schaltete sich auch der rechtskonservative CDU-Politiker Hans-Jürgen Irmer persönlich ein. Irmer ist nicht nur Herausgeber des Wetzlar-Kurier: Laut Impressum verantwortet er auch Redaktion und Anzeigenabwicklung. Der Wetzlar-Kurier berichtete wiederum positiv über den Förderantrag.

Im selben Jahr veröffentlichte Bauscher im Wetzlar-Kurier ihren Beitrag „Aufstehen gegen falsche Toleranz!“. Darin schrieb sie unter anderem, im Koran gebe es keine Gleichwertigkeit von Mann und Frau und behauptete, der Koran erlaube ausdrücklich, Frauen „zu demütigen und zu schlagen“.

Auch abgesehen von den Verbindungen zu Irmer ist der Publikationsort des Artikels bemerkenswert. Die taz dokumentierte unter anderem regelmäßige große Anzeigen des Kopp-Verlags und des Vereins „Die Deutschen Konservativen“ im Wetzlar-Kurier – laut taz „beide angesiedelt in der Grauzone zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus”. Und auch wenige Seiten nach dem dort veröffentlichten Artikel von Bauscher fand sich eine Anzeige des Kopp-Verlags.

Gegen Abtreibung – und ein wissenschaftlich nicht belegtes „Syndrom“

Auch Bauschers Haltung zum Schwangerschaftsabbruch ist deutlich.

Bereits im Wetzlar-Kurier bezeichnete sie Embryonen als „Kinder im Mutterleib“. Frauen werde eingeredet, bei Ungeborenen in den ersten Wochen handle es sich zunächst um einen „Zellklumpen“: „Doch wessen Gewissen noch nicht abgetötet ist, der weiß intuitiv, dass das eine Lüge ist.“ so Bauscher.

In ihrem späteren Kriminalistik-Beitrag behauptet Bauscher, Frauen entwickelten nach Schwangerschaftsabbrüchen häufig ein „Post-Abortion-Syndrom“ und fügt hinzu, dieses gebe es „laut Abtreibungsbefürwortern angeblich nicht“.

Damit verbreitet Bauscher ein in der Anti-Abtreibungsbewegung immer wieder behauptetes angebliches Krankheitsbild, für dessen Existenz es nach internationaler Studienlage keine wissenschaftlichen Belege gibt. Auch das staatliche Gesundheitsportal familienplanung.de und das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Forschungsprojekt ELSA widersprechen der Behauptung eines eigenständigen „Post-Abortion-Syndroms“.

Bauschers Verbindungen in die organisierte Anti-Abtreibungsbewegung zeigen sich auch bei „Patin für 9 Monate“. Dabei handelt es sich um ein Angebot der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), wo Bauscher im Oktober 2026 über „Die Würde der Frau in patriarchalen Familienstrukturen“ referiert.

Nur drei Wochen später geht es dort übrigens um die sogenannte „Abtreibungspillen-Umkehr“: Demnach soll hoch dosiertes Progesteron nach Einnahme der Abtreibungspille Mifepriston deren Wirkung aufheben und die Schwangerschaft erhalten. ALfA beschreibt diese Methode selbst als „Umkehrtherapie“. Nicht erwähnt wird allerdings, dass es für die Wirksamkeit dieser Methode keine belastbaren wissenschaftlichen Nachweise gibt. Die bislang einzige randomisierte Studie wurde zudem nach schweren Blutungen bei drei von zwölf Teilnehmerinnen vorzeitig abgebrochen.

28.800 Euro – was wurde geprüft?

Frauen, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht sind, brauchen Schutz und professionelle Unterstützung. Finanzielle Mittel werden dafür nur unzureichend bereit gestellt. Die bundesweite Frauenhauskoordinierung (FHK) spricht von einem „lückenhaften, überlasteten“ Finanzierungssystem. Nach der aktuellen Frauenhaus-Statistik 2025 fehlen bundesweit weiterhin knapp 12.000 Frauenhausplätze.

An der Seriosität und Professionalität von Perlenschatz e.V. bestehen jedoch erhebliche Zweifel. Hat sich die Postcode Lotterie damit befasst?

Nach ihren eigenen Förderrichtlinien bewertet die Lotterie Projekte unter anderem nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz und Wirkung. „Ordensgemeinschaften und Kirchengemeinden sowie sonstige kirchliche Institutionen (Kirchenkreise, Kirchenverbände etc.)” sind von der Förderung ausgeschlossen. Zwar ist Perlenschatz als eigenständiger Verein nicht unmittelbar eine kirchliche Institution – aber war der Postcode Lotterie die evangelikale Ausrichtung und das spezifisch religiöse Selbstverständnis des Vereins überhaupt bekannt?

Zudem gehört zur Förderphilosophie der Lotterie die „Förderung der Vielfalt und Schutz vor Diskriminierung, Antisemitismus & Rassismus“. Umso mehr stellt sich die Frage, ob der Lotterie bei ihrer Förderentscheidung Bauschers öffentliche Aussagen über Muslim*innen bekannt waren.

Gerade bei sozialen Projekten fehlt es bei Förderentscheidungen, Kooperationen und selbst bei der Erteilung von Betriebserlaubnissen häufig an Sensibilität für die Risiken christlich-fundamentalistischer Organisationen. Diese Lücken ermöglichen es entsprechenden Akteur*innen, ihr Engagement zunehmend auf Bereiche der Sozialen Arbeit auszuweiten. Darauf haben wir bereits in unserer im vergangenen Jahr veröffentlichten und von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderten Handreichung „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit“ hingewiesen.

Die Förderung von Perlenschatz e.V. durch die Postcode Lotterie scheint ein weiterer Fall zu sein, der den Bedarf an mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen unterstreicht.

Nach Kritik der ICF München: Spiegel-TV löscht Passage aus Doku

Gefährliches Einknicken mit Folgen?

Am 12.01.2026 strahlte Spiegel-TV die Reportage: „Radikale Christen: Hass im Namen des Herrn“ aus. Die ICF (International Christian Fellowship) München, eine große evangelikale Freikirche mit Hauptstandort in der Schweiz und zahlreichen Standorten in Deutschland, kritisierte die Sendung scharf. Unter anderem, da ihr dort „Hetze gegen Abtreibung“ vorgeworfen wurde.

Wie verschiedene evangelikale Medien und die ICF selbst berichten, wurden die entsprechenden Sequenzen zum ICF München nun nachträglich aus der Doku entfernt.

Ein Hinweis oder eine Stellungahme von Spiegel-TV dazu findet sich bisher nicht. Das könnte als Eingeständnis gewertet werden, dass die Vorwürfe unangebracht sind. Doch unsere Recherchen belegen eher das Gegenteil. Wie sonst sollten Vergleiche von Schwangerschaftsabbrüchen mit „Völkermord“, „Blutschuld“ und „Kinderopfern“ gemeint sein?

Edit: Am 06.02.2026 berichtete auch die taz über das Thema: Wenn radikale Christen den Schnitt diktieren


Um die International Christian Fellowhip (ICF) und deren herrschaftstheologische Ideologien geht es auch im Beitrag: Christliche Fußballinfluencer*innen zur Missionierung – Geistlicher Kampf mit Fußball?

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Was ist passiert?

Die Spiegel-TV Doku beschäftigte sich mit der vom Verfassungsschutz beobachteten Gemeinde „FWBC Seelengewinnen“ aus Pforzheim (zuvor „Baptistenkirche Zuverlässiges Wort“), den Christfluencer*innen Jasmin Friesen und Leonard Jäger (aka „Ketzer der Neuzeit“) und im Zusammenhang mit der Anti-Abtreibungsbewegung „Marsch für das Leben“ mit der ICF München.

Die ICF München kritisierte die Berichterstattung scharf. Insbesondere sah sie den Vorwurf, gegen Abtreibung zu hetzen, als unbegründet an.

Kommentarlos wurden nun die die ICF München betreffenden Passagen aus der Doku entfernt. Eine Antwort auf eine Anfrage an Spiegel-TV über die Gründe hierzu blieb bis zur Veröffentlichung dieses Artikels unbeantwortet.

Mehrere Medien aus dem evangelikalen Umfeld (u.a. das rechtspopulistische Idea-Magazin und jesus.de) sowie die ICF München selbst berichten nun von einem Erfolg: Laut Idea wertete der ICF-Pressesprecher die Reaktion von Spiegel-TV als „Ermutigung, auch künftig entsprechend auf eine etwaige Berichterstattung zu reagieren, wenn es notwendig sei„.

Was wurde aus der Doku gelöscht?

Die bei Spiegel-TV gelöschten Sequenzen sind weiterhin in diversen Reaction-Videos evangelikaler Christfluencer*innen abrufbar.

So – wenig überraschend – beim ebenfalls in der Doku erwähnten Christfluencer Leonard Jäger. Jäger wird laut einer kürzlich veröffentlichten ZDF-Doku „Christliche Influencer mit rechter Agenda“ im Verfassungsschutzverbund als bekannter Extremist beurteilt und dem Bereich der „verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates“ zugeordnet. Er ist eng mit Jasmin Friesen befreundet und tritt immer wieder gemeinsam mit ihr auf.

Ursprünglich leitete der Spiegel-TV Bericht nach einer Sequenz über den Anti-Abtreibungs-„Marsch für das Leben“ zur ICF München über:

„Auch in der Freikirche ICF Church in München wird gegen Abtreibung gehetzt. Auf der Kanzel im lässigen Tarnhemd ein selbsternannter Moralapostel.“

Es folgte ein Ausschnitt aus einer Predigt von Jens Koslowski, bei der ICF München zuständig für den Bereich „Discipleship & Leadership„. Vor einem Monitor mit dem Bild eines Plakats mit der Aufschrift „My body, My choice“ sagt Koslowski:

„Da siehst du auch solche Sachen wie z.B. ‚Abortion ist Healthcare‘. Also Abtreibung ist sowas wie Gesundheitsfürsorge. Wäre in etwa so – ich muss es so ausdrücken – wenn du Sklaverei als Festanstellung betiteln würdest.“

und

„Aber Abtreibung wird jetzt nicht primär dazu führen, dass dein Schmerz, der dir zugefügt wurde jetzt heil wird, dass dein Herz heil wird.“

und

„Und das ist ein Punkt, vor dem ich dich einfach warnen möchte und dir zusprechen möchte: Gott ist der einzige, der deine Seele heilen kann.“

Die betreffende Predigt ist weiterhin in voller Länge unter dem Titel „Abtreibung – my body my choice?“ auf dem YouTube-Kanal der ICF München abrufbar.

Reaktionen der ICF München

In ihrer Stellungnahme zur Doku betont die ICF München:

„Die im Beitrag von Spiegel TV behauptete ICF-Position zu Abtreibung wird falsch und pauschal dargestellt. Im Beitrag wörtlich: ‚Auch in der Freikirche ICF Church in München wird gegen Abtreibung gehetzt.‘

Diese Aussage entbehrt jeder Grundlage und ist eine falsche Behauptung, von der sich ICF München klar distanziert.

Das Thema Abtreibung ist äußerst komplex. Wenn darüber in einer Predigt gesprochen wird, dann nach bestem Wissen und Gewissen sowohl aus der seelsorgerischen als auch aus der theologischen Perspektive, sowohl ausführlich als auch ausgewogen.

Diese Tiefe vermissen wir im Beitrag von Spiegel TV deutlich.“

Schon die in der Doku ursprünglich enthaltenen Passagen vermitteln kaum den Eindruck einer „ausgewogenen“ Thematisierung des Themas Abtreibung.

Auch „mehr Tiefe“ – unter Berücksichtigung der ganzen Predigt – ändert daran nichts. Eher im Gegenteil: Im weiteren Verlauf der Predigt empfiehlt Koslowski Personen in Schwangerschaftskonflikten, statt abzutreiben, besser anonym zu entbinden und das Kind in Obhut zu geben…

Die „ausgewogene seelische und theologische Perspektive“ der ICF auf das Thema Abtreibung: Götzenopfer, Völkermord, Blutschuld und Generationenflüche…

Und auf den Internetseiten der ICF München finden sich noch eine ganze Reihe weiterer Zitate, die den Vorwurf einer „Hetze“ gegen Abtreibung noch weiter nachvollziehbar, wohl eher sogar als zu harmlos erscheinen lassen.

So zum Beispiel Passagen aus einem veröffentlichten Paper vom 30.06.2019 von Tobias Teichen, dem Leiter der ICF München, unter dem Titel „Fighting for Truth„. Mit aus der Luft gegriffenen Behauptungen werden dort Abtreibungen mit „Götzenopfern“ verglichen:

„Abtreibung: Einige der Nachbarvölker Israels opferten damals ihre Kinder im Feuer, um von dem Götzen Moloch Wohlergehen, eine bessere Zukunft, Erleichterung, Freiheit, finanziellen oder beruflichen Segen zu erhalten. In erschreckender Weise sind dies dieselben Argumente, die hinter 96% der Abtreibungen heutzutage stehen (über die restlichen 4%, die mit Vergewaltigungen und medizinischen Notfällen zu tun haben, kann man diskutieren).“

In einem weiteren auf der Webseite abrufbaren Dokument zu einem ICF-Gottesdienst des evangelikalen Prof. Christian Raedel (u.a. bekannt aus dem Gerichtsverfahren gegen den Bremer Pfarrer Olaf Latzel wegen Volksverhetzung) vom 07.07.2024 heißt es unter dem Titel „Wie schön, dass du geboren bist“:

„Sag NEIN zu der Kultur des Todes. Durch den Heiligen Geist Kraft empfängst du die Kraft, JA zu sagen zu dem Kind, zu dem Gott bereits JA gesagt hat.“

In einem Dokument von Koslowskis Ehefrau, die bei der ICF München im gleichen Bereich wie er tätig ist, wird Abtreibung schließlich als „Geistliche Ursache für psychische Krankheiten“ bezeichnet, die sich nach ihrer Auffassung offenbar wie ein Generationenfluch auf folgende Generationen auswirken kann:

„Blutschuld: Deine Vorfahren tun etwas (z.B. Abtreibung), und du hast nun ‚Blut‘ an deinen Händen.“

Ähnlich problematische Äußerungen lassen sich auch an weiteren Standorten der ICF auffinden, wie beispielsweise bei der ICF Hamburg, wo Abtreibung mit „Völkermord“ (Archivlink, Original zwischenzeitlich entfernt; edit: 07.04.2026) verglichen wird:

„Wenn es Gott gibt und jedes menschliche Wesen von ihm gewollt und geliebt ist, dann ist Abtreibung eine Tötung und damit von der Schwere gleichzusetzen mit dem Töten eines Menschen der schon geboren ist. Die Abtreibe-Praktiken ähneln dann einem Völkermord, in welchem viele Menschen umgebracht werden, weil es einem eben gerade so passt.“

Die Problematik am „Rückzieher“ von Spiegel-TV

Die Ideologie der ICF beim Thema Abtreibung sollte aus den Zitaten bereits ablesbar sein. Ebenso, dass es wohl alles andere als fernliegend ist, diese als „Hetze gegen Abtreibung“ zu bezeichnen.

Warum also löschte SPIEGEL-TV die Sequenzen zur ICF München? Revidiert das Format so seine Wertung der ICF-Positionen oder hält sie gar doch nicht für so problematisch? Fakt ist: In einer Zeit, in der das Thema Abtreibung durch ultra-konservative bis extrem rechte Kampagnen zur Zielscheibe gemacht wurde und wird, besteht ein dringender Aufklärungsbedarf über Akteur*innen in diesem Umfeld.

Zudem verdeutlichen weitere Berichte über die ICF und Informationen von Weltanschauungsstellen immer wieder, dass die Positionen der ICF nicht nur beim Thema Abtreibung problematisch sind: Erst letztes Jahr deckte der Journalist Kevin Ebert in einer Undercover-ARD-Recherche im ICF Augsburg Praktiken von Konversionsbehandlungen auf, als er durch Handauflegen und Zungengebet von seiner Homosexualität „befreit“ werden sollte. Die Reportage „Inside Freikirche ICF“ ist weiterhin abrufbar.

Was Spiegel-TV konkret zur Löschung der Sequenzen bewogen hat, ist uns bisher nicht bekannt. Die ICF kritisierte zudem, die Doku habe sie mit der Pforzheimer Gemeinde “FWBC Seelengewinnen” in „einen Topf“ geworfen. Diese propagiere in der Tat ein mit einem „biblischen Anstrich“ „radikal verzerrtes Glaubensverständnis“ und predige tatsächlich Hass.

Diese Art der Argumentation begegnet uns bei Diskussionen um christlichen Fundamentalismus und spirituellen Missbrauch immer wieder: Die Verantwortung liegt immer bei anderen, eine Selbstreflexion findet nicht statt.

Tatsächlich schlägt Spiegel-TV in seiner Doku einen großen Bogen von der vom Verfassungsschutz beobachteten FWBC Seelengewinnen mit ihrem wegen Volksverhetzung verurteilten Prediger Anselm Urban über Christfluencer*innen bis zum „Marsch für das Leben“ und die ICF München.

Wir halten es für wichtig, aufzuzeigen, wo die ideologischen Verbindungen zwischen diesen Akteur*innen liegen, worin konkrete Gefahren für Radikalisierungen liegen und was dies für Betroffene bedeutet. Hier stellte die Doku einen mutigen Versuch dar, wies allerdings – insbesondere im Bezug auf ideologische Verbindungen zur „FWBC Seelengewinnen“ – tatsächlich einige Schwachstellen auf, die vermeidbar gewesen wären.

So thematisierte die Doku beispielsweise auch den Pforzheimer Prediger Lothar Gassmann. Gegen ihn richteten sich Mordaufrufe aus der „FWBC Seelengewinnen“ bzw. der „Baptistengemeinde Zuverlässiges Wort“. Gassmann wird in der Doku lediglich als „erzkonservativer Christ“ vorgestellt. Hier fehlen wichtige Einordnungen.

Denn Gassmann steht der Werteunion und der AfD nahe, für deren Wahl er sich mehrfach aussprach. Das wird ebenso wenig erwähnt wie seine ebenfalls radikal queerfeindlichen Positionen.

Bereits im Lutherjahr 1996 und aktualisiert im Jahr 2017 verfasste Gassmann mit weitreichender Unterstützung aus dem christlich-fundamentalistischen Umfeld „95 Thesen zur Situation von Kirche und Gesellschaft„, die seine Radikalität belegen. Unter anderem wird dort die Aufhebung gesetzlicher Verfolgung „homosexueller Praktiken“ bedauert und prophezeit, dass dies zu einem Zerfall der Gesellschaftssysteme führen werde (Thesen 3 – 6):

„3. In vielen Staaten sind die Gesetze aufgeweicht oder abgeschafft worden, die Gotteslästerung, Pornographie, Abtreibung, Euthanasie, homosexuelle Praktiken, Drogenmißbrauch und ähnliches verboten haben.

4. Eine Gesellschaft, die Handlungen duldet oder sogar öffentlich fördert, welche die Heilige Schrift als „Sünde“ und „Greuel“ in den Augen Gottes bezeichnet, gräbt sich ihr eigenes Grab. Sie wird gerichtsreif. „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben“ (Sprüche 14,34).

5. Viele Staaten gleichen heute dem Römischen Reich vor seinem Untergang: Die innere Ursache seines Zerfalls war die sittliche Dekadenz.

6. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch heute Staats- und Gesellschaftssysteme, die sich gegen Gottes Gebote stellen, zerfallen.„

Die Unterschiede zu den Forderungen der „FWBC Seelengewinnen“ nach Todesstrafen für queere Menschen erscheinen allenfalls graduell.

Die Äußerungen zeigen, dass fundamentalistische Glaubensvorstellungen nahezu immer mit der Abwertung von marginalisierten Gruppen einhergehen, denen häufig zudem die Verantwortung für (vermeintliche) gesellschaftliche Problemlagen zugeschrieben wird. Hier gäbe es auch noch weitere Anknüpfungspunkte zu anderen Protagonist*innen der Spiegel-TV Doku.

Fazit

Im Ergebnis ist die Spiegel-TV Doku trotz ihrer Leerstellen weiterhin ein Beitrag zur dringend nötigen Aufklärung über christlich-fundamentalistische Ideologien und Akteur*innen.

Besonders wichtig erscheinen die Ausführungen von Daniela-Marlin Jakobi, die in der Doku ebenfalls zur Sprache kommt. Seit ihrem Ausstieg aus einer freikirchlichen Gemeinde leistet Jacobi durch ihre persönlichen Erfahrungen einen Beitrag zur Aufklärung über die gesellschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen entsprechend christlich-fundamentalistischer Ideologien.

Wir finden, die Doku schöpft nicht das gesamte Potential bei der Darstellung von Zusammenhängen und Netzwerken aus. Auf die ideologischen Verbindungen zur „FWBC Seelengewinnen“ wird kaum eingegangen.

Insbesondere kritisieren wir die kommentarlose nachträgliche Löschung der Sequenzen zum ICF München. Hier wäre eine öffentliche Erläuterung seitens Spiegel-TV das Mindeste.

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