Zwischen Junger Union, christlicher Rechter und Rechtsextremismus

Kooperation zwischen rechtspatriotischer Plattform „Gemeinsam Deutschland Gestalten“ (GDG) und rechtem Christfluencer Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“)?

(Quelle Titelbild: Instagram, gdg.bund). Der selbsternannte Christfluencer und Szeneinfluencer der Neuen Rechten Leonard Jäger (aka „Ketzer der Neuzeit“) steht offenbar vor einer Zusammenarbeit mit der rechtspatriotischen Plattform „Gemeinsam Deutschland Gestalten“ (GDG) bzw. dem mit dieser verbundenem Podcast „Stolz & Vorurteile„.

Auf Instagram veröffentlichte GDG am 09.09.2026 ein gemeinsames Foto von GDG-Kopf und Unions-Mitglied Benedict Doege mit Jäger und kündigte ein gemeinsames Vorhaben an mit den Worten:

„Da kommt was Großes auf euch zu…“ .

Worum es konkret geht, ist bislang nicht bekannt. Doch bereits bisher weist GDG Verbindungen und Überschneidungen bis in die extreme Rechte auf.

Mit Jäger kommt nun ein reichweitenstarker rechtschristlicher Influencer hinzu, der selbst eng in Neurechte und extrem Rechte Netzwerke eingebunden ist.

JU-Funktionär als Kopf von GDG

GDG hat sich innerhalb kurzer Zeit zu einer reichweitenstarken rechten Social-Media-Plattform entwickelt. Die Initiative tritt unter anderem für mehr Nationalstolz und konsequentere Abschiebungen sowie gegen das Gendern und eine von ihr so bezeichnete „linkswoke“ Politik ein. Inzwischen existieren auch zahlreiche lokale Ableger.

Als Kopf von GDG gilt Benedict Doege, Vorsitzender der Jungen Union Köln-Lindenthal. Bekannt wurde er zunächst mit dem Projekt „Gegen das Gendern“, das er nach eigener Darstellung 2021 aus „Frust über die woke Politik und den erzwungenen Zeitgeist“ gründete. Bereits 2023 verbreitete „Gegen das Gendern“ das Video einer rechten Störaktion gegen den Kölner CSD.

Dabei gibt es inzwischen mehrere Berührungspunkte zur extremen Rechten. Doege geriet 2025 wegen einer von ihm organisierten „patriotischen Wanderung“ zum Hermannsdenkmal in die Kritik. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministeriums nahmen daran auch Personen aus dem rechtsextremen Spektrum teil.

Die Kölner CDU distanzierte sich von der Veranstaltung. Doege selbst wies eine Nähe zum Rechtsextremismus zurück. Doch das scheint angesichts weiterer dokumentierter Verbindungen – mindestens – fraglich.

Verbindungen bis in die extreme Rechte

GDG und die eng damit verbundenen Aktivitäten von Benedict Doege weisen inzwischen eine Reihe dokumentierter Verbindungen und Überschneidungen bis in die extreme Rechte auf.

Besonders deutlich wurde dies bereits bei der bereits erwähnten von Doege im Oktober 2025 organisierten „patriotischen Wanderung“ zum Hermannsdenkmal, über die u.a. die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Köln berichtet. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministeriums nahmen daran auch Rechtsextremisten teil, darunter Personen aus dem Umfeld der „Aktion Hermannsland“. Die neonazistische „Freischar Westfalen“ hatte zuvor für die Veranstaltung geworben. Auch mehrere AfD-Akteure nahmen teil, darunter ein späteres Mitglied des Bundesvorstands der neuen AfD-Jugend „Generation Deutschland“.

Zufall? Auf Instagram finden sich unter den von GDG sowie Doeges Projekt „Gegen das Gendern“ gefolgten Profilen der rechtskonservativen und libertären Szene auch zahlreiche Akteur*innen des rechten bis extrem rechten politischen Influencer-Milieus. Darunter etwa das neurechte Magazin „Krautzone“, die rechte Influencerin Michelle Gollan („eingollan“) und die rechtsextreme Frauengruppe Lukreta. Letztere wird vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen beobachtet, ist aus dem Umfeld der Identitären Bewegung hervorgegangen, propagiert „Remigration“ und ist eng mit AfD-Strukturen vernetzt.

„Patriotische Wanderung“ am 03.10.2026 zur Wartburg

Laut einer aktuellen Recherche des RechercheNetzwerks.Berlin ist Doeges Medienprojekt „Gegen das Gendern“ zudem „eng verbunden“ mit der sogenannten „Patriotischen Bewegung“. Deren Berliner Ableger „Berliner Patrioten“ entstand laut der Recherche im Umfeld offen neonazistischer Jugendgruppen wie „Deutsche Jugend Voran“ und „Jung und Stark“, bekennt sich zur AfD und unterstützte deren Wahlkampf.

Und: Bereits für den 03.10.2026 ruft GDG erneut zur „patriotischen Wanderung“ auf. Dieses Mal zur Wartburg in Eisenach. Der Aufruf wird bereits von diversen rechten Gruppen geteilt.

Quelle: Instagram

Junge-Union-Vorsitzender als Brückenkopf zur extremen Rechten?

Bemerkenswert ist dabei Doeges gleichzeitige Verankerung in der CDU und Jungen Union.

Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz weist darauf hin, dass nach seiner Einschätzung „patriotische Gruppierungen“ zwar nicht per se rechtsextrem seien, betont aber, dass solche Gruppierungen eine „Brückenfunktion zum Rechtsextremismus“ übernehmen könnten.

Bei GDG stellt sich angesichts der dokumentierten Überschneidungen die Frage nach einer solchen Brückenfunktion besonders deutlich. Insbesondere auch, da Doege als Unionsfunktionär agiert, während seine politischen Projekte zugleich Anschlussstellen zu AfD-Akteur*innen und bis in die extreme Rechte aufweisen.

Kooperation mit Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“)

Mit Leonard Jäger kommt nun offenbar ein Akteur hinzu, der rechte Politik, christlich-fundamentalistische Positionen und rechtschristliche Netzwerke miteinander verbindet.

Nach Recherchen des ARD-Magazins Monitor stuft der Berliner Verfassungsschutz Jäger als „Szene-Influencer“ der Neuen Rechten ein. Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg führte ihn 2025 zudem als einen der „Protagonisten“ aus dem Bereich Rechtsextremismus beziehungsweise verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates auf.

Gleichzeitig ist Jäger eng mit dem christlich-libertären und rechtschristlichen Milieu vernetzt. Zu seinen freundschaftlichen Kontakten gehören etwa die Christfluencerin Jasmin Friesen („Liebe zur Bibel“), der AfD-nahe Prediger Tobias Riemenschneider oder auch Lukas Furch – der Promoter der erfolgreichen evangelikalen Jesus-Serie „The Chosen“, der mittlerweile auch für Frauke Petry und ihre Partei „Team Freiheit“ tätig ist.

Verbindungen ergeben sich auch in die sogenannte „Pro-Life-Bewegung“: Gerade erst war Kristijan Aufiereo – Gründer und Geschäftsführer von 1000plus-Profemina und Herausgeber von Corrigenda sowie bereits seit langem eng mit der Bewegung und dem Anti-Abtreibungs-„Marsch fürs Leben“ verbunden – in Jägers Podcast zu Gast. Im Bundestag war Aufiero als Sachverständiger für die AfD geladen. Zu den Gästen in Jägers Podcast gehörten in der Vergangenheit auch der bereits erwähnte Tobias Riemenschneider und Lukas Furch – ebenso wie der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner.

Die Junge Union: „Wendepunkt“ und „Brücke“ zugleich?

Bemerkenswert ist auch Doeges unmittelbares Umfeld in der Jungen Union. Einer seiner Stellvertreter in der JU Köln-Lindenthal ist Dennis Splitt, Gründer und Vorsitzender von „Wendepunkt Deutschland“.

Im Vorstand von „Wendepunkt Deutschland“ sitzt mit Matthias Büschges zugleich der Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Kölner Stadtrat. Wegen dieser Zusammenarbeit leitete die Kölner CDU ein Parteiausschlussverfahren gegen Splitt ein. Ein Abschluss des Verfahrens ist öffentlich bisher nicht bekannt.

„Wendepunkt Deutschland“ wurde im Dezember 2025 gegründet und von Beginn an in Medienberichten als Anlehnung an Turning Point USA eingeordnet, deren Mitgründer und prägende Figur Charlie Kirk rund drei Monate zuvor ermordet worden war. Kirk hatte Turning Point USA zu einer der einflussreichsten Organisationen der amerikanischen MAGA-Bewegung aufgebaut. Die Gründung von Wendepunkt Deutschland erfolgte zeitgleich mit der jährlichen Großkonferenz von Turning Point USA in Phoenix.

Kritik aus der Union – bislang ohne Konsequenzen für Doege

Zwar scheinen die Aktivitäten Doeges auch innerhalb der Union nicht unumstritten. Während gegen Splitt wegen seiner Zusammenarbeit mit einem AfD-Funktionär bei „Wendepunkt Deutschland“ immerhin ein Partei- und JU-Ordnungsverfahren eingeleitet wurden, hatten Doeges Aktivitäten bislang offenbar keine parteiordnungsrechtlichen Konsequenzen.

Nach der Teilnahme von Personen aus dem rechtsextremen Milieu an seiner letztjährigen „patriotischen Wanderung“ distanzierten sich die Junge Union NRW und die Kölner CDU von der Veranstaltung. Die Junge Union NRW teilte mit, man habe Doege daraufhin zum Gespräch gebeten – er habe dabei „glaubhaft versichert„, die entsprechenden Personen nicht gekannt zu haben.

Ob diese Darstellung – erst recht angesichts der inzwischen dokumentierten Verbindungen und neuen Aktionen von Doeges Projekten – trägt, muss bezweifelt werden. Die nun angekündigte Zusammenarbeit mit Leonard Jäger verschärft diese Zweifel zusätzlich.

 

 

„Jesus Christus ist Herr über Österreich“: Was hinter dem Wiener „Marsch für Jesus“ (M4J) steckt

Am 19. September wollen mehr als 100 christliche Gemeinden und Organisationen beim „Marsch für Jesus“ (M4J) durch Wien ziehen. Die Veranstalter versprechen Einheit, Freude und Lobpreis und betonen, der Marsch sei nicht politisch. Ein Blick auf Geschichte, Gebetspraxis, Unterstützer und Veranstalternetzwerk zeigt jedoch ein deutlich komplexeres Bild, das auch von Medien aktuell wohl gern übersehen wird. (Titelbild: Montage: FundiWatch; Foto: HOFBURG Vienna, CC BY-SA 3.0; Stich: Giulio Bonasone, 1544, Public Domain/The Met).

Am 19. September 2026 soll der „Marsch für Jesus“ über die Wiener Ringstraße ziehen. Mehr als 100 Kirchen, Gemeinden und christliche Organisationen unterstützen die Veranstaltung; erwartet werden laut den Veranstaltern mindestens 10.000 Teilnehmer*innen. Das Motto lautet „Einheit – Sichtbarkeit – Lobpreis“. Kathpress berichtet über die aktuellen Planungen.

Die Selbstdarstellung scheint (jedenfalls innerhalb christlicher Gruppen) zunächst bewusst anschlussfähig und bemüht sich um Ausklammerung vermeintlicher Konfliktthemen: Katholische, evangelische, orthodoxe und freikirchliche Christ*innen sollen gemeinsam ihren Glauben öffentlich zeigen. Der Marsch richte sich gegen niemanden und sei keine politische Demonstration. Politiker*innen seien nicht als Redner*innen vorgesehen.

Gleichzeitig haben die Organisatoren mit den beteiligten Gruppen ausdrücklich „Spielregeln“ vereinbart, wie auf einer Pressekonferenz erklärt wurde: Politische Einzelthemen und „heiße Themen“ wie „LGBT“, Abtreibung und Sterbehilfe sollen beim Marsch nicht vorkommen. Im Zentrum stehe, was Christ*innen miteinander verbinde. Bereits hier scheint bemerkenswert, dass Menschenrechte für LGBTIQ* und Selbstbestimmungsrechte für Menschen offenbar nach Ansicht der Organisatoren nicht zu den „verbindenden“ Elementen gehören…

Und was bedeutet eigentlich „unpolitisch“, wenn Gebet und Lobpreis selbst mit dem Anspruch verbunden werden, auf Stadt und Land einzuwirken – und wenn hinter dem Marsch Netzwerke stehen, die gesellschaftliche und politische Mitgestaltung ausdrücklich organisieren?

Ein Marsch mit Vorgeschichte

Der „March for Jesus“ entstand nicht als neutraler ökumenischer Demonstrationsrahmen. Der erste große City March fand bereits 1987 in London statt.

Zu den prägenden Akteuren gehörten Roger Forster, Gerald Coates, Worship-Musiker Graham Kendrick und Lynn Green von Youth With A Mission (YWAM). Die frühen Märsche verbanden öffentlichen Lobpreis, Evangelisation und christliche Einheit – in weiten Teilen des Milieus aber auch Vorstellungen „geistlicher Kriegsführung“ um Städte und gesellschaftliche Räume.

Der Religionswissenschaftler Gerald C. Ediger beschreibt die Entstehung der Bewegung als Verbindung von Lobpreis, öffentlichem Glaubenszeugnis und Spiritual Warfare.

Engel mit Schwertern über London und ein Börsencrash

Überliefert ist etwa eine Vision Barbara Pymms von zwei mit Schwertern bewaffneten Engeln über London, die gegen „principalities and powers“ (übersetzt: Fürstentümer und Mächte) über der Stadt kämpfen sollten. Roger Forster beschrieb Lobpreis und öffentliche Proklamation als Instrumente einer geistlichen Auseinandersetzung.

Gerald Coates führte später sogar den Londoner Börsencrash von 1987 auf den Marsch und ein göttliches Gericht über gierige Finanzinstitutionen zurück.

Forster schrieb später das Vorwort zur britischen Ausgabe von C. Peter Wagners „Territorial Spirits“ (übersetzt: Territoriale Geister). Wagner wurde zu einem zentralen Vertreter der Strategic-Level Spiritual Warfare (sog. „geistliche“ oder „spirituelle“ Kriegsführung), welche die Vorstellung beinhaltet, geistliche Mächte könnten Städte, Regionen oder ganze gesellschaftliche Bereiche beeinflussen.

Später prägte er die sog. New Apostolic Reformation maßgeblich mit und verbreitete das sogenannte Seven Mountain Mandate, das christlichen Einfluss auf zentrale gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Medien, Bildung, Wirtschaft, Familie, Religion und Kultur anstrebt. Eine religionswissenschaftliche Einordnung von Strategic-Level Spiritual Warfare findet sich hier.

Die New Apostolic Reformation ist weist ideologisch sehr weitgehende Übereinstimmungen mit der von der Theologin Maria Hinsenkamp in ihrer Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ analysierten Kingdom-minded Network Christianity (kurz: KiNC).

Graham Kendrick wiederum veröffentlichte gemeinsam mit Steve Hawthorne „Prayer-Walking: Praying on Site with Insight“. Prayer Walking (also sogenannte Gebetsspaziergänge oder auch -märsche) verbindet Gebet bewusst mit konkreten Orten, für die geistliche Veränderung erbeten wird.

Loren Cunnigham von YWAM war wiederum einer der Evangelikalen, denen in den 70er Jahren die Vision des sogenannten Seven Mountain Mandate offenbart worden sein soll.

Von London nach Wien: „Gebet als Fundament“

Zwar kann aus dieser Vorgeschichte nicht abgeleitet werden, dass die Wiener Veranstalter des M4J 2026 sämtliche der damaligen Vorstellungen von Spiritual Warfare oder territorialen Mächten teilen.

Auffällig sind jedoch Kontinuitäten u.a. in der Praxis und Sprache. Auch die aktuelle Präsentation des Marsches hebt „Gebet als Fundament“ hervor. Vorgesehen sind „Gebet um den Ring“, „Walk & Pray“ und „Gebet am Berg“; gebetet werden soll für „Einheit, Schutz und geistliche Frucht“. An anderer Stelle heißt es, Wien und ganz Österreich sollten mit der „Herrlichkeit Jesu“ erfüllt werden.

Auch „Christen in Wien – Kreis zur Einheit“, einer der zentralen Träger des Marsches, veranstaltet regelmäßig Prayer Walks. Diese führen nach eigener Darstellung vom Rathaus gezielt zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Orten wie Parteizentralen, Heldenplatz, Parlament oder Universität.

Auf Nachfrage von FundiWatch erläutert Projektleiter des diesjährigen Marsch für Jesus in Wien, Johannes Unosson, die gemeinsame Gebetspraxis solle dazu beitragen, dass Menschen Jesus Christus als „Herrn und Retter“ kennenlernen; dies sei für ihn das „schönste Beispiel“ einer nachhaltigen positiven „geistlichen Auswirkung“ in Österreich.

Einheit – aber worüber?

Die Unterstützerliste des Wiener Marsches reicht tatsächlich über zahlreiche Konfessionsgrenzen hinweg. Deutlich überwiegend sind jedoch evangelikale, pfingstlich-charismatische und missionsorientierte Gemeinden und Werke sowie konservativ-katholische, gebets- und erweckungsorientierte Akteure.

Konfessionelle Vielfalt bedeutet natürlich nicht automatisch gesellschaftspolitische Vielfalt. Und so überrascht es nicht wirklich, dass wir unter den Unterstützer*innen bisher keine erkennbaren Gegenpositionen zu den stattdessen vielfach dokumentierten fundamentalistischen Positionen bei LGBTIQ*, Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe feststellen konnten. Ideologisch scheint man doch eher „unter sich“ zu bleiben – trotz aller Bemühungen um Anschlussfähigkeit.

Darüber sollte auch die Unterstützung aus Teilen der Evangelischen Kirche nicht täuschen, die insgesamt eher zu dem Marsch Distanz hält. Während es der Evangelischen Kirche A. B. gegenüber dem Furche-Magazin wichtig war festzustellen, dass sie nicht an dem Marsch teilnimmt, steht die Evangelische Kirche Radstadt-Altenmarkt ebenfalls auf der Unterstützerliste. Das Presbyterium der Kirche lehnte 2019 die kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare „grundsätzlich und entschieden“ ab und erklärte, „homosexuelle Lebensweise“ entspreche nach seinem Bibelverständnis nicht dem Willen Gottes. Die damalige Stellungnahme ist im Kirchenboten dokumentiert.

Und dass die heute ausgeklammerten Themen innerhalb der österreichischen March-for-Jesus-Tradition keineswegs immer ausgespart wurden, zeigt der Marsch für Jesus in Klagenfurt im Jahr 2017 (Archiv-Link). Dort gehörten ausdrücklich der „Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende“ sowie das „Gebet für Politiker und die bevorstehenden Wahlen“ zu den Anliegen des Marsches.

Es bleibt also offen, welche tatsächlich unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Positionen durch die „Spielregeln“ beim diesjährigen Marsch für Jesus überbrückt werden – und ob es diese unterschiedlichen Positionen bei den Unterstützer*innen überhaupt gibt.

Auf Nachfrage von FundiWatch, welche unterschiedlichen Positionen der beteiligten Organisationen zu LGBTIQ*, Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe durch die vereinbarten „Spielregeln“ überbrückt werden sollten, teilte Unosson mit, man erfasse und bewerte die „unterschiedlichen persönlichen Positionen“ der Teilnehmenden nicht.

Projektleiter Johannes Unosson selbst gehört dem Vorstand der Plattform Christdemokratie an und initiierte 2024 deren Aktion „100 Kinderwagen“. Gegenüber Corrigenda erklärte er, es gehe ihm darum, das „Problem der vielen Abtreibungen sichtbar“ zu machen und gesellschaftlich als Problem kenntlich zu machen.

Das politische Netzwerk hinter dem Marsch

Auch das organisatorische Umfeld lässt die Bezeichnung „unpolitisch“ fraglich erscheinen. Entscheidend sind dabei weniger einzelne Namen als zwei institutionelle Scharniere: die Evangelische Allianz Wien und die Plattform Christdemokratie.

Die Evangelische Allianz Wien unterhält eine Arbeitsgruppe „Politik & Gesellschaft“. Sie will nach eigener Darstellung das „christliche Menschen- und Weltbild“ in der Gesellschaft verwirklicht sehen und christliches Engagement unter anderem in Politik, Medien, Bildung und Wirtschaft fördern.

Besonders eng arbeitet die Allianz mit der Plattform Christdemokratie zusammen. Im Januar 2026 veranstalteten beide unter der Schirmherrschaft der ÖVP-Nationalratsabgeordneten und Rechtskatholikin Gudrun Kugler im österreichischen Parlament „Aufbruch – Veränderung beginnt jetzt“. Laut Präsidentin Suha Dejmek brauche es

„…mehr Christen in relevanten Gesellschaftsbereichen – in der Wirtschaft, im Medien- und Bildungsbereich, in der Kunst und Kultur, aber auch in der Politik, denn dort werden bekanntlich alle Entscheidungen getroffen”.

Unter den vertretenen Organisationen befand sich auch der „Marsch für Jesus“ mit einem eigenen Informationsstand.

Eine personelle Brücke ist Jan Ledóchowski: Präsident der Plattform Christdemokratie, ÖVP-Politiker und zugleich Mitglied des katholischen Unterstützungskomitees des Marsches. Gemeinsam mit der Evangelischen Allianz Wien veröffentlicht seine Plattform „Christliche Wahlprüfsteine“. Zur Nationalratswahl 2024 warb sie mit dem Satz: „Nur wenn christliche Politiker gewählt werden, haben wir auch christliche Politik in diesem Land.“

Die Mobilisierung ist dabei nicht ausschließlich auf die ÖVP beschränkt. In den Wahlprüfsteinen werden auch FPÖ-Kandidat*innen berücksichtigt. Die Fragen an die Politiker*innen zeigen bereits eine deutliche ideologische Richtung. So wird beispielsweise zum Thema Gender gefragt:

„Wie stehen Sie zur Genderideologie, die ihren Niederschlag in der Sexualpädagogik in Kindergärten und Schulen, der Veränderung der Sprache und der Auflösung der Bipolarität der Geschlechter (Transgender) findet?”

Auch zum ausdrücklich politischen „Marsch fürs Leben“ radikaler Abtreibungsgener*innen bestehen personelle Überschneidungen. 2025 nahmen etwa die Weihbischöfe Franz Scharl und Stephan Turnovszky teil. Beide gehören nun dem katholischen Unterstützungskomitee des „Marsch für Jesus“ 2026 an.

Beim „Marsch fürs Leben“ wurden ein Ende von Abtreibung und Euthanasie gefordert. Unter den politischen Teilnehmer*innen waren Vertreter*innen von ÖVP und FPÖ. Eine Presseaussendung der Veranstalter dokumentiert die Teilnahme.

Wie unpolitisch ist „unpolitisch“?

Auch die eigenen Unterlagen des Marsches beschreiben mehr als ein Fest des persönlichen Glaubensbekenntnisses.

Im Pressekit heißt es, Christ*innen müssten durch „Gebet, Evangelisation und gesellschaftsrelevante Arbeit“ gemeinsam Verantwortung für „unser Land und unsere Orte“ übernehmen. Als Ziele werden unter anderem die „Stärkung christlicher Werte durch öffentliche Wahrnehmung von Christen“ und ein Ereignis genannt, das „in Medien positiv reflektiert werden kann“. Ein weiteres Grußwort bezeichnet den Marsch als „Demonstration des Reiches Gottes“.

Bemerkenswert ist zudem ein im aktuellen Pressekit wiederveröffentlichtes Grußwort der bereits erwähnten ÖVP-Angeordneten Gudrun Kugler aus dem Dezember 2013. Christ*innen seien „zaghaft oder gar feig geworden“, heißt es darin. Der Marsch solle ihre Stimme hörbar machen, „damit die Politik menschlich bleibt“; teilzunehmen bedeute, für Österreich zu beten und „das Land aktiv mitzugestalten“.

Kugler wurde im österreichischen Rechtsextremismusbericht des DÖW 2023 im Zusammenhang mit „Rechtskatholizismus“ erwähnt. Internationale Recherchen u.a. des European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rights (EPF) nennen Kugler im Zusammenhang mit frühen Treffen des informellen, transnationalen christlich-fundamentalistisches und ultrakonservativen Strategienetzwerks Agenda Europe.

„Unpolitisch“ bedeutet im Zusammenhang des „Marsch für Jesus“ also offensichtlich weniger den Verzicht auf gesellschaftspolitische Einflussnahme als den Verzicht darauf, eigene konfliktträchtige politischen Forderungen beim gemeinsamen Auftritt ausdrücklich zu thematisieren, um möglichst weitreichende Anschlussfähigkeit zu erreichen.

Auf Nachfrage von FundiWatch betont Projektleiter Unosson die politische Mitverantwortung von Christ*innen und erklärt, man ermutige Menschen dazu, „sich politisch einzubringen“. Politiker*innen aller Parteien seien willkommen. Für 2026 habe man jedoch bewusst entschieden, „keine politischen Beiträge auf der Bühne stattfinden zu lassen“.

Zugleich kündigt Unosson an, dass die Plattform Christdemokratie mit einem eigenen Stand vor Ort vertreten sein werde; er selbst gehört deren Vorstand an.

Österreichische Vorgeschichte: Sühne für wen?

Neben der internationalen Entstehungsgeschichte stellt die Wiener Bewegung selbst eine zweite, österreichische Traditionslinie her.

Das Pressekit erinnert daran, dass der Franziskaner Petrus Pavlicek 1947 – „gefolgt von einer inneren Stimme“ – den Rosenkranz-Sühnekreuzzug gründete. Von 1950 bis 1955 seien jährlich Sühneprozessionen um die Wiener Ringstraße gezogen; zeitweise hätten bis zu 80.000 Menschen teilgenommen. Die Unterzeichnung des Staatsvertrags und der Abzug der Besatzungsmächte werden in dieser Tradition als Gebetserhörung gedeutet. Eine heutige Selbstdarstellung des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs knüpft weiterhin an diese Gebets- und Befreiungserzählung an.

In den von FundiWatch ausgewerteten Selbstdarstellungen des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs und zu Petrus Pavlicek findet sich hingegen keine Auseinandersetzung mit der österreichischen Mitverantwortung für Nationalsozialismus, Judenverfolgung und Shoah. Im Mittelpunkt stehen stattdessen Bekehrung, stellvertretende Sühne, Frieden und die Befreiung Österreichs von der Besatzung. Österreich erscheint dabei primär als besetztes, bedrohtes und schließlich befreites Land.

Die Beteiligung vieler Österreicher*innen an NS-Herrschaft, Verfolgung und Shoah kommt in den von uns ausgewerteten Darstellungen nicht vor.

„Identifikationsbuße“?

Darauf angesprochen teilt Unosson mit, das historische Gebet am Ring für Österreich weise eine klare Parallele zum heutigen Marsch für Jesus auf.

Zur Auseinandersetzung mit der österreichischen Mitverantwortung teilt Unosson mit, in dieser „Tradition des öffentlichen Gebets und der Verantwortung“ habe es in den 1990er-Jahren einen „von Christinnen und Christen getragenen Bußgebetsmarsch nach Mauthausen“ gegeben. Dessen Ziel sei gewesen, die österreichische Mitverantwortung für den Nationalsozialismus, die Judenverfolgung und die Shoah „öffentlich zu bekennen“.

Tatsächlich lässt sich ein christlicher Bußgebetsmarsch nach Mauthausen im Jahr 1995 belegen. Johannes Fichtenbauer, 1992 Hauptorganisator des ersten österreichischen „Marsch für Jesus“ und heute erneut Unterstützer, beschreibt ihn als von charismatischen Leitern in Österreich organisierten „repentance march“ im Gedenken an NS-Verbrechen an Jüd*innen und an das Versagen von Christ*innen, dagegen aufzustehen. Fichtenbauer schildert den Marsch rückblickend als „act of identification“ und beschreibt seine persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus als geistliche Befreiung: In Mauthausen habe er geweint, bis der „demonic trash“ aus ihm heraus gewesen sei.

Beim späteren „Weg der Versöhnung“, heute Mitveranstalter des M4J 2026, wurde ab 2003 ausdrücklich mit dem stark umstrittenen Konzept einer sogenannten „Identifikationsbuße“ gearbeitet:

„Erstmals haben wir 2006 die Identifikationsbuße und Heilung der Erinnerung im Konzentrationslager Mauthausen angewendet und unsere Schuld an den Juden vor Gott gebracht. Ein messianischer Jude sprach uns damals Vergebung aus.“

„Identifikationsbuße“ bezeichnet die Praxis, historische Schuld einer eigenen Bezugsgruppe stellvertretend vor Gott zu bekennen. An vergleichbaren evangelikal-charismatischen Formen des Holocaust-Gedenkens wird u.a. kritisiert, dass dabei Opfer für eigene religiöse Zwecke instrumentalisiert und die spirituelle Entlastung der christlichen Teilnehmenden in den Mittelpunkt gerückt werde.

Verbindungen zum „Marsch des Lebens“ der TOS-Gemeinde Tübingen

In Deutschland bezog sich diese Kritik insbesondere auf die von Jobst Bittner von der TOS-Gemeinde initiierte „Märsche des Lebens.

2015 warnte der Dachauer Gedenkstättenpfarrer Björn Mensing bei einem „Marsch des Lebens“ vor einer „dämonologischen Deutung des Nationalsozialismus“. Die damalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, kritisierte, das Schicksal der Überlebenden stehe nicht im Vordergrund. Vielmehr gehe es eher um die Befindlichkeiten der Teilnehmenden.

Und auch hier findet sich eine Verbindung zum „Marsch für Jesus“: Beim ersten „Marsch des Lebens“ 2024 in Wien trat Fichtenbauer gemeinsam mit Jobst Bittner auf. Und zählte dort gerade den Bußmarsch von 1995 als Wendepunkt seiner Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus.

„Jesus Christus ist Herr über Österreich!“

Wer verstehen will, was am 19. September über den Wiener Ring zieht, sollte deshalb nicht nur fragen, ob die Veranstaltung friedlich ist oder ob Christ*innen öffentlich beten dürfen.

Bedeutsamer für die Verteidigung einer pluralistischen, demokratischen und auf Menschenrechten beruhenden Gesellschaft ist, welche Vorstellungen von „Einheit“, gesellschaftlicher Mitgestaltung und geistlicher Wirksamkeit sich hinter dem öffentlichen Bild tatsächlich verbergen.

Teil 3 – Sozialaktion oder „Social Washing“? Macher Festival: Hauptsache machen – Mission ohne Haftung?

100 „Häuser“ in vier Tagen – Vertraut uns, wir tun Gutes… Fragen beantworten wir nicht…

(Quelle Titelbild: little-home.eu). Dass das dieses Jahr zum dritten Mal veranstaltete DIY-Festival in Kooperation mit dem deutschen Handwerksgewerbe nicht zufällig auch eine Plattform für christlich-fundamentalistische bis rechtschristliche (Missions-)Organisationen, hatten wir in TEIL 1 unserer Beitragsreihe bereits berichtet. In TEIL 2 sind wir näher auf das weitreichende Netzwerk hinter dem Macher Festival eingegangen.

Quelle: Instagram

Die öffentlichkeitswirksamste Sozialaktion des Festivals fand hingegen gemeinsam mit dem Verein Little Home e.V. statt. Angekündigt war der Bau von 100 Kleinsthäusern für obdachlose Menschen: 90 klassische „Little Homes“ und zehn größere „Little Home 2.0“.

Doch auch unsere Fragen zu dieser Aktion ließen sowohl die Macher Festival GmbH als auch Little Home e.V. unbeantwortet.

Und schließlich teilte uns noch die Verbraucherzentrale Hessen mit, sie prüfe die Einleitung rechtlicher Schritte aufgrund der von der Macher Festival GmbH verwendeten Allgemeinen Geschäftsbedingungen.

Doch der Reihe nach:

175.000 Euro Spenden für „Little Homes“

Nach Angaben von Little Home kostet ein kleines Haus ungefähr 2.000 Euro, ein größeres etwa 8.000 Euro. Daraus ergab sich ein Spendenziel in einer betterplace-Kampagne des Vereins von 280.000 Euro. Little Home warb damit, die 100 Häuser innerhalb von vier Tagen zu errichten.

Am 13. Juli warben auch die Real Life Guys für die Kampagne: Alle innerhalb von 48 Stunden eingehenden Spenden sollten von ihnen verdoppelt werden. Mittlerweile sind gut 175.000 Euro zusammengekommen. Wie hoch der von den Real Life Guys tatsächlich zusätzlich gezahlte Betrag war, wollte uns weder Little Home noch die Macher Festival GmbH mitteilen.

Quelle: betterplace.org

Was wurde aus den Little Homes?

Offen blieb nach dem Festival auch, wie viele „Häuser“ tatsächlich vollständig fertiggestellt und bezugsbereit waren, wo sie aufgestellt werden sollen und für wie viele bereits konkrete Nutzer*innen, genehmigte Standorte oder verbindliche Duldungen feststehen.

Auch stellten wir die Frage, warum die Betterplace-Kampagne nach dem Festival fortgeführt wird, obwohl sich diese explizit auf die Bauaktion vor Ort auf dem Festival bezog. Weder Little Home noch die Macher Festival GmbH beantworteten unser Fragen.

Betterplace sah in der weiterhin fortgesetzten Spendenaktion auf unsere Anfrage hin kein Problem. Die Kosten eines solchen Projekts könnten schließlich auch nach dem Festival fortbestehen. Den Projektverantwortlichen habe man dennoch um eine Erklärung gebeten. Wie diese Erklärung ausfiel, wurde uns nicht mitgeteilt.

Quelle: Instagram

Am 26. August räumte Little Home schließlich auf seiner Webseite ein: „100 Häuser. Nicht geschafft. Und trotzdem stolz.“ Man habe keine hundert Häuser fertig.

Nun stünden „noch viele Little Homes halb fertig in der Gegend“. Man suche jetzt einen Stellplatz und Unterstützung, um die Little Homes fertig zu stellen.

Little Homes als Antwort auf Wohnungslosigkeit?

Doch abgesehen davon: Sind solche Kleinsthäuser überhaupt eine fachlich vertretbare Antwort auf Wohnungslosigkeit? Und laufen solch öffentlichkeitswirksame Aktionen wie auf dem Macher Festival nicht Gefahr, dass Wohnungslosigkeit vor allem als Gegenstand ehrenamtlicher Bau- und Spendenaktionen dargestellt wird, während strukturelle Ursachen und fachlich anerkannte Lösungsansätze wie die Vermittlung in regulären Wohnraum in den Hintergrund treten?

„Unterhalb anerkannter Mindeststandards“

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) lehnt Tiny Homes als reguläre Lösung seit Jahren ab.

Quelle: Screenshot bagw.de

In einem Positionspapier warnt sie vor Unterkünften unterhalb anerkannter Mindeststandards, fehlender Rechtssicherheit und der Gefahr, dass Kommunen durch private Projekte aus ihrer Verantwortung entlassen werden. Selbst deutlich größere Tiny Houses bewertet die BAG W kritisch. Die klassischen Little Homes mit etwa 3,2 bis 3,3 Quadratmetern unterschreiten solche Größen nochmals erheblich.

In einer ausführlichen Stellungnahme auf Fragen von FundiWatch – die wir hier mit Zustimmung der BAG W vollständig veröffentlichen – bekräftigten Paul Neupert (Fachreferent Wohnen) und Sarah Lotties (Fachreferentin Gesundheit) von der BAG W diese Kritik.

Nach Einschätzung der BAG W erfüllen die einfachen Little Homes grundlegende Anforderungen an menschenwürdiges Wohnen nicht. Genannt werden unter anderem die extrem geringe Fläche, fehlendes fließendes Wasser, unzureichende sanitäre Möglichkeiten, Belastungen durch Hitze und Kälte sowie Fragen des Brandschutzes und der verwendeten Baustoffe.

Die BAG W erklärte gegenüber FundiWatch außerdem, ihr seien keine institutionellen Träger der Wohnungslosenhilfe bekannt, die Little Homes als fachlich reguläres Wohnangebot einsetzten. Denkbar seien solche Unterkünfte allenfalls als eng befristete Übergangslösung – und auch dann nur, wenn sie in ein fachliches Hilfesystem eingebunden sind und eine konkrete Perspektive auf regulären Wohnraum besteht.

„Eine einfache Hütte ist besser als gar kein Schutz über dem Kopf“

Die BAG W weist aber zugleich auch darauf hin, dass Tiny Homes auf individueller Ebene tatsächlich für viele erstmals eine Verbesserung darstellen.

„Eine einfache Hütte ist besser als gar kein Schutz über dem Kopf“, so die BAG W. Bau und Bereitstellung von Tiny Homes sei insofern vergleichbar mit der Ausgabe von Schlafsäcken oder Zelten und könne tatsächlich Leben retten.

Die Tendenz, dass immer mehr Akteure ohne Kenntnis vom und Anbindung an das Hilfesystem und ohne Wissen um Recht und rechtliche Ansprüche Tiny Homes bereitstellen und dabei die Absenkung der Standards – wissentlich oder unwissentlich – vorantreiben, sehe die BAG W jedoch grundlegend kritisch.

Ohne Wasser, Mietvertrag und gesicherten Stellplatz?

Eine Holzhütte wird nicht allein dadurch zu Wohnraum, dass sie fertig gebaut ist. Sie braucht einen legalen Stellplatz, Brandschutz und eine sanitäre Versorgung. Und die darin lebende Person braucht Schutz davor, dass ihr „Zuhause“ möglicherweise wieder kurzfristig versetzt oder ihr wieder entzogen wird.

Bereits in der Vergangenheit kam es zu Konflikten um Standorte. In Berlin wurden Little Homes wegen fehlender Genehmigungen entfernt beziehungsweise abgerissen. Deutschlandfunk Nova stellte die Vorteile eines unmittelbaren Rückzugsortes den fachlichen Einwänden gegen fehlende Mindeststandards und unsichere Standorte gegenüber.

FundiWatch wollte von Little Home wissen, welchen rechtlichen Status die Bewohner*innen erhalten, ob Miet-, Nutzungs- oder Schenkungsverträge bestehen und unter welchen Voraussetzungen ein Haus versetzt oder entzogen werden kann. Wir fragten außerdem nach Zuständigkeiten für Transport, Aufstellung, Reparaturen, Versicherung und Wartung.

Der Verein beantwortete auch diese Fragen nicht.

Hilfe nur für die „Motivierten“?

Noch problematischer wird es bei den öffentlich beschriebenen Auswahlkriterien.

Little-Home-Gründer Sven Lüdecke erklärte gegenüber der Südwest Presse, lediglich rund fünf Prozent der Bewerber*innen erfüllten die Kriterien. „Wir suchen nach Motivation aus“, sagte er. Je motivierter eine wohnungslose Person sei, ihre Situation zu verändern, desto größer sei ihre Chance. Bei einem Suchtproblem werde etwa die Bereitschaft erwartet, sich um einen Therapieplatz zu bemühen. Zudem sei eine Mitarbeit am Bau erwünscht, weil die Betroffenen das Haus anschließend „mehr zu schätzen“ wüssten.

Die BAG W kritisierte dieses Prinzip gegenüber FundiWatch als Auswahl der vermeintlich „Erfolgsversprechenden“. In der Wohnungslosenhilfe wird hierfür auch der Begriff „Creaming“ verwendet: Hilfe erreicht vor allem Menschen, die bereits vergleichsweise gute Voraussetzungen mitbringen, während Personen mit schweren psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen, Behinderungen oder geringer Fähigkeit zur Selbstorganisation ausgeschlossen werden können.

Dabei sind es gerade diese Menschen, die besonders niedrigschwellige Unterstützung benötigen. Wer suchtkrank ist, schafft es möglicherweise gerade nicht, sofort einen Therapieplatz zu organisieren. Wer psychisch oder körperlich erkrankt ist oder eine Behinderung hat, kann womöglich nicht am Hausbau mitarbeiten. Wird beides dennoch zum Maßstab für die Vergabe, wird aus Hilfebedarf eine persönliche Bewährungsprobe.

Auf Anfrage von FundiWatch teilte Little Home nicht mit, wer die „Motivation“ beurteilt, welche überprüfbaren Kriterien gelten und ob abgelehnte Personen eine Begründung oder Beschwerdemöglichkeit erhalten. Auch die Frage nach der Beteiligung ausgebildeter Fachkräfte der Sozial-, Sucht- und Wohnungslosenhilfe blieb unbeantwortet.

Die Macher Festival GmbH wiederum ließ unsere Fragen unbeantwortet, ob sie sich mit der fachlichen Kritik an dem Konzept der Kleinsthäuser auseinandergesetzt hat und wie die sachgerechte Verwendung der auf dem Festival gebauten Little Homes gewährleistet werde.

Erfolg nach Eigenangaben

Little Home veröffentlicht erstaunliche Erfolgszahlen zu Menschen, die nach dem Einzug in eine Wohnung oder Arbeitsstelle vermittelt worden sein sollen. Kritisch hinterfragt wurden diese Zahlen in Medienberichten nach unseren Recherchen bisher offenbar noch nie. Unklar bleibt demnach unter anderem, wie lange ehemalige Bewohner*innen nachverfolgt werden, wie „Vermittlung“ definiert wird, ob Wohnverhältnisse dauerhaft bestehen und wie viele Bewerber*innen bereits vor der Vergabe ausgeschlossen wurden.

FundiWatch fragte Little Home deshalb, ob das Konzept jemals unabhängig wissenschaftlich evaluiert wurde. Eine Antwort erhielten wir auch dazu nicht.

Fragen zur Finanzkontrolle

FundiWatch fragte Little Home außerdem nach seinen internen Kontrollmechanismen. Hintergrund ist ein 2020 vor dem Kölner Amtsgericht geführtes Verfahren gegen Vereinsgründer Sven Lüdecke.

Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtete damals, die Staatsanwaltschaft habe Lüdecke Untreue in 17 Fällen sowie Betrug im Zusammenhang mit Spendengeldern vorgeworfen. Lüdecke bestritt die Vorwürfe. Das Verfahren wurde eingestellt; zu einer Verurteilung wegen dieser Vorwürfe kam es nicht. Laut dem Bericht bestanden nach der Beweisaufnahme Zweifel an wesentlichen Teilen der Anklage.

Der Artikel berichtete aber zugleich über frühere rechtskräftige Verurteilungen Lüdeckes, unter anderem wegen Betrugs, sowie über mehrere verbüßte Freiheitsstrafen in der Vergangenheit vor den neuen Vorwürfen. In der Folgezeit kam es zu einigen Veränderungen in den Leitungspositionen von Little Home e.V. Sven Lüdecke hingegen ist auch heute noch dessen Vereinsvorsitzender.

Vor diesem Hintergrund fragten wir nach Vier-Augen-Prinzip, Zeichnungsberechtigungen, unabhängiger Kassenprüfung, externer Kontrolle, Jahresabschlüssen und den heutigen Entscheidungs- und Kontovollmachten Lüdeckes. Little Home beantwortete keine dieser Fragen. Zwar ist das selbstverständlich kein Beleg dafür, dass heute Gelder zweckwidrig verwendet werden. Überprüfen lassen sich die internen Kontrollen so allerdings auch nicht.

Festivalbericht oder verlängerte Öffentlichkeitsarbeit?

Nach dem Festival meldeten Branchenportale unter Berufung auf den Werkzeughersteller Fischer, im Rahmen der Little-Home-Aktion seien 100 Tiny Houses für wohnungslose Menschen „entstanden“. Wie bereits erwähnt, trifft das selbst nach den eigenen Angaben von Little Home nicht zu. Wie viele Little Homes tatsächlich fertig gestellt wurden, ob diese bezugsbereit, genehmigt und konkreten Nutzer*innen zugeordnet wurden, lässt sich den Berichten nicht entnehmen.

Quelle: Screenshot fz-profiboerse.de

Sozialaktion oder „Social Washing“?

Die 100-Häuser-Aktion erzeugt starke Bilder: Hunderte junge Menschen packen gemeinsam an, Unternehmen stellen Material bereit, Influencer*innen werben um Spenden und am Ende stehen zahlreiche kleine Holzhäuser auf dem Festivalgelände.

Ob damit nachhaltig Wohnungslosigkeit bekämpft wird, ist eine andere Frage. Und sich dieser Frage zu stellen, daran haben die Beteiligten offenbar keinerlei Interesse.

Die BAG W warnte gegenüber FundiWatch davor, dass solche Aktionen Unternehmen und Veranstaltenden positive Aufmerksamkeit verschaffen können, ohne die strukturellen Ursachen von Wohnungslosigkeit zu verändern. Sie spricht in diesem Zusammenhang von der Gefahr eines „Social Washing“.

An spektakulären Bauaktionen mangelt es allerdings nicht. Es mangelt an bezahlbarem Wohnraum, abgesicherten Mietverhältnissen, qualifizierten Hilfen und einer kommunalen Wohnungspolitik, die auch Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf erreicht.

Der Selbstversuch als Erzählmuster

Doch all das scheint die Real Life Guys nicht wirklich zu kümmern. Stattdessen passt die Little-Home-Aktion zu einem bekannten Erzählmuster der Real Life Guys: Ein gesellschaftliches oder existenzielles Problem wird zum spektakulären Selbstversuch.

Und so geht auch die Bauaktion auf dem Macher Festival auf einen solchen „Selbstversuch“ zurück:

Quelle: Screenshot YouTube, „The Real Life Guys“ zur Serie „10 Tage obdachlos“

Nach einem 2025 auf YouTube veröffentlichten Selbstversuch von Johannes Mickenbecker, bei dem er weitgehend allein auf einem Waldgrundstück lebte und dabei auch einem Obdachlosen begegnete, versuchte er 2026 gemeinsam mit Daniel Michaelidis von den Real Life Guys zehn Tage „obdachlos“ auf der Straße zu leben. Die Serie erschien schließlich bei Joyn, aus dem „Selbstversuch“ 2025 entstand der bereits in Teil 2 erwähnte und auf dem Festival beworbene Kino-Dokumentarfilm „100 Tage Autark“.

Nach sechs Tagen brachen Mickenbecker und Michaelidis die Aktion ab. In der siebten Folge kommt Mickenbecker dann zu dem Fazit:

„Eine der besten Möglichkeiten, den Menschen auf der Straße ein Stück Würde und Sicherheit zu geben, um ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft zu ermöglichen, sind die kleinen Häuser vom Verein Little Home e.V.“

Schließlich bauen die Real Life Guys „ein richtig süßes Tiny House“ und kündigen dabei bereits die Bauaktion auf dem Macher Festival an.

In der letzten Folge tritt dann Sven Lüdecke von Little Home selbst in der Serie auf und begutachtet das von den Real Life Guys gebaute Tiny House. Bevor es dann – nach einer „Testnacht“ der Real Life Guys – an eine obdachlose Person übergeben wird, der sie „Viel Spaß mit deinem neuen Haus“ wünschen.

„Armutssimulation privilegierter Menschen mit garantiertem Rückfahrschein“

Gemeinsam ist den „Selbsterfahrungsexperimenten“, dass die Real Life Guys aus ihren privilegierten Positionen heraus die Experimente freilich jederzeit beenden konnten und gleichzeitig über Reichweite verfügen.

Die BAG W bezeichnete solche Formate gegenüber FundiWatch als „Armutssimulation privilegierter Menschen mit garantiertem Rückfahrschein“. Sie  beurteilt entsprechende Selbstversuche als „ethisch fragwürdig“.

Freiwilliger Verzicht ist eben nicht dasselbe wie unfreiwillige Wohnungslosigkeit. Wer sich für ein Video zeitweise schwierigen Bedingungen aussetzt, erlebt weder dieselbe Rechtsunsicherheit noch dieselbe Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit wie ein Mensch, der tatsächlich keine Wohnung hat. Wer dann noch im Rahmen so einer Aktion behauptet, die Zurverfügungstellung von unter Mindeststandards liegender Little Homes sei „eine der besten Möglichkeiten“ obdachlosen Menschen zu helfen, scheint nicht nur uninformiert sondern erweckt auch erhebliche Zweifel, ob es ihm wirklich um echte Hilfe geht.

Auf die Nachfragen von FundiWatch, ob sich die Macher Festival GmbH bei der Planung der Aktion mit der fachlichen Kritik u.a. der BAG W auseinandergesetzt hat, welchen Status Nutzer*innen erhalten, denen die errichteten Little Homes zur Verfügung gestellt werden und wie die Nutzer*innen ausgewählt werden erhielten wir übrigens ebenfalls keine Antwort.

Bauen und Schweißen auf eigene Gefahr?

Und dann wäre da noch der Haftungsausschluss. Besucher*innen des Macher Festivals mussten 2026 offenbar eine ungewöhnlich weitreichende Haftungsfreistellungs- und -ausschlusserklärung abgeben. Nach bisherigem Stand soll sie auch für das Festival 2027 wieder verwendet werden.

Der Hinweis auf den Haftungsausschluss findet sich im „Kleingedruckten“, konkret unter § 15 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der Macher Festival GmbH. Dort heißt es, Bestandteil der AGB sei eine „vom Besucher auszufüllende Haftungsfreistellungs- und -ausschlusserklärung“. Abrufbar ist diese Erklärung dort nicht. Deren Unterzeichnung ist offenbar erst nach Erwerb der Tickets vorgesehen und soll dann wohl Voraussetzung sein, um das Gelände betreten zu dürfen.

Tatsächlich darf die Haftung für fahrlässig verursachte Verletzungen von Leben, Körper oder Gesundheit in AGB aber (rechtlich) nicht ausgeschlossen werden. Im Übrigen müssen Allgemeine Geschäftsbedingungen für Verbraucher*innen bei Vertragsschluss transparent sein.

Verbraucherzentrale prüft Abmahnung

FundiWatch bat deshalb die Verbraucherzentrale Hessen um Prüfung. Diese teilte am 20. August mit, die Fachgruppe Rechtsdurchsetzung prüfe „wegen fehlender Hinweise für die Verbraucher vor Abschluss des Bestellvorgangs für die Tickets, rechtliche Schritte in Form einer Abmahnung gegen den Anbieter einzuleiten“. Der aktuelle Stand der Prüfung ist uns derzeit nicht bekannt.

Unsere Fragen hierzu an die Macher Festival GmbH blieben ebenso unbeantwortet wie unsere Fragen zu Verletzungen oder größeren Schäden im Rahmen des Festivals 2026.

Hauptsache machen?

Das Versprechen des Macher Festivals klingt erst einmal gut: Nicht lange reden, sondern anfangen. Gemeinsam bauen, ausprobieren und vielleicht sogar Interesse am Handwerk wecken. Dabei noch Notleidenden etwas „Gutes“ tun.

Nur: Machen allein reicht nicht. Und welche Ideologien sollen bei diesem Festival – so ganz beiläufig und niederschwellig – mit transportiert werden? Ist es wirklich Zufall, dass sich Follower*innen des Festivals in einigen Accounts quasi nahtlos auf Wahlkampfveranstaltungen rechtslibertärer Gruppen wieder finden oder sich Missionierung christlich-fundamentalistischer Gruppen und Werbung für evangelikale Filme ausgesetzt sehen, die sich einem ganz bestimmten – und gewiss nicht pluralistischen Weltbild – verschrieben sehen?

Im Übrigen: Ein möglichst weitreichender Haftungsausschluss ersetzt keine Verantwortung. Gleiches gilt für die religiöse Ausrichtung: Wenn Missionsorganisationen auf dem Gelände Glaubensgespräche führen, gemeinsam beten und zu einer Entscheidung für Jesus einladen, sollte das auch so benannt und transparent gemacht werden. Erst so würde eine informierte und letztlich selbstbestimmte Entscheidung über eine Teilnahme ermöglicht. Und letztlich gilt dies auch für die Übernahme von Verantwortung vermeintlich sozialer Projekte bzw. dass diese auch tatsächlich auf Unterstützung angewiesenen Personen zugutekommen.

Natürlich: Dass unsere Fragen nicht beantwortet wurden, belegt zunächst einmal nichts. Es zeigt allerdings eine beklemmende Intransparenz, die unseres Erachtens so nicht hingenommen werden sollte. Dass große Handwerksverbände und Künstler*innen dies einfach so zu akzeptieren scheinen, hinterlässt bei uns kein gutes Gefühl. Und erst recht nicht, dass professionelle Medien offenbar nicht interessiert daran sind, diesen Fragen nachzugehen.

Weit mehr als ein bloßes Bastel- und Tüftlerwochenende

Um ein bloßes Bastel- und Tüftlerwochenende geht es beim Macher Festival jedenfalls offensichtlich längst nicht mehr.

Rund ums Festival treffen die Real Life Guys auf Handwerksverbände, Missionsorganisationen, christliche Medienprojekte, Sozialvereine und professionelle Filmstudios. Über einzelne Beteiligte im weiteren Sinne reichen die Verbindungen mittlerweile bis in rechtslibertäre politische Netzwerke. Als vollkommen unpolitischer Abenteuerspielplatz lässt sich das Festival kaum noch glaubhaft darstellen.

Vielleicht reicht das ja, damit vor dem Festival 2027 noch einmal genauer hingesehen wird.


Transparenzhinweis: Unsere bis heute unbeantwortet gebliebenen Anfragen an die Macher Festival GmbH und den Little Home e.V. sind an dieser Stelle abrufbar.

Wahl in Sachsen-Anhalt: Vierzig Millionen Euro für den Glauben?

Das Wahlprogramm der AfD – zwischen Unterstützung christlicher Fundamentalist*innen und christenfeindlicher Propaganda?

Die AfD will den großen Kirchen ans Geld. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist, was sie mit dem Geld vor hat und wie viel Religion in ihrem Regierungsprogramm steckt. Doch auch konservative Christ*innen sollten einem Änderungsantrag Beachtung schenken, der sich ausdrücklich gegen das Christentum richtete. Und schließlich wurde die ursprünglich im Entwurf des Regierungsprogramms enthaltene Passage zur Förderung kleiner Gemeinden, darunter insbesondere Freikirchen, Baptistengemeinden und orthodoxen Kirchen gestrichen.

„Christentum fördern, nicht nur zwei Kirchen!“

Es gibt in dem Programm, mit dem die AfD Sachsen-Anhalt am 6. September regieren will, ein Kapitel, dessen Überschrift man zweimal lesen muss. Sie lautet: „Christentum fördern, nicht nur zwei Kirchen!“

Darunter steht, was mit den sogenannten Staatsleistungen geschehen soll. Das sind gut vierzig Millionen Euro, die das Land jedes Jahr an die evangelischen Landeskirchen und an die katholische Kirche überweist. Kein Kirchgeld, kein Mitgliedsbeitrag – Steuergeld, von allen bezahlt, auch von den vier Fünfteln der Sachsen-Anhaltiner*innen, die keiner Kirche angehören.

Der Grund liegt weit zurück: 1803 wurden große Teile kirchlichen Vermögens säkularisiert. Daraus und aus weiteren historischen Rechtstiteln entstanden staatliche Leistungsverpflichtungen. Sie sollten jedoch nicht ewig fortbestehen: Seit 1919 schreibt die Verfassung ihre Ablösung vor – umgesetzt wurde sie bis heute nicht.

Die AfD will diese vierzig Millionen nicht abschaffen. Sie will sie umverteilen. Künftig sollen sie „allen christlichen Kirchen“ zufließen, aufgeteilt nach Mitgliederzahl – also auch Baptisten, Pfingstgemeinden, freien evangelischen Gemeinden, die bisher nichts davon bekommen. Das Geld soll für Pfarrer und Kirchengebäude verwendet werden (Regierungsprogramm, Kapitel III.18, Seite 66 f.).

Wer erwartet hat, dass eine Partei, die den Kirchen gern Privilegien vorwirft, das Geld einfach im Landeshaushalt behalten will, findet das an dieser Stelle nicht. Es bleibt beim Geld für Kirchen und christliche Gemeinden. Es bekommen nur andere Kirchen.

Was sonst noch im Programm steht – und christlich-fundamentalistischen Kreisen zunächst gefallen könnte…

Das ist kein Einzelfall. Für die Dörfer verspricht das Programm: „In unseren Dörfern soll Religion, Brauchtum und (echte) Kultur gefördert werden“ (Kapitel XII.8, Seite 192 f.). Staatlich geförderte Religion steht damit ausdrücklich als Ziel im Programm.

Auch bei den Themen, über die im Wahlkampf mehr gesprochen wird, ist der Ton wiederzuerkennen, den man aus konservativen und christlich-fundamentalistischen christlichen Kreisen kennt:

Der Schwangerschaftsabbruch soll im Strafgesetzbuch bleiben. Bemühungen im Bund, das zu ändern, will die AfD über den Bundesrat blockieren. In der Beratungsstelle soll eine Frau, die über einen Abbruch nachdenkt, künftig einen Ultraschall vom Ungeborenen erhalten (Kapitel I.3 bis I.6, Seite 12 ff.). Diese Forderung stammt aus dem Ideenpool der amerikanischen Abtreibungsgegner und wird in Deutschland seit Jahren von christlichen Lebensschutzgruppen vertreten.

Und die Schulpflicht soll fallen. An ihrer Stelle sollen Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten dürfen mit halbjährlichen Prüfungen (Kapitel IV.26, Seite 84 f.). Das ist eine alte Forderung. Allerdings eine, die in Deutschland seit Jahrzehnten fast ausschließlich von streng ‚bibeltreuen‘ Familien erhoben wird, die ihre Kinder aus dem staatlichen Unterricht herausholen wollen.

Auch das könnte christlich-fundamentalistischen Kreisen gefallen: Gegen die Landeskirchen richtet sich in der Präambel der Vorwurf, sie hätten sich „vielfach vom christlichen Auftrag entfernt„, predigten nicht mehr die Ehe aus Mann und Frau und Kindern als „normative Normalität“ und seien „vor allem gesellschaftspolitisch aktiv“ (Seite 6).

Nicht weniger Religion in der Politik – aber eine andere

Der Vorwurf der AfD lautet also offensichtlich nicht, die Kirchen mischten sich in die Politik ein. Der Vorwurf lautet, sie mischten sich falsch ein. Die AfD will nicht weniger Religion in der Politik – sie will andere Religion in der Politik.

Hans-Thomas Tillschneider, der als Urheber der Kirchenpolitik im Landesverband gilt, erklärt öffentlich, die AfD sei „mit Abstand die christlichste Partei Deutschlands“ und begründet es nicht mit dem Glauben der Mitglieder*innen (im Volkshandbuch des Landtags, in dem Abgeordnete ihre Konfession angeben können, findet sich in der AfD-Fraktion genau eine Angabe „evangelisch“), sondern mit den politischen Positionen in Sachen Lebensschutz, Ehe und Familie und Kampf gegen die „Gender-Ideologie“ (Interview mit dem katholisch-konservativen Portal Corrigenda, August 2026).

Statt sofortigem Stopp der Staatsleistungen an Kirchen: Umverteilung bei gleichem Volumen

Bemerkenswert ist, welche Änderungen sich vor Veröffentlichung des Wahlprogramms durch Änderungsanträge auf dem AfD-Parteitag noch ergeben haben.

So fand sich im Entwurf des Regierungsprogramms noch die Ankündigung: „Staatsleistungen sofort einstellen!“ Gemeint waren hier die bereits erwähnten Staatsleistungen an die christlichen Kirchen, die laut dem Entwurf „ohne weitere Kompensation“ eingestellt werden sollten. Man werde „alles dafür tun, den Kirchen nicht mehr mit absurder Begründung Jahr für Jahr über 40 Millionen Euro in den Rachen zu werfen.“

Die schließlich beschlossene Fassung weicht von dieser Ankündigung wie bereits erwähnt deutlich ab: Statt Abschaffung ohne Kompensation nun also Umverteilung bei gleichbleibendem Gesamtvolumen…

Doch keine Förderung kleiner Gemeinden und Freikirchen: „Wir sind keine christliche Partei. Wir sind eine deutsche Partei…“

Konservative Christ*innen mögen sich vielleicht von einer im ursprünglichen Programmentwurf angekündigten Förderung kleiner Gemeinden und ausdrücklich genannter Freikirchen, Baptistengemeinden und orthodoxen Kirchen angesprochen gefühlt haben. Doch diese Passage schaffte es nicht in das endgültige Programm.

Ursprünglich fand sich in der bereits erwähnten Passage „Christentum fördern“ (im Entwurf noch mit dem Zusatz „kleine Kirchen fördern„) die Ankündigung, dass christliche Gemeinden außerhalb der „großen Kirchen„, in denen sich „eine wahre Renaissance des Christentums“ abspiele, gefördert werden sollen:

„Wir werden Instrumente entwickeln, um diese kleinen Kirchen zu fördern. In Freikirchen, Baptistengemeinden und orthodoxen Kirchen wird ein authentischer und vitaler Glaube praktiziert, der die kulturelle Wende, die wir anstreben, vielfältig unterstützt.“

Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen erklärte daraufhin, sie wehre sich gegen den Versuch, über angeblich gleiche Überzeugungen eine Schnittmenge herzustellen. Geld mit politischen Erwartungen wolle man nicht. Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, der Dachverband der Baptisten, formulierte knapp, rechtsextreme Parteien seien für Christen nicht wählbar.

Ein Änderungsantrag von Michael Kremer, Mitglied des AfD-Kreisverbands Magdeburg, unter der Überschrift „Religion ist Privatsache – Trennung Kirche & Staat – Kultur & Brauchtum fördern!“ (hier unter Ziffer RP-36) richtete sich explizit gegen diese Passage im Regierungsprogramm:

Statt Förderung des Christentums forderte der Antrag eine stärkere Pflege der „kulturellen Brauchtumsfeste unserer Ahnen“. Dazu zählten unter anderem Ostara-, Mittsommer- und Julfeiern, die Herbst-Tagundnachtgleiche sowie die Weih- und Rauhnächte. Mindestens die Sommer- und die Wintersonnenwende sollten gesetzliche Feiertage werden. Um die Zahl der arbeitsfreien Tage nicht zu erhöhen, schlug der Antrag vor, im Gegenzug zwei „überflüssige christliche Feiertage“ zu streichen.

Die Antragsbegründung dürfte eigentlich auch radikalsten christlichen Fundamentalist*innen vor Augen führen, welche Kräfte in der AfD wirken:

So beruft sich die Begründung ausdrücklich auf den Ehrenvorsitzenden der AfD, Alexander Gauland, als „Kronzeugen“. Gauland habe bereits öffentlich festgestellt, dass die AfD keine christliche Partei sei. Die AfD verteidige nicht das Christentum, „sondern das traditionelle Lebensgefühl in Deutschland, das traditionelle Heimatgefühl„. Auch im AfD-Grundsatzprogramm befände sich keine Bezugnahme auf das christliche Menschenbild.

Weiter heißt es in der Antragsbegründung:

„Jeder AfD-Vertreter würde sich schwer tun, eine Unterstützung des Christentums trotz des inhaltlichen Gegensatzes zwischen Christentum und AFD zu erklären.

Die AFD steht nicht für die folgenden Kernelemente des Christentums:

  • Feindesliebe
  • Schuldkult
  • andere-Wange-hinhalten,
  • „alle Menschen sind gleich“
  • Frauen haben in der Gemeinde zu schweigen und dem Manne zu gehorchen (1Kor.14,34)
  • Heiden sind auszurotten (Jesaja 34)
  • Naturverachtung
  • Hass auf Reiche
  • Hass auf die eigene Familie (LK 14,26)
  • Stolz = Sünde.
  • Universalismus / Globalisierung“

Bereits die „klügsten Geistesgrößen unseres Volkes“ hätten sich gegen das Christentum gestellt.  Eine ausführliche Analyse des Antrags (und des Regierungsprogramms im Übrigen) findet sich in dem Blog des Forschungs- und Dokumentationsprojekt „Geschichte statt Mythen„.

Angeblich wurde der Antrag mit großer Mehrheit abgelehnt. Nachvollziehen lässt sich das nicht. Ein Wortprotokoll oder eine Videoaufzeichnung der betreffenden Parteitagsdebatte konnten wir bisher jedenfalls nicht finden.

Entsprechendes gilt für einen weiteren Änderungsantrag (hier unter RP-37) des Hallenser AfD-Stadtrats Udo Nistripke. Er strich sowohl das Lob eines „authentischen und vitalen“ Glaubens in Freikirchen als auch die Ankündigung spezieller Förderinstrumente für diese und ersetzte beides durch die Forderung nach finanzieller Unabhängigkeit der Kirchen. Eine veröffentlichte Begründung enthielt der Antrag nicht.

Was daraus folgt

Das AfD-Regierungsprogramm enthält eine umfangreiche Religionspolitik, verspricht Kirchen Steuergeld, und übernimmt bei Abtreibung, Schulpflicht und Sexualkunde die Forderungen christlich-konservativer Bewegungen fast eins zu eins. Wer in einem der am stärksten säkular und konfessionslos geprägten Bundesländer weniger Religion im Staat will, dürfte in diesem Programm nicht fündig werden.

Doch auch konservative Christ*innen, die meinen, ihre religiösen Vorstellungen im Wahlprogramm der AfD zu finden, sollten genau hinsehen: Denn offenkundig geht es der AfD nicht um vermeintlich „christliche Werte“ sondern populistische Kulturkampfrhetorik. Was weite Teile der AfD wirklich vom Christentum halten, scheint der erwähnte Änderungsantrag zum Wahlprogramm und das „Zurückrudern“ bei der zunächst geforderten Förderung und Anerkennung kleiner christlicher Gemeinden und Freikirchen wohl deutlich treffender zusammenzufassen.

Erneut „Kinderfest“ von AfD-nahem Prediger Markus Rapp in Berlin

Bezirksamt Lichtenberg lässt Fragen unbeantwortet

(Quelle Titelbild: Neues Leben). Wie berichtet, hat die evangelikale Berliner Gemeinde „Neues Leben – Evangelische Freikirche e. V.“ vergangenen Monat mit „Kids Club“ ein neues Konzept gestartet. Nun findet das „Fest“ am morgigen Sonntag (06.09.) zum zweiten Mal statt. Ein weiterer Termin ist für den 03.10. geplant.

Bereits am 08.08.2026 fand der „Kids Club“ (mit Hüpfburg und Popcorn…) im Quartierspark am Warnitzer Bogen in Berlin Hohenschönhausen statt. Das für Besuchende vielleicht zunächst harmlos erscheinende Kinderfest dient einem einzigen Zweck: Kinder und deren Eltern zu missionieren. Und was ebenfalls wenigen bekannt sein dürfte: Der Gemeindeleiter Markus Rapp ist in christlich-fundamentalistischen Kreisen bis ins Ausland gut vernetzt und wirbt offen für die AfD.

Für die morgige Veranstaltung ruft Rapp die Gemeindemitglieder*innen zur Unterstützung auf. „JEDER“ werde gebraucht „an Board der Gemeinde Arche – Gottes Rettungsschiff!„. Geboten würden vielfältige Programme, zwei Kindergottesdienste und „Beziehungsaufbau„…

FundiWatch fragte beim Bezirksamt Lichtenberg nach, ob für die Veranstaltung eine Sondernutzungserlaubnis oder Versammlungsanmeldung vorliegt und ob bzw. was die Ordnungsbehörden zum Schutz von Kindern vor Indoktrination und Überwältigung veranlassen werden.

Das Bezirksamt teilte mit, eine Sondernutzungserlaubnis für die Veranstaltung läge nicht vor, eine Versammlung sei ebenfalls vom Bezirksamt „bisher nicht genehmigt“ worden. Auf unsere weiteren Nachfragen, was das Bezirksamt als Ordnungsbehörde zur Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung zu tun gedenkt, erhielten wir bisher trotz mehrfacher Nachfragen keine Antwort.

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