Unaufgeforderte Stellungnahme gegenüber der Expert*innenkommission zum ProstSchG (Zoe Luginsland)

Unser Mitglied Zoe Luginsland hat bei der Expert*innenkommission zum Prostituiertenschutzgesetz eine unaufgeforderte Stellungnahme eingereicht. Diese ordnet Jakob Drobniks Habilitationsschrift „Nordisches Modell und Menschenhandel“ kritisch ein und weist auf erhebliche wissenschaftliche Mängel des Dokuments hin. Drobnik trat vor Kurzem auch auf dem Freiheit-Kongress von Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), Mission Freedom u.a. im christlichen Tagungshaus „Schönblick“ auf, worüber wir hier berichten.

Wir veröffentlichen die Stellungnahme von Zoe hier.

zu: Jakob Drobniks „Nordisches Modell und Menschenhandel“

Jakob Drobniks Habilitationsschrift in der katholischen Theologie Nordisches Modell und Menschenhandel entstand unter der Betreuung von Professor Elke Mack an der Universität Erfurt. Es handelt sich um einen Rechtsvergleich zum Umgang mit Menschenhandel in Schweden, Norwegen und Frankreich unter Einbeziehung einer theologisch-ethischen Perspektive. Empirische Daten wurden nicht erhoben, es werden allerdings empirische Studien anderer Autor*innen diskutiert. Die Schrift wurde parallel zum Abschlussbericht: Evaluation des Gesetzes zur Regulierung des Prostitutions­gewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen im Juni 2025 veröffentlicht. Am Tag der Veröffentlichung des Abschlussberichts nahm das auftraggebende Ministerium nicht diesen, sondern Drobniks Habilitationsschrift entgegen. Dies verschaffte der Schrift einiges an Aufmerksamkeit. Die beiden sehr umfassenden Dokumente wurden wohl trotzdem wenig vollständig gelesen und viele entscheidenden Fragen, die in ihnen behandelt werden, wurden bislang wenig diskutiert:

Verfassungsrecht und Drobniks objektiver Begriff der Würde

Eine zentrale Position von Nordisches Modell und Menschenhandel ist sein objektiver Begriff der Würde. Diese Position baut auf dem Dokument Sexkauf – Eine rechtliche und rechtsethische Untersuchung der Prostitution aus dem Jahr 2023 von Elke Mack und Ulrich Rommelfanger auf, an der auch bereits Jakob Drobnik mitwirkte. Die zentrale These der Untersuchung war es, dass im Bereich Sexarbeit/Prostitution durch den Gesetzgeber keine Freiwilligkeit angenommen werden sollte und dass die Situation von Sexarbeiter*innen/Prostituierten prinzipiell gegen die Menschenwürde verstoße (Mack & Rommelfanger 2023). In Nordisches Modell und Menschenhandel schlägt sich diese Position insbesondere in der These nieder, dass mit der aktuellen Rechtslage in Deutschland, aber auch etwa in Schweden „objektive Kriterien“ fehlen würden, um Opfer von Menschenhandel zu identifizieren (Drobnik 2025: 36). Er problematisiert, dass die Opferidentifizierung oft von der „subjektiven Wahrnehmung des Opfers determiniert“ (Ebd.: 233) sei. An anderer Stelle führt er weiter aus, dass „Merkmale von Opfereigenschaften“ festzulegen seien, die unabhängig „von der Freiwilligkeit, dem Wissen und der Zustimmung des Opfers“ und von „eventuellen Freiwilligkeits- und Selbstbestimmungsbehauptungen (…) losgelöst“ (Ebd.: 243) sein sollten. Drobnik schlägt dafür die folgenden Kriterien vor:

„1) direkte oder indirekte Fremdeinwirkung (-bestimmung) von Drittpersonen (Familienangehörige nicht ausgeschlossen)

2) ein persönliches (auch emotionales) und/oder wirtschaftliches Abhängigkeitsverhältnis gegenüber Drittpersonen

3) Handlungsunfähigkeit im Zielland (aufgrund fehlender Sprachkenntnisse und Kenntnisse des Rechtssystems; fehlende Mittel)

4) mangelnde Bewegungsfreiheit (Freiheit, den Ort des Verbleibes jederzeit beliebig wechseln zu können; (hat die Person einen Pass u.dgl.?)

5) mangelnde Erwerbsfreiheit (kann die betroffene Person eigenständig über ihre Berufswahl jederzeit frei entscheiden und ggf. jederzeit einer anderen Tätigkeit nachgehen?)

6) Selbstentwicklungskriterien (Teilnahme an Schulungen, Berufsentwicklungsprogrammen, Nutzung des Internets u.dgl.);

7) Hier empfiehlt sich auch, einen psychologischen Fragebogen zur Ermittlung der Opfereigenschaft zu erstellen, der wirtschaftliche Verhältnisse bis hin zu Abhängigkeitsverhältnissen überprüft.“ (Ebd.: 244)

Drobnik argumentiert hier unter den genannten Bedingungen für einen Umgang, der einer Entmündigung von Sexarbeiter*innen/Prostituierten gleichkommt. Dies steht im deutlichen Widerspruch zur gültigen Rechtslage über rechtliche Betreuungen von Volljährigen, wie sie in § 1814 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) geregelt ist. Hier wird eine Krankheit oder Behinderung vorausgesetzt (Absatz 1) und das Bestellen einer Betreuer*in gegen den Willen des Volljährigen ausgeschlossen (Absatz 2). Nur wenn Volljährige ihren Willen nicht kundtun können, ist eine Bestellung ausnahmsweise auch ohne Willensbekundung zulässig. Die von Drobnik offenbar angedachte Abschreibung eines freien Willens für Sexarbeitende nach dem von ihm angesprochenen Kriterien, wäre mit dem vermeintlichen Schutz der Menschenwürde nicht zu rechtfertigen, sondern würde im Gegenteil einen eklatanten Verstoß gegen die Menschenwürde bedeuten, die jedem Menschen zusichert, Subjekt und nicht Objekt staatlichen Handelns zu sein.

Wissenschaftliche Methodik, Dunkelfeld und Stigma

Drobnik vermutet ein zentrales Argument gegen die Einführung einer an den Erfahrungen von Schweden, Norwegen und Frankreich orientierten Gesetzeslage in Deutschland, in dem für diesen Fall mutmaßlich zu erwartenden Problem eines wachsenden Dunkelfelds, dass sich dem Zugriff von Wissenschaft und staatlicher Regulation entziehen könnte. Drobnik betrachtet das Argument als widerlegt, da ein „Sexkaufverbot den Strafverfolgungsbehörden erweiterte Eingriffs- und Kontrollmöglichkeiten bei einem bestehenden Anfangsverdacht der Prostitutionsausübung verschaffen würde“ (Ebd.: 42). Als Beleg dafür zitiert er anekdotisch die Darstellungen des pensionierten Kriminalkommissars Helmut Sporer über seine Methoden der Überwachung von Sexarbeiter*innen/Prostituierten über deren Werbe-Maßnahmen (Ebd.: 43). Außerdem meint er, dass es in Norwegen „keine Hinweise auf ein vergrößertes Dunkelfeld oder erhöhte Gewalt gegen Prostituierte“ gäbe (Ebd.: 138). Diese Argumentation ist in sich unplausibel. Auch wenn man den Strafverfolgungsbehörden erweiterte Überwachungsmittel zugestehen würde, könnte dies den Verlust an Daten nicht ausgleichen, den ein Ende der Registrierungspflicht und der wissenschaftlichen Datenerhebung über niedrigschwellige Beratungsstellen der akzeptierenden sozialen Arbeit mit sich bringen würde. Die Anwendung von Überwachungsmitteln wie Vorratsdatenspeicherung, der Chat-Kontrolle und KI-Erkennungstechnologien, die Drobnik vorschlägt (Ebd.: 240f) sind zudem höchst invasiv und gesellschaftlich kontrovers.

Drobnik selbst zitiert eine Studie zur Evaluation der Einführung der Kundenkriminalisierung in Frankreich, die umfassende Anzeichen für die Entstehung eines entsprechenden Dunkelfelds zu dokumentieren scheint (Ebd.: 175). Aufgrund der wissenschaftlich unseriösen Zitierweise Drobniks (Links ohne Seitenzahlen bei Zitaten und ohne Abrufdatum), lässt sich dies jedoch nicht ohne unverhältnismäßigen Aufwand verifizieren. Allgemein nehmen im Buch anekdotale Evidenz aus Zeitungsberichten und persönlichen Gesprächen einen unverhältnismäßigen Anteil gegenüber wissenschaftlichen Studien ein. Teils werden Zahlen mit falschen Belegen übernommen. Die Schätzung von Sexarbeiter*innen im Interview einer Studie „andra specificerade (others specified, Übersetzung ZL): “The majority (99%) are cis men.” (Jämställdhetsmyndigheten 2021: 68) wird verfälschend als „Gleichwohl konstituieren männliche Erwerber einen Anteil von über 96 %, wobei diverse Studien sogar Quoten von über 99 % dokumentieren.“ wiedergegeben (Drobnik 2025: 50). Aus einer anekdotalen Schätzung von Einzelpersonen, wird ein wissenschaftlicher Konsens fingiert.

Der stärker theoretisch orientierte wissenschaftliche Diskurs zu Fragen von Sexarbeitsfeindlichkeit, Professionalität in der Sozialen Arbeit und der Wirkweise des gesellschaftlichen Stigmas um Sexarbeit wird nicht rezipiert. Stigma wird ausschließlich als eine erstrebenswerte „Stigmatisierung der Freier“ (Ebd.: 49) und als Motiv der Aussageverweigerung (Ebd.: 101) thematisiert, während der Zusammenhang einer Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen und Sexkäufer*innen in Missachtung gegenteiliger Evidenz (Vuolajärvi 2022) geleugnet wird. Die Evaluation hat gezeigt, dass bereits unter dem gegenwärtigen Gesetz 60,7% der Befragten heimlich arbeiten (Bartsch et al. 2025: 563). Die Frage, wie sich dies nach einer Verschärfung der Gesetzeslage verändern könnte wäre höchst relevant und es ist nicht nachvollziehbar, warum sie bei Drobnik außenvor gelassen wurde.

Konklusion

Jakob Drobniks Nordisches Modell und Menschenhandel stellt einen autoritären und verfassungsrechtlich zweifelhaften Gegenentwurf zur Studie zur Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes dar. Methodisch wird zu einem unangemessenen Grad auf anekdotale Evidenz abgestellt, während die Ergebnisse von Studien keine angemessene Beachtung finden. Der wissenschaftliche Diskurs wird selektiv rezipiert. Die Zitationsweise ist unwissenschaftlich und Zahlen werden zum Teil verfälscht. Während das Buch einen hilfreichen Überblick zu medialen Debatten und gesetzlichen Entwicklungen in Schweden, Norwegen und Frankreich bietet, ist seine Perspektive von deutlichen Biases geprägt und es fehlen wichtige Faktoren für eine Gesamtbewertung. Den Mitgliedern der Expert*innenkommission wäre dementsprechend zu empfehlen das Buch kritisch und im Bewusstsein seiner Biases zu rezipieren.

Literaturverzeichnis

Drobnik, Jakob (2025): Nordisches Modell und Menschenhandel.

Mack, Elke/ Ulrich Rommelfanger (2023): Sexkauf. Baden-Baden: Nomos.

Bartsch, Tillmann/ Robert Küster/ Laura Treskow/ Isabel Henningsmeier/ Joachim Renzikowski (2025): Abschlussbericht. Evaluation des Gesetzes zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen.

Vuolajärvi, Niina (2022): Criminalising the Sex Buyer: Experiences from the Nordic Region. Policy Brief 06/2022.

Jämställdhetsmyndigheten (2021): Prostitution och Människohandel. Rapport 2021:23.

Hope e.V. – Dämonen im Klassenzimmer

Hope e.V. –
Dämonen im Klassenzimmer?

(Titelbild: Foto von Kevin Escate auf Unsplash

PDF zum Artikel:

Hope e.V. – Dämonen im Klassenzimmer – FUNDIWATCH

Der Verein Hope e.V. sowie dessen erste Vorsitzende und Gründerin Katja Ryzak praktizieren einen Glauben an den Teufel, Dämonen und sexuell unreine Geister.  Hauptsächlich missioniert der Verein mit einem Heilsversprechen unter Sexarbeiter*innen. Doch das zweite Standbein des Vereins bilden vermeintliche Präventionsworkshops an Schulen, die vorgeblich über Loverboys und Pornografie aufklären. Aktuell wiegelt Hope e.V. Menschen durch verstörende Clips in den Sozialen Medien mittels Desinformation und Ragebait auf, freilich ohne Belege oder Quellen zu liefern. Hope e.V. richtet  seine Präventions-Workshops an Schulen bereits an Kinder ab der 4. Klasse.
Wir fordern insbesondere Behörden, Schulen und Eltern auf, sich mit dem hier vorliegenden Material zu beschäftigen. In unseren Augen arbeitet Hope e.V. unseriös und bringt seine Zielgruppe auf  vielerlei Hinsicht in Gefahren.

Alles begann mit der folgenden Botschaft von Jesus an Katja Ryzak: „Jesus sagte einfach random zu mir im Gebet, geh` ins Internet und informiere dich über Menschenhandel.“ So sagt sie es im Videopodcast „Furchtloses Zeugnis“ von Michael Neumann, um den es später noch einmal gehen wird. Ryzak glaubt im Auftrag Gottes zu handeln. Der von ihr gegründete Verein Hope e.V. ist ein christliches Missions-Projekt, fest verankert in einer baden-württembergischen Freikirche.

Wer ist Hope e.V.?

Gegründet wurde Hope e.V. mit heutigem Sitz in Bretzfeld (Baden-Württemberg) nach eigenen Angaben 2013 und agiert seit 2017 als eingetragener Verein, bestehend heute aus zwei Vorständen und 19 Mitgliedern. Der Verein betreibt u.a. Streetwork im „Rotlichtmilieu“ und begleitet beim „Ausstieg aus der Prostitution“. Zudem ist Hope e.V. Mitglied im hier schon mehrfach erwähnten Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. (ggmh) und dem European Freedom Network. Als (offenbar besonders eng) kooperierende Organisationen werden auf der Homepage neben ggmh die Vereine Mission Freedom, Perlentor, Freiheits-Stil und light-up Germany genannt – abgesehen von light-up alle ebenfalls Mitglied bei ggmh. Erst seit Neuestem wird Mission Freedom e.V. dort nicht mehr genannt. Einen Transparenzhinweis über den Ausschluss (?) von MF konnten wir bisher nicht finden. Das Netzwerk veranstaltet „Walks for freedom„, an dem sich auch Teamangehörige von Hope e.V. beteiligen, wie aus einer Socialmedia-Auswertung hervorgeht.

In den letzten Wochen erzielte Hope e.V. durch stark zugespitzte und aufwiegelnde Video-Clips große Reichweiten auf den Plattformen YouTube, TikTok und Instagram. Zeitgleich wurde bekannt, dass der SWR vor Kurzem mit Hope e.V. drehte. Also ist absehbar, dass Ryzak und Hope e.V. demnächst medial präsent sein werden. Leider befürchten wir, dass somit ein neuer Tiefpunkt unkritischer Berichterstattung über christlichen Fundamentalismus bevorsteht.

Bevor wichtige Informationen ungesagt bleiben, berichten wir also selbst über Hope e.V. und sein Netzwerk.
Wer ist also Katja Ryzak und der von ihr gegründete Verein Hope? Was hat der Verein mit dem Glauben an Wunder und Dämonen oder den „Geist des Todes“ zu tun? Und warum beurteilen wir das als tendenziell gruppenbezogen menschenfeindlich?

Eine Instagram-Kachel zeigt Anna Klein in einem Einkaufswagen, wahrscheindlich im Rahmen eines "Walk for Freedom"
Quelle: Instagram von Anne Klein, aktiv bei Hope e.V., https://www.instagram.com/anna_klein_93/

Als wir in die Recherche eingestiegen sind, war uns bei FundiWatch nicht klar, welches haarsträubende Geflecht aus Dämonenaustreibungen, „Mentoring“ und „Prävention für Schulkinder“ wir aufdecken würden. Mehrere Personen aus dem Verein Hope e.V. konnten wir in direkte Verbindung mit sog. Befreiungsdiensten und „Mentoring“ bringen. Darüber hinaus mussten wir feststellen, dass Hope e.V. ernüchternde Ansichten über Therapie und zivilgesellschaftliche Intervention gegen patriarchale und sexualisierte Gewalt verbreitet. Hope e.V.’s Inhalte strotzen nur so von Sexarbeitsfeindlichkeit, Transfeindlichkeit und immenser Einseitigkeit.

An dieser Stelle eine Triggerwarnung: Wenn Du selbst betroffen von sexualisierter Gewalt bist, überleg‘ Dir bitte gut, ob dieser Text gerade die richtige Lektüre für Dich ist. Ebenso weisen wir daraufhin, dass Hope‘s Schilderungen teilweise explizit und gewaltvoll sind und Deine Gefühle verletzen können. Falls Du spirituellen Missbrauch erlebt hast, pass‘ bitte besonders auf Dich auf.

Die eigene Biografie als Beleg für „normal“

Katja Ryzak betont, wie eng verbunden ihre persönliche Missbrauchsgeschichte mit Hope e.V. ist. Sie äußert das, oft wortgleich, in den allermeisten Formaten, die von ihr bekannt sind. Sie sei als Kind über Jahre betroffen von sexualisierter Gewalt im Umkreis der eigenen Familie, genauer gesagt im freundschaftlichen Umfeld der Eltern gewesen. Ryzak rutschte nach eigener Aussage als Jugendliche ins „Punk-Milieu“ ab. Ihr Zustand verschlechterte sich immer weiter, Therapien und ein Klinikaufenthalt folgten.

Ryzaks anschauliche Schilderungen enthalten Wertungen wie „ungesund“ oder „abrutschen“ – ein Grundrezept, das uns in christlich-fundamentalistischen Milieus immer wieder begegnet. Begriffe wie diese stehen für einen fest etablierten Wertekanon, dessen konkrete Inhalte aber in der Regel nicht transparent gemacht wird. Stilmittel wie diese sind ein Grund unter vielen, weswegen wir Hope e.V. als Missions-Projekt und nicht als sozialarbeiterisches oder pädagogisches Angebot beurteilen.

Während die professionelle Soziale Arbeit nur selten einzelne Beratungsfälle in der Öffentlichkeit diskutiert und Verallgemeinerungen und persönliche Wertungen aus berufsethischen Gründen eher vermeidet, macht Hope e.V. das exakte Gegenteil.

Religiös wiedererweckt

Anekdotische und biografische Episoden werden bei Ryzak zum Normalfall. Sie verknüpft sie darüber hinaus mit einem umfassenden Heilsversprechen. In Katja Ryzaks Biografie war das so: Während des Klinik-Aufenthalt erhält sie Besuch von Jugendlichen aus ihrer Gemeinde, der JES Kirche in der Nähe von Heilbronn in Baden-Württemberg. Dieser Besuch führt zur religiösen Wiedererweckung der jungen Erwachsenen. Infolgedessen kehrt Ryzak der „ungesunden“ Punk-Szene den Rücken und in den heimeligen Schoß der Gemeinde ihrer Kindheit zurück. Das mag Ryzak genau so erlebt haben, doch viele Menschen betrachten auch Subkulturen oder Communities als emotionales Zuhause und daran ist per se erst einmal nichts auszusetzen. Es verrät aber etwas über den Wertekanon von Hope e.V. und Ryzak, wie sie es erzählt.

Ryzak spricht nie absichtslos über sich oder ihre Biografie, sondern thematisiert stattdessen Hope e.V., und damit verbundene Werte und Anliegen. Darin zeigt sich ein typischer Dualismus aus falsch – richtig, gesund – krank, heil(ig) – dämonisch. Derartiger Dualismus kann auch ein Marker für Verschwörungserzählungen und religiösen Extremismus sein.

Katja Ryzak glaubt an das Konzept eines rettenden, sprechenden und eingreifenden Gottes. Und sie hält sich für ein Instrument dieses Gottes. Durchaus dubiose Praktiken, wie Dämonenbefreiung, geschlossene, nur aus ultra-religiösen Organisationen bestehende Netzwerke sowie moralische Überwältigung können daraus folgen. Daraus können leicht gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Ressentiments entstehen.

„Tief in die Scheiße“ als Bekehrung

Hope e.V. eignet sich hervorragend um eine wachsende Szene aus christlich-fundamentalistischen Missionar*innen zu illustrieren. Diese Szene nutzt mitunter Begriffe oder Praktiken der professionellen Sozialen Arbeit oder Pädagogik  als Vehikel für ihre Raumnahme in einer säkularen Gesellschaft. Sie präsentiert sich mittels (semi-)professioneller Öffentlichkeitsarbeit, abgestimmt auf Plattformlogiken.

Ultrakonservative Sexualmoral, Missionierung und Autoritarismus beherrschen die Einstellungen solcher Projekte, Vereine und Organisationen. Krasse Gewalt und Unrecht werden dort oft als (notwendige) Lernkurve einer Rettung inszeniert:

„Aber ich weiß, manche Frauen müssen noch mal so tief in die Scheiße, müssen noch mal leider so richtig Kacke erleben“ (bevor sie das Angebot von Hope e.V. annehmen, Anm. d. A.)“,

so Ryzak in einem Interview kürzlich.

Dieser Satz formuliert alternativlose Zwangsläufigkeit, präsentiert Ausstieg im christlich-fundamentalistischem Schutzhaus als einzige Lösung im Einklang mit Gott. Nur eine Frage der Zeit, bis alle das erkennen (/s).

Stimmen im Kopf

Gewalt und Missbrauch werden als Kulisse für das Erkennen von Jesus und Rechtgläubigkeit vorgestellt – und normalisiert. Sexarbeit, sowohl als aktives Angebot oder als passive Nutzung, ist Ryzaks Überzeugung zufolge eine Einflüsterung dämonischer Mächte oder des Teufels, also des „Feindes“. Sich frei dazu entscheiden – ausgeschlossen.

Die Implikationen solcher Konzepte machen nicht bei sexueller Zwangsarbeit, Menschenhandel oder freiwilliger Sexarbeit Halt. Im Grunde kann so jede (sexualisierte) Grenzüberschreitung als Versuchung des Teufels umgedeutet werden – Abhilfe schafft demnach dann der rechte Glauben.

Kein Wunder, dass Autor*innen mit christlich-fundamentalistischer Biografie, wie z.B. Nana Myrrhe, von einer tief verwurzelten rape culture in entsprechenden Gemeinden sprechen. Eine „aufreizend“ gekleidete Person, „unkeusches“ Verhalten, der Konsum von Pornos oder auch Selbstbefriedigung sind dämonische Versuchungen, kommen also vom „Geist des Todes“. Mündiger Umgang mit diesen Themen? Unmöglich!

Täterpersonen begehen demnach zwar den Übergriff, aber der Übergriff selbst kommt vom Teufel, und stellt eine Einflüsterung sexuell unreiner Mächte dar. Daraus entsteht eine Verantwortungsverschiebung von mündigen Menschen hin zu einem allmächtigen Gott im Widerstreit mit finsteren dämonischen Mächten.

Das ist auch der Grund, wieso wir so oft „geläuterte“ Täterpersonen in solchen Communities zu sehen bekommen. Geschichten der Umkehr sind eine logische Konsequenz aus dem Widerstreit gut gegen Böse. Strukturelle Themen dagegen werden vermieden.

An den Platz menschengemachter gesellschaftlicher Veränderung wie dem Abbau von Ungleichheit, Hierarchien, Gewalt und Ausbeutung tritt der Kampf zwischen Satan und Gott. Statt umfassende Veränderungen vorzunehmen, reicht es, persönlich „lebendig“ zu glauben und „Jesus zu kennen“. Kein Wunder, dass Projekte, wie Hope e.V., Mission Freedom e.V. oder auch ihr Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. keinerlei Interesse an echter struktureller gesellschaftlicher Veränderung haben, sondern sich auf „Rettung“ beschränken. Frauen aus der „Prostitution“ retten, Kinder vor Pornografie bewahren ist deren Alternative für den Abbau patriarchaler Gewalt durch Gleichstellung, Beteiligung und gleiche Rechte aller Menschen. Bevormundung und moralische Überwältigung ersetzt den informierten Umgang mit Medien und das Erlernen von konsensueller Intimität.

Eine Instagram-Kachel zeigt Katja Ryzak und einen gedeckten Frühstückstisch. Darunter steht: Frauen-FrühstückSa, 23. Nov. 2024 8:45 bis ca. 11 UHR THEMA: "Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares." mit Katja Ryzak
Quelle, Instagram: https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

„Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“

Welche weitreichende Folgen über die Themenkomplexe Sexarbeit und Menschenhandel hinaus solche Ansichten haben können, zeigt sich, wenn Ryzak, Nelli G.-W. oder deren Tochter Delia dieses Konzept auch auf Vergewaltigungen oder tiefe persönliche Krisen übertragen.

Nelli G.-W. und Delia W. sind mutmaßlich beide bei Hope e.V. aktiv. Nelli G.-W. spricht in einigen der jüngsten Kurz-Videos über Schulbesuche, und bezeichnet sich darin selbst „Lehrerin und Referentin für Präventionsarbeit“.

Nelli G.-W. wurde laut eigenen Schilderungen infolge einer Vergewaltigung schwanger. Tochter Delia litt in der Folge unter psychischen Problemen, wurde suizidal. Durch den „wahren Glauben“ besiegten beide die Dämonen und sind nun als Heilungs-Botschafterinnen im charismatischen Spektrum unterwegs. Auf ihrem Instagram-Kanal teilt Nelli G.-W. äußerst verstörende Videos, von vor laufender Kamera durchgeführten Exorzismen – eine junge Frau wird von ihr auf dem Boden festgehalten und schreit. Erneut: Nelli, also die ausführende Person, tritt für Hope e.V. „als Lehrerin und Referentin“ an Schulen auf.

Welche Risiken beinhaltet solche als Präventionsarbeit maskierte Missionsarbeit?

Nelli und Delia G. sind auch Ryzaks Gemeinde, der JES Kirche verbunden. Nelli trat dort erst kürzlich iauf einer „Kokon-Nights“ auf. Dabei handelt es sich um ein an Frauen gerichteten Event der Haupt-Pastorin Svenja Gerasch, die ebenfalls bei Hope e.V. aktiv ist. Auch der christliche Sender ERF hat Mutter und Tochter schon interviewt.

Die beiden offerieren das Mentoringprogramm „Metanoia“, Kostenpunkt 2000 € für 9 Monate- welches eine 2-stündige Gruppenvideokonferenz pro Woche umfasst. Jesus und der Heilige Geist spielen in diesem Mentoringprogramm für Heilung die zentrale Rolle. Auf der Homepage heißt es: „METANOIA ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Dieses Mentoring befähigt dich, in Eigenverantwortung zu wachsen und aus der Führung des Heiligen Geistes heraus deinen Weg zu gehen – ohne Abhängigkeit, sondern nachhaltig und selbstständig.“ Zusätzliche 1:1 Betreuung kann jederzeit hinzugebucht werden. Ein Impressum suchten wir auf der Homepage vergeblich. By the way, Delias Fotos auf der Metanoia-Homepage kamen uns bekannt vor, dazu später mehr.

Dämonen im Klassenzimmer?

Wenn Katja Ryzak immer wieder wiederholt: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“ – dann meint sie das wörtlich. Ist die sogenannte Präventionsarbeit von Hope e.V. also im Grunde Mission? Wenn dies zutrifft, dann wäre dies ein grundlegend anderes Verständnis von sexueller Bildung, Prävention und Medienkompetenz, als gemeinhin an Schulen vermittelt wird und werden sollte.

 

Instagram-Story-Highlight zu Hope e.V. an Schulen: Heute durfte unser Team zu 130 Schülern und 40 Lehrkräften sprechen. Die Themen: Über ein Foto aus einem Klassenzimmer steht geschrieben: "Aufklärung über die Loverboy-Methode und Pornografie.!
Quelle: Instagram Hope e.V., https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

Hope e.V. besucht nach eigenen Angaben regelmäßig Schulklassen ab der 4. Jahrgangsstufe. Wir gehen davon aus, dass das Hope-Team dabei nicht in den Religionsunterricht eingeladen wird, als Beispiel für pfingstlich-charismatische Mission. Stattdessen nimmt das Team für sich in Anspruch relevante Präventionsarbeit zu wichtigen Themen wie Sexualität, Loverboys und Pornografie durchzuführen.

Wir fragen uns und Euch, kann das zutreffen? Nochmal: Hope e.V. zufolge entsteht Heilung aufgrund von rechtem, lebendigem Glauben. Welche Konsequenzen hat diese Sichtweise  für nicht-christliche Schüler*innen? Ryzak sagt in einem Interview vor wenigen Wochen, Gott heile mehr, als Menschen es vermögen. Heißt das im Umkehrschluss, ohne Glauben keine „wahre“ Heilung?

Der Glauben an einen  Gott diametral entgegengesetzten „Geist des Todes“, Jezebel oder den „Feind“ überstrahlt in Ryzaks Ausführungen alle gängigen Methoden, wie z.B. Therapien, gesellschaftliche Veränderungen oder soziale Interventionen gegen Gewalt. Patriarchale Gewalt würde demnach nicht durch Gleichstellung überwunden, sondern durch Befreiung von dämonischen Geistern, Hexerei und Okkultismus. Nochmal die Frage: Was daran ist Prävention oder Aufklärung?

Der Kampf gegen Porno ist ein Kampf gegen „unreine sexuelle Geister“

Jezebel wirkt, Ryzaks Überzeugungen nach, als „unreiner sexueller Geist“ in Pornografie, Verführung, „Sexsucht“ und „perversen“ Sexpraktiken. Der Konsum von Pornografie „kläre Kinder auf“ und mache aus ihnen später im Leben Sexkäufer. Was für ein Verständnis von Aufklärung postuliert Ryzak da?

Das Bild zeigt einen Ausschnit aus einem Corrgenda-Artikel, bebildert mit einem Porträt von Ingeborg Kraus: "Kraus: „Pornografie ist gefilmte Prostitution“Eine weitere Frau, die sich mit dem Fall Lily Phillips und dem Phänomen OnlyFans auseinandersetzt, ist die Psycho- und Traumatherapeutin Ingeborg Kraus aus Karlsruhe. Viele ihrer Klienten sind Frauen, die aus der Prostitution ausgestiegen sind. Kraus teilt die Meinung von Roxie Roots: „OnlyFans ist die Ausübung von Pornografie über die sozialen Medien. Und Pornografie ist nichts anderes als gefilmte Prostitution. Alle drei Formen sind Teil der Sexindustrie, die Frauen sexuell ausgebeutet. Von Selbstbestimmung kann bei OnlyFans keine Rede sein“, stellt sie gegenüber Corrigenda fest. Die Plattform sei ein „perfides System“, in dem die Darstellerinnen unter enormem Druck stünden, da man dort nur Geld verdiene, wenn man viele Abonnenten habe. Diese müsse man ständig bedienen, sonst seien sie weg. „Das gilt für alle, auch für bekannte Darstellerinnen wie Lily Phillips“, sagt die promovierte Psychologin, die die Initiative „Trauma und Prostitution“ gegründet hat, welche sich für ein Sexkaufverbot in Deutschland einsetzt."
Quelle: Schreenshot, Corrigenda, https://www.corrigenda.online/trend/sexindustrie-onlyfans-ist-prostitution-punkt-aus

Hope e.V. kämpft nicht allein gegen Pornografie. Beispielsweise Ingeborg Kraus, umtriebige Aktivistin gegen das Selbstbestimmungsgesetz und Sexarbeit, begreift Pornografie als „gefilmte Prostitution“. Pornografie wird so als Übel begriffen und als unmittelbar mit Pornos verbunden dargestellt.

Ryzaks und Kraus‘ Auffassung der Wirkweise beider „Übel“ liegt also gar nicht weit auseinander. Ryzak steht für eine ultrareligiöse charismatisch-pfingstlerische Perspektive, Kraus für einen beträchtlichen Teil der Frauen-RECHTS-Bewegung. Für beide ist Pornografie „Zerbruch“ und das „Wirken des Feinds“. Nur wer der „Feind“ ist, darüber mögen die Ansichten auseinandergehen. Auf diese Weise erklärt sich, wieso Frauen-RECHTS-Bewegung und hochreligiöse christliche Fundis bei Themen wie Sexarbeit, Menschenhandel und Porno oft Hand in Hand zusammenarbeiten.

„Neulich im Bordell“ … es war einmal

Auf Facebook unterhielt Hope e.V. bereits erfolglos die Beitragsreihe „Neulich im Rotlichtmilieu“. Seit einigen Wochen flutet der Verein nun die Sozialen Medien und YouTube mit verstörenden Kurzfilmen. Diese Filmchen erhalten viele Likes und Aufrufe, auch von Leuten, die sich einiges auf  ihre „Wissenschaftlichkeit“ einbilden.

Hope e.V. gibt in diesen Clips vermeintliche Geschichten aus dem „Rotlichtmilieu“ zum Besten. Dort verleihen Ryzak und Team unverhohlen ihrem Ekel und Verachtung für Sexarbeit, Bordelle und Pornografie Ausdruck. Sie schwingen sich zum Sprachrohr angeblicher Betroffener auf, von denen aber in den Videos – abgesehen stummer (KI-animierter?) Einblendungen – nichts zu sehen ist. Plattformalgorithmen lieben und belohnen krasse Emotionen, Empörung und Wut. Und gerade deswegen müssen wir über Hope e.V. sprechen.

Plattformlogiken & Krise in Journalismus und Politik

Diese Clips erregen neben viel Zustimmung auch Widerspruch. Die Aneignung von Betroffenen, unseriöse Praktiken sowie der SeeNest-Skandal im Netzwerk von Hope e.V. werden diskutiert. Doch Hope e.V. macht sich leider die durch Fälle wie Epstein und Collien Fernandes aufgewühlte Stimmung zu Nutze, um Reichweite zu erzielen.

Sexarbeit und sexuelle Zwangsarbeit unterliegen komplexen sozialen, politischen und moralischen Bedingungen. Sowohl Journalismus als auch Politik sind angesichts der Komplexität dieser Themen oft überfordert. Je tiefer die gesellschaftliche Krise oder je höher die Komplexität, desto besser verfangen Hörensagen, gefühlte Wahrheiten und Skandalisierung, gerade bei leicht verhetzbaren Themen. Leider.

Das Publikum auf den genannten Plattformen konsumiert den Content von Hope e.V. bereitwillig, denn er erlöst es von Komplexität und Widersprüchlichkeit. Dieser Clickbait verfängt, weil viele denken mögen: Endlich redet mal jemand offen, wir haben es doch schon immer geahnt. Für all jene: Die Situation ist weitaus komplizierter als die Hope-Schreihälse sie darstellen.

Doch in einem Feld, in dem kriminalitätsbezogene Medienbeiträge und stürmische Meinungsbeiträge dominieren, sind solche Filmchen verheerend. Dies gilt umso mehr, weil Medienschaffende seit Jahren versäumen, die Hintergründe derer zu recherchieren, die von Skandalen, Moralpaniken und Empörungsspiralen profitieren. Wenn solche Personen und Organisationen dann als „Expert*innen“ in Formaten sitzen, schließt sich ein Kreis aus Desinformation, Vereinfachung und Clickbait.

Wenn es nur so einfach wäre: Alles Gewalt im „Rotlicht“, also „weg damit“. Und genau das fordern dann unseriöse und selbstgerechte Missionar*innen und andere Eiferer.

Noch eine letzte Frage: Wäre es vorstellbar, Mitarbeitende aus professionellen Beratungsstellen in solchen Clips zu sehen? Wohl kaum!

Hope e.V. und andere betrachten sich also als von Gott installierte Retter*innen. Sie weisen  andere Sichtweisen und Auffassungen, auch wenn diese wissenschaftlich gut belegt sind, weit von sich und sehen sich durch ihren Glauben legitimiert. Wer ihnen nicht zustimmt, den hat demzufolge der „Feind“ (Teufel/Patriarchat/das Böse) ergriffen.

Anna Klein als Kalendergirl von Hope e.V.: Eine in beige gekleidete Frau mit langem Rock spaziert durch ein Kornfeld.
Quelle: Instagram, Hope e.V. , https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

Schreiende Kalendergirls

Nun ein harter Cut. Eine Person mit langen dunklen Haaren und markanter Ponyfrisur sitzt auf einem Stuhl und schreit mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera:

„Freiwillig. Keiner macht das freiwillig. Und wenn andere Frauen Dir das erzählen, dann glaub ihnen nicht. (…) Sie lügen.“

Screenshot von Anna Klein aus einem reichweitenstarken Video. Darunter die Einblendung:Prostituierte rastet aus und spricht Klartext.
Quelle: Youtube Hope e.V. , https://www.youtube.com/@hope-hoffnung/ Der Titel lässt ein Missverständnis entstehen: Anna Klein ist keine Sexarbeiter*in, soweit wir wissen.

Wer da so schreit? Das ist Anna Klein. Sie tritt  regelmäßig in den Videos von Hope e.V. auf. Die Machart der Video-Clips ist immer gleich. Daher liegt nahe, dass sie aus einer Hand nach einem festen Konzept zumindest semi-professionell produziert wurden. Wieviel KI drinsteckt, darüber können wir bisher nur spekulieren. Das gleiche gilt für die Verwendung von Spendengeldern für die Erstellung solcher Filmchen.

Die aufgewühlt Schreiende aus dem Clip, Anna Klein, leitet auch die Gruppe „Mädelsarbeit“ (Mädels = gleich Frauen ab 20 Jahren!) der JES Gemeinde und sucht ebenfalls im Rahmen der Präventionsworkshops Schulen auf. Ja, wirklich. Im Bunde mit einer Exorzistin und einer die denkt, dass Missbrauch nur die Vorstufe von was Brauchbarem sei.

Kornfelder, Blumenkränze und Geborgenheit

Das Bild zeigt drei Köpfe mit Blumenkränzen in langen, welligen Haaren von hinten.
Quelle: Instagram Hope e.V., https://www.instagram.com/hope.hoffnung/

Zwischen der Machart dieser Clips und dem Marketing von JES Kirche, Ryzak und Hope e.V. liegen eigentlich Welten. Eigentlich dominiert das Image solcher Gemeinden wie der JES Kirche Kornfelder, Worshipbands, weiße Gewänder, Kerzenlicht, schwingende Röcke, im Wind wehende Haare. Mich persönlich erinnert manches Bild dort ja an die Ästhetik des rechtsextremen Frauenbundes Lukreta (s. Hyperlinks ), aber das nur als persönliche Randbemerkung. Die Fotos von Delia auf der Metanoia-Mentoringseite könnten sehr gut im Rahmen des Kornfeld-Fotoshooting für Hope e.V. entstanden sein.

Anna Klein tritt bei Facebook auch als Hope e.V. Kalendergirl (s.o.) in Erscheinung. Eine Person – zwei Gesichter.

Anna, Katja und Nelli erzählen aus dem „Wohnzimmer des Teufels“

Anna Klein, Katja Ryzak, Nelli G.-W. oder Carina Scheifele schildern in den Hope-Filmchen angebliche Begebenheiten aus der „aufsuchenden Arbeit“. In die Erzählungen hineinmontiert sind klischeehafte Filmsequenzen: Kamerafahrten über nasse, in bunte Lichter getauchte, nächtliche Straßenzüge, rot beleuchtete Innenräume mit sexualisierten Bildern junger cis-Frauen, die mutmaßlich Szenen aus Pornos oder Bordellen wiedergeben sollen. Solche Clips dienen dazu, eine moralische Panik zu schüren und die Zielgruppe aufzuwiegeln.

Die Argumente von Hope e.V. sind im Grunde schwach und äußerst subjektiv, daher setzen sie umso mehr auf Emotionen. Je finsterer die Geschichten aus dem Rotlicht, desto strahlender diejenigen, die sich auf der richtigen Seite wähnen.

Abgleiche mit Instagram-Profilen und ein Screening der Homepage der JES Kirche lieferten uns weitere Anhaltspunkte, wer alles bei Hope e.V. aktiv ist. Denn aus der Homepage von Hope e.V. geht das nicht hervor. Dort zeigt zwar ein Bild mehrere Menschen von hinten vor einem reifen Kornfeld (!), aber mehr auch nicht.

Die JES Kirche und die charismatisch-pfingstlerische Szene in Baden-Württemberg

Das Bild zeigt ein lizenzfreies Beispielbild. Eine betende Gruppe Menschen im Hintergrund. Im Vordergrund stehen einige Personen und haben die Hände auf die Schulter einer weiteren Person gelegt,
Illustrationsbild, Quelle: Adrianna Geo auf Unsplash

Die JES Kirche ist eine Freikirche im Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden e.V. Letzterer ist Mitglied in der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF). Bei FundiWatch beschäftigen uns Gemeinden des Mülheimer Verbands immer wieder, zum Beispiel bei den Recherchen zu „Gemeinsam für Hamburg“ und Kneipenchrist Daniel Schmidt.

Die JES Kirche erlebte seit den 1990ern neuen Aufschwung und unterhält mehrere Standorte im Umkreis von Heilbronn. Neben der Mitgliedschaft im Mülheimer Verband ist sie auch Teil des Arbeitskreis Christlicher Kirchen (ACK). „Die Gemeinden des Mülheimer Verbund“ beschreibt die JES Kirche auf der Homepage „basieren auf einer evangelikal-charismatischen Theologie“. Weiterhin steht dort:

„Wir glauben, dass Gemeinde durch ihre Liebe die Gesellschaft im Sinne des Evangeliums verändern kann.“

Ihre Vision hat die JES Kirche auch in einem Imagefilm (Kornfelder!) veröffentlicht. Auch Katja Ryzak hat darin einen kurzen Auftritt. Dort heißt es unter Anderem:

Man träume „von einer Kirche
… in der das Wirken des Heiligen Geistes im täglichen Leben erfahrbar ist

… in der Gottes Wort praktisch und alltagsrelevant gelehrt und als Maßstab gelebt wird
(…)
… die Gesellschaft prägt“

Träumen ist erlaubt und von der Religionsfreiheit gedeckt. Was flapsig klingt, ist mehr als ein Spruch, sondern ehrliche Grundlage unserer Arbeit. Wir suchen nicht nach Fundi-Nerds, oder machen uns über solche lustig, verfolgen keine Christ*innen.
FundiWatch interveniert dort,
– wo Menschen unfreiwillig missioniert werden,
– sich nicht frei und aus eigenem Willen entscheiden können, weil sie in Zwangslagen sind,
– wenn Menschen durch einen verbindlich gesetzten Wertekatalog moralisch überwältigt werden, statt in Kenntnis unterschiedlicher Ansichten frei entscheiden zu dürfen
– wo Soziale Arbeit zur Waffe ultrakonservativer Glaubenspraxis wird und
– Konversionen stattfinden, aufgrund vager oder konkreter, jedoch nicht einlösbarer Heilsversprechen.

(Frei-)Kirche in Gesellschaft

Die JES Kirche ist eine evangelikale Freikirche wie viele andere auch. Alpha-Kurse, geschlechtergetrennte Freizeitangebote, das Angebot zumindest vordergründig modern und pastellfarben präsentiert. Uns springt die Ausrichtung auf Minderjährige und das Netzwerk, zum Beispiel mit der International Christian Fellowship (ICF) ins Auge.

Vor Kurzem haben wir über die geplante Anerkennung der ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe berichtet. Karlsruhe ist kein Einzelfall, ICF ist auch in Reutlingen vertreten, also im Einzugsgebiet von Hope e.V.. In der JES Kirche existiert ein Angebot namens „Empower – Mit Freude und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung“. Dort wird das gleichnamige Buch von Pastor Tobias Teichen (ICF München) gelesen. Auch Teichen befasst sich mit Sexualerziehung und unterstellt, dass Pornografie beziehungsunfähig mache.

Hope e.V., als Teil der JES Kirche, schwärmt zur Mission im Rotlicht in Künzelsau, Reutlingen (auch dort gibt es eine ICF) und Heilbronn aus. Netzwerk, das zählt in freikirchlichen, evangelikalen Gemeinden. Zeit für einen Blick auf das Netzwerk von Hope e.V.

JES und Hope e.V.

Katja Ryzak hat in der JES Kirche ihre „geistige Heimat“. Sie und Anna Klein, sowie Nelli und Delia tauchen in unterschiedlichen Funktionen auf der Homepage und den anderen Präsenzen der JES Kirche auf.

In Hope e.V. fließen auch der größte Anteil der Spendeneinnahmen der JES-Kirche, stolze 22,4% (Jahresbericht 2025: Gesamtspendenaufkommen ca. 676.000 €). Davon lässt sich schon einiges an aufwühlenden Filmchen produzieren. Auf der JES-Homepage steht, dass Katja Ryzak Hope e.V. „aus der JES heraus“ gründete. Auch Svenja Gerasch, die Ehefrau des Hauptpastoren Daniel Gerasch taucht immer wieder auf Bildern des Vereins auf.

Fall Sarah: Von Solwodi zu Mission Freedom e.V.  und schließlich zu Hope e.V.

2022 erzählte eine „Sarah“ ihre Geschichte im Format Life Lion. In zwei Teilen erschien damals der Videopodcast mit „Sarah“ und kurz darauf ein „Faktencheck“ mit Katja Ryzak von Hope e.V. Aus diesem Format und einem Artikel auf idea geht hervor, dass SOLWODI Braunschweig „Sarah“ damals zunächst in ein Schutzhaus aufnahm, sie dann aber an Mission Freedom weitervermittelte. Nach mehreren misslungenen Umorientierungsversuchen landet Sarah schließlich bei Hope. Wer genau hinhört, lernt aus diesen beiden Berichten vieles über die Vorgehensweise von Fundis im Rotlichtmilieu. Kontakt halten, auch wenn die Person Abstand sucht, Weiterverweisung im eigenen Netzwerk, religiöse Heilsversprechen, Umdeutung von Erlebtem im Rahmen des charismatisch-pfingstlerischem Wertekatalog der Projekte.

Dieses System aus Weiterleitung erinnert an geschlossene Systeme, in denen die darin befindlichen Personen nicht mehr mit anderen Ansichten in Berührung kommen. Die genannten Vereine waren bis vor Kurzem bei Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. aktiv und bestreiten regelmäßig, dass freiwillige Sexarbeit mehr als eine Randerscheinung sei(n dürfe). Mission Freedom e.V. wird seit Neuestem nicht mehr unter den Mitgliedsorganisationen von ggmh gelistet. In jüngster Zeit tun sich diese Vereine durch Wissenschaftsfeindlichkeit hervor, indem sie den umfangreichen Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz in Zweifel ziehen. Dessen Ergebnisse zeigen ein anderes Bild, als diesen Organisationen gefällt.

Trigger me hardly: Schweiß & Gestank

In einem besonders stark geklickten Short auf YouTube spricht Ryzak über stinkende Sexkäufer, die schwitzen und eklige Sachen verlangen. Solcher Ragebait (emotionalisierende Tiraden) funktioniert nicht erst seit dem Fall Collien Fernandes und der Veröffentlichung der Epstein Files. Doch seitdem schwappt eine besonders hohe Welle der gerechtfertigten Wut über sexualisierte, patriarchale Gewalt durchs Land. Hope e.V. hat sich anscheinend dazu entschieden, sich diese Welle zunutze zu machen. Perfiderweise streben sie danach, die Wucht dieser Emotionen gegen Andersdenkende zu richten, die sich für mehr Rechte für Sexarbeiter*innen einsetzen. Ihnen könne man nicht glauben, Freiwilligkeit existiere nahezu nicht. Daher findet Ryzak krasse Worte des Ekels für Schweiß, Körpergerüche und Penetration. Das soll verstören und genau das ist auch das Prinzip der Wirkweise. Diese Clips sollen triggern.

Hope’s Netzwerk – gemeinsam gegen den „Feind“?

Flankiert werden die besagten Kurz-Videos von längeren Formaten. Wie eingangs schon kurz erwähnt, trat Katja Ryzak vor Kurzem zum Beispiel bei Markus Neumann („Furchtloses Zeugnis“ auf YouTube) auf. Mit glänzenden Augen lauscht dieser andächtig Ryzaks gewohnt auf Verstörung angelegten Schilderungen. Anderthalb Stunden tauschen die beiden sich über den „Feind“, den „Geist des Todes“ und über Befreiung aus. Auch von diesen längeren Video-Podcasts existieren kurze Zusammenschnitte, die ebenfalls derzeit die Plattformen fluten. Für ihre Ragebait-Offensive schreckt Hope e.V. auch vor Populismus, Desinformation und heftigen Anschuldigungen gegenüber Sexarbeitenden nicht zurück, wie wir gleich noch sehen werden.

Markus Neumann ist ein besonderer Fall. Sein Kanal “Furchtloses Zeugnis” kreist um Themen wie Okkultismus, Hexerei, Dämonen, den Teufel. Der Podcast mit Ryzak trägt den Titel “Im Wohnzimmer des Teufels”. In den Shownotes verlinkt er den “Miracle Club”, wo er auch schon selbst aufgetreten ist. Der Miracle Club ist kein Puff mit fragwürdigem Namen, sondern ein Ort für Exorzismen, mitten in Baden-Württemberg.

„Wir sind eine freie christliche Gemeinde in Stuttgart, Bad Cannstatt. Und wir glauben an Wunder.“
„Wir verstehen uns als Trainingscenter in dem jeder seine geistigen Gaben erkennen und trainieren darf.“
„Wir glauben an geistliche Kampfführung und an Heilung und Befreiung in Jesu Namen.”

Sätze wie diese, garniert mit reichlich Bibelversen, und KI-erzeugten Bildern rahmen, um welche Art von Wundern es in Stuttgart-Bad Cannstatt geht: die Abwehr von „Angriffen des Feindes“, zum Beispiel.

Ryzak spart im Talk mit Neumann nicht mit kruden Aussagen, die sehr viel über die „Arbeitsweise“ von Hope e.V. verraten. Und die Anlass sein sollten, zu reflektieren, ob Personen, die sowas äußern, tatsächlich Workshops für Kinder ab der 4. Klasse geben sollten? Ryzak bezeichnet das Rotlichtmilieu als „Wohnzimmer des Teufels“ (50:58) und begründet das mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie Hexerei und Okkultismus. Dazu käme dann der „Geist des Todes“ (51:27). „Geistig tot“ zu sein, wird dort immer wieder mit Sündhaftigkeit verknüpft, mit Einflüsterungen dämonischer Mächte. Ryzak bringt dies mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie mit Suizidalität in Verbindung. Kurz darauf spricht sie dann von Verführung und münzt das auf den Kontakt mit der Kundschaft. Ryzak erwähnt, dass sie selbst „Befreiungsdienste“ durchgeführt hat:

„Und wenn wir Frauen hatten, die dann Befreiung erleben wollten, das waren schon krasse Sitzungen und es hat oft auch lange gedauert und oft auch über mehrere Befreiungsgebete. Das hat Zeit gedauert, auch, dass die Frauen dafür bereit waren, das selber verstanden und gemerkt haben. Frauen, die z.B. aus einem satanischen Hintergrund kommen, ähm weil sie aus der Familie kommen, wo satanische Rituale waren oder auch rituellen Missbrauch, was du vorhin erzählt hast. Ähm die öffnen sich eher dafür für ein Befragungsgebet. (…)“ (52:46)

„als unprofessionell abgestempelt“

Neumann fragt nach: „Wie macht ihr das?“
Ryzak erzählt bereitwillig von ihrer Vorgehensweise: Nach dem Anhören von belastenden Situationen oder Herausforderungen sei ein guter Moment, um ein Gebet anzubieten. Sich nicht so einfach abwimmeln lassen, sondern sich den Klient*innen als „Gebetserhörung“ präsentieren. Sie helfe zwar auch Frauen ohne christlichen Hintergrund, aber bei den christlichen sei es „einfacher“, denn da werde ein „Heilungsprozess in Gang gesetzt, der menschlich nicht möglich ist“ (58:12). Soso. Ryzak weiß offenbar, das was sie sagt, ist heikel und schiebt nach:

„Ähm und mir ist vollkommen klar, ich weiß, dass viele Organisationen, die einfach nur einen christlichen Hintergrund haben, direkt als unprofessionell abgestempelt werden, was völliger Quatsch ist, weil ich stelle genauso Sozialarbeiter an wie alle anderen. Ja, ich habe genauso gelerntes, geschultes Personal. Ähm, wir arbeiten auch mit Polizei, Behörden und allem zusammen. Ähm, außer dass bei uns eben der Glaube unser Fundament ist.“

Fakt ist: Ryzak glaubt fest an böse Mächte, Geister und Dämonen und die gottgewollte und religiös erzielte „Befreiung“. Sie vergleicht sich in dem Podcast dann noch mit Keppler und Newton – aber lassen wir das… es ist auch so schon wild genug. Neumann insistiert: „Inwiefern erlebt ihr auch bei eurer Arbeit so die Führung z.B. des Heiligen Geistes?“ Und Ryzak antwortet:

„Ja, ich kann nicht ohne, wir können nicht ohne, das kann ich nicht ausklammern. Ähm äh wir sind angewiesen auf den Heiligen Geist. Es ist Jesus ist der Grund, warum wir diese Arbeit machen. Er hat mich beauftragt zu den Frauen zu gehen und bis heute ist und bleibt er mein Chef und er ist derjenige, der uns Türen aufmacht und der Türen wieder schließt und uns auch zeigen muss, wann ist es Zeit, zu welcher Frau zu gehen.“ (59:43)

„Jesus ist mein Chef“

Sie malt das aus, spricht von Drang und Auftrag, wenn der Heilige Geist sie ruft. Ryzak berichtet von Wundern, z.B. wie Gott das Auto eines Zuhälters gestoppt habe. Dazu gibt es sogar ein eigenes Video. Sie erwähnt im gleichen Atemzug, dass Hope e.V. gerade mit dem SWR gedreht haben.

Egal ob Team Recherche, SWR oder sonstige Medienschaffende: Was ist los mit Euch? Ihr dreht mit diesen Menschen, die ihren teils fanatisch anmutenden Glauben überhaupt nicht verheimlichen, sich aber Euch als die wahren Experten präsentieren. Was ist das für ein Journalismus, in dem Esoteriker*innen, Fundis oder Personen aus radikalisierten Vereinen ohne Einorndung Fehl- und Desinformationen verbreiten dürfen? Sind Euch Sexarbeitende und Opfer sexueller Ausbeutung wirklich so egal oder kennt ihr den Unterschied zwischen professioneller Sozialer Arbeit und unseriösen Missionsangeboten nicht? Wollt ihr spirituellen Missbrauch, unseriöse Befreiungsdienste und – man kann es wohl nicht anders bezeichnen – „Freaks“, wie Neumann oder den Miracle Club Legitimation und Spenden verschaffen?

Schließen wir für einen Moment unsere Augen und überlassen uns der Vorstellung, Ryzak und ihr Team wären keine (radikalen) Christ*innen, sondern Muslim*innen. Was da los wäre… anderes Thema.

Fundamentalistische Raumnahme bedeutet mehr gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

S/W-Still aus einem depublizierten Video von Hope e.V., das eine Straße in Brasilien zeigen soll.
Quelle: Privatarchiv
Ein S/W-Still, aus einem depublizierten Hope e.V.-Video, das eine trans Frau zeigen soll, aber eine Drag Queen abbildet,
Quelle: Privatarchiv

Vor Kurzem gingen bei FundiWatch mehrere Hinweise auf Hope e.V. ein. Ein mittlerweile depubliziertes Video, das uns aber vorliegt, zeigt Ryzak, die in der bereits erwähnten Machart über eine mutmaßliche „Transgender-Umwandlungsfabrik“ in Brasilien spricht.

Ryzak erörtert im Video, ob es auch männliche „Prostituierte“ gäbe und malt den unserer Ansicht nach nicht belegten Fall der erzwungenen Transition eines brasilianischen Minderjährigen zum Zwecke des Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung aus, der danach angeblich in die „Prostitution“ verkauft worden wäre.

Das ganze Video hindurch spricht Ryzak konsequent von einem „Mann“. Zur Bebilderung von „Brasilien“ wird ein Schwarz-Weiß-Bild eingeblendet, das einen beliebigen Straßenzug irgendwo auf der Welt zeigt. Zur Illustration von „Transgender“ erfolgt die Einblendung einer Szene, in der eine mutmaßliche Drag-Queen sich schminkt. Eindrücklich malt Ryzak aus, wie sehr „der Mann“ unter den billigen Silikonimplantaten gelitten habe. Transition unter Zwang, ein „krass gebrochener Mann“, eine „Umwandlungsfabrik“, über die wir keinerlei Belege finden konnten: Sollte Hope e.V. für alle von ihnen geschilderten Fälle so wenig Belege haben, würde das -wieder einmal- ein Schlaglicht auf den Umgang dieser Bewegung mit Fakten und Wahrheit werfen.

Wir haben bei Verbänden und Einzelpersonen nachgefragt, die sich für die Rechte von trans Menschen einsetzen, um uns dort nach ähnlichen Erzählungen und nach den gängigen Verschwörungserzählungen rund um TIN-Personen zu erkundigen. Uns erreichte dieses Statement, das wir aus Datenschutzgründen anonymisiert haben:

„Im Clip wird auf jeden Fall deutlich, dass es Katja Ryzak wichtig ist zu betonen, dass es sich um „Männer“ handelt, „die wie Frauen aussehen“, was eine komplett schwammige Bezeichnung für trans Frauen ist. (…)

Das nächste ist dann das Beispiel der Industriesilikon-Injektionen, welches sie anführt. Das hat ja eine reale Bewandtnis. Solche Injektionen sind in ganz Lateinamerika dokumentiert und zwar besonders unter trans Frauen, oft wegen Ausschluss aus sicherer medizinischer Versorgung. Auch können sich trans Frauen den sicheren Zugang zu Kliniken nicht leisten, auch auf der Straße ist es so, dass du sicherer bist, sobald dein Erscheinungsbild einfach mehr cis passing ist. Zumal du auch besser zahlende Kunden bekommst. Statt das patriarchale System und die latente trans Misogynie und Sexarbeiter*innenfeindlichkeit anzuprangern schlägt Ryzak zwei Fliegen mit einer ideologischen Klappe, sie verschiebt die Schuld auf „Transgender“ als System.

Solche propagandistischen Schuldverschiebungen haben meist das Ziel Gewalt gegen diejenigen zu legitmieren, die vom System am meisten gebeutelt werden. Trans Frauen leben gerade in Brasilien in Gemeinschaften und unterstützen sich so. (…) Der Ausdruck „transgender Fabriken“ begünstigt Gewalt eben gegen diese Frauen, hat wieder einmal das Ziel, die Transition für junge Personen so schwer wie möglich zu machen.“

Der Clip fiel also auch anderen als ausgesprochen transfeindlich auf, da er zahlreiche Desinformationen, wie sie von der extremen Rechten und Teilen des rechten Christentums vertreten werden, bedient. Uns erreichten mehrere Bitten um Intervention und Einordnung.

Wir konfrontierten Hope e.V. mit Nachfragen zu den Schilderungen im Video. Die Reaktion: Das Video, das zuvor über 5.500 Likes erhielt und über 650 Mal geteilt wurde wurde kommentarlos gelöscht. Schließlich erhielten wir noch eine Mail von Katja Ryzak: Man bedauere, dass man unser „Vertrauen nicht gewinnen“ konnte. „Gegenseitiges Vertrauen“ sehe man „als wichtige Grundlage für eine konstruktive Kommunikation“. Vor diesem Hintergrund bitte man um Verständnis, „dass wir derzeit keine Veranlassung sehen, auf weitere Fragen dieser Art einzugehen“. Aha. Also lieber die abstrusesten Dinge glauben statt Aussagen zu belegen oder zu revidieren. Das wundert uns nach unserem Recherchestand nicht.

How it started and how it’s going

Ich (Ruby) verfolge Hope e.V. schon ein paar Jahre. An meine erste Irritation über Katja Ryzak erinnere ich mich gut. Auf einer Social Media Kachel las ich damals den bereits erwähnten Satz: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“.

Konsterniert speicherte ich diese haarsträubende Aussage in meiner Anti-Sexarbeits-Übersicht unter „Fundis“ ab. 2024 nahm ich Hope e.V. und Katja Ryzak in mein 2025 erschienenes Buch auf. Schon damals habe ich mir einen Mitschnitt eines Auftritts von Ryzak in einer freikirchlichen Gemeinde in Rosenheim angesehen, wo sie 45 Minuten über Pornografie und Prostitution schwadroniert. „Fanatisch“, so mein Eindruck, voller religiösem Eifer.

Von heute betrachtet, fehlt im Buch der Hinweis, dass Hope e.V. auch schon damals an Schulen „Workshops“ erteilte. Im Buch bette ich den Fall Ryzak und Hope in den Komplex PorNO ein. Richtig ist, die Mobilisation gegen Pornografie und Sexarbeit weist starke personelle und strukturelle Übereinstimmungen auf, wie die Beispiele Ingeborg Kraus oder Alice Schwarzer zeigen. Mich hat stets besonders der Diskurs über die Sexualität erwachsener Menschen interessiert. Aus dieser Perspektive behandele ich in „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ die Überschneidungen zwischen trans- und queerfeindlicher, sexarbeitsfeindlicher und armutsfeindlicher Gewalt, gehe aber nur am Rande auf Sexualerziehung oder Präventionsarbeit für minderjährige Zielgruppen ein. Das ist eine Leerstelle, die FundiWatch versucht zu füllen. Denn die Raumnahme christlich-fundamentalistischer Vereine, Projekte und Einrichtungen schloss und schließt Kinder und Jugendliche schon immer ein. Wie sich am Beispiel von Mission Freedom zeigt, fühlen sich Menschen wie Inga Gerckens oder Gaby Wentland sowohl vom „Rotlicht“ angezogen, als auch von der Aussicht Minderjährige unter ihre Fittiche zu nehmen. Frauen und Kinder, das zieht als Spendenaufruf und fördert die Selbstinszenierung als selbstlos Helfende in der Not. Wohin das führen kann, verdeutlicht der Fall „Haus SeeNest“ wohl eindrücklich.

Unmöglich über Gewalt zu sprechen

Als Person, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit und als erwachsene Person erlebt hat, möchte ich heute etwas dazu sagen. Ich spreche selten über diese Erlebnisse, obwohl ich durchaus etwas zum Thema zu sagen hätte. Aber in Deutschland tobt seit Jahren eine durch die Anti-Sexarbeitsbewegung angeheizte Debatte über Freiwilligkeit und Gewalt, die das verhindert.

In dieser Debatte schwingen Personen wie Ingeborg Kraus, Inge Bell, Alice Schwarzer, Gaby Wentland oder Katja Ryzak sich zur Stimme der Betroffenen auf. Sie stehlen dabei unsere Erlebnisse, Geschichten und unseren Schmerz und machen sich das alles zu eigen. Betroffene haben ihrer Sichtweise zu dienen, indem sie pauschalisieren, anderen Erfahrungen absprechen oder Umkehr symbolisieren. Sie liefern Storylines, Bilder und Identifikationsfiguren für die lauten Forderungen der Anti-Sexarbeits- und Anti-Porno-Szene. Nur ambivalent dürfen sie nicht sein.

In all diesem Geschrei ist kein Raum für abweichende Schilderungen von Gewalt, solche, die da nicht hineinpassen. Ich habe sexualisierte Gewalt in der Grundschule, im engen Umkreis, an der Uni, bei meiner Tätigkeit in der Reiseleitung erfahren. Mehrere Jahre Therapie, eine Selbsthilfegruppe und die Sexarbeit haben mir geholfen damit umzugehen.

Ich, anders als eine Katja Ryzak zum Beispiel, maße mir nicht an zu beurteilen, ob mein Fall die Regel ist. Ich habe gelernt, dass sexualisierte Gewalt so unterschiedlich ist, wie die Verhältnisse der Menschen, die sie erleben. Was mich gestärkt hat? Von anderen Sexarbeiter*innen oder aus der Kundschaft zu hören, die Ähnliches erlebt haben. Manches war vergleichbar, vieles ganz anders als meine Erfahrungen. Und doch, ich war nicht allein.

Unmündige Opfer sind mir keine begegnet, dafür einiges an esoterischen, ultra-religiösen Heilsversprechen. Mich verstörten Leute, die sich selbst mit Rettung und Heldentum gleichsetzen. Geholfen dagegen hat mir die Einsicht in strukturellen Sexismus und Trans-Misogynie, verbunden mit der Intervention dagegen.

Vor einigen Jahren habe ich einen zaghaften Versuch unternommen, über meine Gewalterfahrungen zu sprechen. Gleich waren Menschen aus der Anti-Sexarbeits-Bewegung zur Stelle: „Da schau, das ist der Grund, du spaltest ab, deswegen glaubst Du, DAS freiwillig zu machen.“ „Du bildest Dir die Freiwilligkeit nur ein“. „Du bist Opfer und krank.“ Sie versuchten meine Erfahrungen auszunutzen, um meine Argumente für mehr Rechte von Sexarbeiter*innen zu unterlaufen, nutzten meine Erlebnisse als Waffe gegen Gründe, die ihnen nicht gefielen. Was blieb ist die Einsicht: Wenn Du Dich nicht zum Token dieser Leute machen lässt, betrachten sie Dich als Feind und bekämpfen Dich mit allen Mitteln.

Auch deswegen ist es unerlässlich, dass wir über Hope e.V. sprechen, und zwar als christlich-fundamentalistisches Rettungsprojekt, das Betroffene von sexualisierter Gewalt und Minderjährige gefährdet. Um es mit Anna Klein zu sagen: „Glaub ihnen nicht.“

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Nachbemerkungen:
1. Wir haben übrigens eine KI gefragt, uns Bildmaterial zum „Geist des Todes“ zu erstellen. Das Ergebnis enthalten wir Euch nicht vor…, auch wenn wir uns anders entschieden haben. 😉
2. Wir bitten um Zusendung aller schlechten Timmy-Hope-Walwitze, die Euch einfallen.

„Jesus Army is rising up“

Aktionen von „Reviving the World“ dieses Wochenende in München

(Quelle Titelbild: Instagram / Revivg The World). Die international vernetzte und u.a. eng mit „Christus für alle Nationen“ (CfaN) vernetzte christlich-fundamentalistische Missionsorganisation Reviving the World veranstaltet im Nachgang zu ihrer Aktion beim CSD München (vgl. hier und hier) dieses Wochenende weitere Aktionen:

Am Freitag traf man sich am Stachus zum „Move of Hope“. Der Leiter David Rotärmel persönlich stand auf der Bühne und hetzte gegen queere Menschen. Am Samstag traf man sich dann zum Jesus-Marsch vom Fortuna-Brunnen zum Orleansplatz, wo dann erneut ein „Move of Hope“ stattfand, bevor man sich in der mit zahlreichen christlich-fundamentalistischen Gruppen verbundenen katholischen Heilig-Geist-Kirche traf.

Heute am Sonntag veranstaltet Reviving the World erneut einen Jesus-Marsch vom Friedensengel zum Marienplatz. Am Marienplatz findet dann von 14 bis 15 Uhr erneut ein „Move of Hope“ statt, bevor man sich Abends wiederum in der Heilig-Geist-Kirche trifft.

Quelle: Instagram / Reviving the World

 

Ein paar Beobachtungen:

Queerfeindliche Hetze am Stachus

Am Stachus fanden sich am Freitag im Publikum etwa 100 Personen vor einer aufgebauten Bühne ein. Begonnen wurde mit suggestiven Fragen, die man selbstverständlich bejahen muss. Die beiden jungen Prediger starten mit Fragen wie: „Fühlst du dich manchmal ängstlich? Findest du es gibt zu viele Kriege auf der Welt?“ usw. usw. Als Lösung, die all dies überwinden würde, wurde schnell „Jesus“ genannt, um den es heute gehen solle und von dem man sich heute (!) retten lassen könne.

Es folgt die typische Lobpreismusik. Ein älterer Herr fragt mich, was das denn sei und ob das heut modern sei. Ich antworte: „Naja, modern nur äußerlich. Ansonsten sicher nicht“.

Missionierungsversuche…

Neben mir redet eine ältere Dame mit zahlreichen Flyern von Reviving the World und weiteren Organisationen in der Hand auf ein Paar mit Kinderwagen ein, ob sie Jesus kennen.

Die beiden geben sich als Muslim*innen aus und betonen, dass Gott doch im Herzen sei, man eine persönliche Beziehung finden müsse und sie jeden Zwang ablehnen. Die ältere Dame lässt nicht locker, zückt einen Flyer nach dem anderen und versucht dann noch eine Bibel zu übergeben. Die Frau wirkt zunehmend genervt und ermahnt ihren Mann als er – wohl etwas überfordert von der Situation – zur dröhnenden Lobpreismusik anfängt mit den Händen zu wippen. Die beiden bleiben geduldig, verabschieden sich dann aber doch entschieden und ziehen weiter.

Eine Gruppe buddhistischer Mönche macht einige Selfies von sich vorm Karlstor. Sofort ist eine Person von Reviving the World bei ihnen, die ihnen Flyer aufdrängen will und ihnen – wie ich finde übergriffig – die Hände auf die Schutern legt. Die Gruppe reagiert irritiert und läuft etwas verschreckt weiter. Die Person von Reviving the World folgt ihnen und greift immer wieder an die Schultern. Doch die Mönche lassen sich nicht beirren und laufen weiter – ohne Flyer angenommen zu haben.

Von der Bühne aus werden nun Menschen aufgefordert, ihr Leben Gott zu übergeben und nach vorne zu kommen. Dort solle für sie gebetet werden. Einige wenige, vielleicht zehn Personen, folgen dem Aufruf und knien vor der Bühne nieder, wo für sie gebetet wird. Es folgt erneut Lobpreis. Zwei Frauen tanzen vor der Bühne und schwenken bunte Fahnen.

Leiter David Rotärmel tritt auf und hetzt am Stachus gegen LGBTIQ+

Dann kommt David Rotärmel, der Leiter von Reviving the World persönlich auf die Bühne. Mehr schreiend als sprechend ruft er zur Umkehr auf und brüllt, wie wichtig es sei, HEUTE sein Leben Gott zu übergeben.

Es dauert dann keine zehn Minuten bis er gegen queere Menschen hetzt:

Niemand schaffe es aus eigener Kraft frei zu werden aus dem „Gesetz der Sünde und dem Gesetz des Todes“. Er werde jetzt einfach mal sagen „wie es ist“: „LGBTQ sagt dir: Oh, wenn du dich leer oder kaputt fühlst, musst du an deinem Körper rumschnipseln„. Völlig aufgebracht schreit Rotärmel: „Doch wenn du das glaubst, lass es dir sagen, das ist die größte LÜGE! Ich hab keine Angst davor, auch wenn du hier einer bist und sagst, hey, wie kannst du nur sowas sagen. Das ist Hate Speech.“ „Hate Speech“ sei laut Rotärmel, wenn man transsexuelle Personen mit geschlechtsangleichenden Behandlungen unterstütze.

Am Ende brauche es laut Rotärmel keine Geschlechtsangleichung sondern ein neues Herz, das Jesus für einen bereithalte. Man müsse sich also nur bekehren, dann sei alles gut. Wie üblich auf entsprechenden Veranstaltungen, schlittert man haarscharf am Verbot für die Werbung von Konversionsbehandlungen vorbei. Die Botschaft wird dennoch deutlich. Widerspruch ist auf dem vielbelebten Stachus keiner zu hören.

„Gott“ ruft…

Rotärmel ruft dann eindringlich zur Umkehr, man solle nach vorne kommen und sein Leben Gott übergeben. Das geht bestimmt 10 Minuten so.

Rotärmel kommt von der Bühne herunter, rennt duch die Menschenmenge und schreit die einzelnen Personen geradezu an. Man solle auf seine innere Stimme hören, er wisse genau, hier sei noch wer, man solle seinen Nachbarn neben sich fragen usw. usw. Wieder findet sich eine Gruppe von Menschen vor der Bühne ein. Rotärmel spricht ein Übergabegebet um sein Leben Gott zu übergeben, dass man nachsprechen solle.

Eine junge Frau neben mir fragt mich freundlich, ob ich vielleicht auch nach vorne gehen möchte und sie mich begleiten soll. Ich lehne – zugegeben recht schroff – ab. Das akzeptiert sie, bleibt aber in meiner Nähe.

An einem Verkaufsstand neben mir bemerke ich einen Mann, dem die Tränen in die Augen schießen. Er betet mit. Die Reviving the World-Leute sind sofort bei ihm, beten mit ihm, nehmen ihn in den Arm. Und genau das ist eine der Situationen, die ich so pervers finde: Menschen mit Problemen, Sorgen und Nöten sowie in Krisensituationen welcher Art auch immer werden gezielt angesprochen. Zeigen sie Emotionen, lassen diese Gruppen nicht mehr locker und versprechen buchstäblich das Blaue vom Himmel. Was diese Gruppen an Ideologien und falschen Heilsversprechen dann noch so mit sich bringen, wir dann – völlig verständlich – häufig erst spät erkannt.

Jesus-Marsch am Samstag: „Alle anderen Götter sind Götzen“

Am Samstag folgte dann der Jesus Marsch vom Fortuna-Brunnen zum Orleansplatz. Dort waren ca. 80 Personen dabei.

Durch die Münchener Straßen mit „Jesus rettet“ und „Jesus reigns“ Bannern bewaffnet stimmt man dann auch zum in der Szene beliebten Lobpreis-Klassiker „Jeshua“ an. Das Lied wurde 2019 vom Glaubenszentrum Bad Gandersheim veröffentlicht, aus dem heraus auch die Outbreakband hervorgegangen ist und zu deren Mitglieder*innen auch Pala Friesen, Ehemann von Jasmin Friesen (Liebe zur Bibel), und die Predigerin Mia Friesen, gehören. In dem von zahlreichen „Lobpreis-Bands“ übernommen Song heißt es:

„Alle anderen Götter sind Götzen, aber mein Gott lebt!“

Die Zeile wird dann x-mal und fast mantra-artig wiederholt. So viel zu weltanschaulicher und religiöser Pluralität…

Und jetzt noch vom Friedensengel zum Marienplatz

Heute, am Sonntag, plant Reviving the World nun erneut einen Jesus-Marsch vom Friedensengel aus zum Marienplatz. Start ist um 13 Uhr am Friedensengel, ab 14 Uhr will man am Marienplatz sein, wo dann bis 15 Uhr wieder ein „Move of Hope“ stattfindet.

Ein bisschen mehr öffentlicher Widerspruch würde München eigentlich gut zu Gesicht stehen… Übrigens auch von christlichen Gläubigen, die sich ihren Glauben nicht von solchen Gruppen vereinnahmen lassen wollen und sich als Alternative zu solchen „Missionierungsversuchen“ vor Ort anbieten – leider ist davon bisher nichts bemerkbar…

Rückblick: CSD München 2026

Christliche Fundamentalist*innen auf dem CSD beflyern selbst FundiWatch…

Wir waren auf dem CSD München 2026 mit dabei. Bei brütender Hitze durften wir auf unsere Arbeit aufmerksam machen und waren mit unserem neuen Banner am Start. Bei der Hitze haben wir ganz vergessen, mehr Fotos zu machen, aber hier immerhin eines noch aus der Startaufstellung:

Neues Banner, neue Sticker und Flyer…

Sehr gefreut hat uns, dass rechtzeitig zum CSD München unser neues FundiWatch-Banner sowie unsere Flyer und Sticker ankamen, die wir an viele Interessierte verteilen konnten.

Ein herzlicher Dank gilt auch an all die Gruppen, die unsere Sticker und Flyer auf der CSD-Meile an ihren Ständen ausgelegt haben! Diese Aufmerksamkeit hat uns sehr geholfen, bekannter zu werden. Im Nachgang haben wir sogar Anfragen von Personen erhalten, die uns bisher nicht kannten, dadurch auf uns aufmerksam wurden und mit Fragen zu christlich-fundamentalistischen Gruppen auf uns zu kamen. Das Schwitzen hat sich also mehr als gelohnt!

Unser Banner für den #CSD in #München #MunichPride dieses Wochenende ist heute angekommen… Auf geht's zum fröhlichen Schwitzen! Wir sind in Gruppe Nr. 99 – und wenn's gut läuft haben wir auch Sticker dabei… 😉 Also schaut vorbei! 💜 🌈

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2026-06-24T20:02:02.786Z

Wer Interesse an unseren Stickern und Flyern hat und diese bei sich auslegen oder verteilen möchte, kann sich gerne bei uns melden! Gerne schicken wir euch ein unverbindliches Angebot zu, mit dem wir unseren Aufwand abdecken können.

Gerne würden wir die Bereitstellung von entsprechenden Info-Materialien noch weiter ausbauen, arbeiten bisher als Kollektiv aber weiterhin ohne feste Finanzierung. Wer uns also einmalig oder regelmäßig unterstützen mag, findet Gelegenheit dazu hier – jeder Euro hilft uns und Dank an all unsere Unterstützer*innen!

„Outreach CSD“ von Reviving the World

Auch dieses Jahr waren wieder christlich-fundamentalistische Gruppen auf dem CSD präsent. Über die Aktion „Outreach CSD“ der Gruppe „Reviving the World“ hatten wir bereits kurz vor dem Start des CSD berichtet.

Ein*e Teilnehmer*in vom CSD berichtete uns, dass sie von einer Gruppe angesprochen wurde, die behauptet habe, ein Straßeninterview zum Thema Liebe führen zu wollen. Es schien alles zunächst harmlos, doch dann wurde die Person skeptisch, lehnte ab und widersprach der Veröffentlichung von Aufnahmen. Absolut richtige Reaktion! Denn immer wieder werden Teilnehmende in Videos von christlichen Fundamentalist*innen auf CSDs vorgeführt, die Videos werden manipulierend geschnitten und es wird sich über sie lustig gemacht.

Fundis beflyern FundiWatch…

Auch vor FundiWatch machten die Fundis keinen Halt. Eine Person drängte uns ihren Flyer von der Gruppe Beit Sar Shalom auf (den wir natürlich zu Archivierungszwecken gern an uns nahmen). Unseren FundiWatch-Flyer wollte sie allerdings nicht haben…

Quelle: Eigene Fotoaufnahme FundiWatch.

Die weitreichend vernetzte Gruppe Beit Sar Shalom steht vor allem in Kritik aufgrund ihrer offensiven „Judenmission“. Zu ihren Netzwerken und Verbundenheiten mit zahlreichen umstrittenen und queerfeindlichen Organisationen gibt es auch einen Abschnitt in der open source verfügbaren Dissertation der Theologin Dr. Maria Hinsenkamp, „Visionen eines neuen Christentums„ – dies insbesondere im Hinblick auf die Mitgliedschaft von Beit Sar Shalom im Trägerkreis des Christlicher Convent Deutschland (CCD).

Ausführlich legt Hinsenkamp in ihrer Dissertation dar, welch zentrale Rolle der Christliche Convent Deutschland (CCD) als Bindeglied zahlreicher christlich-fundamentalistischer Akteur*innen der „Kingdom-minded Network Christianity“ (KiNC) – also einer Bewegung, die Gesellschaften entsprechend ihrer christlich-fundamentalistischer Ideologien „transformieren“ möchte – spielt:

„Aus der Mitte der KiNC wurde jedoch ihr Formationsprozess innerhalb der letzten Jahre einmal mehr durch die gezielte Bildung neuer Netzwerke und die daraus entstehenden Initiativen vorangetrieben, um möglichst viele Akteur:innen hinter den basileianisch orientierten Visionen zu sammeln und das Bewusstsein für ihre Relevanz zu steigern, auch über pfingstlich-charismatische Grenzen hinaus. Eine besondere Rolle spielt dabei der Christliche Convent Deutschland (CCD), entstanden aus dem Netzwerk Treffen von Verantwortlichen (TvV), das auch in der Formierung des Netzwerkes Miteinander für Europa (MfE) federführend war. Aus dem CCD haben sich insbesondere mit Ausbruch der Corona-Pandemie verschiedene Veranstaltungsinitiativen gebildet (z.B. Deutschland betet gemeinsam, Hoffnungsschimmer), die die synergetischen, flexiblen, agilen und einflussreichen Kräfte von visionsgetragenen Netzwerkstrukturen einmal mehr unter Beweis gestellt haben.“

Hinsenkamp, aaO., S. 282.

Hinsenkamp ordnet die verschiedenen maßgeblichen Akteur*innen der KiNC in Deutschland in ihrer Dissertation auch in einem Schaubild ihren verschiedenen Ausrichtungen zu:

Hinsenkamp, aaO., S. 283, Abbildung 12: Exemplarischer Ausschnitt aus der deutschsprachigen KiNC-Landschaft

Die Mitglieder des Trägerkreises des CCD sind auf dessen Homepage veröffentlicht:

Quelle: https://www.christlicherconvent.com/leitung

Und wer jetzt „Kontaktschuld!“ rufen mag: Die Netzwerke sind offensichtlich bewusst gewählt und eine (öffentliche) Abgrenzung innerhalb dieser findet so gut wie nicht statt.

Kurzer Einschub: Rückblick Protestaktion FundiWatch zum Treffen von „Miteinander für Europa“ parallel zum CSD 2025 in der St. Matthäus-Kirche und UNUM24 zum CSD 2024

Bis Anfang dieses Jahres fand sich als Mitglied im Trägerkreis des CCD auch noch Dr. Norbert Roth auf der Webseite. Mittlerweile ist er dort nicht mehr aufgeführt, die Gründe dafür sind öffentlich offenbar nicht bekannt.

Roth ist Pfarrer der St. Matthäus Kirche – der evangelisch-lutherischen Haupt- und Bischofskirche – am Sendlinger Tor in München. Dort fand letztes Jahr parallel zum CSD das Treffen des ebenfalls zur KiNC zuzuordnenden Netzwerks „Miteinander für Europa“ stattfand, wogegen FundiWatch mit Unterstützer*innen protestierte.

St. Matthäus arbeitet auch immer wieder eng mit dem CVJM München zusammen, der u.a. auch im Trägerkreis der umstrittenen Glaubenskonferenz UNUM24 in der Münchener Olympiahalle – parallel zum CSD 2024 – vertreten war.

Längere Zeit betreute in St. Matthäus Johanna Planeth vom Gebetshaus München – und zugleich neben Gaby Wentland zweite Vereinsvorsitzende von Mission Freedom – dort den Kinder-Krabbelgottesdienst. Die Einrichtung des seit Langem umstrittenen Vereins Mission Freedom „Haus Seenest“ im Allgäu wurde jüngst wegen vermeintlich „kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden“ geschlossen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Heimleitung und mehrere Mitarbeitende wegen des Anfangsverdachts der Misshandlung Schutzbefohlener.

Norbert Roth behauptete vor einem Jahr, von der Kritik an Mission Freedom und Miteinander für Europa nichts zu wissen. Selbstverständlich nehme man unsere Kritik aber ernst und wolle dieser nachgehen. Sichtbar geschehen ist seitdem – jedenfalls von seiner Seite aus – nichts. Der evangelische Regionalbischof Prieto Peral hingegen, der sich offen für unsere Kritik zeigte und sich dieser auch auf unserer Protestkundgebung persönlich stellte, sagte offenbar die Teilnahme an einem Treffen mit entsprechenden KiNC-Akteur*innen ab.

Who lets the Dogs out? Puppys im Einsatz gegen christliche Fundis…

Und dann war da ja noch die Gruppe, die mit Fahrrad und großer Jesus-Flagge das Wochenende über den CSD und das Glockenbachviertel mit ihren Missionseinsätzen behelligte und „zur Umkehr“ aufrief.

Die Gruppe gehört offenbar unter anderem zu einer christlich-fundamentalistischen Gemeinde, die im Glockenbach-Viertel beheimatet ist, dort fleißig das Viertel mit „Jesus rettet“ und ähnlichen Aufklebern bestickert und für „geistliche Kriegsführung“ wirbt.

Quelle: Eigene Aufnahme FundiWatch
Quelle: Eigene Aufnahme FundiWatch

Welche Rolle "geistliche Kriegsführung" ("spiritual warfare") – also die "Befreiung" von Orten von bösen Mächten oder Dämonen durch Gebet – beim Sturm auf das US-Kapitol am 6.1. spielte, kann man in der sehr hörenswerten Podcast-Reihe von @matthewdtaylor.bsky.social erfahren: buff.ly/Inat34L 1/4

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2025-03-13T20:44:25.094Z

Als sich die kleine Gruppe ausgerechnet die CSD-Fetish-Area für ihren Missionseinsatz aussuchte, kam es zum beherzten friedlichen Protest einiger Personen, woraus diese Bilder entstanden sind…:

Quelle: Instagram

„Christliche“ Kampfsportgruppe „Christkönigtum“ dieses Jahr offenbar nicht auf dem CSD München

Nicht wahrgenommen haben wir bisher eine erneute Präsenz der rechtsklerikal-katholischen Gruppe Christkönigtum auf dem Münchener CSD.

Quelle: christkoenigtum.de

Akteurinnen von u. a. „Christkönigtum“ beim „Tausend Kreuze für das Leben“-Aufmarsch 2025 in München. Foto: Lina Dahm

Quelle: a.i.d.a.-Archiv

Letztes Jahr hatte Christkönigtum eine Kundgebung auf dem CSD München angemeldet, die allerdings vorzeitig beendet wurde, als beim Versammlungsleiter ein Messer in seiner Gürtelschnalle festgestellt wurde…

Christkönigtum bietet eigene „christliche Kampfsportgruppen“ an und steht in enger Verbindung mit der Piusbruderschaft – die durch ihre durchgeführten eigenen Priesterweihen „ohne päpstliches Mandat und gegen den Willen des Papstes“ gerade aus der katholischen Kirche exkommuniziert wurde.

Was bleibt…?

Was bleibt: Christliche Fundamentalist*innen sind nicht in der Mehrheit. Aber es gilt weiterhin – wohl seit Langem wieder mehr als jeh – unsere Freiheit gegen antipluralistische und menschenfeindliche Ideologien zu verteidigen.

Aber wichtig auch: Auf dem CSD waren auch viele queere christliche und christliche queerfreundliche Gruppen präsent. Christlichen Fundamentalist*innen und ihren Vereinnahmungsversuchen sollten wir gemeinsam laut und deutlich widersprechen. Gerade da, wo sie sich vielleicht auf den ersten Blick als vermeintlich modern, freundlich und weltoffen zeigen. Denn nicht selten folgt auf ein „Auch queere Menschen sind bei uns willkommen!“ ein ABER „queere Lebensweisen entsprechen nicht der Bibel, Gott kann ‚helfen‘, du musst dich ändern“ etc. pp. Und DAS ist pervers!

Danke euch, für diesen wunderschönen, heißen CSD und bis bald! Stay strong!


Mehr zum Thema:

Alle Jahre wieder?

MAGA, internationale Rechte, evangelikale Netzwerke und fossile Energielobbyisten treffen sich erneut zur Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship (ARC) – von deutschen Medien wird das bisher ignoriert…

(Quelle Titelbild: ARC-Conference). Vor einem guten Jahr berichteten wir bereits über die Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship ARC25 in London. Es handelt sich dabei um eine der wohl größten (und wohl einflussreichsten) rechten Konferenzen in Europa. Aktuell findet die Konferenz vom 23. bis 25.06. nun erneut in London statt.

Die ARC ist ein rechtslibertärer Think Tank, der vor etwa vier Jahren vom umstrittenen kanadischen Psychologen Jordan B. Peterson ins Leben gerufen wurde. Mehrere Medien verorten Teile des Teilnehmerfelds ausdrücklich im Rechtsaußen- bzw. far-right-Spektrum, insbesondere Vertreter aus AfD- und Vox-nahen Milieus.

Besonders auffällig ist die dortige Vernetzung der christlichen Rechten mit der internationalen Rechten, Teilen der MAGA-Bewegung und fossiler Energielobby.

1. Heute startet mit der #ARC2025 Konferenz eine der größten (und wohl einflussreichsten) rechten Konferenzen in Europa. Neben ua Mike Johnson und Frauke Petry dabei auch zahlreiche Personen aus dem christlich-fundamentalistischen KiNC-Netzwerk. Deutsche Medien scheint das nicht zu interessieren…?!

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2025-02-17T18:37:40.525Z

Rückblick: Die ARC25: Klassenfahrt „christlicher“ Influencer*innen

Bereits vergangenes Jahr wurde die Konferenz zunächst von deutschen Medien nicht aufgegriffen.

Das Blatt wendete sich etwas, als wir darüber berichteten, dass mehrere Christfluencer*innen wie u.a. Jasmin Friesen (damals noch Neubauer, liebezurbibel / „In Zeiten wie diesen„), Jana Hochhalter („In Zeiten wie diesen„), Tini Brüning (die tagespost), Lukas Furch (The Chosen) und auch der rechtsextreme Leonard Jäger aka „Ketzer der Neuzeit“ an der Konferenz teilnahmen und ihren Besuch intensiv auf Social Media als „gemeinsame Klassenfahrt“ verbreiteten. Johannes Hartl, Leiter des Gebetshaus Augsburg, trat als Redner auf.

Quelle: Instagram / Tini Brüning

Dabei traf die Gruppe der Christfluencer*innen auch auf Frauke Petry (ehem. AfD-Vorsitzende, jetzt „Team Freiheit“ – für die Lukas Furch tätig ist) sowie Fadi Krikor, einen der beiden Mitinitiatoren der umstrittenen Münchener Glaubenskonferenz UNUM24 und Betreiber des Father’s House of all Nation im ehemaligen Kloster Altenhohenau.

Erneut aufgegriffen wurde das Thema, als das christliche Rap-Duo O’Bros letztes Jahr Platz 1 der deutschen Albumstarts erreichte – auch Alexander Oberschelp von den O’Bros nahm an der „Klassenfahrt“ zur ARC25 teil. Übrigens nicht das erste Mal. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er an der ersten ARC-Konferenz teilgenommen – ebenfalls gemeinsam mit Jasmin Friesen und Leonard Jäger. Also eben kein „Zufall“ wie später häufig beschwichtigend verbreitet wurde.

Wohl das erste mal in der Geschichte steht mit den O'Bros eine rechts-christliche Lobpreisband auf Platz 1 der #Albumcharts. Dass es hier um viel mehr als "HipHop mit christlichen Botschaften" geht, wird von Medien bisher nicht wahrgenommen, in christlichen Kreisen oft verharmlost… 1/9

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2025-04-06T18:28:57.230Z

Erneut „bemerkenswerte“ Teilnehmende: Johannes Hartl und Springer-CEO Dopfner sowie Rechtskatholikin Gudrun Kugler (OIDAC)

Vom 23. bis 26.06. findet nun die vierte ARC-Konferenz statt – die dritte Konferenz in London; 2024 traf man sich im australischen Sydney.

Und wieder scheint das Medieninteresse in Deutschland gering bzw. nicht vorhanden. Dabei finden sich unter den Teilnehmenden erneut auch zahlreiche Teilnehmende aus Deutschland und Österreich, auf die wir hier nicht alle eingehen können.

Kurz zu einigen besonders bemerkenswerten Personen:

Johannes Hartl

Darunter erneut der Theologe und Leiter des Gebetshaus Augsburg, Johannes Hartl, der bereits letztes Jahr auf der ARC25 als Redner auftrat. Zuletzt stand Hartl in der BR-Doku „Die hippen Missionare“ mit seinem Gebetshaus und der MEHR-Konferenz im Fokus kritischer Medienberichte. Anschließend verteidigte er sich gegen Kritik – ausgerechnet im rechtspopulistischen Portal NIUS, wo er im Podcast zu Gast war.

Quelle: Instagram / Johannes Hartl

Mathias Dopfner

Ein weiterer Redner auf der Konferenz sollte eigentlich ebenfalls die Öffentlichkeit besonders interessieren (und beunruhigen): Springer-CEO Mathias Dopfer findet sich ebenfalls auf der prominent besetzten Rednerliste.

Bildquellen: https://www.arc-conference.com/arc26-speakers

Ideologisch dürfte sich Dopfner auf der ARC26 sehr wohl fühlen…

Dafür spricht auch ein erster Artikel des rechtskonservativen evangelikalen Idea-Magazins (Paywall). Demnach habe Dopfner auf der ARC26 kritisiert, dass zu viele Journalisten Aktivismus mit Journalismus verwechseln würden. Bei Springer sei das anders. Dort habe man sich eine „intellektuelle Verfassung“ gegeben, die sogenannten „Essentials“. Aha.

Gudrun Kugler

Mit dabei ist auch wieder Gudrun Kugler, österreichische Politikerin, Juristin sowie katholische Theologin und sogar im „Advisory-Board“ der ARC vertreten. Sie sitzt seit 2017 für die Österreichische Volkspartei im Nationalrat und ist seit 2024 Vizepräsidentin der Parlamentarischen Versammlung der OSZE.

2023 fand Kugler im Bereich Rechtskatholizismus Erwähnung im österreichischen Rechtsextremismusbericht des DÖW. Kugler wird zudem als zentrale Akteurin der „Agenda Europe“ gesehen, ein europaweites Netzwerk konservativ-christlicher Akteure, das sich für die Wiederherstellung einer „natürlichen Ordnung“ einsetzt und dabei insbesondere gegen Abtreibungs- und LGBTIQA+-Rechte mobilisiert.

Schließlich ist Gudrun Kugler Initiatorin des Observatoriums gegen Intoleranz und Diskriminierung von Christen in Europa (OIDAC), das über vermeintliche Fälle von Christenverfolgung berichtet. Executive Director des OIDAC ist Anja Tang, ehemalige Mitarbeiterin in Kuglers Büro. Der Ehemann von Kugler, Martin Kugler ist „President of the Board“ von OIDAC. Bis 2000 war Martin Kugler Pressesprecher der rechtskatholischen Gruppe Opus Dei für Zentraleuropa.

Die Seriosität der Zahlen und Falldarstellungen von OIDAC sind umstritten, dies auch hinsichtlich der Einordnung von Fällen als „christenfeindlich“. Beispielsweise listet das OIDAC auch den friedlichen Protest des Bündnisses #NoUNUM24, das gegen die christlich-fundamentalistische Glaubenskonferenz UNUM24 in der Münchener Olympiahlle protestiert hatte, als vermeintlichen Fall auf – obwohl der Protest, auch vor Ort, von zahlreichen christlichen Personen und Gruppen unterstützt wurde wie beispielsweise #OutInChurch oder der Evangelischen Jugend München. Gleichwohl greifen zahlreiche Medien gerade auch die vergangenen Wochen wieder die Zahlen von OIDAC völlig unkritisch auf (vgl. zB. erst jüngst die Welt aber auch der Deutschlandfunk).

„Anti-Woke-Davos“: Wirklich kein Thema für die Medien?

Es überrascht(?), dass insbesondere deutsche Medien die Vernetzung der internationalen Rechten, christlicher Fundamentalist*innen, Teilen der MAGA-Bewegung und Klimawandelleugner*innen offenbar nicht für berichtenswert halten. Aber vielleicht ändert sich das in den kommenden Tagen ja noch.

Besorgniserregend scheinen diese Vernetzungen allemal und sie sollten genau im Blick behalten werden. Nicht zuletzt auch, weil sich auf der ARC viel politischer Einfluss und viel Geld zu einer Agenda versammeln, die laut Guardian von einigen als „Anti-Woke-Davos“ bezeichnet wird. Zur ARC26 heißt es dort:

„Mehr als 4.000 Delegierte aus 85 Ländern – von der konservativen Führerin, Kemi Badenoch, bis hin zu US-amerikanischen Anti-Abtreibungs-Aktivisten und Vertretern europäischer rechtsextremer Parteien – nehmen an der diesjährigen Konferenz Alliance for Responsible Citizenship (ARC) in London teil.

Von manchen als „Anti-Woke-Davos“ bezeichnet, wurden auf der Bühne des Olympia-Konferenzzentrums Themen propagiert wie eine libertäre Ablehnung grüner Wirtschaftspolitik, sozialkonservative Anliegen wie die Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen sowie Widerstand gegen Multikulturalismus.“

(Original in Englisch, Übersetzung d. Verf.)

In Deutschland scheint das bisher kaum jemanden zu interessieren. Und so traten erst vergangenes Wochenende die O’Bros bei Hartls „Mission is possible“ Event in Augsburg auf. Mit dabei auch die Bischöfe Bertram Meier und Stefan Oster von der katholischen Kirche.

Rechtspopulisten ins neue EKD-Gesangbuch?

Achja, und ein von Johannes Hartl geschriebenes Lied steht übrigens aktuell auf einer vorläufigen Vorschlagsliste für das neue evangelische Gesangbuch der EKD. Als wenn es in der Vergangenheit nicht schon genug umstrittene Lieddichter in dem Gesangbuch gegeben hätte – einige wollen nun offenbar für „Nachschub“ sorgen…

Aber dazu an anderer Stelle einmal mehr.

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