Höllenprediger-Paar Martin und Millicent Sedra auf Einladung von ‚Reviving the World‘ zu Gast im Bürgerhaus Garching

Hasspredigt mit Ansage

(Quelle Titelbild: Instagram). In den letzten Tagen hat ein geplanter Auftritt des australischen, der MAGA-Bewegung nahestehenden, Predigerehepaars Martin und Millicent Sedra im Gospel Forum Stuttgart für einigen Wirbel gesorgt. Das umstrittene freikirchliche Gospel Forum – übrigens auch Mitglied im Netzwerk „Gemeinsam für Stuttgart“ – hatte die beiden für einen Auftritt auf der teils von mehreren tausend vorwiegend jungen Menschen besuchten Holy Spirit Night eingeladen.

Nachdem Amos Koch, nach eigenen Angaben „ex-evangelikal-

Quelle: Instagram

charismatisch“ und ehemaliger Jugendmissionsleiter, auf Instagram ein Reel mit Predigtausschnitten der Sedras hochgeladen hatte, entstand eine rege Debatte. In Videoausschnitten wird u.a. unter dem Titel „How God ‚celebrates‘ Pride“ gezeigt, wie eine Feuerwalze über Menschen herabfällt – untermalt mit klassischer Walzermusik.

Koch benannte die  Äußerungen der Sedras als menschenfeindlich und kritisierte den geplanten Auftritt deutlich.

Die Sedras wurden zunächst in Stuttgart wieder ausgeladen…

Schließlich lud das Gospel Forum die beiden wieder aus. Inhaltlich distanzierte es sich hingegen nicht. Gegenüber dem evangelikalen Magazin idea teilte Leiter Markus Wenz in einer Stellungnahme lediglich mit, „die Art„, wie die Sedras „über Homosexuelle, über Muslime, über Andersdenkende“ sprechen, passe nicht zu dem, wofür das Gospel Forum stehe. Theologisch stehe man sich in vielen Dingen hingegen sehr nahe.

Dass sich auch im Gospelforum bereits Prediger*innen wie ein Ben Fitzgerald (Awakening Church) wünschte, Deutsche sollten wieder stolz darauf sein, Deutsche zu sein („I want Deutsche to be proud of being Deutsche. Who cares about history?“), oder ein Johannes Hartl (Gebetshaus Augsburg, Deutschland betet gemeinsam u.a.) dort ein „christliches Europa“ beschwor und unter Jubel davor warnte, dass wir uns „den Islam ins Haus holen“ oder dass dort ein Henok Worku (Vive Church) von neuen Bücherverbrennungen (freilich mit Ausnahme der Bibel) träumte, bleibt unerwähnt. Und zeigt vielleicht, wie viel noch extremer die Sedras in ihren Predigten auftreten…

…und dann in München wieder eingeladen

Doch die Ausladung der Sedras traf auch auf viel Kritik. Und zwar nicht nur bei den Sedras, die als Ursache der Absage das Wirken dämonischer Mächte über Deutschland, u.a. in Form „des Islams“ und queerer Menschen ausmachten. Insbesondere auf Social Media wurde heftig debattiert und gestritten, u.a. dass das Gospel Forum vermeintlich „dem Zeitgeist“ nachgebe.

Quelle: Instagram

Und schließlich lud der mit der Missionsorganisation CfaN (Christus für alle Nationen) eng verbundene Prediger David Rotärmel (Leiter von Reviving the World und bundesweit u.a. mit seinen sogenannten „Nights of hope“ aktiv), die Sedras postwendend zu einer eigenen kostenlosen Veranstaltung am 12.10. nach München ein. Nicht ohne (mit „tagging“) unerwähnt zu lassen, wie sehr er das Leitereherpaar Wenz der Holy Spirit Night schätzt und wie nahe man sich steht.

Rotärmel warb schließlich intensiv gemeinsam mit den Sedras – auf seinen Social Media Kanälen für die Veranstaltung.

 

Private Eventlocation in München erteilt Absage – Stadt Garching sieht keine Handhabe

Bei einer zunächst versuchten Buchung einer Münchener Location am letzten Wochenende verschwieg Rotärmel den dort geplanten Auftritt der Sedras. Nach Hinweisen von FundiWatch an den Hallenbetreiber nahm dieser eine eigene Prüfung vor und lehnte die Buchung im Hinblick auf seine Werte ab.

Schließlich wurde am Sonntag von Rotärmel angekündigt, dass die Veranstaltung nun im Bürgerhaus der Stadt Garching bei München stattfinden soll. Auch dort hatte Rotärmel laut Mitteilung der Stadt den Auftritt der Sedras nicht erwähnt und lediglich eine christliche Veranstaltung mit viel Musik angekündigt. Vom Auftritt der Sedras erfuhr die Stadt nach eigenen Angaben erst nach den Hinweisen von FundiWatch am Montagmorgen.

Doch für eine Absage der Veranstaltung sah man auch nach weiteren Prüfungen keine Handhabe. Grundsätzlich bestehe für öffentliche Einrichtungen ein Kontrahierungszwang. Auf Nachfrage hätten die Sicherheitsbehörden mitgeteilt, dass gegen die Sedras nichts vorliege. Die Polizei wollte laut Mitteilung der Stadt nicht einmal eine Polizeistreife zur Veranstaltung vorbeischicken, um sicherzustellen, dass es dort zu keinen Rechtsverstößen kommt.

Einer der widerwärtigsten Auftritte, die wir bisher erlebt haben

Die Veranstaltung fand also gestern Abend im Bürgerhaus Garching statt. Rotärmel gelang es, binnen nur etwa vier Tagen, nach Einschätzung der Stadt Garching wohl immerhin rund 400 Personen – darunter viele junge Menschen und auch Familien mit Kindern – für die Teilnahme vor Ort zu mobilisieren. Gleichzeitig wurde die Veranstaltung im Livestream übertragen. Das Video dazu ist derzeit weiterhin online und erreichte in nicht einmal 24 Stunden bereits knapp 11.000 Aufrufe.

Über den Verlauf der Veranstaltung werden wir noch näher berichten. So viel bereits jetzt: Es war wohl bisher einer der widerwärtigsten Auftritte, die wir bisher beobachtet haben.

Queere Menschen, Muslim*innen, liberale Theolog*innen (wobei die Sedras hierbei eine sehr merkwürdige Beurteilung vorzunehmen scheinen) wurden verächtlich gemacht und beschimpft, es wurde geschrien und gebrüllt. Die „Pride-Bewegung“ wurde als „dämonisch“ bezeichnet, ebenso „der Islam“, den Sedra „hasse“. Beide würden versuchen, Deutschland „zu übernehmen“. Abtreibung wurde mit dem Holocaust verglichen. Und das sind nur einige wenige Beispiele aus mehr als einer Stunde Hasstiraden.

Rotärmel und das Publikum waren hingegen hellauf begeistert und feierten die „Predigt“ mit Standing Ovations und Jubel. Eine Teilnehmerin zeigte sich begeistert, dass „endlich mal so klar gesprochen“ wurde.

Was wir da erlebt haben, müssen wir tatsächlich erst mal sacken lassen…

FundiWatch schaltet schließlich selbst die Staatsanwaltschaft ein

FundiWatch hat mittlerweile die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und diese um Prüfung der getätigten Äußerungen auf mögliche Strafrechtsverstöße gebeten. Die Stadt Garching selbst lehnte dies nach der Veranstaltung ab.

Wir werden die weiteren Entwicklungen aufmerksam beobachten.

Aufruf zum Widerspruch!

Gleichzeitig rufen wir all diejenigen, die für eine pluralistische freiheitliche Gesellschaft stehen, auf, derartigen Hasstiraden laut und deutlich zu widersprechen.

Ganz unabhängig von ihrer Religion und Weltanschauung, sexuellen Orientierung oder Identität. Denn solche Hasstiraden betreffen das friedliche Miteinander in einer offenen und demokratischen Gesellschaft – und damit uns alle.

Solch ein Auftritt sollte sich nicht wiederholen dürfen.


Berichte in den Medien:

 

 

„Wir sehen im deutschsprachigen Raum eine große Leerstelle“

Interview mit FundiWatch in der MIZ über Recherchen zu christlichem Fundamentalismus und unsere Arbeit

In Ausgabe 02/26 der MIZ (Materialien und Informationen zur Zeit) ist ein Interview mit FundiWatch über unsere Recherche- und Aufklärungsarbeit und das Kollektiv FundiWatch erschienen.

Als wir das Interview gegeben haben, waren die aktuellen Entwicklungen in Bezug auf die ursprünglich geplante Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe noch nicht absehbar. Nun hat sich der Jugendhilfeausschuss – auch unter Bezugnahme auf unsere Recherchen – gegen die Anerkennung entschieden. Wir sehen das auch als Bestätigung für die Relevanz unserer Arbeit.

Insbesondere auch, weil die Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses nicht einfach auf unsere Recherchen vertraut haben, sondern diese zum Anlass nahmen, den Hinweisen näher nachzugehen und sich selbst ein Bild zu machen.

Und umso mehr gilt:

„Christlichem Fundamen­talismus entgegenzutreten ist sicherlich eine gesamtgesellschaftliche Auf­gabe. Selbstverständlich tragen hier auch die Religionsgemeinschaften eine große Verantwortung. Gleichzeitig sind aber auch entsprechende Bildungsan­gebote erforderlich, unabhängige Be­ratungs- und Aufklärungs­stellen, klarere Kriterien bei staatlichen Koope­rationen u.v.m.

Und letztlich ist natürlich auch immer im Blick zu behalten: Radikalisierungen sowohl im politischen als auch im religiösen Be­reich haben insbesondere auch gesell­schaftliche Gründe wie Armut, Per­spek­tivlosigkeit, Rassismus, Queer­feind­lichkeit, Misogynie… – die Liste ließe sich lange fortsetzen.“

Matthias Pöhl von FundiWatch im Interview mit der MIZ

Das Interview ist hier frei abrufbar. Wer uns unterstützen möchte, findet hier Möglichkeiten – jeder Euro hilft! 💜


Mehr zu unserer Arbeit auch im Podcast von SchönerGlauben.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von schöner glauben (@schoenerglauben)

Solidarität mit den Kreatorinnen und Produzentinnen der ARD-Serie „Selling Sex“!

FundiWatch unterstützt Aufruf zur Solidarität mit den Macher*innen der Serie

Die hitzige aktuelle Debatte über die ARD-Serie „Selling Sex“ zeigt vieles, was wir auch in unseren Recherchen zu christlich-fundamentalistischen Akteur*innen immer wieder feststellen. Und das ist kein Zufall: Kontroverse gesellschaftliche Themen – und darunter fällt eben auch das Thema Sexarbeit – sollen auf eindeutige moralische Erzähungen reduziert werden. Vor allem aber hat das Ziel festzustehen: Die leidende ‚Prostituierte‘ hat gefälligst ‚gerettet‘ zu werden. Für Ambiguitäten besteht kein Raum.

Das moralische Urteil christlicher Fundamentalist*innen über Sexarbeit (ebenso wie generell über außerehelichen Sex) steht fest: „Sünde!“ Freiwillige und selbstbestimmte Sexarbeit kann (und letztlich darf) es in ihrem Weltbild daher nicht geben. Daraus folgen Pauschalisierungen (alle Sexarbeiter*innen leiden und wollen ‚gerettet‘ werden), Pathologisierungen (Sexarbeitende, die das nicht sagen, lügen, sind psychisch krank etc.) und der Ruf nach vermeintlich einfachen Lösungen (Stichwort: sog. „Sexkaufverbot“).

Das ‚Storytelling‘ erfolgt dabei nahezu immer nach einer Art eigens festgelegtem Drehbuch: Ein Leben in Sünde wird in Bildern wie Schmutz, Dunkelheit, Sucht oder Krankheit abgewertet (wie hier beschrieben, z.B. beim Verein „The Justice Project“). Wer sich dann schließlich retten lässt, wird als Held*in gefeiert, alle Probleme verschwinden. Strukturelle Rahmenbedingungen im Kontext von Sexarbeit? Viel zu kompliziert! Die Held*innenreise der „geretteten Prostituierten“ darf nicht gestört werden…

Auf derartige Vorgehensweisen und mehrere Beispiele sind wir in unserer im vergangenen Jahr veröffentlichten Broschüre „Christlicher Fundamentalismus – Eine Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit“ bereits ausführlich eingegangen. Dort zeigen wir auch, wie das Thema Sexarbeit – neben anderen sexual- und gesellschaftspolitischen Fragen – als Brückenthema genutzt wird, um christlich-fundamentalistische Positionen bis in die Mitte der Gesellschaft anschlussfähig zu machen. Wie solche Allianzen und Erzählungen funktionieren, beschreibt auch unsere Kollektivist*in Ruby Rebelde in ihrem Buch „Warum sie uns hassen“.

Auch in der aktuellen Debatte um „Selling Sex“ ist vieles davon wiederzuerkennen: Empörung wird über soziale Medien gebündelt, Protestschreiben an die ARD werden vorformuliert und verbreitet, die Macherinnen persönlich angegriffen. Eine der Kreatorinnen wurde als „Frauenverräterin“ beschimpft; in Kommentaren wurde ihr sogar gewünscht, selbst Opfer von Gewalt zu werden.

FundiWatch unterstützt daher ebenfalls das von Ruby mitinitiierte Statement als Aufruf zur Solidarität mit den Kreatorinnen Marie C. König und Miriam Dehne sowie den Produzentinnen Pauline Striebeck und Estella Sublit der ARD-Serie.

Das ganze Statement vom 30.09.2026 im Wortlaut:


Solidarität mit den Kreatorinnen und Produzentinnen der ARD-Serie „Selling Sex“

Der Umgang mit der Serie „Selling Sex“ ist verroht, einseitig und mitunter hasserfüllt. Das hat Auswirkungen auf die Debatte über Sexarbeit und Menschenhandel und trifft Sexarbeiter*innen direkt. Wir fordern mehr Differenziertheit, sachliche Argumente und Stimmen von Betroffenen in der Debatte über Sexarbeit. Hass und Populismus schaden Sexarbeiter*innen.

In der ARD-Mediathek ist die Serie „Selling Sex“ abrufbar. 6 Episoden erzählen die Geschichte von Wirtschafts-Studentin Nelly. Nelly entscheidet sich, den Teufelskreis aus unbezahlten Praktika, miesen Nebenjobs und daraus angehäuften Schulden mit Sexarbeit als Escort zu durchbrechen.

Die sehenswerte Serie kreist um junge Erwachsene, Sexualität und Datingverhalten. Manche der Charaktere haben kreative Berufe und benötigen Aufmerksamkeit für ihre Projekte, Protagonistin Nelly repräsentiert eine Generation von Menschen an Hochschulen oder Universitäten, die sich von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten hangeln und über hohe Lebenshaltungskosten, Studiengebühren und Niedriglohnjobs in finanzielle Not geraten. Relevanter Stoff also, in dem sich sicher viele Personen wiedererkennen.

Inhaltlicher Sprengstoff entsteht, als Nelly in der ersten Episode während eines Kellner-Einsatzes eine Bekannte trifft. Denn Nellys Bekannte ist auch „beruflich“ auf dem Event, bei dem Nelly kellnert – und zwar als Escort. Zwei Jobs und doch schildert die Serie die Ausgangslage der beiden Frauen komplett unterschiedlich. Nelly im Kellner-Livree wird zurechtgewiesen, als sie auf’s Handy schaut, ihre Bekannte dagegen wird chic gekleidet und offenkundig in Partylaune präsentiert. Die Escort trinkt den Champagner, den Nelly serviert. Nelly entscheidet: Schluss mit dem miesen Nebenjob und stellt sich bei einer Escort-Agentur vor.

Diese kleine Geschichte markiert den vermeintlichen Tabubruch der Serie „Selling Sex“: Denn die Serie schildert Sexarbeit nicht als per se brutale, fremdbestimmte Gewalt, sondern thematisiert Nellys Werdegang als Escort mit Höhen und Tiefen. Und genau darüber haben deutsche Medien seit Langem eine Art Nachrichtensperre verhängt.

Wer das Thema Sexarbeit verfolgt, kennt Berichte über Studierende, die ihr Studium so finanzieren. In den Sozialen Medien gibt es reichweitenstarke Accounts über die Arbeit als „spicy showgirl“, Stripper*in oder Escort. Wer will, findet Lebensrealitäten, wie die von Nelly, in denen Menschen eine Entscheidung für diese Arbeit getroffen haben, und dann eine Vielzahl unterschiedlicher Erfahrungen machen. Wie hoch der Anteil von Escortanbietenden in der Sexarbeit ist, lässt sich nicht quantifizieren. Qualitative Forschung der letzten Jahre belegt allerdings, dass ihr Anteil höher als durch Medien und Politik vermutet liegen dürfte. In diesem Zusammenhang ist auch folgender Befund interessant: Die bislang größte Befragung von Sexarbeitenden im Rahmen der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen aus dem Jahr 2025 zeigt ein durchaus anderes Bild als das der amtlichen Statistik: Von den 2.350 befragten Sexarbeitenden besaßen insgesamt 44,6 % die deutsche Staatsangehörigkeit, während dies in der ProstSchG-Statistik 2023 lediglich auf rund 18 % der angemeldeten Personen zutraf. Weiter zeigt die Evaluation, dass nur rund 42 % der Befragten ausschließlich von Sexarbeit leben und ein erheblicher Teil nicht nach dem ProstSchG angemeldet ist. Diese Ergebnisse stehen in einem auffälligen Kontrast zu vermeintlichen Gewissheiten, die in Debatten über Sexarbeit immer wieder angeführt werden – etwa der Behauptung, dass nur ein kleiner Teil die deutsche Staatsangehörigkeit besitze, wofür regelmäßig die ProstSchG-Statistik herangezogen wird, obwohl diese ausschließlich angemeldete Sexarbeitende erfasst. Interessant ist aber vor allem, wie mit den deutlich abweichenden Ergebnissen der Evaluation umgegangen wird: Von Anti-Sexwork-Organisationen wie TERRE DES FEMMES wird der wesentlich höhere Anteil deutscher Sexarbeitender in der Befragung als Hinweis darauf interpretiert, dass das Sample der Evaluation verzerrt sei. Man kann die Frage allerdings ebenso in die andere Richtung stellen: Was, wenn nicht die Evaluation ein verzerrtes Bild zeichnet, sondern die amtliche Statistik nur einen bestimmten Ausschnitt der Sexarbeit abbildet? Schließlich erfasste die Evaluation auch Menschen, die nicht angemeldet sind, Sexarbeit nur nebenberuflich ausüben oder nicht ausschließlich davon leben. Vielleicht zeigt die Abweichung daher vor allem eines: dass die Lebensrealitäten in der Sexarbeit vielfältiger sind, als es die häufig herangezogenen amtlichen Zahlen vermuten lassen.

Verkniffene Rezensionen

Die deutschen Medienberichte zur Serie offenbaren eine sexarbeitsfeindliche Schlagseite. Stefans und Christians fällen Urteile wie „Legende“, „Illusionen“ oder „Anleitung zur Prostitution“ über Nellys Geschichte. Stimmen aus der Sexarbeit, Beratung oder Forschung fehlen dagegen vollständig. Ein verdrossener, dickköpfiger Mangel an Interesse und Neugier prägt den Ton dieser Texte, die nicht debattieren, sondern um sich selbst kreisen. Offenkundig löst eine für die Mehrheit der Medienschaffenden unerwartete Geschichte bei jenen kein Interesse, sondern Widerwille und Rechthaberei hervor. …

Der deutsche Journalismus hat sich beim Thema Sexarbeit in gefühlten Gewissheiten bequem eingerichtet: „Prostitution“ ist demnach ein inhärent menschenunwürdiges Gewaltverhältnis. Beim Urteil über die ARD-bewirkt dies Folgendes: Statt darüber zu sprechen, wieso Studierende Sexarbeit machen und Nellys Erfahrungen zu debattieren, verlagert ein Großteil der Beiträge den Fokus darauf, wie ungehörig sie es finden, Sexarbeit nicht als Ausdruck von Gewalt und Kriminalität darzustellen.

An deutsche Medien durch Forschung, Sexarbeitende oder Beratungsstellen gerichtete Forderungen nach mehr Differenzierung oder Analyse fruchten seit Jahren kaum. Der Tenor deutscher Medien lautet: „Prostitution“ hat es nicht zu geben dürfen, und verstellt sich damit der Realität. Wer sich diesem unausgesprochenen, nichtsdestotrotz verbindlichen Mantra nicht unterwirft, dem kann gewaltverherrlichende Mittäterschaft vorgeworfen werden. Solche Unterstellungen haben massive Konsequenzen für eine Debatte, der es bedauerlicherweise ohnehin an Sachlichkeit und Repräsentation mangelt.

Die Kreatorinnen und die Produktionsfirma Mia Wallace der Serie „Selling Sex“ erleben das derzeit hautnah. Marie C. König hat 10 Jahre als Escort gearbeitet, Miriam Dehne in einem Berliner Bordell als Wirtschafterin und für das sexpositive TV Erotik Magazin „Liebe Sünde“. Unser Standpunkt: Hört Sexarbeiter*innen zu! Insbesondere, wenn sie Außenstehenden Dinge über sich, ihr Leben und ihre Arbeit verraten, die für die allermeisten neu sein dürften.

Empörungsspiralen und Kampagnen

Gewissheitsjournalismus ist das eine. Dazu kommt die Reaktion der deutschen Anti-Sexarbeits-Bewegung. Eine reichweitenstarke Stimme gegen „Prostitution“ teilt kurz nach Veröffentlichung der Serie einen empörten Post zu „Selling Sex“ auf Facebook und Instagram. Sie habe die Serie zwar nicht gesehen, dafür aber ein Interview mit einer der Kreatorinnen in einem österreichischen Medium gelesen, das bei der Erwähnung von Prostitution nicht grundsätzlich nach Verboten ruft. Wütend übt die Aktivistin Fundamentalkritik an einer der Kreatorinnen und am „ÖRR“ und den „Gebühren“. Eine Flut von erbosten, teils gewaltverherrlichenden Aussagen schwappt durch die Kommentarspalten der Posts. Dort werden Briefe an die ARD vorformuliert. Als eine der Kreatorinnen von „Selling Sex“ sich einmischt, wird sie beschimpft. „Frauenverräterin“ urteilt eine der Vorstandsfrauen des Bundesverband Nordisches Modell e.V., manche wünschen der Kreatorin, sie möge Gewaltopfer werden. Manche der extremsten Kommentare wurden wieder gelöscht, wurden zuvor aber dokumentiert.

Währenddessen erhält die ARD eine Fülle von Protestbriefen. Kurzum: der Druck auf die Serie und ihre Macherinnen wächst. Auf dem Filmfest München, in Reviews und Streaming-Empfehlungen, Podcasts und Radiosendungen wird die Serie positiv besprochen. Auch einige Sexarbeiter*innen begrüßten die Serie als ein „Puzzlestück“, das bislang in der deutschen Medienlandschaft fehlte. Ein Puzzlestück in einem komplexen Bild. An diesem komplexen Gesamtbild scheint die aufgeregte Debatte um Sexarbeit und Menschenhandel schon lange das Interesse verloren zu haben.

Für uns ist die Unterscheidung entscheidend: In „Selling Sex“ geht es nicht um Menschenhandel oder sexuelle Zwangsarbeit – dazu gibt es eigene, notwendige Beiträge und Debatten –, sondern um Sexarbeit. Wer diesen Unterschied verwischt, trifft eine Entscheidung zugunsten Undifferenziertheit und gegen Ambivalenz und Ambiguität. Die organisierte Anti-Sexarbeits-Bewegung tut genau das:

Kampagnen + Aufruhr = Druck

Vorbildlich für den aktuellen Protest gegen „Selling Sex“ sind Moralpaniken und Empörungsstürme und daraus abgeleiteter teils massiver Druck auf Institutionen. Zwei Beispiele: Die genannten Elemente prägten 2025 die gescheiterte Verfassungsrichterinnenwahl von Frauke Brosius-Gersdorf. Damals hatte ein Zusammenspiel aus Medienbeiträgen und dem kampagnenförmige Schreiben von Protestbriefen – in diesem Fall an Abgeordnete der CDU – großen Einfluss und verhinderte am Ende die formale Wahl der Kandidatin. Ähnliches ließ sich auch in der zunächst unsachlichen Debatte um Leihmutterschaft 2026 beobachten, in der es wiederum lange dauerte, bis Leihmütter oder Leihmutterschaftnutzende zu Wort kamen. In beiden Fällen bestehen deutliche Parallelen zum aktuellen Angriff auf die Serie „Selling Sex“.

Und die Parallelen erstrecken sich auch auf die Netzwerke hinter den Kampagnen: eine Allianz aus bürgerlicher Frauenrechtsbewegung und christlichem Fundamentalismus sowie (ultra-) konservativen bis extrem rechten Organisationen nimmt Einfluss auf schwelende gesellschaftliche Debatten. Inhaltlich kreisen diese Debatten um reproduktive und sexuelle Rechte, höchstpersönliche Entscheidungen und um Fragen körperlicher Autonomie.

Wir wissen, solche Debatten bedürfen Sachlichkeit, unterschiedlicher Perspektiven sowie Ambivalenz und Ambiguität. Empörte Kampagnen, wüste Beschimpfungen und implizite Gewaltandrohungen verhindern das. Sexarbeiter*innen erleben bereits ohne solche entgrenzten Eskalationen massive, gesellschaftliche Ausschlüsse und Diskriminierung. Verschärft sich die Debatte weiter auf oben genannte Weise, hat das Auswirkungen darauf, wer sich an ihr noch beteiligen kann. Viele Sexarbeiter*innen sagen bereits heute:

„Zu Stigma und Diskriminierung gegenüber Sexarbeiter*innen in der gesamten Gesellschaft kommt Hass und Anfeindungen aus der Anti-Sexarbeits-Bewegung.“

Die emotionale Entgleisung der Debatte zeigt sich aktuell in Ablehnung und Widerwillen gegen die Serie „Selling Sex“. Das betrifft zunächst unwilligen und ignoranten Journalismus, im zweiten Schritt eine laute und zunehmend radikalisierte Anti-Sexarbeits-Bewegung: Verabredungen zum Protestbriefeschreiben, Bündelung von Empörungsspiralen, Förderung von Moralpaniken über Multiplikator*innen / Influencer*innen und deren Follower*innen in den Sozialen Medien. All das nimmt Einfluss auf eine Debatte, die bereits ohne die eben beschriebenen neuen Aspekte kompliziert und einseitig war.

Solidarität mit den Kreatorinnen und Produzentinnen der Serie Selling Sex

Wir solidarisieren uns daher mit den Kreatorinnen Marie C. König und Miriam Dehne sowie den Produzentinnen Pauline Striebeck und Estella Sublit von Mia Wallace der Serie „Selling Sex“. Die ARD sollte mehr solche Produktionen ins Programm nehmen. Deutsche Medienschaffende sollten ihre oft voreingenommene Haltung gegenüber Sexarbeit und Sexarbeiter*innen reflektieren. Darüber hinaus fordern wir Menschen auf, Sexarbeitsfeindlichkeit in Medien, Journalismus und auf Social Media entgegenzutreten.

Für eine sachliche und breite Debatte über Sexarbeit!

Jugendhilfe oder „Investition in Gottes Königreich“?

Stadtverwaltung Karlsruhe vertraut auf Eigenangaben und lässt zentrale Fragen zur Anerkennung der umstrittenen Freikirche ICF als Träger der freien Jugendhilfe offen

Am 7. Oktober 2026 soll der Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe über die Anerkennung des ICF Karlsruhe e. V. (International Christian Fellowship) als Träger der freien Jugendhilfe entscheiden. Damit erhielte die umstrittene evangelikale Freikirche einen bevorzugten Status in der Zusammenarbeit mit der öffentlichen Jugendhilfe und weitreichende Mitwirkungsmöglichkeiten, darunter auch Vorschlagsrechte für den Jugendhilfeausschuss.

Trotz der Kritik am internationalen ICF und erheblicher Zweifel an den Anerkennungsvoraussetzungen hält die Stadtverwaltung an ihrer Empfehlung fest. Für die Oktobersitzung hat sie im Wesentlichen dieselbe Vorlage veröffentlicht wie bereits im Juni. Weder die öffentliche Kritik noch der nichtöffentliche Austausch mit dem ICF oder ergänzende Erwägungen der Verwaltung finden darin erkennbar Niederschlag.

Auch die weitgehend ausweichenden Antworten der Stadtverwaltung auf einen ausführlichen Fragenkatalog von FundiWatch werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Die Antworten veröffentlichen wir hier.


Kurzfassung

„Jugendhilfe oder „Investition in Gottes Königreich“?“ weiterlesen

28.800 Euro Lotterie-Förderung für „von Gott beauftragten“ evangelikalen Verein Perlenschatz

Trotz antimuslimischer und radikaler Anti-Abtreibungs-Positionen?

(Titelbild: Screenshot perlenschatz.info). Perlenschatz e.V. teilt auf seiner Homepage mit, dass die Deutsche Postcode Lotterie den Verein mit 28.800 Euro fördert. Mehrere evangelikale Medien berichten ebenfalls darüber. Der Verein beschreibt sich selbst als Schutz- und Beratungsangebot für Frauen aus Einwandererfamilien, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht oder betroffen sind und will sie in ein selbstbestimmtes Leben und bei der Integration in Deutschland begleiten. Nach eigener Darstellung richtet sich das Angebot insbesondere an Frauen aus patriarchalen Familienstrukturen, wobei Musliminnen als wesentliche Zielgruppe genannt werden.

Förderung sozialen Zusammenhalts?

Mit der Förderung will der Verein für ein Jahr eine halbe Personalstelle für seine Beratungsstelle Offenbach und die Betreuung einer Schutzwohnung finanzieren. Laut Perlenschatz entschied ein Lotterie-Beirat unter Vorsitz der früheren Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über die Förderung im Förderbereich „Sozialer Zusammenhalt“.

Eine eigene Pressemitteilung oder Projektseite der Postcode Lotterie zu Perlenschatz konnten wir bislang nicht finden. In der Vereinsmitteilung wird jedoch Katja Diemer, Head of Charities der Lotterie, mit einem Statement zitiert:

„Wir freuen uns, dass wir dank unserer zahlreichen Teilnehmer*innen dieses wirkungsvolle Projekt unterstützen können.”

Wie die Postcode Lotterie zu dieser positiven Einschätzung gelangte, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob ihr bei der Entscheidung die evangelikale Ausrichtung und Vernetzung des Vereins sowie öffentliche Positionen der Vereinsvorsitzenden Anette Bauscher zu Muslim*innen, Islam und Schwangerschaftsabbrüchen bekannt waren.

Bereits 2019 dokumentierte der Blog „Dokumentieren gegen Rechts“ ausführlich die evangelikalen Netzwerke von Perlenschatz.

„Von Gott beauftragt“

Bauscher selbst beschreibt die Gründung von Perlenschatz als göttlichen Auftrag. Nach einem Gebet habe Gott ihr vor ihrem „inneren Auge“ ein Frauenhaus mit verschleierten muslimischen Frauen gezeigt. Später erklärte sie, sich „von Gott dazu beauftragt“ gesehen zu haben, ein speziell auf muslimische Frauen zugeschnittenes Frauenhaus aufzubauen.

Die christliche Ausrichtung ist auch institutionell verankert: Die Vereinssatzung nennt Seelsorge als Mittel der Arbeit sowie „soziale und christliche Werte“ und das „christliche Menschenbild“ als Grundlage. Für eine Vereinsmitgliedschaft ist die Bejahung des christlichen Menschenbildes Voraussetzung. Auch bei der Personalauswahl wird das religiöse Profil konkret: In einer über das evangelikale netzwerk-m, bei dem Perlenschatz Mitglied ist, verbreiteten Stellenausschreibung verlangt der Verein ausdrücklich „überzeugte“ Christ*innen und einen „kurzen geistlichen Lebenslauf“.

Zudem besitzt Perlenschatz das Spenden-Prüfzertifikat der Evangelischen Allianz (EAD) – einem der größten evangelikalen Netzwerkvereine in Deutschland – und präsentiert sich auf deren Allianzkonferenzen.

Zu den prägenden Personen im Umfeld des Vereins gehören u.a. die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher und der evangelikale Theologe Yassir Eric.

Schirrmacher wird vom Verein als dessen „Botschafterin“ genannt. Die Bonner Islamwissenschaftlerin ist zugleich langjährige Spitzenfunktionärin der organisierten evangelikalen Islamarbeit und leitet das Institut für Islamfragen der Evangelischen Allianz. Bauscher greift für ihre Darstellung von Islam und Frauenrechten wiederum auf Veröffentlichungen Schirrmachers zurück. Schirrmacher setzt sich in eigenen Veröffentlichungen kritisch mit dem Konzept des ‚antimuslimischen Rassismus‘ auseinander und warnt dabei vor aus ihrer Sicht zu weitgehenden Rassismus- und Schuldzuschreibungen.

Der evangelikale Theologe und frühere Muslim Yassir Eric ist Gründungsmitglied von Perlenschatz und leitet seit 2013 das Europäische Institut für Migration, Integration und Islamthemen (EIMI) an der missionstheologisch geprägten AWM Korntal. 2019 wurde er zudem in den Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz gewählt. 2024 gehörte er zu den Predigern der umstrittenen Glaubenskonferenz UNUM24 in der Münchner Olympiahalle.

Evangelikale Netzwerke ‚gegen Menschenhandel‘

Ebenfalls auf der Webseite als Botschafter von Perlenschatz genannt wird Frank Heinrich – längjähriger Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Allianz und auch heute noch Vorsitzender des evangelikal geprägten Vereins Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh).

Und so wundert es nicht, dass Perlenschatz ebenfalls in das christlich-evangelikale Netzwerk ‚gegen Menschenhandel‘ eingebunden ist, dass sich u.a. für eine Kriminalisierung der Nachfrage nach Sexarbeit einsetzt. Beim u.a. von ggmh veranstalteten Kongress „Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ auf dem pietistisch geprägten Schönblick gehörte Perlenschatz 2024 zu den Kooperationspartnern – neben weiteren Organisationen, wie beispielsweise dem Verein Bethel SOZO, der dort einen Workshop zu „Befreiungsgebeten“ anbot.

Mitveranstalter des Kongresses war zudem der seit Langem in Kritik stehende Verein Mission Freedom – dessen mittlerweile geschlossenes „Haus SeeNest“ wegen schwerer Vorwürfe der Misshandlung von Schutzbefohlenen für Schlagzeilen sorgt.

Auch beim Kongress „Freiheit 2026“ war Perlenschatz vertreten. Eine Beitragsreihe zu dem Kongress haben wir hier veröffentlicht.

„Mit der Muttermilch aufgesogen“

Bauschers Veröffentlichungen gehen weit über Kritik an fundamentalistischen Auslegungen des Islam hinaus: So schreibt sie Muslim*innen pauschal negative Eigenschaften zu und erklärt diese aus einer vermeintlich tief verankerten religiös-kulturellen Prägung.

In ihrem zweiteiligen Beitrag „Frauen im familiären Gefängnis“ in der Fachzeitschrift Kriminalistik erklärt Bauscher islamische Religion und „orientalische Kultur“ für so eng miteinander verwoben, dass kaum zu unterscheiden sei, was religiös und was kulturell bedingt sei. Das Patriarchat sei in die islamische Religion übernommen worden. Anschließend präsentiert sie Koranstellen unter Kategorien wie „Frauen als Ware“, „Sexuelle Verfügbarkeit“ und „Überlegenheit des Mannes“. Während Bauscher beim Islam problematische Textstellen als Beleg heranzieht, erklärt sie für die Bibel dagegen, darin keine Legitimation von Gewalt gegen Frauen zu finden.

Über „den gläubigen Muslim“ schreibt Bauscher: „Er hat gelernt, dass er sich Allah unterwerfen muss, die Frau dem Mann und der ‚Ungläubige‘ dem Gläubigen.“ Dieses Denken habe er „von klein auf verinnerlicht“. An anderer Stelle heißt es: „Er kennt keine Würde in dem uns bekannten Sinn, für ihn ist die Unterwerfung wichtig.“ Besonders drastisch formuliert Bauscher zum Antisemitismus: „Vor allem viele Muslime haben den Hass gegen Juden schon mit der Muttermilch aufgesogen.“

Weit mehr als legitime Religionskritik

Um das an dieser Stelle klarzustellen: Im Koran gibt es Passagen, die aus heutiger menschenrechtlicher Perspektive problematisch sind und historisch wie gegenwärtig zur Legitimation patriarchaler Herrschaft und auch körperlicher Gewalt herangezogen werden.

Das darf und sollte kritisiert werden. Zugleich gibt es innerhalb des Islams unterschiedliche Auslegungstraditionen. Insbesondere in der modernen muslimischen Exegese haben sich reformorientierte und feministische Lesarten entwickelt, die traditionelle patriarchale Interpretationen kritisieren und etwa ein aus Sure 4:34 abgeleitetes Recht des Mannes auf körperliche Gewalt zurückweisen. Betrachtet man die zahlreichen Auslegungsstreitigkeiten zu problematischen Bibelstellen sollte einleuchten, dass sich aus solchen Passagen nicht ohne Weiteres Eigenschaften heutiger Christ*innen ableiten.

Etwas anderes ist es, aus solchen Textstellen vermeintlich feststehende Eigenschaften von Muslim*innen abzuleiten. Bauschers Aussagen über „den gläubigen Muslim“, dessen angeblich fehlendes Verständnis von Würde oder einen mit der „Muttermilch“ aufgenommenen Judenhass gehen weit über Religionskritik hinaus. Derart pauschale Zuschreibungen vermeintlich tief verankerter negativer Eigenschaften aufgrund muslimischer Religions- und Kulturzugehörigkeit entsprechen zentralen Merkmalen dessen, was der von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit als Muslimfeindlichkeit beziehungsweise antimuslimischen Rassismus beschreibt.

CDU, Hans-Jürgen Irmer und der Wetzlar-Kurier

Bereits 2015 wurde Perlenschatz von der CDU-Kreistagsfraktion Lahn-Dill zu einer Gesprächsrunde eingeladen. Anschließend berichtete der mit der CDU-nahe Wetzlar-Kurier positiv über den Verein.

2019 beantragte die CDU-Kreistagsfraktion einen Zuschuss für Perlenschatz. In der politischen Beratung schaltete sich auch der rechtskonservative CDU-Politiker Hans-Jürgen Irmer persönlich ein. Irmer ist nicht nur Herausgeber des Wetzlar-Kurier: Laut Impressum verantwortet er auch Redaktion und Anzeigenabwicklung. Der Wetzlar-Kurier berichtete wiederum positiv über den Förderantrag.

Im selben Jahr veröffentlichte Bauscher im Wetzlar-Kurier ihren Beitrag „Aufstehen gegen falsche Toleranz!“. Darin schrieb sie unter anderem, im Koran gebe es keine Gleichwertigkeit von Mann und Frau und behauptete, der Koran erlaube ausdrücklich, Frauen „zu demütigen und zu schlagen“.

Auch abgesehen von den Verbindungen zu Irmer ist der Publikationsort des Artikels bemerkenswert. Die taz dokumentierte unter anderem regelmäßige große Anzeigen des Kopp-Verlags und des Vereins „Die Deutschen Konservativen“ im Wetzlar-Kurier – laut taz „beide angesiedelt in der Grauzone zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus”. Und auch wenige Seiten nach dem dort veröffentlichten Artikel von Bauscher fand sich eine Anzeige des Kopp-Verlags.

Gegen Abtreibung – und ein wissenschaftlich nicht belegtes „Syndrom“

Auch Bauschers Haltung zum Schwangerschaftsabbruch ist deutlich.

Bereits im Wetzlar-Kurier bezeichnete sie Embryonen als „Kinder im Mutterleib“. Frauen werde eingeredet, bei Ungeborenen in den ersten Wochen handle es sich zunächst um einen „Zellklumpen“: „Doch wessen Gewissen noch nicht abgetötet ist, der weiß intuitiv, dass das eine Lüge ist.“ so Bauscher.

In ihrem späteren Kriminalistik-Beitrag behauptet Bauscher, Frauen entwickelten nach Schwangerschaftsabbrüchen häufig ein „Post-Abortion-Syndrom“ und fügt hinzu, dieses gebe es „laut Abtreibungsbefürwortern angeblich nicht“.

Damit verbreitet Bauscher ein in der Anti-Abtreibungsbewegung immer wieder behauptetes angebliches Krankheitsbild, für dessen Existenz es nach internationaler Studienlage keine wissenschaftlichen Belege gibt. Auch das staatliche Gesundheitsportal familienplanung.de und das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Forschungsprojekt ELSA widersprechen der Behauptung eines eigenständigen „Post-Abortion-Syndroms“.

Bauschers Verbindungen in die organisierte Anti-Abtreibungsbewegung zeigen sich auch bei „Patin für 9 Monate“. Dabei handelt es sich um ein Angebot der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), wo Bauscher im Oktober 2026 über „Die Würde der Frau in patriarchalen Familienstrukturen“ referiert.

Nur drei Wochen später geht es dort übrigens um die sogenannte „Abtreibungspillen-Umkehr“: Demnach soll hoch dosiertes Progesteron nach Einnahme der Abtreibungspille Mifepriston deren Wirkung aufheben und die Schwangerschaft erhalten. ALfA beschreibt diese Methode selbst als „Umkehrtherapie“. Nicht erwähnt wird allerdings, dass es für die Wirksamkeit dieser Methode keine belastbaren wissenschaftlichen Nachweise gibt. Die bislang einzige randomisierte Studie wurde zudem nach schweren Blutungen bei drei von zwölf Teilnehmerinnen vorzeitig abgebrochen.

28.800 Euro – was wurde geprüft?

Frauen, die von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat oder sogenannten Ehrenmorden bedroht sind, brauchen Schutz und professionelle Unterstützung. Finanzielle Mittel werden dafür nur unzureichend bereit gestellt. Die bundesweite Frauenhauskoordinierung (FHK) spricht von einem „lückenhaften, überlasteten“ Finanzierungssystem. Nach der aktuellen Frauenhaus-Statistik 2025 fehlen bundesweit weiterhin knapp 12.000 Frauenhausplätze.

An der Seriosität und Professionalität von Perlenschatz e.V. bestehen jedoch erhebliche Zweifel. Hat sich die Postcode Lotterie damit befasst?

Nach ihren eigenen Förderrichtlinien bewertet die Lotterie Projekte unter anderem nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz und Wirkung. „Ordensgemeinschaften und Kirchengemeinden sowie sonstige kirchliche Institutionen (Kirchenkreise, Kirchenverbände etc.)” sind von der Förderung ausgeschlossen. Zwar ist Perlenschatz als eigenständiger Verein nicht unmittelbar eine kirchliche Institution – aber war der Postcode Lotterie die evangelikale Ausrichtung und das spezifisch religiöse Selbstverständnis des Vereins überhaupt bekannt?

Zudem gehört zur Förderphilosophie der Lotterie die „Förderung der Vielfalt und Schutz vor Diskriminierung, Antisemitismus & Rassismus“. Umso mehr stellt sich die Frage, ob der Lotterie bei ihrer Förderentscheidung Bauschers öffentliche Aussagen über Muslim*innen bekannt waren.

Gerade bei sozialen Projekten fehlt es bei Förderentscheidungen, Kooperationen und selbst bei der Erteilung von Betriebserlaubnissen häufig an Sensibilität für die Risiken christlich-fundamentalistischer Organisationen. Diese Lücken ermöglichen es entsprechenden Akteur*innen, ihr Engagement zunehmend auf Bereiche der Sozialen Arbeit auszuweiten. Darauf haben wir bereits in unserer im vergangenen Jahr veröffentlichten und von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderten Handreichung „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit“ hingewiesen.

Die Förderung von Perlenschatz e.V. durch die Postcode Lotterie scheint ein weiterer Fall zu sein, der den Bedarf an mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen unterstreicht.

Instagram
Fundiwatch at Bluesky
Bluesky
WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner