Teil 2 – Das Netzwerk: Macher Festival: Hauptsache machen – Mission ohne Haftung?

Das Netzwerk hinter dem Festival – „Der perfekte Einstieg in die hippe Rückschrittlichkeit des Evangelikalismus“

(Quelle Titelbild: northdata.de). In Teil 1 unserer Beitragsreihe zum dieses Jahr zum dritten Mal veranstalteten DIY-Festival sind wir bereits darauf eingegangen, dass es bei dem Macher Festival um mehr als ein Fantreffen der reichweitenstarken YouTuber The Real Life Guys geht.

Zwischen zahlreichen Action-Angeboten, Auftritten bekannter DJs und einer Kooperation mit dem deutschen Handwerksgewerbe bietet das Festival auch eine Plattform für christlich-fundamentalistische bis rechtschristliche (Missions-)Organisationen und Netzwerke.

Mit den eingeladenen Missionsorganisationen sind die christlichen Verbindungen des Festivals jedoch längst nicht vollständig beschrieben. Vielmehr führen diese Verbindungen direkt in das Umfeld der Veranstalter.

Die Macher Festival GmbH

Das Projekt des Macher Festivals ist mittlerweile ebenso wie das auf YouTube gestartete Projekt The Real Life Guys – ursprünglich bestehend aus den Zwillingsbrüdern Johannes und Philipp Mickenbecker – als eigene Gesellschaft organisiert.

75 Prozent der Anteile an der Macher Festival GmbH hält die The Real Life Guys GmbH. Deren Geschäftsführer sind Johannes Mickenbecker, Daniel Horst und Julius Vogelbusch. Die übrigen 25 Prozent hält die Atromitos UG von Daniel Michailidis.

Quelle: northdata.de

Michailidis ist zugleich Geschäftsführer der Macher Festival GmbH sowie langjähriger Freund und Manager der Real Life Guys. Wirtschaftlich liegt das Festival damit vollständig in den Händen der Real-Life-Guys-Gruppe und ihres unmittelbaren Umfelds. (Registerinformationen zur Macher Festival GmbH, The Real Life Guys GmbH, Atromitos UG).

Das christliche Medienprojekt Life Lion e.V.

Zum selben Umfeld gehört das ausdrücklich christliche Medienprojekt Life Lion e.V.

Es wurde 2020 vom mittlerweile verstorbenen Philipp Mickenbecker – dem Zwillingsbruder von Johannes Mickenbecker – und dem Evangelisten Christopher Schacht gegründet. Nach eigener Darstellung wollte Philipp Mickenbecker über Life Lion seine Erfahrungen mit Jesus und seiner Krebserkrankung öffentlich weitergeben.

Quelle: lifelion.de

Life Lion beschreibt sich heute als christliches Medienprojekt, das den Glauben an Jesus durch persönliche Geschichten erfahrbar machen will. Auf seiner Website nennt das Projekt Johannes Mickenbecker, Julius Vogelbusch, Daniel Horst und Daniel Michailidis unter den „Menschen, die uns begleiten“. (Life Lion: Über uns, Interview zum Ziel, „Jesus auf YouTube groß“ zu machen).

Im Podcast und auf dem YouTube-Kanal von Life Lion finden sich neben zahlreichen hoch emotionalisierenden Videos unter Titeln wie „Nach 4 Mal Krebs übernatürlich geheilt“, „Hat Gott wirklich Feuer vom Himmel fallen lassen“ oder „Für den Satan vergewaltigt“ zahlreiche Auftritte bekannter evangelikaler Akteur*innen.

So z.B. ein Interview mit dem Prediger Henok Worku, mittlerweile leitender Prediger der Vive Church am Standort in Frankfurt (der auf einer „Holy Spirit Night“ von einer „neuen Bücherverbrennung“ träumte) sowie der eng mit dem rechtsextremen Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“) verbundenen Christfluencerin Jasmin Friesen („liebezurbibel“).

Hinzu kommen Interviews mit Katja Ryczak vom Verein Hope e.V., über dessen ausgeprägten Glauben an „dämonische Belastungen“ und exorzistische Praktiken wir erst kürzlich berichteten (vgl. Hope e.V. – Dämonen im Klassenzimmer). Hope e.V. gehört dem Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) an, zu dessen Mitgliedorganisationen auch die International Justice Mission (IJM) gehört, die – wie bereits in Teil 1 berichtet – auf dem diesjährigen Macher Festival in einem Talk-Format zu Gast war.

Weitere evangelikale „Prominenz“ auf dem Macher Festival: Samuel Koch & Lukas Furch

Als weiterer Unterstützer von Life Lion wird der evangelikale Schauspieler Samuel Koch genannt. Koch trat mehrfach in Formaten von Life Lion auf, darunter in einem ausführlichen Video über seinen Unfall in der ZDF-Sendung „Wetten, dass…?“, sein Leben und seinen Glauben.

Beim ersten Macher Festival 2024 sprach Koch auf der Hauptbühne über seinen Unfall und seine Beziehung zu Jesus. Er berichtete, sein Glaube sei durch den Unfall hinterfragt, zugleich aber intensiviert worden. Koch war damit nicht nur privater Festivalgast, sondern gestaltete das damalige Bühnenprogramm mit einem ausdrücklich religiösen Beitrag. (Bericht über das Macher Festival 2024).

2026 besuchte Koch das Festival nach den vorliegenden Social-Media-Aufnahmen offenbar als eine Art VIP-Gast gemeinsam mit Lukas Furch. Furch ist seit Längerem mit den Mickenbeckers und den Real Life Guys befreundet sowie persönlich und beruflich auch mit Koch verbunden.

Quelle: Instagram

Zudem verantwortet Furch maßgeblich das Marketing in Deutschland zur Netflix-Serie The Chosen im deutschsprachigen Raum. Nach Angaben von The Chosen Deutsch ist Furch „Chef-Stratege hinter dem Kino-Release, den Setbesuchen und allen anderen Kampagnen und Ideen zwischen den USA und Deutschland“.

Auf die evangelikale Jesus-Serie wurde er nach eigener Darstellung durch Kochs Mutter aufmerksam; auch Samuel Koch und Furch traten bereits gemeinsam mit geistlichen Impulsen im Umfeld der Serie auf. (Porträt von Lukas Furch, Interview zu seinem Einstieg bei The Chosen, gemeinsame geistliche Impulse).

Vom Macher Festival zu Frauke Petrys „Team Freiheit“

Von dort führt die Verbindung in ein weiteres Milieu: Denn Furch arbeitet mittlerweile für die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry.

Bereits 2025 nahm Petry an der rechtslibertären Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship (ARC) teil und tauschte sich dort auch mit einer Gruppe christlicher Influencer*innen aus, zu der neben dem rechtsextremen Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“), Jasmin Friesen („liebezurbibel“), Alexander Oberschelp von den O’Bros u.a. auch Lukas Furch gehörte.

Kurz nach seinem Besuch des Macher Festivals berichtete Furch auf Instagram von seinem Besuch bei der Vorstellung der Wahlkampagne Kleinpartei Team Freiheit in Mecklenburg-Vorpommern – gemeinsam mit Frauke Petry und Thomas Kemmerich. So war das Macher Festival auf Furchs Instagram Account nur einen „Slide“ vom Wahlkampfauftakt des Team Freiheit entfernt…

Quelle: Instagram

Team Freiheit ist eine von Frauke Petry initiierte, libertär-rechtskonservative Kleinpartei, die für einen stark verkleinerten Staat und eine wirtschaftsliberale Politik eintritt. Die Partei spricht sich ausdrücklich gegen die sogenannte Brandmauer zur AfD aus.

Furchs Verbindungen in rechtslibertäre und rechtskonservative Kreise fallen immer wieder auf. Kurz vor seinem Besuch auf der ARC-Konferenz 2025 besuchte er u.a. mit Leonard Jäger (den er öffentlich als seinen Freund bezeichnet), und weiteren Personen der rechtsextremen Szene die Amtseinführung von US-Präsident Donald J. Trump in Mar-a-Lago.

Lukas Furch im Webtalk mit Leonard Jäger; Quelle: YouTube, „Ketzer der Neuzeit“ und „Furchensohn“

Ein „christliches“ Hollywood? Parable Studios & die Real Life Guys

Eine weitere Verbindung führt von den Real Life Guys in die christliche Filmbranche.

Die Filmemacher Lukas Augustin und Alexander Zehrer begleiteten Philipp Mickenbecker während seiner letzten Lebensmonate und schufen den Dokumentarfilm Philipp Mickenbecker – Real Life. Der Film zeigt Mickenbeckers Festhalten an der Erwartung eines göttlichen Wunders bis zu seinem Tod.

Quelle: mickenbecker.film

Die taz ordnete die filmische Aufbereitung als Ausdruck „popkultureller Frömmigkeit“ ein und verwies auf die Verbindung zum konservativ-evangelikalen Life-Lion-Umfeld; der Deutschlandfunk bezeichnete ihn als „Insiderfilm“, der die radikale Frömmigkeit einer freikirchlichen Gemeinschaft sichtbar mache. (taz: „Christliche Ideologie im Internet“, Deutschlandfunk: „Blut, Gott und Tränen“).

Schließlich resümmiert die taz:

„An Stellen, die Schatten auf Philipps Glauben werfen könnten, hält sich der Film gerne kurz. Auf die Frage, warum die Zwillinge bis zur vierten Klasse zu Hause unterrichtet wurden, antwortet die Mutter: ‚Weil es uns wichtig war, dass wir alle unsere Dinge in Verbindung mit dem Glauben leben. Das war teilweise extrem. Wir waren immer extrem.‘

Doch die „Real Life Guys“ machen die Szene, die sonst oft in ihrer eigenen christlichen Blase stecken bleibt, zugänglich. Weil sie bei Reizthemen wie dem biblizistischen Weltbild, Purity-Culture und Homosexualität vage bleiben, bilden sie den perfekten Einstieg in die hippe Rückschrittlichkeit des Evangelikalismus.“

Augustin und Zehrer gründeten 2024 die Parable Studios. Das Unternehmen versteht sich als werteorientiertes Filmstudio, das hoffnungsvolle und christlich anschlussfähige Geschichten produzieren möchte. Sein Ursprung wird ausdrücklich mit den Erfahrungen beim Mickenbecker-Film verbunden.

In einem Interview erklärten die Gründer, ihre christlichen Werte seien für ihre Arbeit wichtig. Nicht jeder Film müsse ausdrücklich „fromm“ sein; entscheidend seien Hoffnung, Respekt, Ehrlichkeit und Nächstenliebe. Der Erfolg des Mickenbecker-Films habe gezeigt, dass ein großes Publikum für solche Geschichten existiere.

Quelle: parable-studios.com

Verbindungen zu Angel Studios aus den USA

Augustin und Zehrer arbeiteten auch mit dem US-amerikanischen Medienunternehmen Angel Studios zusammen. Für den missionarisch geprägten Dokumentarfilm „Testify: A Vision to Die For“, der exklusiv über Angel verbreitet wird, führte Zehrer Regie; Augustin war als Produzent beteiligt.

Angel Studios bezeichnet sich selbst als familienfreundliche „Alternative zu Hollywood“. Bei der US-Vermarktung des Films Bonhoeffer geriet das Unternehmen allerdings in die Kritik: Der reißerische Untertitel „Pastor. Spy. Assassin.“ und ein historisch irreführendes Plakat mit Bonhoeffer und einer Pistole machten dessen Erbe für Narrative rechter US-Evangelikaler anschlussfähig (Tagesschau). Gleichwohl schaffte der Film es – mit angepasster Marketingstrategie und neuem Filmplakat – auch in Deutschland in die Kinos.

Das US-Filmplakat, auf dem Bonhoeffer in der linken Hand eine Pistole hält. Quelle: tagesschau.de
Das deutsche Filmplakat – die Pistole und der Untertitel „Pastor. Spy. Asassin.“ wurden entfernt. Quelle: https://www.filmposter-archiv.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übrigens: Angel Studios und dessen Vorgängerunternehmen VidAngel – ein Anbieter von Filtersoftware, mit der sich als anstößig empfundene Inhalte aus Filmen und Serien ausblenden ließen (was ihm einen Rechtsstreit mit Disney einhandelte) – spielten ursprünglich auch eine zentrale Rolle bei der Finanzierung, Vermarktung und Verbreitung von The Chosen – der Serie, die nun vom bereits erwähnten und ebenfalls auf dem Festival präsenten Lukas Furch in Europa vermarktet wird.

100 Tage Autark

Mit 100 Tage Autark produziert Parable Studios nun aktuell eine erste vollständig eigenständige Kinodokumentation. Der Film basiert auf der gleichnamigen Real-Life-Guys-Serie, in der Johannes Mickenbecker und sein Umfeld versuchen, hundert Tage weitgehend autark auf einem Acker zu leben.

Quelle: Instagram

Damit werden die medienwirksamen Selbstversuche der Real Life Guys erneut in eine professionell produzierte, werteorientierte Erzählung überführt.

Und wenig überraschend: Der Film wurde und wird auch weiterhin im Umfeld des Macher Festivals 2026 beworben. (Parable Studios, Entstehung des Studios, Produktionsangaben zu 100 Tage Autark).

Mehr als ein loses Umfeld

Das Macher Festival steht also nicht einfach neben der evangelikalen Medienarbeit der Beteiligten.

Die Festivalgesellschaft gehört den Real Life Guys und Daniel Michailidis. Dieselben Personen werden von Life Lion als Unterstützer genannt. Über Samuel Koch und Lukas Furch reichen die Kontakte zu The Chosen und über Furch weiter in ein rechtslibertäres politisches Milieu. Über die Filmemacher hinter Philipp Mickenbecker – Real Life und die Erfolgsserie The Chosen reichen die Aktivitäten bis in aktuelle Film- und Kinoproduktionen hinein.

Nicht jede dieser Verbindungen ist formalisiert, und es mag sein, dass nicht alle Beteiligten genau dieselben religiösen oder politischen Positionen teilen. Follower*innen des Macher Festivals dürften – insbesondere auf Social Media – aber dennoch in weit größere ideologische Kreise geleitet werden, als es ein DIY-Festival zunächst erwarten lassen mag. Dass das Zufall ist, scheint bei näherer Betrachtung des doch recht eindeutig ideologischen Netzwerks um das Macher Festival eher fraglich.

Und als bloßes, weltanschaulich neutrales Bastelfestival lässt sich das Macher Festival vor diesem Hintergrund wohl ohnehin kaum noch beschreiben. Wieso wird das nirgends thematisiert?

Zum Abschluss dieses Teils noch ein Podcast-Tipp…

Im Podcast von Sophia Sailer und Johanna Warda werden in der Folge „Jesus, Canva, Sauerteig: So missionieren Insta-Freikirchen“ übrigens mehrere der hier genannten Akteur*innen ebenfalls näher eingeordnet, darunter auch die Real Life Guys, Life Lion und Samuel Koch – Hörtipp! [Edit 01.09.2026: In einer früheren Version hatten wir hier einen falschen Vornamen von Koch verwendet].

Quelle: Podcast hö lol

Teil 3: 100 „Häuser“ in vier Tagen – Sozialaktion oder „Social Washing“?

In TEIL 3 blicken wir noch mal konkret auf das Macher Festival 2026:

„Häuser“ für Obdachlose bauen – also DIY und „Gutes tun“ zugleich? Wie ist die Aktion aus fachlicher Perspektive zu beurteilen und was wurde eigentlich aus den sog. Little Homes und den dafür gesammelten Spenden?

Und warum sollen Besucher*innen des Festivals bzw. deren Erziehungsberechtigte bei einer Teilnahme an dem Festival eigentlich weitreichende Haftungsausschlüsse und -freistellungen abgeben (übrigens auch im Vorverkauf für 2027) – und ist das eigentlich rechtens?

Das „Macher Festival“ der „Real Life Guys“

Missionierung christlicher Fundamentalist*innen zwischen Bohrmaschinen und Monster-Cars?

Vom 07. bis 10.08.2025 fand nördlich von Leipzig zum zweiten Mal das sogenannte Do-It-Yourself & Handwerker-Macher Festival des Projekts The Real Life Guys in Kooperation mit zahlreichen Unternehmen aus dem Bau- und Heimwerkergewerbe statt. Das Ferropolis-Gelände wurde dazu in einen riesigen Abenteuerspielplatz verwandelt.

Wer die Geschichte der Real Life Guys und ihr Engagement in der christlich-fundamentalistischen Szene kennt, wird eine dementsprechende „christliche“ Ausrichtung des Festivals zunächst trotzdem allenfalls am Rande finden. Bei genauerer Betrachtung, scheint das Festival aber durchaus auch als „Missionsfeld“ dienen zu sollen…

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Nach 2024 veranstalteten die Youtuber The Real Life Guys nun zum zweiten Mal das DIY & Handwerker-Macher-Festival in Gräfenhainichen auf der Halbinsel des Ferropolis-Gelände. Mit zahlreichen Partnerunternehmen wie Abus, Bosch, Hailo, Hornbach u.v.m. versprach das Macher Festival ein actionreiches Wochenende bei besten Sommertemperaturen, dessen Fokus auf Spaß, Erlebnis und Abenteuer liegt.

Strategische Partnerschaft zur Förderung des Branchennachwuchses?

Das Ganze soll allerdings offenbar auch einen wirtschaftpolitischem Zweck dienen: Erst letzten Monat gingen der Zentralverband Deutsches Baugewerbe und die Real Life Guys eine strategische Partnerschaft in den Bereichen Fachkräfte und Branchennachwuchs ein.

Laut einer hierzu veröffentlichten Pressemitteilung soll die Partnerschaft dazu dienen, die vielfältigen Möglichkeiten einer Ausbildung im Bauhandwerk sichtbar zu machen. Die Real Life Guys seien durch spektakuläre Eigenbau-Projekte wie U-Boote aus Badewannen oder selbstkonstruierte Fluggeräte bekannt, erreichten allein auf YouTube fast zwei Millionen Abonnenten und sprächen mit ihrem DIY-Ansatz gezielt eine junge Zielgruppe an.

Doch beim Projekt der Real Life Guys geht es um mehr…

Die Glaubensgeschichte der Real Life Guys

Tatsächlich ist die Erfolgsgeschichte der Real Life Guys und ihr großer Erfolg bemerkenswert. Wer sich mit dieser aber etwas näher befasst, wird schnell feststellen, dass es dabei um deutlich mehr als actionreiche Youtube-Videos und waghalsige DIY-Aktionen geht. Denn Johannes Mickenbecker, der das Projekt The Real Life Guys zunächst mit seinem Zwillingsbruder Philipp und seiner Schwester Elli startete, ist die Vermittlung seines tiefen christlichen Glaubens sehr wichtig.

Zwar wuchsen die Mickenbeckers bereits in einer streng christlichen Familie auf. Die Eltern unterrichteten ihre Kinder in der Grundschulzeit selbst, da es ihnen wichtig war, „dass alle Dinge in Verbindung mit dem Glauben geschehen„. Den Weg zum persönlichen Glauben fand Johannes nach eigenen Angaben aber erst nach dem plötzlichen Tod seiner Schwester und während der Krebserkrankung seines Zwillingsbruders Philipp.

Philipp war sich nach seiner Erkrankung zunächst sicher, dass Gott ihn heilen wird. Mit seiner Zuversicht, die er in seinem Glauben fand, war er gefragter Gast in zahlreichen Talkshows und auf christlichen Events, insbesondere in der freikirchlichen Szene. Die letzten Monate seiner Krankheit – bis hin zu seinem Verbluten auf dem Krankenbett – wurden in der Dokumentation „Philipp Mickenbecker: Real Life“ festgehalten (und kein noch so intimer Moment ausgelassen). Kurz nach dem in der Doku festgehaltenem Moment des Sterbens von Philipp verkündet einer der anwesenden (letzten nicht christlichen) Freunde: „Ich lass mich taufen“.

Bereits Anfang 2024 berichtete die taz über die zunehmend (subtil) missionarischere Ausrichtung der Real Life Guys und das schließlich 2020 mit Christopher Schacht, damals in Ausbildung zum Pastor und Missionar am theologischen Seminar des Bundes freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP), gegründete Projekt Life Lion.

Wer sich auf der Webseite von Life Lion umschaut, erkennt schnell das klar evangelikal christlich-fundamentalistische Profil: Im Podcast finden sich Gespräche mit der eng mit dem rechten Influencer „Ketzer der Neuzeit“ verbundenen Jasmin Friesen (damals noch Neubauer) ebenso wie mit dem Prediger Henok Worku von der Vive Church, der auf einer Holy Spirit Night von neuen Bücherverbrennungen träumte. Auch der Youtube-Kanal von Life Lion mit 300.000 Abonent*innen bedient die geradezu „klassischen“ Themenfelder der Szene, wie „rituelle Gewalt“, Satanismus, Abtreibung, „Zwangsprostitution“, Wunder uvm.

Wo versteckt sich „Gott“ beim Macher Festival?

Von all dem bemerkt man bei der Bewerbung und auf der Homepage des Macher-Festivals zunächst nichts. Lediglich für den Sonntagmorgen wird ein Gottesdienst („Sunday Church“) angeboten.

Blickt man auf die Rezensionen des Events im vergangenen Jahr zurück, findet man auch einige kritische Kommentare:

Ansich ein tolles Festival. Schade, dass es so christlich gehalten ist, auch das Bühnenprogramm. War auf der Webseite nicht zu lesen. Werde nicht mehr hin gehen.

Ein weiterer Kommentar sieht dies offenbar weniger tragisch:

Klasse Sache. Etwas sehr christlich angehaucht aber alles im Rahmen des erträglichen. Freut euch schon auf nächstes Jahr.

Bei den auftretenden Bands ist „Gott“ omnipräsent…

Schaut man allerdings auf die auftretenden Bands, so wird die christlich-fundamentalistische Ausrichtung doch sehr deutlich:

Wenig überraschend finden sich darunter die O’Bros, die mit den Mickenbeckers befreundet sind, und über die in den letzten Wochen bereits ausführlich kritisch berichtet wurde (übrigens ohne, dass sich Alexander Oberschelp bisher dazu positioniert hätte, warum er dieses Jahr zum zweiten Mal an der rechtslibertären Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship (ARC) teilnahm…).

Des Weiteren die ebenfalls sehr erfolgreiche christliche Lobpreisband Good Weather Forecast, die gemeinsam mit Elijah Thomas Appel auftrat. Appel gehört, ebenso wie Pala Friesen – Ehemann der bereits erwähnten Jasmin Friesen – und Mia Friesen, zur Outbreakband, die ebenfalls der christlich-fundamentalistischen Lobpreis-Band-Szene zuzurechnen ist.

Subtile Missionierung funktioniert eben immer noch am besten über auf den ersten Blick modern wirkende Musik (wer achtet schon auf die Texte?)… Wer an den Bands Gefallen findet, findet sich dann bei einem nächsten Konzert vielleicht schon bei deutlich radikaler ausgerichteten Veranstaltungen wie der UNUM24, der Holy Spirit Night oder einem Gottesdienst des katholischen Theologen Johannes Hartl wieder…

Über Umwege: „Bock auf missionieren?“

Abgesehen davon, scheint den verantstaltenden Real Life Guys bzw. genauer genommen der eigens hierfür gegründeten Macher Festival GmbH aber sehr daran gelegen, den Eindruck eines christlich ausgerichteten Festivals in der Außendarstellung vermeiden zu wollen.

Stattdessen verfolgt man das Anliegen, den „christlichen Glauben“ bei dieser Gelegenheit zu verbreiten, offenbar über Umwege:

So berichtete eine Gruppe der christlich-fundamentalistischen Organisation Campus für Christus (ursprünglich gegründet unter dem Namen „Campus Crusade for Christ“ und u.a. kritisiert für ihre Position zu Konversionsbehandlungen) bereits zum letztjährigen Macher Festival, dass sie von den Real Life Guys eingeladen wurden. Und zwar, so heißt es bei der Gruppe „The Four“ auf ihrer Webseite, „um mit Menschen über Gott und den Glauben zu sprechen – das, was wir am liebsten machen – wie cool ist das denn bitteschön?“.

The Four zeigte sich schon im letzten Jahr begeistert:

Da konnten wir hervorragend mit den wartenden Leuten ins Gespräch über die vier Symbole kommen – sie hingen uns richtig an den Lippen und man konnte mit Jesus “relaten”, als er von einem Boot aus zu den Menschen predigte. […]

Wir brachten auch den Living Bus mit einer Zehnstündigen Fahrt als evangelistischer Begegnungsort mit und bauten kurzerhand einen Kirchen-Aussichtsturm dazu – die Festival-Chappel war perfekt im Herzen des Campings platziert. […]

Also ging es weiter, wir hielten mehrere Evangelistische Inputs mit konkreten Aufrufen, Jesus kompromisslos nachzufolgen. Viele Menschen beteten ein Hingabegebet mit und einige entschieden sich für ein Leben mit Jesus. Irgendwann tauchten die O’Bros und Real Life Guys als Special-Acts auf und wollten den letzten Abend so richtig Party machen mit den Leuten. Doch nach fünf Minuten verabschiedeten sie sich wieder und meinten: „Macht ihr weiter, das passt irgendwie grad nicht in die Atmosphäre hinein.“ Und so wurde aus einer halben Stunde drei (!) Stunden Lobpreis und für viele fühlte es sich an wie Himmel auf Erden! Der Techniker meinte begeistert, dass 1000 Leute da waren. […]

Die Nächte waren kurz, der Schlaf wenig, die Reise lange und die Materialschlacht gross! Aber es hat sich mehr als gelohnt! Crazy, was Gott uns hier ermöglicht hat. Wir sind bereits wieder angefragt für nächstes Jahr.

Und tatsächlich, auch dieses Jahr ist The Four wieder beim Macher Festival vor Ort. Auf seiner Webseite sucht The Four nach Unterstützer*innen für den Missionseinsatz:

Hast du Bock, an dieser wilden Location Jesus gross zu machen? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie du deine Gaben und Fähigkeiten voll im ganzen Team einsetzen kannst. Wir brauchen jeden und sind sehr gespannt, was Gott dieses Jahr grosses vorbereitet hat. […]

Du kannst dich hier für den Aufbau, das Outreach Camp oder beides anmelden. Erlebe eine unvergessliche Zeit mit Gemeinschaft, Worship, gemeinsamer Gebetszeit und vieles mehr…

Während des diesjährigen Festivals ist The Four offenbar mit einem sogenannten „Living Bus“ aktiv und verteilt „Gewinn des Lebens“-Karten am Glücksrad. Verteilmaterial wie Bibeln und sonstige Traktate wurden offenbar rege verteilt.

Und so findet sich dann neben Monstertrucks und viel Feuerwerk dann doch noch ein Kirchturm mit der Aufschrift „Sprich mit Gott“ auf dem Gelände…

Bilder von der Instagram-Seite des Macherfestivals: Bühne mit Feuerwerk, Monstertrucks, ein aufgebauter Kirchturm

Ein anderer Teil der Gruppe von The Four ist währenddessen zeitgleich beim Missionseinsatz der Organisation ReachMallorca am Ballermann – mit „Heilungsgebeten“ und „Dämonenaustreibungen“ der Christfluencerin Rose de Jesus…

Auch eine weitere Missionsorganisation hat sich auf den Weg zum Macher Festival gemacht: Das „Evangelisationsteam“ suchte auf seiner Webseite ebenfalls nach jungen Leuten als willige Missionare:

Wen suchen wir?

Junge Leute zwischen 18 und 28 Jahren & offen, extrovertiert & herzlich

Bock auf Gespräche mit Eltern, während ihre Kinder bauen

Geschickt – denn vermutlich werden die meisten Eltern beim Aufpassen auf ihre Kinder also nicht weglaufen können. Obwohl es dazu sicher Anlass gäbe, wenn man sich die Inhalte auf der Seite des Evangeliumsdienst ansieht:

In einem auf der Webseite veröffentlichten Rundbrief wird z.B. vom letzten Bibelseminar und den dortigen Predigten des Bremer Pastors Olaf Latzel aus der Bremer Gemeinde St. Martini berichtet. So müssten Christen laut Latzel „in einem Land, das zunehmend Gottes Ordnungen ablehnt, aufstehen und für diese einstehen„. Unter „Gottes Ordnung“, so führt der Bericht weiter aus, sei „die staatliche Ordnung, die Ehe und die biblische Vorstellung von zwei Geschlechtern“ zu verstehen. Erst vor Kurzem wurde ein wegen Volksverhetzung geführtes Verfahren gegen Olaf Latzel gegen Auflagen eingestellt, seine Bezüge von der Landeskirche gekürzt.

Der perfekte Einstieg in die hippe Rückschrittlichkeit des Evangelikalismus…

Und so bleibt zum Ende dieses Artikels, der mit einem scheinbar harmlosen DIY & Handwerker Event begann und damit endet, wie dieses Event offenbar subtil und manipulativ zur Werbung für christlich-fundamentalistische Ideologien genutzt wird, das gleiche Resümee, wie es die taz in oben bereits erwähnten Artikel bereits vergangenes Jahr formuliert hat:

[D]ie „Real Life Guys“ machen die Szene, die sonst oft in ihrer eigenen christlichen Blase stecken bleibt, zugänglich. Weil sie bei Reizthemen wie dem biblizistischen Weltbild, Purity-Culture und Homosexualität vage bleiben, bilden sie den perfekten Einstieg in die hippe Rückschrittlichkeit des Evangelikalismus.

Doch vage bleiben im öffentlichen Auftritt heißt offenbar nicht, dass entsprechende Positionen nicht radikal vertreten und durchzusetzen versucht werden.

Was sagen eigentlich der Zentralverband Deutsches Baugewerbe und die unterstützenden Unternehmen dazu, dass sie diesen „Einstieg in die hippe Rückschrittlichkeit des Evangelikalismus“ fördern?

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