Das Netzwerk hinter dem Festival â âDer perfekte Einstieg in die hippe RĂŒckschrittlichkeit des Evangelikalismusâ
(Quelle Titelbild: northdata.de). In Teil 1 unserer Beitragsreihe zum dieses Jahr zum dritten Mal veranstalteten DIY-Festival sind wir bereits darauf eingegangen, dass es bei dem Macher Festival um mehr als ein Fantreffen der reichweitenstarken YouTuber The Real Life Guys geht.
Zwischen zahlreichen Action-Angeboten, Auftritten bekannter DJs und einer Kooperation mit dem deutschen Handwerksgewerbe bietet das Festival auch eine Plattform fĂŒr christlich-fundamentalistische bis rechtschristliche (Missions-)Organisationen und Netzwerke.
Mit den eingeladenen Missionsorganisationen sind die christlichen Verbindungen des Festivals jedoch lĂ€ngst nicht vollstĂ€ndig beschrieben. Vielmehr fĂŒhren diese Verbindungen direkt in das Umfeld der Veranstalter.
Die Macher Festival GmbH
Das Projekt des Macher Festivals ist mittlerweile ebenso wie das auf YouTube gestartete Projekt The Real Life Guys â ursprĂŒnglich bestehend aus den ZwillingsbrĂŒdern Johannes und Philipp Mickenbecker â als eigene Gesellschaft organisiert.
75 Prozent der Anteile an der Macher Festival GmbH hĂ€lt die The Real Life Guys GmbH. Deren GeschĂ€ftsfĂŒhrer sind Johannes Mickenbecker, Daniel Horst und Julius Vogelbusch. Die ĂŒbrigen 25 Prozent hĂ€lt die Atromitos UG von Daniel Michailidis.

Michailidis ist zugleich GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Macher Festival GmbH sowie langjĂ€hriger Freund und Manager der Real Life Guys. Wirtschaftlich liegt das Festival damit vollstĂ€ndig in den HĂ€nden der Real-Life-Guys-Gruppe und ihres unmittelbaren Umfelds. (Registerinformationen zur Macher Festival GmbH, The Real Life Guys GmbH, Atromitos UG).
Das christliche Medienprojekt Life Lion e.V.
Zum selben Umfeld gehört das ausdrĂŒcklich christliche Medienprojekt Life Lion e.V.
Es wurde 2020 vom mittlerweile verstorbenen Philipp Mickenbecker â dem Zwillingsbruder von Johannes Mickenbecker â und dem Evangelisten Christopher Schacht gegrĂŒndet. Nach eigener Darstellung wollte Philipp Mickenbecker ĂŒber Life Lion seine Erfahrungen mit Jesus und seiner Krebserkrankung öffentlich weitergeben.

Life Lion beschreibt sich heute als christliches Medienprojekt, das den Glauben an Jesus durch persönliche Geschichten erfahrbar machen will. Auf seiner Website nennt das Projekt Johannes Mickenbecker, Julius Vogelbusch, Daniel Horst und Daniel Michailidis unter den âMenschen, die uns begleitenâ. (Life Lion: Ăber uns, Interview zum Ziel, âJesus auf YouTube groĂâ zu machen).
Im Podcast und auf dem YouTube-Kanal von Life Lion finden sich neben zahlreichen hoch emotionalisierenden Videos unter Titeln wie âNach 4 Mal Krebs ĂŒbernatĂŒrlich geheiltâ, âHat Gott wirklich Feuer vom Himmel fallen lassenâ oder âFĂŒr den Satan vergewaltigtâ zahlreiche Auftritte bekannter evangelikaler Akteur*innen.
So z.B. ein Interview mit dem Prediger Henok Worku, mittlerweile leitender Prediger der Vive Church am Standort in Frankfurt (der auf einer âHoly Spirit Nightâ von einer âneuen BĂŒcherverbrennungâ trĂ€umte) sowie der eng mit dem rechtsextremen Leonard JĂ€ger (âKetzer der Neuzeitâ) verbundenen Christfluencerin Jasmin Friesen (âliebezurbibelâ).
Hinzu kommen Interviews mit Katja Ryczak vom Verein Hope e.V., ĂŒber dessen ausgeprĂ€gten Glauben an âdĂ€monische Belastungenâ und exorzistische Praktiken wir erst kĂŒrzlich berichteten (vgl. Hope e.V. â DĂ€monen im Klassenzimmer). Hope e.V. gehört dem Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) an, zu dessen Mitgliedorganisationen auch die International Justice Mission (IJM) gehört, die â wie bereits in Teil 1 berichtet â auf dem diesjĂ€hrigen Macher Festival in einem Talk-Format zu Gast war.
Weitere evangelikale âProminenzâ auf dem Macher Festival: Samuel Koch & Lukas Furch
Als weiterer UnterstĂŒtzer von Life Lion wird der evangelikale Schauspieler Samuel Koch genannt. Koch trat mehrfach in Formaten von Life Lion auf, darunter in einem ausfĂŒhrlichen Video ĂŒber seinen Unfall in der ZDF-Sendung âWetten, dassâŠ?â, sein Leben und seinen Glauben.
Beim ersten Macher Festival 2024 sprach Koch auf der HauptbĂŒhne ĂŒber seinen Unfall und seine Beziehung zu Jesus. Er berichtete, sein Glaube sei durch den Unfall hinterfragt, zugleich aber intensiviert worden. Koch war damit nicht nur privater Festivalgast, sondern gestaltete das damalige BĂŒhnenprogramm mit einem ausdrĂŒcklich religiösen Beitrag. (Bericht ĂŒber das Macher Festival 2024).
2026 besuchte Koch das Festival nach den vorliegenden Social-Media-Aufnahmen offenbar als eine Art VIP-Gast gemeinsam mit Lukas Furch. Furch ist seit LÀngerem mit den Mickenbeckers und den Real Life Guys befreundet sowie persönlich und beruflich auch mit Koch verbunden.

Zudem verantwortet Furch maĂgeblich das Marketing in Deutschland zur Netflix-Serie The Chosen im deutschsprachigen Raum. Nach Angaben von The Chosen Deutsch ist Furch âChef-Stratege hinter dem Kino-Release, den Setbesuchen und allen anderen Kampagnen und Ideen zwischen den USA und Deutschlandâ.
Auf die evangelikale Jesus-Serie wurde er nach eigener Darstellung durch Kochs Mutter aufmerksam; auch Samuel Koch und Furch traten bereits gemeinsam mit geistlichen Impulsen im Umfeld der Serie auf. (PortrÀt von Lukas Furch, Interview zu seinem Einstieg bei The Chosen, gemeinsame geistliche Impulse).
Vom Macher Festival zu Frauke Petrys âTeam Freiheitâ
Von dort fĂŒhrt die Verbindung in ein weiteres Milieu: Denn Furch arbeitet mittlerweile fĂŒr die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry.
Bereits 2025 nahm Petry an der rechtslibertĂ€ren Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship (ARC) teil und tauschte sich dort auch mit einer Gruppe christlicher Influencer*innen aus, zu der neben dem rechtsextremen Leonard JĂ€ger (âKetzer der Neuzeitâ), Jasmin Friesen (âliebezurbibelâ), Alexander Oberschelp von den OâBros u.a. auch Lukas Furch gehörte.
Kurz nach seinem Besuch des Macher Festivals berichtete Furch auf Instagram von seinem Besuch bei der Vorstellung der Wahlkampagne Kleinpartei Team Freiheit in Mecklenburg-Vorpommern â gemeinsam mit Frauke Petry und Thomas Kemmerich. So war das Macher Festival auf Furchs Instagram Account nur einen âSlideâ vom Wahlkampfauftakt des Team Freiheit entferntâŠ

Team Freiheit ist eine von Frauke Petry initiierte, libertĂ€r-rechtskonservative Kleinpartei, die fĂŒr einen stark verkleinerten Staat und eine wirtschaftsliberale Politik eintritt. Die Partei spricht sich ausdrĂŒcklich gegen die sogenannte Brandmauer zur AfD aus.
Furchs Verbindungen in rechtslibertĂ€re und rechtskonservative Kreise fallen immer wieder auf. Kurz vor seinem Besuch auf der ARC-Konferenz 2025 besuchte er u.a. mit Leonard JĂ€ger (den er öffentlich als seinen Freund bezeichnet), und weiteren Personen der rechtsextremen Szene die AmtseinfĂŒhrung von US-PrĂ€sident Donald J. Trump in Mar-a-Lago.

Ein âchristlichesâ Hollywood? Parable Studios & die Real Life Guys
Eine weitere Verbindung fĂŒhrt von den Real Life Guys in die christliche Filmbranche.
Die Filmemacher Lukas Augustin und Alexander Zehrer begleiteten Philipp Mickenbecker wĂ€hrend seiner letzten Lebensmonate und schufen den Dokumentarfilm Philipp Mickenbecker â Real Life. Der Film zeigt Mickenbeckers Festhalten an der Erwartung eines göttlichen Wunders bis zu seinem Tod.

Die taz ordnete die filmische Aufbereitung als Ausdruck âpopkultureller Frömmigkeitâ ein und verwies auf die Verbindung zum konservativ-evangelikalen Life-Lion-Umfeld; der Deutschlandfunk bezeichnete ihn als âInsiderfilmâ, der die radikale Frömmigkeit einer freikirchlichen Gemeinschaft sichtbar mache. (taz: âChristliche Ideologie im Internetâ, Deutschlandfunk: âBlut, Gott und TrĂ€nenâ).
SchlieĂlich resĂŒmmiert die taz:
âAn Stellen, die Schatten auf Philipps Glauben werfen könnten, hĂ€lt sich der Film gerne kurz. Auf die Frage, warum die Zwillinge bis zur vierten Klasse zu Hause unterrichtet wurden, antwortet die Mutter: âWeil es uns wichtig war, dass wir alle unsere Dinge in Verbindung mit dem Glauben leben. Das war teilweise extrem. Wir waren immer extrem.â
Doch die âReal Life Guysâ machen die Szene, die sonst oft in ihrer eigenen christlichen Blase stecken bleibt, zugĂ€nglich. Weil sie bei Reizthemen wie dem biblizistischen Weltbild, Purity-Culture und HomosexualitĂ€t vage bleiben, bilden sie den perfekten Einstieg in die hippe RĂŒckschrittlichkeit des Evangelikalismus.â
Augustin und Zehrer grĂŒndeten 2024 die Parable Studios. Das Unternehmen versteht sich als werteorientiertes Filmstudio, das hoffnungsvolle und christlich anschlussfĂ€hige Geschichten produzieren möchte. Sein Ursprung wird ausdrĂŒcklich mit den Erfahrungen beim Mickenbecker-Film verbunden.
In einem Interview erklĂ€rten die GrĂŒnder, ihre christlichen Werte seien fĂŒr ihre Arbeit wichtig. Nicht jeder Film mĂŒsse ausdrĂŒcklich âfrommâ sein; entscheidend seien Hoffnung, Respekt, Ehrlichkeit und NĂ€chstenliebe. Der Erfolg des Mickenbecker-Films habe gezeigt, dass ein groĂes Publikum fĂŒr solche Geschichten existiere.

Verbindungen zu Angel Studios aus den USA
Augustin und Zehrer arbeiteten auch mit dem US-amerikanischen Medienunternehmen Angel Studios zusammen. FĂŒr den missionarisch geprĂ€gten Dokumentarfilm âTestify: A Vision to Die Forâ, der exklusiv ĂŒber Angel verbreitet wird, fĂŒhrte Zehrer Regie; Augustin war als Produzent beteiligt.
Angel Studios bezeichnet sich selbst als familienfreundliche âAlternative zu Hollywoodâ. Bei der US-Vermarktung des Films Bonhoeffer geriet das Unternehmen allerdings in die Kritik: Der reiĂerische Untertitel âPastor. Spy. Assassin.â und ein historisch irrefĂŒhrendes Plakat mit Bonhoeffer und einer Pistole machten dessen Erbe fĂŒr Narrative rechter US-Evangelikaler anschlussfĂ€hig (Tagesschau). Gleichwohl schaffte der Film es â mit angepasster Marketingstrategie und neuem Filmplakat â auch in Deutschland in die Kinos.


Ăbrigens: Angel Studios und dessen VorgĂ€ngerunternehmen VidAngel â ein Anbieter von Filtersoftware, mit der sich als anstöĂig empfundene Inhalte aus Filmen und Serien ausblenden lieĂen (was ihm einen Rechtsstreit mit Disney einhandelte) â spielten ursprĂŒnglich auch eine zentrale Rolle bei der Finanzierung, Vermarktung und Verbreitung von The Chosen â der Serie, die nun vom bereits erwĂ€hnten und ebenfalls auf dem Festival prĂ€senten Lukas Furch in Europa vermarktet wird.
100 Tage Autark
Mit 100 Tage Autark produziert Parable Studios nun aktuell eine erste vollstÀndig eigenstÀndige Kinodokumentation. Der Film basiert auf der gleichnamigen Real-Life-Guys-Serie, in der Johannes Mickenbecker und sein Umfeld versuchen, hundert Tage weitgehend autark auf einem Acker zu leben.

Damit werden die medienwirksamen Selbstversuche der Real Life Guys erneut in eine professionell produzierte, werteorientierte ErzĂ€hlung ĂŒberfĂŒhrt.
Und wenig ĂŒberraschend: Der Film wurde und wird auch weiterhin im Umfeld des Macher Festivals 2026 beworben. (Parable Studios, Entstehung des Studios, Produktionsangaben zu 100 Tage Autark).
Mehr als ein loses Umfeld
Das Macher Festival steht also nicht einfach neben der evangelikalen Medienarbeit der Beteiligten.
Die Festivalgesellschaft gehört den Real Life Guys und Daniel Michailidis. Dieselben Personen werden von Life Lion als UnterstĂŒtzer genannt. Ăber Samuel Koch und Lukas Furch reichen die Kontakte zu The Chosen und ĂŒber Furch weiter in ein rechtslibertĂ€res politisches Milieu. Ăber die Filmemacher hinter Philipp Mickenbecker â Real Life und die Erfolgsserie The Chosen reichen die AktivitĂ€ten bis in aktuelle Film- und Kinoproduktionen hinein.
Nicht jede dieser Verbindungen ist formalisiert, und es mag sein, dass nicht alle Beteiligten genau dieselben religiösen oder politischen Positionen teilen. Follower*innen des Macher Festivals dĂŒrften â insbesondere auf Social Media â aber dennoch in weit gröĂere ideologische Kreise geleitet werden, als es ein DIY-Festival zunĂ€chst erwarten lassen mag. Dass das Zufall ist, scheint bei nĂ€herer Betrachtung des doch recht eindeutig ideologischen Netzwerks um das Macher Festival eher fraglich.
Und als bloĂes, weltanschaulich neutrales Bastelfestival lĂ€sst sich das Macher Festival vor diesem Hintergrund wohl ohnehin kaum noch beschreiben. Wieso wird das nirgends thematisiert?
Zum Abschluss dieses Teils noch ein Podcast-Tipp…
Im Podcast von Sophia Sailer und Johanna Warda werden in der Folge „Jesus, Canva, Sauerteig: So missionieren Insta-Freikirchen“ ĂŒbrigens mehrere der hier genannten Akteur*innen ebenfalls nĂ€her eingeordnet, darunter auch die Real Life Guys, Life Lion und Simon Koch – Hörtipp!

Teil 3 folgt baldâŠ
In Teil 3 blicken wir in KĂŒrze noch mal konkret auf das Macher Festival 2026: âHĂ€userâ fĂŒr Obdachlose bauen â also DIY und âGutes tunâ zugleich? Wie ist die Aktion aus fachlicher Perspektive zu beurteilen und was wurde eigentlich aus den sog. Little Homes und den dafĂŒr gesammelten Spenden? Und warum sollen Besucher*innen des Festivals bzw. deren Erziehungsberechtigte bei einer Teilnahme an dem Festival eigentlich weitreichende HaftungsausschlĂŒsse und -freistellungen abgeben (ĂŒbrigens auch im Vorverkauf fĂŒr 2027) â und ist das eigentlich rechtens?
Mehr dazu bald!
