Christliche Fundamentalist*innen missionieren auf dem CSD München

„Outreach CSD“ von „Reviving the World“

(Titelbild: Instagram / Reviving the World). Nicht nur, dass es am Wochenende (auch) in München ends heiß wird (FundiWatch ist in der Fußgruppe 99 dabei und es gibt tatsächlich Sticker!). Nun wollen neben einer rechten Demo (die allerdings keinen direkten Bezug zum CSD hat) auch noch christliche Fundamentalist*innen aktiv auf dem CSD missionieren.

Abzuwarten bleibt, ob auch die Gruppe „Christkönigtum“ wieder dabei sein wird (deren Kundgebung „Kreuz statt Pride“ wurde letztes Jahr vorzeitig abgebrochen, da der Versammlungsleiter ein Messer dabei hatte…)

Konkret plant aktuell die christlich-fundamentalistische evangelikale Organisation „Reviving the world“ (im Evangelikalen-Sprech wohl am besten sinngemäß zu übersetzen mit „Erweckung für die Welt“) einen „outreach at the CSD Munich to reach the LGBT* community for Jesu„.

Treffpunkt der Gruppe ist die römisch-katholische Heilig-Geist-Kirche am Marienplatz um 14 Uhr. In der Heilig-Geist-Kirche sind christlich-fundamentalistische Gruppen beheimatet, u.a. auch die Loretto-Gemeinschaft. Am Sonntag veranstaltet Reviving the World dann noch einen Gottesdienst im Charismatischen Zentrum München, das Mitglied der Evangelischen Allianz München ist, über das zahlreiche evangelikale Gemeinden in München miteinander verbunden sind.

Ideologischer Hintergrund von Reviving the World: Sie wollen Macht

Welchen ideologischen Hintergrund Reviving the World hat, hatten wir hier anlässlich einer Missionsveranstaltung der Organisation letztes Jahr in München bereits angesprochen:

1. "Die Errettung für eine verlorene & sterbende Welt" – Es ist kaum möglich, über alle der mittlerweile stattfindenden Missionierungsevents zu berichten. Gestern & heute ist die der KiNC zuzuordnende Organisation "Reviving the World" – ein Ableger von "Christ for all nations" – in München…

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2025-05-24T12:09:55.427Z

Leiter des vor knapp fünf Jahren gegründeten Vereins Reviving the World ist der Evangelist David Rotärmel, der deutschlandweit regelmäßig auch die sogenannten „Nights of Hope“ (Paywall) veranstaltet.

Die Vision von Reviving the World wird auf der Homepage klar formuliert und passt 1:1 zur von der Theologin Dr. Maria Hinsenkamp in ihrer frei abrufbaren Dissertation „Visionen eines neuen Christentums – Neuere Entwicklungen pfingstlich-charismatischer Netzwerke“ beschriebenen herrschaftstheologischen „Kingdom-minded Network Christianity“ (KiNC): „Alle Nationen zu Jüngern machen“. Hier ein Screenshot aus einer früheren Version der Homepage:

Quelle: Screenshot revivingtheworld.com

Dass es dabei um deutlich mehr, als um individuelle religiöse Entscheidungen geht, wird in der vorgenannten Dissertation deutlich aufgezeigt. Es geht um die Vorstellung, dass Christ*innen berufen seien, das „Reich Gottes“ bereits im hier und jetzt auf der Erde aufzubauen, in diesem Sinne verschiedenste Gesellschaftsbereiche zu transformieren und ihren Einfluss auszubauen. Mehr dazu auch in diesem SWR-Radiofeature.

Was die Umsetzung dieser Ideologien in der Praxis bedeutet, können wir besonders deutlich u.a. in den USA sehen. Und tatsächlich ist Reviving the World nach eigenen Angaben international weitreichend auch mit US-Evangelikalen Gruppen wie Europe Shall Be Saved (ESBS) und der Global Evangelism Alliance (GEA) vernetzt:

1. BETEN FÜR DEN KRIEG: Medien berichten aktuell über ein Gebet evangelikaler Prediger*innen im Oval Office für Trump. Häufiger Tenor: "kurios", "skurril"… bei uns aber doch wohl unvollstellbar. Und doch reichen Netzwerke des Gebetskreises wie zB "empowered21" bis nach D & Europa 🧵 buff.ly/2DOzZVg

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2026-03-07T19:16:52.036Z

Queerfeindliche Hetze mit der Bibel in der Hand

Was Rotärmel über queere Menschen denkt, hat er in Predigten bereits sehr deutlich formuliert.

Sowohl der Südkurier (im Rahmen eines Berichts über eine „Nights of Hope“ im Schwarzwald) als auch die Autonome Antifa berichten, wie Rotärmel in Videos Homosexuelle nachäfft und Homosexualität mit Pädophilie verbindet.

Die Antifa berichtet von einem Auftritt Rotärmels 2022, in dem er seinem Publikum von einem Gespräch erzählt, das er angeblich auf einer „Pride Parade“ hatte. Dort äffte er demnach einen stereotypen Homosexuellen nach, der ihm angeblich gesagt habe, dass die Menschen auf der Parade auch „voller Liebe“ seien. Rotärmels Kommentar: „Wenn du es liebst, wenn ein kleines Kind vergewaltigt wird, dann ist das dämonische Liebe.“

Aus dem Nichts konstruierte Rotärmel demnach einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie und berief sich dabei auf Jesus. Für seine Hetze nutzte er die eigene Interpretation eines Bibelzitats: „Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden.“ Diese Bibelstelle verwendete er dann gegen ein vermeintliches Queer-Zitat von der „Pride Parade“: „Ich wurde nunmal so geboren. Ich liebe Männer, ich liebe Frauen, was ist denn falsch daran?!“

Die betreffende Stelle ist in dem weiterhin abrufbaren Video auf dem Youtube-Kanal der Freikirche ICF (International Christian Fellowship) am Standort ICF Schwarzwald-Bodensee offenbar nachträglich entfernt worden: Bei Minute 6:55 bemerkt man einen Videoschnitt, der dies im Zusammenhang mit dem weiteren Bericht der Antifa sehr nahe legt.

Denn die anschließende „Lösung“ von Rotärmel ist nach dem Schnitt im Video weiter enthalten:

„Wenn du so geboren wurdest, mit dieser Sache […], dann habe ich eine gute Nachricht für uns heute: Das ist Grund, dass wir von Neuem geboren werden müssen. Wenn wir so geboren wurden, dann ist es eine Herausforderung zu sagen: Ok, Jesus, das bedeutet, dass es ein Problem in meinem Leben gibt. Und die Lösung für dieses Problem ist, dass du mein kaputtes Herz komplett rausreißt und zerstörst und mir ein komplett neues Herz gibst. Dass du meine menschliche Natur rausreißt und mir eine neue geistliche, göttliche, übernatürliche Natur von Jesus gibst.“

Queerfeindlichkeit auch beim Kooperationspartner „Christus für alle Nationen“ (CfaN)

Ebenso queerfeindliche Positionen vertritt übrigens auch der heutige Leiter von Christus für alle Nationen (CfaN), Daniel Kolenda.

Rotärmel hat sich bei CfaN „trainieren“ lassen und auch heute arbeiten die Organisationen eng zusammen. Vergangenes Jahr hatte Reviving the World mit Unterstützung von CfaN die Missionsaktion „Salvation Bayern 2025“ ausgerufen.

Gründer und langjähriger Leiter von CfaN war der mittlerweile verstorbene Reinhard Bonnke (Spitznahme: „Mähdrescher Gottes„). Bonnke und CfaN wurden aufgrund ihrer Massenevangelisationen mit vermeintlich massenhaften Bekehrungen und Wunderheilungen bekannt, mit denen Bonnke insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent ganze Stadien füllte (was zeitweise auch lokale Unruhen auslöste). In seinen Predigten rief Bonnke:

„Tumore weicht in Jesu Namen! Krebs verschwinde in Jesu Namen! HIV-positiv werde HIV-negativ! In Jesu Namen! (…) Alle Infektionen, Neurosen, ich breche die Kette aller Depressionen, in Jesu Namen! Die Freude am Herrn wird deine Stärke sein und deine Medizin sein.“

Zitiert nach: Lambrecht /Baars, Mission Gottesreich Gottesreich: Fundamentalistische Christen in Deutschland (2013) – der Ausschnitt stammt demnach aus einer Predigt aus der heutigen hoop-Kirche in Bremen.

Unter Leitung von Bonnke waren übrigens auch Gaby und Winfried Wentland viele Jahre für CfaN tätig. Winfried Wentland arbeitet dort heute noch. Gaby Wentland hat den Hamburger Verein Mission Freedom gegründet, dessen Kinderheim „Haus SeeNest“ im Allgäu aktuell für Schlagzeilen sorgt, nachdem dort alle Kinder wegen vermeintlich kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden in Obhut genommen wurden. Mehr dazu hier.

Und so wundert es auch nicht, dass Gaby Wentland großer Fan von Rotärmels Reviving the World ist und dieses unterstützt:

Quelle: Facebook / Gaby Wentland

Der „Teufel“ der Homosexualität

CfaN-Leiter Daniel Kolenda steht Rotärmel in Sachen Queerfeindlichkeit jedenfalls in nichts nach:

Auf seiner Homepage bringt er Homosexualität mit dem „Teufel“ in Verbindung, den es auszutreiben gelte und beschreibt, wie er genau das auf seinen Evangelisationsveranstaltungen (offenbar auch an Jugendlichen) praktiziert:

„After I preached on the blood of Jesus, the young people answered the call, surrendered to Jesus and kicked the Devil out of their lives. One guy was dramatically delivered of demon possession while many looked on. They had never seen anything like it before. Several young people testified to me of being personally set free from addictions and compulsions including homosexuality, pornography and self-mutilation.“

Übersetzung d. Verf.:

„Nachdem ich über das Blut Jesu gepredigt hatte, folgten die jungen Menschen dem Aufruf, übergaben ihr Leben Jesus und verbannten den Teufel aus ihrem Leben. Ein junger Mann wurde auf dramatische Weise von einer dämonischen Besessenheit befreit, während viele zusahen. So etwas hatten sie zuvor noch nie erlebt. Mehrere junge Menschen berichteten mir persönlich, dass sie von Süchten und zwanghaftem Verhalten befreit worden seien, darunter Homosexualität, Pornografie und Selbstverletzung.“

Behandlungen an Minderjährigen, die auf eine Veränderung der sexuellen Orientierung oder Identität zielen, sind in Deutschland übrigens nach dem Konversionsbehandlungsschutzgesetz strafbar.

Wir lassen uns den Spaß nicht verderben: „Unsere Vielfalt. Unser Stärke.“

Wir lassen uns unseren Munich-Pride gleichwohl nicht vermiesen!

Das diesjährige Motto lautet: „Unsere Vielfalt. Unser Stärke.“

Lasst uns auf dem CSD diesen queerfeindlichen Fundis lautstark – aber friedlich – entgegentreten. Gemeinsam mit unseren queeren christlichen Freund*innen. Denn nicht zu vergessen ist auch: Zumindest aktuell teilt nur ein kleiner Teil der deutschen Christ*innen diese queerfeindlichen Positionen und deren Ideologien. Darum lasst uns – auch wenn wir den Glauben des anderen vielleicht nicht immer nachvollziehen können – hier Seite an Seite stehen. Religions- und Weltanschauungsfreiheit ist ein Menschenrecht. Anderen den eigenen Glauben aufzudrängen und queerfeindliche Hetze hingegen nicht!

In diesem Sinne: Lasst euch bitte von der Gruppe (und etwaigen sonstigen Fundis auf dem CSD) nicht provozieren.

Seid ihr selbst (ihr seid wundervoll, so wie ihr seid!), bleibt friedlich und äußert gerne euren (lautstarken, aber friedlichen) Protest!

Happy Pride!

(Edit 26.6.2026: redaktionell-sprachliche Korrekturen vorgenommen)

Mehr zum Thema:

Alle Jahre wieder?

MAGA, internationale Rechte, evangelikale Netzwerke und fossile Energielobbyisten treffen sich erneut zur Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship (ARC) – von deutschen Medien wird das bisher ignoriert…

(Quelle Titelbild: ARC-Conference). Vor einem guten Jahr berichteten wir bereits über die Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship ARC25 in London. Es handelt sich dabei um eine der wohl größten (und wohl einflussreichsten) rechten Konferenzen in Europa. Aktuell findet die Konferenz vom 23. bis 25.06. nun erneut in London statt.

Die ARC ist ein rechtslibertärer Think Tank, der vor etwa vier Jahren vom umstrittenen kanadischen Psychologen Jordan B. Peterson ins Leben gerufen wurde. Mehrere Medien verorten Teile des Teilnehmerfelds ausdrücklich im Rechtsaußen- bzw. far-right-Spektrum, insbesondere Vertreter aus AfD- und Vox-nahen Milieus.

Besonders auffällig ist die dortige Vernetzung der christlichen Rechten mit der internationalen Rechten, Teilen der MAGA-Bewegung und fossiler Energielobby.

1. Heute startet mit der #ARC2025 Konferenz eine der größten (und wohl einflussreichsten) rechten Konferenzen in Europa. Neben ua Mike Johnson und Frauke Petry dabei auch zahlreiche Personen aus dem christlich-fundamentalistischen KiNC-Netzwerk. Deutsche Medien scheint das nicht zu interessieren…?!

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2025-02-17T18:37:40.525Z

Rückblick: Die ARC25: Klassenfahrt „christlicher“ Influencer*innen

Bereits vergangenes Jahr wurde die Konferenz zunächst von deutschen Medien nicht aufgegriffen.

Das Blatt wendete sich etwas, als wir darüber berichteten, dass mehrere Christfluencer*innen wie u.a. Jasmin Friesen (damals noch Neubauer, liebezurbibel / „In Zeiten wie diesen„), Jana Hochhalter („In Zeiten wie diesen„), Tini Brüning (die tagespost), Lukas Furch (The Chosen) und auch der rechtsextreme Leonard Jäger aka „Ketzer der Neuzeit“ an der Konferenz teilnahmen und ihren Besuch intensiv auf Social Media als „gemeinsame Klassenfahrt“ verbreiteten. Johannes Hartl, Leiter des Gebetshaus Augsburg, trat als Redner auf.

Quelle: Instagram / Tini Brüning

Dabei traf die Gruppe der Christfluencer*innen auch auf Frauke Petry (ehem. AfD-Vorsitzende, jetzt „Team Freiheit“ – für die Lukas Furch tätig ist) sowie Fadi Krikor, einen der beiden Mitinitiatoren der umstrittenen Münchener Glaubenskonferenz UNUM24 und Betreiber des Father’s House of all Nation im ehemaligen Kloster Altenhohenau.

Erneut aufgegriffen wurde das Thema, als das christliche Rap-Duo O’Bros letztes Jahr Platz 1 der deutschen Albumstarts erreichte – auch Alexander Oberschelp von den O’Bros nahm an der „Klassenfahrt“ zur ARC25 teil. Übrigens nicht das erste Mal. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er an der ersten ARC-Konferenz teilgenommen – ebenfalls gemeinsam mit Jasmin Friesen und Leonard Jäger. Also eben kein „Zufall“ wie später häufig beschwichtigend verbreitet wurde.

Wohl das erste mal in der Geschichte steht mit den O'Bros eine rechts-christliche Lobpreisband auf Platz 1 der #Albumcharts. Dass es hier um viel mehr als "HipHop mit christlichen Botschaften" geht, wird von Medien bisher nicht wahrgenommen, in christlichen Kreisen oft verharmlost… 1/9

— FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2025-04-06T18:28:57.230Z

Erneut „bemerkenswerte“ Teilnehmende: Johannes Hartl und Springer-CEO Dopfner sowie Rechtskatholikin Gudrun Kugler (OIDAC)

Vom 23. bis 26.06. findet nun die vierte ARC-Konferenz statt – die dritte Konferenz in London; 2024 traf man sich im australischen Sydney.

Und wieder scheint das Medieninteresse in Deutschland gering bzw. nicht vorhanden. Dabei finden sich unter den Teilnehmenden erneut auch zahlreiche Teilnehmende aus Deutschland und Österreich, auf die wir hier nicht alle eingehen können.

Kurz zu einigen besonders bemerkenswerten Personen:

Johannes Hartl

Darunter erneut der Theologe und Leiter des Gebetshaus Augsburg, Johannes Hartl, der bereits letztes Jahr auf der ARC25 als Redner auftrat. Zuletzt stand Hartl in der BR-Doku „Die hippen Missionare“ mit seinem Gebetshaus und der MEHR-Konferenz im Fokus kritischer Medienberichte. Anschließend verteidigte er sich gegen Kritik – ausgerechnet im rechtspopulistischen Portal NIUS, wo er im Podcast zu Gast war.

Quelle: Instagram / Johannes Hartl

Mathias Dopfner

Ein weiterer Redner auf der Konferenz sollte eigentlich ebenfalls die Öffentlichkeit besonders interessieren (und beunruhigen): Springer-CEO Mathias Dopfer findet sich ebenfalls auf der prominent besetzten Rednerliste.

Bildquellen: https://www.arc-conference.com/arc26-speakers

Ideologisch dürfte sich Dopfner auf der ARC26 sehr wohl fühlen…

Dafür spricht auch ein erster Artikel des rechtskonservativen evangelikalen Idea-Magazins (Paywall). Demnach habe Dopfner auf der ARC26 kritisiert, dass zu viele Journalisten Aktivismus mit Journalismus verwechseln würden. Bei Springer sei das anders. Dort habe man sich eine „intellektuelle Verfassung“ gegeben, die sogenannten „Essentials“. Aha.

Gudrun Kugler

Mit dabei ist auch wieder Gudrun Kugler, österreichische Politikerin, Juristin sowie katholische Theologin und sogar im „Advisory-Board“ der ARC vertreten. Sie sitzt seit 2017 für die Österreichische Volkspartei im Nationalrat und ist seit 2024 Vizepräsidentin der Parlamentarischen Versammlung der OSZE.

2023 fand Kugler im Bereich Rechtskatholizismus Erwähnung im österreichischen Rechtsextremismusbericht des DÖW. Kugler wird zudem als zentrale Akteurin der „Agenda Europe“ gesehen, ein europaweites Netzwerk konservativ-christlicher Akteure, das sich für die Wiederherstellung einer „natürlichen Ordnung“ einsetzt und dabei insbesondere gegen Abtreibungs- und LGBTIQA+-Rechte mobilisiert.

Schließlich ist Gudrun Kugler Initiatorin des Observatoriums gegen Intoleranz und Diskriminierung von Christen in Europa (OIDAC), das über vermeintliche Fälle von Christenverfolgung berichtet. Executive Director des OIDAC ist Anja Tang, ehemalige Mitarbeiterin in Kuglers Büro. Der Ehemann von Kugler, Martin Kugler ist „President of the Board“ von OIDAC. Bis 2000 war Martin Kugler Pressesprecher der rechtskatholischen Gruppe Opus Dei für Zentraleuropa.

Die Seriosität der Zahlen und Falldarstellungen von OIDAC sind umstritten, dies auch hinsichtlich der Einordnung von Fällen als „christenfeindlich“. Beispielsweise listet das OIDAC auch den friedlichen Protest des Bündnisses #NoUNUM24, das gegen die christlich-fundamentalistische Glaubenskonferenz UNUM24 in der Münchener Olympiahlle protestiert hatte, als vermeintlichen Fall auf – obwohl der Protest, auch vor Ort, von zahlreichen christlichen Personen und Gruppen unterstützt wurde wie beispielsweise #OutInChurch oder der Evangelischen Jugend München. Gleichwohl greifen zahlreiche Medien gerade auch die vergangenen Wochen wieder die Zahlen von OIDAC völlig unkritisch auf (vgl. zB. erst jüngst die Welt aber auch der Deutschlandfunk).

„Anti-Woke-Davos“: Wirklich kein Thema für die Medien?

Es überrascht(?), dass insbesondere deutsche Medien die Vernetzung der internationalen Rechten, christlicher Fundamentalist*innen, Teilen der MAGA-Bewegung und Klimawandelleugner*innen offenbar nicht für berichtenswert halten. Aber vielleicht ändert sich das in den kommenden Tagen ja noch.

Besorgniserregend scheinen diese Vernetzungen allemal und sie sollten genau im Blick behalten werden. Nicht zuletzt auch, weil sich auf der ARC viel politischer Einfluss und viel Geld zu einer Agenda versammeln, die laut Guardian von einigen als „Anti-Woke-Davos“ bezeichnet wird. Zur ARC26 heißt es dort:

„Mehr als 4.000 Delegierte aus 85 Ländern – von der konservativen Führerin, Kemi Badenoch, bis hin zu US-amerikanischen Anti-Abtreibungs-Aktivisten und Vertretern europäischer rechtsextremer Parteien – nehmen an der diesjährigen Konferenz Alliance for Responsible Citizenship (ARC) in London teil.

Von manchen als „Anti-Woke-Davos“ bezeichnet, wurden auf der Bühne des Olympia-Konferenzzentrums Themen propagiert wie eine libertäre Ablehnung grüner Wirtschaftspolitik, sozialkonservative Anliegen wie die Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen sowie Widerstand gegen Multikulturalismus.“

(Original in Englisch, Übersetzung d. Verf.)

In Deutschland scheint das bisher kaum jemanden zu interessieren. Und so traten erst vergangenes Wochenende die O’Bros bei Hartls „Mission is possible“ Event in Augsburg auf. Mit dabei auch die Bischöfe Bertram Meier und Stefan Oster von der katholischen Kirche.

Rechtspopulisten ins neue EKD-Gesangbuch?

Achja, und ein von Johannes Hartl geschriebenes Lied steht übrigens aktuell auf einer vorläufigen Vorschlagsliste für das neue evangelische Gesangbuch der EKD. Als wenn es in der Vergangenheit nicht schon genug umstrittene Lieddichter in dem Gesangbuch gegeben hätte – einige wollen nun offenbar für „Nachschub“ sorgen…

Aber dazu an anderer Stelle einmal mehr.

Glaube & Gebet sind nicht das Thema – christlich-fundamentalistische Einflussnahme aber durchaus

Zur Diskussion über die Gebete bei der Fußball-WM

(Quelle Titelbild: eigene Aufnahme: Die Kicker Bibel, 9. Auflage, Bible for the Nations e.V.). Hier hatten wir bereits berichtet, wie geradezu „beseelt“ viele Medien aktuell ohne jede Einordnung über den Gebetskreis von Felix Nmecha und weiteren Fußballern bei der aktuell stattfindenden Weltmeisterschaft berichten.

Dass die Gebetsinitiative vor allem eine von den evangelikalen Plattformen Ballers in God und Fußball mit Vision e.V. unterstützte Aktion ist, die Profifußballer quasi als „Markenbotschafter“ zur Verbreitung ihrer christlich-fundamentalistischen Idologien nutzen, blieb weithin unerwähnt.

Selbst Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt meinte nun offenbar, sich hierzu völlig unkritisch und undifferenziert äußern zu müssen. Göring-Eckardt schreibt pauschal von „hässlichen Kommentaren“, die „einfach nur billig oder blöd“ seien.

Queerfeindliche und rassistische Kommentare

Zahlreiche Kommentator*innen haben in – teils in der Tat hitzigen – Social Media-Debatten u.a. auf die queerfeindlichen Vorwürfe gegen Nmecha und den genannten Vereinen hingewiesen. Andere Kommentator*innen wiederum verteidigten in den Kommentarspalten queerfeindliche und rassistische Stereotypen.

queer.de hat nun verchiedene Vorfälle noch einmal in einem Artikel zusammengefasst. Und vergisst dabei auch nicht den Nürnberger Jugendtrainer Enrico Valentini, der erst letztes Jahr unter Berufung auf seinen „christlichen“ Glauben Homosexuelle mit Rassisten gleichsetzte. In einem Podcast hatte er laut queer.de erklärt, Homosexualität aufgrund seines Glaubens für falsch zu halten. In dem Gespräch sagte Valentini: „Wenn der [Homo­sexuelle] sich jetzt beleidigt fühlt dafür, dass ich das nicht für gut heiße, was er tut, das ist genauso, wenn ich einem Rassisten sage: ‚Hey, das, was du machst, ist falsch.‘ Das ist genau dieselbe Geschichte.“ Auch Valentini gehört zum „Team“ von Fußball mit Vision.

Worum es wirklich geht – und worum nicht

Die beiden Journalist*innen Dina Falken und Felix Michaelis beschreiben nun bei belltower in erfreulicher Klarheit noch einmal, wobei es in der Debatte eigentlich geht. Nämlich weder um das Gebet noch um den christlichen Glauben an sich:

„Religiöse Gesten gehören seit Jahrzehnten zum Fußball. Die Frage ist deshalb nicht, ob Fußballerinnen ihren Glauben öffentlich zeigen dürfen, sondern, warum organisierte Missionskampagnen im Umfeld der weltweit größten Sportveranstaltung kaum als solche erkannt werden. […] Dabei zeigen die Verbindungen von „Ballers in God“, „Fußball mit Vision e.V.“ und ähnlichen Initiativen, dass es nicht nur um persönliche Glaubensbekundungen einzelner Spieler handelt, sondern um eine zunehmend professionelle Form religiöser Einflussnahme im Profisport.“

Um diese Einflussnahme geht es. Und um die dahinter stehenden christlich-fundamentalistischen und anti-pluralistischen Ideologien, die durch diese Netzwerke verbreitet werden sollen.

Sportler*innen als Markenbotschafter für christlich-fundamentalistische Ideologien – mit der „Kicker-Bibel“ unterm Arm in die Schule

Ballers in God, Fußball mit Vision und zahlreiche weitere Akteur*innen aus dem christlich-fundamentalistischen Umfeld nutzen gezielt das große Identifikationspotential erfolgreicher Sportler*innen. Zunächst ganz niederschwellig. Die Radikalisierung findet dann nicht selten auch online statt.

Zum Einsatz kommt dabei auch die sogenannte „Kickerbibel“ – heraugegeben von Athletes in Action, Fußball mit Vision, Sportler ruft Sportler (SRS) und Bible for the Nations mit Bibeltexten der recht freien und evangelikal geprägten Bibelübersetzung „Neues Leben Bibel„. Die Bibel als Fan-Editon für Fußballfreunde… Und übrigens mal wieder ein anschauliches Beispiel, wie US-evangelikale und deutsche evangelikale Organisationen längst bestens miteinander vernetzt sind und zusammenarbeiten.

Hier einige eigene Fotoaufnahmen der Bibel, die diese Tage von einer christlich-fundamentalistischen Gemeinde in München kostenlos verteilt wird.

Bildquellen: eigene Aufnahmen: Die Kicker Bibel, 9. Auflage, Bible for the Nations e.V.

Gerade bei jungen Menschen kann das ziehen. Und so wundert es nicht, dass Fußball mit Vision regelmäßig auch an Schulen auftritt. Nicht immer wird einladenden Schulen und Lehrer*innen bewusst sein, welche Netzwerke und Ideologien dahinter stehen.

Und gerade hier könnten Medien einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung leisten.


Mehr zum Thema:

City of Light – Hat dieses Event Berlin noch gefehlt?

Gastbeitrag zum „City of Light“-Festival von GODsPOWER mit Lukas Repert

(Bildquelle: cityoflight.de) An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Gastbeitrag von Robin Eschenbach. Robin hat die Missionsveranstaltung “City of Light” vom 21. bis 24.05.2026 in Berlin beobachtet. Veranstalter des Events war die Organisation “GODsPOWER” unter Leitung von Lukas Repert. Auch zahlreiche weitere Personen und Gruppen, die uns bei FundiWatch immer wieder begegnen, waren mit dabei. Selbst für die Kleinsten war im Bereich des “KidsFestival” “gesorgt”. Vielen Eltern dürfte zunächst nicht mal aufgefallen sein, um was für eine Veranstaltung es sich dort handelte…

Das City of Light-Festival findet regelmäßig an verschiedenen Orten in Deutschland statt. Bereits dieses Wochenende findet vom 19. bis 21.06.2026 das City of Light in Nürnberg statt.

Vielen Dank an Robin für den Bericht!


Techno oder Jesus? Diesmal: Jesus.

Gastbeitrag von Robin Eschenbach

Der Platz vor dem Brandenburger Tor zeigt sich an diesem Nachmittag in seinem üblichen Charme: jemand macht Riesenseifenblasen, Teenager spielen halbherzig Fußball, und ich werde auf dem Weg über den Pariser Platz innerhalb von fünf Minuten von drei Menschen – einem von diekreative, einem von Saddleback und einem von einer Gruppe, die er lieber nicht nennen wollte – zu einem Konzert eingeladen, das „gleich beginnt“. In Berlin bedeutet das entweder Techno oder Jesus. Diesmal: Jesus.

Quelle: https://www.cityoflight.de/

Schon der Auftakt macht klar, wie schwer der Job des modernen Evangelisten im Lausanner sehr gefürchteten “säkularen Gürtel Mitteleuropas” ist. Dieser ist spirituell betrachtet ungefähr das, was Brandenburg für mediterrane Weinbauern ist. Während frühere Missionare noch auf Menschen trafen, die Angst vor Hölle und Ernteausfällen hatten, steht man heute vor Berliner*innen mit Noise-Cancelling-Kopfhörern und einem tief verinnerlichten „Lass mich einfach in Ruhe“. Aus Sicht der Lausanner Bewegung gilt Europa inzwischen als eines der strategisch schwierigsten Missionsfelder überhaupt. Weil viele Menschen das Christentum nicht mehr als gute Nachricht, sondern als moralisch fragwürdig, intellektuell naiv und emotional irrelevant wahrnehmen (vgl. Lausanne Movement. Europe).

Gemeinsam “Seelen retten” – aber psssst…!

Die Bühne gehört „City of Light“, einem evangelistischen Straßenfestival von GODsPOWER rund um Lukas Repert. Dahinter steht ein Netzwerk freikirchlicher Organisationen, das in Berlin gut miteinander verbunden ist.

GODsPOWER veranstaltet neben „City of Light“ auch das „KidsFestival“ im Stadtpark Lichtenberg sowie die „Healing & Power Conference“- am 09.05.2026 erst als „Blessed to be a Blessing“ im ICF Berlin. Mitbeworben und unterstützt werden die Events von GODsPOWER neben ICF Berlin auch von Real Life Berlin, diekreative, Every Nation Berlin, “Neues Leben” u.v.a.

Ganz überraschend kommt das nicht: Seit Wochen wurde auf Plakaten und auf Spotify-Werbung „das Event, das Berlin noch fehlt“ angekündigt – mit „authentischen Geschichten“ und „mitreißender Musik“.

Der evangelikale Hintergrund blieb bei der Spotify-Werbung auffallend diskret. Als wolle man erst beim dritten Song erwähnen, dass es eigentlich um die Rettung unsterblicher Seelen geht.

Quelle: Instagram / City of Light

KidsFestival für die Jüngsten – Überraschungsgast Jesus?

Auf dem KidsFestival begegnet einem dieselbe Strategie von Intransparenz.

Man sieht Kinder in Zorb-Bällen über die Wiese rollen, auf Hüpfburgen, beim Kinderschminkstand oder einander mit Rasierschaum und Popcorn bewerfen. Bratwurst, Zuckerwatte und Getränke gibt es für lau. Kurz gesagt: Es wirkt wie jedes andere Berliner Familienfest – nur mit besserem Catering.

Was man dagegen nicht sieht, ist irgendein Hinweis darauf, dass es sich um eine “christliche” Veranstaltung handelt. Kein Banner, keine offensichtliche Einladung zum Glauben, kein Hinweis auf die Veranstalter. Erst im Bühnenprogramm wird zwischen Spielen und Animation plötzlich gebetet, gesungen und dazu eingeladen, Jesus in das Herz aufzunehmen. Man gewinnt den Eindruck, dass die Veranstalter das Konzept der Überraschungsparty konsequent zu Ende gedacht haben. Nur dass am Ende nicht der Clown aus der Torte springt, sondern die Evangelisation. Zu spät, um seine negative Religionsfreiheit bzw. die von Kindern – manche gerade einmal vier Jahre – ansatzweise zu schützen.

Die Anzahl der evangelisierten Kinder wird am nächsten Tag durchaus stolz in einer der Berliner Gemeinden als Erfolgskennzahl vor sich hergetragen. Man fragt sich, warum – bei aller Versammlungsfreiheit – die Berliner Versammlungsbehörde nicht zumindest auf eine klare Beschilderung gedrängt hat.

“Rettung” von Drogensucht, Spielsucht und “Perversion” im Dringlichkeitsmodus

Zurück vor dem Brandenburger Tor: bereits das Tanzteam erklärt dem spärlichen Publikum, dass Drogensucht, Spielsucht und Perversion (= Homosexualität, vgl. Sommer-Special 2024 von diekreative) Ausdruck desselben geistlichen Elends seien, aus dem man durch ein Leben mit Jesus gerettet werden könne.

Die Worship-Musik hallt über den Platz wider am Hotel Adlon, an der US-Botschaft und an der Akademie der Künste. Dort läuft zeitgleich eine Installation über verbotene Wörter unter der Trump-Administration – inklusive Aufrufen zu Meinungsfreiheit und dem Satz: „Wo Sprache zensiert wird, ist Demokratie in Gefahr.“ Man kann sich schwer des Eindrucks erwehren, dass hier versehentlich das perfekte Gegenprogramm entstanden ist: drüben die Warnung vor ideologischer Kontrolle, hier die Einladung zur totalen Hingabe. Berlin inszeniert seine Ironie zuverlässig selbst.

Dann übernimmt Lukas Repert selbst, der Initiator des Festivals. Der Platz füllt sich langsam, bis irgendwann vielleicht 200 oder 300 Menschen erreicht sind – die meisten davon mit „Follow-Up“-Schildern um den Hals oder im „City of Light“-Shirt.

Es folgt eine Dramaturgie, die weniger auf Diskussion als auf emotionale Überwältigung setzt: anschwellende Musik, immer gleiche Einladung, sich „ins Licht“ retten zu lassen und dazu Reperts Dringlichkeitsrufe wie „Yes, yes, yes!“ oder „Now, now, now!“. Einzelne Personen werden auf die Bühne gezogen, während jede*r den Nachbarn fragen soll, ob er „eigentlich jetzt dort oben stehen sollte“. Evangelisation wirkt hier weniger wie Glaubenssuche als wie spirituelles Gruppencoaching im permanenten Dringlichkeitsmodus.

Einige bekannte Gesichter aus der (ganz) rechten Ecke sind auch dabei…

In den Tagen des Festivals wird auch der rechtsextreme Christfluencer Leonard Jäger aka Ketzer der Neuzeit das Festival besuchen. Auf seinem Instagram-Kanal postet er über das Festival: “Ein großes Evangelisations-Event mitten in Berlin: Das waren gesegnete und und abenteuerliche Tage!”. Und: “And if our God is for us, then who could ever stop us”.

Quelle: Instagram / ketzerderneuzeit

Und auch von einem weiteren bekannten AfD-Unterstützer wird das Festival unterstützt: Der Prediger Markus Rapp, Leiter der Berliner Freikirche Neues Leben in Hohenschönhausen.

Rapp teilte auf seinem Youtube-Kanal (mit immerhin über 77.000 Abonennt*innen) – auf dem auch bereits mehrfach Lukas Repert zu Gast war – den Life-Stream der Abschlussveranstaltung zum City of Light. Rapp ist offener Unterstützer der AfD (zu Rapp vgl. Frontal v.24.6.2o25 ab Minute 6:10), deren Gruppe Christen in der AfD nach ihrer Abschlussveranstaltung in seiner Gemeinde zu Gast war.

Mit seinem Verein Christus für Europa betreibt Rapp den deutschen Ableger der Online-Bibelschule “International School of Ministry” (ISOM bzw. ISDD), in deren Programm auch Kurse zum sog. Seven Mountain Mandate angeboten werden. Nach dem “Seven Mountain Mandate” sollen Christ*innen auf die verschiedenen Gesellschaftsbereiche Einfluss nehmen, diese transformieren, um sie schließlich wieder mit “christlichen” Vorstellungen und Werten zu dominieren.

Mission Europa: Bootcamp für die Seelenrettung

Lukas Repert taucht als Gastredner bei Gemeinden wie ICF, Every Nation, diekreative oder der Gemeinde auf dem Weg auf. Vor einigen Jahren organisierte er sogar ein Evangelisations-Bootcamp in Tansania für Christ for all Nations – jene Missionsorganisation von Reinhard Bonnke, die jahrzehntelang Massenevangelisation perfektionierte.

Und tatsächlich endet just gleichzeitig mit City of Lights die sechswöchige School of Evangelism von Christ for all Nations in Berlin, für die Lukas Repert neben Gaby Wentland von Mission Freedom, Jean-Luc Trachsel und Ben Fitzgerald (der wiederum eine eigene Mission School, die School of Ministry der Awakening Church hat und sich von der US-Evangelikalen Trump-nahen Bethel Church aus mit seiner Organisation Awakening Europe aufgemacht, Europa zu erretten) als “Instructor” engagiert war.

Rund 30 angehende Berliner Missionar*innen wurden dort für schlappe 3.999 Euro Teilnahmegebühr darin geschult, Hemmungen zu überwinden, Fremde anzusprechen und aktiv Menschen für Jesus zu gewinnen. Seit Wochen wird entsprechend der Alexanderplatz bespielt: mal von amerikanischen Rappern, mal von Chris Schuller (Follow his Call Ministries / Encounter Nights) persönlich – der bereits am Tag 1 der City of Light aufgetreten ist – mal von jungen Missionar*innen in Ausbildung, die noch nicht gelernt haben, dass Berliner Gespräche üblicherweise nach drei ungefragten Sätzen enden.

In den USA, Brasilien oder Nigeria hätte Lukas Repert womöglich ganze Arenen gefüllt. Stattdessen wurde ihm ausgerechnet das Berliner Publikum auf das Herz gelegt: Menschen, die entweder gar kein Deutsch sprechen oder seit Jahren genug davon haben, ungefragt erklärt zu bekommen, wie sie zu leben haben. So zieht die durchschnittliche Berlinerin mit jener stoischen Gleichgültigkeit vorbei, die normalerweise nur Menschen entwickeln, die seit Jahren gleichzeitig mit Straßenmusiker*innen, Zeugen-Jehovas-Ständen, Junggesell*innen-Abschieden und BVG-Ersatzverkehr leben. Man schaut kurz hin, denkt „Aha, heute also Evangelikale“, und geht weiter zur U-Bahn.

Berlin bekehrt sich nicht? Dann eben nächste Woche wieder

Das entmutigt die Missionsbewegung allerdings kaum. Bereits am 13. Juli beginnt der zweiwöchige „Million Month“ der Awakening Church in Berlin. Frisch gestärkt vom „Empowerment Weekend“ werden erneut junge Missionar*innen mit beneidenswert schlechter Kenntnis der Berliner Mentalität auf den Alexanderplatz ausschwärmen, um Berlin zur „city of renewal, influence and hope for Germany and beyond“ zu machen.

Quelle: awakeningberlin.de

Der säkulare Gürtel Mitteleuropas gilt schließlich nicht deshalb als gefürchtet, weil man dort aufgibt, sondern weil man dort immer wieder glaubt, dass es diesmal bestimmt klappt.

Wachsam bleiben – Aufklärung tut Not!

Und dennoch: Auch wenn viele Berliner*innen schulterzuckend an diesem Event vorbeilaufen, sollten wir den Einfluss christlich-fundamentalistischer Organisationen in Deutschland nicht unterschätzen.

Auch in Berlin existiert mittlerweile ein breites Netzwerk entsprechender Gemeinden und Freikirchen mit lautstarker Social Media Präsenz. Dort geht es häufig nicht nur um einen selbstverständlich von der Religionsfreiheit geschützten persönlichen Glauben, sondern um Verbreitung anti-pluralistischer und radikal-konservativer Weltbilder. Gerade vor dem Hintergrund einer zunächst bunten und modern erscheinenden Außenfassade, ist dies für Außenstehende bzw. neu hinzutretende Personen oft kaum erkennbar. Treten dann erste Konflikte auf, ist der Ausstieg für viele alles andere als einfach.

Es heißt also: Wachsam bleiben und über diese Ideologien aufklären. Denn nicht überall, wo Hüpfburgen, Popcorn und Lobpreismusik draufstehen, ist am Ende nur ein harmloser Sonntagsausflug drin.


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