Nach Kritik der ICF München: Spiegel-TV löscht Passage aus Doku

Gefährliches Einknicken mit Folgen?

Am 12.01.2026 strahlte Spiegel-TV die Reportage: „Radikale Christen: Hass im Namen des Herrn“ aus. Die ICF (International Christian Fellowship) München, eine große evangelikale Freikirche mit Hauptstandort in der Schweiz und zahlreichen Standorten in Deutschland, kritisierte die Sendung scharf. Unter anderem, da ihr dort „Hetze gegen Abtreibung“ vorgeworfen wurde.

Wie verschiedene evangelikale Medien und die ICF selbst berichten, wurden die entsprechenden Sequenzen zum ICF München nun nachträglich aus der Doku entfernt.

Ein Hinweis oder eine Stellungahme von Spiegel-TV dazu findet sich bisher nicht. Das könnte als Eingeständnis gewertet werden, dass die Vorwürfe unangebracht sind. Doch unsere Recherchen belegen eher das Gegenteil. Wie sonst sollten Vergleiche von Schwangerschaftsabbrüchen mit „Völkermord“, „Blutschuld“ und „Kinderopfern“ gemeint sein?

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Was ist passiert?

Die Spiegel-TV Doku beschäftigte sich mit der vom Verfassungsschutz beobachteten Gemeinde „FWBC Seelengewinnen“ aus Pforzheim (zuvor „Baptistenkirche Zuverlässiges Wort“), den Christfluencer*innen Jasmin Friesen und Leonard Jäger (aka „Ketzer der Neuzeit“) und im Zusammenhang mit der Anti-Abtreibungsbewegung „Marsch für das Leben“ mit der ICF München.

Die ICF München kritisierte die Berichterstattung scharf. Insbesondere sah sie den Vorwurf, gegen Abtreibung zu hetzen, als unbegründet an.

Kommentarlos wurden nun die die ICF München betreffenden Passagen aus der Doku entfernt. Eine Antwort auf eine Anfrage an Spiegel-TV über die Gründe hierzu blieb bis zur Veröffentlichung dieses Artikels unbeantwortet.

Mehrere Medien aus dem evangelikalen Umfeld (u.a. das rechtspopulistische Idea-Magazin und jesus.de) sowie die ICF München selbst berichten nun von einem Erfolg: Laut Idea wertete der ICF-Pressesprecher die Reaktion von Spiegel-TV als „Ermutigung, auch künftig entsprechend auf eine etwaige Berichterstattung zu reagieren, wenn es notwendig sei„.

Was wurde aus der Doku gelöscht?

Die bei Spiegel-TV gelöschten Sequenzen sind weiterhin in diversen Reaction-Videos evangelikaler Christfluencer*innen abrufbar.

So – wenig überraschend – ebenfalls beim ebenfalls in der Doku erwähnten Christfluencer Leonard Jäger. Jäger wird laut einer kürzlich veröffentlichten ZDF-Doku „Christliche Influencer mit rechter Agenda“ im Verfassungsschutzverbund als bekannter Extremist beurteilt und dem Bereich der „verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates“ zugeordnet. Er ist eng mit Jasmin Friesen befreundet und tritt immer wieder gemeinsam mit ihr auf.

Ursprünglich leitete der Spiegel-TV Bericht nach einer Sequenz über den Anti-Abtreibungs-„Marsch für das Leben“ zur ICF München über:

„Auch in der Freikirche ICF Church in München wird gegen Abtreibung gehetzt. Auf der Kanzel im lässigen Tarnhemd ein selbsternannter Moralapostel.“

Es folgte ein Ausschnitt aus einer Predigt von Jens Koslowski, bei der ICF München zuständig für den Bereich „Discipleship & Leadership„. Vor einem Monitor mit dem Bild eines Plakats mit der Aufschrift „My body, My choice“ sagt Koslowski:

„Da siehst du auch solche Sachen wie z.B. ‚Abortion ist Healthcare‘. Also Abtreibung ist sowas wie Gesundheitsfürsorge. Wäre in etwa so – ich muss es so ausdrücken – wenn du Sklaverei als Festanstellung betiteln würdest.“

und

„Aber Abtreibung wird jetzt nicht primär dazu führen, dass dein Schmerz, der dir zugefügt wurde jetzt heil wird, dass dein Herz heil wird.“

und

„Und das ist ein Punkt, vor dem ich dich einfach warnen möchte und dir zusprechen möchte: Gott ist der einzige, der deine Seele heilen kann.“

Die betreffende Predigt ist weiterhin in voller Länge unter dem Titel „Abtreibung – my body my choice?“ auf dem YouTube-Kanal der ICF München abrufbar.

Reaktionen der ICF München

In ihrer Stellungnahme zur Doku betont die ICF München:

„Die im Beitrag von Spiegel TV behauptete ICF-Position zu Abtreibung wird falsch und pauschal dargestellt. Im Beitrag wörtlich: ‚Auch in der Freikirche ICF Church in München wird gegen Abtreibung gehetzt.‘

Diese Aussage entbehrt jeder Grundlage und ist eine falsche Behauptung, von der sich ICF München klar distanziert.

Das Thema Abtreibung ist äußerst komplex. Wenn darüber in einer Predigt gesprochen wird, dann nach bestem Wissen und Gewissen sowohl aus der seelsorgerischen als auch aus der theologischen Perspektive, sowohl ausführlich als auch ausgewogen.

Diese Tiefe vermissen wir im Beitrag von Spiegel TV deutlich.“

Schon die in der Doku ursprünglich enthaltenen Passagen vermitteln kaum den Eindruck einer „ausgewogenen“ Thematisierung des Themas Abtreibung.

Auch „mehr Tiefe“ – unter Berücksichtigung der ganzen Predigt – ändert daran nichts. Eher im Gegenteil: Im weiteren Verlauf der Predigt empfiehlt Koslowski Personen in Schwangerschaftskonflikten, statt abzutreiben, besser anonym zu entbinden und das Kind in Obhut zu geben…

Die „ausgewogene seelische und theologische Perspektive“ der ICF auf das Thema Abtreibung: Götzenopfer, Völkermord, Blutschuld und Generationenflüche…

Und auf den Internetseiten der ICF München finden sich noch eine ganze Reihe weiterer Zitate, die den Vorwurf einer „Hetze“ gegen Abtreibung noch weiter nachvollziehbar, wohl eher sogar als zu harmlos erscheinen lassen.

So zum Beispiel Passagen aus einem veröffentlichten Paper vom 30.06.2019 von Tobias Teichen, dem Leiter der ICF München, unter dem Titel „Fighting for Truth„. Mit aus der Luft gegriffenen Behauptungen werden dort Abtreibungen mit „Götzenopfern“ verglichen:

„Abtreibung: Einige der Nachbarvölker Israels opferten damals ihre Kinder im Feuer, um von dem Götzen Moloch Wohlergehen, eine bessere Zukunft, Erleichterung, Freiheit, finanziellen oder beruflichen Segen zu erhalten. In erschreckender Weise sind dies dieselben Argumente, die hinter 96% der Abtreibungen heutzutage stehen (über die restlichen 4%, die mit Vergewaltigungen und medizinischen Notfällen zu tun haben, kann man diskutieren).“

In einem weiteren auf der Webseite abrufbaren Dokument zu einem ICF-Gottesdienst des evangelikalen Prof. Christian Raedel (u.a. bekannt aus dem Gerichtsverfahren gegen den Bremer Pfarrer Olaf Latzel wegen Volksverhetzung) vom 07.07.2024 heißt es unter dem Titel „Wie schön, dass du geboren bist“:

„Sag NEIN zu der Kultur des Todes. Durch den Heiligen Geist Kraft empfängst du die Kraft, JA zu sagen zu dem Kind, zu dem Gott bereits JA gesagt hat.“

In einem Dokument von Koslowskis Ehefrau, die bei der ICF München im gleichen Bereich wie er tätig ist, wird Abtreibung schließlich als „Geistliche Ursache für psychische Krankheiten“ bezeichnet, die sich nach ihrer Auffassung offenbar wie ein Generationenfluch auf folgende Generationen auswirken kann:

„Blutschuld: Deine Vorfahren tun etwas (z.B. Abtreibung), und du hast nun ‚Blut‘ an deinen Händen.“

Ähnlich problematische Äußerungen lassen sich auch an weiteren Standorten der ICF auffinden, wie beispielsweise bei der ICF Hamburg, wo Abtreibung mit „Völkermord“ verglichen wird:

„Wenn es Gott gibt und jedes menschliche Wesen von ihm gewollt und geliebt ist, dann ist Abtreibung eine Tötung und damit von der Schwere gleichzusetzen mit dem Töten eines Menschen der schon geboren ist. Die Abtreibe-Praktiken ähneln dann einem Völkermord, in welchem viele Menschen umgebracht werden, weil es einem eben gerade so passt.“

Die Problematik am „Rückzieher“ von Spiegel-TV

Die Ideologie der ICF beim Thema Abtreibung sollte aus den Zitaten bereits ablesbar sein. Ebenso, dass es wohl alles andere als fernliegend ist, diese als „Hetze gegen Abtreibung“ zu bezeichnen.

Warum also löschte SPIEGEL-TV die Sequenzen zur ICF München? Revidiert das Format so seine Wertung der ICF-Positionen oder hält sie gar doch nicht für so problematisch? Fakt ist: In einer Zeit, in der das Thema Abtreibung durch ultra-konservative bis extrem rechte Kampagnen zur Zielscheibe gemacht wurde und wird, besteht ein dringender Aufklärungsbedarf über Akteur*innen in diesem Umfeld.

Zudem verdeutlichen weitere Berichte über die ICF und Informationen von Weltanschauungsstellen immer wieder, dass die Positionen der ICF nicht nur beim Thema Abtreibung problematisch sind: Erst letztes Jahr deckte der Journalist Kevin Ebert in einer Undercover-ARD-Recherche im ICF München Praktiken von Konversionsbehandlungen auf, als er durch Handauflegen und Zungengebet von seiner Homosexualität „befreit“ werden sollte. Die Reportage „Inside Freikirche ICF“ ist weiterhin abrufbar.

Was Spiegel-TV konkret zur Löschung der Sequenzen bewogen hat, ist uns bisher nicht bekannt. Die ICF kritisierte zudem, die Doku habe sie mit der Pforzheimer Gemeinde “FWBC Seelengewinnen” in „einen Topf“ geworfen. Diese propagiere in der Tat ein mit einem „biblischen Anstrich“ „radikal verzerrtes Glaubensverständnis“ und predige tatsächlich Hass.

Diese Art der Argumentation begegnet uns bei Diskussionen um christlichen Fundamentalismus und spirituellen Missbrauch immer wieder: Die Verantwortung liegt immer bei anderen, eine Selbstreflexion findet nicht statt.

Tatsächlich schlägt Spiegel-TV in seiner Doku einen großen Bogen von der vom Verfassungsschutz beobachteten FWBC Seelengewinnen mit ihrem wegen Volksverhetzung verurteilten Prediger Anselm Urban über Christfluencer*innen bis zum „Marsch für das Leben“ und die ICF München.

Wir halten es für wichtig, aufzuzeigen, wo die ideologischen Verbindungen zwischen diesen Akteur*innen liegen, worin konkrete Gefahren für Radikalisierungen liegen und was dies für Betroffene bedeutet. Hier stellte die Doku einen mutigen Versuch dar, wies allerdings – insbesondere im Bezug auf ideologische Verbindungen zur „FWBC Seelengewinnen“ – tatsächlich einige Schwachstellen auf, die vermeidbar gewesen wären.

So thematisierte die Doku beispielsweise auch den Pforzheimer Prediger Lothar Gassmann zur Sprache. Gegen ihn richteten sich Mordaufrufe aus der „FWBC Seelengewinnen“ bzw. der „Baptistengemeinde Zuverlässiges Wort“. Gassmann wird in der Doku lediglich als „erzkonservativer Christ“ vorgestellt. Hier fehlen wichtige Einordnungen.

Denn Gassmann steht der Werteunion und der AfD nahe, für deren Wahl er sich mehrfach aussprach. Das wird ebenso wenig erwähnt wie seine ebenfalls radikal queerfeindlichen Positionen.

Bereits im Lutherjahr 1996 und aktualisiert im Jahr 2017 verfasste Gassmann mit weitreichender Unterstützung aus dem christlich-fundamentalistischen Umfeld „95 Thesen zur Situation von Kirche und Gesellschaft„, die seine Radikalität belegen. Unter anderem wird dort die Aufhebung gesetzlicher Verfolgung „homosexueller Praktiken“ bedauert und prophezeit, dass dies zu einem Zerfall der Gesellschaftssysteme führen werde (Thesen 3 – 6):

„3. In vielen Staaten sind die Gesetze aufgeweicht oder abgeschafft worden, die Gotteslästerung, Pornographie, Abtreibung, Euthanasie, homosexuelle Praktiken, Drogenmißbrauch und ähnliches verboten haben.

4. Eine Gesellschaft, die Handlungen duldet oder sogar öffentlich fördert, welche die Heilige Schrift als „Sünde“ und „Greuel“ in den Augen Gottes bezeichnet, gräbt sich ihr eigenes Grab. Sie wird gerichtsreif. „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben“ (Sprüche 14,34).

5. Viele Staaten gleichen heute dem Römischen Reich vor seinem Untergang: Die innere Ursache seines Zerfalls war die sittliche Dekadenz.

6. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch heute Staats- und Gesellschaftssysteme, die sich gegen Gottes Gebote stellen, zerfallen.

Die Unterschiede zu den Forderungen der „FWBC Seelengewinnen“ nach Todesstrafen für queere Menschen erscheinen allenfalls graduell. Es zeigt, dass fundamentalistische Glaubensvorstellungen nahezu immer mit der Abwertung von marginalisierten Gruppen einhergehen, denen häufig zudem die Verantwortung für (vermeintliche) gesellschaftliche Problemlagen zugeschrieben wird. Hier gäbe es auch noch weitere Anknüpfungspunkte zu anderen Protagonist*innen der Spiegel-TV Doku.

Fazit

Im Ergebnis ist die Spiegel-TV Doku trotz ihrer Leerstellen weiterhin ein Beitrag zur dringend nötigen Aufklärung über christlich-fundamentalistische Ideologien und Akteur*innen.

Besonders wichtig erscheinen die Ausführungen von Daniela-Marlin Jakobi, die in der Doku ebenfalls zur Sprache kommt. Seit ihrem Ausstieg aus einer freikirchlichen Gemeinde leistet Jacobi durch ihre persönlichen Erfahrungen einen Beitrag zur Aufklärung über die gesellschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen entsprechend christlich-fundamentalistischer Ideologien.

Wir finden, die Doku schöpft nicht das gesamte Potential bei der Darstellung von Zusammenhängen und Netzwerken aus. Auf die ideologischen Verbindungen zur „FWBC Seelengewinnen“ wird kaum eingegangen.

Insbesondere kritisieren wir die kommentarlose nachträgliche Löschung der Sequenzen zum ICF München. Hier wäre eine öffentliche Erläuterung seitens Spiegel-TV das Mindeste.

Alarm um die Kinder- und Jugendarbeit in Bremen

Insolvenz von Petri & Eichen als Einfallstor christlich-fundamentalistischer Akteure in die Soziale Arbeit?

Zum Beispiel: Das Sozialwerk Bremen, die hoop Kirche und ihre Netzwerke

Die Zukunft großer Teile der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Bremen ist aktuell unsicher. Grund dafür sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des diakonischen Trägers Petri & Eichen, der sich nun aus weiten Teilen der Kinder- und Jugendsozialarbeit zurückzieht.

Um drohende Versorgungslücken möglichst zu vermeiden, will die Hansestadt Bremen in Kürze Ausschreibungen für neue Angebote auf den Weg bringen. Droht dabei ein weiteres Vordringen christlich-fundamentalistischer Organisationen in die Soziale Arbeit?

Die hier veröffentlichte Recherche geht auf entsprechende Gefahren ein und zeigt Verbindungen des Sozialwerks der Freien Christengemeinde Bremen – das zunächst eine der Kitas von Petri & Eichen übernehmen sollte – in christlich-fundamentalistische Netzwerke auf.

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Einleitung

Im Sommer startete der diakonische Träger Petri & Eichen ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, kümmerte sich also zunächst selbst um eine wirtschaftliche Stabilisierung.

Mittlerweile ist sicher: Petri & Eichen stellt sich neu auf. Ein neuer Träger steigt ein, für vier Kitas wurden neue Träger gesucht, die offene Kinder- und Jugendarbeit soll nicht mehr aktiv weiterbetrieben werden.

Laut Medienberichten droht ein Kahlschlag in der Kinder- und Jugendarbeit in Teilen von Bremen. Wie der Weser-Kurier erst gerade berichtete, wenden sich nun auch ehemalige Führungskräfte in einem offenen Brief an die beiden Noch-Gesellschafter und schlagen Alarm. Die Bremer Sozialbehörde will noch in diesem Jahr Ausschreibungen für neue Angebote auf den Weg bringen.

Immer wieder führen klamme Haushaltskassen dazu, dass christlich-fundamentalistische Träger die Situation nutzen, eigene Angebote weiter auszubauen.

Diesen Sommer erst veröffentlichte FundiWatch eine von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderte Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit. Das Fazit: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht! Auf Hilfe und Unterstützung angewiesene Menschen dürfen nicht denjenigen überlassen werden, die sich letztlich gegen die Grundwerte einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft wenden und fachliche Standards professioneller Sozialer Arbeit nicht einhalten.

Dennoch gelingt es immer wieder auch hochumstrittenen christlich-fundamentalistischen Organisationen in den Bereich der Sozialen Arbeit vorzudringen. Droht Entsprechendes nun auch in Bremen?

Das wird die Zukunft zeigen. Bei der bisherigen Kita „Weltenbummler“ von Petri & Eichen in Tenever sprachen allerdings zahlreiche Anzeichen zunächst dafür. Denn diese stand laut Medienberichten offenbar unmittelbar vor einer Übernahme durch das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen, das nach dem Ergebnis vorliegender Recherche auf vielfältige Weise in christlich-fundamentalistische Kreise vernetzt ist.

In Frage gestellt wurde die Übernahme der Kita durch das Sozialwerk zunächst offenbar dennoch nicht. Wohl erst in letzter Minute kam es dazu, dass stattdessen nun die städtische KiTa Bremen auch diese Kita übernehmen soll.

Der Vorgang wirft jedoch Fragen auf, insbesondere auch, ob in Bremen die notwendige Sensibilität besteht, die professionelle Soziale Arbeit vor Einflussnahme fraglicher Akteur*innen zu schützen. 

Vor diesem Hintergrund soll in dieser Recherche die Einbindung des Sozialwerks Bremen in christlich-evangelikale bis fundamentalistische Netzwerke näher beleuchtet werden. Im Ergebnis wird deutlich: Es ist wichtig, genau hinzusehen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Hansestadt Bremen bei den anstehenden Neuausschreibungen ihrer Verantwortung zum Schutz von auf Hilfe und Unterstützung angewiesener Personen nachkommt.


Abstract

Das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen gehört zu den größten Akteuren der Sozialen Arbeit in Bremen. Mit zahlreichen ambulanten und stationären Angeboten ist das Sozialwerk aus den Bremer Sozialraumangeboten wohl kaum mehr wegzudenken.

Mit seiner Tochtergesellschaft Menschenskinners! betreibt das Sozialwerk auch mehrere Kitas. Die ursprünglich offenbar angestrebte Übernahme der Kita „Weltenbummler“ von Petri & Eichen schien also naheliegend.

Selbstverständlich wollen wir hier nicht behaupten, sämtliche der vielen Mitarbeitenden des Sozialwerks seien „christliche Fundamentalist*innen“. Doch betrachtet man die Hintergründe, Netzwerke und Kooperationen des Sozialwerks näher, stößt man auf Verbindungen, die weit in christlich-fundamentalistische Netzwerke hineinreichen. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Und das sollte unseres Erachtens stärker im Blick behalten werden.

In Teil 1 dieses Beitrags sollen daher zunächst die aktuellen Entwicklungen rund um die Insolvenz von Petri & Eichen und die ursprünglich geplante Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk näher dargestellt werden.

Schließlich wird auf die Entstehungsgeschichte des Sozialwerks, dessen Organisationen und die Einbindung in evangelikale Netzwerke eingegangen:

Denn entstanden ist das Sozialwerk Bremen aus der Freien Christengemeinde Bremen – der heutigen hoop-Kirche. Die Verbundenheit ist auch heute noch in der Kirchenverfassung der hoop festgehalten.

Entsprechendes gilt für die ebenfalls verbundene Elterninitiative Nordlicht – Christliche Kitas e.V. (zuvor: CEKIS – Christliche Kitas e.V.) deren Ziel es ist, „eine christlich geprägte Erziehung in der Tagesbetreuung sicherzustellen“.

Mittlerweile gehört auch die ursprünglich als Christliche Eltern-Initiative e.V. (CEI) gegründete Elterninitiative Menschenskinners! zum Sozialwerk Bremen. Die Initiative war und bleibt umstritten, u.a. wegen ihrer Positionen als Anti-Abtreibungsverein und vermeintlichen Verbindungen mit evangelikalen Gruppen, die teilweise mit Konversionsbehandlungen („Homo-Heilung“) in Verbindung gebracht wurden.

Zudem bestehen insbesondere über Menschenskinners! auch Verbindungen zur Freien Evangelischen Bekenntnisschule Bremen (FEBB), gegen die in der Vergangenheit Mobbing-Vorwürfe u.a. eines trans Schülers erhoben wurden.

Schließlich übernahm das Sozialwerk Bremen im Jahr 1988 die Bremer Privatschule Mentor – bevor die Leitung nur zwei Jahre später versuchte, den Betriebsrat abzuschaffen und aus der Schule eine „christliche Bekenntnisschule“ zu machen.

Des Weiteren ist das Sozialwerk Bremen über Mitgliedschaften in diverse evangelikale Dachverbände eingebunden. So beispielsweise im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP) und der (Ortsallianz) der Evangelischen Allianz Bremen (EAD), die beide unter anderem wegen ihren Haltungen zu Homosexualität, Abtreibung und Missionierung in der Kritik stehen.

In Teil 2 dieses Beitrags gehen wir aufgrund der engen Verbundenheit näher auf die Ausrichtung der hoop Kirche ein:

Denn trotz modernem Außenauftritt erscheinen die vermittelten Ideologien der hoop erzkonservativ.

Schließlich wird dort auch das aus der kalifornischen Megakirche Bethel Church stammende „Befreiungsgebet“ SOZO angeboten, das laut seinen internationalen Leiter*innen u.a. zur „Befreiung“ von der „Sünde der Homosexualität“, von „dämonischen Belastungen“ und sogenanntem „Okkultismus“ eingesetzt werden soll.

Zudem lassen sich Verbindungen mit Akteur*innen, die herrschaftstheologische Ideologien verbreiten und den Bewegungen der sog. „New Apostolic Reformation“ bzw. „Kingdom-minded Network Christianity“ zugeordnet werden – u.a. beim dieses Jahr veranstalteten Evangelisierungsevent „Missio Dei“ – aufzeigen.


TEIL 1: Das Sozialwerk der Freien Christlichen Gemeinde Bremen und die Insolvenz von Petri & Euchen

Großer Träger der Kinder- und Jugendarbeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten

Mit rund 500 Mitarbeitenden zählt Petri & Eichen seit Jahren zu den größten Trägern der Kinder- und Jugendhilfe in der Hansestadt Bremen.

Nun stand der Träger vor gravierenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Im vergangenen Sommer beantragte Petri & Eichen die Einleitung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverantwortung, mit dem Ziel, die wirtschaftliche Stabilisierung des Unternehmens zunächst selbst zu organisieren.

Parallel wurde bekannt, dass auswärtige Interessenten bei Petri & Eichen einsteigen wollen. Für die vier Kitas sollten hingegen neue Träger gewonnen werden. Doch nach Medienberichten gelang das nicht wie ursprünglich geplant:

Zwar soll nun die überregional aktive KJSH-Stiftung bei Petri & Eichen einsteigen. Die Jugendförderung jedoch will der Träger laut Medienberichten künftig aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr weiter aktiv betreiben. Für den Bremer Stadtteil Osterholz droht damit laut Medienberichten ein „Kahlschlag in der Kinder- und Jugendarbeit“.

Das Sozialwerk Bremen als „Retter in der Not“?

Von den vier betroffenen Kitas konnte zunächst nur für die Kita „Weltenbummler“ in Tenever ein neuer freier Träger gefunden werden: das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen.

Für die anderen drei Kitas sollte kurzfristig die städtische KiTa Bremen einspringen. Wie in einer Sitzung der Bremischen Bürgerschaft entschieden wurde, sollte so eine ansonsten drohende Versorgungslücke im Kita-Bereich vermieden werden.

Die vorgesehene Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk Bremen wurde hingegen offenbar nicht in Frage gestellt. Das verwundert. Denn die Verbindungen des Sozialwerks in christlich-fundamentalistische Netzwerke scheinen durchaus vielfältig und bemerkenswert.

Bisher erlebten evangelikale Träger in Bremen durchaus Widerspruch

Bisher gab es in Bremen immer wieder deutlichen Widerstand gegen ähnlich ausgerichtete Organisationen in den Bereich der Sozialen Arbeit:

So wurde im Jahr 2020 ein Projekt des benachbarten Sozialwerks der Freien Christengemeinde Oldenburg (heute: Perspektive Oldenburg Sozialwerk gGmbH) an der Ermlandstraße vom Senat abgelehnt.

Hintergrund waren nach damaligen Berichten offenbar unter anderem auch die Mitgliedschaften des Sozialwerks Oldenburg bei der Evangelischen Allianz Deutschlands (EAD, früher: DEA) und im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP). Beide stehen, wie damals der Weser-Kurier berichtete, unter anderem wegen ihren Haltungen zu Homosexualität, Abtreibung und Missionierung in der Kritik.

Übernahme durch das Sozialwerk Bremen scheitert erst im letzten Moment

Doch auch das Sozialwerk Bremen ist sowohl bei der EAD als auch beim BfP als Mitgliedsorganisation gelistet. Laut Satzung soll bei einer Auflösung des Sozialwerks das verbleibende Vereinsvermögen an den BfP übertragen werden.

Bei der geplanten Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk erfuhr dieser Umstand hingegen zunächst offenbar keine besondere Aufmerksamkeit. Nach Medienberichten scheiterte die Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk Bremen erst im letzten Moment. Nun soll auch diese Kita von der städtischen KiTa Bremen übernommen werden.

Gleichzeitig bleibt das Sozialwerk Bremen einer der bedeutenden Akteure der Sozialen Arbeit in der Hansestadt. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass das Sozialwerk seine Aktivitäten auch weiterhin ausbauen wird – auch im Hinblick auf mögliche Lücken in der sozialen Landschaft, die durch den Rückzug von Petri & Eichen entstehen.

Wer ist das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen?

Auf der Homepage des Sozialwerks sowie in der dort abrufbaren Unternehmensbroschüre wird dessen Entstehungsgeschichte ausführlich dargestellt.

Sie beginnt im Jahr 1979 in der Mitgliederversammlung der Freien Christengemeinde Bremen, die seit 2017 unter dem Namen „hoop Kirche (norddeutsch für „Hoffnung“) auftritt. Damals wurde Heinz Bonkowski, zwischenzeitlich verstorben und Vater des heutigen Sozialwerk-Leiters Dr. Matthias Bonkowski, mit der Gründung und Leitung des Sozialwerks beauftragt.

Noch im selben Jahr nahm das Sozialwerk seine Arbeit auf. Über die folgenden Jahrzehnte wurden Tätigkeitsfelder und Einrichtungen stark ausgebaut. Heute zählt das Sozialwerk laut Medienberichten mit rund 750 Mitarbeitenden, etwa 70 Ehrenamtlichen und zahlreichen Einrichtungen zu den größten Akteuren der Sozialen Arbeit in Bremen.

Eine enge Verbindung besteht zudem zum Verein Nordlicht – Christliche Kitas e.V. (zuvor: CEKIS – Christliche Kitas e.V.), dessen Entstehung ebenfalls aus der heutigen hoop Kirche heraus erfolgte.

Nordlicht wurde im Jahr 1992 durch einen Elternverein gegründet, der nach eigenen Angaben von Beginn an das Ziel verfolgte, „eine christlich geprägte Erziehung in der Tagesbetreuung sicherzustellen“. Für fünf der sechs Nordlicht-Einrichtungen übernahm das Sozialwerk Planung, Bau oder Vermietung der Räumlichkeiten.

Die fortbestehende enge Verbindung zwischen der hoop, dem Sozialwerk und Nordlicht ist in der Verfassung der hoop-Kirche festgehalten und wird auf den entsprechenden Webseiten, zum Beispiel hier und hier, besonders betont.

Die hoop präsentiert sich in ihrem Internetauftritt als typisch evangelikal-charismatisch Gemeinde mit modernen Ausdrucksformen. Neben Bremen bestehen mittlerweile Standorte in Achim, Bremerhaven, Lübeck und eine Gruppe in Verden. Bereits auf der Homepage wird auch die Verbundenheit zu weiteren evangelikalen bzw. teils auch christlich-fundamentalistisch verorteten Akteur*innen sichtbar.

Im Sommer dieses Jahres wurde aus der hoop Kirche ein ZDF-Fernsehgottesdienst live übertragen. Auch dort wurde die Verbundenheit mit dem Sozialwerk betont, unter anderem durch den Auftritt des nach eigenen Angaben „längstjährigen Mitarbeiter“ Uli Schulte, der in dem Gottesdienst seine Bekehrungsgeschichte schilderte.

Tarifvertrag verhindert christlichen Geist?

In der Vergangenheit gab es nach Presseberichten Konflikte zwischen dem Sozialwerk Bremen und Mitarbeitenden der Bremer Privatschule Mentor. Die Schule war 1988 in finanzieller Schieflage vom Sozialwerk übernommen worden.

Bereits zwei Jahre später kam es laut Medienberichten zum Streit mit dem Betriebsrat. Als dessen turnusmäßige Neuwahl anstand wurde dies demnach durch die Geschäftsleitung untersagt und der Betriebsrat für abgeschafft erklärt. Als Begründung führte die Schulleitung nach damaligen Berichten der taz an, das Betriebsverfassungsgesetz gelte nicht für Religionsgemeinschaften.

Laut taz wollte der damalige Geschäftsführer der Schule Heinz Bonkowski – zugleich Leiter des Sozialwerks – aus der Mentor-Privatschule eine Christliche Schule machen. Die aus seiner Sicht nach „überstarke Mitbestimmung des Betriebsrats“ hätte dies jedoch verhindern können.

Gewerkschaftlich organisierte Lehrkräfte gingen dagegen juristisch vor und bekamen schließlich Recht. Die Schulleitung musste Betriebsratswahlen zulassen.

Auch später kam es zu Konflikten rund um Arbeitsbedingungen und Tarifverhandlungen. Die GEW berichtet am 10.02.2020, dass erst: „Nach langen und schwierigen Verhandlungen inklusive zweier Urabstimmungen und unbefristetem Erzwingungsstreik“ ein Tarifabschluss gelang.

Verbindung zu „Menschenskinners!“ – Anti-Abtreibungslobby und „Homo-Heilung“!?

Seit vielen Jahren besteht auch eine enge Verbindung zwischen dem Sozialwerk Bremen und der Christlichen Eltern-Initiative e.V. (CEI), die heute vollständig zum Sozialwerk gehört und inzwischen unter dem Namen Menschenskinners! Christen engagiert für Familien gGmbH firmiert.

Nach Angaben des Vereins initiierte die CEI 1985 die Aktion „Recht auf Leben“. Eine Gruppierung, die laut eigenen Angabenangesichts der vielen Abtreibungen in unserem Land Frauen und Familien in Konfliktsituationen helfen sowie das Leben von Kindern vor und nach der Geburt schützen will“.

Im Jahr 2020 benannte sich die CEI in Menschenskinners! Christen engagiert für Kinder und Eltern e.V. um, und veränderte ihren öffentlichen Auftritt. Während die Homepage zuvor von Bildern besorgter Frauen mit Schwangerschaftstests in den Händen geprägt wurde, zeigt sich der Internetauftritt heute in bunten Regenbogenfarben mit lachenden Kindern.

Die Ausrichtung blieb hingegen gleich. Laut einer noch auffindbaren Satzung aus dem Jahr 2020 besteht Menschenskinners! aus Menschen, „die auf der Grundlage des christlichen Glaubens diakonisch und volksmissionarisch [sic!] arbeiten wollen“.

Kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, als der Verein sich 2024 mit dem Sozialwerk Bremen zusammenschloss. Heute ist Menschenskinners! eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des Sozialwerks.

Die Positionen von Menschenskinners! zum Thema Abtreibung und der Verbreitung des in Erzählungen von Evangelikalen häufig behaupteten – in der Wissenschaft jedoch als nicht belegt geltenden – „Post Abortion Syndroms“ (PAS) (angebliche Traumatisierungen nach einer Abtreibung) wurden in der Vergangenheit bereits kritisiert.

Auch der Umstand, dass der Verein an Schulen „sexualpädagogische Aufklärung“ betreibt und sich Mitarbeitende laut Medienberichten bei evangelikalen Gruppen fortbildeten, die teilweise mit – inzwischen grundsätzlich verbotenen – Konversionsbehandlungen („Homo-Heilung“) in Verbindung gebracht wurden, führte zu öffentlicher Kritik in den Medien und war Thema in politischen Debatten der Bremer Bürgerschaft.

Aktuell betreibt Menschenskinners! ein Mutter/Vater-Kind-Haus, den Second-Hand-Laden „find.us“ und an mehreren Standorten die „Kita Regenbogen“. Im pädagogischem Leitbild heißt es, die Kindergruppen erfüllten „ihren Auftrag zur Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern auf der Grundlage des christlichen Glaubens“.

Einbindung des Sozialwerks Bremen in evangelikale Netzwerke

Neben der bereits erwähnten Mitgliedschaft des Sozialwerks im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP) bestehen nach öffentlich zugänglichen Informationen zahlreiche weitere Verbindungen in christlich-fundamentalistisch sowie evangelikal geprägte Netzwerke.

Dazu zählt unter anderem die Zugehörigkeit des Sozialwerks zur Ortsallianz der Evangelischen Allianz Deutschlands (EAD). Diese tritt seit einiger Zeit unter dem Namen „Gemeinsam für Bremen und umzu“ auf und hat ihren Sitz ebenfalls an der hoop-Kirche.

Ebenso wie für den BfP besteht auch für die EAD nach ihrem Glaubensverständnis eine Ehe einzig aus Frau und Mann. Gleichgeschlechtliche Hochzeiten lehnt sie ab.

Mit einem eigenen Leitfaden zum Konversionsbehandlungsschutzgesetz bietet die EAD eine „Handreichung für christliche Gemeinden“, wie im Rahmen der Seelsorge eine Strafbarkeit vermieden werden kann.

Eine weitere Broschüre mit dem Titel „Rede frei! Mit Recht über das Evangelium sprechen“ wurde von der EAD gemeinsam unter anderem mit der rechts-christlichen Anwalts-Lobby-Organisation Alliance Defending Freedom (ADF) veröffentlicht.

Auch eine gerade erst veröffentlichte „Handreichung für christliche Gemeinden“ zum Selbstbestimmungsgsetz erstellte die EAD mit inhaltlicher Unterstützung von Felix Böllmann von ADF. Weitere Unterstützung leistete Markus Hoffmann vom Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung e.V. (IdiSB e.V.), ehemals Wuestenstrom – ein Verein, der sich immer wieder für die „Heilung“ queerer Menschen einsetzte. Und schließlich der Theologe Christoph Raedel von der Freien Theologischen Hochschule Gießen, für den Homosexualität zu einer von vielen „Fehlprägungen“ gehört und für den das Selbstbestimmungsgesetz „die biologisch begründete, kulturell ausgestaltete und lebensweltliche Orientierung gebende binäre Ordnung der
Geschlechter [untergräbt]

Die mittlerweile auch zunehmend in Deutschland und Europa aktive ADF wird vom Southern Poverty Law Center in deren Publikationen als „Hate Group“ benannt. Das European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights (EPF) warnt bereits seit Jahren vor der zunehmenden Einflussnahme von ADF auch in Europa.

Nach öffentlich verfügbaren Informationen wirkte ADF maßgeblich daran mit, das in den USA das Recht auf Abtreibung (Grundsatzurteil Roe vs. Wade) gekippt wurde. Aktuell unterstützt ADF die christliche Beraterin Kaley Chiles vor dem Obersten Gerichtshof in den USA bei einer Beschwerde gegen das Verbot von Konversionsbehandlungen an Minderjährigen im US-Staat Colorado (vgl. Chiles vs. Salazar).

In Deutschland erreichte ADF erst vor kurzem einen Sieg vor Gericht, in dem Bannmeilen für Proteste von Abtreibungsgegner*innen vor Kliniken in Regensburg für unzulässig erklärt wurden. Erst Anfang November dieses Jahres veranstaltete u.a. die EAD einen Kongress unter dem Titel „Christenverfolgung heute“, bei dem mit Dr. Felix Böllmann der Leiter der europäischen Rechtsabteilung der ADF International als Referent eingeladen war.

Das Sozialwerk Bremen, die Freie Evangelische Bekenntnisschule Bremen (FEBB) und Vorwürfe wegen Mobbing und Transfeindlichkeit

Zur Bremer Evangelischen Allianz Gemeinsam für Bremen und umzu gehört auch die Freie Evangelische Bekenntnisschule Bremen (FEBB). Auf der Webseite wird deren Kooperation mit der „Kita Regenbogen“ von Menschenskinners! ausdrücklich hervorgehoben.

Im Jahr 2020 berichtete unter anderen die taz über Vorwürfe gegen die FEBB, nach denen ein trans Jugendlicher an der FEBB gemobbt worden und es Versuche gegeben haben soll, ihn „zu heilen“ und „Dämonen auszutreiben“.

Die taz zitierte in diesem Zusammenhang die damalige Gemeindemitarbeiterin Sabine Fäsenfeld – heute Assistenz der Geschäftsführung von Menschenskinners! – wie folgt:

‚Möglicherweise hat man in Gruppen mit Betroffenen gebetet‘, sagt Gemeindemitarbeiterin Sabine Fäsenfeld auf Nachfrage. ‚Wenn jemand Seelsorge braucht, wüssten wir, wohin wir ihn vermitteln können‘, teilt sie mit. Aber ein eigenes Programm, ‚nein, das kann nicht sein.‘

Es kam zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, die letztlich jedoch eingestellt wurden. Auch die Bremer Bürgerschaft befasste sich mit den Vorwürfen. Wie wiederum die taz berichtete kam es anschließend zu weiteren Vorwürfen betroffener Schüler*innen, die jedoch offenbar unaufgeklärt blieben.

Die FEBB ist Mitglied im „Verband Evangelischer Bekenntnisschulen“ (VEBS), dem nach eigenen Angaben bundesweit 214 Bildungseinrichtungen angehören. Auf seiner Webseite formuliert der Verband unter Berufung auf das deutsche Grundgesetz durchaus selbstbewusst (Hervorhebungen im Original jeweils durch Fettschrift):

Bekenntnisschulen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nur den staatlichen Lehrzielen, aber nicht den Lehrplänen/Bildungsplänen folgen müssen.

Und:

Bekenntnisschulen dürfen daher eigene Lehrpläne entwickeln und lehren – diese müssen von der Schulaufsicht des Landes genehmigt werden.

Der gesamte Schullalltag einer Bekenntnisschule (also auch alle Schulfächer) muss vom christlichen Bekenntnis durchdrungen/geprägt sein (so wie Waldorfschulen oder Montessorischulen von den jeweiligen pädagogischen Prinzipien geprägt sein müssen).

Wir nutzen diese Freiheit, unter Beachtung der staatlichen Lehrziele, um mit unseren eigenen, vom Bekenntnis geprägten Methoden und Unterrichtsinhalten Schule zu gestalten.

Doch welches „christliche Bekenntnis“ genau ist hier gemeint? Eines, das queere Menschen in der Hölle sieht, wenn sie entsprechend ihrer sexuellen Orientierung und Identität leben wollen, oder eines, das queere Menschen als Teil der Vielfalt unserer Menschheit mit gleicher Würde und gleichen Rechten ansieht?

Und welche christliche Glaubensrichtung vertritt das Sozialwerk Bremen bzw. dessen Gründungsgemeinde hoop?

Darum soll es in Teil 2 gehen.


TEIL 2: Gründungsgemeinde des Sozialwerks der Freien Christlichen Gemeinde Bremen: Die heutige hoop Kirche

Lange Historie und der „Mähdrescher Gottes“ zu Gast in Bremen

Wie bereits in Teil 1 dargestellt, ist das Sozialwerk Bremen aus der Freien Christengemeinde Bremen hervorgegangen, die seit 2017 unter dem Namen hoop Kirche auftritt. Die enge Verbundenheit besteht weiterhin.

Die Freikirche hoop blickt auf eine lange Geschichte zurück.

Gegründet wurde sie 1932 unter dem Namen „Christengemeinde Elim“. Später benannte sie sich in Freie Christengemeinde Bremen um und 2017 in hoop Kirche.

Auch im Verlauf ihrer jüngeren Geschichte traten immer wieder auch international bekannte – und umstrittene – Evangelikale in der hoop als Gastprediger auf.

Darunter auch der Missionar Reinhard Bonnke, der aufgrund seines Predigtstils in Massenevangelisationen auch als „Mähdrescher Gottes“ bezeichnet wurde. Bonnke leitete bis zu seinem Tod das Missionswerk Christus für alle Nationen (CfaN), das international, vorwiegend auf dem afrikanischen Kontinent aber auch in Deutschland, aktiv ist.

Im Mai 2008 war Bonnke – offenbar nach Einladung des Pastors Andreas Sommer, der auch heute noch in der hoop tätig ist – in der Christengemeinde zu Gast. Auf der Webseite von CfaN findet diese Veranstaltung weiterhin Erwähnung.

Die Journalist*innen Oda Lambrecht und Christian Baars beschreiben in ihrem Buch „Mission Gottesreich“ diesen Auftritt ausführlich. Demnach schrie Bonnke bei seinem Auftritt von der Bühne:

Tumore weicht in Jesu Namen! Krebs verschwinde in Jesu Namen! HIV-positiv werde HIV-negativ! In Jesu Namen! (…) Alle Infektionen, Neurosen, ich breche die Kette aller Depressionen, in Jesu Namen! Die Freude am Herrn wird deine Stärke sein und deine Medizin sein.

Auch Bonnkes Nachfolger bei CfaN, Daniel Kolenda, war laut Predigtarchiv bereits als Gastprediger in der hoop.

Außen bunt, innen erzkonservativ

Heutzutage wirkt die hoop – jedenfalls in ihrem Außenauftritt – deutlich anschlussfähiger, als es der damalige Auftritt von Reinhard Bonnke vermuten lässt: Prediger*innen in Jeans, lockere Sprache, viel Lobpreismusik, moderne Bildsprache und herzliches Auftreten. Dies war auch im bereits erwähnten ZDF-Fernsehgottesdienst aus der hoop sichtbar.

Bei näherem Blick in die Predigtarchive der hoop wird jedoch deutlich, dass weiterhin theologisch sehr konservative bis christlich-fundamentalistische Positionen vertreten werden. Dort auffindbare Predigtreihen und Titel wie „Bis zum Ende: Treu bleiben in der Endzeit“, „Teuflisches Verhalten“ oder „An Jesus glauben = mit Christus herrschen“ illustriere diese Ausrichtung.

Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass die hoop im Außenauftritt offenbar um ein möglichst anschlussfähiges Auftreten bemüht ist. Klassische Konfliktthemen inner- und außerhalb evangelikaler Diskurse erscheinen eher indirekt – eingebettet in Formate wie „Love is in the Air – Gottes guter Plan für deine Sexualität“ oder (schon erheblich deutlicher) „Freiheit von Porno“.

Bei inhaltlicher Auseinandersetzung mit diesen Formaten wird schnell deutlich, dass nach deren Inhalten Sexualität ausschließlich in einer Ehe zwischen „einem Mann und einer Frau“ gelebt werden soll. Eine Beantwortung der theologischen Einordnung von Homo- und Transsexualität scheint damit ebenfalls – jedenfalls für den Außenauftritt – ausreichend zum Ausdruck gebracht. Eine Predigt aus dem Jahr 2013 mit dem Titel „Gute Frage: Hat Gott ein Problem mit Homosexualität?“ ist im Predigtarchiv heute nicht mehr abrufbar.

Noch deutlicher scheint das Bild zu den religiösen Weltanschauungen der hoop zu werden, wenn man betrachtet, welche Inhalte sich hinter dem von der hoop angebotenen Befreiungsdienst „SOZObefinden.

Befreiungsdienst SOZO: „Befreiung von der Sünde der Homosexualität“ und „dämonischen Belastungen“?

Der Befreiungsdienst Bethel SOZO stammt aus der im kalifornischen Redding ansässigen und weltweit agierenden Megakirche Bethel Church. Der Begriff „SOZO“ stammt aus dem Altgriechischen und wird von Bethel SOZO selbst mit „retten, freisetzen, heilen, ganz sein“ übersetzt.

Die Bethel Church vertritt einen besonders ausgeprägten Glauben an übernatürliche Kräfte, Wunderheilungen und den Einfluss dämonischer Mächte.

Die (wohl auch bei deutschen Schüler*innen beliebte) Bethel-Jüngerschaftsschule trägt dafür den passenden Namen: Bethel School of Supernatural Ministries (kurz: BSSM). Gelegentlich wird die BSSM auch scherzhaft als „christliches Hogwarts“ bezeichnet. In Deutschland existiert mit der von ehemaligen BSSM-Schüler*innen gegründeten „Schule der Erweckung“ in Füssen eine „Quasi-Außenstelle“ in Deutschland.

Der internationale Befreiungsdienst Bethel SOZO wird durch die auch für die Bethel Church tätige Dawna De Silva verantwortet. In Deutschland wird das Angebot unter anderem über den Verein Bethel SOZO Deutschland e.V. verbreitet, vor allem auch durch Schulungen für Gemeindemitarbeitende, die den Dienst erlernen und in ihren Gemeinden schließlich selbst anbieten wollen.

Laut Webseite von Bethel SOZO Deutschland gibt es bundesweit rund 50 Standorte, an denen Bethel SOZO angeboten wird.

Recherchen von FundiWatch zeigen, dass der Dienst noch von deutlich mehr Gemeinden angeboten und sogar Eingang in die „christliche“ Soziale Arbeit gefunden hat. Zudem bietet Bethel SOZO auch eine „Fortgeschrittenen-Version“ („SOZO Shabar“) an, die auch bei schweren psychischen Diagnosen wie der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) Anwendung finden soll.

Auf der Webseite von Dawna De Silva wird Bethel SOZO unter anderem als Dienst beschrieben, der auch zur Befreiung von der „Sünde der Homosexualität“ beitragen könne. Dazu wird dort das „Werkzeug“ der „Vier Türen“ erläutert. Demnach stammen sämtliche Sünden aus den vier Bereichen Angst, Hass, sexuellen Sünden sowie Okkultismus & Hexerei, wofür sinnbildlich die vier Türen stehen sollen.

Hinter der „Tür der sexuellen Sünden“ stehen nach dortiger Beschreibung die „Sünden“ der Homosexualität ebenso wie Ehebruch, Pornographie, Unzucht, Lüsternheit, Belästigung, Vergewaltigung und Phantasien.

In einer SOZO-Sitzung – vor deren Beginn den Anbietern von SOZO die Einholung eines Haftungsausschlusses empfohlen wird – soll demnach gefragt werden, ob die das SOZO empfangende Person eine der vier Türen geöffnet hat und mit welchen der sich dahinter verbergenden Sünden sie in Berührung gekommen ist.

Daran anschließend empfiehlt De Silva den SOZO-Empfänger*innen folgendes Gebet:

Jesus, I ask You to forgive me for opening this door to… (fear, hatred, sexual sin, or the occult). I repent for partnering with this sin of… (worry, stress, jealousy, or control). I renounce this sin’s hold over my life and ask You, Lord, to cleanse me with Your righteousness blood [sic!]. Close this door, Jesus, and seal it shut. In Jesus’s Mighty Name, amen.

Nach Angaben De Silvas solle es darüber hinaus hilfreich sein, sich selber im Leben einige Grenzen zu setzen, also beispielsweise bestimmte Filme zu vermeiden, digitale Filter zu nutzen – oder auch den eigenen Freundeskreis zu verändern.

Wie sich die SOZO-Glaubensvorstellungen mit antifeministischen Ideologien vermengen, wird unter anderem in einem Blog-Beitrag von De Silva unter dem Titel „Identifying the Jezebel and Delilah Spirits“ deutlich:

Dort berichtet De Silva von Frauen, die die „die gesalbten Gottes“ zu sexuellen Handlungen verführten. Als Ursache stellte De Silva dann eine Beeinflussung durch den „Jezebel-Dämon“ fest. Damit referenziert sie offenbar auf biblische Erzählungen vor allem im neuen Testament (Offenbarung 2,20), nach denen die Prophetin Jezebel (in Deutsch: Isebel) Christen zu „Unzucht“ verführte und dazu brachte, Götzenopfer zu essen.

„Sieben Berge“ und „Die größte Bedrohung für unsere Demokratie, von der Sie noch nie gehört haben“…

Die Bethel Church, auf deren Angebote sich die hoop dem Angebot des Befreiungsdienst SOZO zumindest teilweise bezieht, wird in verschiedenen Analysen nicht nur mit als unseriös bis hin zu gesundheitsgefährdenden Praktiken sogenannter „Befreiungs-“ und „Heilungsdienste“ in Verbindung gesehen.

In wissenschaftlichen und medienjournalistischen Analysen wird Bethel zudem immer wieder als prägender Akteur bei der Verbreitung einer christlichen Herrschaftstheologie gesehen, die häufig unter dem Begriff „christlicher Dominionismus“ bzw. „dominion theology“ eingeordnet wird. Dieser liegt die Vorstellung zu Grunde, Christ*innen seien berufen, mit ihren Glaubensvorstellungen sämtliche Gesellschaftsbereiche zu beeinflussen, um sie zu transformieren und schließlich mit „christlichen Werten“ zu dominieren oder gar zu beherrschen.

Was bei der Bethel Church unter „christlichen Werten“ verstanden wird, lässt sich unter anderem an Aussagen des langjährigen Bethel-Leiters Bill Johnson erkennen: Seine damalige Wahlentscheidung für Donald Trump begründete Johnson damit, er sei gegen Abtreibung, offene Grenzen, das Wohlfahrtssystem, gleichgeschlechtliche Hochzeiten, Sozialismus, political correctness und Globalisierung, weil dies alles seiner Auffassung nach Gottes Willen widerspreche.

Zudem gilt Johnson als strikter Gegner gegen die Restriktion sog. „Konversionstherapien“ (also Behandlungen zur Unterdrückung oder Veränderung der sexuellen Orientierung oder Identität) und vertritt die Auffassung, Homosexualität sei eine Sünde und eine „Vergewaltigung des menschlichen Designs“ („violation of design“).

Im Sommer 2024 trat Johnson mit Unterstützung von etwa 80 christlichen Organisationen aus Deutschland auf der Glaubenskonferenz UNUM24 vor tausenden Gläubigen im Münchener Olympiastadion auf, was zu Diskussionen und Kritik führte (nähere Infos und Quellen im Linktree des Protestbündnisses #NoUNUM24).

Über die Organisation Awakening Europe unter Leitung des Predigers Ben Fitzgerald – der ebenfalls bereits als Gastprediger in der hoop auftrat – ist Bethel seit einigen Jahren auch zunehmend in Deutschland und Europa präsent.

Die Bethel Church wird in verschiedenen medienjournalistischen und wissenschaftlichen Beiträgen als einer der zentralen Akteure einer christlichen Bewegung gesehen, die in den USA vor allem unter der Bezeichnung „New Apostolic Reformation“ (kurz: NAR) diskutiert wird.

Deren Anhänger*innen beziehen sich unter anderem auf eine vermeintliche göttliche Vision, die bereits in den 70er Jahren den Evangelisten Loren Cunninghan (Youth with a Mission, in Deutschland als Jugend mit einer Mission bekannt), Bill Bright (Campus Crusade for Christ, heute Cru und in Deutschland als Campus für Christus bekannt) sowie Francis Schaeffer offenbart worden sein soll: Das sogenannte „Seven Mountain Mandate“.

Nach dieser Vorstellung sollen Christ*innen berufen sein, im Kampf gegen in der Welt real existierende böse und dämonische Mächte alle sieben Gesellschaftsbereiche (also Religion, Familie, Bildung, Medien, Kunst und Unterhaltung, Wirtschaft und Regierung) durch „geistliche Kriegsführung“ („spiritual warfare“) sowie aktive Einflussnahme zu transformieren und unter die Herrschaft des christlichen Glaubens zu bringen. So soll sukzessive das „Reich Gottes“ auf Erden ausgebreitet und die Wiederkehr Jesu vorbereitet werden.

Besondere Verbreitung erfuhr diese Ideologie, als Bill Johnson gemeinsam mit Lance Wallnau (der bei den letzten US-Wahlen den Wahlkampf von J.D. Vance unterstützte) im Jahr 2013 das Buch „Invading Babylon: The 7 Mountain Mandate veröffentlichte.

Die mit der Verbreitung dieser Ideologien einhergehenden gesamtgesellschaftlichen Gefahren, fanden – mit wenigen Ausnahmen – lange Zeit keine Beachtung. Jedenfalls in den USA änderte sich dies in den letzten Jahren zunehmend. Heute sieht das Southern Poverty Law Center die New Apostolic Reformation als „größte Bedrohung für die US-Demokratie, von der man noch nie gehört hat“.

Für den deutschsprachigen Raum liegen systematische Untersuchungen erst vereinzelt vor. Grundlagenarbeit leistete insoweit die Vikarin Dr. Maria Hinsenkamp, die in ihrer frei abrufbaren Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ für diese Glaubensrichtung den Begriff „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: „KiNC“) etablierte und deren bereits vorhandene Ausbreitung auch in Deutschland und Europa dokumentiert.

Christliche Dominionismus-Strömungen zu Gast in der hoop Kirche?

Vor dem zuvor beschriebenen Hintergrund scheint die Auswahl der Gastsprecher*innen beim von der hoop im vergangenen Sommer veranstalteten Evangelisationsevent „Visio Dei“ bemerkenswert. Denn als einer der Hauptgäste trat der Evangelist Glyn Barrett auf.

Barrett stammt ursprünglich aus dem Umfeld der bereits in mehrere Skandale verwickelten und umstrittenen Hillsong Church. Mit !Audacious gründete Barrett in den vergangenen Jahren eine Megakirche in Manchester.

Insbesondere die Seite „NAR Connections“ weist auf die vielfältigen Verbindungen Barretts mit der NAR hin. Besondere Erwähnung findet dabei auch Barretts Funktion in der Leitung des globalen Netzwerks Empowered21, auf die auch in der Programmankündigung der hoop für das Event „Visio Die“ hingewiesen wurde.

Hinsenkamp beschreibt Empowered21 gemeinsam mit der mit ihr verbundenen Global Evangelicalist Alliance (GEA) als größte internationale Netzwerke der Kingdom-minded Network Christianity (KiNC), welche das „Who’s Who der prominenten internationalen KiNC-Persönlichkeiten unter ihrem Dach vereinen“ [Hinsenkamp, aaO. S. 412].

Im Leitungsgremium von Empowered21, dem „Global Council“, finden sich unter anderem auch Bill Johnson und zahlreiche weitere führende Persönlichkeiten, die immer wieder im Kontext der NAR bzw. KiNC genannt werden. Auch aus Deutschland sind einzelne Personen dort vertreten, wie etwa Peter Wenz, Leiter des Gospel Forums in Stuttgart, oder Jürgen Bühler, Gründungsmitglied des christlich-zionistischen Dachverbands „Christliches Forum für Israel“ und Direktor der International Christian Embassy Jerusalem (ICEJ).

Auch im Leitungsgremium der Global Evangelicalist Alliance (GEA) tauchen wiederum bekannte Namen aus dem Umfeld der KiNC bzw. NAR auf – darunter auch Daniel Kolenda(Christus für alle Nationen) und Ben Fitzgerald (Bethel Church / Awakening Europe).

Auf der Webseite von Empowered21 führt der Menüpunkt „Termine“ direkt auf die Webseite der Awakening Church – eine Gemeinde in Eimeldingen, die zuvor als G5-Gemeinde bekannt war und im Jahr 2023 laut Medienberichten im Streit von Fitzgerald übernommen wurde (nunmehr Awakening Church).

Auf der Webseite von Empowered21 findet sich unter den Zielen des Netzwerks unter anderem folgender Satz:

FORM AND SERVE A GLOBAL NETWORK FOR NEXT GENERATION LEADERS

who are empowering future generations in every segment of society including church, family, government, business, education, arts/entertainment, sports and media.

Die Referenz auf das „Seven Mountains Mandate“ ist insoweit kaum zu übersehen.

Bei dem Evangelisationsevent „Visio Dei“ angebotene Workshops unter Titeln wie „Einfluss nehmen in der Welt: Wie lebe ich meine Berufung?“ könnten vor diesem Hintergrund weiteren Anlass geben, die ideologische Ausrichtung der hoop näher zu beleuchten.


FAZIT: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht!

Der Fall der fast erfolgten Übernahme einer Kita durch das Sozialwerk Bremen zeigt angesichts der hier beschrieben Netzwerke, ideologischen Bezüge und der dokumentierten Kontroversen in der Vergangenheit sehr deutlich: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht!

Auch in Zeiten angespannter Haushaltskassen darf Soziale Arbeit nicht denjenigen überlassen werden, deren Ideologien und Ziele mit demokratischem Pluralismus und Menschenrechten kollidieren und deren Arbeitsweisen berufsethischen und wissenschaftlichen Standards professioneller Sozialer Arbeit widersprechen. Dass es hierzu bisher kaum Bereitschaft oder zumindest zu wenig Problembewusstsein gibt, zeigen Recherchen von FundiWatch immer wieder (vgl. hierzu u.a. auch hier und hier).

Die Frage, inwieweit die Einbindung des Sozialwerks Bremen in die aufgezeigten Netzwerke tatsächlich Einfluss auf deren konkrete Arbeit vor Ort hat, kann bisher nicht abschließend beantwortet werden. Die dargestellten Verbindungen sollten jedoch Anlass bieten, dieser Frage weiter nachzugehen. Dazu sollte sich nicht nur die Hansestadt Bremen, sondern auch der Paritätische Wohlfahrtsverband veranlasst sehen, bei dem das Sozialwerk Bremen Mitglied ist.

Im Übrigen bleibt zu hoffen, dass sich die Hansestadt Bremen bei den nun anstehenden Ausschreibungen zur Schließung der von Petri & Eichen hinterlassenen Lücken in der Kinder- und Jugendarbeit ihrer Verantwortung für Qualität und Seriosität neuer Anbieter bewusst bleibt.

Soziale Arbeit darf weder zum „Missionierungsinstrument“ christlich-fundamentalistischer noch sonstiger extremistischer Akteur*innen werden.


„Jesus“ marschiert durch Berlin und missioniert im Estrel Congress Center…

Die christlich-fundamentalistische „Miracle Centre Church“ verspricht „eine Woche der Zeichen, Wunder & Heilungen“

Wer vergangenes Wochenende in Berlin City unterwegs war, hat sich vielleicht über die vielen jubelnden „Jesus-Fans“ gewundert. Viele mögen irritiert gewesen sein – einige sicherlich aber auch interessiert an der großen Begeisterung der jubelnden Menschen.

Und das war erst der Anfang: Denn diese Woche findet – wie schon im Vorjahr – erneut das Missionsevent „Mission Berlin“ im Estrel Convention Center statt.

Hinter der Veranstaltung steht der deutsche Ableger der ugandischen Mega Church „Miracle Centre Cathedral“ („Robert Kayanja Ministries“) aus Kampala. Deren Leiter, Robert Kayanja, reiste mit seiner Ehefrau Jessica zu dem Event extra aus Uganda nach Berlin an. Und wurde von seinen Fans am Flughafen frenetisch bejubelt.

Die von den Veranstaltern angekündigte Woche von „Zeichen, Wundern & Heilungen“ steht Berlin indes wohl nicht bevor. Stattdessen ist gewiss, dass wieder einmal nach Orientierung und Hilfe suchende Menschen mit Unterstützung christlicher Gruppen auch aus Deutschland manipuliert und missbraucht werden.

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Die „Miracle Centre Cathedral“ & deren schwer reicher Leiter Robert Kayanja

Die „Miracle Centre Cathedral“ ist eine der mittlerweile größten pfingstlerischen Megachurches in Uganda. Gründer Robert Kayanja ist zugleich Gründer einer der größten christlichen Fernsehsender Ugandas, Channel 44 Television.

MCC verbreitet ein sog. „Wohlstandsevangelium“ – also den extremen Glauben, dass sich Reichtum und Gesundheit bzw. Heilung durch den „richtigen“ Glauben erreichen lassen. Regelmäßig berichtet das MCC von Wunderheilungen. Krebs, Aids, Depressionen: alles kann geheilt werden, wenn man nur „richtig“ glaubt…

Doch das ist gefährlich: Die vermeintlich öffentlich auf großen Bühnen – insbesondere im freikirchlich-evangelikalen Umfeld – inszenierten Wunder lassen sich (natürlich) nie beweisen. Durchaus aber, dass diese sich teils als bewusst inszeniert oder gar gefälscht (Link hinter PW) herausstellen, teils nur auf vorübergehende Erleichterung aufgrund regelmäßig bei solchen Events hergestellten ekstatischen Atmosphären zurückzuführen sind. Und nicht selten werden Menschen durch entsprechende Lehren sogar davon abgehalten, wirkliche professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zudem wird denjenigen, bei denen sich der vermeintlich so einfach erreichbare Erfolg nicht einstellt, häufig unterstellt, nicht „richtig“ oder „genug“ zu glauben. Nicht selten werden auch vermeintlich „dämonische Belastungen“ oder „Sünden“ als Ursache ausgemacht. Was schwere psychische und körperliche Folgen bei Menschen hinterlassen kann.

Für Robert Kayanja’s persönlichen Reichtum hat sich die Verbreitung eines Wohlstandsevangeliums hingegen offenbar gelohnt: Laut Le Monde diplomatique pflegt er einen luxuriösen „Superstar“-Lebensstil: Das 2004 von Präsident Museveni eingeweihte Kirchengbäude in einem Armenviertel in Kampala kostete demnach 11 Millionen Dollar. Kayanja sei fast ohne Arbeit reich geworden, fliege erstklassig, habe Bodyguards aus der ugandischen Armee, besitze mehrere Luxusautos und eine Villa im Beverley-Hills-Stil am Viktoriasee. Er hält gute Kontakte zur ugandischen Regierung.

God loves Uganda“ – oder die Einflussnahme evangelikaler Christ*innen zur Verbreitung ihrer menschenfeindlichen Ideologien

Dass die finanzielle Unterstützung – neben Spenden von Gemeindemitgliedern – vor allem aus den USA stammt, räumt Kayanja offen ein. In der Dokumentation „God loves Uganda“, in der es um den Einfluss amerikanischer evangelikaler Christen auf ugandische Politik und Gesellschaft – vor allem im Kontext von LGBTIQ+-Rechten – geht, äußert er sich offen:

American money helped us build this church, […] whatever you see here is the fruit of American labor. [Übersetzung d. Verf.: Amerikanisches Geld hat uns geholfen, diese Kirche zu bauen. Was Sie hier sehen, sind Früchte amerikanischer Arbeit.]

Zwar sind öffentlich keine Positionierungen von Kayanja zu dem (mit Unterstützung insbesondere US-evangelikaler Gruppen) von pfingstlerischen Kirchen energisch unterstützten ugandischen „Anti-Homosexuality-Act“ – einem der weltweit schärfsten Anti-LGBTIQ+-Gesetze der Welt – bekannt. Er selbst wurde wegen Missbrauchsvorwürfen wegen „Sodomie“ mehrfach angeklagt, was sich jedoch bisher offenbar auf „Verleumdungen“ konkurrierender Pastoren zurückführen ließ, die neidisch auf seinen Erfolg gewesen sein sollen.

Dass Kayanja jedoch durchaus mit queerfeindlichen „Größen“ u.a. der US-Evangelikalen Szene zusammenarbeitet, lässt sich gut belegen. Zum Beispiel im Hinblick auf seine große Bewunderung für den US-TV-Evangelisten Benny Hinn: Hinn verkündete 1990 unter Applaus, wie Gott ihm offenbart habe, dass Gott Mitte der 90er Jahre alle Homosexuellen in Amerika „mit Feuer“ zerstören werde. In Kürze wird Hinn zum wiederholten Male in der MCC zu Gast sein. Erst vor einigen Tagen traf Kayanja den ebenfalls queerfeindlichen US-Evangelisten Joel Osteen. Und so weiter…

Der deutsche Ableger: Die „Miracle Centre Church“ in Berlin ruft zur Missionierung von Berlin auf…

Der deutsche Ableger der MCC, die internationale „Miracle Centre Church Berlin„, existiert erst seit 2023. Leiter der Kirche ist Jimmy Ntale (ebenfalls gebürtig aus Kampala), der sich als „geistlicher Sohn des weltbekannten Pastors Robert Kayanja“ bezeichnet. Nach eigenen Angaben ist er zugleich Präsident und Geschäftsführer der in Uganda aktiven „Ntale Hilfsorganisation International e.V.“.

Das von der MCC Berlin veranstaltete Missionsevent „Mission Berlin„, dessen Auftakt ein „Jesus- Marsch“ durch die Innenstadt war, wird auf der eigens eingerichteten Webseite wie folgt beschrieben:

Mission Berlin ist eine kraftvolle, vom Heiligen Geist geleitete Bewegung, die sich der Rettung verlorener Seelen in der Stadt Berlin widmet. Durch die Gnade Jesu und die Kraft des Heiligen Geistes veranstalten wir Konferenzen und Einsätze, die darauf abzielen, depressive Menschen, Jugendliche und Menschen, die Heilung brauchen, zu erreichen. Diese Bewegung, die durch die Zusammenarbeit mehrerer Kirchen ermöglicht wird, bringt Heilung, treibt Dämonen aus und gibt denjenigen, die sich abmühen, wieder Hoffnung – alles im Namen Jesu.

Und:

Mission Berlin ist eine Bewegung, die aus der Sehnsucht entstanden ist, in ganz Deutschland Erweckung zu erleben. Unser Herz schlägt für die Errettung und Befreiung verlorener Seelen und die Wiederherstellung der ersten Liebe zu unserem Erlöser Jesus Christus.

Zu „Mission Berlin“ wurden Robert Kayanja und seine Ehefrau Jessica extra nach Berlin eingeflogen. Und begeistert von der Kirchengemeinde am Flughafen empfangen. Das große „Highlight“ der Missionsveranstaltung findet am kommenden Samstag im ECC statt: Ein Frühstückstreffen mit Pastor Robert Kayanja

Man muss es mit aller Deutlichkeit benennen: Bei „Mission Berlin“ handelt es sich wieder einmal um ein christlich-fundamentalistisches Event, bei dem nach Hilfe, Gesundheit und / oder Orientierung suchende Menschen missbraucht werden. Um sie mit vorgespielter Herzlichkeit durch vorgelogene „Heilungswunder“ für christlich-fundamentalistische und menschenfeindliche Ideologien zu gewinnen – und wohl auch, um an ihr Geld zu kommen…

Unterstützung von deutschen christlichen Gemeinden – und dem größten Hotel Deutschlands

Auch aus der Szene der deutschen Evangelikalen wird „Mission Berlin“ unterstützt. Die Arbeitsgruppe der Evangelischen Allianz Berlin „GottinBerlin“ bewirbt die Veranstaltung auf ihren Seiten. Die Evangelische Allianz Berlin gehört der Evangelischen Allianz Deutschlands (EAD) an, dem größten deutschen Dachverband der Evangelikalen in Deutschland mit eigener Hauptstadtrepräsentanz in Berlin.

Ebenso mit dabei sind die Prediger Sigrid und Martin Baron vom „Gottes-Haus“. Auf ihrer Webseite vertreiben sie Bücher mit dem Titel „Wie Satan das System dieser Welt regiert“ oder „Der Obrigkeit untertan? Über die Grenzen christlichen Gehorsams. Zudem verbreiten die Barons Verschwörungsideologien u.a. zur Corona-Pandemie und sind mit den „Christen im Widerstand“ verbunden (mehr zu den „Christen im Widerstand“ hier).

Und natürlich darf auch eine Band aus der christlich-evangelikalen Lobpreisszene nicht fehlen. Denn der Lobpreisband-Szene kommt offensichtlich eine ganz besondere „Brückenbauer-Funktion“ hinein in die christlich-fundamentalistische Szene zu. Gerne gibt man sich harmlos, vielleicht ein wenig „speziell“. Bei genauerer Betrachtung ihres Umfelds erkennt man dann jedoch eine regelmäßig eindeutige Verortung, wie jüngst auch die Aktivitäten der Lobpreisband O’Bros und der Besuch einer ihrer Mitglieder bei der rechtslibertären Konferenz der „Alliance for responsible Citizenship“ (ARC) rund um Jordan B. Peterson zeigte. Bei „Mission Berlin“ tritt nun die erfolgreiche christliche Lobpreis-Band „Alive Worship“ aus der Karlsruher „Alive Church“ auf. Vergangenes Jahr hatte sie erst ihren Auftritt auf der umstrittenen UNUM24-Konferenz unter Teilnahme des Trump-Unterstützers und homofeindlichen Predigers Bill Johnson aus der Bethel Church. In ein paar Wochen tritt „Alive Worship“ dann beim vermeintlich liberaleren „Spirit Kongress“ auf – mit Theolog*innen wie der Präses der EKD-Synode Anna-Nicole Heinrich oder dem Worthaus-Theologen Thorsten Dietz. Die Abgrenzung zu christlich-fundamentalistischen Gruppen, sie existiert kaum…

Doch auch der Wirtschaft, in diesem Fall dem Estrel Congress Center Berlin (ECC) – dem größten und umsatzstärksten Hotel Deutschlands – scheint egal zu sein, mit wem sie zusammenarbeitet. So darf mit „Mission Berlin“ nun bereits zum zweiten Mal im ECC die „Pseudo-Wunder-Heilungs-Show“ christlicher Fundamentalist*innen stattfinden. Gerade erst berichteten wir, wie das deutsche Baugewerbe sich auf Kooperationen mit christlichen Fundamentalist*innen einlässt. Auch in der Wirtschaft scheint Rückgrat für ein Einstehen zu den Werten unserer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft kaum vorhanden – oder zumindest jegliche Bereitschaft, sich zu informieren, mit wem man zusammenarbeitet, bisher zu fehlen…

Wer wissentlich und willentlich mit christlichen Fundamentalist*innen zusammenarbeitet, macht sich zu deren Komplizen…

Sonja Angelika Strube hat in ihrem Buch „Rechte Versuchung – Bekenntnisfall für das Christentum“ viel bemerkenswert Gutes geschrieben. Ein Zitat – das ebenso für extreme Rechte wie für häufig diesen nahestehende christliche Fundamentalist*innen herangezogen werden kann – sei hier abschließend noch wiedergegeben (ebd., Seite 70):

Wer sich wissentlich und willentlich mit rechten falschen Freunden vernetzt und mit ihnen kooperiert, wer Medien der Extremen Rechten Interviews gibt, als Autor:in für sie schreibt, ihre Demonstrationen besucht oder mit ihnen Demonstrationen oder Kongresse organisiert, macht sich – egal, wie gläubig er ansonsten ist – zum politischen Komplizen und muss sich diese Tat von anderen auch zurechnen lassen. Er macht sich durch sein Tun letztlich selbst zu einem Werbeträger der Rechten und Brückenbauer zwischen politischer Rechter und christlichen Milieus.

Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit

Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit

An dieser Stelle veröffentlichen wir unsere Handreichung zur Sensibilisierung gegenüber christlich-fundamentalistischen Aktivitäten in der Sozialen Arbeit. In der durch die Freie und Hansestadt Hamburg geförderten Broschüre werden Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke des christlichen Fundamentalismus in Deutschland analysiert.

Die Broschüre umfasst die folgenden Abschnitte:

  • Begriffsdefinition Christlicher Fundamentalismus
  • Spannungsfelder mit der professionellen Sozialen Arbeit
  • Vorgehensweisen christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen
  • Beispiele christlich-fundamentalistischer Projekte
  • Recherchetipps für die Praxis

Im Anhang werden zudem Anlauf- und Beratungsstellen sowie Hilfsangebote aufgeführt. Die Broschüre kann hier frei heruntergeladen werden.

Hier kann die zur Veröffentlichung der Broschüre am 22.07.2025 herausgegebene Pressemitteilung aberufen werden.

Weiterlesen:

Das heterogene Spektrum des christlichen Fundamentalismus umfasst ein weitverzweigtes Netz unterschiedlicher Gemeinschaften, Gemeinden und Gruppierungen bis hin zu NGOs mit dezidiert christlicher Ausrichtung. Gleichwohl ist die Problematik des christlichen Fundamentalismus in der Radikalisierungs- und Extremismusforschung sowie in der zivilgesellschaftlichen und medialen Debatte bislang unterrepräsentiert.

Zeitgleich dringen christlich-fundamentalistische Akteurskonstellationen mehr und mehr (auch) auf Gebiete der Sozialen Arbeit und in Wohlfahrtsverbände vor. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen religiöser Zielsetzung und den Bedürfnissen von Klient*innen. Zunehmend verwischt die Grenze zwischen ergebnisoffener, klient*innenzentrierter Sozialer Arbeit und Mission, Glaube und „Rettung“. In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft entstehen dadurch Konflikte über Fragen reproduktiver, sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit und Minderheitenschutz.

Vor diesem Hintergrund zeigt die vorliegende Broschüre anhand mehrerer Beispiele – vorwiegend, aber nicht nur aus dem Raum Hamburg und Schleswig-Holstein – typische Strategien christlich-fundamentalistischer Gruppierungen auf. Sie benennt Handlungsfelder, Binnenthemen und Vorgehensweisen.

Auch wenn die Beispiele regional gewählt wurden, müssen sie im Kontext globaler christlich-fundamentalistischer Aktivitäten verstanden werden, deren regionale Ableger im diskursiven Austausch mit den übrigen Akteur*innen stehen und die, etwa durch Missionsprojekte, auch einen personellen Austausch organisieren.

Die Broschüre ist ein Appell für mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen.

Wir hoffen, mit dieser Broschüre eine Ressource für politische, zivilgesellschaftliche und behördliche Verantwortliche und Interessierte vorzulegen sowie einen – in unseren Augen überfälligen – Debattenbeitrag in der Auseinandersetzung mit erstarkendem christlichen Fundamentalismus.

In Kürze werden wir hier auch noch einen Termin zur Online-Vorstellung der Broschüre mitteilen. Weitere Infos folgen!

Gerne stellen wir unsere Rechercheergebnisse auch im Rahmen individueller Vorträge, Workshops o.ä. vor. Basierend auf unseren eigenen Rechercheerfahrungen geben wir dabei gerne auch Recherchetipps für die Praxis, die das Erkennen problematischer christlich-fundamentalistischer Ausrichtungen von Akteur*innen erleichtern sollen. Anfragen hierzu sowie Konditionen im Einzelfall können ebenfalls an vorgenannte E-Mailadresse gerichtet werden.

Antwort auf unseren Offenen Brief von Regionalbischof Thomas Prieto Peral zur Veranstaltung von „Miteinander für Europa“

Auf unseren Offenen Brief an Kardinal Marx und Regionalbischof Peral haben wir bereits eine Antwort erhalten, die wir an dieser Stelle veröffentlichen möchten:

Wir freuen uns über die schnelle Reaktion von Bischof Peral und seine Zusage, unsere Kundgebung morgen ab 21. 15 Uhr am Sendlinger Tor (bitte kommt vorbei!) zu besuchen, um ins Gespräch zu kommen.

Wir möchten das Wochenende und die morgige Veranstaltung abwarten, bevor wir uns zu dem Antwortschreiben (vielleicht gibt es ja auch noch eine Reaktion von Kardinal Marx?) noch ausführlicher äußern.

Einige Punkte meinen wir aber bereits jetzt kommentieren zu müssen – gerade auch im Hinblick auf den diese Woche stattfinden CSD München unter dem Motto „Liberté, Diversité, Queerité“:

Weiterlesen:
„Suchet der Stadt Bestes“: CSD und Queerness kein Thema?

Zunächst sind wir sehr irritiert, wenn die Teilnahme an einer Veranstaltung parallel zum CSD unter dem Titel „Suchet der Stadt Bestes“ mit unstrittig problematischen Akteur*innen u.a. damit gerechtfertigt wird, der CSD oder „Fragen zu Queerness“ spielten dort ja keine Rolle.

Bei einer Veranstaltung unter dem Titel „Suchet der Stadt Bestes“ ist bereits das ein Problem. Denn München ist bunt, München ist queer und wir wollen, dass das so bleibt!

Noch problematischer wird dies, wenn man einen Blick in die Workshops der Veranstaltung wirft:

Im Forum 5 zum Thema „Ehe und Familie“ treten zahlreiche queerfeindliche Organisationen auf, die ein ausschließlich binäres Geschlechterverständnis vertreten. Darunter auch die Offensive Junger Christen (OJC), die mit ihrem pseudowissenschaftlichen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) immer wieder mit queerfeindlichen Positionen und als Unterstützer von Konversionsbehandlungen auffiel.

Für „Miteinander für Europa“ spielt das Thema „Queerness“ auch im Kontext mit einem Workshop im Forum 7 zu „Sozialen Initiativen in der Stadt“ keinerlei Rolle. Stattdessen stellt die Besetzung des Workshops ein sehr anschauliches Beispiel über das Vordringen christlich-fundamentalistischer Akteur*innen in den Bereich der Sozialen Arbeit dar: ebenfalls die OJC, die Vineyard Chemnitz, die den für die „Befreiung von der sexuellen Sünde der Homosexualität“ einzusetzende „BethelSOZO Dienst“ anbietet usw…

Beim Workshop im Forum 1 „Gebet für die Stadt“ tritt Johanna Planeth, Leiterin des Gebetshaus München – in dem sie bereits Kleinkinder in „geistlicher Kriegsführung“ unterrichtet – und Leiterin des Kindergottesdienst in St. Matthäus auf. Planeth ist 2. Vorsitzende des hier schon mehrfach erwähnten Vereins Mission Freedom e.V., dessen Vorsitzende Gaby Wentland außerehelichen Geschlechtsverkehr als „erste große Sünde vor Gott“ und Homosexualität als ein „Greuel“ ansieht – der sich aber dennoch mit staatlicher Erlaubnis um schwerst traumatisierte missbrauchte Minderjährige in seiner Einrichtung „Haus SeeNest“ kümmern darf…

Wir wünschen uns weiterhin Antworten…

Zudem haben wir in unserem offenen Brief einige konkrete Fragen formuliert, die wir bisher nicht beantwortet sehen, z.B.:

  • Wie hoch darf „der Preis“ der Einheit oder eines Miteinanders – im Hinblick auf die zahlreichen problematischen Unterstützer*innen von Miteinander für Europa – tatsächlich sein?

    Konkret: Wo sind die Grenzen eines Dialogs erreicht bzw. wo bedarf es der klaren Abgrenzung und Distanzierung an der es unseres Erachtens in den letzten Jahren immer wieder gefehlt hat und die dem Erstarken christlich-fundamentalistischer Kräfte viel Raum verschafft hat?

  • Welche „christlichen Werte“, die Miteinander für Europa umsetzen will, sind dort konkret gemeint?

    Und: Wie verhalten sich die dort vertretenen Werte beispielsweise zu den Rechten queerer Menschen, die diese Wochen in einer zunehmenden (rechten) Bedrohungslage – übrigens auch direkt auf den Straßen vor der Veranstaltung – für ihre Rechte auf die Straße gehen?

  • Warum bleibt eine deutliche Absage und Distanzierung zum zunehmenden Einfluss herrschaftstheologischer Ambitionen bisher weitgehend aus?

    Damit meinen wir nicht nur den Verweis auf eigene abweichende Positionen, sondern auch ein dementsprechendes Handeln – auch wenn dann einem „Miteinander“ in einzelnen Fällen eine Absage erteilt werden muss, wie das ja zur UNUM24 auch noch geschehen ist?

  • Kann nach den in unserem Offenen Brief bereits (längst nicht vollständig!) aufgezeigten Verbindungen von „Miteinander für Europa“ wirklich davon ausgegangen werden, dass dort „der Stadt Bestes“ gesucht wird?
„Bill Johnson ist nicht beteiligt“? – Seine „Botschafter“ schon!

Wir vermissen in dem Antwortschreiben zudem ein Eingehen darauf, dass die Veranstaltung durchaus erhebliche Bezüge zu den Ideologien von Bill Johnson aus der Bethel Church aufweist.

Wie wir schon dargestellt haben, gehört einer der beiden Initiatoren der UNUM24, Gerhard Kehl, mit seiner Jordan-Stiftung zum Netzwerk von Miteinander für Europa und tritt dort auch am Wochenende auf.

In unserem Offenen Brief hatten wir dargestellt, wie eng Kehl mit seiner AlpenChurch bzw. seiner Jordan Stiftung mit der Bethel Church verbunden ist. Man könnte wohl durchaus soweit gehen, ihn als einen der „Botschafter“ der Bethel Church in Deutschland anzusehen.

Wie erwähnt, haben neben Miteinander für Europa selbst, auch zahlreiche weitere involvierte Organisationen die UNUM24 – auf der Johnson als einer der „Star-Gäste“ aufgetreten ist – ausdrücklich unterstützt. Hierzu zu sagen, im Unterschied zur UNUM24 trete Bill Johnson bei der Veranstaltung von „Miteinander für Europa“ nicht auf, greift insoweit viel zu kurz.

Und: Der „Preis“ für ein „Miteinander“ scheint hier unseres Erachtens (viel) zu hoch!

„Miteinander für Eoropa“ als Teil der letztlich demokratiefeindlichen „KiNC“?

Es ist auch nicht zutreffend, dass sich der Vorwurf dominionistischer Tendenzen – also einem letztlich demokratiefeindlichen Streben nach einer „christlichen Vorherrschaft“ –in der frei abrufbaren wissenschaftlichen Arbeit von Dr. Maria Hinsenkamp „Visionen eines neuen Christentums“ nicht auch auf „Miteinander für Europa“ bezieht. Das Gegenteil ist der Fall:

So heißt es dort, das Netzwerk „Miteinander für Europa“ habe

„eine zentrale Rolle in der Bildung einer ökumenischen KiNC [„Kingdom-minded Network Christianity“, also einer auf die herrschaftstheologische Ausbreitung des „Reichs Gottes“ ausgerichtete Bewegung, Anm. d. Verf.] [ge]bildet und [nehme] auch eine wichtige Bedeutung in der ›deutschen‹ KiNC ein[…]“

(Hinsenkamp, S. 260 und ausführlich zu Miteinander für Europa auch S. 383 f.).

Zu Gerhard Proß, Moderator von „Miteinander für Europa“ in Deutschland – und damit einem der zentralen Leitungspersonen – führt Hinsenkamp aus:

„Eine Schlüsselrolle in dieser Vermittlerfunktion kommt Gerhard Proß zu, der als Leiter verschiedener christlicher Netzwerke einen Knotenpunkt im Entstehungsprozess der deutschsprachigen und europäischen KiNC darstellt“

(Hinsenkamp, S. 384) und

„Die Formierung der KiNC-Netzwerke zielt immer auch auf die Nähe und den Aufbau von Beziehungen zu offiziellen kirchlichen Amtsträgern. So ist Proß beispielsweise seit 2009 als Moderator des Leitungskomitees der jährlichen ökumenischen Bischofstreffen
in Deutschland tätig und in regem Austausch mit verschiedenen (Landes-)Bischöfen, Präsides und Kirchenvorsitzenden, die wiederholt für die Beteiligung an unterschiedlichen KiNC-Veranstaltungen gewonnen werden.“

(Hinsenkamp, S. 385).

Vorläufiges Fazit:

Wir sind dankbar für die schnelle Antwort von Regionalbischof Peral, auch wenn diese viele Fragen offen lässt. Vielleicht ergibt sich am Freitag Abend die Gelegenheit, zumindest einige davon noch zu beantworten.

Wir warten weiterhin auf eine Reaktion von Kardinal Marx, der sich bisher immer wieder für die Rechte queerer Menschen eingesetzt hat.

Wir sehen uns am 27.06.2025 ab 21 Uhr beim Start an der Papa-Schmid-Straße oder ab ca. 21.15 Uhr am Sendlinger Tor vor der St. Matthäus Kirche (Lindwurmstraße)!

(Dennoch:)

Happy Pride!

CSD München trifft auf christlich-fundamentalistische Veranstaltung von “Miteinander für Europa”

“Suchet der Stadt Bestes” mit Unterstützern der UNUM24?! – Gegenkundgebung am 27.06.2025!

Genau ein Jahr nach der christlich-fundamentalistischen Glaubenskonferenz „UNUM24 – Eins Sein“ in der Münchener Olympiahalle, treffen sich erneut – wieder parallel zum CSD – christliche Fundamentalist*innen, die im Sinne einer „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: KiNC) eine christliche Vorherrschaft anstreben:

Vom 27. bis 29.06.2025 trifft sich das Netzwerk „Miteinander für Europa“ (MfE) unter dem Titel „Suchet der Stadt Bestes“ in der St. Matthäus Kirche am Sendlinger Tor in München. Am Samstag wird die Route des CSD direkt an der Veranstaltung vorbeiführen.

Und wieder wird eine solche Veranstaltung von Vertretern der Amtskirchen unterstützt. Dieses Mal von Reginalbischof Thomas Prieto Peral und von Kardinal Reinhard Marx, der sich von seinem Generalvikar Christoph Klingan vertreten lässt.

An dieser Stelle veröffentlichen wir unseren Offenen Brief an Bischof Peral und Kardinal Marx, den wir am 27.6.2025 bei einer Kundgebung am Sendlinger Tor verlesen werden.

Start ab 21 Uhr direkt nach dem TINQ*march:
Papa-Schmid-Straße (zwischen Müllerstraße / Blumenstraße.

Kundegebung ab ca. 21:15 Uhr:
Sendlinger Tor, Lindwurmstraße bei der St. Matthäus Kirche

Weiterlesen

Offener Brief an
Kardinal Reinhard Marx und
Landesbischof Thomas Prieto Peral

Ihre Teilnahme an der Veranstaltung von „Miteinander für Europa“ – „Suchet der Stadt Bestes“
vom 27. bis 29.06.2025 in der St. Matthäus Kirche München

Kein „Miteinander“ um jeden Preis!

25.06.2025

Sehr geehrter Herr Kardinal Marx,
sehr geehrter Herr Bischof Peral,

vor genau einem Jahr sorgte die parallel zum Christopher Street Day veranstaltete christlich-fundamentalistische Glaubenskonferenz „UNUM24 – EINS SEIN“ in der Olympiahalle München für erhebliche Kritik. Dem vorausgegangen waren weiterhin öffentliche Recherchen des vom Unterzeichner mit initiierten Protestbündnisses #NoUNUM24 zur problematischen Ausrichtung der Veranstaltung und weiter Teile ihrer Unterstützer*innen.

Neben weiteren Aspekten stand insbesondere die Teilnahme des queerfeindlichen Trump-Unterstützers Bill Johnson aus der kalifornischen Bethel Church im Fokus der Kritik. Der öffentlichen Kritik schlossen sich auch zahlreiche christliche Gruppen, wie beispielsweise die Evangelische Jugend München und #OutInChurch an.

Wir haben damals positiv wahrgenommen, dass Sie, sehr geehrter Bischof Peral, sich unter anderem in einem Interview mit den Worten „Bill Johnson ist ein Spalter“ deutlich von der UNUM24 distanziert haben. Trotz des ökumenischen Einheits-Gedankens stellten Sie klar, dass ein solches Miteinander bzw. eine solche Einheit „nicht um jeden Preis“ anzustreben sei. Soweit uns bekannt, hatten Sie, sehr geehrter Herr Kardinal Marx, eine Teilnahme an der UNUM24 ebenfalls abgelehnt.

Umso irritierter sind wir nun, dass Sie – bzw. Kardinal Marx nunmehr in Vertretung seines Generalvikars – genau ein Jahr nach der UNUM24, und erneut parallel zum an der St. Matthäus-Kirche vorbeiführenden Christopher Street Day, die dort vom 27. bis 29.06.2025 organisierte Veranstaltung des Netzwerkverbands „Miteinander für Europa“ unter dem Titel „Suchet der Stadt Bestes“ unterstützen. „Miteinander für Europa“ war mit seinem Leiter Gerhard Proß ebenfalls im Trägerkreis und Netzwerk der UNUM24 vertreten. Ein Blick in die Liste der Angehörigen des Netzwerks von „Miteinander für Europa“ (erwähnt sei an dieser Stelle lediglich die lang fortzusetzende Liste von Kritik am Gospel Forum, der FCJG Lüdenscheid oder den Christen an der Seite Israels) wirft nun für uns die Frage auf, wie hoch „der Preis“ der Einheit oder eines Miteinanders Ihres Erachtens tatsächlich sein darf?

So sind bei der Veranstaltung dieses Wochenende auch zahlreiche weitere Personen und Organisationen involviert, die vergangenes Jahr die UNUM24 unterstützt haben. Besonders hervorzuheben ist insoweit (wie schon in den vergangenen Jahren) die Teilnahme von Gerhard Kehl aus der AlpenChurch in Kempten. Kehl war mit seiner Jordan Stiftung neben Fadi Krikor vom „Father‘s House for all Nations“ einer der beiden Initiatoren der UNUM24 und gehört mit der Stiftung ebenfalls dem Netzwerk „Miteinander für Europa“ an. Bei der Jordan-Stiftung wird auch das gefährlicheBethel SOZO-Befreiungsgebet“ angeboten, dass nach seinen „Entwicklern“ u.a. zur „Heilung von Homosexualität“ Anwendung finden soll. Zudem ist Kehl als Mitglied im Trägerkreis des Christlichen Convent Deutschland (CCD) bundesweit mit zahlreichen Organisationen verbunden.

Zudem ist Kehls AlpenChurch Teil des internationalen Bethel-Leaders-Network und steht mit der Bethel Church bzw. deren Netzwerken u.a. auch als „geistlicher Leiter“ der Schule der Erweckung in Füssen in enger Verbindung, wie hier vor Kurzem in der Bethel Church in Redding.

Schließlich findet sich die Anschrift des von Ben Fitzgerald geleiteten „Europa-Ablegers“ der Bethel Church, dem Verein „Awakening Europe“, ebenfalls an der Adresse der AlpenChurch. Innerhalb von nur zwei Jahren übernahm bzw. gründete Awakening Europe mit der Awakening Church drei Standorte in Deutschland, vor Kurzem in Berlin. Erst diese Woche berichtete Frontal, wie eine Undercover-Reporterin in der Awakening Church von Fitzgerald mit Konversionsbehandlungen konfrontiert wurde (gleiches wurde erst neulich in der ICF München aufgedeckt).

Wo bleibt ein hörbarer Aufschrei und deutlicher Widerspruch aus der christlichen Gemeinschaft, die sich immer wieder dagegen wehrt, mit Fundamentalist*innen in einen Topf geworfen zu werden?

Ben Fitzgerald wurde vom Spiegel zu einem Auftritt auf einer Holy Spirit Night des Gospel Forums (übrigens ebenfalls Mitglied bei „Miteinander für Europa“) 2017 mit dem Ausruf zitiert: „I want Deutsche to be proud of being Deutsche. Who cares about history?“. Auf einer weiteren Holy Spirit Night Ende 2023 träumte der Prediger Henok Worku (der ebenfalls auf der UNUM24 und beim Anfang diesen Jahres veranstalteten ZimZum-Festival des Gebetshaus Augsburg um Johannes Hartl auftrat) unter dem Jubel tausender Jugendlicher von einer „neuen Bücherverbrennung“, bei der alle Bücher – mit Ausnahme der Bibel – verbrannt werden.

Sehr geehrter Herr Bischof Peral, Sie benennen Bill Johnson und seine Bethel-Ideologie klar als „Spalter“, unterstützen mit Ihrem Auftritt aber Netzwerke, über die diese „Spalter“ weiter an Einfluss gewinnen? Wie passt das zusammen?

Leider blieb eine nachhaltige Debatte über die problematischen inhaltlichen Ausrichtungen der Unterstützer*innen der UNUM24 und ihrer Netzwerke bis heute aus. Wie dringend eine solche wäre, zeigt u.a. eine seit Ende letzten Jahres frei abrufbare Dissertation der Vikarin Dr. Maria Hinsenkamp unter dem Titel „Visionen eines neuen Christentums“. Hinsenkamp beschreibt dort eine zunehmend sich auch in Deutschland und Europa ausbreitende Glaubensausrichtung, die herrschaftstheologisch bzw. dominionistisch darauf ausgerichtet ist, Gesellschaften nach den eigenen biblizistischen Glaubensvorstellungen zu transformieren. Hinsenkamp etablierte für diese Bewegung den mittlerweile auch in verschiedenen Medien rezipierten Begriff einer „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: KiNC) und sieht zugehörig zu dieser auch zahlreiche Unterstützer*innen sowohl der UNUM24 als auch das Netzwerk „Miteinander für Europa“. In ihrer Arbeit zeigt Hinsenkamp die weitreichenden Vernetzungen der KiNC in Deutschland und international bis in Kreise der US-Evangelikalen Rechten auf (vgl. zur KiNC in Deutschland z.B. das Schaubild: Hinsenkamp, S. 283). Bisher ist leider nicht wahrnehmbar, dass sich die Amtskirchen mit diesen besorgniserregenden Entwicklungen nachhaltig befassen bzw. sich vor allem dazu deutlich und abgrenzend positionieren.

Besondere Relevanz wird von der KiNC dem u.a. auch von Bill Johnson propagierten sog. „Seven Mountain Mandate“ beigemessen. Nach dessen Inhalt sollen Christ*innen berufen sein, die verschiedenen Gesellschaftsbereiche unter den „Machtbereich Gottes“ (freilich im Sinne eines biblizistischen, christlich-fundamentalistischen Weltbilds) zu bringen und mit entsprechenden Wertvorstellungen zu dominieren. Leider müssen wir aktuell wieder besonders deutlich sehen, wie entsprechende Bestrebungen in den USA bereits Realität werden. Dort wurde die Gefahr dieser Glaubensausrichtung für die Demokratie lange Zeit unterschätzt.

Hinsenkamp zeigt in ihrer Dissertation auch die zentrale Rolle des Netzwerks von „Miteinander für Europa“ bei der Bildung und weiteren Ausbreitung einer ökumenischen KiNC in Deutschland und Europa auf. Zudem weist sie unter Bezugnahme auf Gerhard Proß – dem Hinsenkamp insoweit ebenfalls eine zentrale Rolle zuschreibt – darauf hin, dass „Miteinander für Europa“ sich selbst „als prophetisches Zeichen, als Netzwerk, von Gott selbst berufen und gesammelt, und damit als Zeuge einer besonderen »Gnadenzeit für die Ökumene der Herzen«“ versteht (vgl. Hinsenkamp, S. 384). Auf seiner Homepage beschreibt „Miteinander für Europa“ sein Ziel, „christliche Werte in konkrete Antworten auf aktuelle Herausforderungen um[zu]setzen(Hervorhebung d.d. Verf.). Das zeigt sich unter anderem in der schrittweisen Ausweitung vom „Treffen von Verantwortlichen“ (TvV) über den Christlichen Convent Deutschland (CCD) bis zum Netzwerk „Miteinander für Europa“.

Doch welche „christlichen Werte“ sind bei „Miteinander für Europa“ gemeint? Wie verhalten sich die dort vertretenen Werte beispielsweise zu den Rechten queerer Menschen, die diese Wochen in einer zunehmenden (rechten) Bedrohungslage für ihre Rechte auf die Straße gehen? Warum bleibt, trotz der aktuellen Entwicklungen, die auch bereits von den Medien aufgegriffen wurden, eine deutliche Absage und Distanzierung zum zunehmenden Einfluss herrschaftstheologischen Ambitionen bisher weitgehend aus?

Können Sie nach den aufgezeigten Verbindungen von „Miteinander für Europa“ wirklich noch davon ausgehen, dass dort „der Stadt Bestes“ gesucht wird, obgleich dort (wie in zahlreichen weiteren „christlichen“ Netzwerken „Miteinander für…“) vor allem KiNC-nahe bzw. fundamentalistische evangelikale Akteure beworben werden?

Sie, sehr geehrter Herr Bischof Peral, unterstrichen im bereits erwähnten Interview im Jahr 2024 noch deutlich: „Menschen sind in unserer Kirche willkommen, egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder sexueller Orientierung“. Auch Sie, sehr geehrter Herr Kardinal Marx haben sich immer wieder für die Rechte queerer Menschen in der Kirche (u.a. über die Queer-Pastoral) eingesetzt und für die vielen Verletzungen seitens der Kirche um Entschuldigung gebeten. Solche deutlichen Positionierungen, gerade auch von kirchlichen Leitungspersonen wie Ihnen, sind – insbesondere auch wieder in heutigen Zeiten – wichtig. Jedoch: Ein „Miteinander“ mit denjenigen, die sich gegen das Erreichte stellen und die Uhren wieder zurückdrehen wollen, steht dem diametral entgegen!

Die problematischen ideologischen Hintergründe und Ziele bei „Miteinander für Europa“ mögen nicht auf den ersten Blick erkennbar sein. Auch behaupten wir nicht, dass diese von allen dort verbundenen Organisationen in gleicher Weise geteilt werden. Doch auch hier sollte gelten: Kein Miteinander um jeden Preis! Christlicher Fundamentalismus und herrschaftstheologische Ideologien sind global und offenbar auch in Deutschland bzw. im deutschsprachigem Raum (vgl. auch die Diskussionen um das Stift Heiligenkreuz und die Loretto-Bewegung, die sich gerade erst u.a. in der Jugendkirche München trag) wieder auf dem Vormarsch. Die fehlende klare Abgrenzung weiter Teile der Christenheit und auch innerhalb der ökumenischen Bewegung hat diesen Entwicklungen bisher leider immer weiter Raum geschaffen.

Umso wichtiger erscheint es, dass Sie in Ihrer Rolle als christliche Leitungspersonen Ihrer Verantwortung gerecht werden. Denn auch für die Kirche sollte gelten: Keine Toleranz für Intoleranz!

Wir hoffen, dass dieser Brief Sie dazu bewegt, Ihre Positionierung zu den geschilderten Entwicklungen und konkret auch zum Netzwerk von „Miteinander für Europa“ noch einmal zu reflektieren und sich dazu deutlich und öffentlich zu positionieren.

Für Rückfragen oder einen gemeinsamen Austausch stehen wir gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Matthias Pöhl für FundiWatch

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