Sexarbeitsfeindlichkeit in der christlichen Rechten

Webtalk am 16.03.2026 ab 19 Uhr bei DIE LINKE.queer – Umgang mit Sexarbeit? Ein umstrittenes Thema…

Eine Anmeldung zum Webtalk ist unter anmeldung@dielinke-queer.de möglich. Der Einwahllink wird kurz vor Beginn der Veranstaltung versendet.

Scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen zum Thema Sexarbeit inklusive Forderungen einer Kriminalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen sind gerade wieder besonders laut.

Vor allem aus dem Kreise der CDU/CSU – und zahlreichen christlich-fundamentalistischen Akteur*innen – wird in einer stark emotionalisierten, weitgehend nicht faktenbasierten Debatte die Einführung eines sogenannten „Nordischen Modells“ oder „Sexkaufverbots“ gefordert. Die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen soll demnach kriminalisiert werden – das Anbieten entsprechender Dienstleistungen hingegen angeblich nicht. Sexarbeiter*innen weisen diese Forderung zurück – und stehen damit nicht allein.

Fachverbände – darunter auch die Diakonie Deutschland – lehnen ein solches Modell entschieden ab. Da es die Situation von Sexarbeiter*innen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen maßgeblich verschlechtert.

Wer meint, dieses „unbequeme“ Thema gehe einen selbst ja nichts an: Die Mobilisierung gegen Sexarbeit ist nur die Spitze eines riesigen Eisbergs. Wer verstehen will, wie Akteur*innen gesamtgesellschaftlich an Einfluss gewinnen, die eine vielfältige Gesellschaft teils deutlich verachten, wird bei dem Thema fündig.

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Wo sich (eigentlich) alle einig sein sollten…

Wo sich eigentlich alle, denen es tatsächlich und nicht nur überflächlich um Schutz & Unterstützung für Sexarbeiter*innen geht, einig sein sollten:

Eine sachliche Auseinandersetzung sollte Sexarbeiter*innen einbeziehen. Sie werden durch die christliche Rechte aber oft pathologisiert und viktimisiert. Dies und die Ausnutzung marginalisierter Menschen als „Rettungsobjekte“ sowie eine auf Emotionalisierung ausgerichtete Debatte verbieten sich eigentlich, und sind doch erschütternd oft an der Tagesordnung.

Vermeintlich einfache „Lösungen“, wie etwa die von CDU/CSU – und zahlreichen christlich-fundamentalistischen Akteur*innen – geforderte Einführung einer Kriminalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen, werden dem Thema nicht gerecht.

Auch die Diakonie Deutschland lehnt sogenanntes „Nordisches Modell“ ab…

Mit zahlreichen Fachverbänden lehnt übrigens auch die Diakonie Deutschland eine Krimininalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen ab.

In einer Stellungnahme der Diakonie Deutschland vom 10.09.2024 zum Antrag der CDU/CSU „Menschenunwürdige Zustände in der Prostitution beenden – Sexkauf bestrafen“ (Drucksache 20/10384 vom 20.02.2024) heißt es:

„Der vorgeschlagene Weg, den Sexkauf nach dem Vorbild des Nordischen Modells zu bestrafen, ist jedoch nicht dazu geeignet, das postulierte Ziel zu erreichen. Es führt vielmehr dazu, dass sich die Lebenssituation von Frauen, Männern und Transpersonen in der Prostitution durch die Kriminalisierung des Sexkaufes und das Verbot von Prostitutionsstätten maßgeblich verschlechtert.“

…und kritisiert die Emotionalisierung der Debatte

Deutliche Worte findet die Diakonie auch zur bereits erwähnten Emotionalisierung der Debatte:

„Mit Aussagen wie: ‚Für eine hohe sechsstellige Zahl bedeutet dies faktische totale Abhängigkeit von Zuhältern … beherrscht von organisierter Kriminalität … führt zu bleibender Traumatisierung und gravierenden irreversiblen körperlichen und seelischen Schäden‘ wird eine Darstellung von Prostitution und Menschen in der Prostitution gewählt, die wirkmächtige Bilder erzeugt, jedoch nicht belegbar ist.“

Sexarbeitsfeindlichkeit auch in der Linken und im weißen Feminismus

Solchen scheinbar „wirkmächtigen Bildern“ verfallen übrigens immer wieder auch linke Kreise und Gruppen des weißen Feminismus.

Diese haben – für viele vielleicht überraschend – bei diesem Thema auch keine Probleme damit, mit christlichen Fundamentalist*innen Allianzen zu schmieden.

Radikale Abtreibungsgegner*innen, Gegner*innen geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung Arm in Arm mit radikalen Feminist*innen … das finden wir bei Themen wie Sexarbeit, Gender, Hijab oder Leihmutterschaft häufig vor.

"Linkegegenprostitution" läd eine SPD-Politikerin ein, die eng mit christl.-fundamentalist. Netzwerken zusammenarbeit. SPD Berlin läd die Vorsitzende des Vereins "El Faro" zum Thema Opferschutz ein, obwohl gegen diesen massive Missbrauchsvorwürfe erhoben werden. WAS WAR DA LOS? –> buff.ly/r8e0KHt

FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2026-03-06T05:30:06.910Z

Und die Medien…?

Medien spielen in dieser emotionalisierten Debatte übrigens überwiegend keine positive Rolle:

Belgien, das Sexarbeit entkriminalisierte und so Arbeitsrechte ermöglichte, wird in der gängigen Berichterstattung ebensowenig erwähnt wie fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse. Stattdessen kreist die Berichterstattung um herabwürdigende Stockfotos, Skandale und rührende Einzelschicksale, die zudem oft nicht überprüft werden können. False Balance, ein durchgehendes Gut/Böse-Schema, sowie mangelnde Zugänge bei der Recherche tragen zu einer zutiefst unsachlichen und polarisierten Debatte bei.

Mehr zum „Belgischen Modell“ in diesem Beitrag.

Meta-Studie der Diakonie Deutschland

So bleibt auch die von der Diakonie Deutschland 2024 herausgegebene Meta-Studie „Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter:innen in ausgewählten Ländern –
Eine Zusammenstellung internationaler wissenschaftlicher Forschungsergebnisse“
weitgehend unerwänt.

Aus dem Vorwort der Studie:

„Damit liegt erstmals eine Übersichtsstudie vor, die maßgeblich zur Versachlichung der Debatte beitragen kann und auf deren Grundlage neue gesetzliche Rahmenbedingungen diskutiert werden können, die der Diversität der Menschen in der Prostitution gerecht werden. Ein komplexes Thema kann nur gut geregelt werden, wenn komplexe Lösungen erarbeitet werden. Ein Verbot von Prostitution vergrößert die Probleme von Menschen in der Prostitution. Die vorliegende Studie leistet einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierten und sachlichen Diskussion.“

Wohl treffender: Die Studie KÖNNTE einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierten und sachlichen Diskussion leisten – würde sie denn dabei Beachtung finden…

Dasselbe trifft auf den umfangreichen, wissenschaftlichen Evaluationsbericht des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsens (KFN) zum 2017 in Kraft getretenen Prostituiertenschutzgesetz zu. Weder das umfangreiche Gutachten zur Freiwilligkeit, noch die umfangreiche Datenerhebung fand der deutsche Journalismus sonderlich erwähnenswert. Ganz anders sah das 2023 bei einer Auftragsstudie der Anti-Sexarbeits-Bewegung aus, die in vielen Medien besprochen wurde. Wir fragen uns: Liegt das daran, dass es leichter ist, seinen Bestätigungsfehler zu pflegen als sich mit einem komplexen und umfangreichen Thema diskriminierungssensibel zu befassen?

Eine abschließende Anmerkung…

Befürworter*innen eines „Nordischen Modells“ heben immer wieder hervor, dass dieses – neben einer Kriminalisierung der Nachfrage – ja auch soziale Unterstützung, Beratung, Wohnraum, Existenzsicherung uvm. für Sexarbeiter*innen beinhalten solle.

Warum also werden dann die bereits vorhandenen Beratungsangebote ständig gekürzt, statt sie bereits heute besser finanziell auszustatten? Das wäre jederzeit möglich.


Weitere Beiträge zu dem Thema:

Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit

Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit

An dieser Stelle veröffentlichen wir unsere Handreichung zur Sensibilisierung gegenüber christlich-fundamentalistischen Aktivitäten in der Sozialen Arbeit. In der durch die Freie und Hansestadt Hamburg geförderten Broschüre werden Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke des christlichen Fundamentalismus in Deutschland analysiert.

Die Broschüre umfasst die folgenden Abschnitte:

  • Begriffsdefinition Christlicher Fundamentalismus
  • Spannungsfelder mit der professionellen Sozialen Arbeit
  • Vorgehensweisen christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen
  • Beispiele christlich-fundamentalistischer Projekte
  • Recherchetipps für die Praxis

Im Anhang werden zudem Anlauf- und Beratungsstellen sowie Hilfsangebote aufgeführt. Die Broschüre kann hier frei heruntergeladen werden.

Hier kann die zur Veröffentlichung der Broschüre am 22.07.2025 herausgegebene Pressemitteilung aberufen werden.

Weiterlesen:

Das heterogene Spektrum des christlichen Fundamentalismus umfasst ein weitverzweigtes Netz unterschiedlicher Gemeinschaften, Gemeinden und Gruppierungen bis hin zu NGOs mit dezidiert christlicher Ausrichtung. Gleichwohl ist die Problematik des christlichen Fundamentalismus in der Radikalisierungs- und Extremismusforschung sowie in der zivilgesellschaftlichen und medialen Debatte bislang unterrepräsentiert.

Zeitgleich dringen christlich-fundamentalistische Akteurskonstellationen mehr und mehr (auch) auf Gebiete der Sozialen Arbeit und in Wohlfahrtsverbände vor. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen religiöser Zielsetzung und den Bedürfnissen von Klient*innen. Zunehmend verwischt die Grenze zwischen ergebnisoffener, klient*innenzentrierter Sozialer Arbeit und Mission, Glaube und „Rettung“. In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft entstehen dadurch Konflikte über Fragen reproduktiver, sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit und Minderheitenschutz.

Vor diesem Hintergrund zeigt die vorliegende Broschüre anhand mehrerer Beispiele – vorwiegend, aber nicht nur aus dem Raum Hamburg und Schleswig-Holstein – typische Strategien christlich-fundamentalistischer Gruppierungen auf. Sie benennt Handlungsfelder, Binnenthemen und Vorgehensweisen.

Auch wenn die Beispiele regional gewählt wurden, müssen sie im Kontext globaler christlich-fundamentalistischer Aktivitäten verstanden werden, deren regionale Ableger im diskursiven Austausch mit den übrigen Akteur*innen stehen und die, etwa durch Missionsprojekte, auch einen personellen Austausch organisieren.

Die Broschüre ist ein Appell für mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen.

Wir hoffen, mit dieser Broschüre eine Ressource für politische, zivilgesellschaftliche und behördliche Verantwortliche und Interessierte vorzulegen sowie einen – in unseren Augen überfälligen – Debattenbeitrag in der Auseinandersetzung mit erstarkendem christlichen Fundamentalismus.

In Kürze werden wir hier auch noch einen Termin zur Online-Vorstellung der Broschüre mitteilen. Weitere Infos folgen!

Gerne stellen wir unsere Rechercheergebnisse auch im Rahmen individueller Vorträge, Workshops o.ä. vor. Basierend auf unseren eigenen Rechercheerfahrungen geben wir dabei gerne auch Recherchetipps für die Praxis, die das Erkennen problematischer christlich-fundamentalistischer Ausrichtungen von Akteur*innen erleichtern sollen. Anfragen hierzu sowie Konditionen im Einzelfall können ebenfalls an vorgenannte E-Mailadresse gerichtet werden.

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