F*ck Purity!

Warum Du Nana Myrrhes „Feucht & fromm“ lesen solltest, auch wenn Du nicht religiös bist

Mit Purity Culture, Sittlichkeitsvorstellungen und Sexualmoral beschäftige ich mich, weil ich muss. Als Sexarbeiter*in bin ich damit konfrontiert, dass nicht nur dubiose und umstrittene Personen mit Hang zum Klerikalfaschismus meine Abschaffung fordern, meine Kolleg*innen und mich aus Schmutz und Schande „retten“ möchten, oder im „System Prostitution“ eine Bedrohung für sich und „die“ Gesellschaft erblicken. Dahinter steckt – selten ausformuliert, aber bei genauerem Zuhören und Hinsehen eben doch deutlich ablesbar – Rückwärtsgewandtheit, Scham und sehr restriktive Perspektiven auf Sexualmoral. Und die Gefahr von Klerikalfaschismus.

Gleich Purity Culture?!

Dies ist der Moment, an dem manche Augenbrauen in die Höhe schießen. Klerikalfaschismus bei uns im „aufgeklärten“ Deutschland? Das ist doch nur etwas für die USA oder den Iran? Eventuell noch Russland oder Ungarn, aber hier/bei uns doch nicht. Zugegeben, den Begriff Klerikalfaschismus wählte ich bewusst, auch um zu provozieren. Wir können auch „rechte Christ*innen“, ultra-konservative Strömungen innerhalb der vielschichtigen und vielstimmigen Christentums-Landschaft aus Freikirchen und Amtskirchen sagen, wenn Dir das besser gefällt.
Mein Befund aber bleibt: Bei der Analyse von Sexarbeitsfeindlichkeit, Sexismus, Trans-Misogynie und Queerfeindlichkeit spielen lustfeindliche und klassistische Anforderungen an Sexualität einfach eine beträchtliche Rolle.
Ganz verzichten werde ich auf den Begriff „Klerikalfaschismus“ nicht, denn Faschismus ist ein Phänomen der „Mitte der Gesellschaft“. Wollen viele nicht wahrhaben, ist aber so.
Und genau diese „Mittigkeit“ oder gefühlte Normalität von Aussagen wie „Konsens kann man nicht kaufen“ prägt die kritikbefreite Anschlussfähigkeit von Purity Culture – Versatzstücken in frauen – RECHTS – bewegten Kreisen bis hin zu biederen Schulkonferenzen und Landratsämtern bei der Ablehnung von Sexarbeit unter dem sich moralisch selbstüberhöhenden Deckmäntelchen.

Nun: Buch-Loveletter

Liebe Nana Myrrhe,
ich hoffe, Du verzeihst mir diesen Rant vorab. I know you will forgive me, sister.
Ich habe Dein Buch sehr gern gelesen. Am Anfang war ich ein bisschen begeisterter davon als am Ende, aber dazu später mehr.

Die Mischung aus biografischen Schnipseln unterschiedlicher Etappen Deines Lebens mit Purity Culture und erläuternden, einordnenden Kapiteln hat mir sehr gefallen. Ich feiere Dich für Deine leichte, popkulturell codierte Sprache, Witz und Charme mit denen Du wirklich ernste und bedrückende Inhalte zu Papier gebracht hast.

Ich habe viel von Dir über moderne Ausprägungen von Keuschheitsgelübden, Zeremonien und der dazugehörigen Ratgeberliteratur gelernt. Durch „Feucht & Fromm“ wurde für mich, eine Person mit großer, ja unüberbrückbarer Distanz zu bibeltreuen Gemeinden, pietistischen Spießer*innen und christlich-fundamentalistischen Jesus-Freaks lebendig, wie es sich anfühlt, in einem solchen Milieu (endlich darf ich mal „Milieu“ über andere sagen!) aufzuwachsen und jugendlich zu sein, zu begehren und sich selbst für dieses Verhalten zu hassen.

Mit viel Fingerspitzengefühl lotest Du aus, was es bedeutet, sich aufzusparen, für die eine, „richtige“ Ehe. Ich mag, wie Du sehr scharf benennst, wie gefährlich, verachtend und schlicht anti-modern frömmelnde Keuschheitsseeligkeit sich auswirken kann, und dennoch empathisch bleibst. Sensibel bleibst für Menschen, die in diesem engen Korsett aus konservativen Moralvorstellungen und binärer Zurichtung in godly wifes and husbands, nicht anecken und für die dieses Gefüge stimmig ist. Auch ich möchte keiner Person absprechen, sich für eben diesen Lifestyle zu entscheiden, wenn es sich gut, gesund und erfüllt anfühlt.

Auch ich weiß um das Zerstörerische von Konzepten der Purity Culture sowie ihrer vielen Spielarten. Ich sehe, was passiert, wenn Leute solche Vorstellungen verinnerlichen und sie zu ihrer politischen, medialen oder zivilgesellschaftlichen Handlungsgrundlage machen, oft ohne darüber transparent zu sein. Wenn das zur Schau getragene selbstlose „Retten“ der gefallenen Frauen[1] nur eine Vorstufe deren Abschiebung in die Heimat ist. Wenn eine beängstigende Maschinerie der „Professionalisierung“ in Gang gesetzt wird und an sich missionarische Initiativen und Projekte mehr und mehr ausgebildete Sozialarbeitende beschäftigen, um ihre spirituellen Transformationsabsichten zu tarnen und zu expandieren.

Mir ist klar, wie problematisch es ist, wenn kaum Wissen über Purity Culture und ihre Risiken vorhanden ist. Und Leute romantisierende Vorstellungen von (monogamer, heteronormativer, kink-freier) Sexualität nicht als Platzhalter für einen Kulturraum erkennen, der weiß-christlich-cis dominiert ist. Wo neo-koloniale Bevormundung von Migrant*innen als karitative Selbstinszenierung von weiten Teilen der Mehrheitsgesellschaft hingenommen wird.

Deswegen wünsche ich mir, Nana, dass Dein Buch sehr viele Menschen lesen und so einen Einblick erhalten, den sie sonst kaum erhaschen können oder wollen.

Lass mich zum Schluss noch etwas loswerden: Ich hätte mir einen anderen Blick auf das Konzept von „Hure“ und „Ware“ in
Feucht & Fromm gewünscht. Du zeigst eindrucksvoll am Bild der „Vase Deines Herzens“ oder des Gebrauchtwagens auf, wie objektifizierend solche Analogien auf Dich gewirkt haben. Ich verstehe und fühle das und wünschte mir doch, dass Du nicht dabei stehen bliebest. Am Schluss des Buches ist die Vase Deines Herzens „neu“.
Doch: Konstrukte, wie
neu, alt, käuflich oder pur sind Zurichtungen und codierte Essenzen von Anforderungen an Moral, Verhalten und Sittlichkeit in Zeiten eines kapitalistischen Patriarchats. Mein Wunsch wäre, dass wir uns das bewusst machen, sie weniger oder gar nicht mehr reproduzieren, sondern tastend, neugierig und kreativ andere Kategorien erspüren und erdenken.

Liebe, Solidarität und Utopien für Dich, für uns, für alle!
Ruby


Nana klärt auf
Als ich im Dezember in Österreich und in der Schweiz auf Lesereise mit meinem Buch „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ war, habe ich Nanas Buch oft mit auf den Büchertisch oder aufs Podium gelegt.
Es hat ein so hübsches Cover und es erinnert mich daran, immer wieder auf ein zentrales Risiko des christlichen Fundamentalismus hinzuweisen:

Dessen große Gefahr liegt in seiner Anschlussfähigkeit an Sittlichkeitsvorstellungen, Sexualmoral und Scham, die in „unserer“ Gesellschaft noch nicht ausreichend verlernt wurde. Nanas Buch ist ein wichtiger Schritt dazu, denn es schärft den Blick und das Bewusstsein für all das in Erziehung, Pädagogik und Sozialer Arbeit.

Softcover
354 Seiten
24,00 €
ruach-jetzt



 





[1] Sexarbeitende sind superdivers, aber christlich-neoabolitionistische Retter*innen richten ihre Energie auf Frauen, Mütter und Mädchen. Sie zementieren so Heteronormativität und die Privilegiertheit der weißen, christlichen, upper class cis Frau.

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