Interview zur ZDF-Doku: Der Teufel in mir – Exorzismus heute

Co-Autorin Emely Sporrer im Interview mit Zoe Luginsland von FundiWatch

Exorzismus boomt. Auch heute wird den Menschen noch der Teufel ausgetrieben.

In der an Pfingsten erschienenen ZDF-Dokumentation „Der Teufel in mir – Exorzismus heute“ begleiten die Autoren Max Damm und Emely Sporrer Exorzisten, Betroffene sowie Kritiker*innen und beleuchten eine Praxis zwischen Glauben und Gefahr.

Zoe von FundiWatch hat sich zu einem Interview mit Emely Sporrer getroffen, bei dem es unter anderem darum geht, wie Medien und die Gesellschaft insgesamt mit diesem Thema umgehen und wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Menschen aussehen könnte, die meinen, vom Teufel besessen zu sein.

Zoe Luginsland: Hallo, Emely Sporrer. Ihr habt gerade eine superspannende Doku über Exorzismen in Deutschland gemacht. Wie seid ihr zu dem Thema erst mal gekommen?

Emely Sporrer: Ich bin zunächst 2015 auf das Thema gestoßen, da wurde ein Exorzismus an einer koreanischen Frau in einem Frankfurter Hotel durchgeführt. Und dieser Fall ging durch die Medien. Ich habe das gelesen und war sehr überrascht, dass sowas in Deutschland noch immer stattfindet.

Und danach folgten immer mal wieder Medienberichte zum Thema: Auch in Berlin ist eine muslimische Frau nach einer Salzwasserkur gestorben, die durch einen Hodscha „verschrieben“ wurde, weil sie keine Kinder bekommen konnte. Und zuletzt gab es 2023 einen längeren Podcast in der Süddeutschen zu dem Internet-Exorzisten Nature23.

„Für mich gab es da noch offene Fragen: Gibt es das Ganze denn im großen Stil? Gibt es Exorzismus noch in der katholischen Kirche? Wie wird das auch in freikirchlichen Gemeinden heute gelebt, vielleicht auch in anderen Religionen?“

Im Internet tummeln sich selbsternannte Exorzisten. Sie arbeiten bei der Teufelsaustreibung auch mit Fixierung und Schmerzen. (c) ZDF / Mathias Fieme

Und dann wurde mir klar, dass ich mich dem Thema genauer annehmen möchte, denn es ploppen auch heute noch immer wieder Fälle auf, in denen Menschen bei einem Exorzismus auch zu Tode kommen. Für mich gab es da noch offene Fragen: Gibt es das Ganze denn im großen Stil? Gibt es Exorzismus noch in der katholischen Kirche? Wie wird das auch in freikirchlichen Gemeinden heute gelebt, vielleicht auch in anderen Religionen? Und so wollten wir uns dem Thema annähern und schauen, was wir rausfinden.

Zoe Luginsland: Ja, und das ist ja auch ganz gut gelungen. Also ihr habt eine ganze Menge Leute da getroffen aus ganz verschiedenen Richtungen. Einen katholischen Exorzisten, ein Team mit einer eher charismatisch-freikirchlichen Ausrichtung. Dann einen Betroffenen, der ein Exorzismus erfahren hat, der sehr negativ für ihn war und glaub ich auch in einer Freikirche stattgefunden hat.

Wie seid ihr erst mal an diese ganzen Leute gekommen? Ich stelle es mir jetzt nicht ganz einfach vor. Ihr habt auch am Anfang der Doku gesagt, dass es einige Monate gedauert hat, bis ihr wirklich in die Lage gekommen seid zu drehen. Ich stelle es mir auch nicht so einfach vor. Wie kann man sich das vorstellen, wie läuft so was ab?

Emely Sporrer: Als allererstes haben wir geschaut, was es bisher für öffentliche Berichte zu diesem Thema gibt und wer schon als Protagonist aufgetreten ist. So sind wir auf Dr. Jörg Müller, unseren katholischen Pater im Befreiungsdienst, gestoßen. Und dann geht es natürlich ans Kontaktieren, man führt Gespräche, um Erfahrungen auszutauschen und um Vertrauen aufzubauen.

Und durch eine Social-Media-Recherche habe ich erfahren, dass tatsächlich auch dort Exorzismus präsenter ausgelebt wird, als man es zunächst vermutet. Wenn man Befreiungsdienst oder Exorzismus in die Suche auf TikTok eingibt, dann kommen auch die Menschen zum Vorschein, die diese Dienste ausüben. Und so bin ich auf Rose de Jesus und das LOROSA Gebets-Team gestoßen. Nature23 ist auch auf YouTube aktiv und war vorher bereits in Medienberichten präsent. Ihn haben wir ebenfalls kontaktiert und er hat einem Hintergrundgespräch zugestimmt. Auf diesem Weg führte sich die Recherche dann fort.

Zoe Luginsland: Es stellen sich da ja auch eine Menge ethische Fragen: Wie man mit so einem Thema umgeht, aber auch wie man einen guten Film macht. Wenn man einen guten Film machen will, möchte man ja immer eigentlich, dass es sehr differenziert ist, dass die Menschen einfach von sich erzählen, dass sie sehr offen sind, dass sie einen auch so ein bisschen mitnehmen.

Und gleichzeitig stellen sich dann ja so Fragen wie: Wirbt man jetzt für deren Angebot? Gibt es einen Punkt, wo man vielleicht intervenieren hätte müssen? Wo irgendwas passiert, was wirklich zu weit geht? Oder man etwas sehr stark kritisch kommentieren sollte? Wie seid ihr damit umgegangen?

„Unser Anspruch war es, ergebnisoffen und unvoreingenommen an die Sache ranzugehen.“

Emely Sporrer: Unser Anspruch war es, ergebnisoffen und unvoreingenommen an die Sache ranzugehen. Max Damm und ich, wir haben die Doku gemeinsam gemacht, haben versucht uns von allen vorangegangenen Gedanken zum Thema Exorzismus freizumachen, um dem ohne Vorurteile begegnen zu können. Uns war es wichtig, einen multiperspektivischen Film zu erstellen, indem sowohl positive als auch kritische Stimmen zu Wort kommen und allen Protagonisten mit dem gleichen Respekt zu begegnen. Wir wollten auch nicht die Glaubensrealität von Menschen in Frage stellen, sondern uns ihnen zuwenden und zuhören.

Wie du aber auch sagst, gibt es natürlich Situationen oder Personen, bei denen man abwägen muss, ob man sie darstellt oder nicht. Zum Beispiel ob man die Betroffene, die eine Befreiung bei Nature23 in Anspruch nimmt und bereits diagnostizierte psychische Erkrankungen besitzt, ohne Unkenntlichmachung zeigt. Oder ob man auch einen Nature23 abbildet, der selbst schildert, dass gegen ihn immer wieder Anzeigen wegen Gewaltdarstellung im Internet oder Körperverletzung gestellt werden. Damit haben wir uns länger beschäftigt und uns die Frage gestellt, wie wir damit umgehen. Daher haben wir die Anzeigen auch offen in der Doku adressiert. Letztendlich fällt, laut eigener Aussage, alles, was Nature23 macht, aber unter die Religionsfreiheit und solange er beim Befreiungsdienst nicht gegen Gesetze verstößt, sind seine Rituale auch legal durchführbar. 

Wir waren beim Dreh vor Ort, haben uns allerdings dagegen entschieden, explizite Bilder aus dem Exorzismus zu zeigen, da wir auch nicht sensationalisieren wollten. Natürlich gibt es Videos davon auf YouTube, wenn man danach sucht, das wollten wir in der Doku aber so nicht reproduzieren. Unser Anspruch war es, Nature23 abzubilden und ihn als Protagonist zu zeigen, da er einfach Teil von dieser Exorzismus-Bubble ist.

Ein Internetexorzist fixiert eine vermeintlich Besessene, bevor das Ritual beginnt. (c) ZDF / Mathias Fiene

Zoe Luginsland: Was ihr häufig so ein bisschen fragt im Film ist: „Warum wählt ihr jetzt dieses Angebot und nicht eine Therapie?“. Unser Eindruck in der Recherche ist häufig, dass auch therapeutische Ansätze teilweise sehr stark religiös geprägt sein können und auch durchaus Vorstellungen über dämonische Kräfte oder sowas teilen. Zum Beispiel war es bei dem katholischen Exorzisten ja auch so, dass er auch eine therapeutische Ausbildung oder Praxis oder sowas hat. Inwieweit ist das auch ein fließender Übergang? Also kann man immer so scharf trennen zwischen Therapie und Exorzismus?

„Der allgemeine Tenor in der bisherigen Recherche und auch in den Hintergrundgesprächen war meist, dass Betroffene, die aus einem religiösen Umfeld stammen und Hilfe bei einem nicht gläubigen Therapeuten suchen, sich oft nicht ernstgenommen fühlen.“

Emely Sporrer: Ich denke schon, dass der Glaubenshintergrund von Pater Müller auch Auswirkungen auf seine Arbeit als Psychotherapeut und sein Leben hat. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass auch Menschen, die nicht religiös sind, zu ihm kommen können und er ihnen genauso weiterhelfen kann.

Der katholische Pater Dr. Jörg Müller erlöst auch Kühe vom Bösen. Die Besitzerin vermutet einen Fluch auf ihren erkrankten Tieren. (c) ZDF / Benjamin Hotz

Der allgemeine Tenor in der bisherigen Recherche und auch in den Hintergrundgesprächen war meist, dass Betroffene, die aus einem religiösen Umfeld stammen und Hilfe bei einem nicht gläubigen Therapeuten suchen, sich oft nicht ernstgenommen fühlen. Dieser würde nicht richtig verstehen und nachvollziehen können, von welchem Standpunkt die Betroffenen kommen und ihre Probleme rühren und daher wollten sie auch nicht mehr zur Therapie gehen. Wir nehmen aus der Recherche das Gefühl mit, dass eine religionssensible oder religionsintegrierte Therapie gerade bei Personen, die ihre Symptome dämonischen Ursprungs sehen, eher hilfreich wäre.

Zoe Luginsland: Also eine religionssensible Therapie wäre dann der Ansatz? Wo man dann das Religiöse auch einfach diskutieren kann innerhalb einer Therapie.

Emely Sporrer: Also es ist natürlich auch wichtig, wenn Personen davon sprechen sich beispielsweise dämonisch belastet zu fühlen, das nicht zu unterfüttern, sondern es einfach zu akzeptieren und als Realität des Menschen wahrzunehmen. Sich nicht zu fragen: ‚Ist das jetzt wahr oder nicht‘, darum geht es nicht, sondern einfach den Menschen so zu akzeptieren, wie er ist und woran er glaubt und ab diesem Standpunkt die Therapie zu starten.

Zoe Luginsland: Es gibt ja auch Fälle, wo Exorzismen jetzt eindeutig schief gegangen sind. Im Film wird der Fall Anneliese Michel zitiert, der schon etwas länger her ist.

Ein anderer Fall, zu dem wir teilweise recherchiert hatten, ist auch schon über zehn Jahre her. Da war eine Person mit einer Schizophrenie-Diagnose in einer Freien evangelischen Gemeinde* und hat dort sehr viel Zungenreden praktiziert und dann irgendwann angefangen auch Stimmen zu hören und hatte auch so eine Art ‚dämonische Belastung/Poltergeist‘ in der Wohnung, die dann von einer Exorzistin ausgetrieben werden sollte. Dann gab es auch den Ratschlag: ‚Wenn du Stimmen hörst, dann hörst du die Stimme von Gott, vom Teufel oder von dir selbst. Wenn Gott es sagt, solltest du es tun. Wenn der Teufel es sagt, solltest du es nicht tun. Wenn es deine eigene Stimme ist, dann musst du darüber nachdenken.

*Edit (13.6.26): Auf Wunsch des Pressesprechers des Bundes freier evangelischer Gemeinden (FeG) Deutschland, Artur Wiebe, stellen wir klar, dass die gemeinte Gemeinde Christliches Zentrum Herborn Mitglied im Bund freikirchlicher Pfingsgemeinden (BfP) und nicht im FeG ist. Ergänzend weisen wir darauf hin, dass FeG und BfP heute beide zu den mit der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) „intensiv verbundenen Werken gehören. Zudem gehört die örtliche FeG Herborn heute ebenso wie das Christliche Zentrum Herborn zu den in der Ortsallianz der EAD, der Evangelischen Allianz Herborn, verbundenen Allianzgemeinden. Die Evangeliche Allianz Herborn tritt unter dem Motto „gemEINSam [sic!] glauben, beten und handeln“ auf. Das Christliche Zentrum Herborn bietet auch heute noch den „Befreiungsdienst“ SOZO an, um den es im Folgenden noch gehen wird.

Und das wirkt natürlich erstmal so ein bisschen pragmatisch und auch wie ein Ratschlag, der erstmal total plausibel wirken kann, wenn man jetzt diese religiöse Realität annimmt. Gleichzeitig wurde dann in der Gemeinde auch empfohlen, dass er die Medikamente absetzen könnte, weil man auch durch Gebet mit der Schizophrenie umgehen könnte und letztendlich hat er irgendwann die Stimme Gottes gehört und sie hat ihn aufgefordert, jemanden zu ermorden und er hat das dann tatsächlich getan. Es gab dann einen Gerichtsprozess darum und deswegen ist das Ganze auch dokumentiert. Und dort ist dann dieser Punkt, wo man gesagt hat, wir nehmen die Religiöse an und versuchen damit pragmatisch umzugehen, total nach hinten losgegangen, natürlich auch in Kombination mit dem Absetzten der Medikamente.

Inwieweit kann das auch gefährlich werden religiöse Realitäten anzunehmen?

Exorzismus und Befreiungsrituale können auch gefährlich sein. Es sollte sich nicht nur auf eine religiöse Behandlung verlassen werden, sondern eine ganzheitliche Betrachtung passieren.

Emely Sporrer: Exorzismus und Befreiungsrituale können auch gefährlich sein, auf alle Fälle. Es gibt wie bei Allem positive wie auch negative Effekte, aber es ist ganz wichtig, dass eben auch medizinische und therapeutische Hilfe in Anspruch genommen wird. Pater Müller hat darauf hingewiesen: Man kann zusätzlich noch beten, vielleicht auch Handauflegen, das kann zumindest nicht schaden, sagt er. Aber das Problem muss auf jeden Fall auch noch interdisziplinär abgeklärt sein. Es sollte sich nicht nur auf eine religiöse Behandlung verlassen werden, sondern eine ganzheitliche Betrachtung passieren.

Vermeintliche Dämonen verlassen den Körper bei einem Exorzismus durch Husten und Spucken. (c) ZDF / Benjamin Hotz

Zoe Luginsland: Das ganze Feld ist ja im Moment relativ verdeckt, so ein bisschen ein Tabuthema und den meisten Leuten nicht bekannt. Was ist damit verbunden? Also ich würde mir vorstellen, dass das zum Beispiel dazu führt, dass es relativ unreguliert ist und man nicht so genau weiß, als eine Person, die so ein Angebot sucht, wo man dann landet. Habt ihr da eine Idee, was da ein besserer Weg wäre?

Es ist ein großes Problem, dass Personen, die sich betroffen fühlen, keine Anlaufstellen finden.

Emely Sporrer: Genau, das ist ein großes Problem, dass Personen, die sich betroffen fühlen, beziehungsweise, die sich in ihrer Welt als dämonisch belastet empfinden, keine Anlaufstellen finden. Wie zum Beispiel im katholischen Kontext: Dort weiß ich erstmal gar nicht, an wen ich mich wenden kann. Man findet bei den verschiedenen Bistümern keine Namen zu öffentlich agierenden Exorzisten, die man um Hilfe bitten könnte. Und dann sucht man als Betroffener eben im Internet, zum Beispiel über TikTok oder Instagram, und stößt dort auf diverse Angebote. Hier besteht allerdings die Gefahr, dass die dort angebotenen Befreiungsrituale in keinem festen kontrollierten Rahmen stattfinden, Anbieter sich ihr Vorgehen zur Dämonenaustreibung selbst angeeignet haben und diese Prozedur letztendlich auch total schiefgehen kann.

Unser Wunsch wäre es, dass offener mit dem Thema Exorzismus und vermeintlich dämonischer Belastung umgegangen wird. Dass Menschen, die davon berichten, nicht stigmatisiert und nicht vorverurteilt werden, sondern ein offener Diskurs stattfindet. Deshalb haben wir auch diesen Film gemacht, um das Thema aus dem Untergrund zu holen, auf diese Thematik aufmerksam zu machen und vielleicht führt das ja dazu, dass es in Zukunft mehr auffindbare, geeignete Ansprechpartner für Hilfesuchende gibt.

Zoe Luginsland: Und wie würdest du Antworten, wenn jemand sagt: ‚Dass es überhaupt dieses Angebot gibt, sorgt schon dafür, dass die Leute bestärkt werden in so einem Dämonen-Glaube. Wenn man jetzt sagen würde, das wäre alles komplett verboten, dann würden die Menschen vielleicht auch diesen Glauben hintersichlassen.‘ Wie denkst du über so eine Idee?

Emely Sporrer: Das ist schwierig einzuschätzen. Ich gehe nicht davon aus, dass nur, weil das Angebot nicht mehr existiert, dann auch keine Nachfrage mehr herrschen würde. Das kann ich mir nicht vorstellen, denn der Glaube an Gut und Böse, an Gott und den Teufel, der ist seit Jahrhunderten in den Menschen verankert. Und auch den Glauben an Besessenheit gibt es schon lange.

Wir leben zwar gerade so rational wie nie, doch trotzdem halten einige Menschen an einem dichotomen Weltbild fest.

Wir leben zwar gerade so rational wie nie, doch trotzdem halten einige Menschen an einem dichotomen Weltbild fest. Deshalb gehe ich davon aus, auch wenn man Exorzismus offiziell verbieten würde, dass es dann noch immer Menschen gäbe, die sich dämonisch beeinflusst oder besessen fühle, ein Befreiungsritual in Anspruch nehmen möchten und vielleicht als Konsequenz ins Ausland für solche Angebote fahren würden.

Zoe Luginsland: Ja, oder jemand wie Nature23 würde sowas sicherlich auch im Untergrund machen. Also ich könnte mir vorstellen, dass man solche Angebote dadurch eigentlich auch eher stärkt als schwächt. Mit solchen Ansätzen trifft man häufig, glaube ich, die moderateren Varianten.

Emely Sporrer: Genau, ich bin auch der Meinung, dass dieses Thema nicht tabuisiert werden sollte. Dadurch könnte man auch Untergrundangeboten den Wind aus den Segeln nehmen. Vor allem: Der Exorzismus ist noch Teil der katholischen Lehre und klar darin verankert. Einerseits gibt es also die Lehre, andererseits wird seitens der katholischen Kirche in Deutschland kaum bis gar nicht über Exorzismus gesprochen und Betroffene fühlen sich mit ihren geistlichen Nöten alleine gelassen.

Zoe Luginsland: Vielleicht noch eine Frage. Es gibt ja so Exorzismen, die teilweise so einen Übergang auch darstellen zu Konversionsbehandlung. Also zum Beispiel im Befreiungsgebet Sozo, das von der Bethel-Church entwickelt wurde und in Deutschland von dem Verein Bethel-Sozo vertreten wird.

Da stellt man sich dann immer vor, man habe so vier Türen im Kopf und eine Tür führt jeweils zu einer Sünde, eine zu Okkultismus und eine zum Beispiel auch zu den sexuellen Sünden. Und teilweise wird dann dort auch so was wie Pornografie, Homosexualität und so weiter als sexuelle Sünde behandelt. In Deutschland schreiben sie das natürlich nicht auf die Website, weil das dann unter das Werbeverbot für Konversionsbehandlungen fallen würde. Inwieweit kann man da auch einen Schutz von Menschen gewährleisten, vor solchen Ansätzen, die wirklich problematisch sind?

Emely Sporrer: Das kann ich schlecht beantworten, damit habe ich mich zu wenig befasst. Wir haben uns in der Recherche zu unserer Doku hauptsächliche auf Befreiungsdienste und auf diese Thematiken spezialisiert und haben jetzt nicht grundsätzlich über Glaubensüberstülpungen o.Ä. recherchiert. Also ich bin da zu wenig informiert, als dass ich mich dazu äußern könnte.

Es ist von außen immer einfach zu sagen: ‚Das gibt es alles nicht und das ist alles Schwachsinn‚, aber viel spannender ist doch: Warum glauben Menschen heutzutage noch daran, dass sie von Dämonen beeinflusst werden können?

Zoe Luginsland: Magst du noch irgendwas Abschließendes loswerden?

Emely Sporrer: Es freut mich sehr, dass euch der Film so gut gefallen hat. Uns war es wichtig, jedem Protagonisten mit Respekt zu begegnen, jedem zuzuhören und das ganze Thema multiperspektivisch darzustellen. Es ist von außen immer einfach zu sagen: „Das gibt es alles nicht und das ist alles Schwachsinn“, aber viel spannender ist doch: Warum glauben Menschen heutzutage noch daran, dass sie von Dämonen beeinflusst werden können? Warum gibt es heute noch Exorzismen? Haben Teufelsaustreibungen eine Daseinsberechtigung oder nicht? Und der Film sollte eine beobachtende Einordnung geben, die Thematik rund um Exorzismen aufzeigen und sowohl mit positiven als auch mit kritischen Stimmen beleuchten.

Zoe Luginsland: Das ist finde ich auch ganz gut gelungen. Also das Spektrum ist ganz gut sichtbar geworden.

Emely Sporrer: Das freut mich sehr.

Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit

Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit

An dieser Stelle veröffentlichen wir unsere Handreichung zur Sensibilisierung gegenüber christlich-fundamentalistischen Aktivitäten in der Sozialen Arbeit. In der durch die Freie und Hansestadt Hamburg geförderten Broschüre werden Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke des christlichen Fundamentalismus in Deutschland analysiert.

Die Broschüre umfasst die folgenden Abschnitte:

  • Begriffsdefinition Christlicher Fundamentalismus
  • Spannungsfelder mit der professionellen Sozialen Arbeit
  • Vorgehensweisen christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen
  • Beispiele christlich-fundamentalistischer Projekte
  • Recherchetipps für die Praxis

Im Anhang werden zudem Anlauf- und Beratungsstellen sowie Hilfsangebote aufgeführt. Die Broschüre kann hier frei heruntergeladen werden.

Hier kann die zur Veröffentlichung der Broschüre am 22.07.2025 herausgegebene Pressemitteilung aberufen werden.

Weiterlesen:

Das heterogene Spektrum des christlichen Fundamentalismus umfasst ein weitverzweigtes Netz unterschiedlicher Gemeinschaften, Gemeinden und Gruppierungen bis hin zu NGOs mit dezidiert christlicher Ausrichtung. Gleichwohl ist die Problematik des christlichen Fundamentalismus in der Radikalisierungs- und Extremismusforschung sowie in der zivilgesellschaftlichen und medialen Debatte bislang unterrepräsentiert.

Zeitgleich dringen christlich-fundamentalistische Akteurskonstellationen mehr und mehr (auch) auf Gebiete der Sozialen Arbeit und in Wohlfahrtsverbände vor. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen religiöser Zielsetzung und den Bedürfnissen von Klient*innen. Zunehmend verwischt die Grenze zwischen ergebnisoffener, klient*innenzentrierter Sozialer Arbeit und Mission, Glaube und „Rettung“. In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft entstehen dadurch Konflikte über Fragen reproduktiver, sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit und Minderheitenschutz.

Vor diesem Hintergrund zeigt die vorliegende Broschüre anhand mehrerer Beispiele – vorwiegend, aber nicht nur aus dem Raum Hamburg und Schleswig-Holstein – typische Strategien christlich-fundamentalistischer Gruppierungen auf. Sie benennt Handlungsfelder, Binnenthemen und Vorgehensweisen.

Auch wenn die Beispiele regional gewählt wurden, müssen sie im Kontext globaler christlich-fundamentalistischer Aktivitäten verstanden werden, deren regionale Ableger im diskursiven Austausch mit den übrigen Akteur*innen stehen und die, etwa durch Missionsprojekte, auch einen personellen Austausch organisieren.

Die Broschüre ist ein Appell für mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen.

Wir hoffen, mit dieser Broschüre eine Ressource für politische, zivilgesellschaftliche und behördliche Verantwortliche und Interessierte vorzulegen sowie einen – in unseren Augen überfälligen – Debattenbeitrag in der Auseinandersetzung mit erstarkendem christlichen Fundamentalismus.

In Kürze werden wir hier auch noch einen Termin zur Online-Vorstellung der Broschüre mitteilen. Weitere Infos folgen!

Gerne stellen wir unsere Rechercheergebnisse auch im Rahmen individueller Vorträge, Workshops o.ä. vor. Basierend auf unseren eigenen Rechercheerfahrungen geben wir dabei gerne auch Recherchetipps für die Praxis, die das Erkennen problematischer christlich-fundamentalistischer Ausrichtungen von Akteur*innen erleichtern sollen. Anfragen hierzu sowie Konditionen im Einzelfall können ebenfalls an vorgenannte E-Mailadresse gerichtet werden.

Christliche Fundamentalist*innen in der Sozialen Arbeit

Recherche zum Verein Mission Freedom e.V., dessen Gesellschaft Himmelsstürmer Deutschland gGmbH und deren Einrichtung „SeeNest“ für sexuell missbrauchte Minderjährige 

Ein Beitrag von Matthias Pöhl

An dieser Stelle veröffentlichen wir eine von mir bereits vor dem Start von FundiWatch verfasste Recherche zur christlich-fundamentalistischen und missionarischen Ausrichtung des Vereins Mission Freedom e.V. Denn leider ist das Thema immer noch sehr aktuell, der Verein immer noch aktiv.

Und außerdem hat die Recherche auch einiges mit dem Entstehen von FundiWatch – und meinem persönlichen Weg dorthin – zu tun…


Mehr zum Thema „Christlichem Fundamentalismus & Soziale Arbeit“ auch in unserer von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderten Broschüre hier.


Zu aktuellen Inobhutnahmen aller Kinder aus dem „Haus SeeNest“ vgl. unseren Bericht vom 26.04.2026 hier!


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Rückblick

Die Recherche zu Mission Freedom habe ich bereits 2023 verfasst. Damals hätte ich mir nie vorstellen können, was das alles auslösen würde. Wie viele neue wunderbare und engagierte Menschen ich darüber kennen lernen würde, dass ich darüber auf die christlich-fundamentalistische Glaubenskonferenz „UNUM24“ in der Münchener Olympiahalle aufmerksam werden würde (Mission Freedom hatte dort einen Stand), dass ich daraufhin mit einigen Mitstreiter*innen das Protestbündnis #NoUNUM24 initiieren würde. Und dass einige von diesen neu kennengelernten Menschen nun Ende vergangenen Jahres mit mir gemeinsam FundiWatch starten werden…

Als ich von all dem noch nichts ahnte, erfuhr ich im Sommer 2023 von Diskussionen in der Profession der Sozialen Arbeit. Diese befassten sich mit der Frage, wie sich die Soziale Arbeit zu religiösen und spirituellen Bedürfnissen ihrer Klient*innen verhalten und damit umgehen sollte. Dabei ging es auch darum, ob bzw. wie Religion bzw. der „christliche Glaube“ für Klient*innen – gerade solche, die aus religiösen Kontexten stammen – als hilfreiche Ressource genutzt werden könne.

Ich war skeptisch. Natürlich mag Religion und Spiritualität für manche Menschen eine wichtige Ressource darstellen. Für andere aber auch nicht. Und vor allem: Leider werden insbesondere Lebenskrisen nicht selten ausgenutzt, um Menschen eigene religiöse Vorstellungen (teils sehr subtil) aufzudrängen.

Ich halte es nach wie vor für wichtig, dass professionell Sozialarbeitende religiöse Hintergründe ihrer Klient*innen verstehen und nachvollziehen ggf. auch vermitteln können. Bereits die vom DBSH veröffentlichte Berufsethik würde jedoch einer Vermischung von Missionierung und Sozialer Arbeit ebenso entgegenstehen, wie die Anwendung unwissenschaftlicher Methoden, wie beispielsweise die Vermittlung eines Glaubens an „Dämonen“, Befreiungsgebete, Wunderheilungen etc.

Was steckte also dahinter? Von wem ging diese Diskussion aus? Sollte es etwa doch um Missionierung gehen?

Christliche Fundamentalist*innen in der Sozialen Arbeit? Der Netzwerkverein „Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V.“ und „Mission Freedom e.V.“

Also stieg ich in die Thematik ein und schaute mich um, welche Gruppen diese Diskussion (jedenfalls teilweise) mit angestoßen hatten. Schnell stieß ich auf diverse Organisationen, die sich als Hilfen zum „Ausstieg aus der Prostitution“ (die Selbstbezeichnung „Sexarbeit“ wird von diesen explizit abgelehnt) für eine „Welt ohne Prostitution“ engagieren. An ersterem fand ich zunächst nichts Verwerfliches: Wer nicht (mehr) in der Sexarbeit tätig sein möchte, sollte Unterstützung finden.

Skeptisch wurde ich, als ich feststellte, dass viele dieser Organisationen sich für ihr Engagement explizit auf ihren christlichen Glauben berufen. Und dieser offenbar in ihrer Arbeit eine zentrale Rolle spielt, auch wenn dies auf deren Internetseiten teils nicht auf den ersten Blick erkennbar war.

Viele dieser Organisationen sind in dem nahezu ausschließlich christlich-evangelikal ausgerichteten Netzwerkverein „Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V.“ (GGMH) verbunden. Darunter auch der Verein „Mission Freedom e.V.“ aus Hamburg, dessen Vorsitzende Gaby Wentland auch im Vorstand von GGMH vertreten ist. Ich wurde hellhörig.

Hamburger Landeskriminalamt 2013: Mission Freedom „nicht seriös“

Denn bereits 2013 stand Mission Freedom unter massiver öffentlicher Kritik, u.a. auch wegen öffentlichen Äußerungen von Gaby Wentland (vorehelichen Geschlechtsverkehr bezeichnete sie als „die erste große Sünde vor Gott“, Homosexualität als „Greuelsünde“).

Das Hamburger LKA beurteilte den Verein als „nicht seriös“. Der Hamburger Senat und dortige Opferschutzverbände bewerteten das Konzept von Mission Freedom als nicht den fachlichen Qualitätsanforderungen entsprechend und lehnten jede Zusammenarbeit ab. Kritisch wurde insbesondere die „spezifisch religiöse Ausrichtung im Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs gesehen („Heilung vom sexuellen Missbrauch“ […])“ gesehen.

Selbst die Diakonie Hamburg, bei der Mission Freedom – bis heute – Mitglied ist, hegte „starke Zweifel“, ob Mission Freedom im geforderten Maß zwischen Sozialarbeit auf der Basis des christlichen Glaubens und dem eigenen Missionierungsauftrag unterscheiden könne.

Die „großen Pläne Gottes“

Und dann fiel mir eine Nachricht auf dem Facebook-Profil der Vorsitzenden von Mission Freedom, Gaby Wentland, auf:

„Im Allgäu hat Gott große Pläne vor 23!“

Bitte was?! Ich schaute weiter und stellte fest, dass Mission Freedom im bayerischen Allgäu eine vollstationäre Schutzeinrichtung für sexuell missbrauchte Minderjährige plante.

Ein Verein, den ein LKA für unseriös hält, von dem sich Opferschutzverbände distanzieren, dessen Vorsitzende mit menschenfeindlichen Äußerungen auffällt und der sexuellen Missbrauch „heilen“ will soll sich um sexuell missbrauchte Minderjährige kümmern?! In der Einrichtung eines solchen Vereins soll das „Kindeswohl“ gewährleistet sein? Denn genau das wäre die gesetzliche Voraussetzung für die Erteilung einer Betriebserlaubnis für so eine Einrichtung (vgl. § 45 SGB VIII).

Ich suchte also nach weiteren, v.a. neueren Erkenntnissen über Mission Freedom. Unter anderem in zahlreichen online abrufbaren Predigten und Vorträgen von Wentland wurde ich fündig – und war alarmiert. Ich trug also alles zusammen und letztlich entstand daraus die nun hier veröffentlichte Recherche. Wir haben diese bewusst auf dem damaligen Stand vom 15.11.2023 mit Aktualisierungen bis zum 15.04.2024 belassen.

Die weiteren Entwicklungen seither daher noch einmal im Folgenden kurz zusammengefasst:

Was seither geschah

Mit der Recherche wendete ich mich ab Herbst 2023 an diverse weltanschauungsbeauftragte Stellen, Verbände, Behörden, Politiker*innen und Medien. Die Recherche bekam „Beine“ und verbreitete sich erstaunlich schnell.

Das bekam ich auch zu spüren, als ich zu Recherchezwecken im Frühjahr 2024 auf der u.a. von GGMH und Mission Freedom alle zwei Jahre im „Schönblick“ veranstalteten „Konferenz gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ teilnahm (ja, genau an dem Ort, an dem derzeit deutsche radikale Abtreibungsgegner*innen ihren Vernetzungskongress abhalten). Gaby Wentland und Inga Gerckens (die heutige Geschäftsführerin der Einrichtung im Allgäu) erkannten mich und stellten mich recht verärgert zur Rede.

Immerhin, rausgeworfen haben sie mich nicht. Ich durfte noch zwei weitere erkenntnisreiche Tage auf der Konferenz mit zahlreichen skurrilen Erlebnissen verbringen. Und an einem Vortrag zum sogenannten BethelSOZO Befreiungsgebet teilnehmen, das laut Beschreibung der internationalen Leiterin Dawna de Silva auch zur „Befreiung“ von Homosexualität eingesetzt werden kann. Ein Bild im Internet auf dem Facebook-Profil von Gaby Wentland zeigt Wentland und Gerckens, wie sie mit weiteren Mitarbeitenden von Mission Freedom ein Seminar von de Silva besuchen…

Betriebserlaubnis für das „SeeNest“, „Gottesgeschenke“ für Gaby Wentland

Die Erlaubnis für die Einrichtung von Mission Freedom, die nun seit Anfang 2024 unter der „Himmelsstürmer Deutschland gGmbH“ das „SeeNest“ betreibt, wurde trotz alledem erteilt. Um die Verbindung zu Mission Freedom zu erkennen, ohne das Handelsregister zu bemühen, muss man schon ganz genau ins Impressum sehen – dort findet man dann den Namen von Inga Gerckens. Und eine Postfachadresse, die auch von Mission Freedom genutzt wird.

Der Bedarf entsprechender Einrichtungen in Deutschland ist grundsätzlich groß. Wenn dann ein Verein daher kommt, der für die Eröffnung keine Fördermittel in Anspruch nimmt und gestützt vom  „Gütesiegel Diakonie“ als christlich auftritt, kommt das nicht ungelegen. Auch ein Jugendamt, dem ich explizit meine Recherche zusendete und Gespräche anbot, ließ sich letztlich nicht davon abbringen, Kinder in der Einrichtung unterzubringen.

Gaby Wentland selbst begrüßte die Unterbringung erster Kinder im „SeeNest“ in einem Video schließlich mit den Worten:

„Das ist so, als wenn Gott mir drei neue Babys geschenkt hat.“

Ein Bericht von Panorama3, eine Anfrage im Bayerischen Landtag, weitere Medienberichte hier und hier (PW) änderten bisher nichts: In der Einrichtung befinden sich weiterhin schwerst traumatisierte Minderjährige in Obhut eines christlich-fundamentalistischen Vereins.

In einem eigenen Artikel in der MIZ kam ich zu dem – leider für mich auch heute noch so gesehenen – bitteren Fazit:

„Das einzige, das zynischer Weise bisher für einen auch öffentlich wahrgenommenen Skandal ‚fehlt‘: Aussagewillige geschädigte Opfer.“

Ich hoffe weiterhin inständig, dass es auch anders geht. Zumal selbst solche Aussagen von Opfern in der Vergangenheit leider immer wieder folgenlos blieben.

Zum Schluss noch ein Buchtipp zum Thema: „Warum sie uns hassen“ von Ruby Rebelde

Über die Recherche zu Mission Freedom und weiterer sich für ein sog. „Sexkaufverbot“ einsetzender Organisationen habe ich einen mir völlig neuen Einblick in eine auf den ersten Blick seltsam anmutende Allianz christlich-fundamentalistischer, radikal-feministischer und rechter Akteur*innen erhalten.

Maßgeblich dazu beigetragen hat Ruby Rebelde, eine Person, die ich im Zuge meiner Recherchen kennen lernen und mit ihr und weiteren Personen FundiWatch starten durfte. Ruby ist selbst in der Sexarbeit tätig, Autor*in und in der politischen Bildungsarbeit engagiert. Ich habe zuvor – und auch bisher – keine andere Person getroffen, die sich so umfassend und professionell mit den Verbindungen christlich-fundamentalistischer Akteur*innen in Anti-Sexarbeits-Allianzen und deren ideologischen Schnittstellen und Hintergründen befasst hat.

Gerade erst ist Rubys Buch „Warum sie uns hassen“ über Sexarbeitsfeindlichkeit erschienen. Eine absolut empfehlenswerte Lektüre – sei es nun als Alternative oder Ergänzung zu der Recherche zu Mission Freedom…


P.S.: Von Mission Freedom und weiteren nahestehenden Organisationen und Gruppen werden übrigens auch krude Verschwörungserzählungen rund um das Thema „Rituelle Gewalt“ und „Mind Control“ verbreitet (zu Mission Freedom vgl. die Recherche ab Seite 19). So wundert es auch kaum, dass der aktuelle Dokumentarfilm „Blinder Fleck“ von mehreren Mitgliedsorgansiationen von GGMH mit finanziert wurde. Zu der Doku hat Nephthys Morgenstern von FundiWatch gerade einen Gastbeitrag bei belltower.news veröffentlicht, der auch auf die Rollen von Antisemitismus und Verschwörungserzählungen in diesem Zusammenhang eingeht.


„Blinder Fleck” – Ritualmordlegende im Kino

Filmplakat (Barnsteiner Film; Blinder Fleck)

In einer am 24.04.2025 im Kino angelaufenen Doku von Liz Wieskerstrauch wird die Satanic Panic wiederbelebt. Antisemitismus und Verschwörungserzählungen spielen dabei Hauptrollen.

Mitgliedsorganisationen aus dem christlich-evangelikalen Netzwerkverein „Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V.“ (GGMH) und aus dessem Umfeld haben die offenbar ausschließlich durch Fundraising finanzierte Doku laut Homepage von Liz Wieskerstrauch finanziell unterstützt (mehr zu GGMH bzw. insbesondere dessen Mitgliedsorganisation „Mission Freedom e.V.“ in unserem Beitrag hier).

Nephthys Morgenstern von FundiWatch hat zu der Doku „Blinder Fleck“ einen Gastbeitrag bei belltower.news veröffentlicht.

Edit (07.06.2026): Der Film ist auch Gegenstand eines mittlerweile wieder abrufbaren ausführlichen Artikels in der Zeit (Paywall).

(Content Note: Rituelle Gewalt, sexueller Missbrauch)


Workshop „Nächstenliebe & Lebenshilfe oder moralpolitische Beeinflussung?“

Wie religiös-fundamentalistische Bewegungen vorgehen

Am 28. und 29.10.2024 hat FundiWatch an der Netzwerktagung „Antifeminismus begegnen – Demokoratie stärken. Sichtbar und aktiv in Kommunen, Organisationen und Sozialer Arbeit“ in Dresden teilgenommen. Der vollständige Tagungsbericht kann hier aufgerufen werden.

Neben der Vorstellung unseres Projekts auf dem angebotenen „Marktplatz“ haben wir auch einen Workshop halten dürfen, in dem wir die Vorgehensweise religiös-fundamentalistischer Bewegungen beschreiben und Tipps zur Recherche über betreffende Organisationen geben konnten.

Hier veröffentlichen wir nun den Workshop-Bericht. Bei Interesse an einem Workshop- oder Seminar-Angebot von FundiWatch stehen wir für individuelle Anfragen über das Kontaktformular oder per Mail gerne zur Verfügung.

Weiterlesen

Das Recherche- und Aufklärungsprojekt FundiWatch dokumentiert christlich-fundamentalistische Aktivitäten in gesellschaftspolitischen Bereichen wie Sozialer Arbeit.

FundiWatch sammelt dazu Hinweise auf christlich-fundamentalistische Weltbilder und beobachtet Netzwerkaktivitäten und politische Praxen der Akteure. Ziel der Arbeit ist Aufklärung und Sensibilisierung über antidemokratische und extremistische Potenziale des christlichen Fundamentalismus.

Christlich-fundamentalistische Einstellungen haben sowohl Auswirkungen auf das Verständnis von „Nächstenliebe“ und „Lebenshilfe“ als auch auf etwaige Ziele einer „(moral-)politischen Einflussnahme“.

Grund hierfür ist das diesen Einstellungen zu Grunde liegende Bibelverständnis: Die Bibel wird wörtlich als unmittelbares Wort Gottes und absolute Wahrheit verstanden. Eine historisch-kritische Einordnung wird abgelehnt. Dementsprechend herrschen beispielsweise eine äußerst konservative Sexualmoral (Sex nur in der Ehe, Homosexualität und Masturbation als Sünde etc.) und ein dualistisches Weltbild im Sinne einer klaren Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ vor.

Einige christlich-fundamentalistische Einstellungen sehen die Erlösung vom Leid in der Welt erst im Jenseits, auf Nicht- bzw. Andersgläubige würden hingegen ewige Qualen in der Hölle warten. Zunehmend vertreten christliche Fundamentalisten aber auch wieder ein Verständnis, nachdem sie dazu berufen seien, Gesellschaften – auch durch politische Einflussnahme – wieder unter christliche Vorherrschaft zu bringen und biblische Werte auf Erden durchzusetzen (sog. christlicher Dominionismus).

Tabellarische Darstellung der verschiedenen Menschenbilder (humanistisches menschenbild, christlich-humanistisches Menschenbild und christlich-fundamentalistisches Menschenbild) im Verhältnis zu verschiedenen Aspekten (Menschenwürde, Sicht auf den Menschen, Sinn des Lebens, Freiheit und Verantwortung, Motivation für Nächstenliebe).

Christlich-fundamentalistische Einstellungen führen aufgrund des Verständnisses, im Besitz der „absoluten Wahrheit“ zu sein und andere „retten“ zu wollen, nicht selten zu „emotionalen Machtmissbrauch“, der in letzter Zeit zunehmend auch in christlichen Kreisen unter dem Stichwort „geistlicher Missbrauch“ diskutiert wird.

Stephanie Butenkemper beschreibt dies wie folgt:

„Geistlicher Missbrauch geschieht dann, wenn innerhalb asymmetrischer Beziehungen der Glaube, christliche Lehren und Werte benutzt werden, um die sich anvertrauende oder abhängige Person nach den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu manipulieren, auszunutzen oder zu unterdrücken.

Dieser Prozess geschieht häufig sehr subtil, schleichend und meist ohne vorsätzlich böse Absicht, da die geistliche Autorität des Täters oder der Täterin mit der ‚Stimme Gottes‘ gleichgesetzt oder als solche legitimiert wird. Auf diese Weise stülpt der Täter der betroffenen Person sein eigenes Gottesverständnis oder das einer Gruppierung über, kontrolliert sie und nimmt Einfluss auf wichtige Lebensentscheidungen sowie ihr Denken, Fühlen und Handeln.

Die Folgen können derart dramatisch sein, dass viele Betroffene sich auf lange Zeit und in allen Bereichen ihres Lebens beeinträchtigt, blockiert und beschädigt fühlen […]“[1]

Das Handlungsfeld „Rotlichtarbeit“ oder „Rettung aus der Prostitution“ bietet – nicht zuletzt aufgrund vorgenannter sexueller Moralvorstellungen – Raum für Aktivitäten christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen.

Darstellung der verschiedenen Charakteristika von Moralpolitik (Nebensache Implementierung, Laienpolitik, Maythen und Vorurteile, Richtungswechsel, emotionale Aufladung, Fantasie Regulierbarkeit, Ideologiedominanz)

Die sexarbeitsfeindliche Bewegung in Deutschland besteht aus mehreren Lagern:

1. Weißer Feminismus
2. (Ultra)- Konservative Sexarbeitsfeindlichkeit
3. „gender- und prostitutionskritische“ Sexarbeitsfeindlichkeit
4. Bauchlinke Sexarbeitsfeindlichkeit
5. Conspirituality
6. Extreme Rechte
sowie der Bereich der 7. religiös-fundamentalistischen Sexarbeitsfeindlichkeit.

1. und 7. bilden die größten Anteile bei sexarbeitsfeindlichen Mobilisierungen in Deutschland.

Schaubild zum "Lagerfeuer der Anständigen": Weisser Feminismus, Extreme Rechte, (Ultra)Konservativ, "Gender und Prostitutionskritisch", "Bauchlinke", Conspirituality, Fundamentalismus.

Die typische Vorgehensweise besteht im Stillen Ankommen in Form ehrenamtlicher, meist aufsuchende Sozialarbeit imitierender Praxen mit dem Ziel der Aufnahme ins lokale Hilfenetzwerk oder Wohlfahrtsverbände.

In mehreren Wohlfahrtsverbänden ist das bereits geglückt. Einmal aufgenommen beginnt das Agendasetting indem auf Positionierung zur Prostitution gedrungen wird. Parallel dazu wird mittels Kampagnen Druck auf deutsche und europäische Politik ausgeübt um eine Verschärfung der Prostitutionspolitik zu erreichen.

Oft spielt die christlich-fundamentalistische Ideologie keine prominente Rolle, wird sogar durch Begriffe wie Empowerment oder Achtsamkeit kaschiert. Recherchen zeigen allerdings ihre radikale Ideologie sowie enge Verflechtungen mit ultrakonservativen Glaubensgemeinschaften antifeministischer Ausrichtung.

Netzwerkschaubuld zu Anti-Sexarbeitsallianzen in Deutschland: "Gender- und Protitutionskritische Akteure"

Die Themen Sexarbeit und Menschenhandel bieten sich für christlich-fundamentalistische Akteure an. Sexuelle Selbstbestimmung, reproduktive Rechte oder Sexualität werden oft nach Prinzipien der Moralpolitik (Amesberger) verhandelt und sind daher geeignet für antifeministische Mobilisierungen.

Das konkrete Beispiel Mission Freedom e.V. / Himmelsstürmer Deutschland gGmbH (Haus SeeNest) veranschaulicht sowohl Vorgehensweise als auch Ideologien christlich-fundamentalistischer Akteure[2].

Zur Recherche christlich-fundamentalistischer Akteur*innen lohnt es sich zunächst, ausgehend von der Selbstdarstellung bspw. auf Homepages, Satzungen etc. etwaige Hinweise auf eine christlich-religiöse Ausrichtung zu hinterfragen (z.B.: Was wird unter einem ‚christlichen Menschenbild‘ konkret verstanden? Warum und wie will eine sozialarbeitende Organisation ‚christliche Werte vermitteln‘? Was ist mit ‚Innerer Freiheit‘ gemeint? etc.).

Schließlich können über das Internet weitere Informationen zusammengetragen werden (z.B. über Impressum und das frei abrufbare Handelsregister zur Organisationsleitung, Trägerorganisationen etc., Verbindungen zu anderen christlich-fundamentalistischen Gruppen/Netzwerken, Äußerungen in Social Media, YouTube etc.). Nicht selten zeigen sich hier überraschend offen geäußerte radikale christlich-fundamentalistische Einstellungen, Verbindungen zu US-amerikanischen evangelikalen Organisationen und zum Teil auch ins rechtsextreme Milieu.

Christlicher Fundamentalismus wird in Deutschland bisher kaum als ernstzunehmendes Problem wahrgenommen.

Infolgedessen werden Bezüge zu einer christlichen Grundausrichtung so gut wie nie kritisch hinterfragt und problematische fundamentalistische Ausrichtungen und Ziele nicht erkannt. Bisher sind nur vereinzelt Stimmen zu hören, die auch auf das extremistische Potential christlich-fundamentalistischer Ideologien hinweisen und eingehendere Untersuchungen und Forschung fordern[3].

Die Entwicklungen nicht zuletzt in den USA, wo christliche Fundamentalist*innen bereits ganz erheblichen Einfluss auf Politik und Gesellschaft nehmen, sollten uns vor Augen führen, wie gefährlich dies ist.


[1] Butenkemper, Stephanie, Toxische Gemeinschaften: Geistlichen und emotionalen Missbrauch erkennen, verhindern und heilen, Herder, Freiburg i. Br., (zitiert nach E-Book), S. 21.

[2] Vgl. hierzu m.w.N. auch Pöhl, Die großen Pläne ‚Gottes‘… sind undurchschaubar, in: MIZ 02/2024, abrufbar unter: https://wonderl.ink/@nounum24 sowie unter https://miz-online.de/die-grossen-plaene-gottes-sind-undurchschaubar/

[3] Vgl. auch den Bericht zur CoRE-NRW Werkstatt v. 27.06.2024 „Das extremistische Potenzial des christlichen Fundamentalismus“, abrufbar unter: https://www.bicc.de/Publikationen/CoRE-NRW%20Dokumentation%20Christlicher%20Fundamentalismus.pdf

Die Präsentation zum Workshop kann hier abgerufen werden:

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